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Erziehungsphänomene aus, einen Beitrag zur Wesensdeutung des Menschen leisten.
2. Zur Geschichte pädagogischer Anthropologie
Mit Beginn des abendländischen Denkens war die Anthropologie ein ständiger Begleiter der Anthropologie. Schon in den Schriften der Vorsokratiker, den Sophisten und Platon lassen sich Zusammenhänge zwischen Anthropologie und Pädagogik feststellen.
„Über die theologische Interpretation der Anthropologie bei Augustinus, Thomas von Aquin und den Scholastikern kommt es zur Verknüpfung von Pädagogik und Anthropologie in den Anfängen neuzeitlicher Pädagogik, bei Comenius im 17. Jahrhundert, bei Rousseau und Pestalozzi im 18. Jahrhundert, bei Kant, Herder und Humboldt im Zentrum der Aufklärung und Klassik, bei Schleiermacher in der romantischen Tradition". 2 Mit Beginn des 20. Jahrhunderts gewinnt Anthropologie in vielen Wissenschaften und vor allem in der Philosophie die Bedeutung einer Grundlagendisziplin. Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen etablieren unter dem Begriff „Anthropologie“ die Idee einer Philosophie, die die „vollständige“ Existenz des Menschen, seine Stellung im Kosmos“ (Scheler), seine Beziehung zur Welt und zum Anderen umfasst. In diesem Zusammenhang werden die „alten“ Themen Mensch und Tier, Mensch und Gott, Mensch als Geist und als Naturwesen, Mensch als zoon politikon (Gemeinwesen) im Rahmen einer „nichtspekulativen Anthropologie“ (Schultz) neu interpretiert. Diese neue Gewichtung bleibt auch für den Zusammenhang von Erziehung und Menschenbild nicht ohne Folgen. In all diesen Entwürfen sind insofern Aspekte pädagogischer Anthropologie schon enthalten. Wobei sich jede Epoche durch ein bestimmtes Verständnis des Menschen von der anderen unterscheidet. Gleichsam zeichnet sich auch jeder Kulturkreis durch ein bestimmtes Menschenbild aus.
3. Die anthropologische Besinnung in der Gegenwart und das Problem einer pädagogischen Anthropologie
Erst im 20. Jahrhundert wird der Mensch ein ausdrücklicher Gegenstand der Forschung. Da die Lebensgestaltung immer schwieriger geworden ist, treten immer mehr Fragen auf, die unter diesen neuen Gesichtspunkten beantwortet werden müssen. In diesem Zusammenhang spricht man dann auch von einer anthropologischen Wende, die man in den Geisteswissenschaften gleichermaßen wie in den Naturwissenschaften beobachten kann. Zu diesem Zeitpunkt gewinnt die anthropologische Fragestellung auch in den Erziehungswissenschaften an Bedeutung. Denn auch die pädagogischen
2 C.Wulf / J.Zirfas, 1994, S. 7
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Probleme, die man sich zu beantworten versucht, drängen darauf, eine genauere Sicht des Menschen zu gewinnen. 3
„So lässt sich mit einiger Evidenz von der Zeit zwischen 1955 bis 1975 als einer Zeit anthropologischer Besinnung in der Pädagogik sprechen.“ 4
4. Gegenstand und Aufgabe einer Allgemeinen Anthropologie
Da es der Erziehungswissenschaft, wie auch allen anderen
Einzelwissenschaften, niemals möglich sein wird, das menschliche Sein hinreichend zu erschließen, hat man sich nach Lösungen für dieses Problem umgeschaut.
Man versuchte eine Humanwissenschaft zu entwickeln, die alle Beiträge, die ihr wichtig erscheinen, zu einer umfassenden Lehre vom Menschen, einer wünschenswerten Allgemeinen Anthropologie, zusammenfasst. Da eine Allgemeine Anthropologie jedoch nur als Fernziel existiert, übernimmt diese Aufgabe die Philosophische Anthropologie. Diese führt die Erkenntnisse der Einzel- oder Regionalwissenschaften zu einem größeren Ganzen, zu einer Theorie des Menschseins, zusammen.
Ein Hauptproblem dabei ist, dass menschliches Sein wegen seiner Unabgeschlossenheit und der Offenheit des menschlichen Wesens nur schwer und nie restlos zu erfassen ist. Zum anderen kann es keinen gesicherten Maßstab geben, von dem her die Einzelbefunde der verschiedenen Wissenschaften interpretiert werden können. Außerdem sind nicht alle Erkenntnisse auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfbar.
Trotzdem unternimmt die Philosophische Anthropologie diesen Versuch, indem sie die erkundeten Fakten bzw. Phänomene in den einzelnen Humanwissenschaften unter einem ganzheitlichen Begriff zu erfassen sucht. Das bedeutet genauer, dass sie die Fakten bzw. Phänomene als Ausprägung einer Körper, Seele und Geist umspannenden Einheit sieht. Indem sie diese erfasst, versucht sie sie auf die ihnen vorausliegenden ungegenständlichen Voraussetzungen zurückzubeziehen und darüber hinaus aus einem umfassenden Seinsverständnis zu interpretieren. Die Philosophische Anthropologie ist in ihrem Gesamtentwurf demnach von Erfahrungsmaterial und philosophischem Denken durchdrungen. 5
5. Das Verhältnis von Anthropologie und Pädagogik -Aufgaben einer Pädagogischen Anthropologie
Das Verhältnis zwischen Anthropologie und Pädagogik ist eine sehr enges, da die pädagogische Theorie, wie auch die pädagogische Praxis auf anthropologische Erkenntnisse angewiesen ist. Die Art des Verhältnisses ist deshalb durch wechselseitiges Geben und Nehmen gekennzeichnet.
3 B. Hamann, 1998, S.11
4 C.Wulf / J. Zirfas, 1994 S. 12
5 B. Hamann, 1998, S. 11/12
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Die Anthropologie gibt ihre Befunde an die Pädagogik ab. Die Pädagogik übernimmt die Befunde, die sie für ihre Zwecke bzw. zur Lösung ihrer Probleme und Aufgaben verwerten kann. Und umgekehrt bemüht sich die pädagogische Forschung darum, ihre eigenen Einsichten über den Menschen zu einer anthropologischen Theorie beizusteuern.
Mit diesem Wechselverhältnis sind die Aufgaben der pädagogischen Anthropologie grob umrissen. Der Gegenstandsbereich der pädagogischen Anthropologie besteht demnach darin, einerseits einer Allgemeinen Anthropologie Beiträge zu liefern, indem sie pädagogische Phänomene auf die in ihnen zum Ausdruck kommenden allgemeinmenschlichen Wesenselemente hin befragt und andererseits anthropologische Befunde integriert, bevor sie diese auf die Verwertbarkeit für die pädagogische Fragestellung und die pädagogischen Probleme hin untersucht hat.
6. Die „Realistische Wende“ in der pädagogischen Forschung
In der Zeit zwischen 1955 bis 1975 entwickelt sich in der Pädagogik eine neue Fragestellung, „die als Koinzidenzpunkt pädagogisch-anthropologischer Ansätze gelten kann.“ 6 Dabei „handelt es sich nicht um eine neu zu begründende Disziplin, nicht um einen besondren Zweig, der dann im ganzen der Pädagogik eine besondre Aufgaben zu erfüllen hätte, sondern um eine die gesamte Pädagogik durchziehende Betrachtungsweise, [...] die von sich aus kein Ordnungsschema zu liefern imstande ist, das die einzelnen pädagogischen Fragen in einer neuen Weise zu einem Ganzen zusammenzufügen erlaubte. Die anthropologische Betrachtungsweise hat als solche keine systembildende Funktion. [...] Was sie herausarbeitet, sind immer nur einzelne Aspekte, sich von bestimmten Gesichtspunkten ergebende anthropologische Zusammenhänge.“ 7
„Auch wenn Bollnow nicht die systembildende Funktion dieser Bemühungen betont, so enthält das Programm pädagogischer Anthropologie einen systematischen Anspruch, „dessen heimlich geteilte Voraussetzungen wohl das eigentliche Problem der anthropologischen Betrachtungsweise innerhalb der Pädagogik sein dürften, die ihr Wissen und Handeln zunächst historisch im Hinblick auf ein mögliches ´Bild vom Menschen´ zu ordnen und zu reduzieren gedenkt, um daran anschließend systematisch das Insgesamt pädagogischer Kategorien einer wissenschaftlich anthropologischen Überprüfung zu unterwerfen“ 8
Prinzipiell dachte die pädagogische Anthropologie dieses Zeitraums systematisch. Man hatte sich zum Ziel gesetzt, Erziehung und Bildung auf ein neues Fundament zu stellen. Primäre Ziele waren Gewissheit, Stabilität, Eindeutigkeit und Universalität.
6 C. Wulf / J. Zirfas, 1994, S.12
7 O.F.Bollnow 1965 in C. Wulf / J.Zirfas S. 49 ff
8 J. E. Pleines, 1976, in C. Wulf /J .Zirfas, 1994, S. 190
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7. Die Konzeption Heinrich Roths 1906-1983
Programmatisch wurde „Die realistische Wende in der pädagogischen Forschung“ von Heinrich Roth eingeleitet.
Deshalb stammt der erste faktisch durchgeführte Versuch einer Pädagogischen Anthropologie von ihm.
Man sollte das Anliegen Roths unter dem geschichtlichen Hintergrund der Bildungskatastrophe der 60er Jahre in den Blick nehmen. Damals sah man die Effizienz der deutschen Bildungseinrichtungen deutlich in Frage gestellt. Er wollte dem Dilemma Abhilfe schaffen und bemühte sich deshalb um eine anthropologische Betrachtungsweise, die für die Klärung pädagogischer Probleme fruchtbar seine sollte. Denn bis dahin war die
geisteswissenschaftliche Methode, also das Verstehen und die hermeneutische Methode vorherrschend gewesen. Roth sah in dieser Betrachtungsweise das Problem und wollte eine sogenannte realistische Wendung einleiten. Seine Lösung sah folgendermaßen aus: Er brachte die Ergebnisse u nd Aspekte der anderen Sozialwissenschaften in das Feld der Erziehungswissenschaft selbst mit ein und nannte dies „ Eine unter pädagogischer Fragestellung forschende und datenverarbeitende Integrationswissenschaft.
Er brachte also zum einen theologisches u nd philosophisches Denken und zum anderen biologische, psychologische, soziologische und ethnologische Forschung zusammen.
Auf dieser Grundlage macht er sich Gedanken über Bildsamkeit, Erziehungsbedürftigkeit und Erziehungsspielraum und darüber hinaus entwickelt er eine einheitliche Theorie vom Menschen als Homo Educandus. Dabei hat er als Ziel der Erziehung immer den reifen und mündigen Menschen vor Augen.
Deshalb ist für ihn das primäre Ziel der Erziehung die Stärkung der zunehmenden verantwortlichen Handlungsfähigkeit, die in der
Auseinandersetzung zwischen Erbe und Umwelt zur freien sittlichen Entscheidung befähigt.
Lernen geschieht für ihn einmal aufgrund von Umwelteinflüssen und zum anderen aber auch in Selbstbestimmung und Selbstformung. Erziehung e ndigt deshalb auch „im Appell an die wachsende Selbsteinsicht und in der Selbsterziehung.
Roth hat sich zum Ziel gemacht, alle Beiträge zur Anthropologie, welche von den regionalen Anthropologien geliefert werden, „unter der pädagogischen Fragestellung auf ihren Ertrag für die Erziehung zu befragen und durch ihre eigenen Forschungen zu einer einheitlichen Theorie vom Menschen als einem Homo Educandus zu erweitern.“
Er bezeichnet die Pädagogische Anthropologie als eine „unter der pädagogischen Fragestellung forschenden und datenverarbeitenden Integrationswissenschaft.“
Die pädagogischen Anthropologie soll aus der wechselseitigen Erhellung von Bildsamkeit und Bestimmung auch die Wechselseitigkeit von Entwicklung und Erziehung bestimmen.
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8. Die Konzeption Josef Derbolavs 1912-1987
Für Josef Derbolav ist die pädagogische Anthropologie die Grundlage der Pädagogik. Ihr Gegenstand und Inhalt ist der unter Erziehungseinwirkungen aufwachsende Mensch.
Durch den Versuch, die Grundstruktur des Menschen herauszuarbeiten, soll die pädagogische Anthropologie die Wesensmerkmale des Menschen als erziehungsbedürftiges und erziehungsfähiges Wesen ins Licht gerückt werden. Derbolav erweitert den Gedanken Roths in dem Sinn, dass er der Meinung ist, die pädagogische Anthropologie trage nicht allein Sachwissen aus anderen Wissenschaften zusammen, sondern sie muß ein deren Einheit garantierendes Interpretationsprinzip aufweisen. Dieses Interpretationsprinzip beruht für
Derbolav auf weltanschaulicher bzw. philosophischer Besinnung: Er nennt es: das Prinzip der individuellen Selbstverwirklichung oder Personagenese. Der Kerngedanke der pädagogischen Anthropologie ist demnach die Personagenese, also die „Genese des Menschenkindes zum Erwachsenen“. Nur vor diesem Fundament lässt sich die Erziehungswirklichkeit bestimmen. Er meint, dass sich pädagogische Anthropologie als eine „Theorie der individuellen Selbstverwirklichung“ verstehen muß. Unter
Selbstverwirklichung versteht er eine monadologische Entwicklung im Sinne der Gewissensgenese: eine „genetische Aufbauordnung einander überhöhender und überformender Gewissensstrukturen.“ Über diese erwirbt bzw. verwirklicht der Mensch sozusagen stufenweise Menschlichkeit, sofern er sich fortschreitend mit neuen Erfahrungen konfrontiert sieht und diesen Erfahrungen entsprechende Durchbrüche zu neuem Sinngewinn erfolgen. Derbolav gliedert die Genese des Selbst in sechs Verfassungshorizonte des Gewissens auf.
Wie sich das Kind auf dem Weg des Erwachsenenwerdens diesen Verfassungshorizonten bewusst wird, ist dann jedoch nicht mehr die Aufgabe der Anthropologie, sondern der Allgemeinen Didaktik, Methodik und Curriculumtheorie.
Ihr Praxisbezug ist insofern gegeben, als sie ihr Selbstverständnis aus der pädagogischen Gesamtaufgabe, nämlich der sittlichen Genese bzw. Menschwerdung bezieht.
Derbolav sagt, die pädagogische Anthropologie darf nicht nur an ihrem theoretischen Anspruch gemessen werden, sondern auch an ihrem „Praktischwerden“.
9. Die Konzeption Otto Friedrich Bollnows 1903-1991
Bollnows Denken ist zu einem großen Teil von der Existenzphilosophie beeinflusst. Nach Meinung der Existenzphilosophen „vollzieht sich Erziehung immer als Anruf in Situationen, in denen sich der Mensch stets neu zu entwerfen hat“ 9 . Bollnow bezieht diese Betrachtungsweise insofern in seine Beziehungen mit ein als er bestimmte Phänomene, die das anthropologische Grundverständnis der Existenzphilosophie in das Licht gerückt hat und auf ihre pädagogische Bedeutung hin untersucht.
9 W. Böhm, 1994, S.213
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Indem er sich methodisch an die phänomenologische Herangehensweise hält, versucht er allgemeine Phänomene der menschlichen Existenz (z.B. Stimmungen, Tugenden, Mensch-Raum) zu beschreiben. Dabei versucht er durch die Beschreibung in die Tiefe zu dringen. Besonders achtet er dabei auf den Sprachgebrauch.
Inhaltlich ist sein Denken stark anthropologisch ausgerichtet. Er fragt über das bloße Erfassen der Phänomene hinaus nach ihrer speziellen Bedeutung im menschlichen Gesamtfeld bzw. er beleuchtet die Phänomene selbst aus dieser Perspektive. Insbesondere befragt er die Phänomene auch auf ihren Ort und ihre Relevanz im Erziehungsfeld.
Bollnow war wichtig, dass die bisher überlieferte Pädagogik, nämlich die dass Erziehung als ein stringenter Vorgang verstanden wird, grundsätzlich in Frage gestellt wird. Er wollte die überlieferte Pädagogik durch eine „Pädagogik unstetiger Vorgänge“ ergänzen. Für ihn gibt es Phänomene, die einen unstetigen Charakter besitzen, wie z.B. Krise, Erweckung, Ermahnung und Beratung.
Zusammengefasst beschreibt diese Betrachtungsweise das allgemeine methodische Prinzip Bollnows. Seine primäre Frage lautet: “Wie muß das Wesen des Menschen im ganzen beschaffen sein, damit sich diese besondre, in der Tatsache des Lebens gegebene Erscheinung darin als ein sinnvolles und notwendiges Glied begreifen lässt?“
An dieser Formulierung kann man erkennen, dass Bollnow von einer doppelten Fragerichtung ausgeht: nämlich einmal vom einzelnen (gegebenen) zum Ganzen und zum anderen vom (gewonnenen Verständnis des) Ganzen zum einzelnen (um das dann wiederum tiefer zu verstehen). Dabei ist offensichtlich, dass sich beide Fragestellungen wechselseitig bedingen. Diese
Betrachtungsweise nennt man anthropologische Reduktion. Ursprünglich versteht man unter Reduktion die Zurückführung des einen auf das andere, spezieller des Komplizierten auf das Einfachere. Reduktion ist also immer ein In - Beziehung - Setzen. Wenn man etwas in Beziehung setzt, dann erhellen sich die beiden Faktoren jeweils wechselseitig, also einmal das Wesen und dann wieder die einzelne Erscheinung. Deshalb sieht man auch das Wesen bzw. das Ganze sehr verschieden, je nach der Natur des einzelnen Phänomens. Das heißt, dass jedes einzelne Phänomen bzw. Jede einzelne Gruppe von Phänomenen zu einem anderen Aspekt des Ganzen führt. Ob dies dann ein überzeugendes Gesamtbild ergibt muß grundsätzlich offen bleiben. Bollnow ist demnach der Meinung, dass es grundsätzlich unmöglich ist ein geschlossenes Menschenbild zu bekommen. Daraus folgert er, dass man sich (nicht nur als Pädagoge) das Prinzip der offenen Frage zu eigen machen sollte. Hier stößt man gleichzeitig auf einen Schwachpunkt der anthropologischen Betrachtungsweise. Denn durch das Prinzip der offenen Frage dringt Bollnow nur bis zu Wesensaspekten des Menschen vor, bzw. er ist nicht in der Lage, eine umfassende Wesensformel des Menschen zu entwickeln und in die Pädagogik einzuführen.
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10. Die Konzeption Martinus Jan Langevelds 1905-1989
Langevelds Ansatz ist phänomenologisch, jedoch mit anderen Akzentuierungen als Bollnow.
Für ihn ist die Anthropologie die Grundlage für fast alle Wissenschaften, nicht nur für die Pädagogik. Sie wirkt also fächerübergreifend. Ihren Anfang fand sie in dem Bedürfnis, den Menschen wieder als Person und Individuum darzustellen, so wie er sich entwickelt hat. Die Grundlage für dies sind die Begriffe, die genauer definiert werden müssen.
Das Ergebnis sollte sein, Ziele festzulegen und zu verwirklichen. Dabei genügt es nicht, nur die empirischen Ergebnisse zu verwenden, sondern man muß auch gesellschaftliche und ethische Einflüsse berücksichtigen. Deshalb bemüht sich Langeveld darum, die Pädagogik unter anthropologischen Gesichtspunkten zu bearbeiten, da pädagogisches Denken und Handeln am Menschen ausgerichtet sein muß.
Langeveld ist sich sicher, dass jeder Mensch eine in sich stimmige Ganzheit ist und demnach jedes Leben sinnvoll ist. Deshalb hat auch jeder Mensch die Möglichkeit, zu seiner Bestimmung zu gelangen. Dazu benötigt er jedoch erzieherische Hilfe. Weiter ist er davon überzeugt, dass für eine Erziehungstheorie eine anthropologische Betrachtungsweise nötig ist. Diese gelangt seiner Meinung nach zu folgenden Erkenntnissen:
Der Mensch ist „animal educandum“, das bedeutet, dass der Mensch auf der einen Seite erzogen wird, jedoch umgekehrt auch selbst erzieht. Zum anderen sucht sich der Mensch stets selbst zu erkennen. Weiterhin ist der Mensch ein Wesen, das durch Situationen bedingt wird, diese aber auch selbst schafft. Er ist also stets aktiv, um sich selbst weiterzuentwickeln.
Daraus ergeben sich gleichsam die Funktionen der Anthropologie im Rahmen der Pädagogik.
Sie soll dem Pädagogen eine Theorie vom Wesen des Kindes verfügbar machen um neue Perspektiven auf das Sein des Menschen zu eröffnen. Außerdem sind anthropologische Erkenntnisse notwendig, um den Lebenssinn und die Bestimmung des Erziehungsziels erkennen und deuten zu können.
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Literaturangaben
• W. Böhm : Wörterbuch der Pädagogik. 14.,überarbeitete Aufl.,
Stuttgart, Kröner Verlag 1994.
• B. Hamann : Pädagogische Anthropologie. 3.Aufl., Bad Heilbrunn,
Klinkhardt 1998
• C. Wulf / J. Zirfas : Theorien und Konzepte der pädagogischen
Anthropologie. Hg. von J. Petersen / G .B. Reinert. Donauwörth ,Auer Verlag 1994.
• H. Zdarzil: Pädagogische Anthropologie.2.Aufl., Graz, Styria Verlag
1978
15 s.o. S.26/27
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Katrin Petersdorf, 2001, Ansätze einer Wissenschaft vom Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
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