Skeptizismus
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Wahrheit und Wissen 3
2.1. Wahrheit 3
2.2. Wissen 5
3. Skeptizismus 7
3.1. Die Skeptiker 8
3.2. Die Waffe der unendlichen Regresse 10
3.3. Wahrnehmungsskeptizismus 12
4. Kritische Einwände 14
4.1. Ist der Skeptizismus logisch widerspruchsfrei? 14
4.2. Ist der Skeptizismus unpraktisch? 16
4.3. Ist der Skeptizismus relevant? 17
5. Zusammenfassung 18
Literaturverzeichnis 19
1. Einleitung
Vor einigen Jahren gestalteten Werbefachleute einen Spot für den Autohersteller Mercedes - Benz, in welchem zu Beginn eine junge Frau ungeduldig wartete und ihre Frustration deutlich zum Ausdruck brachte. Der Grund des Wartens wird schnell klar, denn der Lebensgefährte kommt nach Hause und erklärt sein Zuspätkommen mit einer Panne. Dafür wird er von der jungen Frau geohrfeigt, sie hat ihn als Lügner entlarvt. Er fährt nämlich einen Wagen obigen Herstellers und, so vermittelt es der Film, eine Panne ist damit ausgeschlossen.
Der Erfolg dieser Kampagne läßt sich leicht erklären, es werden brisante, uns allen bekannte, zwischenmenschliche Themen anschaulich genutzt, um die Qualität eines Produktes darzustellen. Zentrale Punkte hierbei sind Wahrheit und Wissen, Wahrheit in Form der Lüge des Geliebten und das Wissen der Frau um die Eigenschaften des Fahrzeugs.
Eben diese Punkte sind auch Gegenstand, zumindest indirekt, jeder wissenschaftlichen Betrachtung, sind sie doch Kriterium und Meßlatte für Ernsthaftigkeit, Genauigkeit und Aussagekraft. Somit müssen Wahrheit und Wissen auch zentrale Fragen in den Betrachtungen der Wissenschafts- und Erkenntnistheoretiker sein, deren Aufgabe es ist dabei zu helfen, Erkenntnisprozesse zu verstehen und zu entfalten (Erkenntnistheorie) und uns zu befähigen, die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse kritisch zu beurteilen (Wissenschaftstheorie).1
Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Überblick über die philosophische Position des Skeptizismus zu geben, welcher auf die Frage nach der Möglichkeit der Erkenntnis nur die Antwort zuläßt, daß diese Frage nicht entschieden werden kann. Als so charakterisierte Position scheint
der Skeptizismus überall dort auftreten zu können, wo Wissensanspruch erhoben wird und bezieht sich somit nicht nur auf die Wissenschaft, sondern auf fast alle Situationen unseres täglichen Lebens.
2. Wahrheit und Wissen
2.1. Wahrheit
Schon frühzeitig wird einem als Kind von den für die Erziehung zuständigen Erwachsenen, in der Regel Eltern und Kindergärtnerinnen, verständlich gemacht, wie wichtig Wahrheit für unser tägliches Leben ist. ,,Du lügst!" ist wohl mit einer der schwersten Vorwürfe, die man einem Menschen im kindlichen Alter machen kann. Der Umgang mit Wahrheit ist mit Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen, basieren darauf doch Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Welch elementare Bedeutung Wahrheit für unser tägliches Leben hat und wie wichtig der verantwortungsvolle Umgang damit für uns ist, beschreibt James Morrow in seinem Roman ,,Die Stadt der Wahrheit" anschaulich.2
In der Philosophie wird der Wahrheitsbegriff zumeist prädikativ als Bestimmung von Urteilen, Aussagen oder Sätzen verwendet, manchmal auch in Bezug auf mentale Akte und Zustände. Zu unterscheiden ist hiervon der attributive Gebrauch, der, wenn man beispielsweise von einem wahren Kunstwerk redet, meint, daß dieses echt, wirklich oder gut sei.3
Die elementare Bedeutung von Wahrheit für unser Leben läßt sich darin erkennen, daß seit den antiken Philosophen sich jede neue Generation ihre Gedanken zu diesem Thema gemacht hat, die Theoriebildung der Alethiologie (Lehre von der Wahrheit) ist daher sehr umfassend und mannigfaltig.
Eine große Rolle in den Wahrheitstheorien spielen die Korrespondenztheorien oder Übereinstimmungstheorien der Wahrheit, nach welchen etwas wahr ist, wenn es dem entspricht oder mit dem übereinstimmt, von dem es ausgesagt wird. Bisweilen wird dies auch als die klassische Definition der Wahrheit bezeichnet. Die neuzeitliche Diskussion versucht vor allem zu klären, was es bedeutet, daß etwas mit etwas anderem übereinstimmt.4
Der Philosoph, Mathematiker und Sozialkritiker Bertrand Russell (1872 - 1970) stellte drei Forderungen auf, denen seiner Meinung nach jede Theorie der Wahrheit genügen muß5:
1. Es muß Falschheit geben können.
Ohne die Möglichkeit, daß etwas auch falsch sein kann, macht die Aussage über den Wahrheitsgehalt einer Sache keinen Sinn oder ist keine Aussage.
2. Wahrheit und Falschheit sind Eigenschaften von Glaubensüberzeugungen oder Aussagen.
Für die Natur spielt es keine Rolle, ob ein Baum ein Baum ist, erst die menschliche Überzeugung oder Aussage dahingehend macht diesen definierten Umstand für ein Wahrheitsurteil relevant.
3. Wahrheit und Falschheit hängen immer von etwas ab, daß jenseits des Glaubens liegt.
Ein Glaube ist wahr, wenn er mit dem assoziierenden Komplex, also dem korrespondierenden Faktum, übereinstimmt, ist dieses nicht so, so ist der Glaube falsch.
2.2. Wissen
Als am 20. Juli 1969 im Rahmen der Apollo 11 Mission die Astronauten Armstrong und Aldrin als erste Menschen den Mond betraten, sahen ihnen dabei Millionen rund um den Globus an den Fernsehbildschirmen zu. Viele schilderten dann später ihre Ergriffenheit von den Ereignissen, von dem enormen Erfolg menschlichen Geistes. Wieder einmal mehr wurde das Potential der kognitiven Fähigkeiten des Menschen deutlich, die Macht, über die der Mensch durch erlangtes Wissen verfügt. Standen doch die bemannten Mondflüge zu dieser Zeit an der Spitze der Erfolgsdokumentation menschlicher Errungenschaften, einer Liste, die schon lange vor dem Bau der Pyramiden ihre ersten Einträge fand und zum heutigen Zeitpunkt Fortschritte in Gentechnologie und Informationstechnik beschreibt.
Dieses Wissen ist in unserem täglichen Leben stets präsent, ist Fundament aller Entscheidungen und letztlich auch unseres Zusammenlebens.
Doch was genau bedeutet es, etwas zu wissen? Die traditionelle Auffassung beschreibt echtes Wissen als gerechtfertigten wahren Glauben.6 Als Kriterien für diese Qualität werden drei genannt:
1. Glaube
2. Wahrheit
3. Rechtfertigung.
Betrachten wir diese Kriterien an einem Beispiel. Die Krankenschwester einer Intensivstation glaubt, Patient A sei verstorben. Damit aus diesem Glauben Wissen wird, ist es unumgänglich, daß die Behauptung, A wäre tot, wahr ist, d.h. A muß auch wirklich tot sein. An dieser Stelle greifen die Bedingungen für Wahrheit aus dem Abschnitt 2.1..
In letzter Instanz nun muß dieser Sachverhalt Außenstehenden gegenüber (Kollegen, Angehörige) dargelegt werden, die Krankenschwester muß in der Lage sein, Gründe für ihren Glauben anzugeben, ihn zu rechtfertigen, zu zeigen, daß A tot ist oder diesen Tod zu beweisen. Gründe für den Glauben können sein, daß es A in den letzten Tagen zusehens schlechter ging, auch die Kollegen waren der Meinung, es ginge dem Finale entgegen, jetzt zeigen die Monitore im Überwachungsraum nur noch Nullinien. Beweisen ließe sich der Umstand durch die Untersuchung des Patienten und Einschätzung nach den geltenden Standards. Jetzt kann unsere Krankenschwester davon sprechen, zu wissen, daß A tot ist.
Glauben, Wahrheit und Rechtfertigung sind also notwendige und hinreichende Bedingungen für Wissen, fehlt eine dieser Bedingungen, kann nicht von Wissen gesprochen werden.
Nun hatten die sich mit der Epistemiologie beschäftigenden Philosophen seit der Antike viel Zeit, sich mit dieser Auffassung aus-einanderzusetzen und es blieb unvermeidbar, daß diese angefochten wurde. Ein Ergebnis der Diskussion war die Unterscheidung in drei Arten von Wissen:
1. Wissen von Dingen oder Objekten (Wissen- Von oder durch Bekanntschaft);
2. Wissen darüber, wie etwas zu tun sei (Wissen- Wie);
3. Wissen von Behauptungen oder Aussagen (Wissen- Daß oder propositionales Wissen).7
Nun stritten die Gelehrten darüber, ob die beiden erstgenannten Wissensarten nicht Spezialfälle propositionalen Wissens wären, da das Wissen von Objekten und Dingen lediglich das Wissen ist, wie man et-
was als solches erkennt und das Wissen darüber, wie etwas zu tun sei, sei lediglich das Wissen über Verrichtung und Sinn der Einzelfunktionen.
Allerdings konnte diese These nicht hinreichend erklären, daß es Personen gibt, die bestimmte Dinge tun oder verrichten können, ohne dabei das hierfür in Frage kommende propositionale Wissen artikulieren zu können und sich auch niemals der betreffenden Aussage explizit bewußt waren.8
Ich werde diese Fragen auch hier nicht klären können, halte aber fest, daß es in meinem Leben, in meinem Verständnis verschiedene Arten von Wissen gibt, die Basis aller meiner Handlungen sind. Mit Sicherheit gehört hierzu das praktische Wissen, ohne welches ich schon verhungert wäre, da ich nicht wüßte, daß Lebensmittel (in der Regel) durch den Mund müssen, um mich zu ernähren. Ferner wären wissenschaftliches und mathematisches Wissen zu nennen, deren Anwendung mir zumindest in einigen Klausuren half, womit ich aber auch schon die noch hoffentlich unvollständige Aufzählung beenden möchte.9
So einfach wie für mich ist es für die Epistemiologen allerdings nicht, werfen sie doch die Frage auf, ob wir (Menschen) überhaupt in der Lage sind, irgendwelche Dinge mit Sicherheit zu wissen.
Und diese Frage führt uns zum Gegenstand dieser Arbeit, dem Skeptizismus.
3. Skeptizismus
Es ist kein Geheimnis, daß in der Wissenschaft aufgeworfene Fragen in der Regel sehr schnell zu meist sehr unterschiedlichen Positionen führen, welche einander unversöhnlich ausschließen, wie beispielsweise
die mittelalterliche Diskussion um Form und Position der Erde im Universum.
So führte auch die Frage, ob wir wirklich in der Lage sind, irgendwelche Dinge mit Gewißheit zu wissen, zu sehr unterschiedlichen Stellungnahmen, die nach meiner Meinung beiden bedeutendsten waren die Positionen des Skeptizismus und die der Dogmatiker.
3.1. Die Skeptiker
Der Begriff des Skeptizismus leitet sich von dem griechischen Wort skeptomai ab, welches soviel wie beobachten, prüfen, Ausschau halten10 oder untersuchen11 bedeutet. Die heutige Verwendung des Begriffes Skeptiker ist vielfältig, gemeint sein kann einfach jemand, der es ablehnt, sich in Dingen festzulegen, zu denen man im Allgemeinen eine feste Meinung hat oder ein religiöser Agnostiker (vor allem im Christentum) oder man meint eine bestimmte Gruppe von Philosophen.12 Letztere sollen für mich nun von Interesse sein.
Die philosophische Skepzis vertritt die Auffassung, daß die Wahrheit eines Urteils nicht erkennbar sei. Dabei wird zumindest bei den antiken Skeptikern die Wahrheit als Übereinstimmung des im Urteil ausgedrückten Sachverhaltes mit dem wirklichen, erkenntnisunabhängigen Sachverhalt verstanden, auf welchen sich das Urteil bezieht.13 Für den Skeptiker erheben wir in unseren Urteilen den Anspruch, einen Gegenstand oder Sachverhalt so zu beschreiben, wie er an sich selbst und ohne unsere jeweiligen Vorstellungen von ihm beschaffen sei. Die Einlösung dieses Anspruches erscheint dem Skeptiker als unbeweisbar. Hierbei ist zu beachten, daß viele Skeptiker nicht bestreiten, daß es möglich sei, daß ein Urteil diesen Anspruch erfüllt und somit wahr ist,
sondern sie bestreiten die Beweisbarkeit dieses Anspruches und halten daher das Urteil für einen voreiligen Akt, dessen man sich enthalten müsse, wolle man sich nicht auf bloße Dogmen verlassen.14 Der Skeptizismus zieht seine Stärke weniger aus der systematischen Begründung der eigenen Position, sondern vielmehr aus der Kritik und Leistungsfähigkeit des Erkenntnisvermögens. Er betrachtet sich selbst nicht auf einer Ebene mit anderen philosophischen Richtungen oder Schulen, sondern als fundamentale Alternative des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens.15
In der Antike wurde der Skeptizismus, vor allem von den Anhängern des Pyrrhon von Elis, als ein Lebensweg verstanden, der zu Sorglosigkeit und Ruhe führen sollte. Die Suche nach der Erkenntnis darüber, wie die Dinge wirklich sind, schien ihnen nur Sorge und Unruhe in der Seele zu verursachen, da jene Erkenntnis unerreichbar zu sein schien. Nicht Erkenntnis, sondern Meinungsverschiedenheit schien zu herrschen. So wurde die Enthaltung von Meinungen darüber, wie die Dinge wirklich sind, als einziges Mittel angesehen, mit dessen Hilfe man zur Sorglosigkeit und Ruhe gelangen konnte16. Seit der Antike wurden nun weitere verschiedene skeptische Ausrichtungen geboren, auf die hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann. Nur muß erwähnt werden, daß der Skeptizismus der modernen Zeit und des Heute kein Lebensweg mehr ist, sondern vielmehr eine These über die Bedingungen von Erkenntnis.17
3.2. Die Waffe der unendlichen Regresse
Ich kann mich noch gut an meine Pausen auf dem Schulhof erinnern und an präpupertäre ,,Rituale", mit denen man versuchte, in einer Diskussion den Kontrahenten zur Strecke zu bringen. Stellte dieser eine Behauptung auf, beispielsweise: ,,Du spielst Fußball wie ein Blinder!", konterte man mit: ,,Was ist den für Dich blind?". Der Gefragte geriet in Zugzwang, wollte sein Argument ja nicht einfach fallen lassen und antwortete: ,,Na wenn man nichts sehen kann!", worauf wieder prompt gefragt werden konnte : ,,Was meinst Du denn mit sehen?". Dieses Spiel ließ sich unendlich fortsetzen und das Spannende daran war, daß man immer gewann, da der ,,Gegner" irgendwann entnervt und wortarm aufgab.
Eben genau diese Vorgehensweise, den unendlichen Regreß der Definitionen18, benutzten Skeptiker, um zu beweisen, daß wir eigentlich niemals wirklich wissen können, was es eigentlich ist, was wir glauben. Ihr Argument war so einfach wie (zunächst) entwaffnend: Um wissen zu können, was das ist, das wir glauben, müssen wir die Bedeutung der Worte kennen, die wir benutzen, um diesen Glauben zu beschreiben. Es muß also erklärt werden können, was diese Worte bedeuten, sie müssen also definiert werden. Dieses hieße dann aber, andere Worte verwenden zu müssen, welche wie bei unserem Schulhofbeispiel wiederum definiert werden müßten. Dieser Prozeß ginge ins Unendliche und da alle unsere Glaubensüberzeugungen letztlich mit Worten, die wir zuvor nicht definiert haben, ausgedrückt werden müssen, können wir niemals wirklich wissen, was das ist, das wir glauben.19
Solchen ,,Verwirrspielen" wirkten die Gegenspieler der Skeptizisten, die Dogmatiker, entgegen, indem sie einfach sagten, daß es zweierlei Arten von Begriffen gäbe, nämlich einerseits Grundbegriffe, deren Bedeutung keinerlei Erklärung bedarf, da diese unmittelbar klar wäre und andererseits die definierten Begriffe, deren Bedeutung mit Hilfe der Grundbegriffe definiert werden müsse20.
Die andere von den Skeptikern verwendete ,,Regreßwaffe" war die der Rechtfertigung.21 Die Vorgehensweise war dieselbe. Wenn ich irgendeinen Glauben zu rechtfertigen versuche oder einen Grund für ihn angebe, erwähne ich wiederum einen anderen Glauben, der ebenfalls gerechtfertigt werden muß. Wenn dieser andere Glaube kein gerechtfertigter Glaube ist, sind wir keinen Schritt weitergekommen. Versuche ich, diesen zweiten Glauben zu rechtfertigen, muß ich einen Dritten anführen und so weiter. Da aber auch hier niemand in der Lage ist, eine unendliche Reihe von Rechtfertigungen endgültig abzuschließen, wird jede Glaubensüberzeugung auf ungerechtfertigten Annahmen gründen müssen.22 Dieser Regreß läßt sich sowohl auf die Gründe, als auch auf die Beweise einer Aussage anwenden.23
Um dem Regreß der Rechtfertigung zu entgehen, wurde zwischen zwei Arten von Wissen unterschieden, unmittelbarem und mittelbarem Wissen, unmittelbares Wissen von grundlegenden Aussagen, ersten Prinzipien oder Axiomen, die keinerlei weiterer Rechtfertigung bedürfen und mittelbarem Wissen von Aussagen, die eine Rechtfertigung mittels der grundlegenden Aussagen, ersten Prinzipien oder Axiomen erfordern.24
Leider kannte ich diese Argumentation zu den Zeiten unserer Hofstreitigkeiten nicht, damals verlor immer der, der dem Regreß erlag.
3.3. Wahrnehmungsskeptizismus
Mit den Erwiderungen gegen die Regreßargumente läßt sich nur arbeiten, wenn man erklären kann, wie man zu unmittelbarem Wissen oder zu Grundbegriffen gelangen kann. Dafür gibt es in der Geschichte der Epistemiologie zwei konkurrierende Antworten: die Erfahrung (Empirismus)25 und die Vernunft (Rationalismus).26
Da die Skeptiker sowohl gegen die Erfahrung als auch gegen den Verstand argumentierten, können sie zum einen Argumente der Empiristen gegen die Rationalisten, zum anderen die Argumente der Rationalisten gegen die Empiristen aufgreifen.27 Im nun Folgenden stelle ich eine gegen die Empiristen gerichtete Argumentation der Skeptiker dar.
Der Empirist vertritt die Auffassung, daß unsere Sinne eine Quelle des unmittelbaren Wissens der Wahrheit von Beobachtungsaussagen sind. Daher würde hier der unendliche Regreß der Rechtfertigung abbrechen. Diesem auf der Wahrnehmung beruhenden Ansatz wirft der Skeptizist zwei Argumente entgegen:
a) Beobachtungsaussagen liefern keine sichere Grundlage des Wissens
b) Beobachtungsaussagen liefern auch dann keine hinreichend breite Grundlage des Wissens, wenn wir zugestehen würden, daß sie sicher sind.28
Die Skeptiker nutzen das Argument der Illusion, der Halluzination, der Träume und des übelwollenden Dämons, um zu belegen, daß Beobachtungsaussagen keine sichere Grundlage von Wissen sein können.
Die Argumentationskette ist immer ähnlich, ich stelle sie am Beispiel der Illusion dar.
Das Argument der Illusion hat folgende Struktur:
a) Wenn eine Illusion auftritt, dann sind die Dinge nicht wirklich so beschaffen, wie sie wahrgenommen werden.
b) Wir können niemals ganz ausschließen, einer Illusion zu unterliegen.
c) Daher können wir auch niemals sicher sein, daß die Dinge so sind, wie sie zu sein scheinen.29
Besonders gern wurde das Argument der Illusion von den Skeptikern an einem Spezialfall, nämlich am Beispiel der Sinnestäuschung vorgeführt. Beispiele hierfür sind jedem von uns ausreichend bekannt. An einem klaren Sommerabend erscheint der Vollmond am Horizont oft überdimensioniert. Mancher Beobachter empfindet ihn sogar als doppelt so groß, als stünde er im Zenit. Es scheint unglaublich, daß er auf der Netzhaut die gleichen Ausmaße hat. Dabei ist spätestens seit der Erfindung der Fotographie bewiesen, daß es sich hierbei um eine Illusion handelt. Die Entfernung des Mondes zum Betrachter ist in beiden Fällen gleich, jedoch stellt unser Gehirn am Horizont eine drei- bis viermal größere Distanz in Rechnung. Da astronomische Entfernungen schlichtweg sein Fassungsvermögen überfordern, verfällt das Gehirn auf die Erfahrungsregel, daß der Horizont den maximalen Abstand zum Betrachter markiert, eben noch weiter, als der Mond am Firmament. Das mentale Modell des Firmaments gleicht mehr einem umgedrehten Suppenteller, als einer Halbkugel. Um dem inneren Bild Konstanz zu verleihen, wird der Mond am Horizont, welcher ja unendlich weit weg
wirkt, mit einer Art Zoom nähergeholt. Wie Befragungen zeigten, wirkt er dann auch wirklich näher und größer.30
Auch das Argument der Illusion und seine Verwandten führten zu Gegenrede (Aristoteles) und Gegengegenrede (Sextus Empiricus), sie ließen sich nur schwer, wenn überhaupt widerlegen. Der Empirist Francis Bacon (1561 - 1626) erkannte, daß es zu eben diesen Wahrnehmungsirrtümern durch die Voreingenommenheit unseres Geistes, durch einschlägiges Vorwissen und Glauben, kommt (Antizipation der Natur). Der Geist antizipiert, was die Natur ihm über die Sinne zu enthüllen versucht. Die Botschaft der Sinne wird entstellt, wir übersehen den wahren Sachverhalt. Eines der von Bacon vorgeschlagenen ,,Heilmittel" sind die im Unterschied zu zufälligen Beobachtungen stehenden kontrollierten Experimente, mit denen solchen Geistesantizipationen entgegengewirkt werden soll.31
4. Kritische Einwände
4.1. Ist der Skeptizismus logisch widerspruchsfrei?
Die größte Niederlage erlebt wohl der, der mit den eigenen Waffen geschlagen wird. So mußten es die Skeptiker sich gefallen lassen, daß man ihnen zwei Einwände entgegenstellte:
a) Woher könnt ihr den skeptischen Standpunkt wissen? Beweist es!
b) Der Inhalt des skeptischen Standpunktes konnte nun auf die skeptische Theorie übertragen werden.32
Man widerspricht sich selbst, wenn man den Anspruch erhebt, zu wissen, daß nichts gewußt werden kann und wenn man versucht zu beweisen, daß nichts bewiesen werden kann. Dieser schon von den antiken Kritikern des Skeptizismus vorgebrachte durchschlagende Einwand stellte den Skeptizismus als selbstwidersprechende Position dar und ließ ihn als unwahr und somit nicht beachtenswürdig erscheinen.
Derart unter Druck gesetzt ließen sich die bestehenden Positionen nicht mehr halten, die antiken griechischen Skeptiker mußten ihre Auffassungen der aktuellen Diskussion anpassen, der akademische Skeptizismus wurde geboren. Durch zwei kleine Abänderungen in den bestehenden Aussagen wurde die skeptische Position dann nahezu unanfechtbar:
a) Man kann nichts wissen außer der Tatsache, daß man nichts wissen kann.
b) Man kann nichts beweisen außer der Tatsache, daß man nichts beweisen kann.33
Auffällig ist, daß sich anscheinend nicht nur Literatur, Technik oder Mode dem Zeitgeist anzupassen vermögen, sondern auch philosophische Grunderkenntnisse. Es gelang den Skeptikern unter Zuhilfenahme eines Tricks, daß Überleben ihres Standpunktes zu sichern, allerdings stellte sich zusehens die Frage nach dem Sinn einer solchen Position. Aber was ist der Sinn allen Forschens, aller Theorie, aller Wissenschaft - der Suche nach Wahrheit? Ist es nicht auch Aufgabe der erkenntnisgewinnenden Theoretiker, Wege aufzuweisen, die unser Leben und seine Konstrukte verständlicher und somit handhabbarer machen? Der Mensch sucht seit Beginn seiner Existenz nach Lösungen für die ihn umgebenden Probleme, nicht zuletzt in seinem Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit.
Aus dieser Sicht stellt sich die Frage nach dem Nutzen einer Sache, nach ihrem praktischen Nutzen!
4.2. Ist der Skeptizismus unpraktisch?
Es gibt den sehr alten Einwand, der besagt, daß der Skeptiker, gleichgültig, was er sagt, seine Philosophie selbst nicht ernst nehmen und nach ihr leben könnte.
Wir begegnen wieder der Intensivschwester aus Abschnitt 2.2.. Sie wird zu einem Patienten gerufen, der einen Herzstillstand erlitten hat. Die Routineabläufe sind ihr genauestens bekannt, auch die nun aufzuziehenden Notfallmedikamente. Aus skeptischer Sicht ließe sich die Wirksamkeit dieser Medikamente allerdings nicht beweisen, die Schwester kann nicht wissen, ob diese den erhofften Erfolg erzielen werden oder das Gegenteil bewirken. Was nun? Sie könnte die Jahrtausende lang vollzogene Diskussion um die Frage berechtigten Wissens aufgreifen und ihren Standpunkt darlegen sowie der Gegenrede trotzen. Bis dahin ist der Patient tot (oder ein anderer hat sich erbarmt). Oder sie beschließt , kein Risiko eingehen zu wollen und verweigert die Medikamente - auch in diesem Fall ist der Ausgang für den Patientin nachteilig.
Letzten Endes stellt sich konsequent gelebter Skeptizismus als außerordentlich unpraktisch dar, die Überlieferungen vom Leben des Pyrrhon bestätigen dies.34 Glücklicherweise wird in der Regel der Skeptizismus nicht auf diese Weise praktiziert, leben doch die meisten Skeptizisten nach den Regeln unseres Lebens (Wasser löscht Durst), nur erheben sie nicht den Anspruch, diese ,,Regeln" zu wissen. Dieses birgt für das skeptische Leben zumindest immer einen Moment der Erwartung von Enttäuschung.
4.3. Ist der Skeptizismus relevant ?
Die Frage zielt darauf ab, ob es denn nicht unwichtig sei, welchen philosophischen Standpunkt man vertritt, wenn die Konsequenz im praktischen Leben dieselbe ist. Der Dogmatiker ißt das Brot, weil er weiß, daß es ihn nähren wird, der Skeptizist tut es ihm gleich, nur lehnt er den Wissensanspruch ob des Nährwertes ab.
Ist also der Skeptizismus akzeptabel hinsichtlich der Betrachtung nach seiner Relevanz?
Man kann zum einen darauf antworten, daß es wertvoll für die Menschheit wäre zu wissen, ob man irgendetwas mit Sicherheit wissen kann, auch wenn dieses für unser alltägliches Leben keinen Unterschied bringen würde. Gerne wird an dieser Stelle der Vergleich zur Naturwissenschaft gezogen, in Gestalt des Kosmologen, der die Theorie vom Urknall untersucht, ohne direkten Nutzen für seinen Alltag daraus ziehen zu können.35
Die ethischen Konsequenzen des Skeptizismus dienen als zweites Argument für seine Relevanz. Durch seine Einstellung, man könne nichts mit Sicherheit wissen, impliziert diese philosophische Haltung auch, daß, selbst wenn eigene Anschauungen existieren, die nicht als richtig deklariert werden können, da sich dieser Standpunkt nicht beweisen ließe. Somit gesteht der Skeptizismus allen Positionen gleichermaßen das Recht auf ihre Existenz zu, wenn auch über den eher ungewöhnlichen Weg, sie alle als nicht wissenbar und unbeweisbar anzusehen. Aber wenn keine Position definitiv als falsch gewußt werden kann, haben alle die gleichen Chancen auf Existenzberechtigung. Die vom Skeptizismus ausgehende Tolerenz ist zweites Indiz für dessen Relevanz.36
5. Zusammenfassung
Somit läßt sich feststellen, daß die Philosophie des Skeptizismus zwar grenznah zu sich selbst im Widerspruch steht, gerade noch gerettet durch die Winkelzüge hakenschlagender gestandener Altphilosophen, ferner, daß konsequent praktizierter Skeptizismus im realen Alltag zwangsläufig zur Katastrophe führt, ja Alltag geradezu verhindert, aber auch, daß dieser Position ein ethischer Geist innewohnt, der in der heutigen Zeit, fernab der Antike, im täglichen Gerangel um ,,Vorwärtspositionierung" und Marktvorteil vergessen scheint. Ich halte die skeptische Auffassung in ihrer absoluten Gestalt als für mein Leben und vor allem für die Bewältigung der daraus hervorgehenden Probleme als unbrauchbar, glaube aber, das skeptische Verständnis von Toleranz, wenn auch merkwürdig geboren, führt nicht zuletzt auch dazu, die eigene Position stets kritisch überdenken zu können, ein Prinzip, welches sich selbst in der Wirtschaft widerspiegelt (z. B. Kontinuierlicher Verbesserungsprozeß - KVP). Somit gestaltet die im alltäglichen Leben eher hinderliche skeptische Position in ihrer Aufforderung zur Kritik des eigenen Standpunktes und der daraus abzuleitenden Auseinandersetzung mit anderen Gedanken und Gegebenheiten das Fundament für Modernisierung und Erneuerung. Als moderne, nach Unabhängigkeit und Verwirklichung strebende Menschen können wir aus dem Pool angebotener Ideen wählen - picken wir uns also die Rosinen aus dem skeptischen Kuchen, vielleicht, um sie in einer neuen Kreation wieder einfügen zu können!
Literaturverzeichnis
Albert, Hans; Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft; Tübingen: Mohr, 1982
Eberhard, Kurt; Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie; Stuttgard: Kohlhammer, 1999
Eisler, Rudolf; Historisches Wörterbuch der Philosophie; Basel: Schwabe & Co. AG, 1995
Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.); Enzyklopädie und Wissenschaftstheorie; Stuttgard: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung,1995
Morrow, James; Die Stadt der Wahrheit; München: Wilhelm Heyne Verlag, 1993
Musgrave, Alan; Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus: eine historische Einführung in die Erkenntnistheorie; Tübingen: Mohr, 1993
Zeitungen
Der Tagesspiegel, Ausgabe vom 4. Februar 2001; Teil: Weltspiegel; S. 2; ,,Können wir den Augen trauen?"
Internet
URL: http://www.phillex.de/wahrheit.htm; Stand: 25. 10. 2000; 16.16 Uhr
URL: http://www.phillex.de/skepsis.htm; Stand: 25.10.2000; 16.16 Uhr
URL: http://www.wwwebservice.de; Stand:25.10.2000
Eberhard S. 11; Auf Seite 14 verweist der Autor darauf, daß die Erkenntnistheorie die Theorie der allgemeinen menschlichen Erkenntnis ist und die Wissenschaftstheorie die Theorie der speziellen wissenschaftlichen Erkenntnis ist, also somit ein Teilgebiet der Erkenntnistheorie ist.
2 Wilhelm Heyne Verlag; München 1990; Der Autor erzählt von einer Stadt, in der die Menschen nicht mehr lügen können.
3 www.phillex.de/wahrheit.htm; S. 1 von 10; 25.Oktober 2000
4 www.phillex.de/wahrheit.htm; S. 2 von 10
5 ebd.; S. 4 von 10
6 Musgrave; S. 3
7 Musgrave; S. 6
8 Musgrave; S. 7; Musgrave führt als Beispiel das Sprechen einer Sprache an, ohne sich dabei der grammatikalischen Regeln bewußt zu sein.
9 Musgrave erwähnt in diesem Zusammenhang noch moralisches, ästhetisches sowie religiöses Wissen als Spielarten propositionalen Wissens.
10 www.wwwebservice.de/ris/mystik/begriffe.html
11 Mittelstraß; S. 823
12 Eisler; S. 939
13 www.phillex.de/skepsis3.htm; S.1
14 www.phillex.de/skepsis3.htm
15 Mittelstraß; S. 823
16 vgl. Eisler, S. 943
17 www.phillex.de/skepsis3.htm
18 www.phillex.de/skepsis7.htm
19 Musgrave; S. 13
20 Musgrave; S. 15
21 www.phillex.de/skepsis.7htm; S.1
22 Musgrave; S. 12
23 www.phillex.de/skepsis.7htm; S. 1
24 Musgrave; S. 14
25 Eberhard; S.32
26 Albert; S. 10; hier: methodischer Rationalismus und seine Relevanz für Problemlösungen
27 www.phillex.de/skepsis7.htm; S. 2
28 ebd.
29 www.phillex.de/skepsis7.htm; S. 2
30 Der Tagesspiegel, Beilage Weltspiegel; 4. Februar 2001; S. 2; ,,Können wir Augen wirklich trauen"
31 Musgrave; S. 49 - 54
32 www.phillex.de/skepsis6.htm ; S. 1
33 Musgrave; S.19
34 vgl. Musgrave; S. 24
35 www.phillex.de/skepsis6.htm
36 www.phillex.de/skepsis6.htm
Arbeit zitieren:
Marcel Röder, 2001, Skeptizismus, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
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