Inhaltsübersicht
Teil I: Grundlagen
Du weißt ja gar nicht, wie gut du’s hast
Mein Weg aus der Anthroposophie
Gibt es Richtig und gibt es Falsch?
Die Wirklichkeit richtig oder falsch lernen - Religion und Philosophie sind auf
ihren Gehalt an Richtig und Falsch überprüfbar - Eine Existenz ist nicht in
gedankliche Form übertragbar - Richtiges und falsches Denken
Die Funktion des Denkens
Informationen richtig bewerten - Denken heißt verarbeiten, nicht wahrnehmen
- Wahrgenommene und eigene Bilder
Der Irrtum von Geist und Körper
Geist ist das Innen, Materie ist das Außen einer Existenz - Eine primitive
Materievorstellung machte die Einführung "geistiger Welten" nötig - Verhältnis
zum Leib und zum eigenen Innenleben
Teil II: Briefauszüge
Einleitung und Brief an Biene vom 20/5/96
Heinrich Jacoby's Entdeckungen
Brief an Roland ohne Datum
Gut und Böse - Höher und tiefer stehend
Brief an Roland vom 23/10/96
Geist und Körper - Eigenliebe und Nächstenliebe
Brief an Roland vom 11/12/96
Antworten selbst finden - Meinung und Wirklichkeit
Brief an Roland vom 1/1/97
Wahrnehmung und Denken - Die Notwendigkeit, an die Wirklichkeit draußen
zu glauben - Bilder der eigenen Wirklichkeit - Kausalität zwischen Krankheit
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und Seele - Echte und falsche Gefühle - Verletzungen - Schlaf und Tod -Jacoby über Phantasie • Brief an Roland vom 28/1/97
Das Denken ist keine Wahrnehmung - Begriffe sind Hinweisschilder - Außen und Innen • Brief an Roland vom 20/5/97
Sektenmerkmale - Dünkelhaftigkeit gegenüber andersartigen Menschen • Brief an Roland vom 23/6/98 Denken und Wirklichkeit • Brief an Roland vom 21/8/98
Richtig und Falsch auf der Grundlage der Wirklichkeit - Raum und Zeit -Jacoby über Geist und Körper • Posthumes Gespräch mit Vater
Leben nach dem Tod? - Vererbung - Grenzen des eigenen Wesens -Vermutete Loslösung der Seele vom Körper
Teil III: Nachträge • ”Übersinnliche Erfahrungen”
Räumlicher Vorgang - Übertragungswege - Zeiten emotionaler Belastung -Nicht glauben, sondern prüfen - Qualitäten der Wahrnehmung - Erziehung zur Glaubensbereitschaft • Nachtrag zum Thema Christentum
Aberglaube und angelernte Liebe - Gefahr der Bildersprache - Unseren "lieben Gott" durch die Wirklichkeit ersetzen - Liebe braucht keinen dogmatischen Glaubenshintergrund - Glaubensfrage • Nachtrag zum Thema Naziverbrechen
Familiäre Verstrickung - Argwohn verhindert das In-Kontakt-kommen -Embryonenhafte Ansätze - Gedankliche Bilder untergraben die Ehrfurcht -Jacoby über Gut und Schlecht • Welche Schule brauchen wir?
Zwei Verhaltensmöglichkeiten - Waldorfpädagogik ohne Reformen - Das
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eigene Interesse als Grundlage fruchtbaren Erarbeitens - Jacoby über zweckmäßiges Verhalten • Schlußwort
Teil IV: Leserreaktionen • Zuschriften • Brief von R. K. Anthroposophie am eigenen Leib erfahren • Gespräch mit M. E. Eine andere Auffassung von Anthroposophie • Gespräch mit H. Z. Wahrnehmung und Kreativität • Gespräch mit H.S.
Grenzen der Erkenntnis - Hellsichtigkeit? Zur Überprüfbarkeit von Steiners Aussagen - Glauben oder Prüfen - Die Früchte der Anthroposophie - War Steiner Rassist? • Gespräch mit S. H. Musik • Gespräch mit S. C. Objektive und subjektive Realität • Gespräch mit einer anonymen Leserin Christentum • Gespräch mit S. W. Alle Standpunkte tolerieren? • Gespräch mit einem Musikstudenten Klavierunterricht, Improvisation • Fragmente aus Briefen an meinen Neffen Jun
Zusammengestellt aus Emails, die ich ihm schrieb, nachdem er mein Grünes Heft ins Internet gestellt hatte
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort 1
Inhaltsübersicht 2
Inhaltsverzeichnis 5
Teil I: Grundlagen 7
"Du weißt ja gar nicht, wie gut du’s hast" 7
Gibt es Richtig und gibt es Falsch? 9
Die Funktion des Denkens 10
Der Irrtum von Geist und Körper 12
Teil II: Briefauszüge 15
Einleitung 15
Brief an Biene Uhde 16
Ausz üge aus Briefen an meinen Bruder Roland 18
Posthumes Gespräch mit Vater 33
Teil III: Nachträge 38
"Übersinnliche Erfahrungen" 38
Nachtrag zum Thema Christentum 42
Nachtrag zum Thema Naziverbrechen 44
Welche Schule brauchen wir? 49
Schlu ßwort 55
Teil IV: Leserreaktionen. 57
Zuschriften 57
Brief von R. K. 67
Gespr äch mit M. E. 70
Gespr äch mit H. Z. 75
Gespr äch mit H.S. 82
Gespr äch mit S. H. 113
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Gespr äch mit S. C. 117
Gespr äch mit einer anonymen Leserin 120
Gespr äch mit S. W. 123
Gespr äch mit einem Musikstudenten 125
Fragmente aus Briefen an meinen Neffen Jun. 130
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Teil I: Grundlagen
"Du weißt ja gar nicht, wie gut du’s hast"
Ich entstamme einer durch ihren Vater tief anthroposophisch geprägten Familie und wurde in dem ehrlichen Glauben erzogen, Rudolf Steiners Sicht der Dinge sei die einzig wahre und der von ihm gewiesene Weg der einzig gangbare in diesem Leben. Schon früh aber begann sich in mir ein Konflikt anzubahnen. Die Beteuerungen meiner Eltern und meiner Geschwister, später dann auch meiner Lehrer in der Waldorfschule, wie gut ich’s hätte mit einer solchen Erziehung, standen in wachsendem Widerspruch zu meinem tatsächlichen Lebensgefühl, das in dieser Zeit alles andere als glücklich war und von dunkler Angst, Appetitlosigkeit, Bauchweh und dem schlimmen Gefühl, minderwertig zu sein und nicht ernstgenommen zu werden, beherrscht wurde. Neben schwierigen persönlichen Konstellationen, die hier nicht erörtert werden sollen, war die anthroposophische Weise, unsere Wirklichkeit, unsere Mitmenschen zu sehen und zu beurteilen, ein entscheidender Grund für meine innere Zerrissenheit.
Irgend etwas in mir hat wild rebelliert gegen das Bild mit den vielen Daseinsformen, aus denen ich angeblich bestünde, denn wo war ich? Mit was von alldem sollte ich mich identifizieren? Mit meinem "banalen Körper", den man nach dem Tod als "leere Hülle" zurückläßt? Dann schon lieber mit meinem "unsterblichen Geist". So hab ich mich zunächst mit Feuereifer auf die Anthroposophie gestürzt, um mir meine "geistige Existenz" zu beweisen, habe Steiners wichtige Werke wie die "Philosophie der Freiheit" Kapitel für Kapitel mehrmals gelesen und schriftlich festgehalten, habe es auch in der Länge der von Steiner empfohlenen Konzentrationen ein ganzes Stück weit gebracht, habe neben diesen Konzentrationen ständig versucht, die Welt und mich selbst zu verstehen und zu erkennen, habe zeitweise wirklich wie ein Besessener nachgedacht, tagelang, wochenlang, bin oft in den Wald gefahren, um mich irgendwo ins Gestrüpp zu legen und tief denkend meine Existenz zu finden. Doch auf jede Antwort, die ich fand, und die ein kurzes Glücksgefühl in mir wachrief, folgten sofort hundert neue Fragen, Zweifel und die alte Existenzangst. Bis eines Tages der Moment kam, wo sich mir das Denken selbst zu erkennen gab, wo ich merkte, was ich da eigentlich versuche, wenn ich etwas gedanklich begreifen will,
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daß ich nachbilden, sein will, was schon da ist, und wie unmöglich ein solches Unterfangen ist. Mein gesamter kunstvoll zusammengesetzter Gedankenaufbau stürzte zusammen und ich war gezwungen, seit Jahren einmal wieder mit freiem, leerem Kopf, beinahe etwas blöd, nur aus meinen Augen zu sehen und so an die Dinge zu glauben, wie ich sie sah und hörte und fühlte. Und endlich spürte ich wieder echte Kraft in mir, ich fühlte mich ein bißchen wie neu, ich war glücklich, die Wirklichkeit um mich zu haben, und fast von einem Tag auf den anderen hat sich mein Kopf beruhigt, hat sich alles im wahrsten Sinne des Wortes an den richtigen Platz gerückt.
Es geht mir im folgenden nicht darum, Menschen anzuklagen, sondern lediglich darum, einen Beitrag zu einem besser funktionierenden Kontakt mit der Wirklichkeit und auch zwischen Menschen zu leisten, und in diesem Zusammenhang das mir durch meine Erziehung vermittelte Weltbild auf seine Gültigkeit hin zu überprüfen. In anthroposophischen Kreisen wird Kritik meist dort akzeptiert, wo sie sich auf konkrete Mißstände etwa in der Waldorfschule, oder auch auf die charakterlichen Veränderungen anthroposophisch denkender Menschen bezieht. Jenes Typische, Schwebende, Erleuchtete, das viele Anthroposophen annehmen, wird meist ohne weiteres selbstkritisch zugegeben. Man weigert sich aber, einen direkten Kausalzusammenhang zu Steiners Philosophie zu sehen, diese Wirkungen seien also nicht intendiert, sondern man habe Steiner eben noch nicht verstanden oder gar mißbraucht. Steiners komplizierte Gedankengebäude, obwohl durch keine Wahrnehmung je bestätigt, werden geglaubt wie die Erzählung von einer fernen Insel, die man selbst noch nie gesehen hat, und sind für Kritik weitgehend tabu. Ich möchte nun aber genau diesen philosophischen Hintergrund in Frage stellen, denn ich glaube, daß er die Ursache ist gerade für jene charakterlichen Verstörungen, daß diese also nicht trotz Steiners Einfluß eintreten, sondern geradezu zwangsläufig von ihm hervorgebracht werden.
Auf welcher Grundlage aber soll das geschehen, wenn es mehr sein soll als ein belangloses Austauschen von "Meinungen", "persönlichen Ansichten" oder "Denkmöglichkeiten"? Damit kommen wir zur ersten Frage:
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Gibt es Richtig und gibt es Falsch?
Ein Mathematiker hätte sicherlich keine Schwierigkeiten, diese Frage mit ja zu beantworten, ebensowenig ein Naturwissenschaftler, und wohl auch ein Musiker nicht, wenn er an falsch gelernte Töne denkt, das heißt überall da, wo feste Voraussetzungen wie die Gesetze der Natur oder auch von Menschenhand geschaffene wie ein Notentext vorliegen, gibt es die Möglichkeit, diese Voraussetzungen richtig oder falsch zu erfassen, zu interpretieren, zu lernen. Wenn wir aber in philosophische oder religiöse Bereiche vorstoßen, scheint die Frage von richtig und falsch plötzlich nicht mehr so eindeutig zu sein, sondern da geht es jetzt um eine Vielzahl verschiedener Glauben und Mysterien, und unsere Phantasie erhält die Erlaubnis, sich ungehemmt ausleben zu dürfen. Ich will im folgenden versuchen zu verdeutlichen, daß auch Religion und Philosophie auf der Grundlage der Wirklichkeit auf ihren Gehalt an Richtig und Falsch überprüfbar und an ihm zu messen sind, und durchaus nicht das Recht haben, hinter einem angelernten Glauben oder gar auf Grund einer behaupteten "Hellsichtigkeit" eines Einzelnen die eigenen Gedankengebäude als neue Wirklichkeiten verkaufen zu dürfen. Die Wirklichkeit, von der die Naturwissenschaften ja nur einen kleinen "Anteil" zu erfassen vermögen, nämlich die Klärung dessen, was von außen verstehbar ist und durch die Wahrnehmung bestätigt werden kann, hat für jede seriöse religiöse oder philosophische Auseinandersetzung die Grundlage und den Prüfstein zu bilden, hat unser Gott zu sein, wenn man nicht hoffnungslos ins Falsche abschweben will. Wer an dieser Stelle bereits Zweifel hat, wird an meinem Heftchen wohl kaum Freude haben.
Woher kommt nun die relative Klarheit und Unstrittigkeit auf der naturwissenschaftlichen Seite und eine solche Fülle mehr oder weniger nebuloser Ahnungen auf der religiösen und philosophischen Seite? Weil es bei dieser "anderen Seite" um die Frage nach dem "Innen" geht, nach dem Sein. Da jedes Ding aber nur sich selbst sein kann, und da auch wir nur uns selbst sein können, kann es nicht darum gehen, eine "richtige" Antwort auf diese Frage zu finden, wie Religion und Philosophie das seit Urzeiten vergeblich versuchen, sondern es kann nur darum gehen, einzusehen, daß die Beantwortung dieser Frage ein Ding der Unmöglichkeit ist. Denn das Sein eines Dinges ist nicht übertragbar, und schon gar nicht in gedankliche Form.
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Die Wirklichkeit ist ein einziges Wunder und Rätsel, das aus der Unendlichkeit kommt und in die Unendlichkeit geht. Wir können mit diesem Wunder in Kontakt kommen, sind ein Teil von ihm, aber wir können es in unserem Kopf nicht ein zweites Mal erschaffen. So ist ein Denken, das die Grenzen seiner Erkenntnisfähigkeit klar erkennt und sich in den Dienst eines sinnlichen Kontakts mit der Wirklichkeit stellt, richtig, ein Denken aber, das diese Sinneseindrücke dazu mißbraucht, eine eigene Wirklichkeit zusammenzuschustern, und an diese dann womöglich mehr glaubt als an die reale, falsch. Damit soll nun nicht die Freiheit unseres Denkens oder unserer Phantasie eingeschränkt werden. Man darf mit seinem Denken anstellen, was man will, nur: Man sollte wissen, was man tut, man sollte merken, wenn man den Kontakt mit der Wirklichkeit verläßt, sonst wird man sehr schnell zum Opfer seiner eigenen Vorstellungswelt.
Die Funktion des Denkens
Unser Bild, unser Verständnis der Wirklichkeit wird gebildet durch die Informationen, die in unser Bewußtsein dringen, und, durch das Gedächtnis festgehalten, nun in unserem Kopf als das weiterleben, was wir unser Denken nennen. Wenn wir nun bestrebt sind, den Inhalt unseres Denkens in größtmögliche Übereinstimmung mit den originalen Existenzen der Wirklichkeit zu bringen, also richtige Bilder und ein richtiges Verständnis der Wirklichkeit in uns zu tragen, müssen wir vor allem zwei Dinge erkennen: Erstens, daß eine Information nicht dasselbe ist wie die reale Existenz, von der sie abgegeben wurde, das heißt wir müssen erkennen, daß wir mit unserem Denken niemals das Sein, die Wahrheit einer Sache in unseren Kopf holen können, sondern nur das, was als Information über die Wahrnehmung von uns aufnehmbar ist. (Wenn Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit", Kapitel 5 "Das Erkennen der Welt", schreibt: "Die Frage nach dem Was einer Wahrnehmung kann also nur auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht", so formuliert er damit genau diese Verwechslung des eigenen Innenlebens mit dem Sein fremder Existenzen.) Wir können also mit unserem Denken den Kontakt zu einer fremden Existenz vertiefen, das heißt, das Denken kann unser Wahrnehmungssystem strukturieren zu der Fähigkeit, die Informationen, die uns von einer Existenz
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erreichen, immer genauer zu empfangen, aber wir können diese fremde Existenz niemals selbst sein.
Der zweite Punkt, der sorgfältig zu überprüfen ist, um ein richtiges Funktionieren unseres Denkens zu gewährleisten, ist die Klärung der Herkunft einer jeden Information, die uns erreicht, das heißt zu unterscheiden, ob es sich um eine Originalinformation aus erster Hand, eine Wahrnehmung handelt, oder ob sie lediglich von anderen Menschen übernommen wurde oder aber das Produkt eines eigenen gedanklichen Nachbildungsversuchs ist. In diesem zweiten Fall wäre sie unbedingt als aus zweiter Hand stammend zu bewerten, es sei denn, sie bestätigt sich durch eine direkte Wahrnehmung. (In diesem Zusammenhang erscheint Steiners Suggestion, man müsse seine Gedanken nur oft genug lesen und verinnerlichen, dann würden es eigene Gedanken und Erkenntnisse werden, in einem besonders fragwürdigen Licht, als Versuch nämlich, im anderen das Vertrauen zur eigenen sinnlichen Wahrnehmung und zur eigenen Fähigkeit der Beurteilung und Wertung zu untergraben.) Ein gedanklicher Prozeß darf niemals als direkter Wahrnehmungsprozeß interpretiert werden, wie das wiederum Steiner tat, wenn er seine Gedanken als Wahrnehmungen aus "höheren Welten" verstanden wissen wollte, nein, unser Gedankenleben ist ein Verarbeitungsprozeß realer Sinneswahrnehmungen und muß unbedingt in diesem Sinne bewertet werden. Wem das nicht spontan einleuchtet, der möge einmal folgende Punkte prüfen: 1.) Gibt es irgend etwas in der Substanz unseres Denkens, das nicht ursprünglich durch die Sinnesorgane (wozu übrigens die gesamte Hautoberfläche, eigentlich jede empfindungsfähige Stelle des Körpers zu rechnen ist), empfangen wurde? 2.) Wenn eine Wahrnehmung real ist, das heißt wenn es eine Botschaft ist, die von einer fremden Existenz zu mir kommt, habe ich keinen Einfluß auf sie, ich kann sie höchstens ignorieren, aber ich kann, was ich beispielsweise sehe oder höre, nicht verändern, da es wirklich von außen zu mir kommt. Mit einem inneren Bild aber kann ich anstellen, was ich will, da es ein Vorgang in mir selbst ist, ganz abgesehen davon, daß es qualitativ, was Klarheit und Differenzierung angeht, weit hinter einem real gesehenen Bild zurückbleibt, und nur in Ausnahmesituationen, in manchen Träumen, unter Drogeneinfluß usw. in die Nähe einer realen Wahrnehmung
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gelangen kann. Natürlich haben wir in diesen Zuständen, wenn das Bewußtsein ausgeschaltet ist, keinen bewußten Einfluß auf unser Innenleben, aber es ist auch keine Wahrnehmung möglich, und man möge sich davor hüten, es als eine von außen kommende Wahrnehmung zu mißdeuten, denn es handelt sich um einen Zustand, in dem die Kräfte in uns, darunter auch die Erinnerungen an unsere Sinneswahrnehmungen, frei spielen können, ohne sich reflektierend zu kontrollieren. Zwar ist das Denken bei einem realen Wahrnehmungsprozeß von Anfang an direkt beteiligt, indem es beispielsweise die durch die verschiedenen Sinnespforten empfangenen Eindrücke koordiniert und mit dem Gedächtnis die Perspektive der Zeit zu erfassen ermöglicht, aber es ist nie selbst Wahrnehmung.
Der Irrtum von Geist und Körper
Die Vorstellung, der Mensch bestünde grundsätzlich aus zwei verschiedenen Daseinsformen, die sich trennen können, resultiert daraus, daß man zwei verschiedene räumliche Standorte der Betrachtung mit zwei verschiedenen Existenzformen verwechselt. So wird das Erleben der eigenen Existenz von innen, das Seinserlebnis, zu etwas "Geistigem", das Erleben dieser eigenen Existenz oder fremder Existenzen über die Wahrnehmung von außen zu etwas "Materiellem". So wenig aber sich ein reales Sein von seiner Außenansicht trennen kann, so wenig ist eine Trennung von "Geist" und "Körper" möglich, sondern es handelt sich um verschiedene "Schauseiten" einer Identität, einer ganzheitlichen Organisation. Der Irrtum des chemisch-physischen, des materiellen Bildes von der Wirklichkeit besteht darin, zu glauben, das Wunder einer Existenz mit dem, was ein menschlicher Verstand von außen an ihm erkennen und beobachten kann, bereits in seiner Ganzheit erfaßt zu haben. So wird eine "niedere", "banale", jämmerliche Daseinsform erschaffen, die es in Wirklichkeit nicht gibt, und die gar nicht existieren könnte. So etwas, als das beispielsweise der Körper wissenschaftlich gesehen wird, kann kein Mensch sein, man kann es nur so sehen, von außen. Auch wenn man dem Körper eine von mir unabhängige Existenz zuspräche, könnte er so etwas nicht sein, er könnte sich nur so im Spiegel sehen, oder indem er seinesgleichen seziert.
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Der Glaube an "höhere geistige Welten" beruht im Grunde auf genau demselben Irrtum, nämlich auf der Annahme einer solch "niederen" materiellen Existenz. Da man aber in diesem Materiebild das Wunder des Lebens und des Daseins nicht entdecken konnte, mußte man neu erfundene "geistige Existenzen" einführen, um zu einer Erklärung zu kommen. (Wenn sich also beispielsweise etwas Lebendiges bewegt, kann Steiner sich das nur erklären, indem er sich einen "Geist" vorstellt, der die "Materie" bewegt, denn dieser selbst traut er das Wunder nicht zu. Beim "Geist" angelangt aber hört er auf, zu fragen: Wer bewegt den Geist? In dieser abstrakten Form glaubt er an das Wunder des Sichbewegens. Wir sollten an dieses Wunder aber genau an der Stelle glauben, an der es tatsächlich geschieht.) Übersehen wurde dabei, daß diese "geistigen Existenzen" niemals über die Wahrnehmung empfangen wurden, (es sei denn, man maßte sich spezielle "Wahrnehmungsorgane" und "Hellsichtigkeit" an), sondern der gedanklichen Auseinandersetzung mit realen Sinneswahrnehmungen entsprangen und dem Bemühen, diese in ihrer Komplexheit zu begreifen.
Die zwei Erlebnisorte einer Existenz, nämlich das Sichsein, die eigentliche Wahrheit, auf der einen Seite, und das von außen Wahrnehmbare auf der anderen Seite, sind in vollkommen unvereinbarer Weise verschieden. Trotzdem geht es zwingend um ein und dieselbe Identität. In Bezug auf den Menschen bedeutet das also: Geist und Körper sollten nicht eine Einheit bilden, wie das die gängige Vorstellung ist, nein, sie sind bereits ein und dasselbe. Die Begriffe "Geist" und "Körper" sind nur dann anwendbar, wenn man etwa die Funktionen des Kopfes von den Funktionen des Leibes unterscheiden will.
Die Überwindung der Geist-Körper-Vorstellung bedeutet keinesfalls ein Ignorieren all des Wunderbaren, das man sich bisher glaubte, "geistig" vorstellen zu müssen. Sie bedeutet im Gegenteil ein Abschied von jeder Art banal materialistischer Wirklichkeitsvorstellung. Nicht das Wunderbare ist das, was es nicht gibt, sondern das Banale.
Welche Konsequenzen ergeben sich nun aus derartigen Einsichten? Das oft geringschätzige Verhältnis vorallem mehr "geistig" orientierter Menschen zu ihrem Leib und zu ihrer sinnlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit sollte ersetzt werden durch den wissenden Glauben, daß wir diesen Leib selbst sind und daß wir mit
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dieser Wahrnehmung Kontakt mit der Außenseite von etwas haben, dessen Innenseite in seinem Wunder für uns unerreichbar ist, ob es sich nun um ein Lebewesen oder einen "toten" Gegenstand handelt. Und die starke Überbetonung des eigenen Innenlebens wieder vorallem jener "geistig" orientierten Menschen und seine Einschätzung als neue "geistige Umwelt" sollte revidiert werden durch das Wissen, daß es sich bei diesem Innenleben ausschließlich um das eigene Innen handelt, in unserem Kopf und Leib lokalisierbar ist und nicht mit der Umwelt verwechselt werden darf.
Wir sollten versuchen, die Wunschvorstellung von einem Weiterleben dieses eigenen Innern nach dem Tod zu überwinden und uns als das annehmen, was wir sind: Eine lebendige stoffliche Existenz, die nach dem Tod in einen größeren Zusammenhang zurückkehrt.
Und unsere jenseitig orientierten Religionen sollten durch den Glauben an das Wunder der Wirklichkeit erneuert werden.
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Teil II: Briefauszüge
Einleitung
In den vergangenen Jahren hatte ich einen intensiven Briefwechsel mit meinem Bruder Roland, der immer mehr zu einer Aufarbeitung meines Konflikts mit meinem anthroposophischen Elternhaus wurde und durch den ich angeregt wurde, meine Sicht der Dinge nach und nach ausführlich niederzuschreiben und schließlich auch dieses Heftchen zu verfassen. Im folgenden will ich nun auf meine ursprünglichen Briefformulierungen zurückgreifen, soweit sie die anstehenden sachlichen Themen betreffen, weil ich das Gefühl habe, daß ich mich da spontaner und lebendiger ausdrücken konnte als in der anfangs versuchten Fassung ohne direkten Ansprechpartner, auch wenn sicherlich die Ordnung zu wünschen übrig läßt (ich habe einfach chronologisch geordnete Brieffragmente aneinandergereiht) und sich das eine oder andere wiederholt. An einigen Stellen habe ich Änderungen oder Ergänzungen vorgenommen und auch verschiedene Briefe miteinander kombiniert, wenn ich damit das Gemeinte klarer machen konnte. Gerne hätte ich auch Rolands Erwiderungen abgedruckt, bekam dafür aber leider keine Genehmigung. Entzündet hat sich dieser Dialog an der Kriegsvergangenheit meines Vaters mit seinen Brüdern und deren Vater Hermann, die uns erst jetzt in Form von Briefen näher bekannt wurde. Daher geht es zunächst auch um moralische Fragen wie "Gut" und "Böse", und ich habe am Ende noch einige Gedanken zum Thema Naziverbrechen angefügt.
Da in den Briefen immer wieder von Heinrich Jacoby die Rede sein wird, soll den Anfang aber ein Brief von mir an Biene Uhde bilden, in dem ich ihr in groben Zügen von den Entdeckungen dieses Forschers und Pädagogen berichte, die ich hier hauptsächlich auf das Klavierspiel beziehe, die aber für alle Lebensbereiche hilfreich sind.
Beim Studium von Jacobys Arbeit, die mir erst kürzlich bekannt wurde, hatte ich das Gefühl, endlich einmal jemandem zu begegnen, der von der gleichen Wirklichkeit
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spricht, die ich erlebe, der von Menschen spricht, die gleich gebaut sind und gleich funktionieren wie ich, und der diese Funktionsweise wie kein anderer durchschaut hat. Daher ist es mir ein Anliegen, Interesse zu wecken für diese Art des echten, funktionierenden und daher hilfreichen Realismus, in dem ich die Innovation sehe, die wir vorallem im Schul- und Erziehungsbereich so dringend brauchen. Sein Hauptwerk "Jenseits von ‘Begabt’ und ‘Unbegabt’ ", in dem in Form von Kursprotokollen die Grundlagen "zweckmäßigen Verhaltens" als Voraussetzung für die Entfaltung des Menschen dargestellt sind, sei hiermit wärmstens empfohlen.
Brief an Biene Uhde 20/5/96
Liebe Biene! [...] Ich will versuchen, auf Deine Frage nach der Technik ein wenig einzugehen. Welches Jacoby-Buch hast Du erwischt? Für mich sagt er alles über Technik, was es Nützliches zu sagen gibt. Sein Ansatz ist ja der des "zweckmäßigen Verhaltens", das heißt eine Besinnung auf ein der eigenen "biologischen Ausrüstung" gemäßes Verhalten, wobei es nicht darum geht, diese Ausrüstung verbessern zu wollen, was erstens nicht geht und zweitens nicht nötig ist, da diese Ausrüstung in einzigartiger Weise komplett ist. Es geht vielmehr darum, das, was ohnehin vorhanden ist, zuzulassen, Vorgänge, die sich ohnehin abspielen, geschehen zu lassen, nicht mehr "machen wollen", was mit unserem beschränkten Wissen gar nicht geht, sondern "Es" machen zu lassen. Es geht also darum, unser Bewußtsein "auf Empfang" zu stellen, nicht mehr zu kommandieren und zu "machen", sondern "antennig" wahrzunehmen, was und wie etwas geschehen will. Wir haben eigentlich nur die Wahl, die Vorgänge in uns, unsere Bewegungen entweder geschehen zu lassen oder sie zu stören, was wir tun, wenn wir sie "machen" wollen. Unser Bewußtsein hat gar nicht die Möglichkeit, eine Bewegung zu "machen" - man stelle sich nur einmal vor, welch ungeheures Wissen um die anatomischen oder gar mikrobiologischen Vorgänge dafür nötig wäre. Daher führt jeder Versuch, dies trotzdem zu tun, zu einer Störung der betroffenen Vorgänge. Ein zweckmäßig eingesetztes Bewußtsein gibt einer Bewegung die Möglichkeit, sich zu steuern, darf sich aber nicht in den Vorgang einmischen, sondern sollte zulassen, was ohnehin
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unbewußt abläuft. Auf den bewegungsmäßigen Aspekt des Klavierspiels bezogen bedeutet das, die Empfindungen im Körper, in der Hand, aufzunehmen, zu fragen, wie sich die Finger selbst bewegen wollen, die Kräfte zu spüren, die nötig sind, um beispielsweise einen Finger zu heben, das heißt zu spüren, welches Gewicht bewegt werden muß, welchen Druck die Tasten entgegenbringen, also "anwesend" zu sein und mit der Aufgabe "in Kontakt" zu kommen. Das A und O ist aber das Ohr, welches die Finger in viel feinerer und sinnvollerer Weise leiten kann als die Konzentration auf die Bewegung als solche.
Interessant ist auch, daß sämtliche Wahrnehmungsvorgänge wie Sehen und Hören usw. umso vollkommener sind, je weniger wir sie bewußt herbeiführen, "machen" wollen. Jeder Muskel, der sich durch "angestrengtes Hinhören", "genaues Hinsehen" usw. spannt, behindert und stört den Vorgang, der sich ja vollkommen und zwingend von selbst abspielt. Es geht also auch darum, das Bewußtsein und die Wahrnehmung geschehen zu lassen, also einen Zustand der Stille zu erreichen, in der sich alle Vorgänge in der ihnen gemäßen Weise abspielen können, die Kraft, das "Es" zu spüren, welches tatsächlich alles ordnet und steuert. Wenn dann Kunst in dieser Weise "geschieht", ist es auch nichts "Höheres" mehr, was nur Auserwählte erreichen, sondern ein ganz natürlicher Vorgang, der jedem Menschen möglich ist und innewohnt. Ich könnte noch viel mehr schreiben, aber ich glaube, Jacoby sagt es klarer, und so hoffe ich, daß Du "Jenseits von ‘Begabt’ und ‘Unbegabt’ " noch irgendwie auftreiben und diese Schätze selbst heben kannst. Eine seiner äußerst heilsamen Anregungen ist: Hab keine Angst, etwas falsch zu machen. Mache mit Freude falsch, denn wir entdecken das Richtige nur im Gegensatz zum Falschen. Und selbst das Richtige ist solange falsch, solange es nur angelernt und nicht selbst erarbeitet und als richtig erkannt wurde. Er verweist immer wieder auf die Art, wie Kleinkinder sprechen lernen, wie aus einem völlig unbeholfenen Plappern die perfekte Beherrschung der Muttersprache wird, ohne daß man sich je über Zungenstellungen und Lippenbewegungen Gedanken gemacht hat. Das wäre die ideale Weise, zur Musik zu kommen, wobei man erst zum Instrument greifen sollte, wenn die eigene Stimme nicht mehr ausreicht für die einem innewohnende Musik und man dann das Klavier (oder andere Instrumente) wirklich als Instrument, als Hilfsmittel begreift. Improvisierend müßte man sich dann mit dem
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Klavier vertraut machen, bevor man bereits geschriebene Stücke anderer Leute studiert. Ich kann diesen Weg mit meinen Kindern noch kaum gehen, denn ich bin ihn selbst nicht gegangen, obwohl ich mich erinnern kann, wie ich stundenlang "herumgeklimpert" habe, bevor ich den ersten "ordentlichen" Unterricht bekam. Und ich sehe natürlich auch, wie vollkommen sich die Haltung eines Kindes verändert, wenn es nach dem Abbuchstabieren eines C-Dur-5-Ton-Stücks dazu aufgefordert wird, einmal einfach draufloszuspielen, was ihm gerade einfällt, etwa nur auf den schwarzen Tasten mit viel Pedal, damit es "chinesisch" klingt. Unterstütze also den Improvisiertrieb und verzichte auf Fingerübungen. Fingerübungen sind nur dann sinnvoll, wenn das Kind selbst merkt, daß es eine Aufgabe auf Grund von bewegungsmäßigem Fehlverhalten nicht lösen kann, und wenn sie biologisch zweckmäßig ausgeführt werden. [...] Jetzt aber Schluß. Schreib bald wieder, liebe Biene, Immer Dein Christoph.
Auszüge aus Briefen an meinen Bruder Roland [ohne Datum]
Was Du über "Gut" und "Schlecht" und das "Höherstehen" des Guten schreibst, so finde ich in der Tat diese Sichtweise wenig hilfreich und der Wirklichkeit kaum angemessen. Auch hier finde ich den Jacoby’schen Ansatz von "zweckmäßigem" und "unzweckmäßigem" Verhalten viel überzeugender, sachlicher, und daher nützlicher. Bei einem, der glaubt, Gutes zu tun, ist ein gewisser Grad von Selbstbeweihräucherung unumgänglich, und ein "guter" Mensch wird zu einem, den er für "schlecht" hält, nie einen echten Kontakt herstellen können. Ich halte nichts für unklüger, als einen anderen Menschen "böse" zu finden oder das eigene Handeln als "gut" einzustufen. Wenn ich nun dieser "Böse" wäre und Du würdest als "Guter" zu mir kommen, um das "Gute" in mir zu wecken, ich würde Dich zum Teufel jagen, und zwar zu Recht. Vielleicht erinnerst Du Dich an die wenigen, aber äußerst bedeutenden Sätze, die Jacoby zum Thema Naziverbrecher hinterließ. Selbst dieser absolute Gipfel des Schlechten und Bösen ist letztlich mit eben dieser Gut-Schlecht-Werteskala nicht faßbar, nicht verstehbar, und damit eine Wiederholung nicht ausschließbar. Verstehen heißt in einem solchen Zusammenhang auf keinen Fall
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billigen. Aber wir können unsere Fehler nur dort korrigieren, wo wir sie verstehen, und wir erlangen dieses Verständnis nur über den Weg einer echten Kontaktaufnahme und einer gründlichen sachlichen Untersuchung der Vorgänge. Einen Mörder als böse Bestie zu sehen ist zwar äußerst verständlich, aber es ist nicht zweckmäßig - im Sinne einer Verhinderung weiterer Morde. Hilfreicher wäre es, einmal den ganzen Ballast von menschlichen Wertvorstellungen wie "gut" und "böse", "höher" oder "tiefer" stehend über Bord zu werfen und sachlich zu untersuchen, welche Gründe, Entwicklungen und Situationen dazu führen, daß ein Mensch sich destruktiv verhält.
Hinsichtlich des Klavierspiels denke ich auch oft an "höher" und "tiefer" stehend, wenn ich beispielsweise Rachmaninoff mit mir selbst vergleiche, aber ich spüre, daß es den Kern nicht ganz trifft. Wäre es nicht richtiger, von verschiedenen Stadien der Entwicklung zu sprechen? Die Vorstellung von "höher" und "tiefer" oder vom "Besonderen" ist gerade auch in der Kunst überhaupt nicht hilfreich. Auch das hat mir bei Jacoby eingeleuchtet. So ist auch unsere Familie nichts Besonderes, oder alle Familien der Welt sind etwas Besonderes. -23/10/96
Ich glaube, wir geraten langsam in Gefahr, uns um Begriffe zu streiten, da sie eben nicht identisch sind mit der Wirklichkeit, sondern nur Hinweise, und ich glaube, es ist wichtig, das zu erkennen und den Versuch aufzugeben, die Wirklichkeit begrifflich nachbilden zu wollen und sie in dieser Form für das Original zu halten. Es kann also durchaus sein, daß Du, wenn Du von Geist und Körper sprichst, etwas meinst, was ich auch so nachvollziehen kann, wenn Du beispielsweise die Funktionen von Kopf und Leib ansprichst. Wenn Du aber, nach allgemeinem Verständnis der Religion oder Philosophie, mit Geist und Körper zwei verschiedene Daseinsformen meinst, die sich trennen können, so halte ich das für den Irrtum, den ich so verhängnisvoll finde. Ich habe auch nie die Formulierung, Geist und Körper sollten eine Einheit bilden, unterstreichen können, weil darin ja genau diese Dualität vorausgesetzt wird. Ich widerspreche Dir da also ganz eindeutig und sage: es ist ein und dasselbe, eine Identität, eine Organisation, unteilbar, komplett, nur von verschiedenen
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Standpunkten aus erlebt, nämlich einmal so, wie es von außen wahrnehmbar ist, und einmal seine nicht in Begriffe übersetzbare Wirklichkeit, Wahrheit (für mich im Grunde dasselbe), sein Sein schlechthin.
Ich glaube, der einzige Weg, aus dieser Verwirrung herauszukommen, liegt im Verständnis dessen, was in uns selbst vorgeht, vorallem im Kopf, im Denk- und Vorstellungsbereich. Das fängt damit an, daß man diese Vorgänge überhaupt erst einmal lokalisiert. Wenn wir die Augen schließen, haben wir ja ein Gefühl kosmischer Weite, das nicht an den Grenzen unseres Körpers zu enden scheint, höchstens da, wo wir die Erde berühren, da die Luft nicht genügend Widerstand bietet, um uns unsere Grenzen spüren zu lassen. Ich glaube, das allein führt bei vielen schon dazu, diesen inneren Kosmos als eine vom Körper ablösbare Seinsform mißzuverstehen, und die eigenen Bilder oder Gedanken als neue Wirklichkeiten zu empfinden. Zu erkennen, daß es sich bei diesem Kosmos um das eigentliche Sein unseres Körpers handelt, daß dieser Kosmos lokalisierbar ist, daß unsere Gedanken und Vorstellungen unsere eigenen Reaktionen auf die aus der Umwelt erfahrenen Wahrnehmungen sind und nicht mit den außer uns befindlichen Realitäten identisch sind, das wäre der wichtigste Schritt zu einem echten Kontakt mit der Wirklichkeit, zu einer Gesundung unserer Verwirrung. Dies also noch einmal der Versuch, meinen Glauben in einigen Sätzen zu beschreiben.
Noch einiges zu dem, was Du schreibst: Zunächst finde ich es wenig stichhaltig, zu glauben, ein Begriff würde nur deshalb auf eine Wahrheit hinweisen, weil er sich herausgebildet hat. Das müßtest Du eigentlich nach kurzem Nachdenken zugeben müssen (angefangen bei Jacobys "Sonnenuntergang").
Auch die Sache mit der Eigenliebe als Keim des Schlechten und der selbstlosen Nächstenliebe als Keim des Guten findet bei mir wenig Gegenliebe. Wir alle haben in uns eine steuernde Kraft, die uns das tun läßt, was für unser Wohlbefinden zuträglich ist, und das meiden läßt, was uns nicht gut tut. Es ist dies die Kraft, die uns am Leben hält. Und selbst wenn jemand schlimme Strapazen auf sich nimmt, um anderen zu helfen, folgt er dieser Kraft, die eben nicht "schlecht" ist und nicht mit abschätzigen Begriffen wie "Lustprinzip" oder "Eigenliebe" zu begreifen ist. Hier sehe ich auch einen großen Gegensatz zwischen Jacoby und der Kirche. Für die Kirche ist der Mensch von Natur aus mit seinen Trieben und Bedürfnissen "schlecht" und muß
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sich anstrengen, diese Kräfte zu überwinden, um "gut" zu werden. Bei Jacoby geht es darum, das, was von Natur aus da ist, zuzulassen und von allem Störenden zu befreien, um eine Entfaltung des Menschen möglich zu machen. Für mich ist es ein wichtiger Schritt zur Aufrichtigkeit, daß man dieser inneren Kraft, der wirklichen Eigenliebe, folgt - jeder folgt ihr, aber daß man weiß, daß man’s tut, - daß man mit großer Aufmerksamkeit lernt, das zu tun, was einem gut tut - und das ist oft schwierig zu erkennen, denn nur solche Verhaltensweisen tun uns gut, die auch mit der Umwelt zusammen funktionieren, - und ich bin überzeugt, daß man auf diesem Wege auch am segensreichsten für seine Umgebung wirken kann, und zwar nicht aus sentimentalen, sondern aus sachlichen Gründen und Einsichten heraus. Jemand, der glaubt, sich verleugnen zu müssen, um nur für andere da zu sein, ist für mich ein im Grunde unehrlicher Mensch, und ich würde seine Gesellschaft meiden. Also ich kann nach wie vor mit "Gut" und "Böse" nichts anfangen, ja mehr noch: ich halte ein Denken in diesen Kategorien für gefährlich, ist doch meist das, was sich für gut hält das, was das Böse hervorbringt.
11/12/96
Eines ist inzwischen deutlich geworden: Wir sind doch sehr verschieden. Ich glaube, es ist gut, das als Tatsache zu akzeptieren. Es geht mir überhaupt nicht darum, eine "Meinung" zu vertreten oder in edlem Wettstreit von Argumenten jemanden überzeugen zu wollen. So etwas ist ohnehin nur möglich, wenn von vorneherein ein weitgehender Gleichklang gegeben ist. Die einzigen Erkenntnisse, die für einen selbst wirklich Wert haben, sind die, die man selbst "macht" aus innerer Notwendigkeit heraus. Wenn man nun im Grunde zufrieden ist mit seiner Sicht der Dinge, besteht kein Handlungsbedarf, und man kann Diskussionen wie die unsere spielerisch betreiben, ohne wirklich betroffen zu sein. Wenn sich aber Fragen ergeben, die existentiell interessieren und drängen, muß man die Antworten letztlich selbst finden, man erfährt sie nicht von anderen, keiner kann einem etwas erzählen, für das man sich nicht schon eine Verständnisbereitschaft erarbeitet hat, oder andersherum, man kann nichts begreifen von den Worten anderer, das man nicht selbst schon bis zu einem gewissen Grad verstanden hat. So finde ich nur klug, wenn Du alles mögliche lesen und hören kannst, ohne Dir eine Meinung zu bilden.
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Ich vermute, daß diese Fähigkeit Dir auch Deinen eigenen Kopf vor der Anthroposophie gerettet hat. Eine Meinung zu haben, ist im Grunde albern. Sich eine Meinung bilden bedeutet nach meinem Verständnis ein subjektives Abwägen, Beurteilen, Interpretieren nach "gut-schlecht"-Wertmaßstäben, das in vielen Situationen notwendig sein mag, gegenüber anderen Lebewesen aber meist wenig segensreich ist und oft verletzend sein kann. Das Aufdecken von Wirklichkeitszusammenhängen, das sich an "richtig" und "falsch" orientiert, unterscheidet sich davon ganz grundsätzlich. Worum es mir geht, ist der Kontakt mit der Wirklichkeit, auch der eigenen Wirklichkeit aus Fleisch und Blut, ein zweckmäßiger Einsatz unseres Kopfes als möglichst verzerrungsfreier Spiegel, und ich sage deshalb "verhängnisvoll" zu Geist-Körper-Vorstellungen, weil das selbstproduzierte Hirngespinste sind, die wir niemals wirklich so wahrnehmen, und die dem Kontakt mit der Wirklichkeit nur störend im Weg stehen. Wenn Du nun glaubst, zu verstehen, was ich "meine", und anschließend fragst, was mit der "Seele" im Schlaf oder im Tod passiert, so hast Du eben gar nichts verstanden. Wenn da irgendetwas in Dir bohrt, das gelöst werden will, dann gehe Deinen Bildern wirklich auf den Grund, führe beispielsweise das "Materie"-Bild bis zur letzten Konsequenz, dann wird es sich irgendwann wirklich als Bild, als Dein eigenes Bild zu erkennen geben, und dann wird es verschwinden und den Blick nach draußen wieder freigeben.
Noch einmal zur Frage "Meinung": Ist zum Beispiel Jacobys Ansatz vom zweckmäßigen Verhalten auch eine "Meinung", die davon abweichende "Meinungen", das heißt weiterhin unzweckmäßiges Verhalten, als ebenso glückbringend tolerieren sollte?
1/1/97
Also gut, probieren wir noch einmal, wie weit wir gemeinsam gehen können: Beispiel: wir haben einen Stein vor uns. Die Wirklichkeit / Wahrheit dieses Steins ist doch nun ganz einfach dieser Stein da draußen, und wir kommen mit dieser Wirklichkeit in Kontakt, indem wir sie empfangend wahrnehmen, sehen, fühlen usw. In dem Moment, wo wir uns fragen: was ist das?, beginnen wir, die wahrgenommenen
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Eindrücke in uns selbst festzuhalten und zu studieren, das heißt sobald wir über eine Sache nachdenken, richten wir den Blick nach innen, wir sehen jetzt also nicht mehr die Wahrheit, sondern im Grunde uns selbst, und wir unternehmen den Versuch einer Nachbildung, einer Kopie der Wirklichkeit. Was geschieht nun? Das, was sich uns in Wirklichkeit als Identität gezeigt hat, zerfällt, zu einem gedanklichen Abbild erstarrt, in verschiedene Aspekte. Und jetzt findet die Trennung Geist - Körper statt. Das, was sich hart angefühlt hat, wird eine Sache, das Wunder der Schwerkraft eine andere. Wenn der Stein rund und schwarz war, würde vielleicht in Steiners Kopf ein Wesen der Rundheit und ein Wesen der Schwärze entstehen. Die Wirklichkeit aber liegt weiterhin einfach da draußen, unabhängig von den Vorgängen, die sie in uns ausgelöst hat. Können wir uns darauf einigen, daß es sich bis hierhin nicht um eine "Denkmöglichkeit" handelt, nicht um eine ständig neu zu revidierende Erkenntnis, sondern um eine schlichte Tatsache?
Wenn diese Zusammenhänge aber wirklich verstanden sind, lösen sich im Grunde alle Fragen von selbst, der Kopf beruhigt sich, unsere Gedankenkonstruktionen, die sich wie Krebsgeschwulste ausgebreitet hatten bei dem Versuch, immer neue "Warums" und "Was" (wie schreibt man die Mehrzahl von "Was"?) zu beantworten, verschwinden, und plötzlich spürt man wieder die Wirklichkeit selbst, kann auf Empfang stellen und fühlt sich glücklich. An die Stelle des vergeblichen Versuchs, die Wirklichkeit in uns zu finden oder nachzubilden, tritt nun die Notwendigkeit, an die Wirklichkeit da draußen zu glauben, an das Wunder der Existenz schlechthin, denn das Wunder fängt nicht erst mit dem Leben an: daß etwas existiert, ist bereits das Wunder, und wenn etwas existiert, ist es auch schon komplett, braucht keine "Hilfe" von "höheren" Existenzen. Eine teilbare Existenz ist höchste Absurdität. Jetzt noch einmal zum Kontakt mit der eigenen Wirklichkeit. Haben wir grundsätzlich begriffen, was vorgeht, ist es nun durchaus nicht verboten, über etwas nachzudenken, aber wir werden das jetzt ganz anders tun und bewerten. Es ist im Grunde unser Verdauungsprozeß der empfangenen Wahrnehmungen, und wie jeder Verdauungsprozeß muß auch dieser immer wieder zu einem Abschluß kommen, das heißt jede gedankliche Arbeit muß das Ziel haben, ihre Aufgabe zu erfüllen und anschließend zu verschwinden, und nicht etwa unverdauliche Monstren hervorzubringen. Aber weiter zur eigenen Wirklichkeit: Was so verwirrend ist, ist
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wohl, daß wir eine Existenz sind, die die Möglichkeit hat, sich selbst wahrzunehmen, wahrzunehmen, was man gleichzeitig ist, und vielleicht fühlt man sich daher noch mehr befugt und fähig, eine gedankliche Nachbildung der eigenen Wirklichkeit zu versuchen. Man begibt sich dabei aber auf den gleichen Irrweg wie mit fremden Existenzen. Fangen wir an, ein Bild von uns zu entwerfen mit "Körper" und "Seele" usw., wenden wir den Blick praktisch von uns ab, sehen nicht mehr uns selbst, sondern ein Abbild, das ein wenn auch winziger Teil unserer Existenz ist, das heißt innerhalb unserer Existenz hervorgebracht wird, aber eben nicht mehr ist als ein Bild, ein Stromschlag innerhalb eines komplexen Universums (ich bin es also nicht, das Bild, das ich von mir sehe). Vielleicht kann man sogar so weit gehen, zu sagen, daß in dem Moment, wo ein innerlich wahrnehmbares Bild entsteht, sei es von der Umwelt oder von uns selbst, für die Dauer dieses Moments unser Wahrnehmungssystem gestört wird, das nämlich im gesunden Zustand diesen vorhin beschriebenen gedanklichen Verdauungsprozeß durchaus unbewußt bewältigt und uns in die Lage versetzt, den Blick immer nach draußen gerichtet und immer auf Empfang gestellt zu lassen, genau so wie der Austausch innerhalb unserer eigenen Existenz normalerweise unbewußt abläuft, ohne Stauungen im Kopf zu verursachen. Das, was wir "Bewußtsein" nennen, ist eben nicht die hohe Schaltzentrale, die alles steuert, sondern es ist unsere Wahrnehmungszentrale, das heißt eine Empfangszentrale, keine Sendezentrale, es ist die Möglichkeit für unser "Es", für unsere Existenz, sich selbst wahrzunehmen und dadurch auch sich selbst zu entwickeln oder zu verändern. Wir haben ja, wenn wir Klavier spielen, die Möglichkeit, diese Zusammenhänge ganz nah zu erleben, etwa bei einer schweren Stelle die völlige Ohnmacht des Bewußtseins, da "machend" einzugreifen. Obwohl ich nun glaube, daß Deine Fragen vom vorigen Brief sich eigentlich nach all dem selbst beantworten, möchte ich noch versuchen, darauf einzugehen: "Kausalität zwischen Körper / Krankheit und Seele" (Deine Frage). Ich würde eben nicht von "Kausalität" sprechen, sondern von "Identität". Alles, was sich innerhalb unserer Existenz abspielt an Gefühlen, Gedanken usw., existiert tatsächlich stofflich, wir werden umso gesünder sein, je vollkommener die verschiedenen Kräfte in uns durch ein empfangendes Bewußtsein mit sich in Kontakt kommen können, und umso
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kränker, je mehr ein mißverstandenes Bewußtsein glaubt, die Führung übernehmen zu können.
Beispiel: Essen. Es ist bestimmt gesünder, die Wahl und die Menge der Nahrung auf das tatsächlich wahrgenommene Bedürfnis des Bauches abzustimmen, als das Diktat einem Arzt oder einem Gesundheitsbuch zu überlassen. Beispiel: Gefühle, Reaktionen auf die Umwelt, auf Mitmenschen. Das ist das Gebiet, wo auf Waldorfboden die verheerendsten Fehler praktiziert werden. Gefühle wie Liebe, Abneigung oder Bewunderung sind natürliche Reaktionen, die ohne unser Zutun entstehen, und die uns Auskunft über die jeweilige aktuelle Beziehungssituation geben. Sie genau wahrzunehmen und sich nach ihnen zu richten macht uns nicht zum unkontrollierten Kriminellen, sondern zu einem ehrlichen und auch gesunden Menschen. Der Versuch, dem wir in der Waldorfpädagogik auf Schritt und Tritt begegnen, nun Gefühlsreaktionen, die man für "gut" hält, willentlich herbeizuführen, anzuerziehen, stört unseren Kontakt und unsere
Reaktionsbereitschaft auf die Umwelt in folgenschwerer Weise und erzieht uns zu einem ewig unsicheren, unbewußt unehrlichen So-tun-als-ob, zur Scheinheiligkeit. Der sicherste Weg, ein Gefühl wie Liebe in kalte Erstarrung zu verwandeln, ist der Versuch, diese Liebe bewußt herbeizuführen. Ein Kind dazu zu erziehen, irgend etwas schön zu finden, ist gröbster Unfug. Beispiele:
1. Du magst Aprikosen. Ein echtes Gefühl, das niemals auf die Idee kommen würde, sich nun selbst "gut" zu finden.
2. Du magst keinen Kohl, sagst Dir aber, Kohl ist auch eine Pflanze Gottes und ich will sie daher genauso liebhaben wie Aprikosen - ein "Waldorfgefühl", das sich selbst "gut" findet, denn man hat sich ja überwunden (in Wirklichkeit belogen). -Natürlich sind unsere Gefühlsreaktionen auf andere Menschen unendlich viel komplexer als die auf Aprikosen oder Kohl. Trotzdem ist das Beispiel bis zu einem gewissen Grad übertragbar. Ein echtes Liebesgefühl zu einem anderen Menschen kommt nicht auf die Idee, sich selbst "gut" zu finden, da es einem eigenen Bedürfnis entspringt und nicht einem eigenen Verdienst. Ein echtes Gefühl ist also auch immer
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ein in positivem Sinne egoistisches Gefühl und nicht ein Für-andere-tun, das Für-den-anderen-tun ist erst die Folge dieses Gefühls.
Auf seine echten Gefühle zu hören und sich nach ihnen zu richten, dazu gehört Mut. Und daß bei Dir dann immer gleich Vorstellungen von Sadismus, Mord und Totschlag hochkommen, zeigt, wie groß Deine Angst vor der eigenen Wirklichkeit ist, wie wenig Vertrauen Du zu diesen Kräften hast. Und dann muß man sie von Anfang an züchtigen und bändigen, damit sie "gut" werden, und läßt ihnen keine Chance, natürlich zu geschehen. Mord und Totschlag aber ist erst eine Folge von selbst erlittener Vergewaltigung. Ein von Anfang an ernstgenommenes Kind, das nicht "zu irgendwas" erzogen wird und dessen Entwicklung ungestört geschehen kann, wird niemals zu einem sadistischen Mörder werden, nicht einmal eine Pubertätskrise wird es haben, dafür gibt es hier in Thailand viele Beispiele. Auch ablehnende Gefühle sind, wenn sie als absichtslose Reaktion entstehen, nicht als "böse" zu unterdrücken - unterdrückte ablehnende Gefühle verschwinden ja nicht, sondern werden im Gegenteil zu Monstern - sondern ernstzunehmen als Signale von Unverträglichkeiten, eigenen oder fremden Fehldispositionen oder eines fehlerhaft funktionierenden Kontakts. In dem Moment, wo ich versuche, beispielsweise ein aufkommendes Wut- oder Haßgefühl zu verstehen, mit ihm in Kontakt zu kommen, wird ein unkontrollierter Ausbruch wohl kaum noch möglich sein.
Der Glaube an die Wirklichkeit stattet uns mit einer Grundachtung vor jeder fremden Existenz aus, für unseren Kontakt mit diesen Existenzen aber sind unsere Gefühlsreaktionen unverzichtbare Botschaften, die nicht ignoriert und nicht willentlich verfälscht werden dürfen.
"Wie ist das mit Verletzungen, Verstümmelungen, Amputationen, im Hinblick auf die von Dir behauptete Identität von Geist und Körper?" (Deine Frage). Wenn ich irgendwo verletzt oder verstümmelt bin, bin ich tatsächlich an diesem Punkt meiner Existenz verletzt oder verstümmelt. Punkt.
"Was passiert mit der Seele im Schlaf, im Tod?" (Deine Frage). Ich stelle Dir auch ein paar Fragen: Was passiert mit dem Licht, wenn es ausgeht? Was passiert mit der
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Bewegung, wenn etwas zum Stillstand kommt? Was passiert mit der Wärme, wenn etwas kalt wird? Genauso abwegig, nun anzunehmen, diese Erscheinungen würden in andere Welten abschweben, genauso abwegig fände ich, das bei den Erscheinungsformen des Lebens anzunehmen. Es geht eben nicht um das Auseinanderfallen bausteinartig zusammengesetzter Kreaturen, sondern es geht um Zustandsveränderungen von Existenzen.
"Woher kommt Phantasie, Kreativität, Genialität?" (Deine Frage). Auf diese Frage möchte ich gerne eine Antwort von Heinrich Jacoby einfügen: [...] Wir sollten überprüfen, was wir, die wir überwiegend aus der intellektuellen Mittelschicht kommen, unter Phantasie verstehen. [...] Es spielt höchstwahrscheinlich eine zum Teil unbewußte Vorstellung von dem mit, was Kultur sei, was Kunst, und wieviel von alledem als das Höhere unser tägliches Leben verschönern müßte! Solche Vorstellungen haben wir zum Teil mit der Atmosphäre unserer Kinderstube aufgenommen, zum Teil von bewunderten Vorbildern übernommen, zum Teil auch literarischen Einflüssen zu verdanken. Oft hat sich daraus eine Art Ideal entwickelt, wie man selber sein und werden solle, beziehungsweise wie andere - auch Kindersein sollten, ein Ideal, das nach meinen Erfahrungen die Möglichkeit ungestörter, lebensnaher Entwicklung junger Menschen beeinträchtigt. Nur wenn später das Leben die betreffenden Menschen etwas rauh anfaßt, wird vielleicht einiges wieder zurechtgerückt. Sonst werden sie zu jenen "mehr für Geistiges" interessierten Menschen, die überzeugt sind, daß es nur auf das, was sie für das Höhere halten, im Leben ankomme. So bekommen sie nicht nur ein falsches Bild vom realen Leben -und nicht nur vom realen Leben der großen Masse, das alles andere als erfreulich ist - sondern auch ein problematisches Bild von einem Leben, wie es ihnen persönlich wünschenswert erscheint, aber im Interesse einer besseren Zukunft der Menschheit nicht wünschenswert ist.
Wenn wir mit Phantasie etwas meinen, das im Menschen entsteht, etwas, das bewirkt, daß er in seinen Äußerungen Gehalte bringt, die nur bei ihm selber und nicht durch Kommunikation mit der Umwelt gewachsen sind, [...] so läßt sich das bei näherem Überprüfen nicht aufrechterhalten. Wenn ein Mensch in einem produktiven Sinne Phantasie hat, so nährt sich diese Phantasie von dem, was er in seinem
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bisherigen Leben gelebt hat. Die bedeutenden Schöpfungen der "Phantasie" in den Meisterwerken der Kunst entstehen bei Menschen, die der Realität des Lebens gegenüber besonders aufgeschlossen sind. Die großen Meisterwerke der Literatur und der bildenden Kunst enthalten doch gewissermaßen einen Extrakt aus der Realität. [...]
Die großen Werke der Kunst sprechen so viele Menschen über weite Epochen an, weil in ihnen so allgemein Menschliches und allgemein Gültiges ausgesprochen oder dargestellt ist und nicht etwas "Phantastisches"!
H. Jacoby (Auszug aus Kurs 18, "Jenseits von ‘Begabt’ und ‘Unbegabt’ ", 26.4.1945)
28/1/97
Verstanden fühle ich mich noch nicht von Dir, solange Du von "meinen Gedanken" sprichst und nicht von den Wirklichkeiten, auf die sie hinzuweisen versuchen. Aber vielleicht können wir’s heute wirklich mal auf den Punkt bringen. Es besteht da ein Mißverständnis, das ich eigentlich schon ausgeräumt zu haben glaubte. Ich habe keine negative Einstellung zu zweckmäßiger gedanklicher Auseinandersetzung, sie ist für uns unerläßlich für die Verarbeitung unserer Wahrnehmungen, und sie verhilft, auch darin gebe ich Dir recht, zu immer differenzierterer Wahrnehmung, Aber: sie ist selbst keine Wahrnehmung!! Das Denken hat keine "Antenne" nach draußen, die Antennen sind unsere Sinnesorgane. Das ist ja gerade der Grundirrtum von Steiner und auch von Vater gewesen, das Gehirn sei ein Wahrnehmungsorgan für die "geistige Umwelt". In dieser Weise mißverstanden koppelt uns das Denken vollständig von der Wirklichkeit ab und gebärdet sich selbst als Wirklichkeit, und das ist das, wozu ich eine negative Einstellung habe und was ich immer als "verhängnisvoll" bezeichne. Wenn Du an mich denkst, so kann ich Dir versichern, daß Du nicht mich persönlich vor Dir hast und schon gar nicht meinen "Geist". Du zehrst dann von den früher gemachten realen Wahrnehmungen und Deinen Reaktionen darauf, und wenn Du das für meine Wirklichkeit hälst, hast Du den Kontakt zu mir verloren. Das Denken ist Teil unseres Innenlebens und kann sich innerhalb unserer Existenz selbst wahrnehmen und seine Funktion erkennen, und
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das ist letztlich vielleicht seine wichtigste Aufgabe. Ein Hinweisschild auf New York muß wissen, daß es lediglich ein Hinweisschild ist, und darf sich nicht selbst für New York halten. Das darfst Du auch im Hinblick auf die Sprache niemals vergessen, daß Begriffe wie "Gedanken" und "Gefühle" Hinweisschilder auf eine komplexe Wirklichkeit sind, in der eine solche Trennung im Grunde nicht besteht. Und jetzt probiere einmal, wirklich substanziell zu denken: Hast Du Dir einmal klargemacht, daß wir es bei unseren Sinneswahrnehmungen, bei allem, was wir mit "Körper", "Materie" usw. benennen, immer mit Außenansichten zu tun haben? Selbst wenn wir etwas bis zum Atom hinunter auseinandernehmen, dann sehen wir eben das Innere von außen. Das tatsächlich Innere, das Sein, ist für uns vollkommen unerreichbar, da wir eben nur uns selbst sein können, aber es ist vollkommen zwingend, an dieses Sein in der Umwelt zu glauben. Und so unmöglich es ist, eine Existenz von ihrer Außenansicht zu lösen, genauso unmöglich ist es, "Geist" und "Körper" voneinander zu lösen, zwei Hinweisschilder auf eine Identität.
20/5/97
Worin unterscheidet sich die Waldorfschule von einer Sekte? Vielleicht durch das Fehlen eines kriminellen finanziellen Hintergrunds, nicht aber in dem, was sie aus ihren Mitgliedern macht und was ich zusammengefaßt so beschreiben würde: Verlust einer natürlichen Beziehung zur Wirklichkeit, ein Bewußtsein "geistiger" Überlegenheit und Dünkelhaftigkeit gegenüber andersartigen Menschen, und all das, ohne es selbst zu merken. Zum ersten Punkt hab ich ja bereits ausführlich geschrieben und möchte nun auf den letzten Aspekt ein wenig eingehen, indem ich einfach ein paar Beispiele aufzähle: Ein zarter, dünner Mensch galt als "fein" ("durchlässig für Geistiges"), einer mit kräftigem Körperbau eher als grob oder "simpel". Hohe oder niedere Stirn war ein Zeichen für hohe oder niedere Gesinnung, in die Stirn gekämmte Haare waren Zeichen beschränkter Intelligenz, desgleichen schlürfender Gang, Fernsehen, Biertrinken, Fußballspielen usw. Merkmale von Zweitklassigkeit waren. In diesen Zusammenhang gehört auch der Unsinn mit dem "musikalischen Hinterkopf". Besonders schlimm: Weißt Du noch, daß wir die
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Behinderten der Schubertschule "Döfchen" nannten? Wirds Dir nicht schlecht, wenn Du daran zurückdenkst? Oder denkst Du immer noch in diesen Kategorien? Der tiefe Eingriff in die Persönlichkeit, den die Waldorferziehung glaubt, sich erlauben zu dürfen, und der es vielen - den meisten? - später unmöglich macht, sich überhaupt außerhalb der Waldorfkreise zu bewegen, ist ein weiteres Sektencharakteristikum. Stelle Dir nun einmal eine Familie vor, die einer Sekte verfallen ist, und einer bricht aus: wären da nicht Deine Sympathien bei dem einen?...
23/6/98
Ich will noch einmal versuchen, Dich zu einem genaueren Verständnis dessen, was ich zur Wirklichkeit schrieb, zu "zwingen". Zeige mir bitte die Stelle, wo ich etwas anderes tue als auf Tatsachen hinzuweisen, die für jedermann wahrnehmbar sind, Vorgänge zu beschreiben, die für jedermann erlebbar und nachvollziehbar sind. Das hat nichts mit einem Gedankengebäude zu tun, im Gegenteil, mein Bestreben war immer, solche Gedankengebäude abzubauen. Auch Jacoby hat niemals ein Gedankengebäude errichtet, sondern bleibt immer präzise an der Wirklichkeit. Noch mal zum Thema "Denken": Ich habe keinerlei Skepsis gegenüber dem Denken, es ist für unseren Kontakt mit der Wirklichkeit unerläßlich, ich hatte es damals als Verdauungsprozeß unserer Sinneswahrnehmungen beschrieben, und alles, was ich selbst von mir gebe, entspringt natürlich diesem "Verdauungsprozeß". Ich hatte nur davor gewarnt, es mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln, und habe es als Prozeß in unserem Kopf lokalisiert. Die Wirklichkeit selbst, oder wie Du es nennst, die "letzten Fragen der Wirklichkeit", hatte ich für das Denken als vollkommen unerreichbar beschrieben, ich habe also keine Denkmöglichkeit entworfen. Und warum mißachtet man das Wunder des Lebens, wenn man akzeptiert, daß es auch zu Ende geht? Ist nur das ein Wunder, was ewig währt? Wenn Du mit dieser Thematik weitermachen willst, beantworte mir doch einmal folgende Frage: Gibt es Richtig, und gibt es Falsch, und wenn ja, muß das Richtige
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das Falsche tolerieren? (Stells Dir zum Beispiel auch in der Musik vor, wenn jemand einen Notentext falsch lernt...)
21/8/98
Zum Schluß auch noch zur Philosophie: Also, was Du Dir alles einfallen läßt, um meine schönen, klaren Aussagen immer wieder als "Denkmöglichkeiten" in den Bereich reiner Spekulation zu rücken, ich hab wirklich lachen müssen (aber es war kein böses Lachen). Du setzt Deinen Hebel jetzt aber an einer wirklich gefährlichen Stelle an, wenn Du in solcher Weise über die "Voraussetzungen" sprichst, auf denen es ein "Richtig" und "Falsch" geben kann. Denn da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt die Wirklichkeit als Voraussetzung, oder man läßt sich am besten auf schnellstem Wege in die nächste Klappsmühle einweisen. Ich müßte also meine Frage genauer so formulieren: Gibt es auf der Grundlage der Wirklichkeit richtig und falsch? Und die Antwort lautet eindeutig ja. Man kann die Wirklichkeit falsch lernen und richtig lernen, und das gilt ganz besonders auch für die eigene Wirklichkeit und die Vorgänge innerhalb der eigenen Existenz. Was Du jetzt zur Wahrnehmung und zum Denken schreibst, finde ich so alles richtig. Natürlich war meine Darstellung mit dem Verdauungsprozeß äußerst grob, natürlich greift das alles gleichzeitig ineinander, das Gedächtnis, Deine "Zusammenschau zeitlich nacheinander stattfindender Ereignisse" usw., und eine reine sinnliche Wahrnehmung gibt es nicht, das ist alles richtig. Aber die Eingänge für die Außenwelt sind die Sinnesorgane, und falsch wäre, anzunehmen, das Denken hätte noch einen speziellen Eingang und unsere inneren Bilder wären direkte
Außenweltwahrnehmungen. Daß wir nach dem Tod nicht verschwinden, ist auch klar, wir faulen eben vor uns hin, gehen zurück in das große Reich der unbewußten Materie.
Wenn Du aber vom unlösbaren Rätsel von Raum und Zeit sprichst, birgt sich hier wieder die Gefahr des Falschen, ganz ähnlich wie bei der Körper-Geist-Vorstellung, denn falsch wäre, sich die "Zeit" als selbständige Daseinsform vorzustellen. "Zeit" ist ein von uns geschaffener Begriff, der auf die Bewegung und Veränderung von Existenzen hinweist. Mit der Uhrzeit orientieren wir uns an der großen Bewegung der
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Planeten, aber im Grunde hat jedes Ding seine eigene "Zeit", und in Wirklichkeit gibt es die Trennung Raum - Zeit nicht, sondern es handelt sich wieder um verschiedene Aspekte einer Identität.
An dieser Stelle möchte ich nun noch einmal eine Passage von H. Jacoby zu unserer Kernfrage "Geist und Körper" abdrucken, denn es tut doch gut, wenn man von so kompetenter Seite eine Bestätigung erfährt und nicht immer nur das Gegenteil erlebt - die Hervorhebungen durch Sternchen sind von mir:
Wenn wir uns mit der Bedeutung von Verhaltensqualitäten für die Entfaltung des Menschen und für qualifizierte Leistungen auseinandersetzen wollen, müssen wir die Qualität der körperlichen Situation in die Auseinandersetzung mit einbeziehen. Wo es allein um den "Geist" geht, stimmt etwas nicht, und wo es allein um den "Körper" geht, stimmt ebenfalls etwas nicht. Auch dieses geradezu zur Selbstverständlichkeit gewordene Auseinanderfallen der Ganzheit Mensch ist nichts Zufälliges. Wenn man den Menschen studieren und beschreiben wollte, bestand zunächst die große Schwierigkeit, die außerordentlich komplexen Erscheinungsformen und
Lebensäußerungen dieser Ganzheit zu erfassen. Aber jener historisch notwendig gewesene Schritt, das Menschsein dabei in "Körper" und "Geist" aufzuspalten, hat sich mit der Zeit in der "Wissenschaft" vom Menschen *geradezu verheerend ausgewirkt*. Weder können wir die geistig-seelische *"Schauseite"* wirklich verstehen, solange wir den Menschen nicht als Ganzes sehen, noch können wir die körperliche *"Schauseite"* verstehen, wenn wir den Menschen nicht als Ganzes nehmen. Sobald wir uns nur isoliert für eine Seite interessieren, wird das Bild, das wir bekommen, *falsch*, und deswegen werden auch die Maßnahmen, die wir auf Grund dieses Bildes ergreifen, problematisch. Wir werden kaum sonst in ähnlichem Ausmaß so drastisch unzweckmäßiges Verhalten finden, wie in der beziehungslosen Art, in der "Kultur"-Menschen sich oft gegenüber ihrem Körper verhalten. Auch das ist kein Zufall. Was für eine Verpönung des Leibes hat allein eine mißverstandene "religiöse" Erziehung während Jahrhunderten bei uns zustande gebracht. Ähnlich verheerend wirkt sich noch jetzt jene isolierende Mentalität aus, die uns daran gewöhnt hat, die Ganzheit Mensch in Körper und Geist oder in Leib und Seele zu sondern und *jene gar nicht existierenden Teile* auch noch verschieden zu
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bewerten. So ist der Körper, nicht nur für betont "geistige" Menschen, etwas Minderes geworden, das man beherrschen will und das zu "gehorchen" hat. Wenn wir ein brauchbares Instrument für entfaltend wirkendes, erfülltes Leben *sein* und werden wollen, müssen wir uns um dieses Instrument als Ganzes kümmern. H. Jacoby (Auszug aus Kurs 2, "Jenseits von ‘Begabt’ und ‘Unbegabt’ ", 5.2.1945)
Posthumes Gespräch mit Vater
Zusammengestellt aus einem Briefwechsel, der vor 20 Jahren entstand, und zusätzlichen, von mir heute hinzugefügten Gedanken. Ich hoffe, daß ich mit der Verwendung seines Briefs keinen Vertrauensbruch begehe, da es ja, wie er selbst sagt, nicht um unbedeutende Privatangelegenheiten geht. Das durch Schrägdruck hervorgehobene war in seinem Brief unterstrichen. Dornach, 27/12/76, abends
Vater: Unser langes Abendgespräch klang noch lange nach in mir; deshalb will ich noch vor Jahresende einiges schreiben, obwohl Du meintest, es sei nutzlos, miteinander über Dinge zu sprechen, wo man sich doch immer mißverstehen muß, weil man einmal sich nicht in den anderen so hineinversetzen kann, wie es nötig wäre, und weil die Sprache dafür auch keine Worte hat. - Worte sind ja immer nur Andeutungen für das, was durch sie gemeint ist, so wie Noten, selbst wenn man sie auf dem Klavier anschlägt, noch lange keine Musik sind, wenn nicht der Spieler ihren Sinn erfühlt und ihn einem Hörer nahebringen kann. Ich finde, wenn man die Relativität der Sprache im Bewußtsein hat, kann man auch Gespräche führen, in denen man sich um Verständnis bemüht und nicht am Wort klebt. -Ich hoffe, Du hast meine Schlußbemerkung über die Konsequenzen von Weltanschauungen nicht dahingehend verstanden, als wollte ich Deine gegenwärtige Meinung, das Leben ende mit dem Tod, irgendwie in die Nähe der materialistischen oder nazistischen Weltanschauung rücken. Ich wollte an diesen beiden Doktrinen nur zeigen, daß die Fragen, über die wir sprachen, nicht unbedeutende
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Privatangelegenheiten sind, sondern daß von der inneren Beantwortung dieser Fragen tiefgreifende Verhaltensweisen abhängen können. C: Bis hierhin stimme ich mit allem überein, was Du sagst. Vater: So nimm das folgende als Denk- oder Empfindungsanstoß, denn man sollte bei jeder unvoreingenommen gemachten, also spontanen Erfahrung bereit sein, die bisher gemachten Gedanken zu revidieren. Du erlebst Dich als Einheit: gut; das ist Dein Erlebnis, das Dir niemand abstreiten kann. Du folgerst aus diesem Erlebnis, daß, weil Du eine Einheit bist, beim Tode die ganze Einheit sich auflöst, stirbt, in die Einheit der Welt zurückkehrt oder wie man es sonst beschreiben will. Dies ist nun ein Gedanke, eine Hypothese oder eine Vorstellung, die nicht spontane Erfahrung ist; über die man reflektieren kann und soll, und deren Wahrheitsgrad man prüfen muß. C: Es ist eine zwingende Folgerung, die sich darüber hinaus durch die reale Erfahrung beim Tod anderer Menschen wahrnehmen läßt. Vater: Dazu folgendes: Diese Einheit Deines Seins vorausgesetzt, kann man das Heranwachsen dieser Einheit betrachten. Man kommt in die frühe Kindheit, zur Geburt, in den Mutterleib, zur Eizelle, die befruchtet wird. Ist es nicht ein aufrichtiger, konsequenter Schluß, daß man aus dieser Betrachtung folgert: Alles, was meine Seinseinheit gebildet hat, stammt aus der Vererbung? Und nun kommt das Kontroverse: Die Betrachtung der Vorgänge beim Verschmelzen der Ei- und Samenzelle führt zu der Feststellung (und das ist keine Theorie, sondern eine Beobachtung!): Was hier verschmilzt, sind Substanzen oder Seinseinheiten, die von 4 Großeltern herrühren. Also: 1. wird die allererste Seinseinheit aus einer Vierheit gebildet und 2. ist (oder wäre) damit die als einmalige Einheit erlebte eigene Individualität (Individuum = das Unteilbare!) nur Glied einer Vererbungskette und ohne jede Originalität. So dachten ja die Nazis und formulierten: "Du bist nichts, Dein Volk ist alles!"
C: Materialistisches Vererbungsdenken - ein Beispiel für die verheerende Wirkung des Glaubens an jene ‘banale’, niedere "Existenzform Materie", die sich auf das beschränkt, was unser beschränkter Verstand von außen an ihr messen und "verstehen" kann.
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Ich habe nie behauptet, daß es mich schon immer gab als Individualität. Es ist doch ganz offensichtlich, daß ich aus Vorhandenem herauswachse als etwas Neues. Man muß hinnehmen, daß der Mensch als Individualität entsteht aus etwas, das diese Individualität vorher nicht ist. Das Phänomen des sich Entwickelns zu etwas Neuem aus Vorhandenem heraus ist nicht erklärbar, gerade auch von der Vererbungslehre nicht. (Die Gesetzmäßigkeiten des Erbschemas erfassen nur einen Aspekt der unvorstellbar komplexen Vorgänge beim Entstehen eines Lebewesens). Wird eine solche Erklärung dennoch versucht, kommt man zu Anschauungen, wie sie aus der Anthroposophie kommen, das Kind beispielsweise sei "seelisch" noch nicht ganz da, weil es eben später anders ist als jetzt. Dieses Neue wird nicht als solches hingenommen, sondern es muß schon vorher in irgendeiner geistigen Welt dagewesen sein. Hier zeigt sich deutlich die statische Natur analytischen Denkens und seine Unfähigkeit, dynamische Vorgänge zu erfassen. So wird das, was in der Realität Verwandlung ist, im Denken zu einem Zusammensetzen oder Auseinanderfallen von Fertigteilen.
Vater: Noch einige Aspekte zur Frage: "Wo hört eigentlich mein eigenes Wesen auf?" Du sagtest, es sei mit der Haut umschlossen. Das folgende könnte als Sophisterei erscheinen, ist aber ganz ernsthaft gemeint und soll in Fragen formuliert werden: Wie ist es mit der Luft, die ich einatme? Wird sie zu meinem Wesen? Ab welcher Stelle? Ist sie mein Wesen (oder Teil meines Wesens), wenn ich sie ausatme und ihr von meiner Wärme, von meiner Feuchte mitgebe oder gar mit Wort oder Gesang "beschwinge"? Wie ist es mit der Nahrung, besonders mit jenen Teilen der Nahrung, die unverdaulich meinen Darm durchlaufen? Gehören sie zu mir, sobald sie hinter meinen Lippen sind? Ist nicht die "Innenhaut", die den Darmtrakt gegen den Leib abgrenzt, ebenso "Haut" wie die Außenhaut und also alles, was durch den Darm geht, "Außenwelt", solange die abgebauten, aufgelösten Nahrungsstoffe nicht in mein Blut gelangen? Wie ist es mit der Ausscheidung durch die Niere? Ist nicht im Grunde genommen schon der Harninhalt der Blase "außen", abgestoßen, ausgesondert aus dem lebendigen Zusammenhang mit mir? Die Fragen ließen sich erweitern auf Fingernägel, abgestorbene Haut, Haare, und es würde ein Bild des eigenen Wesens entstehen, das ich dem Wasserfall vergleichen möchte: Wasser kommt, Wasser geht, der Wasserfall bleibt.
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C: Ich finde diesen Vergleich durchaus brauchbar, und all diese Fragen sind im Grunde Hinweise auf Tatsachen, die man versuchen sollte, so zu nehmen, wie sie sind, und die auf die tiefe Verflechtung unserer Existenz mit der Umwelt hinweisen. Natürlich ist unsere Existenz niemals abgetrennt von ihrer Umwelt lebensfähig und auch von außen in solcher Weise abgetrennt nicht zu verstehen. Dieser Aspekt gilt ebenso für unser gesamtes Verhalten im Denken, unser Geprägtsein durch die Geschichte, den Kulturkreis, die Familienverhältnisse usw., und die Frage, wo man selbst "aufhört" und die Umwelt "anfängt" ist im Grunde müßig, denn wir sind ein Teil der Umwelt. Trotzdem ist es richtig, von unserer Existenz als Identität zu sprechen, die eben in ständigem Austausch mit der Umwelt steht, sich dabei aber nicht in verschiedene "Seinsformen" aufspaltet.
Vor zwei Irrtümern muß gewarnt werden: Daß man nur das zu seiner Identität zählt, was ins Bewußtsein dringt, und daß man für das Wunder dieser Identität und ihrer Fähigkeit, trotz substanziellen Austauschs mit der Umwelt als Original fortzubestehen, eine erfundene "geistige" Existenz in Anspruch nimmt, weil unser jämmerliches "Materie"-Bild für eine Erklärung nicht ausreicht. Ein solcher "Geist" erklärt das Wunder nämlich ebensowenig, er verlagert die Frage lediglich auf eine dem Denken zugängliche, abstrakte Ebene, zugänglich für das Denken, weil von diesem selbst hervorgebracht. Es ist eigenartig, daß bei vielen Menschen jegliches Bedürfnis nach Verständnis der Rätsel und Wunder dieser Welt durch die Einführung einer neuen "geistigen" Existenz spontan befriedigt wird. Vater: Noch ein letztes: Du erlebst Dich als Einheit und glaubst deshalb, daß Leib und Seele eins sind, genauer: Du empfindest es als ungerechtfertigt, überhaupt solche Worte wie "Leib", "Seele" und "Geist" zu benützen, weil in ihnen schon die vorgefaßte Vorstellung dieser abgetrennten Begriffe sich ausdrücke. Wie bringst Du dieses, Dein eigenes Erleben, zusammen mit den vielen bezeugten Erlebnissen anderer Menschen, die davon handeln, in welcher Weise sie die - zeitweilige -Loslösung ihrer "Seele" erlebten? Also: Ein Inder verläßt den in meditativer Haltung zurückgebliebenen Körper und besucht "im Geiste" einen anderen Menschen; der andere nimmt die Botschaft auf. Oder: Der indianische Zaubermann "denkt" eine Nachricht an einen anderen Zaubermann, der sie versteht. Oder: Die Buschmänner "wissen", daß ihre Jäger 50 Kilometer entfernt eine Antilope erlegt haben. Oder: R.
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Steiner gibt aus Berlin eine Diagnose des in Zürich(?) im Krankenhaus liegenden Rittelmeyer, die stimmt; man operiert daraufhin. Oder: Ein Soldat, den ich kenne, kommt unangemeldet in Urlaub; seine Frau "weiß", daß er kommt; sie läßt ihm die Haustüre offen, als sie kurz zum Bäcker geht. Oder: Ein Sterbender verbietet seiner Frau, Todesanzeigen zu versenden; er werde sich selbst von seinen Freunden verabschieden. Die entfernten Freunde nehmen diesen "seelischen" Besuch mehr oder weniger deutlich wahr. Daß sich mein Bruder von mir verabschiedet hat, habe ich Dir erzählt. Für mein Gefühl der Einheit der Welt wären das alles unauflösbare, widersprüchliche Rätsel und Wunder, wenn ich nicht glauben dürfte, daß die Seele die Möglichkeit hat, die Grenzen von Raum und Zeit, in die alles materielle Sein gebunden ist, zu überschreiten.
C: An welcher Stelle, in welchem der angeführten Beispiele werden diese "Grenzen" überschritten?
Vater: Mich würde brennend interessieren, wie Du diese Erlebnisse in Deine Welterfahrung einbaust. Nicht akzeptieren könnte ich die Antwort: "Bevor ich das nicht selbst erlebt habe, glaub ich’s nicht." Schließlich glaubst Du doch auch, daß der Nordpol eine schwimmende Eismasse ist, obwohl Du nie dort warst, weil Du weißt, daß ein U-Boot drunterdurchgetaucht ist. Ebensowenig darf man zuverlässig bezeugte andere Erlebnisse ablehnen, besonders, wenn sie so hundertfach aus allen Zeiten und Völkern stammen.
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Teil III: Nachträge
"Übersinnliche Erfahrungen"
Zu dieser letzten Frage von Vaters Brief möchte ich nun ausführlicher Stellung nehmen. Es geht also jetzt um das dubiose Gebiet der sogenannten "übersinnlichen", das heißt nicht durch unsere Sinne wahrnehmbaren "Erscheinungen" wie "Gedankenübertragung", "Seelenwanderung", "Hellsichtigkeit", "Phänomene", denen normale Sterbliche recht hilflos gegenüberstehen, weil sie aus Mangel an eigener Erfahrung im Grunde nicht wissen, wovon eigentlich die Rede ist. Zunächst einmal folgender Hinweis: Wer sich die "Seele" als raum- und zeitloses Etwas vorstellt, möge sich klarmachen, daß eine "Trennung" vom Körper oder eine "Wanderung" zu einem anderen Menschen ein rein räumlicher Vorgang wäre. Entweder eine Sache ist hier auf der Erde und ein Stück Raum wie der Leib, oder sie ist eben nicht hier und in einer vorgestellten anderen Welt. Unsere Wirklichkeit ist ein abgeschlossenes, vollkommenes Sein, außerhalb dessen es nichts geben kann. Die Vorstellung, daß eine Sache dieses Sein so einfach mal annehmen, aber dann auch wieder verlassen und in eine "andere Welt" abschweben könnte, die doch nur wieder wie die wahre vorgestellt werden kann mit Licht und Raum und Bewegung, diese Vorstellung existiert wirklich nur in unserem Kopf. Ich halte daher präzises räumliches und substanzielles Denken, die Fähigkeit, die Dinge zu lokalisieren, für den Schlüssel für viele Rätsel.
Nehmen wir aber ruhig einmal an, das Phänomen der Gedankenübertragung gäbe es tatsächlich. Warum würde das, wie Vater meinte, beweisen, daß die "Seele" den "Körper" verlassen kann? Wenn ich jemanden direkt sehe oder höre, habe ich durch die geheimnisvollen Übertragungswege des Lichts und des Schalls Kontakt mit ihm, ohne daß er seinen "Körper verläßt". Wenn ein solcher Kontakt noch auf anderen Wegen oder über weite Entfernungen stattfinden kann, wäre das lediglich ein Hinweis auf eine weitere geheimnisvolle Art der Übertragung, und wir wissen ja durch die verschiedenen Radiowellen, daß es so etwas gibt. Wenn also ein solch neuer Übertragungsweg zwischen Menschen entdeckt werden sollte, der überprüfbar
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und erlebbar ist, solls mir recht sein, Aber: Wenn ich nun seit über 40 Jahren auf diesem Erdball wandle, ausgerüstet wie ein normaler Mensch, und mir etwas derartiges noch nie in Wirklichkeit begegnet ist, ich immer nur von Menschen davon berichten höre, die nicht nur bereitwillig, sondern meist begierig darauf sind, solche Dinge zu glauben, mit, wie es Jacoby in Zusammenhang mit der Vererbung von Begabung einmal so schön sagt, "geradezu lächerlich geringen Ansprüchen an eine exakte Überprüfung", dann nehme ich mir das Recht heraus, genau das zu tun, was mir Vater damals untersagen wollte: Ich glaube nicht daran. Das Beispiel mit dem Nordpol hinkt natürlich gewaltig, denn eine solche Information fügt sich erstens problemlos in das, was ich bisher erlebt habe, und ist zweitens jederzeit nachprüfbar. Warum verlangt Vater von mir, etwas zu glauben, das in völligem Widerspruch zu meinen eigenen Erfahrungen mit der Wirklichkeit steht? Im Vergleich dazu Jacoby: "Ich möchte, daß Sie mir nichts glauben" - der einzige vernünftige Ansatz!
Es ist kein Zufall, daß in Zeiten außergewöhnlicher emotionaler Belastung sich Berichte über vermutete übersinnliche Kontakte zu anderen Menschen häufen, zu Menschen etwa, die man in unmittelbarer Todesgefahr weiß und denen man eng freundschaftlich verbunden ist. Im Krieg beispielsweise, vergehen da überhaupt fünf Minuten, ohne daß man intensiv an geliebte Freunde denkt, von denen man getrennt wurde? Vergeht eine Nacht, vorausgesetzt, man kann schlafen, in der man nicht von ihnen träumt? Hat man nun in einem Traum eine besonders realistische Vision vom Tod eines nahestehenden Menschen und erfährt daraufhin, daß dieser Mensch tatsächlich in jener Nacht gestorben ist, so legt eine solche Konstellation natürlich nahe, zwischen dem Traumerlebnis und dem realen Todesereignis einen direkten Kausalzusammenhang zu sehen. Und daß im Krieg, wo der Tod allgegenwärtig ist und die Gedanken an ihn ebenfalls, sich eine solche Konstellation zwangsläufig und in zahllosen Variationen ständig ergibt, ist wohl auch unschwer vorstellbar. So verständlich nun aus menschlicher Sicht der Glaube an einen solch letzten übersinnlichen Abschied auch sein mag, wenn es hier um eine ehrliche Prüfung dessen gehen soll, was in Wirklichkeit geschieht, so dürfen wir uns auf der Grundlage der vorliegenden Fakten noch keinesfalls gestatten, einen solchen Zusammenhang anzunehmen.
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Daß unsere inneren Bilder oder inneren Stimmen in extremen Situationen eine Intensität erreichen können, die qualitativ nahe an ein Wirklichkeitserlebnis heranreicht, ist eine Tatsache, die aber nichts daran ändert, daß diese Bilder in unserem Kopf entstehen, Teil desselben sind (soweit man so etwas wie einen nervlichen Stromstoß als "Teil" bezeichnen kann), und diesen daher niemals verlassen können.
Wenn jemand sich in hoher Intensität vorstellt oder träumt, er würde seinen Körper verlassen, und nun glaubt, dies sei tatsächlich in Wirklichkeit geschehen, dann besitzt er entweder die Naivität eines Kindes, das glaubt, man sähe es nicht, wenn es die Augen zumacht, oder aber es handelt sich um bewußte Täuschung und Bauernfängerei.
Um beurteilen zu können, was in den anderen Fällen, die Vater anführt, wirklich geschah, bräuchte man natürlich wesentlich genauere Informationen, und um sie als Wirklichkeitsvorgänge zu bestätigen, wären duzende, hunderte von Tests, Prüfungen und Untersuchungen nötig, was meist durch die Voreingenommenheit und das persönliche Interesse der Betreffenden und durch die Unmöglichkeit, einen solch "übersinnlichen" Vorgang zu wiederholen, nicht möglich ist - (wäre es ein echter Wahrnehmungsvorgang, würde eine Wiederholung jederzeit möglich sein müssen). Ich glaube nicht, daß auch nur eines dieser "hundertfach bezeugten Phänomene" einer solchen Prüfung standhalten könnte, würde mich aber, wenn sich etwas tatsächlich als wahrnehmbare Wirklichkeit erweist, nicht gegen dessen Anerkennung sträuben. Aber auch dann ginge es noch darum, zu unterscheiden, was Phänomen ist, und wie man es sich erklärt. Wenn eine solche Prüfung aber verweigert oder als das primitive und zwecklose Vorhaben eines Blinden und Ungläubigen diffamiert wird, ist die Sache schlicht als Unfug abzulehnen. Und das gleiche gilt für den Fall, wenn von uns verlangt wird, daß wir erst eine spezielle Schulung absolvieren müssen, um die "neuen Wahrnehmungsorgane" zu entwickeln, denn spätestens seit Jacoby wissen wir, daß wir von Anfang an eine komplett ausgerüstete Organisation sind, die nicht verbesserungsbedürftig ist, sondern die es nur gilt, zweckmäßig zu gebrauchen.
Noch ein paar Sätze zum Glauben an Dinge, die andere Menschen berichten und die in Widerspruch zu unserer sinnlichen Wahrnehmung und unseren realen
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Erfahrungen stehen: Wenn wir einem Menschen begegnen, der angibt, er könne Dinge wahrnehmen, die man selbst nicht wahrnehmen kann, so haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder wir glauben ihm, beenden damit das Vertrauensverhältnis zur eigenen Wahrnehmung und begeben uns in ein Hörigkeitsverhältnis, das diesen "Hellsichtigen" in die Lage versetzt, uns praktisch alles als Wirklichkeit auftischen zu können, was er will. Oder aber wir glauben ihm nicht.
Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden und will im folgenden einige Punkte anführen, die zu dieser Entscheidung ermutigen sollen. Wieder einmal geht es um das Thema "Wahrnehmung". Frage: Daß es verschiedene Wege und auch verschiedene Qualitäten der Wahrnehmung gibt, heißt das, daß wir damit auch verschiedene Existenzen und Wirklichkeiten wahrnehmen? Die Antwort ist eindeutig nein. Ob über das Licht, den Schall, die Luft oder den direkten körperlichen Kontakt, wir erleben immer dieselbe Wirklichkeit, und immer erscheint sie uns als vollständige Existenz. Auch ein Blinder und ein Tauber haben die Möglichkeit, die Wirklichkeit ringsherum als Existenz zu erleben (natürlich in extrem behinderter Weise, aber sie müssen durch den Verzicht auf Licht und Schall nicht auf eine ganze Wirklichkeit verzichten, sondern nur auf Aspekte derselben, denn Licht und Schall sind ja im Grunde keine eigenständigen Existenzen, sondern mehr Reaktionsweisen, Eigenschaften von Existenzen, Bewegungen, Schwingungen, Informationsleiter innerhalb der Wirklichkeit, vergleichbar mit den Gedanken innerhalb einer menschlichen Existenz). Und wenn manche Tiere wesentlich besser sehen, hören oder riechen können als wir, so nehmen sie mit diesen Fähigkeiten aber doch nichts anderes wahr als wir, sondern genau dasselbe, nur differenzierter, genauer, auf größere Entfernungen usw. Wenn nun also ein Wesen, das dazu noch der gleichen Spezies wie man selbst angehört, behauptet, es könne andere Dinge, andere Wirklichkeiten wahrnehmen als man selbst, so ist offensichtlich mehr als nur Zweifel angebracht, zumal, wenn man weiß, wie grenzenlos die Möglichkeiten des Menschen sind, das eigene Innenleben als Wahrnehmung mißzudeuten. Noch ein weiterer entscheidender Punkt soll uns zum Nichtglauben ermutigen: Da wir selbst eine Wirklichkeit sind, existieren, ein Stückchen Wahrheit sind, das Original sind, das vom anderen wahrgenommen wird, sind wir doch in der Lage, wenigstens in diesem Bereich die angeblichen Wahrnehmungen des "Hellsichtigen" mit dem
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Original zu vergleichen, und da wird die Entscheidung nicht schwerfallen, welcher Seite man bei Unstimmigkeiten das Vertrauen schenkt. Was auch zum Nachdenken anregen sollte: warum hört man eigentlich (nach meinem Kenntnisstand) nie von Kindern Berichte über derartige Erfahrungen? Sind sie noch zu klein dafür?
Ich möchte, daß all diese Gedanken als Ermutigung verstanden werden, jenen gegenüber nicht gehorsam zu sein, die uns auffordern, ohne zu prüfen anderen Menschen zu glauben, und die den Wahrheitsgehalt von menschlichem Hörensagen über den der eigenen sinnlichen Erfahrung stellen. Eine reale Existenz kümmert sich nicht darum, ob wir an sie glauben oder nicht, sie begegnet uns in jedem Fall, und ein richtiger Glaube muß nicht bewußt herbeigeführt werden, sondern stellt sich vollkommen zwingend von selbst ein.
Jemand, der durch unsere Erziehung gegangen ist, braucht Mut, nicht zu glauben, war doch jeder, der an nichts "Höheres" glauben konnte, im Grunde "primitiv" und "beschränkt". Wurden wir nicht von Anfang an zu einer solchen Glaubensbereitschaft erzogen? Wurde es nicht sogar als Erziehungsideal betrachtet, das Kind so lange wie möglich in einer "kindgemäßen" Traum- und Phantasiewelt zu halten (natürlich auch sehr stark durch die Religion mit Christkind, Nikolaus, Osterhase, die Tiere des Adventsgartens, die sich nachts "von selbst" bewegten, daß man in den "Himmel" kommt, wenn man stirbt, usw.), und wurde der Kontakt mit der Wirklichkeit nicht fast als "schädlich" gebrandmarkt, weil man in dieser "banalen" Wirklichkeit nichts Wunderbares sehen konnte?
Ich aber möchte uns allen den Mut zum Nichtglauben wünschen!
Nachtrag zum Thema Christentum
Der Glaube an Gott als ein menschenähnliches geistiges Wesen, das die Welt erschaffen hat, ist vielleicht ein noch unhaltbarerer Glaube als der an die Trennung von Geist und Körper, und das Christentum, das sich selbst ja gerne als "wahrer Glaube" vom "Aberglauben" distanziert, ist im Grunde selbst ein Aberglaube, denn es
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ist der Glaube an ein Phantasieprodukt. Und es ist eine traditionell überlieferte Liebe zu einem Menschen, der sicherlich außergewöhnlich war und manch richtigen Hinweis und Rat gab, aber eben doch ein Mensch war, der vor 2000 Jahren gelebt hat und gestorben ist. Daß dessen Lebensgeschichte von seinen Jüngern (bewußt oder unbewußt) dazu verwendet wurde, die durch ihn neu gewonnenen Erkenntnisse in Form von gleichnishaften Bildern festzuhalten, die, als Bildersprache verstanden, uns sicherlich auch heute noch Sinnvolles mitteilen könnten, hat dadurch, daß sie von der Kirche wörtlich genommen oder als Realitätsschilderungen mißverstanden wurden, nur verheerend auf unsere Beziehung zur Wirklichkeit wirken können. (Ähnliches gilt übrigens auch für das alte Testament mit seiner Schöpfungsgeschichte. Und all jene, die glauben, man dürfe Kindern die Wirklichkeit nur in einer "kindgemäßen" Bildersprache nahebringen, mögen sich der großen Gefahr solcher Bilder bewußt sein, denn gerade als Kind ist man völlig außer Stande, etwas als Gleichnis aufzufassen, man nimmt alles als Wirklichkeit, und eine solche Bildersprache kann daher nur große Verwirrung anrichten, wenn es sich nicht wirklich um eine verabredet erfundene Geschichte handelt.) Für mich geht ein solcher Glaube und eine solche Liebe auf Kosten des richtigen Glaubens an die Wirklichkeit und auf Kosten einer echten Liebe zu unseren realen, lebendigen Mitmenschen. Daß sich dieser Glaube so lange halten konnte und von so vielen Menschen geteilt wird, ist für mich kein Beweis für seine Richtigkeit, sondern liegt in der Tatsache begründet, daß der Mensch eben die Möglichkeit hat, seine Wahrnehmungen und sein Innenleben falsch zu interpretieren (wie lange haben wir geglaubt, die Erde sei eine flache Ebene?). Ich meine aber doch, daß wir langsam reif genug sein sollten, diesen Glauben zu korrigieren und unseren "lieben Gott" durch den Glauben an die Wirklichkeit zu ersetzen. Zumindest wäre zu hinterfragen, ob es für uns wünschenswert sein kann, uns einer Herrschaft zu unterwerfen, die Ungehorsamkeit mit blutigen Strafen und Höllenfeuer ahndet oder sogar rächt, und uns so zu ängstlichen Schäfchen erziehen will, deren Handlungen nicht mehr von sachlichen Notwendigkeiten geleitet werden, sondern von einem opportunistischen Spekulieren auf eine möglichst günstige jenseitige Karmagestaltung, auf einen "Platz im Himmel". Und wie man angesichts des unendlichen sinnlosen Leids zahlloser Menschen auf dieser Erde auch nur eine Sekunde daran glauben kann, Christus habe all unser Leid auf sich genommen, das ist mir allerdings wirklich ein Rätsel. Sicherlich, wir haben diesen Menschen, wenn die historischen Überlieferungen der
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Wahrheit entsprechen, vor 2000 Jahren bestialisch ermordet, aber er steht mit diesem Schicksal ja leider nicht allein da in der Geschichte. Warum mußte ausgerechnet das Kreuz, das Mordinstrument, nun zum Sinnbild unseres Glaubens werden? Man stelle sich einmal vor, man habe Jesus damals erhängt. Wäre dann jetzt ein Galgen das Symbol des Christentums?
Sicherlich gibt es nun viele Menschen, die mit dem Begriff "Gott" vielleicht etwas wirklich Richtiges und Reales verbinden, die etwa an Jacoby’s "Es" denken oder an das Dasein schlechthin. Diese Menschen sind mit meinem schrillen Angriff ausdrücklich nicht gemeint. Ihnen würde ich lediglich nahelegen wollen, neue Begriffe an Stelle von "Gott" zu entwickeln, denn dieser Begriff ist durch die Kirche einfach zu sehr vorbelastet und es gelingt doch kaum, sich dabei etwas anderes vorzustellen als das außerirdische Fabelwesen (noch mehr übrigens bei der englischen Form "Lord"). Ebensowenig gemeint sind die vielen karitativen Hilfsaktionen, die im Namen der Kirche durchgeführt werden und auf die natürlich nicht verzichtet werden soll. Verzichtbar wäre lediglich der dogmatische Glaubenshintergrund. Denn Liebe und gegenseitige Unterstützung sind keine christlichen Erfindungen, sondern seit Urbeginn als Verhaltensmöglichkeit in der menschlichen Ausrüstung verankert.
Meine große Glaubensfrage würde folgendermaßen lauten: Warum können wir an das Wunder des Lebens, an das Wunder jeden Daseins, nicht in der Form glauben, in der es uns tatsächlich begegnet, sondern erst in einer abstrakt losgelösten "geistigen" Form, die in Wirklichkeit nur in unserem Kopf existiert? Und wäre ein solcher Glaube nicht auch die Voraussetzung für das Entstehen von echter Achtung und Liebe?
Nachtrag zum Thema Naziverbrechen
Da ich aus einer Familie stamme, deren Söhne im vergangenen Krieg in ahnungsloser Naivität wie auch zahllose andere die Situation völlig verkannten und große Schuld auf sich luden (die drei älteren Brüder meines Vaters und er selbst zogen damals, beseelt von in fragwürdigen Jungenschaften erworbenen Idealen wie
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Heldentum und Ruhm, durchaus fast mit Begeisterung in den Krieg, überzeugt, mit Deutschland auf der "guten" Seite zu stehen), bevor sie selbst zu Opfern wurden (mein Vater war der einzige Überlebende), möchte ich auch hierzu noch einige Gedanken niederschreiben.
Was damals geschah, liegt so jenseits allen Vorstellungsvermögens, daß jedes Wort, das man dazu sagen möchte, unabhängig von dessen Bedeutung, den Sprecher unweigerlich in den Strudel dieser brennenden Schuld reißt, auch wenn er wie ich unter die Gnade der späten Geburt fällt. Ich möchte daher zunächst vor einem Verhalten warnen, das sich aus Angst vor dem Abgrund dieser Thematik heute dadurch zu distanzieren versucht, daß es im anderen argwöhnisch nach rassistischer und nazifreundlicher Gesinnung Ausschau hält. Dann wird der Versuch, zu verstehen, sehr schnell zu einem Versuch, zu entschuldigen, dann wird das Suchen nach Gründen beispielsweise der Judenvernichtung sehr schnell zum Antisemitismus, wenn nämlich unterstellt wird, man suche nach "berechtigten" Gründen. Ein solches Verhalten ist nicht nur äußerst wenig hilfreich, sondern kann dem anderen auch bleibende Wunden zufügen. Man möge sich daher davor hüten, einen anderen etwa wegen einer ungeschickten Formulierung oder auch ganz einfach auf Grund von dessen Ahnungslosigkeit gleich zum potentiellen Massenmörder abzustempeln.
Es soll im folgenden keinesfalls darum gehen, zu richten, dazu fühle ich mich bestimmt nicht befugt, keiner von uns weiß, wie er sich unter solchen Umständen verhalten hätte, und mein Vater und seine Brüder waren damals halbwüchsige Jungen. Die damaligen Ereignisse aber heute als furchtbare Verirrung zu erkennen und auch so zu benennen, halte ich für wichtig, gerade auch, wenn es um die eigene Familie geht.
Ich glaube, das einzig Sinnvolle, das man im Rückblick tun kann, wäre, in sich selbst hineinzuschauen und zu prüfen, ob nicht embryonenhaft Ansätze einer Disposition vorhanden sind, wie sie damals zu solch monströsen Handlungen führen konnte, und, falls man solches antrifft, nun nicht zu erschrecken, sondern sachlich den Wahrheitsgehalt der zugrundeliegenden Denkweisen zu überprüfen (wenn man’s selbst merkt, hat man ja eigentlich schon gewonnen). Denn man kann diese Kräfte nicht dadurch bekämpfen, daß man sie als moralisch schlecht und böse verteufelt,
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sondern nur dadurch, daß man erkennt, daß sie einem Irrtum, einem fehlerhaften Kontakt mit der Wirklichkeit entspringen.
In dem Glauben von "höher" und "tiefer" stehenden Menschen, in dem Glauben von "guten" und "schlechten" Menschen, in dem Glauben von "wertvollen" und "wertlosen" Menschen sehe ich die Gefahr eines solchen embryonenhaften Ansatzes. Natürlich ist der Mensch, ob in der Kunst, im Sport, sowie auf jedem anderen Gebiet in der Lage, entweder Mist zu bauen oder Gutes zu leisten, und man soll dies auch so benennen dürfen, solange man nicht vergißt, daß damit ein mehr oder weniger zweckmäßiges Verhalten, verschiedene Stadien einer Entwicklung, verschiedene Grade der Anpassung an die jeweilige Aufgabe oder ein besser oder schlechter funktionierender Kontakt mit der Wirklichkeit angesprochen wird. Niemals jedoch darf in diesen Kategorien in Bezug auf die Existenz und das Leben eines Menschen gedacht werden! Unsere Existenz ist jenseits des gedanklich Fassbaren und daher jenseits jeglicher Beurteilung und Bewertung.
Ein weiterer embryonenhafter Ansatz liegt wohl in jeder Art von herrschendem oder untertänigem Verhalten, blinder Gefolgschaft gegen eigenes besseres Wissen, und, vielleicht der entscheidendste Punkt, in der Bereitschaft, die Würde des anderen zu verletzen oder die eigene Würde von anderen verletzen zu lassen. Eine solche Verletzung der Menschenwürde äußert sich übrigens nicht nur in offen abschätzigem oder beleidigendem Verhalten (oder Schlimmerem), sondern auch in vielen "gutgemeinten" Verhaltensweisen. Sie äußert sich beispielsweise in jeder Art von: ‘Man muß doch auch zu solchen Menschen freundlich sein’, in jeder Art von Moral à la "Struwwelpeter", (was uns damals ja kritiklos zum Lesen gegeben wurde): ‘Was kann der arme Mohr dafür, daß er so weiß nicht ist wie wir’. Und gegenüber Kindern ist sie in unserem Kulturkreis im Grunde zur Normalität geworden, verankert in unseren Vorstellungen von Erziehung und "kindgemäßem" Verhalten (‘ja was der Kleine schon alles kann!’...), auch das Erörtern der "Probleme" eines Kindes unter Erwachsenen über dessen Kopf hinweg, das Degradiertwerden zu einem "Fall", gehört zu diesem Thema. Dafür ein Gefühl zu bekommen, die Natur eines solchen Verhaltens erst einmal zu erkennen, würde unser Leben schon ein ganzes Stück erfreulicher gestalten. Wir müssen niemanden mögen oder gar lieben, aber wir müssen Ehrfurcht vor seiner Existenz und Respekt vor seiner Würde haben, und
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zwar unabhängig davon, ob jemand eine Minute oder hundert Jahre alt ist. Die Erkenntnis der unbegreifbaren Identität jedes Menschen liefert die Notwendigkeit zu solcher Ehrfurcht. Und das Anfertigen von gedanklichen Bildern vom Menschen ist deshalb so verhängnisvoll, weil es diese Ehrfurcht unterhöhlt. Ein Anthroposoph beispielsweise hat im Grunde nur vor Steiners "neuem Bild vom Menschen" Ehrfurcht, nicht aber vor dem Menschen, der in Fleisch und Blut vor ihm steht. Man möge mich nun nicht dahingehend mißverstehen, ich wollte das, was ich hier mit ‘embryonenhaften Ansätzen’ bezeichnet habe, mit nazistischer Gesinnung gleichsetzen. Denn es wird wohl kaum jemanden geben, der, wenn er ehrlich ist, nicht solche Ansätze bei sich entdecken würde. Ich glaube nur, daß mit Menschen, die diesen Verhaltens- und Denkweisen gegenüber, sowohl bei sich selbst als auch bei anderen, wachsam und empfindlich reagieren, ein solch infernalisches Unrecht wesentlich schwieriger beziehungsweise gar nicht zu inszenieren oder zu provozieren wäre.
Dies der sicherlich hilflose Versuch, etwas für die Zukunft Nützliches zu unserer Vergangenheit zu sagen. Ich möchte zum Schluß noch einmal einige Sätze von Heinrich Jacoby abdrucken, fragmentarisch herausgepickt aus "Jenseits von ‘Begabt’ und ‘Unbegabt’ ", die vielleicht ahnen lassen, wie eine zweckmäßige Fragestellung und sinnvolle Auseinandersetzung mit diesem großen Unrecht aussehen könnte. Allerdings sind diese Aussagen im Grunde nur im großen Zusammenhang des Buches verständlich, und der eine oder andere Begriff bekommt nur im Zusammenhang Gehalt (zum Beispiel "anwesend sein", was ich mit "in Kontakt mit der Wirklichkeit sein" übersetzen würde), und ist so herausgelöst vermutlich kaum verständlich. Jacoby möge mir verzeihen.
Der Mensch ist nicht "gut", und der Mensch ist nicht "schlecht", sondern es kommt auf die Situationen an, in denen leichter die eine oder die andere Reaktionsmöglichkeit aktualisiert wird. Wie der Mensch in einer bestimmten Situation reagiert, wird weitgehend durch die Auswirkungen seiner bisherigen Geschichte bestimmt. Er reagiert so, wie seine jeweilige Möglichkeit, anwesend zu sein, es ihm
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gestattet, und kein Mensch hat es schwerer, anwesend zu sein, als der, der Angst hat.
Wir sind nicht dabei, am Menschlicherwerden des Menschen zu arbeiten, sondern dabei, wegzuräumen, was den Menschen am Menschlichsein hindert. Es ist gar nicht nötig, bessere Menschen zu machen oder die Menschen besser zu machen. Wir brauchten nur dafür zu sorgen, daß die Würde des Menschen, die jedem Menschen eigen ist, nicht auf jene fahrlässige und gedankenlose Weise angetastet wird, wie wir es als selbstverständlich auch selber zu tun und hinzunehmen gewohnt sind und wie wir es sogar in jener Sie alle heute besonders erschreckenden Form schon seit Jahren hingenommen haben.
Wenn Menschen den zukünftig "besseren" Menschen "machen", zu "gestalten" hätten, dann allerdings hätten wir Grund zu verzweifeln. Jene Menschen, deren Handlungen uns so entsetzen und erschrecken, sind nicht schlechtere Menschen als wir. Solche Erklärung ist genauso bequem, wie wenn wir jemand als unbegabt abstempeln, anstatt uns für die Zusammenhänge und Hintergründe zu interessieren, die ihn so haben werden lassen. Man müßte sich darum kümmern, was für Verhältnisse und Zusammenhänge immer wieder mit Notwendigkeit zum Entstehen von Kriegen führen. Jedenfalls sind es andere Ursachen als die Schlechtigkeit des Menschen! Offenbar müssen bestimmte, in ihrer gesetzmäßigen Bedingtheit erfaßbare Zusammenhänge wirksam werden, damit der Mensch so bestialisch funktioniert, wie er auf Grund seiner biologischen Ausrüstung durchaus zu funktionieren in der Lage ist. Welches sind die Konstellationen, in denen derartige Reaktionen ausgelöst werden? Welches sind die Mächte, die ein Interesse daran haben könnten, solche Konstellationen herbeizuführen? H. Jacoby, 1945
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Und noch zwei überlieferte Zitate von ihm:
Bosheiten werden so machtlos, wenn man anfängt, ihre Hintergründe zu verstehen. Anläßlich der Verhandlungen gegen Eichmann in Israel: Wie mit jedem Menschen, kann man auch mit Eichmann in Kontakt kommen.
Welche Schule brauchen wir?
Ich glaube, wir haben grundsätzlich zwei Möglichkeiten, unser Verhalten im Leben auszurichten, die eng mit den verschiedenen Verhaltensweisen unseres Denkens zusammenhängen.
Für unser Denkverhalten wäre die eine Möglichkeit, an selbstgefertigte oder übernommene innere Abbilder der Wirklichkeit zu glauben. Die andere Möglichkeit wäre, an das Original der Wirklichkeit draußen zu glauben und die eigenen Reproduktionen davon unterscheiden zu können.
Für den Umgang mit unseren Gefühlen wäre die eine Möglichkeit, sie einer angelernten Moral zu unterwerfen mit dem Ziel, ein "guter", "wertvoller", "höherstehender" Mensch zu werden, die andere Möglichkeit wäre, sich ohne Absicht und Vorsatz direkt von der jeweiligen Situation ansprechen zu lassen, die eigenen Reaktionen zuzulassen, ernstzunehmen und zu versuchen, ihre Botschaft zu verstehen.
Für unsere Beziehung zu unserem Körper wäre die eine Möglichkeit, ihn als das niedere Werkzeug unseres Geistes beherrschen zu wollen auf der Grundlage gespeicherten Wissens, Bewegungen zu "machen", Nahrung nach den Vorstellungen eines gelernten Gesundheitsdenkens aufzunehmen, ihn wie eine Maschine vom Arzt regelmäßig durchchecken zu lassen und dem Bewußtsein die Funktion einer Befehlszentrale zu erteilen. Die andere Möglichkeit wäre, unseren Körper als unsere wahre Existenz zu achten und das Bewußtsein als Möglichkeit wahrzunehmen, mit dieser Existenz, mit uns selbst in Kontakt zu kommen, es seiner natürlichen Funktion gemäß als Empfangszentrale einzusetzen, Wahrnehmungs-und
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Bewegungsvorgänge absichtslos geschehen zu lassen und dabei kennenzulernen, das Essen auf die tatsächlich wahrgenommenen Bedürfnisse abzustimmen, unser Vertrauen in jene innere Kraft zu setzen, die diesen Körper geschaffen hat und am Leben erhält und die wir selbst sind, und den Arzt mit seinen beschränkten Möglichkeiten wirklich nur als Nothilfe in Anspruch zu nehmen, uns von außen am Leben zu erhalten.
Auch in der Erziehung unserer Kinder haben wir diese beiden Möglichkeiten. Wir können entweder Idealbilder davon entwerfen, wie ein Kind sein und sich entwickeln soll, und dann den Versuch unternehmen, unsere Kinder zu diesem Idealbild zu erziehen, von dem wir also schon vorher wissen, wie es sein soll. Oder wir können ein Kind von Anfang an als neuen, originalen Menschen ernstnehmen und seine Entwicklung so zulassen, wie sie geschehen will, bereit, uns von etwas Neuem überraschen zu lassen.
Und was das Lernen angeht, wäre die eine Möglichkeit, sich die Dinge der Wirklichkeit von anderen erzählen zu lassen, sich anzulesen und als abstraktes Wissen zu speichern, so wie das in Waldorfschulen genauso wie in Staatsschulen zum allergrößten Teil betrieben wird, die andere Möglichkeit wäre, direkt von der Wirklichkeit zu lernen, uns selbst den für unser Leben notwendigen Kontakt zur Wirklichkeit zu erarbeiten in der Weise, wie wir das als Kleinkind tun, wo wir uns aus existentiellem Interesse heraus die wichtigen Dinge des Lebens aneignen, und zwar umso besser und vollkommener, je weniger die Erwachsenen "helfend" eingreifen. Die Aufgabe der Eltern und später der Lehrer wäre, dieses Interesse eines Kindes an seiner Umwelt nicht belehrend und erziehend zu zerstören, sondern Gelegenheiten zu schaffen, bei denen Erfahrungen gemacht und selbst verarbeitet werden können, es nicht mit Aufgaben zu konfrontieren, für die noch kein Interesse bestehen kann, und nichts vorzuenthalten, wofür schon Interesse da ist. Zusammenfassend könnte man also sagen, daß wir prinzipiell die Möglichkeit haben, uns den Realitäten des Lebens gegenüber unzweckmäßig oder sogar falsch, oder aber zweckmäßig und sogar richtig zu verhalten. Steiners Ansatz mit seinem "neuen Bild des Menschen", seinen genauen Vorstellungen von einer "Höherentwicklung" des Menschen, seinen genauen
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Vorstellungen davon, was für ein Kind in welchem Alter gut oder nicht gut, schön oder häßlich, nützlich oder schädlich zu sein hat, repräsentiert für mich eindeutig den unzweckmäßigen Weg. Und worin besteht eigentlich in der Realität der Waldorfpädagogik die große Reform? In dem (sicherlich positiv zu bewertenden) Wegfall der Zensuren und des "Sitzenbleibens"? In der Einführung des einen oder anderen handwerklichen oder künstlerischen Fachs, in dem doch meist ein einheitlich festgelegter Stil gelehrt wird? (Beispiel: Eurythmie - eine neue Art der "Bewegungskunst", wo unter anderem versucht wird, meist maniriert geschwollen vorgetragene literarische Texte dadurch in Bewegung umzusetzen, daß man die Buchstaben des Alphabets gestisch darstellt, oder klassische Musik dadurch in Bewegung umzusetzen, daß man mit den Armen die Tonhöhen beziehungsweise Notennamen anzeigt). Wird nicht wie in jeder anderen Schule auch zu 90% Wissen aus zweiter Hand vermittelt? Wenn ich heute darüber nachdenke, was von den Dingen, die ich in der Waldorfschule "gelernt" habe, mir in meinem Leben von Nutzen war, fällt mir im Grunde nicht viel ein. Gerade auch in Fächern, die wirklich nützlich sein könnten, wie etwa Fremdsprachen, konnte der Unterricht eigentlich nie mein Interesse wecken, so daß ich auch nach zwölf Jahren so gut wie kein englisch oder französisch sprechen und verstehen konnte. Selbst wenn ich für dieses klägliche Ergebnis einen Großteil selbst zu verantworten habe, kann ich doch die Schule nicht gänzlich aus der Verantwortung entbinden. Ich sehe in der Waldorfschule keine Reform, die sich nennenswert von jeder anderen Schule abheben würde. Das einzige, was ein Waldorfschüler als Besonderheit mit auf den Weg bekommt, ist das Bewußtsein, eine elitäre Erziehung genossen zu haben und dem Nichtwaldorfschüler "geistig" überlegen zu sein.
Ich bin weit davon entfernt, mir eine zweckmäßige Schulform konkret vorstellen zu können, und mir ist auch klar, daß sinnvolle Veränderungen viel Zeit brauchen und nur in dem Maße gelingen können, in dem den Lehrern eine eigene Umerziehung gelingt. Bei mir selbst sehe ich zum Beispiel, wie wenig ich in meinem Klavierunterricht die Einsichten Jacobys, die mir theoretisch vollkommen einleuchten, praktisch umsetzen kann, einfach weil mir die eigene Erfahrungsgrundlage fehlt. So ist man zunächst dazu verurteilt, das Falsche weiter zu machen, selbst wenn man es bereits als falsch erkannt hat. Aber es beginnt dann doch innerlich etwas zu arbeiten
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und zu bohren, und man kommt vielleicht in winzigen Schritten zu einer richtigeren Arbeitsweise.
Was die allgemeine Schule angeht, so scheint mir die Vorstellung, 40 Kindern in einer Klasse gleichzeitig angelesenen Wissensstoff vermitteln zu können, in hohem Maße fragwürdig. Die wichtigste Voraussetzung für jeden Menschen, sich etwas erarbeiten zu können, ist das eigene Interesse an einem Thema, ein Gefühl für die Notwendigkeit der jeweiligen Arbeit für das eigene Leben. Dieses Interesse, das jedes Kleinkind von Natur aus mitbringt, nicht abzutöten, sondern ihm Nahrung zu geben, wäre wichtig. Und eine Schule, die Arbeits- und Erfahrungsgelegenheiten in Abstimmung auf das jeweils akute Interesse eines kleinen Menschen anbieten könnte, wäre sicherlich ideal. Denn genau so unsinnig es ist, zu essen, wenn man keinen Hunger hat, genau so unsinnig ist es wohl, etwas "lernen" zu wollen, für das kein Interesse vorhanden und keine Notwendigkeit einsehbar ist. Eine Schule der Zukunft hätte also ganz allgemein gesprochen die Aufgabe, den inneren Lern- und Erarbeitungstrieb des Kindes nicht nur am Leben zu erhalten, sondern ihm so weit wie möglich die Führung zu erteilen, und sie hätte sich von der nur durch äußeren Zwang funktionierenden Eintrichterung abstrakt übernommenen "Wissens", deren Nutzen für das Leben eines Menschen gleich Null ist, nach und nach zu verabschieden.
Was wir brauchen, ist keine neue "Methode" und auch keine "Erziehung zum besseren Menschen", sondern Verständnis für die Funktionsweise unserer "biologischen Ausrüstung" und Abbau all dessen, was dieses Funktionieren beeinträchtigt, was unseren Kontakt mit der Wirklichkeit stört, was uns am "Menschsein" hindert.
Zum Abschluß noch einmal Jacoby mit Passagen aus dem Vorwort von "Jenseits von ‘Begabt’ und ‘Unbegabt’ ", in dem es um die Beschreibung zweckmäßigen Verhaltens als Voraussetzung einer ungestörten Entfaltung des Menschen geht: [...] Leistungsschwierigkeiten erscheinen mir nicht als Problem der Leistungsfähigkeit (Möglichkeit) oder Leistungsunfähigkeit (Unmöglichkeit), sondern als Problem der Leistungsbereitschaft beziehungsweise der gestörten Bereitschaft; das heißt also weitgehend als Zustands- und Verhaltensproblem - als dynamisches Problem - und
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nicht als Problem der Qualität der Organe und der Konstitution, nicht als statisches Problem.
[...] Sowohl das Verhalten beim Wahrnehmen, beim Erfahren, als auch das Verhalten beim Sichäußern - und dadurch später auch die Qualität der Leistungen - werden von der frühesten Kindheit bis ins Erwachsenenalter in entscheidender Weise beeinträchtigt, vorallem durch unbeabsichtigte, aber auch durch - aus Unkenntnis der Konsequenzen - beabsichtigte tendenziöse Umwelteinwirkungen. Sie führen dazu, daß der Mensch sich bei der Auseinandersetzung mit der Umwelt gegensätzlich zu den biologischen Gegebenheiten, das heißt unzweckmäßig verhält. Sie beeinträchtigen den Gebrauch der Fähigkeit zu spontanem, unmittelbarem Kontakt mit der Umwelt und verleiten zu einem kontakterschwerenden Verhalten beim Erfahren und Leisten, zum "Verhalten auf Vorrat". Unmittelbarer Kontakt zur Umwelt und Entfaltung von Fähigkeiten werden dadurch geradezu verhindert. Es ist nüchterne, naturwissenschaftlich bestätigte Erfahrung, daß die "biologische Ausrüstung" des Menschen für den Kontakt mit der Umwelt physiologisch so organisiert ist, daß durch ihr bloßes Spielenlassen ohne "aktives Dazutun" die Möglichkeit zu unmittelbarem Kontakt gesichert ist. Der zwanghafte Wunsch wahrzunehmen, ist dabei nicht nur überflüssig, sondern - wie sich experimentell nachweisen läßt - unzweckmäßig. Er wirkt störend.
[...] So ist zum Beispiel die biologisch und physiologisch gegebene Voraussetzung für den Wahrnehmungs-, Erfahrungsprozeß beim Sehen die Empfangsbereitschaft für das "Einfallen des Lichtes", die Bereitschaft, auf Helligkeitsschwankungen zu reagieren, und nicht "aktives", analysieren-wollendes An-sehen und Be-trachten der Gegenstände.
Beim Hören ist es die "Empfangsbereitschaft für den Schall" und nicht das mehr oder weniger angestrengte, analysieren-wollende Zu-hören und "Ohrenspitzen". Beim Tasten und Greifen ist es das tastende, erfahrungsbereite In-Kontakt-Kommen mit dem Objekt und nicht ein An-fassen und Be-greifen mit überflüssigem Druck.
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Entscheidende Charakteristika des von der Natur vorgezeichneten zweckmäßigen Verhaltens bei Wahrnehmung und Erfahrung, für das Entstehen von Kontakt mit Aufgaben und Menschen sind also die Qualität der Empfangsbereitschaft, Reagierbereitschaft und Registrierbereitschaft; die Bereitschaft, eingeleitete Funktionen, Prozesse ablaufen, geschehen zu lassen, statt sie zu "machen" oder unterwegs ändern zu wollen; die Bereitschaft, sich gewissermaßen von der Aufgabe mitteilen zu lassen, wie man sich beim Erfahren und bei der Leistung zu verhalten hat; die Bereitschaft, sein "Körperinstrument" durch Kontakt mit der Aufgabe zweckmäßig für die zu lösende Aufgabe verwandeln zu lassen. [...] Beim alltäglichen Sichbewegen würde ein Eingestelltwerden durch Kontakt zu der zu bewegenden Last, zu der Richtung und dem Weg, über den sie bewegt werden soll, entfaltend wirken. Durch die übliche Routine im Energieverbrauch und Mißbrauch des Hebelsystems wird Verschleiß, Entstellung und unnotwendige Ermüdung bewirkt.
Wir finden diese Problematik bei Gedächtnisproblemen, bei Schwierigkeiten im Sicherinnern: Zweckmäßig wäre es zu versuchen, etwas - erinnernd - auftauchen zu lassen, statt sich "anzustrengen" und angestrengt "nachzudenken". [...] Wir treffen das gleiche Problem beim Gespräch, wobei Kontakt und Verstehen um so sicherer verhindert werden, je mehr man aufeinander einredet. [...] Das gleiche trifft für alle Denkprozesse zu: Das Bewußtwerden-Lassen von Vorgängen und Zusammenhängen, das Zueinander-in-Beziehung-kommen-lassen von Erfahrungen und Eindrücken leistet etwas grundsätzlich anderes als Gewandtheit im Begriffe-Kombinieren, als Wiedergabe und Kombination von Auswendiggelerntem, als "Grübeln", "Nachdenken" und Spekulieren. [...] Für die allgemeine pädagogische Praxis ergeben sich zwei Forderungen: a) Die bewußte Disziplinierung eines zweckmäßigen Verhaltens, das heißt die Selbstumerziehung zu Kontaktbereitschaft, Empfangsbereitschaft, Abklingenlassen von Verstörtheit, Abbau und Abklingenlassen von Panik-und Aggressionsbereitschaft und allem überflüssigen "Machen-Wollen" als
Grundverhalten. b) Aufbau von Fragestellungen und Aufgaben in einer solchen
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Weise, daß man vom Kontakt mit der biologischen, funktionellen Organisation des "Instruments" Mensch durch Erziehung und Unterricht nicht ablenkt, sondern daß man möglichst so fragt, daß die biologische Ausrüstung zwangsläufig ungestört funktioniert und damit durch jeden Gebrauch auch wirklich entfaltet wird. H. Jacoby, 1939
Schlußwort
Zunächst eine abschließende Bemerkung zu den philosophischen Ausführungen: Erkenntnisse dieser Art sind natürlich nicht gleichbedeutend mit einem echten Wirklichkeitskontakt, der nämlich auf einer ganz anderen ‘Leitung’ abläuft als der des betrachtenden Denkens, sondern sie wollen die Barrieren abbauen helfen, die sich uns in Form von angelernten Gedankenbildern diesem Kontakt in den Weg stellen. Im Falle einer anthroposophischen Erziehung sind diese Barrieren besonders hoch und lassen sich letztlich nur dadurch überwinden, daß man ihre Irrtümer und damit ihre störende Wirkung auf den Kontakt mit der Wirklichkeit erkennt. Dieser Kontakt selbst ist ein dynamischer Vorgang, dem man sich in jedem Moment neu hingeben oder ihn auch in jedem Moment wieder verlieren kann. Diesen Kontakt auf den verschiedensten Gebieten durch versuchendes Ausprobieren möglich und erlebbar zu machen, und durch dieses Erleben eventuelle Verwirrungen auch im Bereich des Denkens in Ordnung bringen zu lassen, war einer der Inhalte von Jacobys Kursen und sicherlich sinnvoller als das, was ich hier in Form von gedanklichen Untersuchungen betrieben habe. Trotzdem war auch mein Weg eine Notwendigkeit, ohne eine solche Führung selbst aus der tiefen Verstörung herauszufinden, die eine anthroposophische Erziehung bei mir angerichtet hatte. Eine Frage könnte man sich zum Abschluß noch stellen: Macht uns der Glaube an die Wirklichkeit glücklicher? Oder ist das Festhalten an selbstgeschaffenen, trostspendenden Gottfiguren oder jenseitigen "besseren" Welten für den Menschen eine biologische Notwendigkeit, um das Leben ertragen zu können? Diese Frage muß wohl jeder für sich selbst prüfen und entscheiden. Der Weg der Wirklichkeit kann hart sein, aber er birgt die Möglichkeit des Echten, eben des Wirklichen. Für
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den zweiten Weg gilt das, was allgemein für die Freiheit des Denkens gilt: Jeder hat die Freiheit, diesen Weg zu gehen, solange er sich bewußt ist über das, was er tut, das heißt solange er den Kontakt mit der Wirklichkeit dafür nicht aufgibt. Denn ein Leben, das diesen Kontakt aufgibt, kann mit Sicherheit nicht mehr in der ihm gemäßen Weise verlaufen. Unterscheiden zu können, was Wirklichkeit und was eigene Fiktion ist, bleibt daher unverzichtbare Voraussetzung für ein unverfälschtes, erfülltes Leben. Christoph Keller Bangkok, Februar 1999
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Teil IV: Leserreaktionen
Die folgenden Zuschriften und Gespräche fanden per Email in der Zeit zwischen 2000 und 2007 statt, als mein Skript noch online war. Die meisten der Teilnehmer waren damals mit der vollständigen Angabe ihres Namens einverstanden, zum besseren Schutz der Privatsphäre beschränke ich mich hier aber auf die Angabe der Initialen. Alle Teilnehmer wurden, soweit erreichbar, vor der Herausgabe dieses Buches erneut um ihr Einverständnis gebeten. Beiträge, deren Autoren ich nicht mehr erreichen konnte, für die ich aber damals die Freigabe zur Veröffentlichung im Internet bekommen hatte, habe ich ohne Angabe der Initialen in dieses Buch übernommen.
Zuschriften Ähnliche Erfahrungen gemacht
Sehr geehrter Herr Keller, im Gespräch mit meiner Tochter, einer Diplompädagogin, kamen wir heute auf die Waldorfschulen zu sprechen und auf diesem Weg auch zu deren Begründer, Rudolf Steiner. Da meine Kenntnisse über diesen Mann und seine "Wissenschaft" sehr dürftig waren, habe ich mir Informationen aus dem Internet verschafft und bin dabei unter anderem auf Ihren Aufsatz gestoßen. Ihre Ausführungen zu lesen hatte für mich etwas Befreiendes und tief Befriedigendes. Ich komme zwar nicht aus der Anthroposophie, sondern bin in einer geradezu missionarisch katholischen Umgebung groß geworden, habe aber ganz ähnliche Erfahrungen, Zweifel und schmerzliche Unsicherheiten erfahren wie Sie. Es scheint mir offensichtlich, daß Rudolf Steiner in sehr vergleichbarer Weise autoritär auftritt wie eine sich dogmatisch verstehende Religion, und der damit Erwartungen an seine Jünger verbindet und Methoden bei deren Erziehung anwendet, wie sie viele Sekten und auch die großen Religionen anwenden. Ich kann diese Erfahrungen aus meiner Kindheit und Jugend nicht vergessen, obwohl ich jetzt 60 Jahre alt bin,
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ich fühle mich noch heute mißbraucht in meiner jugendlichen Naivität und Bereitschaft, an das Gute, an das Göttliche zu glauben. Goethes revoltierende Gedicht "Prometheus" drückt für mich treffend aus, welchen Groll, welche Trauer ich darüber empfinde, wenn junge, idealistisch gesonnene Menschen in das Fahrwasser von Irregeleiteten, oder schlimmer: Irreleitenden geraten. Religionen und Sektierertum haben offenbar etwas Epidemisches, etwas Unwiderstehliches für Naive; ich frage mich aber immer wieder, wie es kommt, daß ein so intelligenter Kopf wie der von Steiner nicht in der Lage ist, sich der Konstruiertheit seiner eigenen Gedankenwelten bewußt zu werden und ihnen gegenüber eine selbstkritische Distanz einzunehmen. Vielleicht ist diese Frage falsch gestellt, doch ich komme nicht darum herum, sie zu stellen.
Ich danke Ihnen sehr für Ihre Beiträge zur Kritik an Steiners Lehre. Diese Beiträge sind in mehr als einer Hinsicht aufschlußreich und haben für mich zur Abklärung grundsätzlicher Fragen beigetragen. Es grüßt Sie freundlich F. R.
Erfrischend
Lieber Herr Keller, ich habe Ihre Ausführungen unter "Anthroposophie" intensiv gelesen. Diese haben auf mich unheimlich erfrischend gewirkt, da mich Ihre unerschütterliche, logische Argumentation bis in alle Konsequenz (selbst bei der Frage zur Entstehung neuen Lebens) häufig ganz überraschend getroffen hat. Teilweise habe ich gelacht vor Freude, das zu lesen. Habe mich seit 10 Jahren, seit meinem Studium, nicht mehr mit solchen Dingen befaßt. Ich bin "nur" eine Mami auf der Suche nach dem Besten für mein Kind und bin durch Zufall bei Ihnen gelandet. Erschüttern kann mich nur der Gedanke, daß offensichtlich intelligente Menschen aus der anthroposophischen Szene "Zeit mit sich in sich verschwenden", statt sich ehrlich mit dem auseinanderzusetzen, was um sie herum an Interessantem geschieht. Den Umfang der Beschneidung der Persönlichkeit kann ich nachvollziehen. Waldorf kommt für mein Kind demnach nicht in Frage. Vielen Dank aus Deutschland. Eine Mutter aus Krefeld
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Beeindruckt von Heinrich Jacoby
Habe mit Interesse Ihre Auseinandersetzung mit Anthroposophie gelesen und mich gefreut, daß es von Heinrich Jacoby her geschieht. Ich selbst bin tief beeindruckt von dessen Schriften und durfte noch bei Sophie Ludwig und Charlotte Selver Kurse mitmachen. Ein weiterer Tip: kennen Sie die Arbeit von Moshe Feldenkrais? In seinem Buch "Die Entdeckung des Selbstverständlichen" beschreibt er seine Begegnung mit Heinrich Jacoby, in "Der aufrechte Gang. Bewußtheit durch Bewegung" (beides suhrkamp) finden Sie sehr konzentriert seine Pädagogik für Bewegung (besser Bewegungshandeln). Alles Gute.
Anfragen an das Christentum nachvollziehbar
Sehr geehrter Herr Keller! Eine sehr interessante Seite, ich habe sie mit Interesse studiert. Mich stört zwar immer wieder die meines Erachtens "verzerrte" beziehungsweise einseitige Darstellung "des" Christentums (zum Beispiel daß wir "lieben sollen, weil Jesus geliebt hat" als unbedingtes Gebot, etc.), doch ich gebe zu, daß dieses Bild auch noch bei vielen Christen vorherrscht. Da ich selbst Theologe bin, kann ich Ihre Anfragen (wie Sie sie etwa in Ihrem Dialog mit der anonymen Christin formulieren) gut nachvollziehen, und Ihre Tendenz zum "Realismus" ist mir ausgesprochen sympathisch. Aus meiner Sicht ist das Christentum von Grund auf "realistisch", wie ich es besonders auch bei Paulus empfinde. Theologisch beeinflußt bin ich selbst stark von Rudolf Bultmanns existenzialer Interpretation und seinem Programm der "Entmythologisierung". Leider verstehen viele Christen das als Abschied vom Glauben, was dieser fromme Mann ganz sicher nicht wollte - im Gegenteil!
Da ich Anthroposophie bisher nur aus der Außensicht wahrgenommen habe, fand ich es interessant, Ihre Erfahrungen zu lesen - von jemandem, der sich intensiv, ja existenziell mit dieser Anschauung auseinandergesetzt hat. Mit freundlichen Grüßen.
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Wie Anthroposophen mit Kritik umgehen...
Dazu die Schilderung einer persönlichen Erfahrung: Weil mein Sohn eine kurze Zeit lang einen Waldorf-Kindergarten besuchte, bekam ich Kontakt zum Vorstand des Träger-Vereins. Es gab ein paar Gründe, weswegen ich dem Waldorf-Gedanken durchaus aufgeschlossen war, ich beschäftigte mich damit, las Bücher, besuchte Schulen und war in die Arbeit des Vereins soweit involviert, daß man mich in den Vorstand wählen wollte. Nach reiflicher Überlegung lehnte ich ab und erklärte, daß ich mit dem ganzen Ideengut so meine Schwierigkeiten hätte. Welche Antwort bekam ich? Diese: "Tja, Herr X., wir haben das auch nicht gleich alles verstanden...". Mir scheint, diese Reaktion, die ziemlich frech voraussetzt, daß jemand, der anderer Meinung ist als man selber, einfach nur nichts verstanden hätte, ist die typische Reaktion einer Sekte. Zugleich ist es eine recht hilflose Reaktion, denn Beweise für die eigenen Theorien weiß man ja nicht zu liefern, also kann man nur fordern zu glauben und jeden Nichtgläubigen als unverständig diskreditieren. Für mich gehört die Anthroposophie darum (und aus einigen anderen Gründen) zu den Sekten. Übrigens bin ich Klavierlehrer und habe als solcher mit Waldorf-Schülern wenig positive Erfahrungen gemacht. Die meisten waren ziel- und orientierungslos und von einer Laschheit und Lauheit, die schwer zu beeinflussen war.
Lehrerseminar verweigert Studienurkunde
Ich war vor Jahren am Lehrerseminar in Stuttgart und galt, da ich Sanguinikerin bin, als gute zukünftige Lehrerin. Dies änderte sich von einem Tag zum anderen. Als Thema meiner Jahres-Arbeit gab ich an: "Die vergessenen Kinder von alkoholkranken Eltern". Auf die Frage, wie ich auf dieses Thema käme, das doch sehr schwierig sei und Eltern von Waldorfschülern ehedem keinen Alkohol trinken würden, antwortete ich, daß ich dieses Problem in kleinem Umfang in meiner Familie kennen würde. Das war das Ende. Es kamen Zweifel auf, ob ich dann überhaupt Waldorflehrerin werden könne, ich wurde regelrecht überwacht, sogar an meiner Trinkflasche wurde gerochen. Ich wurde krank und fehlte einige Tage, deswegen wurde ich als nicht belastbar eingestuft, "Mobbing von oben", man könnte es auch
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Sippenhaft nennen. Da ich weiterhin einige Male fehlte, bekam ich zum Schluß meine Urkunde nicht, obwohl meine Abschlußarbeit angenommen und für gut befunden wurde. Ich habe das Diplom rechtlich erstreiten müssen, damit ich überhaupt einen Nachweis für diese Ausbildung hatte. Ob es eine schwarze Liste gibt? Obwohl heute nicht mehr verleugnet wird, daß es auch bei Waldorfschülern und deren Eltern Suchtprobleme gibt, ist es mir nie gelungen, auf Bewerbungen auch nur zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Ich bin jetzt in anderen Bereichen tätig, wo mir Aspekte der Waldorfpädagogik hilfreich sind. Nachfragen haben ergeben, daß es schon anderen StudentenInnen ebenso erging, allerdings haben diese nicht auf Herausgabe einer Studienurkunde geklagt. Ich finde es unglaublich, wie hier mit Menschen umgegangen wird, wenn auf der anderen Seite gepredigt wird, der Mensch stehe im Mittelpunkt. Alles Lüge oder was? anonym
Höchste Normalität
Ich habe die ersten vier Artikel über Ihren Weg aus der Anthroposophie gelesen. Mir scheint, daß Sie weniger über Steiner als über die (scheinbare) Intellektualität (ihrer Eltern oder Ihrer eigenen Persönlichkeit) gestolpert sind. Als Künstler muß ich sagen, ist dies, was Sie schreiben, höchste Normalität und führt direkt aus der sinnlichen in die übersinnlichen Wirklichkeiten. Deswegen betont Steiner immer wieder die Bedeutung der Kunst, das werden Sie sicherlich inzwischen auch wissen. Viel Glück noch, mit oder ohne Anthroposophie.
Gedanken zur Realität
Ich hab mich lange Zeit mit der Frage "was ist Realität?" beschäftigt (und bin teilweise immer noch dabei), da ich, zumindest anfangs, davon ausgegangen bin, daß, wenn man sozusagen eine Art Bauplan der Realität hätte, man die Probleme dieser Welt leichter lösen und vor allem anderen Menschen helfen könnte, ihre Probleme zu lösen (indem man ihnen diesen Bauplan gibt). Naja, ich bin dann nach
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nicht all zu langem überlegen darauf gekommen, daß man so einen Bauplan nicht erstellen kann, allein schon aus dem Grund, weil "Realität" nur ein Wort ist und ein Bauplan ja auch aus Worten beziehungsweise Symbolen bestehen würde (eine Beschreibung eben), die auf die Realität hindeuten, aber nicht wirklich die Bedeutung vermitteln könnten.
Eine weitere Frage, die ich mir gestellt habe, ist diese: "Gibt es ein kleinstes gemeinsames Vielfaches der Realität, etwas, das Realität erst möglich macht?" Und die Antwort, die ich auf diese Frage gefunden habe, ist: "Der Unterschied" . Ohne jeglichen Unterschied gäbe es nur ein unendliches, grenzenloses Alles, nichtmal Raum und Zeit wären existent. Aufgrund dieser Überlegung wäre doch auch so etwas wie Gedankenübertragung möglich. Ich meine das nicht so, daß ein Gedanke "übertragen" wird, sondern daß die Gedanken zweier Personen gleich sind, daß sie sozusagen ein und derselbe Gedanke sind, eben kein Unterschied zwischen beiden existiert ... anonym
Lob
Was für ein traumhafter Bericht (Grünes Heft). Es wird Zeit, die spirituelle Szene zu ernüchtern und zu erleuchten - zur Realität. Wirklich Klasse!! Liebe Grüße.
Geisteswissenschaft hat nicht geschadet
Hallo Christoph, lustig (oder auch nicht), wie´s einem im Leben so geht. Bei mir wars genau andersrum. Da fragt mich meine Mutter (die von Steiner u.s.w. keine Ahnung hatte): möchtest du ins Internat (Walddorfschule Homburg im Saarland) gehen? Da war ich 12 Jahre alt. Meine Antwort: bin ich dann von Zuhause weg? Ja! Ich: Nein.
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11 Jahre später nehme ich ein aufgeschlagenes Buch (Wie erlangt man...) vom Tisch eines Bekannten auf, lese darin und denke: das gibt´s doch gar nicht! Wofür ich Jahre gebraucht habe um dahinter zu kommen, das steht hier in einigen Zeilen. Ich wollte es mir ausleihen, geht nicht, kauf es dir selbst, kostet nur 12,80 DM. Okay, ich kauf mir das Buch, und da gings los. Ich hatte also das Glück, zuerst etwas von Rudi zu lesen, und später erst über Ihn! Er hat, das ist meine Anschauung, nur weniges von dem, was er wußte, mitgeteilt. Ich habe mich nun 7 Jahre intensiv und weitere 8 Jahre locker mit der Geisteswissenschaft beschäftigt - mir hats nicht geschadet. Mein besonderer Dank gilt ihm, da ich dadurch zum wahren Glauben an Christus gekommen bin. So kann es auch laufen.
Die Anthroposophen, denke ich, kannst du vergessen - seltsame Leute. Vielleicht wurde dir dein eigener Weg zu den Mitteilungen von Steiner verbaut. Wenn man wie du aus solch einer Familie stammt - na das ist dann wohl auch schon Karma. Ciao.
Überzeugt von der Waldorfschule
Sehr geehrter Herr Keller, ich habe heute Ihre Website entdeckt, weil ich als Waldorfschüler immer auf der Suche nach Kritik zum Thema Waldorfschulen bin. Ich bin von meiner Schule mehr als überzeugt und hatte nie das Gefühl, falsch erzogen zu werden, sondern fühle mich frei. Von der Anthroposophie halte ich zwar weit weniger als meine Eltern dies tun, aber dennoch halte ich ihre Grundansätze für richtig und gut. Ich gehe gerne auf meine Schule und sehe sie meist in positivem Licht. Natürlich gibt es immer mal wieder einen kleinen Kritikpunkt, den man finden kann, aber im Großen und Ganzen fühle ich mich dort am besten aufgehoben. - Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß Sie zu den wenigen Kritikern gehören, die nicht einfach drauflosmeckern. Mit freundlichen Grüßen.
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Enttäuscht vom Lehrerseminar
Lieber Christoph Keller, mit sehr großem Interesse habe ich Ihren "Weg aus der Anthroposophie" gelesen und bin sehr dankbar dafür. Kehrt jemand der sogenannten anthroposophischen Szene den Rücken, dann ist er ein Enttäuschter, jemand, der nicht begreifen wollte, worum es denn geht, letztendlich, worum es denn dem "Doktor" ging, als er vor allem unser Volk mit seinen Gedanken beschenken wollte. Dieses Volk, das anderen Völkern sehr wenig Positives brachte. Ent - täuscht trifft es dennoch genau: die Täuschung erkannt. Nun, mein Weg aus der Anthroposophie war viel kürzer. Es war der Weg heraus aus einem Lehrerseminar für Waldorfpädagogik. Es gibt und gab so einige wie mich, die in der Waldorfpädagogik eine Alternative zu den katastrophalen staatlichen Schulen suchten und suchen. Lehrerbildung bei Waldorf ist aber meiner Erfahrung nach eine Schulung in Anthroposophie ohne die Möglichkeit, Kritik zu üben, kurz gesagt: was Steiner sagte und schrieb, ist Wahrheit und Leitfaden. Doch trotz der Zweifel seitens so einiger Seminaristen bleibt es still, es geht um einen neuen Job, da schluckt man eben alles, was man vorgesetzt bekommt. Viele Grüße.
Eigene Gedanken wiedergefunden
Lieber Christoph Keller! Dein grünes Heft hat mich so fasziniert, daß ich beschlossen habe, Dir zu schreiben. Ich war sehr überrascht, meine eigenen Gedanken so präzise formuliert im Internet zu lesen.
Ich bin durch einen letztendlich doch schönen Zufall an der Waldorfschule gelandet. Ich muß dazu sagen, daß ich aus einem atheistischen, sehr wissenschaftlich geprägten Elternhaus komme und eine große Skeptikerin bin, vor allem was Bereiche angeht, in denen Leute etwas "im Kollektiv" glauben. Da ich den Grundpädagogikkurs, der zu meiner Überraschung eher ein Anthroposophie-Einführungskurs war, an der Schule absolviert habe, habe ich einen
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kleinen Einblick in Steiners Weltanschauung bekommen, und mich zunehmend wie ein Alien in dieser Gruppe begeisterter Anthroposophen gefühlt. Auch wenn ich die Zeit an der Schule genossen habe, da meine Schüler wirklich tolle Persönlichkeiten waren und mir einen schönen Einstieg in den Lehrberuf beschert haben, war es eine Genugtuung für mich, Deine Ausführungen zu lesen, da Du meine persönlichen Vorstellungen in Worte gefasst hast. Anonym
Begegnung mit einer anthroposophischen Familie
Sehr geehrter Herr Keller, ich bin durch Zufall auf Ihre Homepage gestoßen und kann Ihnen voll Freude mitteilen, daß ich in vielen der von Ihnen aufgeführten Punkte mit Ihnen übereinstimme.
Ich selbst bin mit der Anthroposophie durch meine Freundin und deren Familie in Kontakt gekommen, da sie selbst und ihre Geschwister wie auch alle ihre Vettern auf eine "freie" Waldorfschule gingen und ihr Vater selbst Lehrer auf einer solchen Schule und ihre Mutter Erzieherin in einem Waldorfkindergarten sind. Durch das Zusammenleben mit ihr und ihrer Familie erhielt ich nun einen Einblick in die anthroposophische Lebensweise, und durch manch eine Diskussion (keinen Streit) zu Themen wie Erziehung, Wahrnehmung, Medizin und manch andere profane Dinge gelangte ich zu einer groben Einsicht in ihr Denken und ihre Vorstellungen von der Welt. Hinzu kam mein eigenes Studium von einigen Schriften Steiners zwecks einer Diskussion über Anthroposophie in der Philosophie AG unserer Schule. Hierdurch kam ich zu ähnlichen Kritikpunkten wie Sie sie in ihrem Artikel aufführen (falls ich bei einigen Gedankenpunkten falsch liegen sollte, tut es mir leid, aber ich konnte bis jezt noch nicht mit vielen fachkundigen Nicht-Anthroposophen hierüber sprechen):
- Der Glaube an die Seele, dieses etwas, das sich bei unserer Geburt entscheidet, in uns zu fahren, und dessen Absichten wir uns nicht erklären können.
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- Die Existenz jener geistigen Welt, aus der diese Seele stammen solle, und die ja für uns nicht erfahrbar sei.
- Der Sinn und Zweck aller Dinge, der für uns zurückgebliebene (also normaldenkende) Menschen nicht erfahrbar sei, da wir die ach so großen Zusammenhänge nicht verstehen.
Was mich bei jeder Unterhaltung wirklich aufs Blut reizt ist die von Ihnen bereits erwähnte Überheblichkeit, die selbst die Eltern meiner Freundin mir entgegenbringen: "Ach, da bist du noch nicht bereit dafür, so etwas zu erkennen." Oder: "Von deinem Standpunkt aus kann man solche Sachen ja auch nicht verstehen." Und wenn ich weitere Verwandte von ihr kennenlerne, ist deren erste Reaktion, wenn sie hören, daß ich auf eine staatliche Schule gehe, erst einmal ein Blick, der auszusagen scheint: "Ach seht her, warum hat sie denn bloß den genommen?"
Was mir persöhnlich auch sehr nahe geht, ist die Verachtung, die die Anthroposophen den staatlichen Schulen entgegenbringen. So fiel in einem Gespräch mit dem Onkel meiner Freundin das Wort, daß wir doch alle auf eine "Rückenbeuger- und Unterwerfer-Schule" gingen.
Ich hatte in den vergangenen Tagen eine weitere Konfrontation mit ihrer Mutter, in der es um das öffentliche Schulsystem ging, und in der sie meinte, daß die Schulbildung doch darauf ausgerichtet sein sollte, eine "starke Seele in einem starken Körper mit einem starken Geist" zu erziehen, und daher in der Schule Fächer wie Musik, Kunst oder Sport einen höheren Stellenwert haben sollten. Damit man nicht wie bei mir (!!!!!) eine "schwache Seele in einem schwachen Körper mit einem verkümmerten Geist" erziehe, wie es doch bei allen Staatsschülern der Fall wäre.Ich antwortete hierauf, daß ich dann wohl eher "keine Seele in einem funktionierenden Körper mit einem aufgeklärten Geist habe", womit ich die Konversation beendete und meiner Freundin folgte, die bereits den Raum verlassen hatte. Bis zum heutigen Tag wurde das Thema nicht wieder aufgegriffen... Ihr M. L.
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Brief von R. K.
Anthroposophie am eigenen Leib erfahren
Lieber Christoph! Ich nenne Dich jetzt einfach mal so, denn Dein Grünes Heft hat mich tief berührt. Ich habe es in einem Atemzug durchgelesen und ich habe ein - hört sich blöd an, aber es stimmt - richtiges Gefühl der Dankbarkeit. Du hast viel in mir aufgewühlt. Deine Art der Reflexion, Deine Auseinandersetzung mit Deinem Bruder und mit Deinem Vater, hat mich sehr getroffen. Ich weiß, das hört sich jetzt blöd an und ich will versuchen es zu erklären. Es ist ein bißchen persönlich, aber sonst verstehst Du es nicht.
Im Gegensatz zu Dir hatte ich keine anthroposophischen Eltern. Mein Vater ist Werkzeugmacher und hat nach dem Russlandfeldzug ein Einzelhandelsgeschäft aufgemacht. Das war viel Arbeit. Zeit zu irgendwelchen tiefgründigeren Gedanken war da nie. Wir - ich und mein Bruder - wurden erzogen, als ob es Hitler und die Überlegenheit des Stärkeren so noch gab. Das war die Realität meines Vaters. Härte, keine Schwäche zeigen, jeden Tag mindestens eine Ohrfeige. Die 68iger kamen. Ich, damals 13, war von der Bewegung und der Frechheit der Studenten sofort eingenommen, aber zu jung, um noch irgendwie mitzumachen, mitzudenken, meinen Platz zu suchen. Dazu kam die neue Musik, die natürlich von meinen Eltern abgelehnt worden ist.
"But what can a poor boy do, except singing in a rocking roll band", und er nicht die Stimme von Mick Jagger hat? Nach innen gehen, das, was man als tiefen Widerspruch zwischen der hart polierten Erziehung und der sich nun öffnenden Freiheit empfand, irgendwie auf einen ideologischen Sinnzusammenhang zu bringen versuchen. So war mein Weg in die Anthroposophie. Hier bekam ich Antworten auf meine Fragen. Denn inzwischen hatte sich die ideologische Überlegenheit des sozialistischen Denkens als fragwürdig erwiesen. Der Weg ging nach innen, und dort ist er ja auch noch heute. So bin ich auf die Anthroposophie gestoßen. Zufällig. Durch die vermeintliche Allwissenheit einer älteren Dame - einer Patientin in dem Krankenhaus, in dem ich damals ein Praktikum gemacht habe.
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Nach einer längeren Asienreise - Indien, Südostasien, auch Bangkok - war ich zutiefst verunsichert, und ich suchte Antworten auf all das in Steiners Weisheiten. Zu meiner noch heutigen Verblüffung landete ich sogar bei der Eurythmie! Ein folgenschwerer Irrtum meinerseits. Stuttgart, Eurythmeum, Else Klink, Benesch. Ich nehme an, Dir sind die Namen nicht unbekannt.
All das, was Du schreibst, von der Wirklichkeit und der Untrennbarkeit des Daseins, blieb mir immer als Paket auf dem Rücken. Denn die Annahme eines Weltgeistes, eines über dem menschlichen Sein stehenden ehernen Weltgesetzes, eines Wissens, das sich der Wahrnehmung entzieht, blieb mir fremd. Eines hat die proletarische Erziehung für sich: Sie ist wirklichkeitsorientiert. Dieses ganze Herumgewedel, dieser ganze Pathos, diese Aufdringlichkeit, mit der einem etwas nahe gebracht wurde, von dem ich dachte, eigentlich gehört es entweder in den Bereich der Banalitäten, oder aber man schweigt besser, denn es gehört zu den Gründen des Seins, machte mir schwer zu schaffen. Es gab niemanden zu dieser Zeit, mit dem ich mein Unglück teilen konnte. Also hielt ich durch. Schließlich arbeiteten meine Eltern hart, um mich in dem nicht billigen Studium unterstützen zu können - (und ich immer in den Ferien).
Natürlich blieb der Eklat nicht aus. Wie die Trennung verlief, brauche ich hier nicht zu schreiben. Aber als ich mal draußen war, war ich wie erlöst. Was mir beim Leben "draußen" half, war Musik - Reggae - Bob Marley. Du kannst es wahrscheinlich überhaupt nicht nachvollziehen, aber in einer Zeile von Marley empfand ich mehr, als in einem ganzen hohlwangigen Steinervortrag! Und bei all dem, was Steiner gesagt hat: Gibt es auch nur eine Wendung, eine Sequenz, von der man sagen kann, da drückt jemand etwas aus, das einen berührt, das eine Brücke zur Wirklichkeit schlägt, das auch außerhalb der Anthroszene wahr ist und einem ein Stück über die Klippen des Daseins hilft? Warum nicht, das hast Du wunderbar beschrieben. Denn die Welt ist nicht doppelt! Wir können nur hier sein. Wir können höchstens vermuten oder in stillen, seltenen Stunden sehnen, daß es noch ein Anderes gäbe. Aber der Weg ist uns verbaut. Und es ist nicht schlimm! Denn die Wirklichkeit ist uns genug! Wenn wir uns nicht dagegen stellen, sind wir Teil des allgemeinen Daseins. Wir sind selbst und dürfen an dem Sein des Steins, des Hundes, eines Mitmenschen teilhaben. Aber wir dürfen uns nicht dazwischenschieben. Wir dürfen nicht so tun, als
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wären wir dadurch Gott, oder das Schicksal, oder wir könnten unser Sein auf irgend einen Gipfel der Entwicklung hinaufarbeiten!
Du verstehst vielleicht meinen Zorn gegen diesen Religionsersatz. Denn die Anthroposophie tut so, als hätte sie noch wirkliche Bilder. Als könnte sie vermitteln zwischen der Verwundbarkeit unserer Existenz und dem Sehnen nach Heil, wie es wenigstens in den großen Religionen anklingt. Stattdessen entwickelt sie ein Räderwerk von Eingeweihten, von "höheren" und "niederen" Völkern und Leibern und Planeten und Wesen. Sie beraubt uns jeder Unmittelbarkeit und schickt uns durch die unendlichen und doch immer gleichen "Weisheiten" einer "Geheimwissenschaft".
Es freut mich, daß Du meine Seite gefunden hast und dort vielleicht gespürt hast, daß ich in ungenügenden und oft unpassend zynischen Worten dies ausdrücken wollte. Du kannst es ungleich besser, weil wertfreier, neutraler, am eigentlichen Sachverhalt verbleibend. Ich werde Deine Seiten noch öfters lesen. Ich fühle mich von ihnen voll gedeckt.
Wenn Du in Bangkok mal wieder an einem Buddhatempel vorbeikommst, tue mir den Gefallen und entzünde ein Räucherstäbchen vor einer Buddhastatue. Das verstehst Du vielleicht nicht, aber das macht auch nichts. Für mich waren Deine Worte ein Licht der Erkenntnis. Für mich sind die Worte des Buddha auch Lichter der Wahrheit. Ich mußte da irgendwie dran denken. Sozusagen ein Danke, daß es jemand "da draußen" gibt, der das, was ich empfinde, so gut in Worte lösen kann! R.
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Gespräch mit M. E.
Eine andere Auffassung von Anthroposophie (Dieser Dialog entstand, nachdem Michael bei den "Egoisten" unter der Überschrift "Materialisten online" einen Link auf meine Seite eingebaut hatte.)
CK: Vielen Dank! Ich sehe mich zwar selbst nicht als "Materialisten", sondern im Gegenteil, ich sehe in primitiven materialistischen Wirklichkeitsvorstellungen genau den Irrtum, auf Grund dessen die Einführung "höherer geistiger Welten" überhaupt erst möglich und nötig wurde. Aber macht nichts, ich bin Dir auch so dankbar. ME: Ich dachte schon, daß Du darüber stolperst. Es klingt einfach so nett. Ich habe zwar vielleicht nicht alles verstanden, was Du meinst und wie Du es meinst, aber ich dachte mir schon, daß Du eine Art Monismus vertrittst, der selbstverständlich über den platten Materialismus hinausweist. Das kann aber dann doch den Lesern überlassen werden, das zu entdecken, oder? Ich finde ja, daß Du Steiner etwas unrecht tust, auch wenn man diese Widersprüche in seinem Werk sehen muß. Der zweite Teil der PdF ("Philosophie der Freiheit") strebt ja eine Art Monismus an, den er zwar mit dem Terminus "Denken" belegt, der aber durchaus im Widerspruch steht zu dem im ersten Teil benannten. Im zweiten Teil ist dieser Terminus ganz anders gemeint, und das bringt einen an die Wirklichkeit heran. Es ist nicht mehr das Denken, das den existentiellen Dualismus des Menschen konstituiert - sondern eine Art Utopie. Aber andererseits taucht dieser Dualismus dann im "esoterischen" Spätwerk anscheinend wieder auf, jedenfalls so lange, wie man die Texte nur vordergründig aufnimmt und diese Widersprüche nicht in sich selbst aufzulösen vermag. Deine Diagnose stimmt aber ganz und gar mit dem überein, wie Steiner in weiten Kreisen der AG (Anthroposophische Gesellschaft) aufgefaßt wird - als eine Art Religionsersatz. Ich verstehe daher Dein Unbehagen. CK: Meine Frage an Dich wäre: Was hält Dich eigentlich nach alldem noch an der Anthroposophie? Du mußt natürlich nicht antworten.
ME: Interessante Frage. Ich glaube, wenn es das Internet nicht gäbe, hätte ich keine Kontakte mehr. Ich war nie interessiert an ketzerischen Attitüden, wie sie im Umfeld der AG auch so verbreitet sind wie die der Nachbeter. "Karriere" in diesen Kreisen
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kann man nur machen, wenn man erstens bestimmte Bedürfnisse befriedigt, die mit den speziellen seelischen Konfigurationen vieler Steinerexegeten kongruent gehen müssen, und zweitens hemmungslos manieristisch bestimmte Positionen besetzt und immer nur im selben Sachgebiet dasselbe äußert. Dann wird man zu "unser Mann/ unsere Frau in Sachen X" - egal, welche Variable man da hineinsetzt. Mich erinnert das übrigens an die "Kunstkarrieren". Dort wird auch eine bestimmte manieristische Formensprache erwartet, die einen wiedererkennbar macht. Beides hat mich persönlich nie sehr interessiert, weil ich ein leidenschaftlicher Vertreter des entdeckenden Lernens bin. Ich mag die Attitüden nicht und bin auch fest eingebunden in ein persönliches Umfeld und einen Aufgabenbereich, der mit Anthroposophie in diesem engeren Sinn nichts zu tun hat.
CK: Wie kannst Du Dich mit einer solchen Einstellung von Steiner vertreten fühlen? Ist sein Impuls nicht der von ihm exakt vorgezeichnete Weg zur "Einweihung", die einen Anthroposophen endgültig über den "primitiven Mitmenschen" erhebt, und das noch umso mehr, wenn dieser eine andere Hautfarbe hat?
ME: Ich sehe überhaupt keinen vorgezeichneten Weg bei Steiner. Vielleicht bei ihm als Person. Er interessiert mich als Person wenig. Ich finde, er war ziemlich engstirnig, zum Beispiel was seinen Kunstbegriff betrifft. In vielem war er nichts als Kind seiner Zeit. "Einweihung" und viele der rein esoterischen Themen interessieren mich auch mehr am Rande. Steiners engstirnige Äußerungen über Rassen kann man sich an die Wand klatschen, wenn man will. Seine komische Beziehung zu Frauen und Sexualität auch. Na und?
Sein Werk besteht in seiner großartigen Unfertigkeit trotz alledem. Es ist nur dann ungesund, wenn man Gebrauchsanleitungen, Verhaltensweisen oder Glaubenskatechismen daraus ableiten möchte. Man muß sich Steiner gewissermaßen vom Leib halten, wenn man etwas von ihm gewinnen will. Haltungen des "Anhängertums" oder des "Gegnertums" verhindern einen solchen Zugang. Ich möchte das ein wenig vergleichen mit dem Vorwurf, der de Molay und den anderen Templern vor Gericht gemacht wurde, nämlich, daß sie das Kruzifix rituell bespuckt hätten. Ich glaube nicht, daß das wirklich wahr ist. Verständlich ist es aber schon, denn sie hätten das Symbol bespuckt - sich von der symbolischen Ebene distanziert - eben um für sich klarzumachen, daß sie sich ausschließlich der Verständnisebene verpflichtet fühlen.
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Analog kann es in der Beziehung zu Steinertexten nur darum gehen, ein persönliches Verständnis zu Aspekten seines Werks zu gewinnen. Eine gewisse innere Distanz - vielleicht sogar durch ironische Brechung - ist da ganz hilfreich. Zugegebenermaßen arbeite ich selbst in meinen anthroposophischen Arbeiten nicht immer besonders tiefgründig (das können Spezialisten besser), aber neugierig. Ich hoffe, daß trotz (oder gerade wegen ?) der inneren und äußeren Distanz zum Geschehen in der AG gelegentlich etwas Vernünftiges dabei herauskommt. Ich denke, daß Anthroposophie - allerdings nicht in den bekannten Formen, auch nicht in denen, in denen sich Steiner bewegte - enormes Potential hat. Wir müssen halt versuchen, es auf eigene Beine zu stellen, weit weg selbst von dem, was Teile der AG, Teile der Anthroketzer und die ganze theosophische Erblast vorgelebt haben.
CK: Wo siehst Du dieses Potential?
ME: A (Anthroposophie) ist eine Provokation der Denkgewohnheiten. A kann das in Frage stellen, womit man sich vielleicht allzu schnell zufriedengestellt hat - mit einem Bild von Wirklichkeit, dessen konstruierten Charakter man gar nicht erkannte. A ist kein dogmatisches, geschlossenes System. Es ist der Rohstoff, aus dem ein Individuum das schöpft, was es bearbeiten kann und will. A ist ein Instrument, kein Inhalt. Der Begriff "Schulungsweg" ist irreführend und mindestens altbacken. Heute eigentlich nicht mehr gebrauchsfähig. Dennoch weist er darauf hin, was A ist, sein kann, sein muß: A muß verdaut werden, wenn man sie ernst nimmt, und dann kommen höchst differenzierte und persönliche Ansätze heraus. Überall da, wo A abgeschlossen, als dogmatisches System erscheint, handelt es sich um secondhand - Esoterik. Die ist reaktionär, hat aber einen geradezu hypnotisch anziehenden Charakter für schwache und dumme Personen. Die suchen aus ihren persönlichen Defiziten etwas, was sie ausfüllt und ihnen Sicherheit gibt. Das System, das sie da suchen, schnürt sie von der realen Welt ab, und genau das ist es ja, was sie suchen. A kann zu einem System werden, sogar mit Leichtigkeit, aber das können selbstverständlich auch andere Inhalte politischer, psychoanalytischer Art oder was auch immer. Bei vielen "visionären" Systemen politischer, psychologischer oder esoterischer Art baut sich so etwas sehr leicht auf, weil es hier kaum
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Korrekturmöglichkeiten gibt - bei esoterischen Themen am allerwenigsten. Das ist aber alles nicht A - es ist ein mißbrauchtes Gegenbild davon. Steiner ist im Grunde echt anarchisch. Man muß ihn nicht mögen, und eventuell kann man mit ganzen Teilen seines Werks nichts anfangen. Aber ich denke, daß er eine Art Kulturimpuls gegeben hat, der allerdings erst einmal verdaut werden muß, und das dauert ein paar Generationen, bis die ganze Schlacke ausgeschieden ist. CK: Wo siehst Du diesen Impuls?
ME: Ich sehe ihn gar nicht, ich hoffe auf ihn. Meinen persönlichen Beitrag hoffe ich geben zu können, aber das braucht Zeit. Ich bin noch lange nicht fertig. Gerade denke ich, daß ich noch nicht einmal begonnen habe. Es fehlt nur so schrecklich an Zeit.
CK: Wenn die Schlacke ausgeschieden ist, bleibt da überhaupt noch was übrig? Wenn ja, was?
ME: Nur das, was Individuen geschaffen haben. Die AG ist da vielleicht eher irrelevant, außer als museale Institution. Sie verwahrt das Werk Steiners, und das ist schon gut so. Ich kenne auch keinen bedeutenden a. Künstler. Außer wenn Du Beuys dazurechnen möchtest. Vielleicht Michael Ende? Und was ist mit Dir? Ich meine nicht als Künstler - aber als Provozierter, der sich doch auf seine Weise mit A auseinandersetzt... so geht es doch vielen. Eigentlich muß es so sein, wenn man ehrlich ist. Mir hat mal eine Bekannte gesagt, daß sie jetzt an einem Scheidepunkt sei - wenn sie sich weiter mit A beschäftigen würde, dann wüßte sie, daß sie auf die eine oder andere Art damit beschäftigt bleiben würde, und zwar lange oder "für immer". Nun, sie hörte erst mal auf und wurde brave Waldorfmutter. Vielleicht bleibt sie dadurch aber auch dran, ich weiß nicht. Ich finde aber die "Ketzer"attitüde, die so viele gegenüber A an den Tag legen, für genauso gewöhnlich und determinierend wie die der Nachbeter.
Die "Egoisten" sind, hoffe ich, ein Internetforum zum Zwecke des Ausscheidens solcher Schlacken. Vielleicht produzieren wir auch wieder welche, ich weiß nicht. Viele Leute ärgern sich natürlich darüber, aber es wird eben auch einiges gelesen.
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CK: Mir leuchtet eigentlich ein, was Du sagst, nur bring ichs mit Anthroposophie nicht unter einen Hut. Für mich ist Anthroposophie das, was Steiner hervorbrachte. Und daß man diese Aussagen so interpretieren oder sich erarbeiten kann, daß sie in Bezug auf die Wirklichkeit stimmig oder gar hilfreich werden, halte ich nicht für möglich, es wäre zumindest ein Akrobatenakt. Für Dich aber scheint A etwas ganz anderes und von Steiner unabhängiges zu sein...
ME: Ich habe gestern durch eine Frage, die in einer Mailgruppe aufkam, 4 oder 5 Stunden bei Steiner quer gelesen, hin und her, und finde es wieder einmal phänomenal, was der Mann originär/ originell gedacht hat. Es ist ein riesiger Steinbruch - nur zum geringen Teil wirklich erschlossen. Ich finde da manchmal Textstellen, vielleicht eine Seite lang in einem Vortrag abgedruckt, das kann man herausziehen und einfach betrachten, damit umgehen, ja damit leben. Ich werde genau das auch tun: Einen Brocken aus dem Steinbruch nehmen und von allen Seiten anschauen, vielleicht auch diese Teile wieder auf einer eigenen Seite im Internet präsentieren. Es handelt sich eben nicht um ein durchgängiges, qualitativ immer hoch stehendes geschlossenes philosophisches System, sondern um Äußerungen, die man sich erst erschließen muß. Und man findet natürlich auch eine Reihe von Äußerungen, die man nicht erschließen kann oder auch ablehnt. Man muß sich die Steine aufbrechen, sie schleifen und von Schutt befreien, und dann entdeckt man ihre Schönheit. Ich kenne übrigens keinen Autor, bei dem man auch bei wiederholtem Lesen immer wieder solche Bezüge finden kann. Und scheinbar immer wieder neue Aspekte. Das zeigt die Vielfältigkeit Steiners. Er ist nicht konsumierbar in der Weise, wie man üblicherweise Texte konsumiert.
Das ist der Grund dafür, daß sich diese Texte auch von der Person Steiners bis zu einem bestimmten Grad loslösen: Daß sie der Mitarbeit des Lesenden bedürfen und daß sie nicht in sich geschlossen sind. Teilweise muß man - denke ich - tatsächlich mit ihnen eine Weile leben, wenn man das will. Man schaut immer mal wieder in sie herein. Ein anderer Grund ist die Bildhaftigkeit der Texte. Sie sind ja fast allegorisch, weil sich zumindest Inhalte, die Aspekte "geistiger" Prozesse abbilden wollen, nur in Worten darstellen, die vollkommen gegenständlich sind. Das ist sehr oft mißverständlich. Wenn Steiner "höheres Ich" sagt, ist ihm die Bildhaftigkeit dieses Begriffs bewußt, nicht aber unbedingt dem Leser. Da ist natürlich kein "unten" und
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"hoch oben", keine moralische Wertigkeit usw. Noch nicht einmal der scheinbare Dualismus zwischen "niederem" und "höherem" Ich ist real. Er entspringt den Notwendigkeiten des umgangssprachlichen Ausdrucks. Man muß das für sich klären, wie so viele Begriffe Steiners, die er im übrigen oft in einem einzigen Text in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Natürlich stößt man in diesem Punkt auf eine Reihe von Widersprüchen - selbst in dem, daß Steiner immer wieder selbst dort Verhaltensmaßregeln aufgestellt oder Wertungen vorgenommen hat. Und überall dort, wo er wirklich tatkräftig etwas bewirken wollte (Dreigliederung, Politik, Anthroposophische Gesellschaft), ist er denn ja auch ziemlich gescheitert. Er war eben nicht nur ein abgehobener Philosoph, der sich aus dem Tagesgeschehen heraushalten konnte und wollte.
Insgesamt bleibt mir in diesem Gespräch ein Unwohlsein. Daß nämlich hier in knappster Weise die Beurteilung einer Lebensleistung erfolgt. Das kann nicht gut gehen und hat notwendigerweise den Charakter eines Stammtischgesprächs. Denn selbst in seinen Widersprüchen und in seinem Scheitern habe ich doch großen Respekt vor Steiner.
Gespräch mit H. Z. Wahrnehmung und Kreativität
HZ: Also, lieber Christoph, Du fragst: "Gibt es irgend etwas in der Substanz unseres Denkens, das nicht ursprünglich durch die Sinnesorgane (wozu übrigens die gesamte Hautoberfläche, eigentlich jede empfindungsfähige Stelle des Körpers zu rechnen ist), empfangen wurde?"
Sehr viel. Erstens: Alle Erfahrungen, die nicht durch die Außentore vermittelt sind, wie z.B. die Musik, die ich komponiere, die ich innerlich hervorbringe, gestalte, umforme. Ich "tue" sie innerlich, und ich empfange dieses Tun und kontrolliere, gestalte, ändere es mit einem das Tun durchdringenden Bewußtsein; hier stehen Tun und Bewußtsein des Tuns in unmittelbarem Zusammenhang, aber von äußeren Eindrücken abgeschränkt. Man kann sich darüber streiten, ob ich die Musik innerlich wahrnehme, da die Ohren nicht beteiligt sind und eher ein Muster des inneren Tuns
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als eine Gehörswahrnehmung die Sache bestimmt. Auf jeden Fall ist das, was das innere Musizieren ausmacht, nicht Wahrnehmung der äußeren Ohren, der "Sinne", bestenfalls eines inneren Sinnes, des Zeitbewußtseins zum Beispiel. CK: Da möchte ich Dich fragen: Glaubst Du, Du könntest komponieren, ohne jemals vorher Töne gehört zu haben?
HZ: Wenn ich hier mit "nein" antworte, ändert das nichts an der Tatsache, daß Komponieren nicht Produktion von Tönen, sondern von Ordnungen der Töne und Ordnung der Ordnungen von Tönen (also von Intervallen, Motiven, Phrasen, Melodien, Themen und Gegenthemen usw., nicht zu vergessen die Rhythmen) ist. Es ändert auch nichts an der Tatsache, daß beim Komponieren etwas über das Plagiat und die erinnernde Übernahme fremder Kompositionen hinausgehen muß, und sei es noch so gering. Schon das geringste Hinausgehen über das bis zu dem Zeitpunkt Gehörte genügt, Deine Aussage zu widerlegen. Und für dieses kleine Bißchen an origineller Neuordnung, das den ästhetischen Reiz über die bloße Vertrautheit und Eingeschliffenheit des Gewohnten hinaushebt, gilt: Es ist "unerhört", nie vorher gehört worden. Daß das Neue dabei in Vertrautes geradezu eingebettet ist, ändert nichts daran, daß ohne dieses kleine, kleinste Bißchen Originalität eine Komposition bloßes Plagiat ist.
CK: Ich glaube, da hast Du mich mißverstanden. Ich habe niemals in Zweifel gezogen, daß wir die Fähigkeit zu schöpferischer Tätigkeit haben, und noch viel weniger, daß jeder von uns eine originale Schöpfung ist. Es ging mir nur darum, zu erkennen, daß dieser Schöpfungsprozeß in uns selbst stattfindet und sich der Substanz bedient, die durch die sinnliche Wahrnehmung empfangen wurde. Er darf nicht als weiterer Wahrnehmungsvorgang einer neuen "geistigen Umwelt" mißverstanden werden, es sei denn, man ist sich im Klaren, daß diese "geistige Umwelt" die eigene stoffliche Existenz ist. HZ: Wir hatten das hier im Jakob Böhme-Symposium mit dem Vortrag des Amerikaners aus Illinois ähnlich: Er versuchte, den ganzen Böhme aus der historischen Entwicklung und aus "seiner Zeit" zu erklären; aber war er nicht auch originell, inspiriert, überraschend neuschöpferisch? Die Gegenfrage der Inspirations-Bewunderer (also meine Gegenfrage an den Amerikaner, der ein ganz
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hervorragender und kenntnisreicher Böhme-Versteher war) ist: "Wenn man das so schön ableiten kann, warum bringt man dann nicht gleich sein Werk hervor?" Unser Gesprächsbeispiel war (von mir eingebrachter Standard) ein Musikbeispiel, ich habe bisher den Anfang der 7.Sinfonie von Beethoven genommen, aber es geht natürlich auch kleiner - also: Wer es ableiten kann, der sollte es auch komponieren können. Wer nämlich ableiten kann, was Tilo Medek komponiert, wenn er mal über das achte Kapitel der "Morgenröte" (Jakob Böhmes, die er vertont hat) hinauskommt, der soll es doch gleich selber machen, denn die bloße Analyse wird doch von der "Synthese" des schöpferischen Geistes überzielt.
CK: Ich hoffe, Du hast mich nicht in die analytische Ecke eingeordnet... Ich glaube genau wie Du an echte Schöpfung, ob das nun ein Naturvorgang oder ein Kunstwerk ist. Das liegt jenseits des durch analytisches Denken Erkennbaren oder gar Ableitbaren, und ein Hauptanliegen meines Grünen Hefts ist es, die Funktion unseres Denkens und damit auch seine Grenzen erkennbar zu machen. Nur: Es gibt keinen Schöpfungsprozeß, der aus dem Nichts hervorgeht, und in Bezug auf menschliche Schöpfungen kann man wenigstens soviel festmachen, daß sie aus dem hervorgehen, was durch die Sinneswahrnehmung empfangen wurde, daß diese Eindrücke die Substanz bilden, aus denen dann das Neue hervorgeht. So wollte ich es verstanden wissen, wenn ich von der Substanz unseres Denkens sprach. HZ: Natürlich gilt das Originalitätsprinzip für alle Handlungen, nicht nur für ästhetisch reizvolle "Mitteilungen" wie Melodien oder Gedichte. Besonders deutlich wird es in alltäglichen Gesprächen: Sie enthalten Witz und menschenwahrnehmende Freundlichkeit, immer neu hervorgebracht; jede maschinenartige Reaktion würde den Gesprächspartner sofort stutzig machen. Das sehe ich schon bei den kurzen Grußformeln aneinander vorbeisegelnder Bekannter: Die Menschen möchten einander ganz kurz begegnen, und zwar in Originalität, mit einem kleinen Scherz meistens. Das sieht alles nach Wahrnehmung reinster Güte aus, aber es ist zugleich auch ein ganz kleiner, glänzender Funken von Originalität, eben von Witz, Esprit. Gespräche ohne Witz oder frische Information lassen uns aufschrecken: Da "fehlt" etwas: wir erwarten Nichterwartetes.
CK: (Zum Thema Kreativität, Phantasie, Originalität, paßt übrigens sehr gut das Zitat von Jacoby, das ich an den Brief vom 1.1.97 angehängt habe).
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HZ: Zum zweiten mein Ich.
CK: Das ist mir ein sehr problematischer Begriff, und es wäre zunächst zu klären, was Du darunter verstehst...
HZ: Mich natürlich. Soll ich Dir jetzt erklären, daß es mich gibt? Ich bin der Autor dieser Zeilen, derjenige, der Dir antwortet und neue Fragen stellt, der Dich zu verstehen sucht und diese Briefe mit seinem Namen unterschreibt. Ich bin derjenige, den Du für seinen Schrieb verantwortlich machen darfst und mußt. Ich bin derjenige, dem Du wiederum antwortest und neue Fragen stellst, den Du zu verstehen suchst und dem Du Briefe sendest, die mit Deinem Namen unterschrieben sind. CK: Diese Definition gefällt mir gut!
HZ: Also das Ich. Das ist keine Sache der äußeren Erfahrung; vielmehr ist es die Tätigkeitswurzel, die für alle meine Taten verantwortlich ist; es ist die Verantwortungsbindung selbst: nämlich, daß ich mir meine Taten zuschreibe und sie mir auch von anderen zugerechnet werden. Ich erlebe es unmittelbar in dem Bereich meines Tuns, der verantwortend bewußt ist und in dem Bereich meines Bewußtseins, der schöpferisch tätig ist.
CK: Mit anderen Worten: Es ist Deine Existenz, der ganze Kosmos Deines Körpers, der das Bewußtsein und das Gedankenleben in sich trägt. Da gebe ich Dir natürlich recht: Unsere Existenz entsteht zunächst unabhängig von der sinnlichen Wahrnehmung.
HZ: Zum dritten alle mathematisch-geometrischen Gesetzmäßigkeiten. Alles, was ich selbst errechnen, einsichtig erkennen und in seiner Regelhaftigkeit neu hervorbringen muß, um es mitvollziehend zu erkennen. Zum Beispiel den Satz von der Winkelsumme in jedem Dreieck: Wenn er aus der äußeren Erfahrung (der Sinne) stammte, könnte er nicht lauten: die Winkelsumme in jedem ebenen Dreieck sei 180°, sondern er müßte mal 179,7, mal 181,3° betragen, je nach Genauigkeit der Messung. Der Satz läßt sich aber ohne Messungen beweisen, etwa über die Parallelen jeder Dreiecksseite durch die der Seite jeweils gegenüberliegenden Punkte und die sich wiederholenden Winkel, die zusammengenommen immer den Halbkreis ergeben. Die Konstruktion ist nun zwar räumlich, aber nicht aus den
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räumlichen Verhältnissen entnommen, sondern ihnen zugrundeliegend. Deshalb gilt die Geometrie allgemein vom gesamten Raum, obwohl der Raum in seiner Gänze nicht in einen Sinn (etwa den optischen) fallen kann.
CK: Da hätte ich die gleiche Frage wie zu Deinem ersten Punkt: Glaubst Du, diese geometrischen Gesetzmäßigkeiten, die ja Gesetzmäßigkeiten des Raumes sind, könnten allein in uns entstehen, unabhängig von der Wirklichkeit des Raumes, und ohne diesen Raum jemals sinnlich wahrgenommen zu haben? HZ: Das letztere (ohne ... wahrgenommen zu haben) ist in der Tat der Fall. Diese Gesetzmäßigkeiten finden sich unabhängig von der (optischen) Wahrnehmung. Sie ermöglichen vielmehr die Wahrnehmung.
CK: Ich glaube, da befindest Du Dich im Irrtum. Jedes Neugeborene kann den Raum um sich wahrnehmen (nicht nur optisch), ohne eine Ahnung von den in ihm schlummernden Gesetzmäßigkeiten zu haben.
HZ: Die Gesetzmäßigkeiten bilden die Wirklichkeit des Raumes: Raum ist keine Wirklichkeit außerhalb unseres Bewußtseins, sondern eine der Grundstrukturen unseres Bewußtseins, ...
CK: Da kann ich Dir nicht mehr folgen: Du bezweifelst also die Existenz einer realen Umwelt (eines realen Raumes) außerhalb unseres Bewußtseins, das heißt außerhalb unseres Kopfes?
HZ: ... und zwar eben die Grundstruktur, die es uns ermöglicht, Eindrücke als auseinander befindlich zu ordnen und die Art des Auseinanderbefindlichseins in ihren Gesetzmäßigkeiten zu durchschauen. Der Beweis dafür liegt eben darin, daß diese Gesetzmäßigkeiten absolut allgemein, ohne Ausnahme gelten (Sokrates/ Platon bietet im Menon das Beispiel der Verdoppelung des Quadrat-Inhalts über der Diagonalen; ich selbst nannte das Beispiel der Winkelsumme; diffiziler wäre der Satz des Pythagoras oder der des Thales). Im Bereich der Wahrnehmung gibt es solche Gesetzmäßigkeiten ohne Ausnahme nicht, es sei denn, unsere
Bewußtseinsstrukturen wirkten schon mit.
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CK: Richtig, aber nicht unser Bewußtsein ordnet den Raum, sondern wird von ihm geordnet, der Raum teilt uns seine Struktur durch die Sinneswahrnehmung mit. Nur ist diese Struktur so unendlich differenziert und komplex, daß unser Bewußtsein die Fähigkeit entwickelt hat, zu vereinfachen, gemeinsame Nenner, das heißt Gesetzmäßigkeiten zu finden, die in dieser Form dann tatsächlich nur noch in unserem Bewußtsein existieren und uns helfen, uns in dieser Vielfalt zurechtzufinden. Die so entstandenen einfachen, "allgemeingültigen" Formeln sind nun aber nicht die "Schöpfer" der Wirklichkeit, sondern ein von unserem Bewußtsein erarbeitetes "gedankenverdaulich" vereinfachendes Extrakt aus den Informationen der Wirklichkeit.
Ist das, was Du allein in unserem Denken existierend vermutest, unabhängig von der sinnlichen Wahrnehmung, nicht richtiger als Verarbeitungsprozeß sinnlicher Wahrnehmungen zu interpretieren?
HZ: Wo liegt der Widerspruch? Eben so ist es doch: Was von sinnlicher Außenwahrnehmung unabhängig ist, muß dem Verarbeitungsprozeß angehören. Was an einem Gebäude nicht aus Stein besteht, wie z.B. die Statik des Gebäudes, muß dem Zusammenbauen der Steine angehören. Natürlich wird nach Bauplan gebaut; und im Bauplan ist die Statik berücksichtigt; die Maurer folgen einer "geistigen" Struktur, einer durchdachten und in den Plan aufgenommenen, obwohl sie in der Last und Hitze des Tages das Gewicht und die Härte der Steine spüren, aber nicht dieses immaterielle Ordnungsprinzip der Materien, das da "Statik" heißt. Im Verarbeitungsprozeß der Wahrnehmungen wirkt einiges an Nichtwahrnehmung mit.
Nun kann man sich darüber streiten, ob diese nichtwahrnehmbaren (sondern gesetzmäßigen, allgemeingültigen, beweisbaren, eben darin
wahrnehmungsunabhängigen) Strukturen aus unserem Verstand kommen und eben unseren eigenen Verarbeitungsprozeß der Wahrnehmungen (verwickelt ins Gegenstandsbewußtsein, schwer "heraus"-zu-analysieren) ausmachen, oder ob die Natur selbst diese Gesetzmäßigkeiten an sich hat und unser Nervensystem beziehungsweise unser Bewußtsein "nur" benutzt, um ihrer selbst gewahr zu werden. Im zweiten Fall wäre es die Natur selbst, die in jedem von uns "Ich" sagt, aber in unzählige Monaden zerspiegelt.
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CK: Was Du da als zweite Möglichkeit beschreibst, kommt der Wahrheit glaube ich sehr nahe.
HZ: Es gibt mehr als nur die eine Wahrheitstheorie einer Abbildung oder sonst einer Korrespondenz von Ding draußen und Gedanke drinnen. Diese Theorie leidet ohnehin an Widersprüchlichkeiten: Da entstehen zwei Welten: die Gedankenwelt, die eine davon unabhängige Welt draußen abbilden soll. Mit Kant, auf ihm aufbauend, ihn kritisierend, die Kritik systematisierend, setzte sich von Kant über Fichte und Schelling dann bei Hegel eine Kohärenztheorie der Wahrheit durch: Wahr ist in ihr nicht "Übereinstimmung des Gedankens mit einer Wirklichkeit außerhalb des Denkens", sondern wahr ist in ihr die Übereinstimmung der Gedanken, die Ausräumung der Widersprüche bzw. ein alles integrierender Beweisversuch. Ob der jemals abgeschlossen sein kann, mag man bezweifeln, aber Selbstübereinstimmung der Gedanken in der Integration der Gedanken ineinander-miteinander räumt viele Schwierigkeiten der Abbildtheorien der Wahrheit aus... CK: Diesen Ansatz halte ich für sehr problematisch, da sich das Denken dabei verselbständigt und sich für die Wirklichkeit hält, von der es in Wahrheit ein Abbild ist.
HZ: ... vor allem das Problem eines Dinges an sich, das nicht gedanklich erreichbar sein soll; warum wird es dann überhaupt formuliert und mitgedacht? CK: Weil ein sinnlicher und anschließend gedanklicher Kontakt möglich ist, also ein Informationsaustausch, aber das Ding an sich bleibt draußen (wenn ichs nicht aufesse), ich kann seine Ezistenz und damit seine Wahrheit nicht in meinen Kopf holen.
HZ: In Bezug auf die Interpretationen all dessen, was der Mensch erfährt, ist ein Anerkennen verschiedener Interpretationsmöglichkeiten und Modelle und "Welten" den ausschließenden Urteilen vorzuziehen.
CK: Dem könnte ich zustimmen, wenn man dabei nicht vergißt, daß diese verschiedenen "Welten" in den Köpfen der Menschen existieren als Folge eines Verarbeitungsprozesses der Wahrnehmung einer realen Umwelt, die es eben vielleicht doch nur einmal gibt...
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HZ: Und wo existiert dann diese "reale Umwelt"? Außerhalb des "Verarbeitungsprozesses"?
CK: Aber natürlich! Sonst wärst Du ja allein mit Deinem Bewußtsein, es gäbe nichts außer Dir, Du würdest Dich jetzt auch nicht mit mir unterhalten, sondern Selbstgespräche führen...
HZ: Beim Lesen unseres Dialogs habe ich unmittelbar, spontan, intuitiv, den Eindruck: Das sind zwei so schön komplementäre Auffassungen, und beide richtig, daß man beide sauber durchführen kann, wie in einer Antinomie. Aber das ist gerade das Reizvolle: Beide Möglichkeiten sind auf komplementäre Weise richtig und Positiv-Negativ-Bilder voneinander.
CK: Damit könnte man eigentlich unseren kleinen Austausch auf harmonische Weise abschließen. Trotzdem juckt es mich, nocheinmal auf den Busch zu klopfen: Kann man beispielsweise Deine Darlegung, der Raum sei keine Wirklichkeit außerhalb unseres Bewußtseins, sondern eine der Grundstrukturen des Bewußtseins, die es uns ermöglicht, Eindrücke als auseinanderbefindlich wahrzunehmen, und meinen Glauben an einen realen Raum außerhalb unseres Bewußtseins, der uns von außen durch die Wahrnehmung seine Struktur mitteilt und unser Bewußtsein formt und ordnet, wirklich als beide richtig nebeneinander stehenlassen?
Gespräch mit H.S. Grenzen der Erkenntnis -Hellsichtigkeit? Zur Überprüfbarkeit von Steiners Aussagen -Glauben oder Prüfen -Die Früchte der Anthroposophie -War Steiner Rassist? Grenzen der Erkenntnis
HS: Ich bin zu anthroposophischen Gedanken über meinen Hausarzt gekommen. Mit seiner Art von Homöopathie hat er mir schnell bei einem Leiden geholfen, das
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andere Ärzte wirklich nur am Symptom bekämpft haben. Später empfahl und verschrieb er mir Sprachgestaltung, unter anderem, weil ich oft heiser war, und da erlebte ich Dinge, die in meinem normalen Weltbild nicht vorgesehen waren. Seitdem lese ich gern Rudolf Steiner. Ich verstehe bei weitem nicht alles, aber immer wieder spüre ich: ja, das ist wahr. Bei vielem anderen denke ich mir: es könnte so sein. Es ist zumindest eine schöne Denkübung, solche ungewöhnlichen Gedanken und Sichtweisen "auszuprobieren" und damit den eigenen Gesichtskreis zu erweitern. Steiners Widerlegung des Postulats, es gäbe prinzipielle Grenzen der Erkenntnis, leuchtet mir ein, sogar sehr. Die rein materiell-historische Erfahrung lehrt, daß es immer noch mehr zu erfahren gibt, als man zu einer Zeit meint. Daher kann auch nicht ein Wissenschaftler sagen: Das und das wird man nie wissen. Er kann nämlich nicht wissen, was man in Zukunft wissen wird.
CK: Richtig. Aber eines kann man heute schon wissen: Daß das, was wir wissen, niemals dasselbe sein wird wie die jeweilige Erscheinung der Wirklichkeit, auf die sich das Wissen bezieht.
HS: Woher wissen Sie das eigentlich? Der Standpunkt, den Sie vertreten, kommt mir zumindest teilweise vom Konstruktivismus oder Relativismus her bekannt vor. In diesen Denkrichtungen steckt meiner skeptischen Meinung nach eine Lücke, nämlich: Es wird gesagt, wir können die Dinge und Vorgänge außerhalb unseres Körpers nicht wirklich erkennen. Warum? Die Konstruktivisten: unser Wahrnehmungsapparat reicht nicht hin. Womit, bitteschön, hat man diese Erkenntnis gewonnen? Mit demselben Wahrnehmungsapparat? Ja, aber dann hebt sich die Sache doch auf, denn die Grenzen des Erkennens kann dieser Wahrnehmungsapparat dann genausowenig wirklich erkennen wie alles andere. CK: Das ist nicht ganz das, was ich meinte. Man kann die Dinge wahrnehmen, aber ihr Sein ist unerreichbar. Es geht also nicht um eine Grenze zwischen mehr oder weniger Erkenntnis, sondern um die Grenze zwischen Erkenntnis und Sein. HS: Unerreichbar - das ist ein schwieriges Wort, das vieles offen läßt. Wenn ich mich selbst berühre, erreiche ich mich genauso wie wenn ich einen Baum berühre. Ich
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erreiche ihn. Ich bin nicht er, und ich nehme ihn nur sehr teilweise wahr, aber erreichen würde ich das schon nennen.
CK: Sie haben Recht, meine Wortwahl trifft die Sache nicht ganz. Also: ich bin der Baum nicht und werde er niemals sein können. Ich werde niemals in sein Innen schlüpfen können. So wars gemeint.
Unser Wahrnehmungsapparat kann vielleicht nicht erkennen, wieviele Informationen tatsächlich von einer Existenz aufnehmbar wären, aber er kann unterscheiden lernen zwischen Information und Sein, und er kann erkennen, daß es zwischen beiden jene eben angesprochene unüberschreitbare Grenze gibt. Dafür ist allerdings nötig, daß man in den Dimensionen der Wirklichkeit denkt, daß man präzise räumlich denkt: Was ist innen, was ist außen? Und das hat Steiner nicht trennen können. Er konnte nicht trennen zwischen dem Original der Wirklichkeit und der eigenen Reproduktion, und er hat letzterer auf diese Weise uneingeschränkte Macht angemaßt. HS: Ich glaube nicht, daß Steiner den Unterschied zwischen Innen und Außen, Wahrgenommenem und Wahrnehmendem geleugnet oder auch nur übersehen hätte. Zum Beispiel: "Ich bin ein Ich nur für mich; für jeden andern bin ich ein Du; und jeder andere ist für mich ein Du." ("Die Geheimwissenschaft im Umriß", Dornach 2000, S. 66; viele Stellen in der "Philosophie der Freiheit", vor allem S. 80 ff., Kapitel V, Dornach 1998).
CK: Wie weit sich unsere Fähigkeit zur Reproduktion der Wirklichkeit entwickeln wird, wissen wir nicht, genauso wenig wie wir wissen, zu welchen virtuellen oder sonstigen Simulationen die Computer der Zukunft fähig sein werden. Aber wir können schon heute wissen, daß es eben immer Simulationen sein werden, und niemals das Original selbst.
HS: Der Begriff der Reproduktion könnte genauso "angemaßt" oder erfunden oder nicht die Wirklichkeit sein, wenn Sie auf diesem Standpunkt bleiben wollen. Wie gesagt, diese Haltung hebt sich selbst auf.
Was Sie beschreiben, ist die Abbildtheorie. Der widerspricht aber vieles, was auf der ganzen Welt in vielen Religionen und außerhalb von ihnen an Meditation geübt wird und worden ist. Natürlich entsteht nicht ein Baum in mir, wenn ich ihn zu erkennen
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versuche. Ich werde mich nie wie ein Baum fühlen. Aber ich kann - und das weiß ich nun aus eigener Erfahrung, seltener, aber immerhin - ich kann einem Menschen nachfühlen. Das klingt jetzt banal, aber es war für mich überraschend und klar: Ich spürte, und ich wußte, das ist wahr, wie sich der andere von innen anfühlte. Seltsam, wie sage ich es? Schlagartig war es, schwupps wußte ich, sagen wir mal, wie der andere sich fühlte. Dabei kannte ich ihn überhaupt nicht. Natürlich können Sie sagen: Einbildung. Das können Sie aber immer sagen. Auch wenn der Wissenschaftler eine Meßgerätanzeige abliest: alles Einbildung. Das hat übrigens der der metaphysischen Schwärmereien eher unverdächtige Konrad Lorenz einmal schön beschrieben: "Die erkenntnistheoretische Inkonsequenz dieses Vorgehens ist [...] leicht aufzuzeigen. [...] Sie liegt darin, daß der Wahrnehmung die wissenschaftliche Legitimität dort zuerkannt wird, wo sie der Ablesung eines Meßinstruments dient, aberkannt aber dort, wo sie zu direkter Beobachtung eines Naturvorganges verwendet wird." (Konrad Lorenz: "Gestaltwahrnehmung als Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis", in: "Vom Weltbild des Verhaltensforschers", München, 12. Aufl. 1983, S. 97 - 147, hier S. 98.) Übrig bleibt beim Konstruktivismus nur die Aporie des Sokrates, der Satz: ich weiß, daß ich nichts weiß - aber nicht einmal das kann ich wirklich wissen, denn woher will ich wissen, daß ich nicht alles weiß, was es zu wissen gibt? Ein logischer Kreis, aus dem man nicht herauskommt.
CK: Woher weiß ich, daß ich etwas weiß, beziehungsweise daß ich etwas nicht weiß? Diese kluge Frage hebt das Denken aus den Angeln, und man würde ins Nichts abgleiten, sich selbst aufheben, wie Sie richtig sagen, wenn sich die eigene Existenz in diesem Denken erschöpfte. Das heißt, in solcher Weise hinterfragt offenbart sich das Denken als etwas, in dem es keine Sicherheit, keine Beweisbarkeit, kein Sein, keine Wirklichkeit gibt, sondern das nur in Zusammenhang mit der Wirklichkeit und deren sinnlicher Wahrnehmung funktioniert. Beispiel: Eine wissenschaftliche Theorie kann ihre Richtigkeit niemals aus sich selbst beweisen, sondern nur durch die Bestätigung der sinnlichen Wahrnehmung. Das Denken ist die koordinierende Kraft, die hinter unseren Sinnesorganen arbeitet und uns befähigt, die Informationen aufnehmen zu können, die von einer Existenz abgegeben werden. Das ist eine ganze Menge, wobei wohl entscheidend ist, daß ich eine Existenz lokalisieren kann (innerhalb meines Lebensraums). Was da aber wirklich da ist, ist
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eine Gegebenheit, die man gedanklich nicht beweisen kann, das heißt deren Sein man gedanklich nicht zu fassen kriegt - (woher ich das nun wieder weiß? Weil ich, wie Sie richtig schrieben, der Baum niemals selbst sein kann, auch der Mensch, dem ich nachfühlen kann, niemals selbst sein kann, und selbst dann könnt ich seine Existenz nicht gedanklich beweisen) - an die man daher gezwungen ist, zu glauben. Der wahre Glaube an die Wirklichkeit. Es gilt also zu unterscheiden zwischen Erkennen und Sein.
Nun stellt sich aber die nächste Schicksalsfrage: Da ich nur ich selbst sein kann, nicht aus den "eigenen vier Wänden" rauskomme, woher weiß ich dann, daß nicht alles Einbildung ist, was ich wahrzunehmen glaube? Man kann das vielleicht sogar so sehen. Aber man kann unterscheiden zwischen einer selbst angefertigten "echten" Einbildung, und einer "Einbildung", die etwas anderes in mir hervorruft, wo etwas von außen Kommendes sich in mir abbildet. (Die Abbildtheorie, wie Sie das bezeichnen. Es ist aber keine Theorie, sondern die Beschreibung eines Wirklichkeitsvorgangs, der nicht widerlegt, sondern nur beobachtet werden kann, auch wenn sich Millionen in ihren Meditationen etwas anderes vorstellen - auch Millionen von Menschen können sich etwas Falsches vorstellen...). Und wenn sich diese von außen kommenden Informationen durch die verschiedenen Sinnespforten ergänzen und bestätigen zu der "Einbildung" einer Umwelt, die kontinuierlich da ist, in der ich mich bewegen kann, und deren Vorhandensein von allen anderen Lebewesen bestätigt wird, so meine ich, daß es gerechtfertigt ist, an sie zu glauben. Und wenn man beobachten kann, wie die von außen kommenden Informationen sich in mir zu einem neuen Bild formen, die Quelle dieser Informationen aber unabhängig davon draußen weiterexistiert, ist der Begriff der Reproduktion keine Anmaßung mehr, sondern eben eine Beobachtung.
Da das Denken sich innerhalb meiner Existenz abspielt, hab ich da eine spezielle Möglichkeit der inneren Wahrnehmung, der Selbstwahrnehmung und Kontrolle. Wie kann das gehen? Wenn wir uns einmal von einem mystisch glorifizierenden, nebulosen Menschenbild befreien, werden wir entdecken, daß das Informationsverarbeitungssystem Denken vieles gemein hat mit der Funktionsweise eines Computers, das heißt wir haben diese Informationsverarbeitungsmaschine nach unserem eigenen Vorbild geschaffen. Jeder Gedanke, den wir denken, kopiert
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und speichert sich selbst, um später wieder abrufbar zu sein. Durch direkte Sinneswahrnehmung erhaltene Informationen werden in einem anderen "Ordner" abgelegt als Selbstproduziertes. Wenn das Denken sich selbst prüft, kann man das vielleicht mit der Scandisc-Funktion vergleichen. Es geschieht nicht gleichzeitig mit einem anderen Verarbeitungsprozeß, einer Wahrnehmung oder einer anschließenden gedanklichen Auseinandersetzung, sondern hinterher (siehe hierzu auch mein Gespräch mit Stephan Hübner). Man geht die verschiedenen "Ordner" durch und prüft: Wo hab ich das her? Was hab ich da gemacht? usw. Bitte mißverstehen Sie mich nun nicht dahingehend, ich wolle den Menschen mit einer von ihm geschaffenen Maschine gleichsetzen. Ich habe diesen Vergleich gewählt, um den komplizierten Vorgang der Informationsverarbeitung und der gedanklichen Selbstwahrnehmung und Kontrolle - einen winzigen Aspekt unserer Existenz - überhaupt in den Bereich des Vorstellbaren zu rücken. Das bedeutet selbstverständlich nicht, daß sich damit unser Innenleben erschöpft. HS: Daß der Mensch Informationen verarbeitet, heißt noch lange nicht, daß er nicht auch Informationen aus geistigen Welten verarbeiten könnte. Also: wir nehmen etwas wahr, was "außerhalb" von uns ist. Natürlich sind wir das Wahrgenommene nicht, und Es entsteht auch nicht 1 : 1 in uns. Aber wir kriegen doch ordentlich was davon mit. Steiner, wenn ich ihn hier aus dem Gedächtnis sinngemäß zitieren darf, sagt selber: Erst wenn ich um den Baum herumgehe, sehe ich ihn ganz. Man sieht alles erst mal von einer Seite, also nie voll und ganz. Aber wenn man sich in den Anblick des Baumes "versenkt" (Wort von mir), dann kann man sein "Wesen" (Wort von mir) "erkennen" (Wort von mir). Wie es bei Steiner öfter heißt, daß Goethe diese ominöse Urpflanze, also das Urbild der Pflanze gesehen, also etwa geschaut haben will. Nur in diesem Zustand, nicht ständig und nicht bei allem, was man vor sich hat, geht das. Es muß sich einem auch offenbaren. CK: Man kann ihn in konzentriertem Zustand tiefer wahrnehmen, solange man sich selbst und den Baum nicht durcheinanderbringt, die Grenze zwischen Erkennen und Sein.
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HS: Ähnlich beschreibt es Martin Buber: Wenn man sich versenkt, konzentriert, wenn man sich der Welt anders gegenüberstellt, erkennt man ihr Wesen (siehe Martin Buber: "Ich und Du." Stuttgart 1995). Und das ist eine Philosophie, die Sie bei Plato(n) und vielen anderen Philosophen immer wieder finden. Also den sogenannten "Idealismus" (der, ganz grob gesagt, eben davon ausgeht, daß es die "Ideen" wirklich gibt, also daß die nicht nur so Theorien sind, die wir uns zurechtlegen, nicht nur Konstrukte unseres Gehirns). Wenn es die gibt, kann man sie auch erkennen, zumindest teilweise.
In der Erziehungswissenschaft und anderen Human- und Sozialwissenschaften darf man auch an der Universität heute durchaus noch so arbeiten. Man nennt das dann zum Beispiel "Phänomenologie", und das wird heute mit Edmund Husserl oder anderen begründet. Da geht es um eine "Wesensschau", die dadurch erreicht wird, daß man seine Vorstellungen und Vorurteile möglichst ganz ausschaltet. Oder nehmen Sie die Hermeneutik, also die Lehre vom Verstehen. Das ist die geisteswissenschaftliche Methode, wobei Geisteswissenschaft hier so verwendet wird wie im akademischen Betrieb heute üblich. Von der Hermeneutik gibt es verschiedene Richtungen. Gemeinsam ist ihnen, daß man nicht zu allgemeinen Gesetzmäßigkeiten kommen will wie in der Physik, sondern Menschen und ihre Werke verstehen will. Verstehen heißt aber, nicht nur so theoretisch abstrakt beschreiben und vermessen, sondern da steckt auch drin: ihre Geschichte, ihre Entwicklung herausarbeiten, sich ein-, nach- und vorfühlen, miterleben... Natürlich ist die Erkenntnistheorie (oder Wissenschaftstheorie oder Epistemiologie) voll von Widerlegungsversuchen dieser Anschauungen, aber auch umgekehrt, voll von Theorien der Wahrheit.
Der einzige feste Grund ist meine eigene Entscheidung, mein Leben. Das meine ich zur Zeit jedenfalls. Und das steht auch bei Steiner. Aber bei ihm steht halt, nicht dieses oberflächliche Meinen, sondern ich bin dann der Maßstab, wenn ich ganz bei der Sache bin, vielleicht im Sinne von Martin Buber, jedenfalls hochkonzentriert, meditativ schon fast.
Manchmal verstehe ich ja ganz schnell und ganz tief, was ein Bild ausdrückt, was ein Mensch mir sagen will, auch wenn er es eigentlich kaum sagen kann, weil ihm die
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Worte fehlen. Sie können natürlich sagen, das ist einfach die Fülle an Informationen aus Gestik, Mimik usw. Das kann ich nicht widerlegen, ich kann nur sagen, es geht manchmal so schnell, so schnell kann mein Hirn die Informationen gar nicht verarbeiten...
Wenn ich alles mögliche auf der Welt nur immer wahrnehmen würde, dann wäre das ein großer Haufen einzelner Wahrnehmungen. Daß ich damit was anfangen kann, das kommt vom Denken. Ich denke mir was dazu. Die Wahrnehmung allein kann mir nicht sagen, ob das Dazugedachte richtig ist (es ist ja eben nicht wahrzunehmen). Dafür habe ich ein Gefühl. Ob das nur daher kommt, daß ich meine Gedanken an der äußeren Wahrnehmung prüfe und so korrigiere? Ich meine, das ist unwahrscheinlich. Sie wissen doch auch nicht nur mit dem Kopf, ob eine Schlußfolgerung wahr oder falsch ist, sondern mit einer Art Gefühl. Ohne das gäbe es keine Logik. Dieses Gefühl liegt aber in uns, nicht außer uns. Warum soll es nicht eine Art Wahrnehmung sein, anders als die sinnliche natürlich? Ich kann es nicht ausschließen, genausowenig wie ich es beweisen kann.
CK: Das Gefühl, was uns sagt, ob etwas richtig oder falsch ist, setzt sich aus dem Erfahrungsschatz zusammen, den wir in unserem bisherigen Leben über die sinnliche Wahrnehmung erworben haben. Es ist sicherlich kein neuer, "übersinnlicher Kontakt".
HS: Womit beweisen Sie denn, daß wir nur urteilen können, wo wir Erfahrungen gemacht haben? Mir erscheint das überhaupt nicht klar geschweige denn beweisbar, geschweige denn bewiesen.
CK: Mir erscheint das sehr klar, wenn wir von der Fähigkeit sprechen, Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu beurteilen, und auch leicht beweisbar. Wenn mir jemand erzählt, ein Elefant sei höchstens zwei Zentimeter groß, so kann ich das nur dann als falsch erkennen, wenn ich bereits Informationen über seine wahre Größe erhalten habe.
HS: Wenn ich rein abstrakte Gedanken denke, dann denke ich über Sachen nach, die mit meinen Wahrnehmungen unter Umständen nichts mehr zu tun haben. (Leider ist das in der Wissenschaft sehr, sehr häufig - und dann prüft man nicht mal an
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seinem Gefühl für Logik, ob das alles stimmt). Trotzdem kann ich sagen, ob sie logisch und schlüssig sind oder nicht. Obwohl ich sie niemals an äußeren Wahrnehmungen prüfen kann. Woher dieses Wissen?
CK: Ich glaube nicht, daß das ganz richtig ist. Auch die Mathematik, auf die Sie sich da ja wohl beziehen, steht auf der Grundlage der wahrnehmbaren Wirklichkeit, sie vereinfacht deren komplexe Gestalten lediglich zu reinen Formen (siehe hierzu auch mein Gespräch mit H. Z.). Ob diese reinen Formen, zumindest in großer Annäherung, wirklich in der Natur nicht vorkommen, könnte dann auch wieder hinterfragt werden. Denken Sie an Wurfbahnen oder Umlaufbahnen unter idealen Bedingungen, an die Bewegung des Lichts usw.
HS: Und schließlich der religiöse Blickwinkel: Alle Religionen kennen mehr oder weniger ähnlich ein Unsterbliches im Menschen, die Christen nennen das üblicherweise Seele. Bei Steiner ist das halt noch differenzierter. Eine Erkenntnistheorie ohne irgendeine religiöse Grundentscheidung gibt es nicht. CK: Für mich wäre diese religiöse Grundentscheidung der Glaube an die Wirklichkeit. Lassen Sie mich hier einmal ein vorläufiges Fazit unseres Dialogs versuchen: Sie weisen in Ihren Aussagen auf verschiedene Qualitäten unserer Wahrnehmung hin: vom bloßen Anstarren etwa zum Erfühlen und, mit Hilfe des Denkens zum tieferen Verstehen der Umwelt, und Sie implizieren unterschwellig, man könne schließlich zu den tiefsten Wahrheiten vordringen, während mir wichtig ist, daß man auch in der konzentriertesten Wahrnehmung oder tiefsten Versenkung nicht vergißt, daß unsere Wahrnehmung und das jeweilige Objekt, das sie hervorruft, zwei verschiedene Dinge sind und immer bleiben werden. Wenn man sich darauf einigen könnte, daß alles, was zum Beispiel über den Menschen gesagt werden kann, der medizinische Blickwinkel, der psychologische Blickwinkel, der philosophische und religiöse Blickwinkel, usw., einfach alles samt dem Steinerschen Blickwinkel, verschiedene Aspekte ein und derselben unteilbaren Identität wären - Informationen über ein Sein, das letztlich nicht in Informationen übersetzbar, sondern nur lokalisierbar ist: es ist da! - dann könnte ich fast allem zustimmen, was Sie ausführen.
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Dann werden aber jene Wunschträume von anderen Welten, von Reinkarnation und Unsterblichkeit eben unhaltbar - und wer will sich von denen schon trennen... HS: Das verstehe ich nicht: Wenn alle verschiedenen Sichtweisen nur immer Aspekte des einen, was betrachtet wird, sind, dann hat das doch noch nichts mit Reinkarnation und geistigen Welten zu tun. Erstens sagt Steiner genau das selbst: Man muß immer noch eine und noch eine Sichtweise einnehmen, wenn man immer noch mehr und noch mehr sehen will von etwas. Zweitens wäre eine "übersinnliche" Sichtweise eben "nur" noch eine, die noch einen Aspekt sieht. Das entwertet überhaupt nicht das sinnlich Gesehene. Im Übrigen ist die räumliche Wirklichkeit bei Steiner eine Art anderer Erscheinungsform des Geistigen, von dem es eben auch nicht sinnlich erfahrbare Erscheinungsformen, Aspekte oder wie Sie wollen gibt. Mit Reinkarnation hat das aber doch alles überhaupt nichts zu tun... ? CK: Doch, weil Reinkarnation die Möglichkeit der Trennung zwischen dem, was stirbt, und dem, was sich reinkarniert, voraussetzt. Aspekte einer Identität aber können sich nicht von dieser trennen. Hat man das einmal erkannt, müßte man dem Körper und der ganzen räumlichen Wirklichkeit den Wert zusprechen, den diese tatsächlich haben, und nicht nur einen Pseudowert als "wichtiges Hilfsmittel", um unsere hohen Geister weiterzuentwickeln...
HS: Diese Voraussetzung kann ich nicht teilen. Natürlich können sich Aspekte einer Identität von dieser trennen. Das ist ja die Lehre aus der ganzen Metamorphose nicht nur der Pflanzen. Sehr vereinfacht gesagt, tauscht man in gewissen Abständen nahezu alle Zellen des Körpers aus. Wie oft schuppt sich die Haut, wie oft wird das Blut vollständig ausgetauscht? Bleibt man nicht sogar derselbe Mensch, wenn man Blut oder ein Organ eines anderen Menschen transplantiert bekommt? Behält man nicht seine Identität, wenn man älter wird und graue Haare bekommt oder (in meinem Fall eher) verliert? Verschwindet die Identität eines Menschen, weil ihm ein Bein oder Arm amputiert werden muß? Es sind viele Trennungen möglich und sie kommen vor, ohne daß wir die Identität dadurch im Wesentlichen verletzt sehen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, sagte die Gestaltpsychologie der 20er-Jahre.
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CK: Da verstehen Sie unter dem Begriff "Aspekt" etwas ganz anderes als ich. Ein Aspekt ist für mich ein bestimmter Blickwinkel, ein Punkt, von dem aus man etwas betrachtet, nicht ein Teil wie ein Arm (wobei ich übrigens mit Sicherheit nicht mehr derselbe bin, wenn ich ihn amputiert bekomme, genauso wie alle Veränderungen und Verwandlungen, die Sie anprechen, wirkliche Veränderungen und Verwandlungen sind). Wenn ich zum Beispiel ein Gesicht von vorn und im Profil sehe, sind das zwei Aspekte desselben Gesichts. Und wenn ich mich von innen erlebe mit meinen Gedanken und Gefühlen, und dann in den Spiegel schaue, um zu erfahren, wie ich von außen aussehe, dann sind das zwei Aspekte meiner Existenz, nicht zwei Teile, in die ich zerfallen könnte.
HS: Ich bilde mir eben ein, in manchen Situationen meines Lebens das sichere Gefühl gehabt zu haben, etwas anderes als die physische Wirklichkeit erlebt zu haben. Nur als Gefühl, daß es da was gibt, nur wie ein Windhauch vom Flügelschlag eines Engels, poetisch gesagt. Aber es ist schon eine Art Wissen. Schwer auszudrücken.
Hellsichtigkeit? Zur Überprüfbarkeit von Steiners Aussagen HS: Schon allein auf Grund solcher Erlebnisse muß ich Steiners Aussagen für möglich halten. Weil ich erlebt habe, daß es noch andere Wahrnehmungsarten gibt als die fünf Sinne der Schulweisheit, und auch wenn ich die Naturwissenschaft bis an ihr Ende denke, kann ich ihn vielleicht bezweifeln, nicht widerlegen. Ich glaube schon, daß es eine Hellsichtigkeit gibt. Beispiele: Als meine Mutter einen Unfall hatte, wachte meine Großmutter 250 km davon entfernt nachts auf, weckte ihren Mann, sagte, wir müssen packen, unsere Tochter braucht uns. Oder: haben Sie noch nie gemerkt, daß Sie jemand anschaut, der hinter Ihnen oder seitlich von Ihnen ist und den Sie nicht sehen können? Und und und... Kann es da nicht sein, daß einer das gut und bewußt und klar beherrscht, was doch jedermann so verschwommen und ansatzweise kann?
CK: Ich glaube, man sollte derartige Vorkommnisse sehr kritisch prüfen, bevor man sie in einer Weise interpretiert, die das Vertrauensverhältnis zu den "fünf Sinnen der
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Schulweisheit", wie Sie unsere Wahrnehmungsorgane schon ein wenig abwertend bezeichnen, erschüttert und damit unseren direkten Kontakt zur Wirklichkeit ins Wanken bringt.
Ich will mit dem zweiten Beispiel anfangen, da es sich sehr gut eignet, aufzuzeigen, wie leicht man sich auf diesem Gebiet zu Fehlschlüssen verleiten läßt: Natürlich hab ich das schon erlebt: man spürt ein Kribbeln im Rücken, dreht sich um, und tatsächlich steht jemand hinter einem und starrt einen an. Ich vergesse aber über einem solchen Erlebnis nicht die 50 anderen Erlebnisse, bei denen ich auch jenes Kribbeln verspürte, mich umdrehte, und niemand da war. Ich habe jenes Kribbeln bei mir längst entlarft als Folge meiner eigenen Vorstellung, "es könnte jemand hinter mir stehen", und keinesfalls als "Wahrnehmung" geheimnisvoller Strahlungen. Um den Vorfall mit Ihrer Mutter genau zu untersuchen, müßte man zum Beispiel folgende Fragen klären: Wie war der Kontakt zur Großmutter in den vorhergehenden Tagen? Wurde viel telefoniert? Wurden Probleme erörtert? An welcher Vorstellung genau ist Ihre Großmutter aufgewacht? War es exakt zu dem Zeitpunkt des Unfalls? Oder eine Minute vorher? Oder nachher? Aber selbst wenn alles so ablief, daß man sich einen direkten Wahrnehmungskontakt theoretisch vorstellen könnte, würde das für mich noch bei weitem nicht ausreichen als Beweis für einen solchen, denn ich kann darüber die zahllosen Fälle nicht vergessen, in denen Mütter ihre Kinder besorgt anrufen, und nichts war passiert. Und man müsste weitere Fragen klären: Warum konnte die Großmutter diesen Geheimkontakt nicht schon vorher und ständig nutzen? Hat die Mutter eine spezielle Botschaft ausgesandt? Ist der Kontakt experimentell nachprüfbar, wiederholbar? usw.usw.
Ich meine, daß die Menschen prinzipiell gleich gebaut und ausgerüstet sind. Denken Sie nun an die Millionen, denen ein solches Erlebnis ein Leben lang niemals zuteil wird... Liegt man da nicht richtiger, wenn man derartige Geschehnisse als Zusammenfall von inneren und äußeren Vorgängen interpretiert, und nicht als direkten Wahrnehmungskontakt? Monat für Monat gibt es Lottogewinner. Es gibt also ein paar Leute, die mit "hellsichtigem Gespür" die 6 richtigen Zahlen ankreuzen... Sind wir damit wirklich Zeugen eines "hellsichtigen Kontakts mit der Zukunft" geworden?
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HS: Sie machen ein paar implizite Unterstellungen, zum Beispiel es gäbe "Strahlungen" oder "Botschaften", die ausgesandt werden. Das ist materialistisch gedacht. Dann gäbe es halt zu Licht und elektromagnetischen Wellen noch andere, unentdeckte.
CK: Ganz genau. So hab ich das auch in dem Kapitel "Übersinnliche Erfahrungen" dargestellt.
HS: Oder "übersinnlicher Kontakt": Das klingt auch nach so einer Science-Fiction-Vorstellung (verzeihen Sie das drastische Bild), wo irgendwelche geheimnisvollen Strahlen herumwabern. Ich glaube, das darf man Steiner nicht unterstellen. Im Reiche des Immateriellen (wenn es das gibt) sind die "Dinge" (die keine Dinge sind), eben völlig anders. Also auch nicht Sender --> Empfänger, wie man sich das so nach dem Beispiel der Post oder des Rundfunks vorstellt, sondern ganz anders. CK: Das ist nun der Punkt, an dem das Spiel unfair wird, wo mit unlauteren Methoden die Wahrnehmungssysteme zahlloser Menschen ins Chaos getrieben werden. "Einfach ganz anders". Punkt. Sobald Steiner oder wer auch immer anfängt, dieses "andere" zu beschreiben, findet er sich sofort in den Dimensionen der Wirklichkeit wieder, denn wir kennen nun mal keine "andere" Realität als die räumlich-zeitliche, "Es" gibt keine andere, diese Idee eines "anderen" begegnet uns ausschließlich in unserem privaten "Home-Kino" Denken und auf Grund der Möglichkeit dieses Denkens, ein abstraktes "Nichts" dem Sein gegenüberzustellen. Um nocheinmal den Vergleich mit einem Computer zu bemühen: Das ist so, wie wenn man eine Verknüpfung erstellt, die ins Leere führt, oder einen Ordner ohne Inhalt anlegt. Der Glaube an dieses Nichts kann aber verheerende Folgen auf alle anderen Ordner mit konkreten Inhalten haben, die nämlich dadurch, nur auf Grund eines "aber es könnte doch..." in Zweifel geraten und sich beginnen, zu löschen. HS: Was wäre daran so schrecklich, wenn die Menschen in Zweifel geraten? Wie viel von dem, was wir denken und wahrzunehmen glauben, beruht denn auf Erziehung und Bildung, Vorstellungen und Theorien? Was für äußere und "sichere" Wahrheiten braucht man denn?
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CK: Zum Beispiel was beziehungsweise wo man selbst ist und wo die Umwelt, was Wahrnehmung ist beziehungsweise tut und was das Denken... Aber Sie haben natürlich Recht mit Ihrem Einwand.
HS: Es erfordert eben Mut, andere Sichtweisen einzunehmen und das bisher Undenkbare zu denken. Aber das ist Entwicklung. Natürlich kann man sich irren. Und wenn man das wirklich für wahr hält, daß man sich irren kann, dann wäre es doch gut, wenn man die "Inhalte" der "Ordner" im "Speicher" Gehirn verändern könnte, wenn man nicht von ihnen bestimmt würde. (Viel von dem, über was wir hier diskutieren, ist in der "Philosophie der Freiheit" mit anderen Worten, aber tiefer und durchdachter besprochen).
"Einfach ganz anders": Sie haben völlig recht, wenn Sie feststellen, daß hier mit unlauteren Methoden Menschen ins Chaos getrieben werden können. Da habe ich mich wohl auch um eine richtige Aussage herumgedrückt. Dennoch: Es kann etwas geben, das nicht "strahlt", wo nichts "fließt", sondern in dem man lebt, oder wie auch immer. Das sich vorzustellen, daß es auch ganz anders sein kann, als wir das uns vorzustellen gewohnt sind, das finde ich horizonterweiternd. Ich glaube, daß Steiner um Begriffe und Beschreibungen für schwer Sagbares gerungen hat. Schwer sagbar, denn nicht in Bildern der materiellen Welt zu fassen. Das Beispiel mit dem Blindgeborenen ist nicht schlecht. (Ähnlich ist ja Platons Höhlengleichnis, das berühmte). Also stellen wir uns vor, 99,5% der Leute sehen nichts. Dann kommen 0,5% daher und sagen: Ich sehe. Schlechtes Beispiel, denn sie könnten nicht sagen "ich sehe", sie müßten sagen, "ich 'höre' etwas, was ihr nicht 'hört', aber eigentlich höre ich es nicht, denn es ist ganz anders." In so einer Lage sehen sich logischerweise, nicht nur nach Steiner, Menschen, die Nichtphysikalischsinnliches wahrnehmen. Muß man ihnen sagen: Erklärt es uns erst mal richtig? Wie sollen sie? CK: Der große Unterschied zwischen einem Sehenden in Bezug zu einem Blinden und Steinerscher "Hellseherei" ist der: Der Sehende kann den Blinden zu der jeweiligen Existenz hinführen, sie hören oder anfassen lassen usw., und dann erzählen, daß er dasselbe Ding auch noch auf andere Weise wahrnehmen kann. Steiner sagt, er sieht eine ganz andere Existenz. Und das ist das, was ich als Verrat an der Wirklichkeit empfinde, als "Gotteslästerung", wenn Sie's religiös nehmen wollen, denn es diskreditiert die Wirklichkeit als "nicht vollständig", als Tummelplatz
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für außerrationale Wesen, sich "weiterzuentwickeln", um dann wieder abzuschwirren bis zum nächsten Leben...
HS: Vielleicht sind ja wir einfach zu vernagelt? Ich kapiere doch auch die höhere Mathematik nicht, und doch gibt es sie und ihre Wahrheiten; ebenso die Atomphysik. Da könnte man ja auch sagen, alles Schmarrn, ich sehe keine Atome. CK: Das ist richtig: Die Wirklichkeit erschöpft sich nicht in dem, was wir von ihr wahrnehmen können. Ob das den Mikrobereich der Atome und all der Teilchen oder Schwingungen innerhalb derselben, die man bereits entdeckt hat, betrifft, oder den Makrobereich des Universums und die neuen Erkenntnisse, die uns beispielsweise Einsteins Relativitätstheorie gebracht hat und die früher völlig außerhalb des Vorstellbaren lagen. Trotzdem geht es da immer um dieselbe Realität, die wir so unvollkommen wahrnehmen, nur eben aus einer uns unerreichbaren Nähe oder unerreichbaren Entfernung oder Geschwindigkeit aus betrachtet. HS: Da möchte ich doch darauf hinweisen, daß sich hier Begriffe verwirren. Sie sagen, Einsteins Relativitäts-Theorie habe uns Erkenntnisse gebracht. Also kann es nicht um dieselbe Realität gehen, die wir wahrnehmen, denn die Inhalte von Einsteins Theorie sind für Menschen nicht wahrnehmbar, auch nicht mit Hilfe von Meßgeräten. Die Theorie sagt etwas über Zusammenhänge; diese sind aber nicht meßbar und sichtbar, sondern nur denk-bar.
CK: Das sind gleich zwei Fehler auf einmal: selbstverständlich geht es um dieselbe Realität, die wir wahrnehmen, und die Einstein mit seiner Theorie neu zu erklären versucht, und: auch wenn diese Bereiche zunächst über das Denken rückerschlossen wurden, weil sie der Wahrnehmung nicht zugänglich waren, sind sie doch nachträglich durch die Wahrnehmung oder mit Hilfe von Meßgeräten überprüfbar und für jedermann zugängliches Allgemeingut. HS: Weil etwas Allgemeingut ist, muß es noch nicht wahr sein. Eine Theorie bleibt eine Theorie, auch wenn die Daten, die man dazu erheben konnte, ihr nicht widersprechen. In der Wissenschaft herrschend ist derzeit(!) die Erkenntnislehre von Karl R. Popper, der sogenannte Kritische Rationalismus. Danach ist es, wie Sie ja selbst bereits in Bezug auf das Denken ausführten, prinzipiell unmöglich, eine
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Theorie zu beweisen; man kann sie nur widerlegen (Falsifikation). Das heißt aber auch, alle Theorien sind vorläufiger und letztlich unbewiesener Natur, denn auch nur ein Fall, der der Theorie widerspricht, würde sie ja falsifizieren. Zweitens: Kann das Denken nur eine Art erweiterter Wahrnehmung sein, wenn die Theorie doch in der Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist, sondern nur im Denken? CK: Wenn das Denken etwas wahrnimmt, das es in Wirklichkeit nicht gibt, sondern nur in ihm selbst existiert, nimmt es sich selbst wahr. Wenn wir eine Theorie entwickeln, entwickeln wir ein Modell der Wirklichkeit, eine Reproduktion, in der möglichst alles so abläuft und funktioniert wie im großen Vorbild der Wirklichkeit draußen.
Steiner erzählt uns aber von einer Wirklichkeit, die nur ihm selbst zugänglich war. Einer Wirklichkeit, die von der Wahrnehmbaren ablösbar sein soll. Er erzählt uns von seinem eigenen Innenleben, das er mit der realen Außenwelt gleichsetzt. HS: Kann ich ihm das widerlegen? Mir ist kein Versuch von Wissenschaftlern oder Skeptikern bekannt, die von Steiner behaupteten inneren Seelenorgane zu entwickeln und dann seine Behauptungen nachzuprüfen. Wer den Versuch unterläßt, kann aber nicht widerlegen. Woher soll ich es wissen, wenn ich es nicht ausprobiert habe? Das heißt natürlich nicht, daß ich glauben muß, aber ich muß wenigstens agnostisch sagen: Ich weiß es nicht.
CK: Muß ich das wirklich? Wenn mir jemand erzählt, er könne sich durch Konzentration in ein Meerschweinchen verwandeln, es ginge aber nur, wenn niemand zuschaut, muß ich dann auch agnostisch sagen: ich weiß es nicht? Wenn mir jemand erzählt, er könne mit einem Bewußtsein, das an der Entstehung der eigenen Existenz nicht den allergeringsten Anteil hatte, sondern aus der fertigen Schöpfung erwachte, dieser Schöpfung ein paar "fehlende" Sonderorgane hinzufügen, mit Hilfe derer er eine "ganz andere Realität" schauen könne, muß ich da wirklich sagen: ich weiß es nicht? Wieviel Toleranz muß ich Behauptungen entgegenbringen, die unvereinbar sind mit dem, was mir die Wirklichkeit bis dahin mitteilte?
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Im übrigen wurde der Versuch, die von Steiner behaupteten inneren Seelenorgane zu entwickeln und dann seine Behauptungen nachzuprüfen, doch von zahllosen Anthroposophen gemacht, ohne daß auch nur jemals eine einzige von Steiners "Wahrnehmungen" bestätigt werden konnte. Sie haben aber vollkommen Recht: man hätte es beziehungsweise ihn ausprobieren müssen, aber nicht nach seinen eigenen Rezepten!
HS: Dazu hat er sich geäußert. Man kann ihm vorwerfen, er habe sich durch spitzfindige Argumente aus der Schlinge zu ziehen versucht. Aber die Argumente stehen da, ich glaube, es war ungefähr so: Da das Geistige nicht wie das Materielle einfach da ist und angeglotzt werden kann, sondern sich dem Suchenden nach nicht dessen, sondern nach seinem eigenen Willen offenbart, weil es nicht "tote" Natur ist, sondern viel mehr Leben als wir selber, oder vielleicht auch das Leben selbst, ist ein Experiment naturwissenschaftlichen Zuschnitts natürlich wenig sinnvoll. In der Tat ist das ein Argument. Mit dem unlängst verstorbenen Philosophen Gadamer kann man sagen: Da würde die Methode über die Sache herrschen. Nur das, was meine Methode messen kann, gibt es. Also wenn ich das Thermometer hinaus halte und es zeigt nur die Temperatur, dann ist das ein Beweis dafür, daß es draußen dunkel ist. Die Methode muß bei der Sache bleiben, aus der Sache heraus entwickelt werden. Es gibt auf der Welt keine Maschine, kein Meßgerät, mit dem seelische Dinge erfaßt werden können. Sagen Sie deshalb, daß Liebe, Haß, Wut, Trauer, Hunger, Durst usw. nicht existieren? Oder womit mißt man "objektiv", das heißt intersubjektiv nachprüfbar, Gedanken? Muß sich der Mensch dem Psychologen nicht auch erst offenbaren, und ist das nicht auch sehr schwierig? Man kann höchstens den elektrogalvanischen Hautwiderstand oder die Augenbewegungen oder Hirnströme messen, aber aus denen kann man die Qualität eines Gefühls nicht ablesen, nicht einmal richtig die Quantität. Die Physik ist kein gutes Modell für die Wissenschaften, auch wenn sie derzeit herrscht. Schon in der Biologie versagt ihre Herangehensweise, überall, wo gelebt wird und nicht nur existiert. CK: Was Sie da ansprechen, sind jene Grenzen der Erkenntnis, von denen oben bereits die Rede war. Mein eigenes Innen sieht von außen eben ganz anders aus, ist von der Wahrnehmung von außen unerreichbar.
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Zum Thema objektiver, intersubjektiver Überprüfbarkeit Steinerscher Aussagen aber möchte ich aus dem Aufsatz "Ist die Anthroposophie eine Wissenschaft?" von Sven Ove Hansson, (nachzulesen unter
http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_hansson.html), eine kurze Passage zitieren: "Um festzustellen, ob anthroposophisches Wissen intersubjektiv ist, ist es nicht ausreichend zu behaupten, daß einige Visionen wahr sind und andere nicht. Es müßte eine Methode beigebracht werden, die den Wahrheitswert einer konkreten Vision bestimmen kann. Wenn eine solche Methode dargelegt werden könnte, wäre Intersubjektivität bewiesen.
Steiner stellte in der Tat eine solche Methode vor. Um Fehler zu vermeiden und der Authentizität seiner Visionen sicher zu sein, sollte der angehende Hellseher Rat von einem Lehrer annehmen. "Man läßt sich durch einen Lehrer diejenigen Dinge überliefern, welche durch inspirierte Vorgänger für die Menschheit errungen worden sind." (Rudolf Steiner, "Die Stufen der höheren Erkenntnis", Dornach 1931, S. 65). In einer sehr erhellenden Passage sagte er:
"Wer, ohne auf bestimmte Tatsachen der übersinnlichen Welt den Seelenblick zu richten, nur "Übungen" macht, um in die übersinnliche Welt einzutreten, für den bleibt diese Welt ein unbestimmtes, sich verwirrendes Chaos. Man lernt sich einleben in diese Welt gewissermaßen naiv, indem man sich über bestimmte Tatsachen derselben unterrichtet, und dann gibt man sich Rechenschaft, wie man - die Naivität verlassend - vollbewußt selbst zu den Erlebnissen gelangt, von denen man Mitteilung erlangt hat." (Rudolf Steiner, "Die Geheimwissenschaft im Umriß", Leipzig 1920, S. 21).
In anderen Worten: Der Adept der anthroposophischen Wissenschaft muß seine Visionen mit denen seines Lehrers und seiner "inspirierten Vorgänger" vergleichen. Seine eigenen Visionen sind nur wahr, wenn sie mit denen seiner Vorgänger übereinstimmen. Solche Vergleiche sind in der Tat ein notwendiger Teil des anthroposophischen Weges zum Wissen. Steiner sagte, daß "die sichere Führung durch den erfahrenen Geheimlehrer doch noch nicht völlig zu ersetzen ist". ("Die Stufen der höheren Erkenntnis", S.69). Zitatende
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Wenn ich auf diese Methode nun Ihr Thermometerbeispiel anwenden darf: Man stellt also zuerst die Temperatur ein und mißt sie dann. Oder anders ausgedrückt: Man fotografiert mit einem Film, der bereits belichtet ist...
HS: Die Zitate von Steiner stammen vielleicht gar nicht aus einer Passage, in der er über Wahrheit und Nachprüfbarkeit spricht. Sondern es geht ihm da um etwas anderes. Natürlich könnte seine Argumentation fies sein, so eine Art Zirkelschluß: glaube mir, dann wirst du schon sehen, oder: verrammle dein Hirn mit meiner Schablone, dann wirst du schon nur noch sehen, was durch die Schablone paßt. Aber das nehme ich aus dem ganzen Stil und Inhalt der Schriften, die ich von ihm gelesen habe, nicht an. Das würde ihm sehr widersprechen. (Da sind wir übrigens bei der Hermeneutik im philologischen Sinn, also wie man Texte auslegt. Mein Vorverständnis von Steiner ist ein anderes als Hannssons).
Glauben oder Prüfen
HS: Rudolf Steiner warnt ja selbst in vielen Schriften und Vorträgen davor, seine Aussagen zu nehmen wie die römische Kirche ihre Dogmen. Wie diese Kirche mit dem Gehalt der Lehre von Jesus Christus umgeht, so gehen leider viele Anthroposophen mit der Lehre von Rudolf Steiner um, was natürlich nicht heißen soll, daß diese beiden auf einer Stufe ständen. In der "Philosophie der Freiheit" heißt es doch: "Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft." Genau diese Knechtschaft lese ich aus Ihren Beschreibungen Ihrer Schule und auch Ihres Elternhauses heraus. Steiner fordert auch ausdrücklich, man solle ihm nicht einfach glauben, lieber solle man ihn ablehnen als das. Sondern man soll selber nachdenken; in der Bibel heißt so etwas, es "in seinem Herzen bewegen".
CK: Da muß ich Ihnen nun ausdrücklich widersprechen. Selbst wenn Steiner das einmal so gesagt haben soll, so hat er doch an zahlreichen anderen Stellen genau das Gegenteil gesagt wie zum Beispiel in den beiden folgenden wiederum bei Hansson angeführten Zitaten:
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"Es gibt Kinder, die mit heiliger Scheu zu gewissen von ihnen verehrten Personen emporblicken. Sie haben eine Ehrfurcht vor ihnen, die ihnen im tiefsten Herzensgrunde verbietet, irgendeinen Gedanken aufkommen zu lassen von Kritik, von Opposition [...] Aus den Reihen dieser Menschenkinder gehen viele Geheimschüler hervor." ("Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?", S. 4 f.)
Wenn ein Schüler nicht mit dieser Geisteshaltung geboren worden ist, so muß er danach trachten, daß er "durch Selbsterziehung die devotionelle Stimmung energisch in sich zu erzeugen unternimmt". Denn "jede Kritik, jedes richtende Urteil vertreiben ebenso sehr die Kräfte der Seele zur höheren Erkenntnis, wie jede hingebungsvolle Ehrfurcht sie entwickelt." ("Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?", S. 6)
HS: Wenn Steiner beides gesagt hat, wird man ihn nicht auf eins davon festnageln können. Wir können dann nur festhalten: Er hat sich nicht eindeutig dazu geäußert. Meine Lesefrüchte sind allerdings die: nicht blind glauben, selber denken, selber handeln, jeder so, wie er kann und will. Wer Geheimschüler sein will, der muß allerdings die Skepsis überwinden und unbefangen werden, also für alles offen (alles!!!) werden. (Das ist meiner Erfahrung nach sowieso das Schwierigste, unbefangen werden. Aber auch sehr lohnend).
Wollen Sie denn Geheimschüler sein? Oder wollen Sie nur seine Bücher lesen und seine Gedanken zu verstehen versuchen? Das ist doch ein großer Unterschied. Nur denen, die Schüler sein wollen, rät er, diese Haltung zu pflegen. Und - wichtig - diese Schüler erkennen ihren Lehrer aus freien Stücken an, sie haben ihn schon als weise und besonders liebe- und verantwortungsvoll erkannt und deshalb wählen sie ihn. Das ist doch eine wichtige Voraussetzung.
CK: Nein, die Forderung, das eigene Urteilsvermögen gegenüber dem Lehrer abzulegen, ist gänzlich indiskutabel, selbst wenn man diesen Lehrer selbst gewählt hat, und ob man nun Geheimschüler werden will oder nicht. Man sollte ihn in einem solchen Fall sofort verlassen, vorallem vor dem Hintergrund des eben Gehörten.
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HS: Wenn ich mich selbst kennenlernen will und die Menschen um mich herum, komme ich nicht weit, wenn ich kritisiere und richte. Verstehen kann ich nur, was ich annehme. Das heißt ja nicht, daß ich es gleich alles gut und richtig und toll finde. Aber ich kann es besser verstehen.
CK: Ich verstehe, was Sie sagen wollen, und ich stimme Ihnen zu. In Bezug auf das aber, was andere Menschen äußern, muß ich die Freiheit haben, falsch von richtig zu unterscheiden.
HS: Und von welchem archimedischen Punkt aus urteile ich denn? CK: Immer auf der Grundlage der Wirklichkeit.
HS: Sie sagen, selbst wenn Steiner das gesagt haben sollte... Also gruschtle ich mal ein paar Stellen heraus (ob ich die jetzt finde?):
"Nicht eine solche fertige, abgeschlossene Antwort wird gegeben, sondern auf ein Erlebnisgebiet der Seele wird verwiesen, auf dem sich durch die innere Seelentätigkeit selbst in jedem Augenblicke, in dem der Mensch dessen bedarf, die Frage erneut lebendig beantwortet." ("Phil. d. Freiheit", Vorrede z. Neuausg. (1918), Dornach 1998 (Tb.), S. 8)
Also man beantwortet die Frage sich selbst und lebendig, nicht durch Steiners Lehre von außen und theoretisch.
"[...] diese Schrift [...] soll nicht 'den einzig möglichen' Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen erzählen, den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu tun ist." ("Phil. d. Freih.", S. 269, 2. Anhang)
"Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen, die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen. Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft." ("Phil. d. Freih.", S. 271, 2. Anhang)
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"Frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist. .." ("Phil. d. Freih.", S. 164)
Das klingt doch nicht nach Unterwerfung, oder? Sich selbst folgen, nicht Lehren oder Lehrern. Sich selbst aber nicht oberflächlich, sondern bei "tiefer Selbstbesinnung", wie ich das mit Gerhard Weisser, einem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, nennen will.
"Denn das Gefühl und das Verständnis für die Wahrheit liegen in jedem Menschen." ("Theosophie", Dornach 2000 (Tb.), S. 18 f.)
Also nicht nur im Lehrer und nicht nur in der Lehre. Irgendwo, glaube ich, habe ich sogar wirklich gelesen, man soll ihn lieber ablehnen, als ihm blind glauben, aber ich finde die Stelle nicht. Vielleicht habe ich es auch irgendwo zitiert gesehen... Meine persönlichen Erfahrungen haben mich zum Zweifeln gebracht an all den ach so gut belegten psychologischen, psychiatrischen, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die wir zu haben meinen. Überall stecken unsere Vorurteile drin. Bei Steiner fand ich etwas anderes, eine andere Art der Weltbeschreibung underklärung. Ich glaube nicht daran, daß alles so ist, wie er schreibt, ich halte es aber für möglich, und allein zu sehen, wie ganz anders man die Welt erklären kann - und zwar logisch und schlüssig - bringt meine Erstarrungen ins Wanken, macht mich lebendiger.
Ich bin dabei auch immer in Gefahr, dem Steiner einfach zu glauben, mich mit seinen Lehren gegen die Wirklichkeit zu panzern, ja mehr noch: ich habe an mir etwas bemerkt, was ich Ihnen, auch wenn es nicht ganz unpeinlich für mich ist, nicht vorenthalten will, weil wir doch ehrlich miteinander reden wollen: einen Keim des Glaubenwollens. Anders gesagt, ich finde es schade, wenn Steiner widerlegt wird, auch wenn es wirklich gut und sachlich begründet wird. Tja, da bin ich wohl auf einem Dampfer, der nicht ganz die richtige Richtung hat. Ach, immer dieser Wunsch, sich wo anzulehnen: Eine Theorie muß her, und schon meine ich sicher zu sein (auch Steiners Bücher können als Anlehntheorie mißbraucht werden). Aber "Leben ist 100 % Restrisiko", und ich weiß nur, was ich weiß - und das ist verdammt wenig.
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Immer wieder muß ich mir den alten Sokrates zu Hilfe rufen. "Ich weiß, daß ich nichts weiß."
Die Früchte der Anthroposophie
HS: Deshalb möchte ich praktischer argumentieren: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Eine solche Fülle tatsächlich wirksamer menschlicher und umweltschonender Lebens- und Arbeitsweisen sehe ich weder aus der heutigen Mainstream-Wissenschaft, noch aus dem Sozialismus, noch aus dem Konstruktivismus, noch aus sonst etwas hervorgehen:
Der erste Verband für ökologischen Landbau: anthroposophisch (demeter, und mit den strengsten Richtlinien noch dazu).
CK: Sehr schön, Landwirtschaft ohne Gifte, geht aber auch ohne Anthroposophie... HS: Natürlich kann ich auch ohne Anthro giftfrei ackern. Aber es ist halt so, daß demeter vor 75 Jahren damit angefangen hat, als sonst niemand so was gemacht hat.
Dann: die einzige alternative Bank in Deutschland: anthroposophisch (die GLS-Gemeinschaftsbank, die wirklich gute Sachen finanziert, ganz ohne vergeistigtes Getue).
CK: Wenns denn so ist, sehr gut, braucht aber auch keine "anderen Welten"... HS: Eine der am stärksten wirksamen reformpädagogischen Bewegungen: anthroposophisch. Von der Reformpädagogik ist eigentlich nicht viel mehr als Montessori und Waldorf übriggeblieben. Muß also schon was Fruchtbareres haben als manche andere Richtung.
CK: Über die Wirkung kann man sich streiten (gelinde ausgedrückt). Praktische Reformen sehe ich kaum...
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HS: Eine bei bestimmten Krankheiten tatsächlich heilsame Medizin: anthroposophisch ("wer heilt, hat recht", alter Medizinerspruch). CK: Habs selbst nie erlebt, wills aber nicht ausschließen. HS: Ein wirklich mit großem Abstand viel menschlicheres Krankenhaus als die anderen: das gemeinnützige Gemeinschaftskrankenhaus Filderklinik (anthroposophisch).
CK: Woher wissen Sie das? Haben Sie schon so viele Krankenhäuser besucht? HS: Ich bin kein großer Krankenhausfeldforscher, aber ich kenne ein paar. Über "Krankenhausreformen und Personalwirtschaft" habe ich eine Doktorarbeit geschrieben und dabei auch mit Menschen in Krankenhäusern gesprochen. In die Filderklinik sind wir mal im Rahmen einer Exkursion der Uni mit Studierenden gefahren und haben uns das ziemlich genau angesehen. Mediziner bin ich ja auch nicht, auch nicht Pfleger, also ich sehe das aus einer bestimmten wirtschaftswissenschaftlichen, wirtschaftspsychologischen und wirtschaftspädagogischen Sicht. Das soll kein Totschlagargument sein; weil einer über was promoviert hat, muß er noch lange nicht wirklich was davon verstehen.
Dann: eine mich faszinierende, Welten eröffnende Praxis (nicht nur Theorie) der Sprache: die anthroposophische Sprachgestaltung.
CK: Ein Gebiet, das mir extrem suspekt ist. Wenn ich an diese Art des gekünstelten Sprechens denke, fröstelts mich...
HS: Ich verstehe, was Sie meinen, auch wenn ich es selbst noch nie erlebt habe. Ich habe nämlich nur selbst Sprachgestaltung gemacht (oder besser: gesprochen), begleitet von einer überhaupt nicht verhuschten Frau. Und es ging ums genaue Gegenteil von jedem Gekünstelten: Um die Sprache, wie sie ist, und um das, was ich mit ihr ausdrücke. Das ist nichts Künstliches, sondern, wenn man so will, etwas Natürlicheres als das Alltagsleben. Noch nie habe ich etwas so bewußt und umfassend wahrgenommen wie die Laute, als ich sie sozusagen hochkonzentriert sprach. Und dabei, als ich an nichts anderes dachte und sie nur als Laute sprechen wollte, klangen und wirkten sie anders. Und bei manchen wurde mir körperlich heiß.
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Also, ich habe das eher im Sinne einer Therapie und eines Lernens erlebt, nicht als Deklamation und Rezitation. CK: Ok, da kann man nichts dagegen haben...
HS: Und da sind wir, glaube ich, bei einem wichtigen Punkt: Es gibt solche Anthroposophen und solche, wie es auf der einen Seite Kardinäle und auf der anderen Christen gibt. Die einen tun so, spielen Theater, geben etwas vor, tun sich wichtig oder geheimnisvoll - und die anderen sind eher bescheiden, wollen nicht ganze Weltanschauungssysteme verkaufen und tun einfach, was sie für richtig halten. Die letztere Gruppe ist mir in drei Exemplaren bisher begegnet, die anderen kenne ich eher aus aufgeblasenen Schriften. An denen besonders unerträglich ist, daß sie den Stil und die Wortwahl von Steiner bei jedem Thema kopieren und offensichtlich kaum eigene Gedanken fassen oder äußern können. Die sind nicht anders als andere Frömmler und Dogmatiker. Eigentlich Sektierer, da haben Sie Recht, aber halt innerlich eigentlich ängstlich und nicht wirklich lebendig. Zum Beispiel finde ich die Architektur vieler Anthro-Unternehmen unerträglich. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes, da weht kein Geist, da fühlt die Seele nichts als faule Kompromisse zwischen biederer Bürgerlichkeit und der Schlumpfigkeit von Dornach, äußerlich aufgefaßt. Kein Mut, nichts Echtes, nur so tun als ob, nur Reden von "Gebärden", nicht wirklich Gebärde. Warum verwenden auch alle fast die gleiche Schrifttype? Als ob seit 1925 die Welt sich nicht mehr gedreht hätte, als ob eine Schrift für alle gut sein könnte. So ein Quatsch. Das sind so Sachen, die mir zeigen, daß die Anthro-Bewegung erstarrt und den Weg der römischen Kirche geht. (Nur ist die größer und daher lebendiger, weil vielfältiger und zerrissener). Die katholische Kirche ist ein gutes Vorbild für die anthroposophischen Institutionen. Hat Jesus Christus Theologie studiert? Es heißt, er war Zimmermannssohn... Trug er Titel und Festgewänder? War er Oberkirchenrat oder noch mehr? Vorsitzender der Allgemeinen Christlichen Gesellschaft? Hatte er irgendwelche Zertifikate in der Tasche? War er Schriftgelehrter? Nein: Er lebte, was er lehrte. Daran erkennt man Wahrheit.
Ich danke Ihnen sehr dafür, daß Sie die Unmenschlichkeit und Erstarrung, die es auch in anthroposophischen Kreisen gibt, so deutlich beim Namen nennen. Nichts ist so schlimm wie der Zuckerguß des positiven Denkens, der Kritikunwilligkeit, der sich
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über dieses Land breitet und alles erstickt. Ich war noch nie in Dornach, aber ein Bekannter von mir wohnt in Basel und war öfter mal dort. Er erzählte davon und beschrieb es so: "Der ganze Raum voller alter Leute roch nach Körperfunktionsöl, und die Leute huschten da eben so rum, vergeistigt tuend."
Von Nietzsche stammt, glaube ich, der Satz: "Ich wollte, die Christen sähen erlöster aus." Das auf die Anthroposophen angewandt: Man sieht ihnen an, daß sie eben nicht voll in der Welt und überhaupt voll leben, sondern daß sie sich hinter Steiners "System" verschanzen. Nur kann Steiner nichts dafür.
CK: Das sehe ich entschieden anders. Ich will nicht bestreiten, daß man aus dem einen oder anderen anthroposophischen Projekt praktischen Nutzen ziehen kann. Was aber die Früchte der Anthroposophie als Weltanschauung, Glaube oder Philosophie, als das, was Steiners Schriften enthalten, angeht, so sehe ich dies: Eine verheerende Veränderung der Menschen. Sie werden so "gut", so "weise", so "menschlich", daß ich Gänsehaut kriege. Im hellen Schein der Vergeistigung vertrocknet der "banale Körper" mit seinen "niederen Trieben" und Emotionen schon zu Lebzeiten zu einer leeren Hülle...
HS: Steiner hatte überhaupt kein geringschätziges Verhältnis zu irgendetwas Materiellem. Jeder, der lehrt, man solle den Leib verachten und die Begierden seien schlecht, hat Steiner nicht verstanden, hat nicht zugehört. Man soll und kann und darf auch seinen Körper lieben, der einem ja so viel offenbart, man soll bewußt leben, mit Hirn, Herz und Hand - und vielleicht eben noch ein bißchen mehr. CK: Leider wird aber der Leib ganz von selbst minderwertig, wenn man ihn nicht identisch sieht mit "meinem Wesen" und allem, was dazugehört... HS: Nirgends bei Steiner wird der Leib abgewertet. Das ist die Verzerrung, die Sie woanders erfahren haben, am eigenen Leibe, wie man sagt. Bei ihm ist der Leib ein Teil der notwendigen, selbst gewollten, von tiefer Weisheit so zusammengefügten Einheit, die wir während des Lebens zwischen Geburt oder Empfängnis und Tod sind. Sie können nicht bezweifeln, daß diese Einheit vorher nicht bestanden hat und nach dem Zerfall des physischen Körpers wieder nicht besteht. Weil etwas einmal nicht war und dann nicht mehr sein wird, kann man es doch nicht abwerten. Denn
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nichts auf der Welt ist ewig, also wäre alles wertlos, wenn man so argumentieren würde wie Sie. Ob nun vorher oder nachher, also vor der Empfängnis und nach dem Tod, noch etwas von uns existiert, das ist ganz egal: der Leib ist wichtig und wertvoll, unsere Seinsform zumindest für diese Zeit. Das ist in vielen Schriften von Steiner sehr spürbar und oft ausgesprochen.
CK: Das ist ein Mißverständnis. Ich meinte nicht, daß der Leib aufgrund seiner Vergänglichkeit minderwertig wird, sondern dadurch, daß man ihm die "geistigen" Aspekte aberkennt und diese in eine selbständige, ablösbare Seinsform transferiert. Aber weiter zu den Früchten der Anthroposophie: Das vielleicht Allerschlimmste ist: Die furchtbare, arrogante Brille, die man gegenüber anderen,
nichtanthroposophischen Menschen aufgesetzt bekommt, oder gar gegenüber Menschen anderer Völker und Kontinente. Und Steiners diesbezügliche Äußerungen sind so, daß sie auch mit dem besten Willen nicht mehr zurechtinterpretiert werden können.
War Steiner Rassist?
HS: Also ich habe bis jetzt keinen rassistischen Ton in Steiners Schriften gefunden, ich habe aber auch vielleicht ein Tausendstel davon gelesen. Sogar seine Lieblingsgegner, "die Materialisten", versteht er, kritisiert er zwar, setzt er aber nicht herab. Gerade habe ich irgendwodrin gelesen, daß man die Herzensgüte pflegen und wachsen lassen soll, daß man aus Kopfwissen Herzwissen werden lassen sollalso das sagt doch kein Rassist oder arroganter Mensch! Wohl sagt Steiner etwas darüber, warum und inwiefern die menschlichen Rassen sich unterscheiden. Da muß man aufpassen: Einerseits gibt es Leute, die behaupten, Rassen gäbe es gar nicht. Das ist Unsinn, wenn auch politically correct. Das sieht doch jeder, daß es Rassen gibt. Also ich bin kein Asiate, das würden Sie auch sagen. Also sind Sie aber noch kein Rassist. CK: Völlig richtig!
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HS: Rassist ist, wer sagt: meine Rasse ist die Herrenrasse, die anderen sind das Kroppzeug der Welt, geborene Sklaven und Deppen. CK: Leider tut Steiner genau das...
HS: Aber was schreibt Steiner den Menschen in Russland, die ja derzeit nicht gerade durch "Erfolg" (oder was man bei uns dafür hält) glänzen, und die von hiesigen Rassisten für eine Sklavenrasse erklärt wurden, für die Zukunft für eine nahezu heilbringende Rolle zu! Nicht uns und damit auch nicht sich - sondern den Russen! Das wäre schon ein sehr seltsamer Rassismus. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Steiner jemals andere wirklich abwertet. CK: Na, dann lesen Sie mal:
"Soll der vollkommene Geist ebensolche Voraussetzungen haben wie der unvollkommene? Soll Goethe die gleichen Bedingungen haben wie ein beliebiger Hottentotte? So wenig wie ein Fisch die gleichen Voraussetzungen hat wie ein Affe, so wenig hat der Goethesche Geist dieselben Vorbedingungen wie der des Wilden." (GA 8, S. 46 f.)
"Was aber in die Tierheit hinabgestoßen worden ist, das ist entweder ausgestorben, oder es lebt in den verschiedenen höheren Tieren fort [...] Was aber im Gebiet des Menschlichen geblieben ist, hat einen ähnlichen Prozeß, nur innerhalb des Menschlichen, durchgemacht. Auch in manchen wilden Völkerschaften haben wir die heruntergekommenen Nachfahren einstmals höher stehender Menschenformen zu sehen. Sie sanken nicht bis zur Stufe der Tierheit, sondern nur bis zur Wildheit." (Aus: "Aus der Akasha-Chronik", S. 74 f., Rudolf Steiner, Taschenbücher aus dem Gesamtwerk)
"Also dieses selbständige Denken, das der Europäer im Umgang mir der Umgebung entwickelt, das haben die Asiaten nicht. Die Japaner werden daher alle europäischen Erfindungen ausbilden; aber selbst etwas ausdenken, das werden die Japaner nicht." (Aus: GA 349, 1980, 03.03. 1923, S. 59)
"Die schreckliche Kulturbanalität der Verpflanzung der schwarzen Menschen nach Europa, es ist eine furchtbare Tat, die der Franzose an anderen tut. Sie wirkt in noch
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schlimmerer Weise auf Frankreich selbst zurück. Auf das Blut, auf die Rasse wirkt das unglaublich stark zurück. Das wird wesentlich die französische Dekadenz fördern. Das französische Volk als Rasse wird zurückgebracht." (Aus: GA 300/2, 1975, S. 282) Zitatende
Selbst wenn das aus dem Zusammenhang herausgegriffene Zitate sind: Können Sie sich einen Zusammenhang vorstellen, in dem diese Aussagen nicht mehr rassistisch klingen?
Natürlich ist es nicht die feine Art, die Fehltritte eines anderen zu sammeln und an den Pranger zu stellen, ist es aber nicht noch viel schlimmer, daß man diese Passagen wirklich bei Steiner nachlesen kann (und unter den angegebenen Quellen natürlich auch im jeweiligen Zusammenhang...)? Und Steiner ist eben nicht irgendwer, sondern einer, der sich als "Menschheitsführer" exponiert hat. Ich wäre wirklich gespannt, wie Sie mit dieser Seite Steiners klarkommen. Und ich hoffe, daß Sie Substanzielleres dazu sagen können als Klaus Frisch in seiner Hansson-Kritik und seinen Anmerkungen zu dem von Marcus Hammerschmitt dort angeführten weiteren Zitat:
"Neulich bin ich in Basel in eine Buchhandlung gekommen, da fand ich das neueste Programm dessen, was gedruckt wird: ein Negerroman, wie überhaupt jetzt Neger allmählich in die Zivilisation von Europa hereinkommen! Es werden überall Negertänze aufgeführt, Negertänze gehüpft. Aber wir haben ja sogar schon diesen Negerroman. Er ist urlangweilig, greulich langweilig, aber die Leute verschlingen ihn. Ja, ich bin meinerseits davon überzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen und geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, in der ersten Zeit der Schwangerschaft namentlich, wo sie heute ja gerade solche Gelüste manchmal entwickeln können - wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, da braucht gar nicht dafür gesorgt zu werden, daß Neger nach Europa kommen, damit Mulatten entstehen; da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben, die mulattenähnlich aussehen werden." (Rudolf Steiner in:
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"Über Gesundheit und Krankheit", Gesamtausgabe Bd. Nr. 348, Rudolf Steiner Verlag, Dornach / Schweiz, 1976, Seite 185)
HS: Hier ein paar Zufallstrouvaillen, die sehr interessant sind. Wenn man das liest, kann man den Rassismusvorwurf schwer aufrechterhalten. Allenfalls kann man eine gewisse Widersprüchlichkeit feststellen; aber die müsste sich eigentlich auflösen, wenn man jeweils den Zusammenhang betrachtet:
"Der oberste Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft ist: »den Kern einer brüderlichen Gemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts erstreckt.« Dies ist sogar der einzige Grundsatz, der für die Mitglieder dieser Gesellschaft als verbindlich betrachtet wird. Alle übrigen Bestrebungen sollen ja nur Mittel zu dem großen Ziele sein, das in dieser wesentlichen Forderung ausgesprochen wird." (GA 34, S. 433, "Theosophie und Sozialismus", urprünglich in: Zeitschrift "Luzifer", 10./11.1903) "Zu den Eigenschaften, die (auf dem Weg der spirituellen Entwicklung) bekämpft werden müssen, [...] gehören das Unterschiedmachen in Bezug auf Menschen nach äußerlichen Rang-, Geschlechts-, Stammeskennzeichen und so weiter. In unserer Zeit wird man recht schwer begreifen, daß die Bekämpfung solcher Eigenschaften etwas zu tun habe mit der Erhöhung der Erkenntnisfähigkeit. [...] Schon in gewöhnlichem Sinne ist es richtig, daß mich die Furcht vor einer Erscheinung hindert, sie klar zu beurteilen, daß mich ein Rassenvorurteil hindert, in eines Menschen Seele zu blicken. Diesen gewöhnlichen Sinn muß der Geheimschüler in großer Feinheit und Schärfe bei sich zur Entwickelung bringen." ("Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?", 1904, GA 10, S. 69 f.) "Wenn einmal nicht nur der Brahmine den Brahminen, der Paria den Paria, der Jude den Juden, der Christ den Christen lieben und verstehen wird, sondern wenn der Jude den Christen, der Paria den Brahminen, der Amerikaner den Asiaten als Mensch zu verstehen und sich in ihn zu versetzen vermag, dann wird man auch wissen, wie tief christlich empfunden es ist, wenn wir sagen: Ohne Unterschied eines jeglichen äußeren Bekenntnisses muß Brüderlichkeit unter den Menschen sein." (GA 155, Theosophische Moral, 29.5.1912, S. 103-104)
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"Ob eine Eisenbahn oder eine ähnliche Einrichtung in England, in Rußland, in China oder in Japan gebaut wird, die Gesetze, nach denen dies geschieht, die Kenntnisse, die man dazu braucht, sind überall dieselben, weil alles dies nur nach mechanischen, vom Menschen losgelösten Gesichtspunkten bewerkstelligt wird; so daß in der Tat ein internationales Prinzip auf diesem Gebiete in allerumfänglichster Weise Platz gegriffen hat. [...] Weil der materielle Fortschritt gewissermaßen vorausgeeilt ist dem guten Willen zur geistigen Erkenntnis, so ist dem Menschen dieser materielle Fortschritt, und namentlich alles, was aus diesem Fortschritt an Leidenschaften, an Impulsen in den Seelen sich ergibt, über den Kopf gewachsen. Es zeigt sich dies ja äußerlich am eindringlichsten dadurch, daß nicht diejenigen Ideen, welche auf harmonisches Zusammenleben der Menschen auf Erden hinzielen, daß mit andern Worten nicht die christlichen Ideen die Oberhand gewonnen haben, sondern, bis zur Exaltation, solche, welche die Menschheit spalten und sie in Kulturepochen zurückführen, von denen man glauben konnte, daß sie längst überwunden seien. Daß im 19.Jahrhundert innerhalb der miteinander lebenden Nationalitäten der Nationalismus solche Blüten treiben konnte, wie er sie getrieben hat, das ist die starke, große Anomalie, und sie zeigt, daß die Menschen mit ihrer Seelenentwicklung der materiellen Entwicklung nicht nachgekommen sind. (GA 174, Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahrhaftigkeit, 2. Teil, 6.1.1917, S. 37-38)
"Für mich hat es nie eine Judenfrage gegeben. Mein Entwicklungsgang war auch ein solcher, daß damals, als ein Teil der nationalen Studentenschaft Österreichs antisemitisch wurde, mir das als eine Verhöhnung aller Bildungserrungenschaften der neuen Zeit erschien. Ich habe den Menschen nie nach etwas anderem beurteilen können als nach den individuellen, persönlichen Charaktereigenschaften, die ich an ihm kennenlerne. Ob einer Jude war oder nicht: das war mir immer ganz gleichgültig. Ich darf wohl sagen: diese Stimmung ist mir auch bis jetzt geblieben. Und ich habe im Antisemitismus nie etwas anderes sehen können als eine Anschauung, die bei ihren Trägern auf Inferiorität des Geistes, auf mangelhaftes ethisches Urteilsvermögen und auf Abgeschmacktheit deutet [...], die jeder gesunden Vorstellungsart ins Gesicht schlägt." (GA 31, Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887-1901, 01.09.1900, S. 199)
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Gespräch mit S. H. Musik
SH: Lieber Christoph, ich sitze hier in Salzburg in meinem Nachtdienst, ich bin müde und nicht mehr voll konzentriert, und trotzdem möchte ich gleich jetzt die Gelegenheit wahrnehmen, Dir meine Anerkennung und Bewunderung für Dein "Grünes Heft" auszusprechen. Ein sehr schmerzvoller Prozeß, der nun zum Großteil hinter mir liegt und dem Deinen wohl ähnlich sein muß, läßt mich die Konsequenz Deiner so ehrlichen und mutigen Gedanken erkennen. Sich vom Geist ausgehend zur Welt, zum Leben und zur Wirklichkeit durchzuringen - das klingt leider so, als würde das eine Überwindung voraussetzen, als müsste man einen eingeborenen Ekel unterdrücken - und Ernst zu machen mit Hölderlins Satz: "Wer das Höchste gedacht, liebt das Lebendige" ist unter bestimmten Voraussetzungen eine große Leistung. Meine Worte sind nicht ganz deutlich, vielleicht verstehst Du aber trotzdem, was ich meine. Die Frucht dieser "Anstrengung" ist aber ein unmittelbares Daseinsgefühl, eine Sinnlichkeit und Lebendigkeit ohne schlechtes Gewissen sozusagen. Das weißt Du alles selbst, ich sage es nur, um Dich spüren zu lassen, daß ich verstehe, was Du meinst.
Übrigens bin ich auch Musiker und habe gleichzeitig mit Jun Keller in Wien studiert (Orchesterdirigieren), freilich ohne das Glück, ihn kennengelernt zu haben. Es hat auch in Zusammenhang mit dem angesprochenen Abnabelungsprozeß von der Sicherheit selbsterträumter Wunschvorstellungen eine musikalisch-menschliche Krise bei mir gegeben (ist wohl schon 3 Jahre her). Ich mußte sehr genau prüfen, worin mein persönlicher Bezug zur Musik und damit verbunden mein persönlicher Weg besteht. Dieser Rückzug auf das, was mir immer wichtig gewesen ist, bevor irgendwelche Erkenntnistheorien mir erklären wollten, wie ich mir die Welt, den Menschen und meine "Aufgabe" vorzustellen habe, war in einem gewissen Sinn lebensrettend für mich. Vielleicht kannst Du das aus eigener Erfahrung bestätigen. (Manchmal frage ich mich, ob es ein Fluch oder Segen ist, Selbstverständlichkeiten in Frage stellen zu müssen.) Ich mußte, bevor ich einen Zugang zur Musik finden konnte, zuerst einmal einen Zugang zu mir selbst und unmittelbar darauf folgend einen Zugang zum Mitmenschen finden, der zuallererst einmal vom Herzen her
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bestimmt ist. Die Parallelität beider Vorgänge, des musikalischen und des menschlichen, hat mich aus der Orientierungslosigkeit und Ohnmacht herausgeführt. Jetzt schreibe ich am Mozarteum Salzburg eine Dissertation (es geht um Beschreibungsformen der Musik, die von der direkten Wahrnehmung und Erlebensweise ausgehen - Musik als Interaktion zweier Grundprinzipien: Klang und Bewegung), ich schreibe für eine Salzburger Tageszeitung Musikkritiken, unterrichte Stimmbildung an einer Volkshochschule, leite einen kleinen, selbstgegründeten Chor, korrepetiere in einem privaten Gesangsstudio und assistiere bei einem österreichischen Jugendorchester im Sommer. Ich habe meinen Daseinsbezug konsequent in der Außenwelt gesucht und durfte erfahren, daß die Welt gnädig entgegenkommt. Bin oft dankbar.
Übrigens: ist "Biene" Uhde mit Jürgen Uhde verwandt oder ist die Namensgleichheit zufällig - wenn die Frage nicht zu unhöflich ist? "Denken und Spielen" ist ein guter Ansatz, finde ich.
CK: Ich habe bei Jürgen Uhde Klavier studiert und habe bei ihm nicht nur leidenschaftliche Hingabe an Musik, sondern auch echte Herzenswärme kennengelernt. Leider ist er ja viel zu früh verstorben. "Biene" ist seine Frau Karoline, mit der ich immernoch in freundschaftlichem Kontakt stehe. Das ist ja schön, daß Du ihn auch kennst!
Die Klärung des eigenen Verhältnisses zur Musik ist mir glaub ich bis heute noch nicht gelungen, d.h. im Grunde wüßte ich keine Antwort, warum ich z.B. meinen Kindern das Klavierspielen "beibringe" oder warum es mich immer noch ans Klavier zieht in der Hoffnung, "besser" zu werden. In Jacoby'schem Sinne Musik frei sprechen zu können wie eine Sprache, hab ich nie erlebt, und kann es dementsprechend auch nicht vermitteln. Für mich war Musik immer Reproduktion von bereits geschaffenen Werken. Trotzdem: Es macht immer wieder Spaß, komischerweise...
SH: War das nicht Edwin Fischer, der auf die Frage, was er seinen Schülern vermitteln wollte, geantwortet hat: "Ich habe mir stets als oberstes pädagogisches Ziel gesetzt, meine Schüler weg vom Klavier näher zu sich selbst zu bringen." So
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spricht natürlich nur ein Idealist vom feinsten Korn und Schrot, der für alles und jedes nur die großherzigsten, edelsten Gründe gelten läßt. Trotzdem kann ich mir keine schönere Begründung für eine praktische pädagogische Tätigkeit vorstellen. CK: Mir hat dieser Satz sehr geholfen!
SH: Wenn man der Musik nicht die Kraft zugestehen will, harmonisch auf die Selbstbesinnung des Menschen zu wirken, dann muß unser ganzer klassischer Reliquienschrein zu einem musealen Anachronismus verkommen. Wenn es nichts gäbe, das musikalisch überzeitlich-essentiell wäre, dann hätte doch dieses ständige Aufwärmen der alten Suppe keinen fruchtbaren Sinn.
CK: Genau das ist der Punkt. Das war auch eines der Hauptanliegen von Jürgen Uhde, Musik eben nicht zu einem musealen Anachronismus verkommen zu lassen, sondern jenen vor langer Zeit geschaffenen Werken die Möglichkeit zu geben, sich als etwas Lebendiges mit der geschichtlichen Entwicklung mitzuentwickeln, um überhaupt fortbestehen zu können und auch heute noch eine Daseinsberechtigung zu haben.
SH: Es würde mich sehr interessieren, ob Du als praktisch ausübender Musiker mit dem Begriffspaar Klang und Bewegung als ursprünglichste Beschreibungsform der Musik etwas anfangen kannst.
CK: Ich kann nur bestätigen, daß dies die wesentlichen Komponenten der Musik sind...
SH: Sagt das etwas Wesentliches aus, etwas, das wert ist, gesagt zu werden, oder sollte es besser verschwiegen werden? Ich fürchte oft, daß hinter diesen ganzen klugen Beschreibungen die Empfindungen schlicht und einfach verschwinden, daß die Abstraktion genau jene spontane Aktivität unmöglich machen könnte, die ich doch eigentlich meine. Denn im Grunde will ich ja keine neuen Dogmen, Theorien und Postulate aufstellen, sondern durch geeignete Bilder Frei- und Spielräume des Musizierens öffnen. Keine Einengungen, sondern Ausweitungen - auf nachvollziehbarer Grundlage.
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CK: Ich glaube, daß es mit der Musik und dem Denken ähnlich ist wie mit der Wirklichkeit allgemein und unserem Versuch, sie gedanklich zu reproduzieren: Es geht nicht. Auch Musik ist nicht in gedankliche Form übertragbar. Ein Hörerlebnis, eine durch Musik ausgelöste oder in der Musik beinhaltete Empfindung ist nicht in gedankliche Form übertragbar. Weiß man das aber, ist einem das wirklich voll bewußt, kann eine gedankliche Auseinandersetzung den Kontakt vertiefen. Ich glaube, das gilt auch für die Musik. Man muß es nur auseinanderhalten können, in diesem Fall also Musik auf der einen Seite - und mein gedanklicher Nachbildungsversuch auf der anderen Seite: zwei verschiedene Dinge. SH: Ob Du es glaubst oder nicht, aber Du hast mir einen gewaltigen Stein vom Herzen weggerollt. Ich muß also nicht die letzten Rätsel der Musik lösen. Es genügt, wenn ich bescheiden ein paar Beobachtungen notiere, die andere nun beachten oder auch nicht. Bin ich froh. Leider neige ich sehr zu Gewalthandlungen, die entweder aufs Ganze oder gar nicht gehen. Auch bin ich froh, mir mit einer theoretischen Arbeit das praktische Musizieren nicht ersetzen zu müssen - und zu können. Wenn ich weniger eitel wäre, würden mir solche überheblichen "ikarischen" Sonnenflüge nicht immer wieder passieren - ich würde mir ein paar Enttäuschungen ersparen. CK: Übrigens ist mir auf Grund unseres Dialogs noch die Idee zu einer präzisierenden Ergänzung zu dem Satz: "Wir können also mit unserem Denken den Kontakt zu einer fremden Existenz vertiefen, ..." gekommen: "... das heißt, das Denken kann unser Wahrnehmungssystem strukturieren zu einer immer genaueren Empfangsfähigkeit für die Informationen, die uns von dieser Existenz erreichen, aber wir können diese fremde Existenz niemals selbst sein." Auf das Beispiel Musik angewandt: Die gedankliche Auseinandersetzung mit einem Werk kann, wenn sie zweckmäßig geschieht, dazu führen, daß man dieses Werk danach mit "ganz anderen Ohren" hört. Das funktioniert aber nur, wenn man diese gedankliche Arbeit richtig interpretiert als Arbeit am eigenen Wahrnehmungssystem, und nicht glaubt, nun "die Musik selbst" erfaßt zu haben.
SH: Was Du hier ansprichst, ist ganz genau jener Bereich, den die Phänomenologie "Intersubjektivität" nennt. Diese setzt voraus, daß alle Wahrnehmung, die wir von etwas Äußerem haben können, letztendlich auf der Konstitutionsleistung unseres eigenen Bewußtseins beruht. Je "geschärfter" die Sinne sind und je tiefer die
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Reflexion in die Phänomene eindringt, desto "wahrhaftiger" wird eine fremde Existenz wahrgenommen. Die Strukturierung, die Du ansprichst, meint nun nicht nur eine Akrobaten- und Zirkusfähigkeit der Sinne, sondern eine prinzipielle Zurücknahme des subjektiven Wollens: die Dinge und Menschen so wahrnehmen, wie sie selbst gegeben sind, und nicht, wie meine Erfahrung, meine Prägung und meine Intentionalität sie mich sehen lassen. Dazu ist nötig, eben diese Prägung, diese Erfahrung und diese Intentionalität zu kennen, um den Verzerrungen ausweichen zu können. Letztendlich heißt also "etwas" wahrnehmen, sich dabei gleichzeitig "selbst" wahrnehmen.
Auf die Musik bezogen, ist dieser Bereich von enormer Bedeutung. Erst unter der Voraussetzung der Intersubjektivität kann eine geschlossene Kette zwischen Komponist, Werk, Interpret und Hörer entstehen, die sich von einem naiven Sender-Empfänger-Schema entfernt und stattdessen wechselseitige Spiegelung miteinschließt. Sonst kann nämlich keine Kunst zustande kommen, wenn kein Existenzielles "mit im Spiel" ist. Und das Existentielle im Werk nehme ich nur über meine eigene Existenz wahr - da wird mir nichts eingetrichtert, da wird höchsten etwas angeregt, das mitschwingt. Das wußten die Alten ja immer, ist auch ganz und gar banal - aber wie funktioniert es? Wie können und müssen die Objekte mit den Subjekten verknüpft sein, daß diese innere Spiegelung zustande kommen kann?
Gespräch mit S. C. Objektive und subjektive Realität
SC: Lieber Christoph, ich bin alleinerziehende Mutter und lebe als Deutsche schon seit fast 10 Jahren in London. Nachdem ich mit dem Gedanken spielte, meine zweijährige Tochter auf eine Waldorf Schule zu schicken, und diesbezüglich auf dem Internet suchte, kam ich zu Deiner Website und habe mit tiefem Mitgefühl und Respekt Deine Ansichten und Schlußfolgerungen gelesen. Ich selbst bin nicht auf einer Waldorfschule gewesen, bin also keineswegs ursprünglich von Steiner beeinflußt, sondern erst seit meiner eigenen persönlichen Erfahrung einer anderen Realität als der bisher gekannten habe ich mich mehr für esoterische Lehren und
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unter anderem auch ihn interessiert. Ich persönlich habe mich als Wesen mit Körper, Geist und Seele "erfahren".
Zu Deiner Definition von "Realität" möchte ich nur sagen, daß es eine objektive Realität an sich nicht gibt. CK: Da würde ich Dir gerne widersprechen.
SC: Jeder Mensch hat unterschiedlich ausgeprägte Sinneswahrnehmungen, und daher sieht die wahrgenommene "Realität" jeweils anders für den jeweiligen Menschen aus. Das, was wir subjektiv mit unseren Sinnen als Realität wahrnehmen, manifestiert sich subjektiv als "unsere Realität".
CK: Da stimme ich Dir zu. Aber daraus zu folgern, daß es keine real existierende Umwelt gibt, halte ich für einen Irrtum. Wichtig ist, daß man unterscheiden kann, was eigene individuelle Wahrnehmung ist, und was objektiv außerhalb von uns existiert und diese Wahrnehmung in uns hervorruft. Diese objektiv existierende Umwelt ist völlig unerreichbar für unser Bewußtsein, aber über die Wahrnehmung ist ein Kontakt mit ihr möglich. Es ist wichtig, zu wissen, daß das eigene Erleben dieser Umwelt etwas ist, das sich in uns selbst abspielt, eine eigene Reaktion ist, die individuell ist, und die man nicht mit dem Original draußen verwechseln darf. Es ist aber ebenso wichtig, an das, was diese Reaktionen in uns auslöst, zu glauben. Das ist der echte, der religiöseste Glaube, der Glaube an die Realität außerhalb von uns. SC: Nur weil ein Blinder ein Boot am Horizont nicht sehen kann, heißt es ja nicht, daß dieses nicht vorhanden ist.
CK: Richtig, er kann es sich aber von einem Sehenden zeigen lassen, er kann hingeführt werden, es anfassen usw.
SC: Schlangen sehen Infrarotlicht und Fledermäuse hören Ultraschall. Das sind Realitäten, die der normale Mensch ohne besondere Instrumente nicht wahrnimmt, obwohl sie zweifelsfrei existieren.
CK: Es gibt aber die Möglichkeit, auf anderen Wegen, die der eigenen Sinnesausstattung gemäß sind, mit denselben Realitäten in Kontakt zu kommen.
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SC: Wenn Du einem Tauben von Deiner Musik erzählst, hat sie für Dich auch einen absoluten Realitätsanspruch, und Du bedauerst den Tauben, daß er diese Wahrnehmung nicht mit Dir teilen kann.
CK: Richtig, aber selbst der Taube kann den Schall auch als Schwingung erfühlen, ganz abgesehen davon, daß Blind- und Taubheit objektiv feststellbare Defekte der Wahrnehmungsausrüstung sind.
SC: Genauso gut kannst Du eine höhere sinnliche (übersinnliche) Fähigkeit eines anderen Menschen nicht von vorne herein als unmöglich ausschließen. CK: Dubios wird es aber doch, wenn ein Einzelner vorgibt, andere Realitäten mit anderen Sinnen wahrnehmen zu können, deren objektive Existenz von keinem Zweiten bestätigt werden kann. Und meine Diagnose in einem solchen Fall wäre eben: Er verwechselt das eigene Innenleben mit der objektiven Realität. SC: Hinzu kommt, daß es mittlerweile der Quantenphysik gelungen ist, eine spirituelle "Realität" wissenschaftlich nachzuweisen. CK: Auch die Quantenphysik ist dazu verurteilt, die Realität zu reproduzieren, Abbilder zu schaffen, die nicht mehr mit dem Original identisch sind. Vielleicht gelingt ihr das immer genauer, aber das Original wird sie niemals erreichen. Auch müsste man klären, was die Quantenphysik unter "spirituell" versteht. Nach meinem Verständnis befindet sich der "spirituelle" Teil der Wirklichkeit in unserem Kopf. SC: "Alles im Leben ist Schwingung" sagte einmal Albert Einstein und brachte damit die Erkenntnisse der modernen Physik auf den Punkt. Zeit und Raum sind Konzepte, die nachgewiesener Weise eben nur das sind: Konzepte, und im Sinne der Relativitätstheorie keine "Realität" im herkömmlichen Sinne darstellen. CK: Genau das ist der Punkt, den ich eben ansprach. Und wie die Konzepte der Philosophien und Religionen, so sind auch die Konzepte der Physik in Gefahr, sich zu verselbständigen und den Kontakt zum Original, zur Realität zu verlieren.
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SC: Menschen selbst sind aus quantenphysischer Sicht hauptsächlich Energiepartikel, die im "leeren" Raum vibrieren. Gedanken sind pure Energie, die, von Zeit und Raum unabhängig, reisen kann. CK: Wie kann etwas "Raumunabhängiges" reisen?
SC: Alle diese Dinge sind mittlerweile schon wissenschaftlich nachgewiesen, wenn man sich eingehend informiert.
CK: Wie könnte ein solcher "Nachweis" wohl ablaufen? Wie kann man ein Konzept, das einen offensichtlichen Widerspruch in sich trägt, nachweisen? Ich wäre da nicht allzu leichtgläubig...
SC: Ich selbst wußte von alledem bis vor 6 Monaten noch nichts und habe es sehr persönlich "erfahren", daß ich mir meine Realität tatsächlich selber schaffe und in diesem Sinne wahnsinnige Freiheit und Gewalt über meine "Zukunft" besitze. CK: Bitte verzeih, wenn ich auch hier wiederspreche. Wenn unsere Wahrnehmung der Realität auch etwas Individuelles und Persönliches ist, so wird sie doch nicht von uns selbst geschaffen, sondern von der Realität um uns hervorgerufen. Insofern besitzen wir keine "Gewalt" über sie, und auch über unsere Zukunft nur sehr begrenzt, genauso wenig, wie wir "Gewalt" über unser Entstehen hatten. Unsere persönliche Freiheit ist eben doch sehr relativ, und eingebettet in den großen Zusammenhang der Wirklichkeit.
Gespräch mit einer anonymen Leserin Christentum
X: Hallo, bin weder Anthroposophin noch Christin, möchte aber zu Deinem Artikel über das Christentum etwas anmerken: Wäre Jesus ein einfacher Mensch gewesen, würden wir wohl kaum die Zeit nach ihm zählen.
CK: Er war sicherlich eine herausragende Persönlichkeit, aber eben doch ein Mensch, und kein außerirdisches Wesen...
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X: Wie kann uns denn Jesus von der "echten Liebe zu realen Mitmenschen" abhalten, wenn er doch Zeit seines Wirkens echte Liebe gelebt hat und alle Menschen annahm, um ihnen zu helfen?
CK: Ich sehe die Gefahr darin, daß man über der Liebe zum Ideal- und Phantasiebild Jesus die Liebe zum Mitmenschen vergißt...
X: Er will, daß wir sogar unsere Feinde lieben, damit sich auf der Erde ein Klima der Liebe ausbreiten kann...
CK: Eine sicher sehr schöne Utopie... Aber wenn wir jemanden lieben, "weil Jesus das gewollt hat", so ist das keine echte Liebe. Echte Liebe entsteht unmittelbar im Kontakt mit der jeweiligen Person, und unabhängig von Jesus. Liebe bedeutet also ein besonderes Verhältnis zu einem ganz bestimmten Menschen, und kann und soll nicht zur ganzen Menschheit empfunden werden. Was wir jedem Menschen entgegenbringen können und müssen, ist die Achtung vor seiner Existenz. Aber vielleicht hat Jesus ja genau das gemeint.
X: Wenn Du nicht verstehst, wie er unsere Sünden auf sich genommen hat, so macht das nichts - es ist trotzdem so.
CK: Ich schrieb, "unser Leid", und da verstehe ich wirklich nicht, wie man glauben kann, Jesus habe das auf sich genommen in dem Sinn, daß es nicht mehr auf uns lastet. Beispiel: Ein Mensch hier in Bangkok, ohne Freunde oder Verwandte, von allen geächtet, der nichts als einen Lumpen am Leib und eine Plastiktüte besitzt, aus Abfalleimern lebt und auf dem Mittelstreifen einer Hauptstraße schläft in der Hoffnung, die Abgase mögen ihn umbringen: Soll der auch glauben, Jesus habe sein Leid auf sich genommen?
X: Wie kannst Du die Bildersprache der Bibel als so gefährlich empfinden? CK: Die Gefahr liegt darin, daß man gleichnishafte Bilder wie z.B. die "unbefleckte Empfängnis" oder die "Auferstehung" als konkrete Wirklichkeitsvorgänge mißversteht, und damit die eigene Erfahrung mit der Wirklichkeit verleugnet. Das ist eine Art "Gotteslästerung" gegenüber der Wirklichkeit und auch gegenüber sich selbst und der eigenen Wahrnehmung. Ganz abgesehen davon kann für uns ohnehin
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nur die Botschaft eines solchen Gleichnisses hilfreich sein, und nicht der Glaube an ein rätselhaftes und längst vergangenes Ereignis
X: Bedenke, wohin uns die Bildersprache der Medien geführt hat! Wir nähern uns immer mehr amerikanischen Zuständen, und dort werden die Schüler nach Waffen abgescannt, damit sie sich nicht gegenseitig umlegen. Glaube mir, an den Grundschulen in unseren Städten ist es fast soweit! Dort nennen sich die Kinder fast nur: Hurensohn, ich bring dich um usw., und treten sich gegenseitig von der Treppe. CK: Aber genau da ist eben die Frage: Kann man helfen, indem man diesen Jugendlichen nahezubringen versucht, welch wunderbarer Mensch Jesus gewesen sei, und sie nun anhält, sich nach dessen Anweisungen zu "lieben"? Oder ist es nicht doch vielmehr das, was nötig wäre: ein persönlicher Kontakt von gleich zu gleich, ohne herablassendes "Mitleid", und Verständnis für die Geschichte und die Zusammenhänge, die ein solch destruktives Verhalten hervorgebracht haben? X: Es sind arme Wesen, die Manipulationen ausgesetzt sind, Kinder, die mit Fernsehen und Videospielen ihre Zeit verbringen, denn man muß Angst haben, sie auf die Straße zu lassen: Kinderschänder, Nazis, irre Autofahrer - sie alle sind präsent. Wo sind die Eltern, den Medienkonsum der Kinder zu kontrollieren? Sie sind arbeiten, Männer und Frauen, denn nur so definiert sich der Mensch seinen Wert: am Materiellen; und all die alleinerziehenden Mütter müssen auch arbeiten: Wie soll man sonst die Markenklamotten bezahlen? Ich könnte noch eine Weile so weitermachen, um Dir zu zeigen, wie die Wirklichkeit aussieht, an die wir Deiner Meinung nach richtig glauben sollen.
CK: Ich habe nicht behauptet, daß die Wirklichkeit ein Zuckerschlecken sei. Genau das wäre wichtig, zu erkennen: daß die Wirklichkeit eben auch schmerzhaft, dreckig und grausam ist. Trotzdem gibt es keine Alternative zum Glauben an die Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit wird sich um so häßlicher gebärden, je mehr wir sie verleugnen und gegen eine selbsterfundene "heile Welt" eintauschen wollen. X: Ich glaube lieber weiter an das Gute, das ich in jedem Menschen sehe, und hoffe, wir finden auf den Weg zurück. Ich wünsche Dir Gottes Segen.
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Gespräch mit S. W. Alle Standpunkte tolerieren?
SW: Ich habe selbst wechselhafte Erfahrungen mit den Steiners gemacht, aber dennoch wundere ich mich schon sehr über Ihre Äußerungen. Das, was ich an jeder Philosophie, Religion oder sonstigen Geisteshaltung nicht mag, ist der Anspruch, alles besser zu wissen. Ich habe Sie so verstanden, daß Sie die dogmatische Haltung und das falsche Verständnis "Innen und Außen, Geist und Materie" nicht richtig finden. Erklären aufwändig, wie es richtig heißen sollte. Ist das nicht im Ursprung genau dieselbe Haltung, die Sie nicht mögen? Ich denke, es ist unmöglich, für jeden das Richtige zu sagen und mit den beschränkten Mitteln der Worte alles mitzuteilen, was zu fühlen und denken ein Mensch im Stande ist. Dieses ewige Werten und Verbessern macht mich traurig. Ich denke so wie Leadbeater: Die Idee der Einheit der Vielfalt: "Können Sie denn nicht erkennen, daß alle verschiedenen Standpunkte und Bekenntnisse nur wie Saiten in einem großen Musikinstrument sind, auf dem der große Logos spielt! Er wünscht die verschiedenen Pfade und Standpunkte, denn aus dieser Vielfalt der Sichtweisen heraus nähern wir uns der Wahrheit an! Erklingen sie zufrieden als eine andere Saite dieser Harfe und versuchen sie nicht, mit der anderen Saite zu streiten, nur weil sie anders klingt. Wenn sie nicht anders klänge, könnte sie als Saite keine Verwendung mehr finden." Ich denke, es ist niemandem möglich, Dinge zu vermitteln, wo nicht irgendjemand irgendwas besser weiß oder anders machen würde. Das ist ja auch gut so. Wäre Ihre Lehre denn unfehlbar? Ist es nicht wünschenswert, Querdenker in der Gesellschaft zu haben? Ich habe gelernt, daß selber denken schlau macht, und es nur wichtig ist, das Selberdenken zu erlernen. Und das ist das einzige, was mir aus der ganzen Schulzeit auf der Steiner Schule wirklich wichtig war.
CK: Vielen Dank für Ihre interessierten und fast, wie ich den Eindruck gewann, ein wenig zornigen Ausführungen. Was Sie sagen, wirft jene elementare Frage auf, die ich nicht ohne Grund an den Anfang meines Grünen Hefts gestellt habe: Gibt es Richtig und gibt es Falsch. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, würden Sie diese Frage eher verneinen. Sie sehen, daß jeder Mensch, oder vielleicht sogar jedes Lebewesen, seine ganz persönliche Kommunikation mit der Umwelt, seine ganz individuelle Reaktion, Reflektion auf diese Wirklichkeit entwickelt. Eine unstrittige
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Wahrheit. Aus dieser Erkenntnis heraus fordern Sie mit den Worten Leadbeaters von jedem Teil dieser Vielfalt, also von jedem von uns, die Standpunkte der anderen als gleichberechtigt, gleich richtig oder falsch, gleich gut oder schlecht gelten zu lassen und nicht mit ihnen zu streiten. Jeder, der anfängt, eine eigene Erkenntnis richtig und die Aussage eines anderen für falsch zu halten, wird zum Dogmatiker. Ich glaube, daß dieser Haltung eine edle und richtige Gesinnung zugrunde liegt, die darin ihren Ausdruck finden sollte, daß man jedem Lebewesen eine wertfreie Achtung vor seiner Existenz entgegenbringt. Trotzdem glaube ich an Richtig und Falsch, das heißt ich glaube, daß wir trotz unserer ausschließlich subjektiven Sichtweise objektiv richtige, von anderen überprüfbare, oder falsche, verzerrte Reflektionen, Bilder oder Beschreibungen der Umwelt kreieren können. Hat beispielsweise die Erkenntnis, daß die Erde eine Kugel ist, nicht das Recht, die alte Vorstellung, sie sei eine ebene Fläche, als falsch zu entlarven? Oder wird sie dadurch zum Dogma? Gilt das gleiche nicht für die Beschreibung physikalischer Gesetze, chemischer Reaktionen, biologischer Vorgänge usw...? Nichts anderes habe ich in meinem Heft versucht: Die Zusammenhänge zwischen der Wirklichkeit draußen und unserem Innenleben in einer richtigen Weise zu beschreiben, unsere Gedankenwelt in einer richtigen Weise zu interpretieren, und Irrtümer bei Steiner und anderen philosophischen Ansätzen aufzudecken, insbesondere die Vorstellung von "Geist und Körper" als zweier verschiedener Daseinsformen.
SW: Ich danke ich Ihnen sehr für Ihre Antwort. Sie haben sicher Recht damit, daß ich empfindlich reagiere. Manchmal vielleicht zu Unrecht?! Mich quält, daß die Menschen nicht in irgendeiner friedvollen Form miteinander leben können. Wie Sie richtig erkannt haben, bin auch ich am Üben und kann es bisher nur sehr mangelhaft, gelassen den anderen bestehen zu lassen... Recht haben Sie auch mit der runden Welt etc. Vielleicht sollte ich Ihre Texte nochmal lesen mit dem Eindruck, den ich nun von Ihren persönlichen Aussagen gewinnen konnte. Und vielleicht verstehe ich Sie dann besser.
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Gespräch mit einem Musikstudenten Klavierunterricht, Improvisation
MS: Ich beschäftige mich seit 13 Jahren mit klassischer Improvisation am Klavier und fühle mich jetzt recht sicher in den Stilen Mozart, Chopin, Rachmaninoff (auf meine Weise!). Ich habe mich seit einem Jahr ein wenig mit
"Improvisationsmethodik" beschäftigt. Ich interessiere mich sehr für Heinrich Jacoby und für muttersprachliches und experimentelles Klavierlernen. Seit einem Jahr Beschäftigung mit der Feldenkrais-Methode.
CK: Ich glaube, da könnte ich eine Menge von Dir lernen, denn ich selbst hab mich leider kaum mit Improvisation beschäftigt. Wie bist Du dazu gekommen? Hast Du Ideen, wie man Improvisation Kindern nahebringen kann? MS: Ich unterrichte seit kurzem in einer Musikschule (20 Schüler). Ich habe die Schüler für ein Jahr übernommen, als Vertretung. Ich kann hier also alles mögliche ausprobieren, wie ich Improvisation bzw. Musik überhaupt am besten unterrichten kann. Edwin Gordon hat meiner Meinung nach sehr gute praktische Ansätze, wie man Improvisation unterrichten kann. Ich selbst habe jetzt mit Anfängern probiert, bekannte Lieder (Kinderlieder) aus dem Gehör nachzuspielen, die Töne selbst zu finden. Ist allerdings sehr schwer! Besser ist vielleicht das nächste: Bei fortgeschrittenen Schülern: ein Begleitmuster (möglichst einfach) in der linken Hand spielen mit Ausschnitten aus I -V - Akkorden, z.B.: cece hdhd cece... in durchlaufenden Achteln (Vierteln). Rechts Halbe (bzw. Ganze) Töne dazuspielenich zeige den Schülern die Tasten, die sie spielen sollen, sie sollen auswählen, welche Töne zu welchem Muster passen. Anfangs gebe ich ihnen immer nur zwei Töne zur Auswahl. Dann müssen sie sich nicht auf zu viele Töne konzentrieren. Wenn mehr Töne dazukommen, sage ich: Mach eine kleine Melodie. Diese Methode ist noch nicht sehr ausgeklügelt, aber ich hoffe, ich kann mit der Zeit größere Variabilität erreichen. - Hier noch eine lustige Übung, die ich ein paar Schülern (Anfängern) aufgegeben habe (jeden Tag einmal): 1. Irgendeine kurze Melodie spielen. 2. Diese Melodie verbessern - bzw. anders spielen.
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3. Noch ein paar Mal spielen und jedes Mal verbessern/ ändern (insgesamt ca. 5 Mal). Was hälst Du davon? CK: Find ich sehr gut.
MS: Ich stehe jetzt vor dem Problem, daß mir die Ideen ausgehen. Ich habe erst heuer begonnen zu unterrichten, und es fällt mir nicht leicht, die Schüler "weiterzubringen". Zuerst habe ich mir gedacht, Fingerhaltung sei nicht so wichtigjetzt merke ich, daß man mit unbeweglichen, ausgestreckten (durchgebogenen) Fingern als Musikschüler doch nicht so gut spielen kann.
CK: Klar, wichtig ist nur, daß Du von Schüler zu Schüler individuell entscheidest und nicht nach einer "Methode für alle" arbeitest. Wenn jemand sich von sich aus sinnvoll bewegt, kannst Du getrost auf das Thema Fingerübungen verzichten, es sei denn, er ist (wiederum von sich aus) interessiert und beispielsweise wild darauf, Tonleitern usw. zu üben. Ansonsten ist es besser, für Probleme bei "schweren Stellen" an Ort und Stelle Lösungen zu suchen. Wenn jemand Probleme hat (wie die allermeisten), versuche zunächst eine allgemeine Hinführung zu "zweckmäßigem Verhalten", was z.B. darin bestehen kann, sich klar zu machen, wie wenig Kraft benötigt wird, einen Finger zu heben oder eine Taste hinunterzudrücken, und daß tastendes, d.h. wahrnehmendes Gefühl notwendig ist, um die richtige Dosierung der Kraft zu finden, was wiederum bedeutet, daß jede Kraft, die nicht durch Wahrnehmung eingestellt wurde, sondern "auf Vorrat" willentlich auf das Objekt (=Klavier) losgelassen wird, störend wirkt. Der "Kopf" darf also den "Körper" nicht befehligen, sondern muß ihn freilassen und sich empfangend (=wahrnehmend) von ihm einstellen lassen. Wenn Du dann auch damit das übliche steinharte Handgelenk und die steifen Finger nicht wegbringst, können natürlich auch Übungen sinnvoll sein, die z.B. die gestörte Verbindung von Körper-Arm-Hand-Finger zum Inhalt haben: Beginne mit einer großen Armanschlagsbewegung: Den Arm mit hängender Hand heben, dann langsam nach unten führen und gleichzeitig die Hand heben, nach dem Aufsetzen auf die Tastatur das Handgelenk in Federfunktion so weit wie möglich weiter nach unten durchbeugen. Du kannst zunächst auf die flache Hand oder auf die Faust
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aufsetzen lassen, bevor Du's mit einzelnen Fingern versuchst. In letzterem Fall ist dann darauf zu achten, den Finger auf die Spitze zu setzen und nicht umzuknicken, d.h. alle Gelenke "greifend" einzusetzen. Du kannst jeden Finger auch so auf den Armanschlag vorbereiten, indem Du bei hinuntergedrückter Taste das gesamte Bewegungsvolumen des Handgelenks von ganz tief bis ganz hoch gymnastikartig durchprobierst, wobei der Finger in jeder Position greifend auf der Spitze stehen können sollte.
Wenn der Armanschlag dann einigermaßen natürlich abläuft, kannst Du verschiedene Geschwindigkeiten von ganz langsam bis zum freien Fall durchprobieren und damit den Zusammenhang von Anschlagsgeschwindigkeit und Lautstärke kennenlernen lassen. Mache klar, daß der Armanschlag immer dann zur Anwendung kommt, wenn der Klang unterbrochen werden soll, d.h. wenn man das Gewicht von der Tastatur nehmen muß, sowie natürlich immer mit dem ersten Klang, mit dem man anfängt, zu spielen.
Wenn Töne miteinander verbunden werden sollen, muß ein angemessenes Armgewicht (normalerweise so wenig wie möglich) permanent auf der Tastatur gehalten und von Finger zu Finger weitergegeben werden. Um diese Technik einzuführen, eignet sich der Vergleich zum Gehen ideal: so wie wir auf unseren Füßen gehen, so gehen wir beim Legato-Spiel auf unseren Fingern. So wie das Körpergewicht permanent auf der Erde bleibt, so bleibt das Armgewicht permanent auf der Tastatur. Wie die Beine muss auch jeder Finger 'stehen' und das Gewicht übernehmen können, darf also nicht einknicken, sonst stolpert man, und 'schreiten' können, um das Armgewicht zum nächsten Ton zu führen. MS: Dann kommen noch die Eltern mit ihren Erwartungen hinzu: "Mein Kind ist zu wenig begabt, um nach Gehör Klavier zu spielen - könnten Sie nicht nach Noten unterrichten?"...
CK: Ich glaube, man muß da immer geschickte Kompromisse machen, d.h. sowohl als auch...
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MS: Vielleicht kannst Du mir ein bißchen von Deinen Erfahrungen erzählen - wie Du umgehst mit Klavierschulen, welche Stücke Du im Unterricht machst, wie Du mit Noten umgehst - (Lesen nach Notennamen - oder relativ (siehe Jacoby!!!)). CK: Bevor man mit Noten anfängt, sollte ein Minimum an rhythmischem Verständnis vorbereitet werden, d.h. ein Gefühl für einen gleichmäßigen Pulsschlag, und dann dessen verdoppelte, vervierfachte usw. Beschleunigung bzw. Verlangsamung. Ich gehe dann vom langsamsten Metrum (= ganze Noten) über die Halbierungen zu den weiteren Metren, wobei ja auch im Notenbild immer etwas "dazukommt". Wichtig ist, jedes Metrum als eigenständige Art einzuführen und nicht von vornherein alles in Bezug auf die Viertel zu setzen (z.B. : die Ganze hat 4 Schläge... ja was für Schläge? Sie kann auch 2 oder 8 haben...).
Wie man das Rhythmische improvisatorisch einführt, könnte z.B. so aussehen: Erstmal ganz frei auf den schwarzen Tasten rumspielen lassen, weils halt immer zusammenpaßt. Dann mit der Vorgabe: Es muß einen richtigen Schluß haben und darf nicht einfach abreißen. Dann: Es muß mehrere zusammenhängende Teile (=Phrasen) mit Anfang und Schluß haben. Dann: Es muß einen gleichmäßigen Pulsschlag haben. Dann: Die Rechte muß im doppelten Metrum wie die Linke laufen und umgekehrt usw... Auf den weißen Tasten könnte man z.B. so anfangen: Links ein gleichmäßiges langsames Metrum mit verschiedenen Intervallen auf einem fixierten Baß, rechts eine Melodie mit metrischem Bezug dazu, oder umgekehrt... Die Schreibweise für die Tonhöhen führe ich folgendermaßen ein (immer in ganzen Noten):
1. Tonleitermäßiges Fortschreiten schreiben üben: (Linie - Zwischenraum - Linie -Zwischenraum).
2. Das Problem der Notenlinien aufzeigen: (für den Tonumfang des Klaviers bräuchte man eigentlich 26, aber dann könnte man's nicht lesen, 5 kann man gerade noch mit einem Blick erfassen), dann die Hilfsmöglichkeiten einführen, wie man trotzdem alle Töne schreiben kann (=Schlüssel, Hilfslinien), den Zusammenhang zwischen Baß- und Violinschlüssel klarmachen (= eine Zeile fehlt dazwischen), und in dem Zusammenhang das Problem klar machen, das dadurch entsteht, daß die beiden 5 Zeilen-Systeme meist wesentlich weiter
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auseinandergerückt geschrieben werden als ihr tatsächlicher Tonabstand, und daß daher für den Tonbereich dazwischen jeweils zwei Schreibmöglichkeiten, entweder an den Violinschlüssel oder an den Baßschlüssel anschließend, für die gleichen Töne entstehen. 3. Notennamen einführen.
Beim Lesen wäre ideal, wenn das Notenbild eine Tonvorstellung hervorrufen könnte, was natürlich erstmal kaum gelingt. Dann ist das Lesen der Tonhöhen in Relation zueinander sicher besser als ein Denken in Notennamen.
Was die Literatur betrifft: Schau Dich immermal wieder nach Neuem um, denn alles wird irgendwann eintönig. Sehr zu empfehlen finde ich die zweibändige "Russische Klavierschule" mit vielen interessanten Stückchen, dann, vermutlich schwer aufzutreiben: "Kleine Stücke für Klavier", sehr reizvolle Stückchen von Gunter Kretschmer, dann die anmutigen Kinderstücke von Gretschaninoff und auch anderer Russen wie Glier, Glinka, Ljadov usw, also diese Art der Literatur sagt mir viel mehr zu als unser klassisches Menuett- und Sonatinen-Gehopse, das mir doch ziemlich über ist... Für die Mittelstufe ist auch immer guter Rat teuer, da finde ich z.B. Griegs lyrische Stücke ein Segen, einiges von Debussy, und auch wieder viel von der russischen Seite (z.B. Tschaikowskys Jahreszeiten). Diese Empfehlungen sind natürlich sehr lückenhaft und tragen den Stempel meines persönlichen Geschmacks...
Meine Ausführungen sind jetzt ein bißchen arg umfangreich geraten und enthalten vielleicht auch viele Binsenweisheiten. Aber nach meiner Erfahrung ist es manchmal nützlich, sich Binsenweisheiten wieder klarzumachen. Mal sehen, ob Du was damit anfangen kannst.
MS: Hab mich jetzt noch mehr mit Jacoby beschäftigt - das ist ja echt faszinierend! Ich hab soeben "Musik - Gespräche, Versuche" gelesen. Da steckt ja so viel an Erfahrung und Wissen drin - ich kann da (vieles aus eigener Erfahrung) fast alles unterstreichen, was er schreibt! Vorgestern ist es mir gelungen, daß im Klavierunterricht ein Schüler (13 Jahre, glaubt, er sei unbegabt) am Keyboard zu improvisieren anfing! Ich bin noch immer ein wenig im "Hoch", weil ich nun glaube, daß ich eine Ahnung habe, wie ich Improvisieren unterrichten kann. Am wichtigsten
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ist glaub ich, ein angstfreies Milieu zu schaffen, wo der Schüler ausprobieren kannam besten, nicht einmal zuhören, was der Schüler macht! Ich werd Dir später nochmal schreiben, wenn ich ein bißchen mehr Zeit hab! (Vielleicht hast Du ja auch selbst ausprobiert, das umzusetzen, was Jacoby in "Musik" schreibt?)
Fragmente aus Briefen an meinen Neffen Jun
Zusammengestellt aus Emails, die ich ihm schrieb, nachdem er mein Grünes Heft ins Internet gestellt hatte.
Übersinnliche Kommunikation?
Anlässlich eines Berichts über ein geträumtes Ereignis, das dann in Wirklichkeit stattfand.
Wie gehe ich mit einer solchen Information um?
- Ich stufe sie als von zweiter Hand kommend ein (Hörensagen) und vergleiche, ob ich etwas ähnliches auch schon aus erster Hand erfahren habe (eigenes Erlebnis, Wahrnehmung), in diesem Fall mit negativem Ergebnis.
- Ich rekapituliere, was ich allgemein mit Träumen für Erfahrungen gemacht habe. Ergebnis: Sie rekrutieren sich aus realen Erfahrungen, Wünschen, Ängsten, und zerwürfeln diese ins absolut Chaotische, so daß ein scheinbarer Sinn genauso häufig auftritt wie totaler Schwachsinn.
- Ich erinnere mich an die allgemeine Sehnsucht meiner Mitmenschen, so etwas Wunderbares wie ihr Innenleben auch in der Außenwelt zu finden, auf dieser Ebene kommunizieren zu können, losgelöst vom 'banalen Äußeren' ewig weiterzuleben usw, und die sich daher an jeden noch so dünnen Strohhalm klammern, der in diese Richtung zu weisen scheint. So wird ausnahmslos jeder sofort berichten, wenn er im Traum eine "übernatürliche Kommunikation" erlebt hat, die sich dann in Wirklichkeit
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bestätigt, was natürlich ebenfalls jeder unterläßt bei seinen tausend übrigen Träumen, wo die Bestätigung der Wirklichkeit ausblieb.
- Ich spiele hypothetisch mit und frage mich: wenns denn ein echter Kontakt war, warum lässt sich ein solcher dann nicht täglich und von jedem von uns nutzen? - Ich ziehe mein Fazit und billige der Information keinen realen Wahrheitsgehalt zu. ***
Unerklärliche Phänomene in der Tierwelt: - Ein Hai riecht einen Tropfen Blut auf riesige Entfernungen - Ein zerstörter und anschliessend durch eine Platte getrennter Ameisenhaufen wird von den Ameisen so wieder aufgebaut, dass nach Herausnahme der Trennwand alle Gänge wieder zusammenpassen... Beweise für "übersinnliche Kommunikation"?
Ich kann weder sehen, daß ein Traum Wahrnehmung sein soll, noch daß unsere Kommunikation über andere Kanäle abläuft als die Sinnesorgane. Auch bei Ameisen und Haifischen tut sie das. Nur haben die eine ganz andere Ausrüstung. (Siehe auch mein Gespräch mit S.C.)
Die Sache mit den Ameisen klingt fantastisch und muß erforscht werden. Der Fall liegt aber grundsätzlich anders als der des in Erfüllung gehenden Traums, denn das Phänomen Ameisenhaufen ist aus erster Hand - durch eigene Wahrnehmungnachprüfbar. Trotzdem unterscheide ich, was Phänomen ist, und was Du darüber schreibst, als zweierlei: "Weitere Kanäle"? "Kollektive Intelligenz"? "Übersinnlich"? Das sind Secondhand-Informationen, die Deiner eigenen Interpretation des Phänomens entsprangen, und die sich bei mir nicht mehr unbedingt mit eigenen Erfahrungen abdecken lassen. Wie Du richtig sagst, ist die "herkömmliche" Wahrnehmung alles andere als "nicht geheimnisvoll". Wissen wir wirklich, wieviel über sie möglich ist, und wo ihre Grenzen liegen? Einem Phänomen zu begegnen, das man sich auf der Grundlage der eigenen Wahrnehmungs-Erfahrungen nicht erklären kann, ist für mich noch kein Beweis für "übersinnliche Kommunikation". "Übersinnlich" ist ja ein Begriff, der wie ein Joker eingesetzt wird für alles, was nicht ins vertraute Erfahrungsschema paßt. Der Begriff deutet im Grunde auf alles hin, was
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nicht wahrnehmbar ist, und könnte in dieser Form von mir akzeptiert werden. Dann wird aber eine Wortschöpfung wie 'übersinnliche Kommunikation' oder 'übersinnliche Wahrnehmung' paradox... Der Haken ist eben der, daß die Leute glauben, doch wahrnehmen zu können, was nicht wahrnehmbar ist... ***
Wir haben es auf Schritt und Tritt mit der Situation zu tun, dass wir etwas wahrnehmen, was wir nicht erklären können. Genaugenommen gibt es überhaupt keine andere Situation! Kannst Du denn irgendetwas, das Du über die herkömmliche Wahrnehmung erfährst, erklären? Wie ein Kind entsteht? Wie und aus welchem Grund jegliches Leben entsteht? Was einen Stein am Existieren hält? Fällt Dir irgendetwas ein, was Du letztlich erklären kannst? Ist das ein Beweis dafür, daß wir außer der herkömmlichen Wahrnehmung noch auf anderen Wegen wahrnehmen können? Warum tun wirs dann nicht? Nein, ich halte mich an das, was ist, ich nenne Wahrnehmung, was Wahrnehmung ist, und Spekulation, was Spekulation ist, und die Unerklärbarkeit wird für mich dadurch erklärbar, daß ich mir im Klaren bin, daß das Sein der Dinge, das alles erklären könnte, nicht über die Wahrnehmung zu mir kommt, auch wenn diese über weitere "Organe" oder "Kanäle" ablaufen sollte... ***
Wir können Rätsel wie das des Ameisenhaufens letztlich nicht lösen, aber wir können eine wichtige Beobachtung an uns selbst machen: Solange wir uns verbieten, die Sache einfach als "übersinnlich" abzutun, bleiben wir an der Realität und decken kreativ immer wieder neue Aspekte und Lösungsansätze auf. Ich glaube, nur auf diesem Wege werden wirkliche Entdeckungen gemacht. Genau wie bei einem Zauberkünstler: nur solange ich beharrlich frage: wie macht er das wirklich? habe ich die Chance, sein Geheimnis aufzudecken, eine Chance, die ich nicht mehr habe, wenn ich anfange, an "Zauberei" zu glauben. ***
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Glaube An Gott glauben?
Ich habe nie behauptet, keinen Glauben zu haben. Ich habe nur keinen angelernten Glauben an die Secondhand-Informationen, die meine Eltern, Kirche und Schule usw. in meiner Vorstellungswelt verankern wollten, wie zum Beispiel den alten Herrn über den Wolken (das "kindgerechte" Bild Gottes), unsterbliche "Geister", die sich sterblicher "Leiber" bedienen, frei bewegliche "Seelen", die sich nach Belieben besuchen können, "übersinnliche Wahrnehmung", "andere Welten" usw..., Ideen, die vorgeben, das Wunder der Realität zu erfassen, in Wirklichkeit aber genau von diesem Wunder ablenken und als selbstgebastelte Ersatzwunder den Kontakt zum realen Wunder versperren. Ich habe den Glauben, der zwangsläufig entsteht bei einem, der nichts glaubt, sondern selbst nachdenkt und prüft und nach und nach merkt, wo welche Information / Vorstellung usw. herkommt. Ich mußte mich ja regelrecht zu meiner Sinneswahrnehmung durchkämpfen, zum direkten Kontakt zu den Dingen. Und ich merkte, daß das, was mir über die Dinge erzählt wurde, nicht von diesen Dingen selbst stammte, und daß das, was wirklich von den Dingen selbst stammen würde, nämlich in letzter Konsequenz sie selbst, niemals in meine Vorstellungswelt kommen kann. Diese Erkenntnis ist der Beginn des Glaubens an das Sein der Dinge. Und Gott kann dann nur die Gesamtheit allen Seins sein. *** Kann man Gott beweisen?
Das ist von vornherein ein völlig falscher Ansatz, der voraussetzt, daß Gott etwas ist, was außerhalb der Wirklichkeit existiert. Wenn Gott wie eben beschrieben die Gesamtheit allen Seins ist, kann sich die Frage, ob man "Ihn" beweisen kann, überhaupt nicht stellen. ***
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Die Sache mit der Toleranz
Intoleranz der Existenz anderer Menschen gegenüber ist etwas grundlegend anderes als die Aufdeckung von Unstimmigkeiten zwischen Vorstellungen / Ideen und der Wirklichkeit. Hätte Galilei denn die Vorstellung seiner Mitmenschen, die Sonne kreise um die Erde, tolerieren müssen? Nein, die Sache mit der Toleranz ist ein sehr zweischneidiges Schwert. (Siehe auch mein Gespräch mit S.W.) Wenn die verschiedenen Religionen ein Abkommen treffen würden: gut, das sind eure Wunschideen, das sind unsere Wunschideen, mit der Wirklichkeit haben beide nichts zu tun - , wäre die Grundlage für Toleranz geschaffen. Wenn aber behauptet wird, man spreche von der Wirklichkeit, geht's eben doch um Tatsachen und Irrtümer. Diese beim Namen zu nennen heißt ja nicht, daß man den anderen umbringen will... *** Glaube und Erziehung
Als Jugendlicher "wußte" ich bis auf den Grund meines Herzens, daß ich einmal wiedergeboren werden würde. Als Vater fragte, woher ich denn diese Sicherheit hätte, stammelte ich irgendwas von den Wachstumszyklen der Pflanzen, wo es ja auch so sei, und Vater gab sich damit zufrieden. Natürlich hätte er mich mit ein paar gezielten und klugen Fragen sofort aus dem Sattel werfen können, was er leider nicht tat, so daß ich diese Aufgabe später selbst erledigen mußte. Also diese Art des "Wissens" ist doch meist ein Pflänzchen, das auf dem Mist angelernter religiöser oder sonstiger Vorstellungen wächst... ***
Besinnen wir uns nocheinmal auf einige Eckpfeiler des Grünen Hefts: - Informationen richtig bewerten: kommen sie aus erster Hand (Wahrnehmung, eigenes Erleben), oder aus zweiter Hand (Hörensagen - Lesen usw.). (Anmerkung: ich spreche immer von Wahrnehmung, ich glaube, das Wort "Beweis" kommt im Grünen Heft überhaupt nicht vor, diese Richtung hast Du eingeschlagen, womit ich sie nicht verdammen will, aber es ist doch zweierlei.)
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- Unterscheiden zwischen Innen und Außen: die Unmöglichkeit, in das Innen der Außenwelt vorzudringen.
- Das eigene Innen richtig interpretieren als eigene Reproduktion der Außenwelt. - Nicht das Wunderbare ist das, was es nicht gibt, sondern das Banale. Frage: Habe ich diese Justierungen des eigenen Innenlebens vorgenommen, weil Papi so "böse" war zu mir? Frage: Wären sie deshalb weniger richtig? ***
Ich bin durch meinen Konflikt mit dem Elternhaus dazu getrieben worden, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Dies war meine "innere Notwendigkeit", und nur aufgrund einer solchen gelangt ein Mensch zu wertvollen Erkenntnissen (siehe auch Brief an Roland vom 11/12/96). Diese Fragen selbst aber sind alles andere als "mein Konflikt", es ist der Konflikt jedes denkenden Wesens, der Konflikt der paradoxen Funktionsweise unseres Bewußtseins, oder wie Du es sonst nennen willst. Jacoby war in seiner Jugend viel krank und hatte mit körperlichen Problemen zu kämpfen, was sicher seine innere Notwendigkeit war, den Zusammenhang zwischen Verhalten und Leistung aufzudecken. Das Gefängnis seines Rollstuhls war für Stephen Hawking vermutlich seine innere Notwendigkeit, sich mit den Geheimnissen des Weltraums zu beschäftigen. Da der Mensch wohl von Natur aus bequem und träge ist, braucht er echte persönliche Probleme, die ihn zwingen, nach Lösungen zu suchen. Die Erkenntnisse aber, die auf diesem Weg gewonnen werden, haben mit jenen persönlichen Problemen nur noch indirekt zu tun und können zu allgemeingültigen Entdeckungen der Wirklichkeit werden.
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Arbeit zitieren:
Christoph Keller, 2001, Das Grüne Heft - Mein Konflikt mit meiner anthroposophischen Erziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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