1 INTENSION UND EINLEITUNG 2
Inhalt
1 Intension und Einleitung 3
2 Werdegang und Hintergrund von Lydia Hall 4
3 Grundlagen der Theorie 5
3.1 Theoretische Quellen 5
3.2 Forschungsarbeiten 7
4 Theoriedarstellung 7
4.1 Zielsetzung von Lydia Halls Pflegetheorie 7
4.2 Zentrale Konzepte 8
4.2.1 Weitere Annahmen und Aussagen von L. Hall 11
4.2.2 Beziehung der Konzepte zueinander. 15
5 Stellungnahme zur Pflegetheorie von Lydia Hall 15
5.1 Logik 15
5.2 Eigene Kritik 16
5.3 Praxisrelevanz 17
6 Literaturverzeichnis 18
1 INTENSION UND EINLEITUNG 3
1 INTENSION UND EINLEITUNG
Es war mir wichtig, mich mit einer relativ unbekannten Pflegetheoretikerin auseinander zu setzen. Beim Studium von entsprechender Fachliteratur stieß ich auf Lydia Hall. Sie entwickelte ihr Modell in den fünfziger Jahren, also zu einem Zeitpunkt, an dem zwar schon Veröffentlichungen von Peplau und Henderson vorlagen, Pflegetheorien jedoch noch weit davon entfernt waren, als Basis von professioneller Krankenpflege anerkannt zu werden. Chinn/Kramer 1 datieren ihre ersten wichtigen Veröffentlichungen erst in das Jahr 1969. Nach dem Studium ihrer Theorie fand i ch einige Punkte so interessant, dass ich mich entschloss, diese Pflegetheoretikerin und ihr Werk zum Thema meiner Hausarbeit zu machen. Ich denke, dass Lydia Hall und ihre Theorie mich aus mehreren Gründen besonders interessierten:
1. Sie betont sehr deutlich, die eigenständige Funktion der Krankenpflege.
2. Sie lehnte Hilfskräfte in der Pflege am Patientenbett ab.
3. Sie setzte ihre Theorie an einer von Pflegekräften geleiteten Einrichtung in die Praxis um. Ärzte arbeiten in dieser Einrichtung nur ergänzend und n icht wie so oft leitend.
4. Der Krankenhausaufenthalt der Patienten war deutlich kürzer als in anderen
Wörtliche Übernahmen aus der Sekundärliteratur sind als Zitate und mit Fußnoten gekennzeichnet, die weiteren Passagen stammen ebenfalls aus der Sekundärliteratur sind jedoch mit eigenen Worten widergegeben.
1 Chinn/Kramer in: Pflegetheorie. Konzepte-Kontext -Kritik, 1996, S.56
2 WERDEGANG UND HINTERGRUND VON LYDIA HALL 4
2 WERDEGANG UND HINTERGRUND VON LYDIA
HALL
Lydia Hall, geboren 1906, absolvierte ihre Krankenpflegeausbildung an der Krankenpflegeschule des York-Hospitals in Pennsylvania.
„Sie studierte am Teachers`s College der Columbia-University in New York und erhielt dort sowohl ihren Bachelor of Science in öffentlicher Gesundheitspflege, als auch ihren Mastergrad als Lehrerin für Krankenpflege.“ 2 „Lydia Hall war Mitglied der Fakultäten an der York Hospital Nursing School und der Fordham Hospital Nursing School und war als Beraterin für Pflegeausbildung an der Nursing Faculty der State University in New York, am Upstate Medical Center, tätig. Außerdem war sie Lehrerin am Teacher`s College der Columbia University.
Die Interessen von Lydia Hall waren die öffentliche Krankenpflege, kardiovaskuläre Pflege, pädiatrische Kardiologie und die Pflege von Langzeitkranken.
Sie ist Autorin von 21 Publikationen. Ihre meisten Artikel und Vorträge über Pflegetheorien wurden Anfang bis Mitte der 60er Jahre veröffentlicht. 1967 erhielt sie von der Columbia University den „Award for Distinguished Achievement“ in der Pflegepraxis.“ 3
„Seit den fünfziger Jahren befasste sie sich intensiv mit der Entwicklung eines Konzeptes für rehabilitative Pflege.“ 2
1958 wurde ihr die Leitung der Planungskommission zur Entwicklung einer neuen Pflegeabteilung am Montifiore-Hospital des Medical-Centers in New York angeboten. Das Ergebnis dieser Tätigkeit war die Konzeption des „Loeb-Center für Pflege und Rehabilitation, welches 1963 eröffnet wurde. Hier wurde ihre Theorie in der Pflegepraxis angewendet. Das Loeb-Center hatte großen Erfolg und schuf die empirischen Beweise zur Unterstützung der wichtigsten Konzepte in Halls Theorie. Seit der Eröffnung bis zu ihrem Tod im Februar 1969 arbeitete Hall als Verwaltungsdirektorin des Loeb-Centers.
2 Hilde Steppe in: „ Die Schwester/Der Pfleger“, 30. Jahrg. 2/91, S.134
3 Ann Marriner-Tomey et.al.in: „Pflegetheoretikerinnen und ihr Werk“,1992 S.176
3 GRUNDLAGEN DER THEORIE 5
3 GRUNDLAGEN DER THEORIE
3.1 Theoretische Quellen
Die Nachfolgerin von Lydia Hall am Loeb-Center sagte, dass Lydia Hall in ihre Überlegungen zur Pflegepraxis mehrere Theorien integriert habe und nannte Harry Stack Sullivan (Theorie des zwischenmenschlichen Verhaltens), John Dewey (Lern-und Lehrtheorie) und Hans Selye (Streßtheorie).
Lydia Hall selbst gab in Ihren Artikeln keine Quellen an, sie bezog sich aber mehrfach auf Carl Rogers, den Begründer der „Klientenzentrierten/Klientenorientierten Psychotherapie“. Carl Rogers ist ein Vertreter der humanistischen Psychologie. Humanistische Psychologen vertreten eine zweifache Intention:
• „Die Wiederentdeckung des Individuums und das Prinzip der Selbstverwirklichung
• Erlangung der Mündigkeit und Entlarvung krank machender gesellschaftlicher Bedingungen“ 4
„Lydia Hall war eine Befürworterin der Philosophie der „Klientenorientierten Therapie“ von Carl Rogers. Diese Therapiemethode führt zum Entstehen einer Beziehung von Wärme und Sicherheit, die eine sensitive Empathie mit den Gefühlen und Kommunikationen wie sie vom Klienten ausgedrückt werden, mitteilen. Hall vertrat die Ansicht, dass Patienten ihre größte Leistungsfähigkeit durch einen Lernprozess erlangen können. Diese Erkenntnis, die sie zu einer Hauptprämisse machte, leitete sie von Rogers ab. „Rogers weißt darauf hin, dass Psychotherapie erkennbares und signifikantes Lernen fördert durch:
•
Das Hinweisen und Benennen unbefriedigenden Verhaltens.
4 S.Grubitzsch et.al.in:“Psychologische Grundbegriffe“, 1998, S. 232
3 GRUNDLAGEN DER THEORIE 6
In der klientenzentrierten Therapie kommt es zu Veränderungen, wenn:
1. Der Mensch sich selbst und seine Gefühle stärker akzeptiert.
2. Er selbstbewußter und selbstbestimmter wird.
3. Er Fehlanpassungsverhalten, selbst wenn es chronisch ist, ändert.
4. Er offener gegenüber dem Geschehen in sich und außerhalb seiner Person wird.“ 3
Es kann belegt werden, dass das Ergebnis dieser Behandlung, der Abbau physiologischer und psychologischer Spannungen, als Veränderung bestehen bleibt.
Der wichtigste therapeutische Ansatz den Hall vertrat, stammt auch von Rogers. Es ist die Reflexion. Eine individuelle Methode, um dem Patienten zu helfen, das zu klären, zu erforschen und zu bewerten, was er sagt. Es ist dann die Aufgabe des Therapeuten das klar und deutlich auszusprechen, was der Patient, für ihn selbst unklar und nicht deutlich fassbar, empfindet und im Gespräch mitteilt. Rogers geht davon aus, dass wenn diese Interaktion von bewussten und unbewussten Gefühlen herausgearbeitet ist, es dem Patienten i n einer patientenorientierten Beziehung möglich ist, besser mit dem Leben fertig zu werden, mehr Charakteristika einer gesunden Person zu zeigen und sich weniger durch Stress frustrieren lassen würde, bzw. sich ggf. von diesem schneller zu erholen.
„Hall h at ebenfalls die Theorie von Rogers in Bezug auf die Motivation nach Veränderung übernommen.“ 3a Laut Rogers kommt die Motivation zur Veränderung „aus der Selbstverwirklichungstendenz des Lebens selbst“ und nicht vom Patienten selbst oder von dessen Therapeuten. Nach Rogers`, und seine von Hall übernommene, Theorie wird diese Tendenz im richtigen psychologischen Klima ausgelöst. Auch im zeitlichen Kontext wird deutlich, dass Hall sich an Rogers orientierte. Von ihm stammte der Hauptteil der Literatur zur individuellen, patientenorientierten Therapie der sechziger Jahre, also in dem Zeitraum als Hall ihre Pflegetheorie aufbaute.
3a Ann Marriner-Tomey et.al.in: „Pflegetheoretikerinnen und ihr Werk“,1992 S.177
4 THEORIEDARSTELLUNG 7
3.2 Forschungsarbeiten
In der mir vorliegenden Literatur wird erwähnt, dass Lydia Hall sehr viel aus den Psychiatrie-und Psychologieschulen zur Aufstellung der Theorien über
Krankenschwester-Patienten-Beziehung abgeleitet hat, jedoch sind mir keinerlei Forschungsarbeiten zur Erstellung ihrer Theorie bekannt. Empirische Erhebungen zur Untermauerung ihrer Theorie und deren Umsetzung in d er Pflegepraxis wurden erst nach Aufbau des Loeb-Centers durchgeführt.
4 THEORIEDARSTELLUNG
4.1 Zielsetzung von Lydia Halls Pflegetheorie
„Laut C. Henderson ist Halls primäres Ziel in der Pflegetheorie der erwachsene Patient, der die akute (kritische) Phase seiner Krankheit überwunden und eine relativ gute Rehabilitationsphase hat“ 3b . Drei wichtige Grundsätze ihrer Pflegetheorie
3b Ann Marriner-Tomey et.al.in: „Pflegetheoretikerinnen und ihr Werk“,1992 S.185
3c Ann Marriner-Tomey et.al.in: „Pflegetheoretikerinnen und ihr Werk“,1992 S.183
4 THEORIEDARSTELLUNG 8
Nach eingehender Auseinandersetzung mit der vorliegenden Sekundärliteratur scheint es für mich wichtig zu erwähnen, dass Lydia Hall vermutlich noch ein weiteres Ziel hatte, worin ihre Pflegetheorie sie maßgeblich unterstützte :
Die Etablierung einer professionellen und eigenständigen in
Kommunikationswissenschaften bewanderten Krankenpflege. Diese soll zwar in der Akutphase ärztliche Assistenz gewährleisten, jedoch in der anschließenden zweiten Krankheitsphase primär autonom handeln!
4.2 Zentrale Konzepte
Die von Lydia Hall entwickelten Pflegekreise sind die zentralen Konzepte ihrer Theorie. Sie benannte den ersten, in der nachfolgenden Graphik oben stehenden Kreis, als Person, den in der Graphik links stehenden Kreis a ls Körper und den rechts stehenden als Krankheit. Die Pflege hat in allen drei Bereichen Aufgaben. Sie teilt sich den Bereich Person z.B. mit Psychologen, Sozialarbeitern und Seelsorgern; den
Bereich Krankheit mit Ärzten. Der Bereich Körper betrifft jedoch nur die alleinige Zuständigkeit der Pflege, auch wenn alle Gesundheitsberufe im konkreten Umgang mit dem Patienten mit allen drei Bereichen zu tun haben
Diesen drei Anteilen werden dann jeweils professionelle Zuständigkeiten und Aufgabenbereiche zugeordnet:
2a Diese und die drei nachfolgenden Graphiken sind entnommen aus: Hilde Steppe;in „ Die Schwester/Der Pfleger“, 30. Jahrg. 2/91, S.134+136
4 THEORIEDARSTELLUNG 9
Nach Hall stehen diese Kreise in wechselseitigem Zusammenhang und haben je nach Krankheitsstadium auch eine besondere Wertigkeit, die sich als Größenunterschied in der Graphik wiederfinden soll.
Obige Graphik zeigt die in der Akutphase dominierende Krankheit und damit die Medizin. Die Pflege kommt jetzt ihren Aufgaben als medizinischer Assistenzberuf nach.
Es folgt die nicht mehr akute Phase der Krankheit, die Phase der Genesung, die Phase der Bewertung:
4 THEORIEDARSTELLUNG 10
In diesem zweiten Stadium ist die Phase des kritischen, biologischen Zeitabschnittes überwunden, und jetzt dominiert lt. Hall der Mehrbedarf an pflegerischer Betreuung. Nun kann der Patient am besten von dem profitieren, was die Krankenschwester ihm anbieten kann, nämlich die Interaktion in einem komplexen Lehr- und Lernprozess. Weitere wichtige Konzepte und Definitionen
• „Verhalten ist lt. Hall alles das, was gesagt und getan wird. Bewusste und
unbewusste Gefühle diktieren das Verhalten.
• Reflexion ist die von Rogers angewandte Kommunikationsmethode, bei der aus-
• Selbstbewusstsein ist
erreichende Zustand. Ist dieser Zustand erreicht, so ist der Patient sich seiner Gefühle bewusst und hat Kontrolle über sein Verhalten.
• Zweites Stadium der Krankheit Hall definiert das zweite Stadium der Krankheit
• Umfassende professionelle Pflege wird von Krankenschwestern
4 THEORIEDARSTELLUNG 11
4.2.1 Weitere Annahmen und Aussagen von L. Hall
Pflege
Hall verstand die Krankenpflege als eine von der Medizin unabhängige und eigenständige Disziplin. Lydia Hall hatte den Anspruch, dass Pflege nur von professionell ausgebildeten Krankenschwestern ausgeübt werden solle. Sie lehnte Hilfskräfte am Patientenbett, bzw. in der Patientenpflege ab. Die Planstellen werden mit universitär ausgebildeten Pflegekräften besetzt.
Hall lehnte eine Krankenpflege ab, die mehr und mehr ärztliche Tätigkeiten übernimmt, um als „Pseudo-Ärzte“ zu handeln. Sie sah die traditionellen Krankenhauspflegedienste als so organisiert an, dass es ihr Ziel sei Ärzten und Verwaltern bei der Arbeit zu helfen, bzw. deren Arbeit maßgeblich zu unterstützen.
„Hall sieht die Krankenpflege als eine komplexe Aufgabe, die aus wissenschaftlichen Erkenntnissen der Physik, der Biologie, der Pathologie, der Therapie und der Verhaltenswissenschaften resultiert.“ sb Sie vertrat die Meinung, dass nur professionelle Krankenpflegekräfte genügend qualifiziert sind, außer der reinen Körperpflege, den im zweiten Krankheitsstadium so wichtigen und
erforderlichen Unterricht und Rat dem Patienten zu vermitteln. Um jedoch i n der Lage zu sein mit dem Patienten eine therapeutische Interaktion einzugehen, muss die Krankenschwester in der Lage sein, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu verarbeiten. Nur so kann sie aufgrund eines realistischen Umgangs mit den eigenen Stärken und Schwächen, sowie der Akzeptanz der eigenen Person, dem Patienten Hilfestellung bei seiner Selbstverwirklichung und im Prozeß des Lernens geben. Die Krankenpflegekräfte sollen stets dem Patienten die Bereitschaft zu einem Gespräch vermitteln. Alle Krankenpflegekräfte des Loeb-Centers erhalten eine modifizierte Ausbildung in klientenzentrierter Gesprächsführung nach Carl Rogers. Somit sind die Pflegekräfte auch ausreichend qualifiziert, Patientenprobleme und deren Ursachen zu erkennen. Die Pflegekraft i st in der Lage mit dem Patienten in einem
3d Vergleiche: Ann Marriner-Tomey et.al.in: „Pflegetheoretikerinnen und ihr Werk“,1992 S.179
2b Hilde Steppe;in „ Die Schwester/Der Pfleger“, 30. Jahrg. 2/91, S.136
4 THEORIEDARSTELLUNG 12
Lehr- und Lernprozess zu interagieren, Lösungsvorschläge zu entwickeln und, wenn sie es für nötig erachtet oder der Patient dies wünscht, Kontakte, z.B. zu Seelsorgern, zu vermitteln, jedoch bleibt sie die Hauptbezugsperson. Sie gesteht anderen Disziplinen durchaus zu, beraterisch tätig zu werden, jedoch bleibt die professionelle Krankenschwester diejenige, die die Therapien ihrer Patienten koordiniert. Hall sah die Einzigartigkeit der Pflege darin, dass sie sich in der körperlichen Pflege auskennt und weiß in welchem Zusammenhang diese Pflege (aufgrund der Kenntnis über die zwei anderen Aspekte/Kreise) anzupassen und zusammen mit der Persönlichkeit des Patienten zu verbessern ist. Hall sah die Pflege aufgrund ihrer Nähe am Anteil Körper als am besten dazu geeignet, die Lehrfunktion gegenüber dem Patienten zu übernehmen, genauso wie auch die Problemfindung durch Reflexion. In dem Prozeß professioneller Krankenpflege hat der Patient die Möglichkeit aus seiner Situation für die Zukunft zu lernen. „Auf der Basis der, auch körperlichen, Interaktion mit dem Patienten („Care“) lädt die Pflegekraft den Patienten ein, zum Kern seiner Probleme („Core“) vorzudringen, wobei seine durch die Krankheit vorgegebene Situation und die seiner Familie („Cure“).“ 2c berücksichtigt wird Eine im Loeb-Center eingestellte
Krankenpflegekraft würde nicht versuchen den Patienten zur Befolgung ärztlicher Anweisungen zu überreden, sie soll nicht für den Patienten diejenige sein, welche auf der Seite des Arztes steht und dessen Anordnungen ausführt, vermutlich würde sie ein klärendes Gespräch zwischen Patient und Arzt arrangieren. Menschen lernen Halls Meinung nach, nur durch freie Entscheidung auf der Basis umfassender Information und geklärter Gefühle.
Die Führungsstrukturen im Loeb-Center werden als demokratisch beschrieben, Regelmäßige Besprechungen, Supervision und Fortbildung gelten als
selbstverständlich. „Die Qualität der Pflege wird gemessen an der Fähigkeit zur Herstellung einer konstruktiven und „ruhigen“ Atmosphäre, in der Lernen und Wachstum für alle Beteiligten möglich sind.“ 2d
„Auf einzelne pflegerische Tätigkeiten geht Hall in ihren Artikeln nicht ein.“ 1 Ein Dokumentationssystem ist vorhanden. Darin wird der Prozeß des persönlichen
2c Hilde Steppe;in „ Die Schwester/Der Pfleger“, 30. Jahrg. 2/91, S.137
2d Hilde Steppe;in „ Die Schwester/Der Pfleger“, 30. Jahrg. 2/91, S.139
4 THEORIEDARSTELLUNG 13
Lernens des Patienten festgehalten. Seine Reaktionen auf die Pflege, seine Probleme und wie er diese sieht, seine Ziele und den Weg wie er diese zu erreichen glaubt werden ebenso dokumentiert, wie seine Bereitschaft Hilfe zur Erreichung der Ziele anzunehmen.
„Das Modell setzt ganzheitliche Pflege zwingend voraus.“ 2e
„Der Pflegeprozess ist in allen Phasen anwendbar.“ 2e
Gesundheit
Krank zu werden ist nach Halls getroffener Definition des Verhaltens. Nach ihrer Ansicht lenkten unbewusste Gefühle die Krankheit, und diese unbewussten Gefühle sind der Ursprung der Krankheit, jedoch verwendet sie den Ausdruck „Anpassungsschwierigkeiten“ in diesem Zusammenhang. Unter Gesundheit verstand Hall den Zustand der bewussten Selbstwahrnehmung, in dem der einzelne sich so Verhalten kann, wie es für ihn am besten ist. Wenn der Patient, z.B. durch Reflexion, gelernt hat, sich seiner bisher unbewussten Gefühle und Motivationen gewahr zu werden, also das notwendige Selbstbewusstsein zu entwickeln, so ist es ihm möglich den Prozeß der Heilung zu beschleunigen und Gesundheit wieder herzustellen. Wenn dem Patienten dies gelungen ist, kann er sich in Zukunft anders verhalten und seine Kraft gezielt für die Heilung einsetzen.
Die zu pflegende Person/Menschenbild
Das Loeb-Center ist ein Gesundheitszentrum zur Rehabilitation Erwachsener. Die Gruppe der zu pflegenden Patienten ist also eng begrenzt. Um Ihre maximalen Möglichkeiten im Prozeß der Rehabilitation zu erreichen, ist der Lernprozess die wichtigste Therapie. Der Patient lernt innerhalb von Grenzen zu leben, sich seiner bewussten und unbewussten Gefühle gewahr zu werden und sich seine Motivationen zu erklären. Dies gilt als Vorbedingung um neue physische, psychische und mentale Fähigkeiten zu erlernen. Laut Hall ist es für die Patienten wichtig sich ihre eigenen Ziele zu stecken. Ziele, welche zum Beispiel von Ärzten gesteckt werden, können stark von den eigenen differieren, und die Motivation zur
2e Hilde Steppe;in „ Die Schwester/Der Pfleger“, 30. Jahrg. 2/91, S.134-140
4 THEORIEDARSTELLUNG 14
Erreichung der eigenen Ziele ist sicherlich am höchsten. Nur in einer solchen Situation kann effektiv gelehrt und gelernt werden. Der Patient muss sich darauf einlassen, sein Verhalten oder einen Teil seines Verhaltens, was auch durch seine ihm nicht bewussten Gefühle diktiert, wird zu überprüfen und zu ändern, denn nach Halls Pflegetheorie ist dies ja der vermeintliche Grund der Krankheit. Hat der Patient durch den Rehabilitationsprozess gelernt, sich seiner selbst bewusst zu werden, kann er sich frei und kontrolliert verhalten. Diese Veränderung in einem Teil seines Verhaltens ist der Beweis, dass Lernen stattgefunden hat.
Lydia Hall erachtete jeden Menschen für ein einzigartiges und komplexes Wesen. In der Lebendigkeit dieses Wesens, des Patienten, liegt die Quelle der Energie, wie auch die Motivation zur Genesung. Sie liegt nicht im Bereich der im Gesundheitssystem professionell arbeitenden Berufsgruppen. Hall wollte mit ihrer Pflegetheorie eine Möglichkeit zur Bewusstmachung der Gefühle anbieten, um frei und selbstbestimmt zu handeln. Krankenpflegekräfte können und sollen dabei Hilfestellung leisten.
Wohlbefinden
Zu dem Begriff Wohlbefinden machte Lydia Hall keine Angaben. Da es sich bei ihren Patienten im Loeb-Center zumeist um chronisch kranke Patienten handelt glaube ich, dass dieser Begriff mit dem o.g. Begriff der Gesundheit eng verbunden/verwandt ist.
Umwelt
Als konsequente Befürworterin von der Philosophie der Klientenorientierten Therapie von Carl Rogers strebte Hall nach einem psychologischen Klima von Wärme und Sicherheit, die eine sensitive Empathie bei der Erörterung der Gefühle und dem Lernprozess der Patienten zulässt. „Lydia Hall betrachtet die Umgebung als zentralen Einflussfaktor für die Möglichkeit der Selbstentfaltung des Individuums.“ 2c Im Loeb-Center hat man versucht weitgehendst häusliche Bedingungen zu schaffen. Der Patient unterliegt keinem ritualisierten Tagesablauf, der Patient kann seinen Tagesablauf frei gestalten. Die Mahlzeiten werden in einem
2c Hilde Steppe;in „ Die Schwester/Der Pfleger“, 30. Jahrg. 2/91, S.137
5 STELLUNGNAHME ZUR PFLEGETHEORIE VON LYDIA HALL 15
restaurant-ähnlichen Speisesaal eingenommen, feste/reglementierte Besuchszeiten
existieren nicht. Die den S achzwängen einer Institution untergeordnete Pflege lehnte sie ab und aus diesen Gründen auch sowohl die Funktionspflege, wie auch die Gruppenpflege.
4.2.2 Beziehung der Konzepte zueinander
Die Konzepte der Pflegetheorie von Lydia Hall (in Marriner-Tomey) stehen alle in enger Verbindung mit der Philosophie der „Klientenorientierten Gesprächsführung“ von Carl Rogers. Von dieser Philosophie ausgehend, stehen die Konzepte auch untereinander in Verbindung, jedoch nimmt das „Zweite Stadium der Krankheit“ meiner Meinung nach eine zentrale Stellung ein: Erst wenn die biologische Krise überwunden ist, und das zweite Stadium erreicht ist, kann die Pflegetheorie von Hall „greifen“. Eine weitere Voraussetzung ist die Kommunikationsfähigkeit des Patienten. Nur dann kann die professionelle Krankenpflegekraft sich lehrend einbringen, und mittels der Reflexion den Patienten sein Verhalten, welches von bewussten und unbewussten Gefühlen diktiert wird, hinterfragen lassen, um so das Stadium des angestrebten Selbstbewusstseins zu e rreichen. Die drei Pflegekreise verdeutlichen den Zustand der Krankheit, bzw. machen anschaulich, wie sich die Gewichtung der einzelnen Aspekte (Pflege ,Kern, Heilung) im Krankheitsverlauf verändert.
5 STELLUNGNAHME ZUR PFLEGETHEORIE VON
LYDIA HALL
5.1 Logik
„Halls Theorie benutzt die induktive Logik, ausgehend von spezifischen Beobachtungen bis zu einem generalisierten Konzept. Zum Beispiel:
• Krankenpflege verkürzt die Genesungszeit des Patienten;
• Krankenpflege fördert die Genesung des Patienten;
5 STELLUNGNAHME ZUR PFLEGETHEORIE VON LYDIA HALL 16
• Daher wird die vollständige professionelle Krankenpflege die Genesung beschleunigen“ 3c
Die Konzepte (s.4.2.2 kursiv) sind, zumindest in der Sekundärliteratur, und nur die stand mir zur Verfügung, definiert und erläutert.
5.2 Eigene Kritik
Ich fand Halls Pflegetheorie gut verständlich, auch wenn es mir anfangs schwerfiel mich mit der Philosophie der „Klientenzentrierten Therapie“ von Carl Rogers zu beschäftigen. Unterrichtsmaterial aus dem Fach Psychologie und „Schmökern“ von Psychologie-Literatur erleichterten dann aber den E instieg. Die Sprache zur Definition und Beschreibung der Theorie stammt aus dem Krankenpflegealltag und war daher leicht zu verstehen. Das Modell der drei ineinander greifenden Kreise finde ich zur Veranschaulichung der beschriebenen Theorie sehr gut. Ich vermisse jedoch die Aussage, dass professionelle Krankenpflege auch einen sehr hohen Stellenwert im ersten Stadium der Krankheit haben kann, ich verweise z.B. auf das Konzept der Basalen Stimulation bei Schädel-Hirn-Verletzten, das Bobath-Konzept und die Kinetische Therapie bei ARDS-Patienten, welche meist durch das Pflegepersonal angeregt und durchgeführt wird. Natürlich standen die genannten Konzepte in der Zeit der Erstellung ihrer Pflegetheorie Hall noch nicht zur Verfügung und auch erste Intensivstationen befanden sich noch im Aufbau, aber aus Erzählungen älterer Kollegen weiß ich, dass diese sich damals eben nicht nur auf das Ausführen ärztlicher Anordnungen beschränkten. Hier zeigt sich, dass die Theorie nur bei einer geringen Anzahl von Patienten ( Rehabilitationsphase, Mindestalter 16 Jahre) zur Anwendung kommen kann. Gefallen hat mir die klare Hervorhebung der Krankenpflege als eigenständige Profession, ein Aspekt der heute, fast 40 Jahre nach ihrer Theoriedarstellung, noch immer in der Berufswelt zu heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen führt. Sehr positiv finde ich, dass sie wohl ein patientenorientiert-partnerschaftliches Pflegeverständnis hat. Auch, dass
Untersuchungen bewiesen, dass der Krankenhausaufenthalt im Loeb-Center um ein bis drei Wochen kürzer war als in anderen Krankenhäusern, finde ich gerade in der heutigen Zeit des Kostendrucks als Kostenfaktor äußerst bemerkens- und bedenkenswert. Auf einem nachfolgenden Fragebogen gaben sowohl Ärzte als auch Patienten an, dass sie mit der Pflege zufrieden waren (wobei sich wiederum die Frage stellt, wie Ärzte die Pflege beurteilen können; aus Vergleichen?, können wir Pflegenden
3c Ann Marriner-Tomey et.al.in: „Pflegetheoretikerinnen und ihr Werk“,1992 S.183
5 STELLUNGNAHME ZUR PFLEGETHEORIE VON LYDIA HALL 17
ärztliche Therapie beurteilen?). Ich war mir der Bedeutung der Kommunikation als therapeutisches Mittel bei der K rankenpflege vor dieser Hausarbeit nicht bewusst, und wie neue Veröffentlichungen 5 zeigen, werden die kommunikativen Kompetenzen des Pflegepersonals häufig in der Ausbildung nur wenig gefördert, und sowohl von den Pflegekräften selbst, als auch durch andere Berufsgruppen wenig beachtet. Häufig fühlen sich Pflegekräfte bei sog. „Problemgesprächen“ inkompetent und überfordert. Ob allein die Reflexion als Mittel der therapeutischen Kommunikation ausreicht, kann ich schlecht beurteilen, jedoch scheint es mir bedenklich wenig.
5.3 Praxisrelevanz
Außer im Loeb-Center für Krankenpflege am Montefiore-Krankenhaus in New York wird die Pflegetheorie in keiner anderen Pflegeeinrichtung angewandt, daher ist die Praxisrelevanz außerordentlich gering.
Sehr relevant waren jedoch die Denkanstöße, welche Hall durch ihr vehementes Eintreten für die Abwendung des Pflegepersonals von rein Ärzten vorbehaltenen Aufgaben (sie benanntes dies arbeiten als Praktischer Arzt) hin zur Arbeit als professionelle praktische Krankenschwester vertrat. H. Steppe 2f nannte sie eine der gedanklichen Mütter des Konzeptes der Primärpflege, heute besser bekannt als Primary Nursing, da sie in ihren Ausführungen dieses viel später entwickelte Konzept schon sehr genau beschrieben hat.
5 Claudia Sciborski in: „Die Schwester/Der Pfleger, 40. Jahrg. 3/01 S.239-244
2f Hilde Steppe;in „ Die Schwester/Der Pfleger“, 30. Jahrg. 2/91, S.137
6 LITERATURVERZEICHNIS 18
6 LITERATURVERZEICHNIS
Von mir wurde folgende Sekundäriteratur zur Erstellung der Hausarbeit verwendet :
1. Chinn, Peggy L.; Kramer, Magona K.: Pflegetheorie, Konzepte-Kontext-Kritik, Berlin/Wiesbaden, Verlag Ullstein Mosby, 1996
2. Grubitzsch, Siegfried; Weber, Klaus (Hg): Psychologische Grundbegriffe, Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag
3. Marriner-Tomey, Ann: Pflegetheoretikerinnen und ihr Werk, Basel, Verlag Recom, 1992
4. Sciborski, Claudia (2001)Kommunikative Kompetenzen des Pflegepersonals.
5. Steppe, Hilde (1991) Pflegemodelle in der Praxis, 5. Folge: Lydia E. Hall, Die
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Andreas Karsch, 2001, Die Pflegetheorie von Lydia Eloise Hall, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
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