Vorwort
Dadurch, dass ich als studentische Hilfskraft in dem Sfb 186 konfrontiert werde mit der beinahe allgemein akzeptierten Verbindung Sozialstrukturanalyse und Rational Choice Theorie, möchte ich sie mit der Theorie Bourdieus vergleichen. Intuitiv betrachtete ich seine Theorie als die ‘komplettere’, obwohl den Unterschied mit der Rational Choice Theorie manchmal schwer zu erkennen war. Man findet leicht gefallen in Theorien rationalen Handelns, weil deren Annahmen einfach zu verstehen sind und die daraus folgenden Fragestellungen gut zu vereinigen sind mit einer ‘objektiven’ Forschung. Als ich mich aber näher mit dem methodischen Individualismus und Bourdieus Praxistheorie beschäftigte, wurde langsam greifbar, wo grundliegende theoretischen und methodischen Differenzen bestehen und was dies bedeuten könnte für die soziologische Forschungspraxis.
Für Bourdieu ist das Interesse der Humanwissenschaften für solche rein ökonomischen Ansätze ein Dauer-Thema. Lange war es vor allem ein wissenschaftlich-theoretisches, seit einiger Zeit ist es auch zu einem politischen Problem geworden, was sich u.a. in seinem Widerstand gegen den Neoliberalismus sichtbar macht.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort. 2
Einleitung. 4
Das Mikro-Makro-Problem in der Soziologie. 5
Die Lösung der Rational Choice. 6
Der dynamische Rational Choice Ansatz. 8
Bourdieus Lösung. 10
Kritik 1: Theorieloser Empirismus. 11
Kritik 2: Die Reduktion auf bewusster Kalküll und Gewinnmaximierung. 13
Der ökonomische Habitus: Der Kalküll ohne Kalkulator’ 15
Das ökonomische Feld und der Mythos der freien Märkten. 16
Literatur. 18
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Einleitung
‘There should be an end to the over-rationalized conception of man in modern sociology’ (Goudsblom 1996: 24).
In dieser Arbeit wird versucht zu klären wie und wo sich die Handlungstheorie von Bourdieu von der Theorie rationalen Handelns, wie die zum Beispiel von Esser und Coleman vertreten wird, unterscheidet.
In einem kurzen Aufsatz wehrt Goudsblom sich gegen den in den Sozialwissenschaften populär gewordenen Rational Choice (RC) Ansätzen. Das Problem dieser Modellen ist nicht ihre Erklärungskraft sozialer Prozessen auf dem Makroniveau, sondern die Grundannahme der subjektiven Rationalität aller Individuen, ohne der sie an Stärke verlieren. Es wird unterstellt, dass Menschen rational, sprich: nutzenmaximierend bzw. kostenminimierend Entscheidungen treffen. Damit wird stillschweigend vermittelt, dass Handeln nach dem Optimierungsprinzip ‘natürlich’ und gewollt ist. Goudsblom errinnert aber daran, dass es nach u.a. Weber vier Typen von Handeln gibt: zweck-rationales, spontanes, normen-orientiertes und traditionelles Handeln. Menschliches Verhalten ist also weitgehend komplizierter:
‘In most cases, people can be expected to act on a combination of habit, conviction, calculation and impulse- in other words, on mixed feelings and thoughts in varying dosages. (...) In the ‘rational choice’ model, habitus and habitus formation are overlooked. The field of vision is narrowed down to a quasi-objektive ‘he’ perspective- a view of how an adult individual (probably male), always intent upon his own advantage, is supposed to cope with the situations he finds himself in’ (Goudsblom 1996: 20f). Für Goudsblom ist Pierre Bourdieu (neben Norbert Elias) einer der wenigen Soziologen, der sich immer wieder gegen den ‘Verlockungen’ des homo rationalis wehren. Um welche Verlockungen geht es hier möglicherweise? Goudsblom vermutet, dass der Ansatz intellektuell atraktiv ist und ein hohes Maß an wissenschaftlichen Prestige versprechen, weil die Grundannahmen verführerisch simpel und die mathematischen Modelllösungen äusserst komplex sind. Wie beeinflußt das gesellschaftlich akzeptierte Bild des homo oeconomicus unsere Sozialpolitik? Bourdieu sieht in dem szientistischen Rationalismus der mathematischen Modelle von (u. a.) den Theorien rationalen Handelns einen Machtmissbrauch im Namen der wissenschaftlichen Vernunft (Bourdieu 1998a: 29). Sie weisen hin auf ein Machtgefüge, dessen Überlebenschance im Prinzip besteht im Fortbestehen sozialer Ungleichheit weltweit und auf allen Fronten. Die vermeintlich objektive wissenschaftliche Bestätigung einer allgemeingültige, egozentrischen menschlichen Natur, mit der soziale Ungleichheit als ein logisches Produkt menschliches Handelns erklärt wird, ist Fütter für Neoliberalen und ökonomische Machthaber. Vor allem die politische Instrumentalisierung dieses Menschenbildes fordert Bourdieu immer wieder zu Gegenfeuer auf.
‘ (...), social action has nothing to do with rational choice, except perhaps in very specific crisis situations when the routines of everyday life and the praktikal feel of habitus cease to operate’ (Bourdieu 1988: 783).
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Eine subjektivistische Soziologie wie die Sozialphänomologie (u.a. Schütz) schöpft ihr Erkenntnis aus den Primärerfahrungen des einzelnen Menschen. Es gibt keine allgemeine ‘Makrostruktur’, die das menschliche Handeln determiniert, sondern lediglich Subjekten, die sich gegenseitig wahrnehmen und beeinflüssen. Eine objektivistische Soziologie wie der Strukturalismus (u.a. Lévi-Straus) interessiert sich nicht für die Sinnszuschreibungen von Individuen. Die Sozialstruktur wird nachgezeichnet Aufgrund wissenschaftlicher, sprich: objektiver Methoden und Techniken. Die menschliche Praxis wird als abhängiger Prozess betrachtet.
So entstanden in der Soziologie theoretische und methodologische Gegensatzpaaren wie Mikro- vs. Makrosoziologie, Individuum vs. Gesellschaft, Lebenswelt vs. System und normatives vs. Interpretatives Paradigma. Für Bourdieu sind diese Widersprüche künstlich und schlicht falsch. Er versucht sie zu überwinden.
Zunächst wird kurz auf das sogenannte Mikro-Makro-Problem eingegangen. Dannach werden vorgeschlagene Lösungen von Seite Bourdieus und RC-Theoretikern miteinander verglichen. So wird deutlich, welchen unterschiedlichen Stellenwert bzw. Position das Handeln in der Theorie der beiden ‘Kontrahenten’ hat. Dannach werden einige theoretischen und methodischen Argumente dargelegt, mit denen Bourdieu den ökonomisch gefärbten Ansätzen immer wieder zu entlarven versucht. Dafür wird zum Schluss näher eingegangen auf das ökonomische Feld, das das gesellschaftliche Leben immer mehr zu kontrollieren versucht (Neoliberalismus), aber historisch lediglich einer der möglichen’Gesetzgeber’ ist.
Das Mikro-Makro-Problem in der Soziologie
Die Soziologie untersucht die Welt des Sozialen. Diese Welt wird von sozialen Akteuren, wie Individuen, Gruppen und Institutionen, (re)produziert: sie handeln und gehen damit zwangsläufig Beziehungen/Relationen miteinander ein. SoziologInnen versuchen dieses Handeln zu rekonstruieren. Gesellschaftliche Strukturen sind einerseits subjektiv (auf Individual- bzw. Mikroebene) und andererseits objektiv (auf Gesellschafts- bzw. Makroebene) wahrnehmbar. Eigentlich haben alle soziologischen Theorien gemeinsam, dass sie in der Wechselwirkung Individuum-Gesellschaft ihre Problemstellungen finden und nach Lösungsvorschlagen suchen. Je nachdem, wie man denkt, wie diese Interdependenz funktioniert, interpretiert bzw. rekonstruiert man die soziale Welt unterschiedlich. Wie soll man die Wechselwirkungen zwischen Individuen und Gesamtgesellschaft, zwischen Handeln und System, verstehen?
Das Lexikon zur Soziologie (1994) verweist in dieser Zusammenhang auf die Kontextanalyse: ‘Das Kontextproblem entsteht dadurch, dass die Beziehungen auf der individuellen oder Mikro-Ebene von den Aggregaten der Makro-Ebene abhängig sind. (...) Theoretische Probleme liegen u.a. in der Abgrenzung von Kontexten und der Bestimmung von Einflussmechanismen’. Bourdieus Theorie sowie die RC-Ansätze versuchen das Mikro-Makro-Problem in einen einheitlichen Untersuchungsansatz zu lösen. Ebenfalls unterscheiden sie sich nicht in Bezug auf die angenommene Prägung der Individuen durch die sozialen Strukturen. Aber: in Gegensatz zu RC-Theoretiker verhalten sich Individuen für Bourdieu nicht nach allgemeingültigen theoretischen Regeln (Rationalität) oder wissenschaftlich-logischen Mechanismen (Kausalität), sondern sie handeln vernünftig, weil sie einen Praxissinn für ihren vergangenen und damit ihren zukünftigen Lebenslauf besitzen.
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Die Lösung der Rational Choice
Coleman und Fararo formulieren drei Kriterien einer zufriedenstellenden soziologischen Theorie (Coleman & Fararo 1992: ix ):
1. Sie erklärt das Verhalten sozialer Systeme und nicht das Handeln einzelner Akteure.
2. Sie beinhaltet eine Erklärung des Verhaltens der Akteure innerhalb des sozialen Systems, d.h.:
a) es wird eine Verbindung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft erstellt und das Mikro-Makro-Problem wird ‘gelöst’,
b) es wird eine psychologische Theorie oder Modell über die Quellen menschliches Verhaltens gebildet (Dieses Kriterium wird von den RC-Ansätzen am wenigsten erfüllt).
Die mentalen Gemutszuständen einzelner Menschen sind von wenig Interesse. Es wird aber angenommen, dass alle Menschen vernünftig, nach einer universellen Logik Handeln. Alle Menschen haben grundlegende Bedürfnisse wie sozialer Wertschätzung und physisches Wohlbefinden. Für ihre Erfüllung benötigen sie bestimmte Zwischengüter. Diese Güter, Dienstleistungen oder Ressourcen sind in der Lage ein erwartetes Maß an Nutzen zu produzieren. Diese Fortgang verursachen natürlich auch Kosten (Zeit, Geld, Mühe, Sanktionen). Die Abwägung zwischen verschiedenen Handlungsalternativen wird also immer von den aktuellen sowie den erwarteten zukünftigen Kosten und Nutzen einer möglichen Wahlentscheidung gelenkt. Diese Wahlentscheidung ist eine rational choice, weil immer nach den jeweiligen Preferenzen, Informationsstand, oder einfach sozialer Position optimal entschieden wird. Menschen sind immer in der Lage ihre subjektive Nutzenerwartung versuchen zu maximieren (vgl. Esser 1996: 8f).
RC-Theorien unterstellen damit keine Rationalität im Sinne, ‘alles-wissend’ oder ‘immer-bewusst’ auf der Mikroebene, sondern die rationale Perspektive macht es möglich die institutionalen Strukturen zu erfassen, die individuelles Handeln kanalisieren und mitbestimmen. Nicht im Sinne der anerkannten Ordnung zu handeln ist nicht ‘psychologisch irrational’, sondern unproduktiv für das Makrogefüge: die bestehende Struktur wehrt sich gegen Ordnungsverletzungen. Demzufolge ‘kosten’ solche Handlungen dem Individuum meistens einfach zu viel (Becker 1986: 112).
Das wichtigste Anliegen bzw. die grösste Leistung RC-Theorien ist die Lösung des Mikro-Makro-Problems (Coleman & Fararo 1992). In moderner empirischen Sozialforschung ist der homo rationalis zum Leitbild geworden, wenn es darum geht, Wirkungszusammenhänge zu formulieren in der Form erklärender Mechanismen soziales Handelns. Es werden beobachteten Makroveränderungen mit Mikroveränderungen begründet (s. Schaubild 1). Dazu gehören Brückenhypothesen (a), die Annahmen enthalten über die möglichen Verbindung zwischen dem Makrozustand zu einem bestimmten gegebenen Zeitpunkt und der konkreten individuellen Handlungssituation, eine Handlungstheorie (b), die RC-Theorie ist im Laufe der Jahren eine der wichtigsten erklärenden Ansatzen geworden, und eine Aggregationsregel (c), nach der die individuellen Handlungen zu einem veränderten Makrozustand führen (Schnell, Hill & Esser 1995:105). Angesehene empirische Sozialforschung nützt diese Methode, um soziale Veränderungen zu erklären.
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Schaubild 1: Mikro-Makro-Verbindung nach der rational choice Theorie (Hedström & Swedberg 1996: 129)
Das obere Schaubild zeigt, worum es in solche Forschung geht: Menschen gehen, je nach Interessen, Präferenzen und Handlungsmöglichkeiten, unterschiedlich um mit den bestehenden sozialen Bedingungen auf Zeitpunkt t=1. Anders gesagt: je nach der eingenommenen Position und Zeitpunkt im sozialen Raum entscheiden Menschen sich für unterschiedliche Handlungsalternativen. Mit diesen Beschränkungen gehen sie rational um: sie suchen immer nach einem möglichen Optimum. Dabei geht es nie um Handlungen von konkreten Personen in konkreten Situationen, sondern es wird immer gefragt was den typischen Akteur mit bestimmten Merkmalen, sprich: in einer typischen Situation, am ehesten geneigt ist zu tun (Hedström & Swedberg 1996: 129). Die bestehenden und die veränderten Bedingungen kann man objektiv erfassen. Ebenfalls ist es möglich das Handeln der Akteure in einer ‘bekannten’ Struktur auf verschiedenen Zeitpunkten zu erheben. So kann man empirisch feststellen, dass sich die Situation auf der Makroebene veränderte, sowie Behauptungen aufstellen, welchen typischen sozialen Mechanismus auf der Handlungsebene diese Veränderung auf der Aggregatsebene bewirkt hat. Diese unterliegenden Mechanismen beinhalten die bewusste und auch unbewusste Orientierung an sozialen Regelmässigkeiten, die das tatsächliche Handeln mit den sozialen Werten, Normen und Traditionen verbinden. In der modernen Sozialstrukturanalyse besteht einen Konsens über die Forschungsperspektive: der kanalisierende Wirkung der vor-strukturierte Lebensverlauf (Blossfeld & Müller 1996). Sie richtet sich eher auf strukrurelle Beschränkungen der individuellen Entscheidungen als auf die möglichen Intentionen der Akteure. Individuelles Wahlverhalten wird nicht ignoriert, aber strukturelle Bedingungen beeinflussen die Wahlhandlungen der Individuen sehr stark, so wird angenommen, weil sie die objektiven Wahrscheinlichkeiten determinieren, mit denen eine Person ein erstrebtes Ziel überhaupt erreichen oder gerade nicht erreichen kann (Blossfeld & Müller 1996: 386). Dieser Blick scheint zunächst sehr statisch. Sie weist hin auf die Tatsache, dass sozialhistorisch betrachtet die Gesellschaft sehr träge ist: sie verändert sich ständig aber langsam. Das, was die Sozialstruktur ausmacht, ist ein komplexes Geflecht gesellschaftlicher Prozessen, die wenig abhängen von (evt. veränderten) Einstellungen einzelner Personen oder sogar Gruppen. Der rational handelnde Mensch spürt die Realität tagtäglich und passt sich immer optimal nach seinen Möglichkeiten, Informationsstand und Wünschen an die jeweils gegebenen Strukturellen Zwänge und dessen Wandel an. Das einzelne Personen etwas bewirken können und wie sie ihr Verhalten im Nachhinein positiv oder negativ bewerten ist nicht Gegenstand der Analyse.
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Viele Handlungssituationen sind derart unbestimmt und unvorhersagbar, dass gerade darin die strukturelle Unmöglichkeit liegt überhaupt rational zu handeln. Daraus folgt die menschliche Notwendigkeit das Verhalten oftmals auf soziale Regelmässigkeiten wie Normen, sozialen Werten und Traditionen zu reduzieren. Gerade in Entscheidungssituationen die schwer beladen sind (Schwangerschaft, Bildungswahl, Partnerwahl) und deren Folgen weitreichend sein (könnten), wird zurückgegriffen auf allgemeine Verhaltensmuster oder Handlungsvorgaben (Blossfeld & Müller 1996: 394). Die genommene Entscheidung wird aber später in der Erfahrung, Beurteilung und Wiedergabe der persönlichen Biographie meistens der ‘freie’ Wille der einzelnen Person selbst angerechnet. Die Dynamik dieser theoretischen Betrachtung gesellschaftlicher Prozesse besteht in der Tatsache, dass Mikro- und Makroperspektiven erfolgreich miteinander verbindet werden können, weil sich daraus immer wieder verändernde Wechselbeziehungen zwischen Individuen und Gesellschaft ergeben. Die zeitliche, historische Ordnung der Wechselwirkungen ist empirisch nachvollziehbar damit Teil-Theorien zu rekonstrukturieren sind. Eine zeitlose Metatheorie kann nie formuliert werden. Der RC-Ansatz als solche ist eigentlich noch keine Theorie; er braucht immer eine zusätzliche historisch bedingte, praxisorientierte Forschungstheorie. Die Interdependenz paralleler sozialen Prozesse auf verschiedener Ebenen, die individuelle Einbindung und die zeitliche Ordnung von Wirkungszusammenhängen (Ursache kommt vor der Wirkung) lassen sich mathematisch z.B. modellieren mit den von Blossfeld & Rohwer (1995) beschriebenen Methoden der Ereignisananlyse 1 .
Der dynamische Rational Choice Ansatz
Innerhalb der ‘Rational Choice Gemeinde’ gibt es unterschiedliche Kräfte: manche frühe Theoretiker und/oder Empiriker konzentrieren sich auf die reine, allgemeingültige ökonomische Betrachtung des menschlichen Entscheidungsprozesses (Becker 1986), andere sind vorsichtiger und setzen die Kostenminimierung bzw. Gewinnmaximierung immer in Beziehung zu einer Zeitachse und wechselnden strukturellen Bedingungen (Blossfeld & Müller 1996; Blossfeld 2000).
Da ex-post in Prinzip immer Rationalität in menschlichem Handeln ‘erwiesen’ werden kann, darf eine logisch nachprüfbare allgemeinere Forschungs-(teil)theorie nicht fehlen: es müssen soziale Mechanismen aufgedeckt werden, die für Gruppen von Menschen galten oder gelten.
‘Es ist heute weitgehend unstrittig, dass demographische Phänomene unmittelbar oder zumindestens durch das Verhalten sozialer Akteure hervorgebracht werden’ (Blossfeld, Klijzing, Pohl & Rohwer 1996 : 41). Sie sind bedeutsam, weil die Gesellschaftsmitglieder sie kollektiv oder mindestens in grossen Gruppen hervorbringen. Die Tatsache, dass eine hundert prozentige Optimierung nie machbar ist, und Rationalität immer bounded ist, macht es gerade möglich die Restriktionen sowie die sozialen Mechanismen (habits/frames) auf zu zeichnen und Verhalten vorherzusagen. Und je komplexer die Entscheidungssituation, desto persistent sind die Verhaltensregeln (Blossfeld & Müller 1996; Blossfeld 2000). Auch wenn solche Regeln erst auf dem Aggregatsniveau ‘sichtbar’ werden bzw. messbar sind, ist die Untersuchungseinheit immer das Individuum, das in jeder Situation mindestens versucht
einer typischen Person, eine aus einer Reihe von möglichen Handlungen zu wählen. Es geht dabei meistens um Enscheidungen in Bezug auf die Familienbildung, Bildungs- und/oder Berufsverläufe.
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rational zu handeln. Das bleibt die Grundannahme jeder empirischen Studie, die sich auf der RC-Theorie stützt.
‘Für die soziologische Erklärung des sozialen Handelns sind dann die Mechanismen zu spezifizieren, durch die aus den jeweils aktuell verfügbaren Alternativen eine Handlung ausgewählt wird. Da die Individuen die letztendlich Handelnden sind, müssen sich diese Mechanismen auf die Orientierungen, Überzeugungen und Erwartungen der Individuen stützen’ (Blossfeld 2000: 8).
Auch Bourdieu ist interessiert an das Aufdecken verborgener Strukturen und Mechanismen. Und gerade Bourdieu bemüht sich Mikro- und Makrostrukturen miteinander zu verbinden und ihre Wechselwirkung zu verstehen. Auch er betont immer wieder die determinierende Kraft der sozialen Umgebung und Sozialgeschichte, aber sein Menschbild ist dabei ein völlig anderes. Mit seiner radikalen ‘Sozioanalyse’ spart er sogar seine eigene Tätigkeiten bzw. Arbeitsfeld und sichselbst nicht. Dadurch entdeckt Bourdieu ganz andere sozialen Mechanismen als lediglich rationale bzw. ökonomisch begründete.
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Bourdieus Lösung
Die Interdependenz zwischen den sozialen und den mentalen Strukturen, den objektiven Bedingungen und dem tatsächlichen Verhalten der Akteuren ist Inhalt der Analyse Bourdieus (s. Schaubild 2). Zwischen dem Mikro- und Makroniveau, zwischen dem Individum und der Gesellschaft, herrscht aber ein ontologisches Einverständnis und viel weniger kausale Wirkungszusammenhänge (s. dazu Schaubild 1).
Schaubild 2: Struktur-Praxis-Verbindung nach Bourdieu
Mit Begriffe wie Feld, Kapital und Habitus gibt Bourdieu diesen ‘vorsprachlichen’ Dialektik von opus operatum und modus operandi Form. Ein Feld ist dynamisch und statisch zugleich. Dynamisch, weil gekämpft wird um die Erhaltung bzw. die Untergrabung der Bedingungen des Feldes, statisch, weil sich die Konfiguration des Feldes relativ träge verändert. In einem Feld wird gespielt, materielles und symbolisches Kapital eingesetzt und Macht verteilt. Dafür hat jedes Feld seine eigene eigentümliche Ökonomie menschlicher Praktiken.
Die legitimierten oder anerkannten Regeln dieser Ökonomie müssen sich immer wieder bewähren in dem täglichen Spiel der Praxis. In dem Spiel wird den Habitus, die inkorporierten Denk-, Wahrnehmungs- und Aktionsschemata der Akteuren, angewendet und erneut strukturiert. Wie ein akkumuliertes Kapital fungierend und als vergessene Geschichte Geschichte erzeugend ist der Habitus wirkende Präsenz der gesamten Vergangenheit, die ihn erzeugt hat (Bourdieu 1993: 105). Der Habitus ist wie eine zweite Natur: eine Selbstverständlichkeit für die Handelnden: er steht in einem ontologischen Verhältnis mit dem jeweiligen Feld, in dem er sich macht wie er ist und in dem er ist wie er sein muss. Einerseits ist der Mensch dadurch unabhängig von den äusseren, herrschenden Bedingungen, andererseits ist diese Unabhängigkeit relativ, weil er zum Teil unbewusst handelt bzw. reagiert, aber auch weil neue Umstände eine Anpassung erforderlich machen können. Der Habitus nimmt die Zukunft vorweg, d.h. die Anfangsbedingungen stehen fest und die Handlungsmöglichkeiten sind begrenzt.
Dies könnte Bourdieus wichtigste Unterscheidung mit dem RC-Ansatz sein: der Mensch handelt nicht nach irgendeiner ‘objektiven’, sondern nach seiner eigenen Logik. Er treibt sein Leben tagtäglich voran und tut dies keineswegs immer nur zweckorientiert, auch nicht wenn er wichtige Entscheidungen treffen muss. Objektiv werden zwar Strategien beobachtet, die Praxis ist aber nicht das Ergebnis einer reinen strategischen Absicht. ‘Der
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Strategiebegriff bei Bourdieu betont also weniger ein rationales Nutzenkalkül, sondern die Tatsache, dass die Subjekte in ihren Interaktionen ‘intuitiv’ auf ein Reservoir an Verhaltensweisen zurückgriefen können, das ihnen nicht frei verfügbar ist, das aber erst durch richtige Anwendung der Akteure seine eigentliche Bestimmung, die Reproduktion der Bedingungen, unter denen die Grundmuster des Habitus erworben wurden, erfüllen kann’ (Janning 1991:104).
Die Theorie des rationalen handelns aber nennt Verhalten, fortfliessend aus dem Habitus einfach subjektive Rationalität, wie vorher schon erwähnt. Wir müssen näher auf den Handlungsbegriff von Bourdieu eingehen, um ihn endgültig von dem der Rationalisten trennen zu können.
Es mag nämlich richtig sein, davon auszugehen, dass Mikroentscheidungen manchmal, in wichtigen bzw. Krisenmomenten rational überlegt getroffen werden und dass Individuen bestimmte strukturellen Zwängen ausgesetzt sind. Die Lösung für das Problem des objektiv unvernünftiges Verhaltens ist der Begriff der subjektiven Rationalität: von Wissenschaftlern bezeichnet als subjektiv vernünftiges Verhalten. Aber ob die ökonomische Handlungstheorie die einzig wahre soziale Logik ist und alle anderen möglichen Handlungslogiken einfach in die Restriktionen ‘geschoben’ werden dürfen ist die Frage (Aretz 1997). Rückwirkend können Sozialwissenschaftler mit Hilfe statistische Methoden und Techniken immer eine bestimmte Logik entdecken oder modellieren.
Man könnte diese modellierte bounded rationality oder restriktive Rationalität vergleichen mit Bourdieus Habituskonzept und den Folgen für das alltäglichen ‘im-Spielsein’. Esser benutzt ähnliche Begriffe wie habits (Routinen) und frames (Codes), um zu erklären, wie Akteure mit ihrer beschränkten Rationaltät rational, sprich: vorsichtig, klug und ökonomisch umgehen verstehen. Routinen und Codes verhindern nämlich, dass gut eingespielte Lösungen für wiederkehrende Probleme zu rasch über Bord geworfen werden (Esser 1990: 246).
Bourdieu wurde nicht nur deswegen oft zu den Anhängern des homo rationalis gezählt. Er benutzt auch noch Begriffe wie Ökonomie der Praktiken, Einsatz, Strategie, Kapital und Interesse, aber gleichzeitig grenzt Bourdieu sich immer wieder definitiv von den ‘Rechenkünstlern’ ab. Dazu kritisiert er immer wieder den ökonomischen Reduktionismus. Zunächst einige Bedenkungen Bourdieus in Bezug auf die moderne empirische Sozialforschung, vor allem auf die, die sich handlungstheoretisch auf einen RC-Ansatz stützen. In den Naturwissenschaften werden geschlossene Experimente durchgeführt und die Untersuchungsmethoden sind schon seit langer Zeit standardiert. In den Humanwissenschaften hat man aber mit sprechenden und denkenden Objekten zu tun, deren Handlungsräume und Denkspektrums vielfältig und veränderlich sind. ‘Zwischen dem einen oder dem anderen Verfahren kann man nur problemabhängig wählen, konstrukionsabhängig’ (Bourdieu 1991: 277) Rational Choice Ansätze dagegen öffnen die Türen für Standardmethoden und den heiligen Glaube an empirischer Gewissheit.
Kritik 1: Theorieloser Empirismus
Die Organisation der wissenschaftlichen Gemeinschaft und ihre legitimierten Institutionen und Normen, die Professionalisierung und zunehmende Abhängigkeit von Geldgebern lenken die soziologische Praxis, und damit die Art und Weise wie an welche Fragestellungen herangegangen wird. Methoden und Techniken werden zu Berufsideologien und Wahrzeichen einer bestimmten Zeit oder Forschungsschule. Sämtliche Techniken werden ‘sektierisch’ abgelehnt, und kreative Ideen einzelner Personen finden nur schwer
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Unterstützung (Bourdieu 1996: 260f). Es entstehen einseitige, politisch gefärbte Probleminteressen, gerichtet auf populäre Fragestellungen, die ‘sich auszahlen’. Rational Choice Theorien sind beliebt bei den Soziologen, die quantitative Verfahren wie die Ereignisanalyse und die Regressionsanalyse benutzen, sogenannte Mehrebenanalysen, um ihre Hypothesen zu prüfen. Es werden in Deutschland Daten des statistischen Bundesamtes, der Allgemeine Bevölkerungsumfrage (ALLBUS) und von dem Sozio-Oekonomischen Panel (SOEP), Ergebnisse anderer Befragungen und sonstige Datenreihen wiederverwendet und umkodiert. Diese kostengünstige Sekundäranalyse ist sehr beliebt und eine grosse Fehlerquelle für eine reflexive Wissenschaft, wenn ‘fremde’ Objektkonstruktionen einfach, ohne Befragung des theoretischen Hintergründes, übernommen und in ein neues Theoriegebilde plaziert werden.
Bourdieu legt deswegen grossen Wert auf sozialgeschichtliche Untersuchungen von präkonstruierten Objekten, traditionell gewordene Denkmuster der Wissenschaft im Bereich Bildung, Armut, Frauen, Jugend, Beruf usw. Man sollte jedes angetragene, spontane Wissen immer radikal anzweifeln und zunächst als common sense betrachten, wenn es um Daten, Methoden, Techniken, Theorien oder Begriffe geht (Bourdieu 1996: 271ff). ‘...und dies alles deshalb, weil in der Soziologie selbst die objektivsten ‘Daten’ durch die Anwendung von Klassifikationen (Altersklassen, Einkommensgruppen usw.) gewonnen werden, in die theoretische Vorannahmen eingehen und die deshalb auch Informationen verfehlen, welche durch eine andere Konstruktion der Tatbestände erfasst worden wären’ (Bourdieu 1991: 41).
Bourdieu spricht, nach G. Bachelard, von dem ‘epistemologischen Vektor’, der immer vom rationalen zum Realen und keineswegs in den entgegengesetzten Richtung weist (Bourdieu 1991: 40). Experimente und Fragenbögen sollten immer den theoretischen Überlegungen dienen und nicht als selbständiges Verfahren einem Art Heiligenstatus bekommen. Die Möglichkeit, durch Nützung des Computers eine fast unbegrenzte Anzahl von Daten in kürzester Zeit zu sammeln, in schon präkonstruierte Grössen wie Geschlecht und sozialer Herkünft zu klassifizieren und miteinander zu vergleichen, hat die Empirie zum Teil negativ beeinflüsst.
Vor allem die technische Entwicklung der letzten zehn, fünfzehn Jahre hatt die empirische Sozialforschung für immer verändert. Das Internet und billige Hochleistungsrechner für ‘Alle’ beschleunigten den wissenschaftlichen Prozess und fragen um noch mehr Wachsamkeit. Dazu kommt noch, dass die Rechner bzw. die Programme auch fertig aussehende, richtige Antworte auf komplexe Fragen liefern, wenn Umkodierungen zum
Beispiel falsch gemacht wurden. 2
Eine theoretische Konstruktion muss die Methoden der Empirie in die dienende Rolle, zur Validierung dieser Konstruktion, zwingen und kontrollieren. Der lediglich registrierende, seine Instrumente als neutrale Technik begreifende Soziologe vergisst, dass es keine neutrale Datenerfassung gibt. Nie sollte Daten, Techniken oder Methoden vorschreiben, was und wie erforscht wird, sondern eine reflexive Wissenschaft bestimmt, welche Verfahren wie zu gebrauchen sind. Auf der Suche nach persönliche Anerkennung des Wissenschaftlers besteht die Gefahr einer ‘...Methodenmanie wie der geschäftige Drang nach den letzten Raffinessen der statistischen Verfahren, (...) oder die glühende Bewünderung für Instrumente...’ (Bourdieu 1991: 81).
man noch so konzentriert arbeitet werden kleine Fehler gemacht, die grosse Folgen haben können (Negative statt positive Vorzeichen bei Koeffizienten, überschätzte/unterschätzte Effekten). Eigentlich sollte man zu Kontrolle immer zu zweit arbeiten, etwas, was Soziologen nicht immer mögen.
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Einfach kapitulieren für das empirisch Gegebene mundet in einen Hyperempirismus, der unreflektiert spontane Angaben von ‘sprechenden Objekten’ in ‘bekannte’ Klassifikationen zwingt und auf das Recht und die Pflicht der theoretischen Konstruktion zugunsten der Spontansoziologie verzichtet (Bourdieu 1991: 43). Durchspeckt von mathematischen Formalisierungen wird den Anschein von Strenge und Neutralität verliehen (Bourdieu 1998c: 168). Wenn ForscherInnen die Logik der komplexen sozialen Wirklichkeit durch blinden Empirismus und ohne Theorie vereinfachen in mathematischen Modellen, dann kann es sein, dass die wissenschaftliche Logik die reale Logik zerstört, statt sie zu erklären.
Bourdieu sieht in RC-Erklärungen die Einseitigkeit des ‘Ökonomismus’ bestätigt, der alle Kapitalformen für letztlich auf ökonomisches Kapital reduzierbar hält und deshalb die spezifische Wirksamkeit der anderen Kapitalarten (soziales, kulturelles, aber vor allem: der Wert des Symbolischen) ignoriert (Bourdieu 1983: 196).
Kritik 2: Die Reduktion auf bewusster Kalküll und Gewinnmaximierung
Die praktische Logik folgt keineswegs nur ökomomische Gesetze. Menschen handeln, strukturieren, und sie tun dies nicht aus einer bewussten, zeitlich geordneten Plannung heraus, sondern sie befinden sich in schon eingerichteten Räumlichkeiten, deren Innenarchitekten bzw. Entstehungsgeschichte sie nicht kennen. Trotzdem handeln sie nach den Regeln, die aus der Vergangenheit entstanden sind. Sie leben dadurch eine Praxis, die sie Dinge machen lässt, die sie selbst überhaupt nicht verstehen. Sie verfolgen Ziele, die sie sichselbst nie gesetzt haben. Sie wenden Thesen an, die als solche gar nicht aufgestellt werden. (Bourdieu 1998b: 144ff).
Das soziale Spiel kann nicht immer wieder neu erfunden werden. Akteure stehen in einem ‘Glaubensverhältnis’ zu den vielleicht theoretisch möglichen Abläufen des Spiels und sind ganz bei der Sache wenn sie an der Reihe sind. Sie geben die vergessene Geschichte und Ursprünge des Spiels in ihren Handlungen Sinn und gestalten dadurch seine zukünftigen Regeln.
Menschen die das Spiel am feinsten beherrschen, es am reinsten im Blut haben, besitzen die inkorporierte Fähigkeit in entscheidenden Momenten zu antizipieren. Diese perfekte Einstellung auf das Gegebene leistet der Habitus, die inkorporierten Denk-, Wahrnehmungs- und Aktionsschemata der Akteuren, das strukturierte Körper: ‘Und wenn sich die inkorporierten Strukturen und die objektiven Strukturen in Übereinstimmung befinden, wenn die Wahrnehmung gemäss den Strukturen des Wahrgenommenen konstruiert ist, scheint alles selbstverständlich, geht alles wie von selbst. Dies ist die doxische Erfahrung, in der man der Welt einen Glauben schenkt, der tiefer ist als aller Glaube (im gewöhnlichen Sinne), weil er nicht als Glaube gedacht wird’ (Bourdieu 1998b: 146). Spieler sind gerade am erfolgreichsten, wenn sie interessenfrei handeln und spontan, fast natürlich, das Richtige tun. In RC-Ansätzen wird einfach von Gewinnmaximierung oder Kostenminimierung ausgegangen, wenn Ziele, Strategien oder Interessen der Akteure formuliert werden. Bourdieu meint aber etwas anderes mit Interesse oder ‘illusio’. Es sind die spezifischen Interessen, die zugleich Vorausetzung und Produkt eines Feldes sind. Ohne solches heimliche Wissen käme eine Person im Feld nicht zurecht. Sie würde keine Möglichkeit haben Kapital einzusetzen.
Illusio als Gegenteil der Interessenfreiheit und auch der Indifferenz bedeutet, dass eine Person involviert ist, im Spiel befangen und gefangen. Sie lässt sich vom Spiel motivieren
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und hat einen Sinn für die Dinge, die ihr dabei wichtig und erstrebenswert sind (Bourdieu 1996:148).
Mit dem Begriff des ökonomischen Habitus wird schliesslich versucht, Bourdieus Gegenfeuer erneut handlungstheoretisch weiter zu untermauern um ‘seine’ multidimensionale Ökonomie der Praxis von der Sammlung einzelner eindimensionalen Märkten zu unterscheiden.
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Der ökonomische Habitus: ‘Der Kalküll ohne Kalkulator’ Innerhalb Gesellschaften gibt es verschiedene sozialen Räume, in denen Kräfte unterschiedlicher Grösse und Richtung wirken. Deskription von objektiven Bedingungen der Handlungssysteme, veränderend über die Zeit ist sinnvoll. Die soziale Kraftspiele versuchen zu lokalisieren und in dynamische Modellen zu erfassen scheint ebenfalls wichtig zu sein. Dabei ist immer wieder die Frage, weshalb manche Individuen in der Interaktion mit sozialen Räumen dies und andere gerade jenes machen. Hier trennen sich die Wegen zwischen Bourdieu und den RC-Theoretiker.
Der homo oeconomicus zwingt die sozialen Akteure eine Verhaltensweise auf, die er lediglich noch wissenschaftlich bestätigen möchte und wird, weil er seine eigenen Vorstellungen über menschliches Verhalten in die Köpfe der Untersuchungsobjekte hinein projiziert. In jeder Situation handeln Menschen kostenminimierend oder gewinnmaximierend und ‘dieser Modus allgemeingültigen Erklärens durch ein selbst allgemeingültiges Erklärensprinzip (die individuellen Präferenzen sind exogen, geordnet und stabil, demnach ohne kontingentes Entstehen und Werden) kennt keine Grenzen mehr’ (Bourdieu 1998c: 196).
Der Habitus ist der zentrale Begriff, der in Bourdieus Theorie das einzig allgemeingültige im menschlichen Verhalten betont, nämlich, dass soziale Akteure nie nach allgemeingültigen Regeln handeln, sondern immer ...‘ein Produkt ihrer Stellung und ihre Stellungswechsel im sozialen raum, mithin der kollektiven und individuellen Geschichte, sind’ (Bourdieu 1998c: 197).
Der Habitus ist ein ökonomisches Aktionsprinzip, weil der praktische Sinn für die Logik einer Situation Verhaltensweisen hervorruft, die ‘schon Mal da waren’ und dementsprechend kostensparend sind. Man versucht sich aber nicht an zu passen, weil Kosten gespart werden wollen, sondern weil die Handlungssituation dies fragt. Wenn Situationen nicht radikal neu sind, zeigt der Habitus bekannte ‘Filme’, und das direkte Ergebnis ist, dass sehr ählich gespielt wird wie früher. Es wird schon weitergespielt, der Habitus wird schrittweise weiterentwickelt und modifiziert. Dazu wird er aber versuchen seine bestimmte Sammlung von Praxislösungen zu bewahren, die äusserlichen Bedingungen dafür zu sichern, um sie weiter mit in die Zukunft zu nehmen. So produziert der Habitus keine intentionale oder rationale, aber wohl vernünftige Antizipationen. Die Orchestrierung der verschiedenen Habitus sorgt in der Praxis dafür, dass Menschen ihr Handeln auf einander abstimmen. Nicht, weil sie glauben, dass jeder sie immer Täuschen oder Benachteiligen möchte, sondern weil sie die Dauerhaftigkeit früheren Handelns (der Habitus) erfahrungsgemäss vertrauen (Bourdieu 1998c: 202).
Wichtig für vernünftige Antizipationen ist die wechselseitige Konvertierbarkeit der verschiedenen Kapitalsorten (ökonomisches, kulturelles und soziales) 3 . Soziale Strategien oder Investitionen sind darauf ausgerichtet bei der Kapitalreproduktion möglichst wenig Kosten zu machen. Je schneller und natürlicher jemand austauschen kann, desto mehr sozialer Sinn ergibt sein Kapital und desto hoch ist die symbolische Bedeutung des gesamten Kapitals. Der Wert des Kapitals und damit die soziale Macht hängt nicht nur ab von den Goldpreis und das Goldbesitz, sondern vielmehr von dem symbolischen Wert aller möglichen, aktuell in Frage kommenden Kapitalsorten, deren Austauschbarkeit und Wert in der täglichen Praxis immer wieder neu definiert wird. Alle Kapitalsorten können erworben werden mit Hilfe von ökonomischem Kapital, aber nur um den Preis, der die notwendige Transformationsarbeit (Beziehungen, Verpflichtungen) einfordert. Deswegen sind die
hier nicht weiter eingegangen.
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‘weiche’ Kapitalarten nie ganz und nur aufs reine Geld, Strategien und Investitionen nicht lediglich auf bewusster Kalküll oder Intention zurückzuführen. Statt die leitende Ökonomie (Ökonomismus) oder keine Ökonomie ( Strukturalismus, Ethnomethodologie) ensteht somit vielmehr ein Verständnis für eine allgemeine wissenschaft von der Ökonomie der Praxis (Bourdieu 1983: 195f).
Es war hauptsächlich Gary S. Becker, der sich als Ökonom in der Soziologie einen Namen gemacht hat und Vielen überzeugen konnte und kann. Seine Humankapitaltheorie stellt lediglich die monetaire Verwertbarkeit institutioneller Bildung in Frage und ignoriert andere Formen von Kapital (Bourdieu 1983: 185). Der Markt als allgemeingültiges Erklärungsprinzip individuelles Handelns verdrängt die Tatsache, dass ‘die grundlegendesten ökonomischen Dispositionen, Bedürfnisse, Präferenzen, Neigungen...nicht exogen..., sondern endogen und abhängig von einer Geschichte [sind], nämlich von jener des ökonomischen Kosmos, worin sie gefordert sind und belohnt werden’ (Bourdieu 1998c: 173). Damit wird die Vernunft gleichgesetzt mit der Anpassung an die ökonomischen Regeln und Rationalität stillschweigend zum Naturgesetz gemacht. Die soziologische Theorie wird dauerhaft von ökonomischem Gedankengut besetzt, stillschweigend oder ausdrücklich, und von anderen Werten gereinigt. Dauerhaft, weil das ganze wissenschaftliche Feld sich zu der ökonomische Orthodoxie bekennt und ihr schrittweise in den wissenschaftlichen Habitus inkorporiert hat. Manche sprechen hier vom ökonomischen Imperialismus (Aretz 1997).
Das ökonomische Feld und der Mythos der freien Märkten
Die westlichen Gesellschaften haben sich immer weiter differenziert. Ökonomische Regeln haben sich dabei in alle sozialen Bereichen hineingedrängt. Das Motto ‘Geschäft ist Geschäft’ wird weltweit für richtig verkauft und manche sehen darin eine neue Art von westlichen Imperialismus, der keine Sklaven mehr verschleppt und verkauft, sondern die Menschen lehrt, sichselbst zu verkaufen (Nederveen Pieterse 1994). In dem sogenannten Neoliberalismus gibt es legitimierte Kräfte, die den homo oeconomicus durch und durch inkorporiert haben und nicht in Frage stellen. Interessant ist hier Bourdieus Bemerkung über Ausbildungsstätten wie business schools: ‘Im Grunde beruht (..) [die Theorie des management] auf einer Überbewertung des Spielraums, der für bewusste Strategien gegenüber den Strukturzwängen und den Dispositionen der Führungskräfte verbleibt’ (Bourdieu 1998c: 183f). Die Utopie des Neoliberalismus wird almählich Realität, weil die Feldkräfte des Ökonomismus und des individuellen Ratios sich festigen, erhalten und schnell verbreiten können. Das ist das Problem eines einseitigen Verständnisses der Ökonomie: immer mehr wird um uns herum in Märkten verpackt und von den Regeln der Märkten beherrscht und ihre Regeln sind über die Zeit zur Dominanten geworden für alle anderen Formen des strategischen Handelns.
Innerhalb des ökonomischen Feldes gilt den nomos ‘Geschäft ist Geschäft’ und der Mensch ist da ein eindimensionales, kalkulierendes Wesen. Diese Kräfte haben die Wissenschaft ebenfalls zu einem Unternehmen gemacht. Dadurch werden die Regeln des wissenschaftlichen Feldes weitgehend vom homo oeconomicus bestimmt und getragen. Der Habitus eines modernen Soziologen ist dadurch empfänglich für die Anforderungen und bestimmten Denkmuster eines Wissenschaftlers in dieser schnelle, komplexe und marktorientierte Zeit. Es wird durch Geldgeber wie der VW-Stiftung einfach erwartet, dass Wissenschaftler marktorientiert denken, wenn es um Drittmitteln, ihre eigenen Karrieren und Forschungsthemen geht.
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Der Begriff ‘Markt’ an sich bezeichnet Bourdieu aber schon als wissenschaftlicher Mythos und historisches Kunstprodukt. Keiner weiss genau wie er funktioniert, aber alle nehmen von dem Begriff abgeleiteten Theorien in den Mund. Seit der invisible hand von Adam Smith, wird einfach angenommen, dass den Marktpreis unter Aufsicht eines neutralen Schiedsrichters gesetzt wird, und es keinerlei Feldkräfte gibt, die den Prozess beeinflussen können. Der Begriff ‘Markt’und der damit einhergehenden Glaube seines Funktionierens wird eingesetzt um die ökonomische Freiheit zur Bedingung der politischen Freiheit zu erheben (Bourdieu 1998c: 168).
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Literatur
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Blossfeld, Hans-Peter & Götz Rohwer. (1995): Techniques of Event History Modelling, Mahwah, New Jersey.
Blossfeld, Hans-Peter, & Rolf Müller, (1996): ‘Sozialstrukturanalyse, Rational Choice Theorie und die Rolle der Zeit’, Soziale Welt, 47, 4: 382-400. Blossfeld, Hans-Peter, Erik Klijzing, Katherina Pohl und Götz Rohwer. (1996): ‘Modellierung paralleler und interdependenter Prozesse in der Bevölkerungswissenschaft’, Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 21, 1: 29-56.
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Bourdieu, Pierre, (1991): Soziologie als Beruf, wissenschaftstheoretische Voraussetzungen soziologischer Erkenntnis, Berlin und New York: De Gruyter.
Bourdieu, Pierre, (1993): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
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Nederveen Pieterse, Jan, (1994): ‘Globalisation as Hybridisation’, International Sociology, 9, 2: 161-184.
Schnell, Rainer, Paul B. Hill & Elke Esser, (1995): Methoden der empirischen Sozialforschung, München: R. Oldenbourg Verlag GmbH.
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