Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Handeln und Sprechen im Rahmen der systemischen Therapie und
Beratung
Inhalt
I „Man kann nicht nichtkommunizieren“
1. Kreislauf der Kommunikation
2. Helfende Kommunikation
II. Methoden der systemischen Therapie und Beratung
1. Was ist ein System
2. Inhalte und Ziele der systemischen Therapie und Beratung
3. Systemisches Fragen als eine der zentralen Methoden der
systemischen Therapie und Beratung
3.1. Zirkuläres Fragen
3.2. Inhaltsbereiche systemischer Gesprächsführung
3.2.1. Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion oder
Gegenwartsfragen
3.2.1.1. Fragen zum Auftragskontext
3.2.1.2. Fragen zum Problemkontext
3.2.2. Fragen zur Möglichkeitskonstruktion
3.2.2.1. Lösungsorientierte Fragen oder „Verbesserungsfragen“
3.2.2.2. Problemorientierte Fragen oder
„Verschlimmerungsfragen“
3.2.2.3. Problem- und Lösungsszenarien
1.3 Allgemeine Regeln des zirkulären Fragens
III „Man kann nicht nicht Intervenieren“
1. Handeln und Sprechen im Rahmen der systemischen Therapie und
Beratung
2. Ein Fallbeispiel
3. Zusammenfassung
Literatur
1 I. „Man kann nicht nichtkommunizieren“
1. Kreislauf der Kommunikation
Menschen verbringen eine geraume Zeit ihres alltäglichen Lebens damit, miteinander zu reden und es scheint eine recht problemlose Hauptbeschäftigung zu sein. Im Sinn des von Watzlawick formulierten Axiom: „Man kann nicht nichtkommunizieren“ 1 , hat jedes Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter. Irgendetwas wird also immer kommuniziert. Schulz von Thun beschreibt den Grundvorgang der zwischenmenschlichen Kommunikation folgendermaßen:
Da ist ein Sender, der etwas mitteilen möchte. Er verschlüsselt sein Anliegen in erkennbare Zeichen – wir nennen das, was er von sich gibt, seine Nachricht. Dem Empfänger obliegt es, dieses wahrnehmbare Gebilde zu entschlüsseln. In der Regel stimmen gesendete und empfangene Nachricht leidlich überein, so
daß eine Verständigung stattgefunden hat. 2 Scheint alles einfach zu sein. Wir verstehen uns doch wenn wir reden? Ja, verstehen tun wir, aber was? Es wird nicht immer das empfangen was gesendet wird. Kommunikationspartner senden Botschaften gemäß ihren Absichten, sie wünschen sich, daß der andere einen bestimmten Eindruck von ihnen bekommt, daß er ihre Meinungen teilt, daß er seine Einstellung ändert, daß er sich in einer bestimmten Weise verhält, usw. Da der andere ebenfalls Absichten hat, verfügt er über die Freiheit, sich den Absichten des Partners zu widersetzen, die Annahme der Botschaften zu verweigern. Er kann die Mitteilung entgegen der Intention des Senders interpretieren. Zwei Partner können sich sowohl „zusammensprechen“ als auch „auseinandersprechen“ 3 . Warum kommt se zu solchen „Störungen“? Laut Schulz von Thun liegt es daran, daß einerseits jede Nachricht, die vom Sender gesendet wird, vier Botschaften enthält (Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung, Appell) und andererseits der Empfänger, der diese Nachricht empfängt, empfängt sie mit vier Ohren (Sachohr, Beziehungsohr, Selbstoffenbarungsohr, Appellohr). Was zwischenmenschliche Kommunikation so kompliziert macht, ist: Der Empfänger hat prinzipiell die freie Auswahl, auf welche Seite der Nachricht er reagieren will. Das bedeutet, daß ein Sender nie sicher sein kann, daß seine Botschaft in der von ihm beabsichtigten Weise vom Empfänger interpretiert wird.
2 Den oben beschriebenen Kreislauf der Kommunikation kann man schematisch folgendermaßen darstellen:
Abb.1 Kreislauf der Kommunikation
Am folgenden Beispiel wird dieser Prozeß deutlich:
Der Mann sitzt abends im Wohnzimmer. Seine Frau ruft aus der Küche: „In der Küche steht noch das ganze Geschirr!“ – worauf er ruft: „Du glaubst wohl, ich habe den ganzen Tag gefaulenzt“. 4
3
Nachricht I: „In der Küche steht noch das ganze Geschirr.“
Nachricht II: „Du glaubst wohl, ich habe den ganzen Tag gefaulenzt.“
4
Es wird deutlich, daß ein Text einer Botschaft recht verschiedene Bedeutungsvarianten auf den vier Ebenen hat, von denen der Sender jeweils eine bestimmte beabsichtigt und aus denen der Empfänger jeweils eine auswählt. Man kann also Kommunikation nicht nur als ein Austauschprozeß von Informationen sehen. Wenn Partner kommunizieren setzt das auf beiden Seiten die Fähigkeit zu einer Veränderung der Überzeugungssysteme voraus. Sie müssen einen Konsensus herstellen, was „übereinstimmende Wahrnehmung“ 5 bedeutet. Göppner definiert Kommunikation als „den Prozeß der von zwei Partnern angestrebten Herstellung eines Konsensus, einer punktuellen (nicht totalen!) Übereinstimmung in der personalen Wahrnehmung, als Überbrücken der Verschiedenheit zweier Individuen durch die Produktion und Rezeption von Botschaften, die bedeutungsvoll für beide sind. ... Eine Kommunikation ist nur dann als geglückt anzusehen, wenn beide Partner mit dem Verfahren der Konsensfindung und mit dem Ergebnis einverstanden sind.“ 6
2. Helfende Kommunikation 7
Man unterscheidet zwischen alltäglichen und helfenden Kommunikationen. Alltägliche Kommunikation ist ausgerichtet auf Koordination von Absichten und Bedürfnissen und auf Kooperation in einem gemeinsamen Lebensfeld (z.B. Kommunikation zwischen Arbeitskollegen, Nachbarn, Familienmitgliedern u.ä.). Helfende Kommunikation geschieht dann, wenn einer der Partner sein kommunikatives Handeln in den Dienst der konstruktiven Veränderung des anderen stellt (z.B. ein Erwachsener bindet dem Kind nicht die Schuhe, sondern zeigt ihm, wie es das selbst fertig bringt). Helfende Kommunikation findet statt in Erziehung, Therapie und Beratung. Welchen Kriterien muß denn die helfende Kommunikation entsprechen? Helfende Kommunikation Bedürfnisbefriedigung), sie ist aber auch nicht egozentrisch (Anwendung der eigenen Interpretationsschemata über die Umwelt und Entwertung von Sichtweisen, die mit der eigenen nicht übereinstimmen). Sie besteht selten darin, daß der Helfer seine Erfahrungen anbietet, daß er seine eigenen Weisheiten in den anderen zu verpflanzen sucht – vielmehr soll des anderen eigene Weisheit entwickelt werden. Das bedeutet, daß der Helfer nicht mitteilt, wie er in der Lage des anderen handeln würde und seine Lösungen anbietet, damit sie der andere übernehmen kann.
Quote paper:
Anna Shkonda, 2002, Handeln und Sprechen im Rahmen der systemischen Therapie und Beratung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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