Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik
Das Ich und das Wir in der feministischen Theorie von Judith Butler
Diplomarbeit
eingereicht von
Wiebke Bötefür
2001
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
1.1. Feminismus ... 2
1.2. Performativität ... 5
2. Das ICH ... 7
2.1. Butlers Subjekt Begriff ... 7
2.2. Das nomadische Subjekt ... 9
2.3. Identität ... 10
2.4. Butlers Identitätsbegriff ... 11
2.5. Das Queer- ICH ... 15
2.6. Drag ... 17
2.7. Körper ... 19
2.8. Butlers Handlungsbegriff ... 24
2.9. Zusammenfassung und Überlegung ... 25
3. Das WIR ... 27
3.1. `Die Frau′ ist tot - Es lebe `die Frau′ ... 28
3.2. Das IHR- Das andere ... 30
3.3. Queer - WIR ... 32
4. Resümee ... 35
Literaturverzeichnis ... 39
1. Einleitung
,,Leben denn die Frauen trotz dieses gedämpften Tons?
Der Zwang, über Körper und Geräusch einen Schleier zu bereiten,
läßt sogar fiktive Personen unter Sauerstoffmangel leiden.
Kaum nähern sie sich dem Licht ihrer Wahrheit,
da werden ihnen auch schon wieder Fußschellen angelegt,
durch die sexuellen Verbote der Realität."1
Diese Arbeit bemüht, sich die Theorie der feministischen Kommunikationsprofessorin Judith Butler verständlicher zu machen, und fokussiert sich dabei auf das Subjekt als ICH und dem WIR. Die Frage, die es zu beantworten gilt, ist, wie Butler das Subjekt definiert und wie sich die Handlungsfähigkeit des Ich und des WIR gestaltet.
Judith Butlers gedanklicher Ausgangspunkt ist ein heterosexuelles Regime, was sich als Original der Welt präsentiert. Sie kritisiert dieses Konstrukt, da es ihrer Meinung nach das Patriarchat untermauert. Ebenso wird durch diese heterosexuelle Matrix2 Geschlecht als biologisch begründet. Gegen diesen Biologismus spricht sich Butler aus. Weiterhin argumentiert sie, daß nicht nur gender (das soziale Geschlecht), sondern auch sex (das biologische Geschlecht) eine Konstruktion sei und kritisiert dieses. In ihrer dekonstruktivistischen3 Theorie fordert die postmoderne Feministin das Subjekt auf, diese heterosexuelle Matrix zu parodieren. Drag und Travestie dienen dazu, der heterosexuellen Norm sich selbst vorzuspielen und ins Lächerliche zu ziehen. Durch diese Strategie, dadurch dass das Geschlecht als soziale Konstruktion verstanden wird, soll sich das heterosexuelle Regime auflösen. Die vorausgesetzte Zweigeschlechtlichkeit4 wird sich in plurale Geschlechtlichkeit wandeln und damit intelligible Subjekte bilden, was eine vermehrte Anerkennung von Differenz zur Folge haben soll.
Der vorliegende Aufsatz untersucht die Kategorien des ICH und des WIR bei Judith Butler. Grundsätzlich wichtig erscheint, Butlers Konstruktion und Entwicklung der beiden Begriffe zu analysieren. Butler spricht nicht vom Ich, sondern vom Subjekt. Die Schwerpunkte ihres Subjektbegriffs liegen dabei in der Dezentrierung des Subjektbegriffes, der Gleichsetzung von Identität mit Geschlechtsidentität und der Materialisierung von Körpern. Auch in dieser Arbeit wird diese `Dreifaltigkeit` beibehalten. Besondere Beachtung findet immer wieder das nicht-heterosexuelle Subjekt in seiner Marginalisierung. Das WIR im zweiten Teil wird auf die Kategorie Frau und auf ihrem Operieren auf politischer Ebene, insbesondere der feministischen und nicht-heterosexuellen Ebene, hin untersucht. Dabei steht nicht nur zur Diskussion, wie Butler das `Subjekt′ entwickelt, sondern auch, wie es sich in ihrer Theorie zum WIR verhält. Dabei habe ich5 versucht, möglichst praxisnah zu bleiben, soweit dies bei einer vollständig theoretischen Grundlage überhaupt möglich ist. Deshalb habe ich viele Ansätze und Aspekte von Butlers Theorie aussparen müssen, wie z.B. verschiedene philosophische (Derrida, Foucault) und psychoanalytische Aspekte (Kastrationsangst, Phallozentrismus), um zugunsten von Subjekt, Identität und Körper praxisbezogen arbeiten zu können. Diese `Dreifaltigkeit` scheint mir, um Butlers Theorie zu erfassen, durchaus wichtig. Weiterhin dringlich erschien mir, um Butler besser orten und verständlicher machen zu können, Übersetzungen und Gegenpositionen ihrer Kritiker mit einzubringen.
Ferner schreibt Butler für eine Elite, da sie ein beträchtliches Maß an Theorien voraussetzt. Dazu kommt, daß sie als Kommunikationsprofessorin schwer verständlich schreibt. Diese Unverständlichkeit ihrer Theorie kann ausgrenzend wirken und demonstriert somit persönliche Macht. Weiterhin ist die Autorin streckenweise unkonkret, benutzt häufiger den Konjunktiv und läßt ihre gestellten Fragen im Raum stehen, dadurch wird sie schwer faßbar. Ebenso scheint sie keine genaue Definition von Kultur und Gesellschaft zu haben. Hier wird zumindest der Versuch getätigt, verständlicher zu schreiben. Ich hoffe, daß dadurch der Gedankengang Butlers besser faßbar wird. Dafür greife ich nicht nur auf zwei ihrer großen Bücher, ,,Gender Trouble" und ,,Körper von Gewicht", zurück, zusätzlich auch auf etliche ihrer Aufsätze. All ihren Schriften gemeinsam ist die Prämisse, daß das Geschlecht ein sozio-kulturelles Konstrukt sei.
[...]
1 Djebar Assia; Die Frauen von Algier; Zürich 1990; S. 8.
2 Vgl.: Butler, Judith; Gender Trouble; New York 1990; S. 151, Fußnote 6: ,,I use the term heterosexual matrix throughout the text to designate that grid of cultural intelligibility through which bodies, genders, and desires are naturalized." So soll der Begriff in dieser Arbeit ebenso verstanden werden.
3 Siehe: Wartenpfuhl, Birgit; Dekonstruktive Bestimmung von Geschlecht; in: Gender and politics; Bauhardt und Wahl; Opladen 1999; S. 74: ,,Dekonstruktion greift in die Anordnung hierarchischer Gegensätze ein und versucht, durch eine doppelte Geste -einerseits die Umkehrung oder auch Umwertung der hierarchischen Gegensätze und andrerseits die allgemeine Verschiebung dieses Systems- die oppositionelle Logik zu subversiveren."
4 Ist womöglich der Verzicht auf das kapitale Binnen-I notwendig, da sonst von einer Zweigeschlechtlichkeit ausgegangen wird?
5 Wie in (US) feministischen theoretischen Schriften möchte ich mich als Person in diese Arbeit einbringen, also mich als (weiße, Mittelschicht) Autorin mit meiner eigenen Position. Im Gegensatz zu anderen theoretischen Wissenschaften wird gerade in der Geschlechterforschung der neutrale Autor hinfällig. "Knowing a writer′s motive helps me to make sense of what she says." (Joyce Trebilcot) Die meisten Autorinnen bringen das Subjekt, also sich selbst als aktives ICH, in ihre Arbeit ein, um ihre Meinung konkret darzustellen und sich von anderen Meinungen abzugrenzen.
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Wiebke Bötefür, 2001, Das Ich und das Wir in der feministischen Theorie von Judith Butler, Munich, GRIN Publishing GmbH
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