-2-
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Allgemeine Charakterisierung des Landes 3
2.1 Gesellschaft, Kultur und Religion 4
2.2 Geschichte 5
3. Bedeutung und Entwicklung der Bildung in Japan 5
3.1 Bildungsexpansion im 20. Jahrhundert 5
3.3 Bedeutung der Eliten 7
3.4 Reformen und Tendenzen 8
4. Allgemeine Ordnungsprinzipien in Erziehung und Gesellschaft 11
5. Bildungsinstitutionen - Orte zur Reproduktion der Gesellschaft 12
5.1 Kindergarten und Grundschule oder der “heimliche Lehrplan der
japanischen Schule 12
5.2 Mittel- und Oberschulen 14
5.3 Bedeutung der juku 15
6. Berufsbildung im Bildungssystem 16
7. Berufliche Bildung in der Zuständigkeit des Arbeitsministeriums 17
7. Schlussbemerkung 19
8. Literaturverzeichnis ............................................... -20-
-3- 1. Einleitung
Das heutige japanische Bildungssystem basiert auf den Vorgaben der amerikanischen Besatzungsmacht, die nach dem Zweiten Weltkrieg demokratische Werte garantieren wollte. Dabei entstand eine Konstellation, die auf der einen Seite Freiheit und Gleichheit betont und auf der anderen Seite von Tradition, der Betonung von Kleingruppen, und dem Ideal der Harmonie geprägt ist.
Nach international vergleichenden Studien nimmt das japanische Bildungssystem zumindest in der Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern eine Spitzenposition ein. Somit ergibt sich die Frage, inwiefern Japan in diesem Bereich eine Vorbildfunktion für andere Bildungssysteme haben kann oder nicht. In der folgenden Arbeit soll zunächst die Entwicklung und die heutige Bedeutung der Bildung in Japan beschrieben werden. Weiterhin sollen die japanischen Ordnungsprinzipien in der Gesellschaft und das Leben im Kindergarten und in der Schule aufgezeigt werden.
Explizit wird danach auf die berufliche Bildung im Bildungssystem eingegangen sowie auf die Zuständigkeiten des Arbeitsministeriums. Auf eine komplette Darstellung des japanischen Bildungssystems wird hier verzichtet, da dies bereits im vorangegangenen Referat behandelt wurde.
2. Allgemeine Charakterisierung des Landes
Das japanische Inselreich besteht aus mehr als 3000 kleinen Inseln. Die meisten Inseln sind unbewohnt. Die überwiegende Mehrheit der Japaner lebt auf den 4 Hauptinseln Hokkaido, Honshu. Shikoku und Kyushu. Japan hat eine Fläche von 377.819 km² und ca. 125,7 Millionen Einwohner. Das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 333 Einwohner je qkm. Knapp die Hälfte der japanischen Bevölkerung lebte 1990 auf weniger als 10% der Landesfläche in den drei Metropolitanregionen Tokyo, Nagoya und Osaka. 1
Das Bruttosozialprodukt lag 1992 bei 3.507.843 US $. 99 % der Bevölkerung sind Japaner, lediglich 1% sind ausländischer Nationalität, wobei die meisten von ihnen Koreaner und Chinesen sind. Eine ethnische Minderheit, die Urbevölkerung Japans, die Ainu, wurden im Laufe der Geschichte weitestgehend verdrängt, bzw. assimiliert. Heute leben nur noch etwa 50.000 auf Hokkaido. 2
1 Georg, Demes, 1995, S. J-9
2 ebd., S. J-11
-4- Gesellschaft,Kultur und Religion 2.1
Japan unterscheidet sich von uns nicht nur eine ganz andere Kultur, sondern vor allem durch eine ganz andere Tradition. Problematisch wird für uns die Tatsache, dass der Japaner sich nach außen hin zwar westlich gibt, im Inneren aber mit seiner Tradition fest verwurzelt ist und wir somit sein Verhalten nicht nach unseren Maßstäben beurteilen können. Missverständnisse sind also vorprogrammiert, weil zum Beispiel nicht alles, was der Japaner sagt, auch so gemeint ist. Man unterscheidet zwischen zwei Wahrheiten. Die erste ist die innere Wahrheit, ,,honne" genannt, die das verkörpert, was der Japaner wirklich denkt und fühlt, die aber nicht nach außen tritt. Die zweite wird ,,tatemae" genannt und verkörpert die öffentliche Haltung: Der Japaner zeigt uns, was wir hören wollen. Das Ziel ist, die Harmonie durch diese zwei Wahrheiten zu erhalten 3 .
Japans Religionen haben im Vergleich zu unseren westlichen niemals den Anspruch auf Alleingültigkeit erhoben. Im Gegenteil, Japan hat sogar bewußt fremde Rituale, Gebräuche und Lehren in die eigenen religiösen Traditionen übernommen und sie entsprechend den historischen und politischen Verhältnissen in ihre eigene Kultur eingepaßt. Eine der wichtigsten Religionen in Japan ist der Konfuzianismus. Er beruht auf der Lehre des Konfuzius (551 - 478 v. Chr.), die als wichtigste Inhalte die Loyalität zwischen der Obrigkeit und dem Untertanen, die Ehrfurcht in der Familie, den Respekt vor dem Älteren und besonders die Wertschätzung unter Freunden beinhaltet. Weisheit, Treue, Streben nach Harmonie mit der Welt und die Selbstlosigkeit sind die Ideale dieses Glaubens. Im Zen-Buddhismus wird dagegen vor allem auf die Disziplin der geistigen und körperlichen Kräfte durch Meditation und Konzentration Wert gelegt. Die Konzentrationsfähigkeit und die Ausdauer werden regelmäßig durch traditionelle Übungen geschult und gesteigert, wie zum Beispiel in der Jahrhunderte alten Teezeremonie, die durch ihre sehr stark ritualisierten Bewegungsabläufe höchste Konzentration erfordert.
Die Wirkung, die diese religiösen Strömungen auf ihre Gläubigen haben, zeigt sich besonders in der Arbeitswelt. Betriebstreue, Harmoniestreben, ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und vor allem der Gehorsam gegenüber Vorgesetzten bringen enorme wirtschaftliche Erfolge, da der Einzelne, bedingt durch seinen Glauben, sich nicht mehr als Individuum sieht, bei dem die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse an erster Stelle steht. Er ist nun viel mehr Teil eines Ganzen, vergleichbar mit einem Ameisenstaat, in dem jedes Individuum selbstlos seine zugewiesene Rolle erfüllt und somit erst das Überleben des ganzen Staates ermöglicht 4 .
3 Campus Verlag, 1994, S. 51
4 Merian 12/92, S. 31
-5- Geschichte 2.2
Das moderne Japan beginnt mit der Meiji-Restauration im Jahre 1868. Noch über 250jähriger Abschottung gegenüber dem Ausland zerfiel die weitgehend immobile, feudale Gesellschaft. Durch die Meiji-Restauration rückte das Kaiserhaus, in der Feudalzeit praktisch durch die regierenden Shogune (vom Kaiser eingesetzter Militärschef) entmachtet, wieder in das Zentrum des Staates.
Die Abschottung gegenüber dem Ausland wurde aufgrund des politischen und militärischen Drucks des Auslandes aufgehoben und das Ständesystem abgeschafft. Mit dem Ziel, wirtschaftlich und technologisch den Vorsprung der westlichen Länder aufzuholen, um nicht in Abhängigkeit zu kommen, wurde eine staatlich initiierte Politik des wirtschaftlichen Wachstums und der gesellschaftlichen Modernisierung, orientiert am Vorbild westlicher Staaten, verfolgt. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich Japan zu einer asiatischen Wirtschafts- und Imperialmacht.
Um die Jahrhundertwende begann die imperialistische Expansion mit militärischen Siegen über China und Rußland, denen eine Kolonialisierung verschiedener asiatischer und pazifischer Länder und Regionen folgte - wie Korea, Mandschurei, Sachalin, Mariannen Inseln - und die Japan zu einer von den USA und den europäischen Großmächten als gleichgestellt angesehene Nation machten. Ein wichtiger Grund für die Expansion war, daß Japan als ein Land ohne größere eigene Rohstoffvorkommen sich diese in anderen Gebieten sichern wollte 5 .
Bedeutung und Entwicklung der Bildung in Japan 3.
Bildungsexpansion im 20. Jahrhundert 3.1
Der eindrucksvolle Aufstieg Japans vom Entwicklungsland zur Industriemacht ging einher mit einer enormen Expansion der Bildung. Historische Berichte über die japanische Kultur und Mentalität weisen auf eine besonders ausgeprägte Wißbegier und eine vergleichsweise hohe Betonung der Erziehung. Die Neugierde der Japaner wird bereits von europäischen Missionaren des 16. Jahrhunderts als besonderes Phänomen beschrieben. Diese besondere Haltung scheint in der japanischen Kultur fest verankert und hat sich bis in die heutige Zeit hinein gehalten. ,,Sie [die Japaner] brauchen keinen ideellen Überbau, aus dem die Argumente für Bildung abzuleiten wären. Sie sind von jeher davon überzeugt, daß es darauf ankommt und sich lohnt, Neugier auf noch Unbekanntes zu haben beziehungsweise zu wecken" 6 .
5 Georg, W., Demes, H., 1995, S. J-9
6 Schaarschmidt, 1996, S. 146
-6-Die Meiji-Reform 1868 brachte nach jahrhunderterlanger Abgeschlossenheit nach außen die Öffnung des Landes und somit die Möglichkeit und die Hoffnung, sich den modernen westlichen Nationen anzugleichen. Dabei sollte die Aneignung von Wissen auch ein Beitrag zur ,,Festigung der kaiserlichen Regierung" sein und wurde somit von der Regierung stark gefördert 7 . Die Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkrieges war für die Japaner ein Zeichen dafür, daß die Öffnung des Landes zur übrigen Welt und die Ausein-andersetzung mit ihr gescheitert war. So sollte es die Aufgabe der jungen Generation sein, es besser zu machen. Zudem schufen die USA als Besatzungsmacht ein Gesamtschulsystem, das die höhere Bildung für alle Bürger ermöglichen sollte. Dieser Umstand und die traditionelle Haltung der Japaner zu Bildung und Erziehung bildeten die Grundlage für den Bildungs-Boom der Nachkriegszeit. Die Entwicklung in der japanischen Gesellschaft geht somit seit Ende des Zweiten Weltkrieges hin zu immer höherer Bildung, was sich an dem Wachstum der Absolventenzahlen der Oberschulen und Universitäten eindeutig zeigt. Der Anteil der japanischen SchülerInnen, die nach der Mittelschule noch die dreijährige Oberschule besuchen, betrug 1950 noch 42,5 % und steigerte sich danach laufend, bis er 1975 sogar die 90 % überschritt. Dieser Trend setzte sich noch weiter fort, so daß heute nahezu alle SchülerInnen die Oberschule absolvieren 8 . Weiterhin studieren 35 % eines Jahrgangs an einer Hochschule oder an einer zweijährigen Kurzuniversität 9 .
Die Bedeutung der Bildung in Japan zeigt sich aber nicht nur an der hohen Zahl der Oberschul- und Universitätsabsolventen, sondern ebenso an der Zeit, die die SchülerInnen in der Schule verbringen. Die Anzahl der jährlichen Schultage beträgt etwa 240 bei einer Stundenzahl von mindestens sieben pro Tag. Deutsche Kinder dagegen verbringen etwa 210 Tage im Jahr in der Schule, wobei die durchschnittliche Stundenzahl bei fünf pro Tag liegt 10 . Das gute Abschneiden japanischer SchülerInnen bei international vergleichenden Studien weist weiterhin auf einen qualitativen Vorsprung zumindest in den naturwissenschaftlichen Fächern und der Mathematik hin, auch wenn nicht eindeutig geklärt ist, ob dieser Vorsprung durch den Aufbau und die Inhalte der Curricula oder durch höhere Motivation der SchülerInnen verursacht ist.
Da die beschriebene Bildungsexpansion parallel mit einem enormen wirtschaftlichen Erfolg des Landes verlief, stellte sich automatisch die Frage, inwieweit das Bildungssystem für das japanische Wirtschaftswunder verantwortlich war. Anfangs ging man davon aus, daß der hohe Bildungsstand der japanischen Bevölkerung der bedeutendste Faktor für diesen Erfolg war. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch Einschränkungen in diesem
7 ebd., S. 156
8 vgl. Hara 1996, 199
9 vgl. Schubert, 1992, S. 129
10 vgl. Georg, 1993, S.77
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Eva-Maria Müller, 2000, Bildungssystem Japan, Munich, GRIN Publishing GmbH
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