Inhalt
Inhalt 3
Einleitung 5
1. Pfadfinden - Entwurf für eine Selbsterziehung 6
2. Zur pfadfinderischen Persönlichkeitsförderung (Ziele) 9
2.1 Baden-Powells staatsbürgerliche Erziehung 11
2.2 Pfadfinden - Weg einer Erziehung zur Demokratie 12
3. Fortschreitende und attraktive Programme (Inhalte) 16
4. Der Weg pfadfinderischer Selbsterziehung (Pfadfindermethode) 19
4.1 Leben pfadfinderischer Werte (Regeln und Versprechen) 22
4.1.1 Kennzeichnung pfadfinderischer Werterziehung 25
4.1.2 Zur Umsetzung pfadfinderischer Werterziehung 27
4.2 Pfadfinderisches Erfahrungslernen („Scouting is Doing“) 28
4.2.1 Grundsätze eines Lernens durch Handeln 29
4.2.2 Kreatives Pfadfinden 31
4.2.3 Zur Bedeutung pfadfinderischen Erfahrungslernens 33
4.2.4 Pfadfinderische Abenteuerunternehmungen 35
4.3 Lernen in kleinen Gruppen 39
4.3.1 Zur Bedeutung einer Bildung von kleinen Gruppen 39
4.3.2 Das Zusammenspiel der Kleingruppen 43
4.3.3 Der Pfadfinderstamm 48
4.3.4 Aufgaben der erwachsenen Leiterinnen und Leiter 50
4.3.5 Integratives Pfadfinden 54
4.4 Natürliches und naturverbundenes Leben 56
4.4.1 Leben in und mit der Natur 60
4.4.2 Natürliches menschliches Leben 62
4.5 Internationales Lernen 66
3
5. Bedürfnisorientiertes Pfadfinden 71
5.1 Zur Symbolik des Pfadfindens 71
5.2 Bedürfnisorientiertes Pfadfinden in den Altersstufen 73
6. Formen pfadfinderischen Handelns 77
6.1 Zur pfadfinderischen Form des Spielens 77
6.1.1 Kimspiele 77
6.2 Zum pfadfinderischen Erkundungslernen 80
6.3 Das Geländespiel 83
6.4 Das Zeltlager 83
6.5 Der Hike (Hajk) 88
6.6 Die Fahrt 90
6.7 Das Rollenspiel 92
6.8 Das Planspiel 94
6.9 Das Projekt 96
7. Robert Baden-Powell - Stationen eines erfüllten Lebens 104
Literatur 120
Sachregister 126
Glossar. 127
Der Autor 128
4
Einleitung
„Pfadfinden“ mit seinen vielfältigen und attraktiven Tätigkeiten möchte mehr als nur zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung beitragen. In den von der „World Organization of the Scout Movement“ herausgegebenen „Grundlagen der Pfadfinderbewegung“ wird diese definiert als eine „freiwillige, nicht-politische Erziehungsbewegung für junge Leute, die offen ist für alle, ohne Unterschiede von Herkunft, Rasse oder Glaubensbekenntnis (…)“ (vgl. WOSM 1997, S. 4). Zwar können bei sinnvollen Freizeitaktivitäten Erfahrungen gewonnen werden und Erziehungsprozesse stattfinden, jedoch vollzieht sich eine solche „informelle“ Erziehung eher zufällig und ist auch nicht wie bei der internationalen Pfadfinderbewegung im Sinne eines aufbauenden Lernens organisiert sowie nicht umfassend und zielgerichtet. Das bedeutet nicht, dass die pfadfinderische Erziehungsbewegung zum „formellen“ Erziehungsbereich (wie beispielsweise die öffentlichen Schulen) gehört. Pfadfinden nimmt eine Stellung zwischen formeller und informeller Erziehung ein. Die Weltorganisation ordnet die Pfadfindererziehung dem Bereich der „nicht-formellen“ Erziehung zu (vgl. WOSM 1997, S. 6).
Gerade darin liegt aber die Stärke des Pfadfindens als Weg einer Selbsterziehung für junge Menschen. Pfadfinden beruht auf dem Grundsatz der Freiwilligkeit; es ist für Kinder und Jugendliche attraktiv und kann deshalb erzieherisch sehr wirkungsvoll sein. Um dies zu gewährleisten, sollten sich Leiterinnen und Leiter mit den Grundlagen der Pfadfinderpädagogik befassen.
Nun tun junge Menschen im Allgemeinen lieber etwas praktisch als sich mit einer theoretischen Abhandlung auseinander zu setzen, zumal solche Texte nicht immer leicht zu verstehen sind. Mit diesem Buch wird der Versuch unternommen, die wesentlichen Zusammenhänge und die besonderen Kennzeichen der pfadfinderischen Erziehungskonzeption für Leiter und Leiterinnen klar und einfach darzustellen.
Die dafür entwickelten Schemata sind als Hilfe gedacht, die nicht immer leicht zu durchschauenden Zusammenhänge zu klären; sie ersparen auch die oft mühsame Erarbeitung von Erkenntnissen aus theoretischen Abhandlungen. Das Studium dieses Handbuchs kann jedoch nicht die intensive Beschäftigung mit der Pädagogik der Altersstufen ersetzen.
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1. Pfadfinden - Entwurf für eine Selbsterziehung
„Erziehung“ wird heute im Allgemeinen nicht mehr als das „Einwirken von Erwachsenen auf Kinder oder Jugendliche“ gesehen. Erziehung ist grundsätzlich immer Selbsterziehung. In diesem Sinne kann man „Pfad- finden“ (Scouting)als pädagogischen Begriff deuten. Es bezeichnet den besonderen Weg einer Selbsterziehung von jungen Menschen. Hinter dem Begriff „Pfadfinden“ verbirgt sich auch der erzieherische Entwurf, der vom Gründer der Pfadfinderbewegung, Robert Baden-Powell, konzipiert wurde und der sich im Laufe der Geschichte der pfadfinderischen Kinder- und Jugendarbeit weiter entwickelt hat.
2 Baden-Powell
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Wie bei jeder Erziehungskonzeption, kann man auch beim Pfadfinden vor allem drei Bereiche unterscheiden, die in einem Zusammenhang zu sehen sind und die sich überschneiden: Erziehungsziele, Inhalte (Programme) und die Pfadfindermethode als Weg der Selbsterziehung (vgl. Schema 1!).
Um beispielsweise das pfadfinderische Erziehungsziel „gesundes Leben“ zu erreichen, muss man sich persönlich für den richtigen Weg entscheiden und diesen gehen. Die Pfadfindermethode kann für junge Leute ein sehr hilfreicher Weg sein; dieser Weg schließt die „Verpflichtung gegenüber sich selbst“ ein (vgl. WOSM 1997, S. 12). Eine ungesunde Lebensführung würde diesem Prinzip widersprechen. Unterstützung bei der Verwirklichung eines gesunden und natürlichen Lebens leisten auch die Gruppenmitglieder, die sich an pfadfinderischen Regeln und Werten orientieren. Die Gemeinschaft kann deshalb die Aufgabe einer „Selbsthilfegruppe“ erfüllen. Gesundheitserziehung kann aber auch innerhalb eines Programms verwirklicht werden, indem zum Beispiel das gesunde Leben im Zeltlager bewusst zum Inhalt (Programm) gemacht und über ein Handeln verwirklicht wird.
Man kann sagen, dass Erziehungsziele (z. B. Gesundheit) als Orientierungshilfe für die Wegfindung dienen. Der pfadfinderische Weg (Pfadfindermethode) kommt aber ohne Inhalte nicht aus; pfadfinderische Aktivitäten setzen immer Programme, für die man sich entscheidet, voraus.
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umfasst Erziehungsziele, Inhalte (Programme) und den Weg (Pfadfindermethode/Erziehungsgrundsätze).
Inhalt
2. Zur pfadfinderischen Persönlichkeitsförderung (Ziele)
Die erzieherischen Aktivitäten in der Pfadfinderbewegung zielen auf eine umfassende Persönlichkeitsförderung der Kinder und Jugendlichen. In den „Grundlagen der Pfadfinderbewegung“ wird als „Zweck“ pfadfinderischer Erziehung angesehen, „zur Entwicklung junger Menschen beizutragen, damit sie ihre vollen körperlichen, intellektuellen, sozialen und geistigen Fähigkeiten als Persönlichkeiten, als verantwortungsbewusste Bürger und als Mitglieder ihrer örtlichen, nationalen und internationalen Gemeinschaft einsetzen können“ (WOSM 1997, S. 7). Aus diesem Zitat wird ersichtlich, dass man verschiedene Bereiche der Persönlichkeitsförderung unterscheiden kann (vgl. auch Schema 2!). Da der Mensch ein ganzheitliches Wesen ist, lassen sich diese Bereiche nicht isoliert fördern. Beim Pfadfinden werden junge Menschen ganzheitlich und umfassend gefördert.
So wie beim Sport in Sportvereinen, werden beispielsweise beim Spiel in der Wölflingsstufe nicht nur körperliche Fähigkeiten wie Grob- und Fein-motorik, Wendigkeit, Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer, Anpassungsreaktionen oder die Wahrnehmungsfähigkeit gefördert. Durch das Spiel in der Gruppe werden gleichzeitig prosoziale Fähigkeiten wie Kontakt- und Beziehungsfähigkeit, Bereitschaft zur Zusammenarbeit, Fairness, Hilfsbereitschaft, sensibles Reagieren oder auch die Fähigkeit zur Lösung von Konflikten und das Verständnis dafür, dass Regeln für ein Zusammenleben sinnvoll sind, angebahnt.
Pfadfinderische Handlungsformen wie das Zeltlager sind geeignet, alle Bereiche zu fördern. So finden im Pfadfinderlager nicht nur soziale Lernprozesse statt, und es werden körperliche, handwerkliche oder intellektuelle Fähigkeiten beansprucht. Beim Lagerleben wird auch der emotionale Bereich - beispielsweise beim gemeinsamen Singen im Feuerkreisangesprochen und Spiritualität (z. B. Selbstfindung in der Stille der Natur bei der Feuerwache) gefördert. - Aufgabe des Leitungsteams ist es, auf eine ausgewogene Förderung zu achten.
9
Pfadfinderische Erziehung erstrebt nicht ausschließlich eine Persönlichkeitsförderung des Kindes oder des Jugendlichen als Individuum. Da der Mensch nicht nur ein personales, sondern auch ein soziales Wesen ist, der in Gemeinschaften lebt, erstrebt Pfadfinden mit der Förderung von Fähigkeiten auch das Ziel, dass Pfadfinderinnen und Pfadfinder als Erwachsene das Gemeinwesen als verantwortungsbewusste Bürger kompetent mitgestalten können. Dass sich die Pfadfinderbewegung als „nicht-politische“ Erziehungsbewegung begreift, kann nicht bedeuten, dass deshalb das politische Lernen ausgeklammert werden soll; dies würde dem Anspruch auf eine umfassende Erziehung widersprechen. Pfadfinden begreift sich jedoch nicht als politische Bewegung im Sinne einer bestimmten parteipolitischen Richtung.
Zwischen der staatsbürgerlichen Erziehung Baden-Powells und dem heutigen politischem Lernen sind, bedingt durch ein verändertes Bewusstsein vom Staat und von der politischen Bildung, Unterschiede erkennbar.
2.1 Baden-Powells staatsbürgerliche Erziehung
Die pfadfinderische Persönlichkeitsförderung in Baden-Powells ursprünglichen Erziehungsentwurf umfasste vor allem eine Erziehung der Pfadfinderjugend zur Charakterstärke („character“), zur physischen Kraft und Gesundheit („physical health“), zur handwerklichen Geschicklichkeit („handicrafts“) und zur Dienstbereitschaft („service for others“) - (vgl. Gerr 1983). Baden-Powell erstrebte mit seiner staatsbürgerlichen Erziehung eine charakterfeste, gesunde und handwerklich geschickte Jugend, die sich gegenüber dem bestehenden Staatswesen (Königreich) loyal und gehorsam verhalten und die Tugenden der Dienstbereitschaft und Aufopferungsbereitschaft besitzen sollte (vgl. Gerr 1998, S. 20). „Dienstbereitschaft“ schloss für B.-P. beispielsweise auch die Bereitschaft ein, das Vaterland mit der Waffe gegen fremde Angriffe zu schützen (vgl. Baden-Powell 1953, S. 89).
Eine solche unkritische Staatsgläubigkeit ist heute nur von der zeitgeschichtlichen Situation her verständlich. Gegenwärtig kann „Dienstbereitschaft“ beispielsweise als „tätige Solidarität“ (DPSG) begriffen werden, und dem heutigen Gemeinwesen kann man als „demokratiefähiger Bürger“ dienen.
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2.2 Pfadfinden - Weg einer Erziehung zur Demokratie
Der Begriff „Demokratie“ wird im Allgemeinen mit einer Regierungs-oder Staatsform in Verbindung gebracht. In der Bundesrepublik Deutsch-land besteht eine parlamentarische Demokratie. Der Volkswille vollzieht sich in Wahlen und Abstimmungen; die demokratische Ordnung ist im Grundgesetz verankert.
Man kann „Demokratie“ aber auch als „Form des Zusammenlebens“ begreifen (vgl. Dewey 1993, S. 121). Demokratie als „Lebensform“ kommt immer in einem demokratischen Handeln zum Ausdruck. Gelebte Demokratie schließt eine aktive Mitverantwortung für die Menschen und die Mitwelt ein; deshalb verwirklicht sich in der Pfadfinderbewegung das „Leben von Demokratie“ durch eine tätige Schöpfungsverantwortung. Angesichts antidemokratischer Tendenzen in der Gesellschaft (Verletzung der Menschenwürde, steigende Gewaltbereitschaft etc.) wird deutlich, dass Demokratie als Lebensform entwicklungsbedürftig ist und eine ständige Erziehungsaufgabe bleibt. Pfadfinden als „Weg einer Selbsterziehung“ ist mit seinen Handlungsgrundsätzen in besonderer Weise geeignet, Demokratie leben zu lernen.
So werden beispielsweise bei konsequenter Verwirklichung des Tätig-keitsgrundsatzes („Scouting is Doing“) die für eine Demokratiefähigkeit so wichtigen Qualifikationen wie Eigeninitiative, Selbständigkeit, Handlungsfähigkeit und Handlungsbereitschaft gefördert (vgl. Schema 3!). Vor allem beim Projekthandeln können Pfadfinderinnen und Pfadfinder verschiedene Techniken und Strategien politischen Handelns erproben und lernen deren zielgerichteten Einsatz. Handlungsorientiertes Pfadfinden ist besonders geeignet, junge Menschen für die in der sozialen und natürlichen Umwelt bestehenden Probleme und Missstände zu sensibilisieren und ihnen zu vermitteln, dass die Wirklichkeit durch einen gemeinsamen und aktiven Einsatz veränderbar ist. Solche Schlüsselerlebnisse haben positive Auswirkungen auf die politisch-sozialen Lernprozesse der Jugendlichen und tragen damit zur Weiterentwicklung der Demokratie in der Gesellschaft bei.
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Das gruppendynamische Pfadfinden ist besonders geeignet, die für ein demokratisches Zusammenleben wichtigen Fähigkeiten der Sozial- und Selbstkompetenz zu erlernen (vgl. Schema 3!). So ist beispielsweise ein friedliches Miteinander ohne Toleranz, ohne die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen oder Konflikte gewaltfrei zu lösen, nicht möglich. Das Zusammenspiel von kleineren Gemeinschaften in einer größeren (Rudel und Meute; Sippen und Trupp etc.) ist bereits für die Jüngsten (Wölflinge) eine gute Schule der Demokratie. Was im Meutenrat an Wünschen und Ideen eingebracht wurde, wird gemeinsam in der Meutenversammlung reflektiert, diskutiert und von allen die Entscheidung über die weiteren Unternehmungen auf demokratischem Weg durch Mehrheitsbeschluss herbeigeführt. Auf diese Weise werden bereits bei den Kindern die für das demokratische Zusammenleben bedeutsamen Kompetenzen wie Entscheidungsfähigkeit und Kompromissbereitschaft angebahnt. Die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung oder aus ausländischen Familien in die Pfadfindergruppen ist unter anderem ein Kennzeichen für ein demokratisches Pfadfinden, das allen jungen Menschen das Grundrecht auf Teilnahme am Gemeinschaftsleben zubilligt (vgl. Gerr 2000, S. 98 f.). Pfadfinderische Friedenserziehung trägt damit zur „Demokratie als Form des Zusammenlebens“ bei.
Pfadfinderisches Handeln orientiert sich an demokratischen Werten und Normen (Umweltschutz, Mitverantwortung für die Schöpfung etc.). Durch eine bewusste persönliche Verpflichtung, das alltägliche Leben nach pfadfinderischen Grundlinien/Regeln zu gestalten (Pfadfinderregeln und Versprechen), durch Handeln, das sich an Werten orientiert, und durch eine Reflexion nach Gruppenunternehmungen und in Alltagssituationen lernen Pfadfinderinnen und Pfadfinder Demokratie zu leben; entsprechend dem pfadfinderischen Tätigkeitsprinzip setzen sie sich gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Rechtsextremismus oder gegen eine Unterdrückung von Minderheiten ein und übernehmen Verantwortung für die Mitschöpfung.
Durch eine einfache und natürliche Lebensweise, bei der bewusst von einer stark konsumorientierten Gestaltung des Lebens Abstand genommen wird, leisten Pfadfinderinnen und Pfadfinder einen Beitrag zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen.
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Gemeinschaftliche Aktivitäten wie Lager und Fahrt fördern nicht nur die Gesundheit und die Gemeinschaftsfähigkeit, sondern auch die Naturver-bundenheit und damit die Sensibilität für den Schutz der lebenden Mitwelt. Bereits in der Wölflingsstufe werden bei altersgemäßen Spielen und Unternehmungen in der Natur die für den Naturschutz so wichtigen Naturerfahrungen gewonnen. Gleichzeitig werden die für die demokratischen Lernprozesse grundlegenden Wahrnehmungsbereiche (hören, sehen, fühlen etc.) geschult. Entsprechend dem Grundsatz „Denke global - handle vor Ort!“ führen die Jugendlichen Umweltprojekte durch, bei denen sie sich nicht nur inhaltlich mit der Problematik einer fortschreitenden Umweltzerstörung auseinander setzen, sondern auch Möglichkeiten umweltgerechten Handelns erproben können. Naturschutzaktionen und Umweltprojekte vermitteln ihnen Erfahrungen und Erkenntnisse über ökologische Zusammenhänge. Im aktiven Umweltschutz kommt eine demokratische Grundhaltung zum Ausdruck.
Pfadfinden ist durch „Internationalität“ gekennzeichnet; internationales Lernen kann eine große Bedeutung für eine Erziehung zur „Demokratie als Lebensform“ besitzen. Demokratisches Handeln kommt im „Leben einer Freundschaft zu allen Menschen“ zum Ausdruck. Bei regelmäßigen internationalen Kontakten und der Beteiligung an übernationalen Aktivitäten und Projekten (Entwicklungshilfe etc.) lernen Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit kulturell und ethnisch bedingten Lebens- und Verhaltens-formen umzugehen. Internationales Pfadfinden fördert den Abbau von Vorurteilen; gleichzeitig ermöglicht es, dass junge Menschen Solidarität und Freundschaft erfahren. Innerhalb der pfadfinderischen Friedensbewegung wird Mitmenschlichkeit über alle Grenzen hinweg gelebt; damit eröffnet sich die Perspektive zu einer weltweiten Demokratisierung im zwischenmenschlichen Bereich.
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3. Fortschreitende und attraktive Programme (Inhalte)
Die Anziehungskraft des Pfadfindens auf junge Menschen besteht darin, dass es ein Angebot an attraktiven Programmen bereithält. Pfadfinderische Programme können aus den verschiedenen Lebensbereichen entlehnt werden (vgl. Schema 4!). Sie dienen der fortschreitenden Selbsterziehung. Im Hinblick auf eine kontinuierliche Förderung der Kinder und Jugendlichen ist es von Bedeutung, dass Programme „aufeinander aufbauend“ entwickelt werden, bezüglich der Selbsterziehungsprozesse „anregend“ sind und auf „den Interessen der Mitglieder“ basieren (vgl. WOSM 1997, S. 18).
Um diese Anforderungen an ein gutes Programm zu gewährleisten, wird weltweit in vielen Verbänden ein Proben- und Abzeichensystem umgesetzt. Dabei kann man zwei verschiedene Arten von Proben bzw. Abzeichen unterscheiden: die Proben und Abzeichen, die in einer Altersstufe abgelegt bzw. erworben werden, und die Spezialabzeichen, die für die Aneignung spezieller Fähigkeiten und Fertigkeiten vergeben werden. Die verschiedenen Proben dienen zum Erwerb von Kenntnissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen. So fördert beispielsweise die Beherrschung der Techniken in Erster Hilfe auch die Hilfsbereitschaft (vgl. Gerr 1998, S. 45). Wenn sich ein Verband für das Proben- und Abzeichensystem entschieden hat, so ist von Bedeutung, dass Proben nicht im Sinne einer schulischen Leistungsüberprüfung stattfinden. Wenn die Aneignung von Fähigkeiten und Fertigkeiten - wie beim Erwerb der Lagertechniken - in einer konkreten Situation, in der sie benötigt werden (z. B. beim Lageraufbau), geübt und deren Beherrschung bestätigt werden, wirken sie motivierend; das Miteinander- und Voneinanderlernen spielt dabei eine wichtige Rolle (vgl. Gerr 1998, S. 46).
Die Vergabe von Spezialabzeichen nach Ablegung von Tüchtigkeitsproben dient der Entdeckung von individuellen Interessen und der Vervollkommnung von Fähigkeiten und Fertigkeiten auf diesem Gebiet. Stufenproben sollen zum Erreichen der Stufenziele anregen. Das Stufenabzeichen symbolisiert auch die Zugehörigkeit zur entsprechenden Altersstufe. Es kann vom Verband auch entschieden werden, dass das Stufenabzeichen ohne eine Abnahme der Proben verliehen wird, da mit Aufnahme in die Gruppe sich das Mitglied verpflichtet, auf die Stufenziele hinzuarbeiten und sich auf das Versprechen vorzubereiten (vgl. BdP 2002, S. 116).
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Nach den von der Weltorganisation herausgegebenen „Grundlagen der Pfadfinderbewegung“ sollen bei der Zusammenstellung der Programme vor allem die Hauptbereiche „Spiele, das Erlernen nützlicher Fähig- und Fertigkeiten und der Dienst an der Gemeinschaft“ kombiniert werden (vgl. WOSM 1997, S. 18).
Schon immer war in der Pfadfinderbewegung die Natur der bevorzugte Ort für die Durchführung von Aktivitätsprogrammen. Baden-Powell sieht das Pfadfinden als „open-air-game“; in „Aids to Scoutmastership“ schreibt er über das Scouting: „Es ist ein Spiel, in dem ältere Brüder (oder Schwestern) den jüngeren Brüdern eine gesunde Umgebung bieten und sie zu gesunden Aktivitäten ermuntern (…)“ (B.-P. 1930, S. 20). Auch heute stehen bei den meisten Verbänden Aktivitäten in der Natur wie das Zeltlager, die Fahrt, die Naturstreife, das Geländespiel, die Wanderung, der Hike oder das Naturschutzprojekt im Mittelpunkt der Programmgestaltung. Damit kommt Pfadfinden nicht nur den Interessen und Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen entgegen, sondern trägt zu einer umfassenden Förderung der jungen Menschen bei und regt sie zur Selbsterziehung an. Beispielsweise kann das Spiel in der Natur bei den Jüngeren die sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit fördern, die für Lern- und Selbsterziehungsprozesse eine wichtige Grundlage ist. Das Gruppenleben unter einfachen und natürlichen Bedingungen fordert handwerkliche Geschicklichkeit heraus, fördert soziales Lernen, bietet die Möglichkeit zu Naturerfahrungen und vermittelt Impulse für ein Überdenken der heutigen Lebens-formen, die häufig durch ein übermäßiges Konsumieren gekennzeichnet sind. Auch Kreativität wird durch die „Herausforderungen, die die Natur bietet“ angeregt (vgl. WOSM 1997, S. 19). Besondere Bedeutung kann auch die Programmgestaltung in der Natur für die religiöse und spirituelle Erziehung besitzen.
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4. Der Weg pfadfinderischer Selbsterziehung (Pfadfindermethode)
Der im Zusammenhang mit der Pfadfindererziehung verwendete Begriff „Methode“ hat nichts mit wissenschaftlichen Forschungsmethoden oder fachspezifischen Lehrmethoden in den Schulen zu tun. Die Pfadfindermethode wird nicht wie diese von Erwachsenen angewandt; dies würde den Versuch einer Manipulation der Kinder und Jugendlichen bedeuten und die Freiheit, den individuellen Weg der Selbsterziehung zu finden und zu gehen, einschränken. Der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff „Methode“ bedeutet nichts anderes als der „Weg zu etwas hin“. Dieser pfadfinderische Weg der Selbsterziehung (Pfadfindermethode) umfasst mehrere Erziehungsgrundsätze, die eine Einheit bilden (s. Schema 5!):
3 Hans E. Gerr
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die freiwillige Verpflichtung, nach pfadfinderischen Grundsätzen und Werten zu leben (Anerkennung von Regeln und Versprechen), das Lernen durch Erfahrung (learning by doing and by experience), das Lernen in der kleinen Gruppe (Kleingruppensystem), die Verwirklichung eines gesunden und natürlichen Lebens und das Leben einer Freundschaft zu allen Menschen (internationales/multikulturelles Lernen/Leben in Freundschaft und Toleranz). Diese Erziehungsgrundsätze werden, wie bereits betont, nicht von den erwachsenen Leiterinnen und Leitern angewendet, sondern sie werden von den jungen Menschen selbst verwirklicht, weil sie diese als Hilfe erkannt haben, den für sie richtigen Weg der Selbsterziehung zu finden und zu gehen. Prinzipien, nach denen man lebt, sind immer freiwillig übernommen.
Das „natürliche Leben“ wird in den von der WOSM herausgegebenen „Fundamental Principles“ den Programmen zugeordnet. Das „internationale Lernen“ wird nicht als Lerngrundsatz aufgefasst; die Internationalität wird aber in den „Prinzipien der Pfadfinderbewegung“ hervorgehoben.
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Eine pfadfinderische Selbsterziehung ist - wie jede Erziehung - ohne Bezug zu Werten nicht möglich. Ein Wert (z. B. das Leben) ist zunächst ein Erkenntnisinhalt; wird beispielsweise das Leben als Wert anerkannt, so ergibt sich daraus für das alltägliche Handeln die Norm: „Schütze das Leben!“
Die erzieherischen Absichten Baden-Powells kommen bereits in seinen frühen Schriften klar zum Ausdruck. Robert Baden-Powell hat drei Grundsätze formuliert, die in der weltweiten Pfadfinderbewegung Geltung besitzen. In „Aids to Scoutmastership“ (1920, S. 92) spricht er von „reverence to God“, „reverence for one’s neighbour“ und „reverence for oneself“. Pfadfinderische Werte und Normen (Verhaltensregeln) können aus diesen drei fundamentalen Prinzipien, wie sie auch in den “Grundlagen der Pfadfinderbewegung“ von der WOSM dargestellt sind (vgl. WOSM 1997, S. 9 ff.), abgeleitet werden (s. Schema 6!). „Seit Gründung der Bewegung waren Gesetz und Versprechen die Hilfsmittel, um diese Prinzipien in einer für junge Menschen verständlichen und nachvollziehbaren Art auszudrücken“ (WOSM 1997, S. 13). Um als offizielles Mitglied in die Weltpfadfinderbewegung aufgenommen zu werden, wird deshalb die „Anerkennung eines Gesetzes und Versprechens“ von den Pfadfinderorganisationen gefordert (vgl. WOSM 1997, S. 13).
Eine Orientierung an Werten und das Handeln nach Normen (Verhaltensregeln) ist ein pfadfinderischer Grundsatz, der in den Elementen „Scout Law“ und „Promise“ zum Ausdruck kommt. Versprechen und pfadfinderische Regeln sind aufeinander bezogen und bilden die Grundlage für eine fortschreitende Selbsterziehung der jungen Menschen. Im Versprechen erklärt das einzelne Mitglied, dass es zur Pfadfindergemeinschaft gehören möchte und sein Handeln an den pfadfinderischen Zielen und Normen ausrichten will. Dabei ist im Hinblick auf das selbsterzieherische Bemühen des Einzelnen das ständige Überdenken des Handelns bezüglich pfadfinderischer Werte von entscheidender Bedeutung.
22
Die Pflicht gegenüber Leben von religiösen Werten Gott:
Die Pflicht gegenüber anderen:
.
Eine Orientierungshilfe können vor allem Pfadfinderregeln (Leitlinien) dann leisten, wenn sie verständlich und der Altersstufe entsprechend formuliert sind. Die folgenden Beispiele aus der Wölflings- und Pfadfinderstufe geben Formulierungen der Verbände BdP und DPSG wieder. Wölflingsversprechen (BdP 1987, S. 22):
Ich will ein guter Freund sein und unsere Regeln achten.
Begriffe müssen im Wölflingsalter über handelndes Lernen geklärt werden:
Ein Freund
In der 68. Bundesversammlung der DPSG wurde ein neues Pfadfindergesetz eingeführt. Die Regeln enthalten die Bereiche „Verpflichtung gegenüber Gott, den anderen und sich selbst“ und entsprechen damit den Grundlagen der Pfadfinderbewegung:
1. Als Pfadfinder/Pfadfinderin begegne ich allen Menschen mit Respekt und habe alle Pfadfinder und Pfadfinderinnen als Geschwister.
2. Als Pfadfinder/Pfadfinderin gehe ich zuversichtlich und mit wachen Augen durch die Welt.
3. Als Pfadfinder/Pfadfinderin bin ich höflich und helfe da, wo es notwendig ist.
4. Als Pfadfinder/Pfadfinderin mache ich nichts halb und gebe auch in Schwierigkeiten nicht auf.
5. Als Pfadfinder/Pfadfinderin entwickle ich meine eigene Meinung und stehe für diese ein.
6. Als Pfadfinder/Pfadfinderin sage ich, was ich denke, und tue, was ich sage.
7. Als Pfadfinder/Pfadfinderin lebe ich einfach und umweltbewusst. 8. Als Pfadfinder/Pfadfinderin stehe ich zu meiner Herkunft und zu meinem Glauben.
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4.1.1 Kennzeichnung pfadfinderischer Werterziehung
Pfadfinderische Selbsterziehung berücksichtigt die psychologischen Gesichtspunkte einer Werterziehung. In Pfadfindergruppen ist der Prozess einer selbständigen Bildung von Werten durch eine Integration von Wert-Handlungs- und Reflexionsorientierung gekennzeichnet (s. Schema 7!):
Pfadfinden ist vorwiegend handlungsorientiert; das bedeutet auch, dass sich Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf Grund konkreter Anlässe eingehend und handelnd mit gesellschaftlichen, natürlichen, politischen oder sonstigen Realitäten beschäftigen. Vor allem problemhaltige Situationen sind geeignet, dass junge Menschen Schlüsselerlebnisse gewinnen können.
Solche authentischen Erlebnisse bilden die Grundlage für eine auf Werte bezogene Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun. In Reflexionsphasen setzen sich Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit den pfadfinderischen Werten und Normen wie Gerechtigkeit, Achtung der Menschenwürde oder der Schöpfung auseinander; dabei kommt es zu einem Erfahrungsaustausch über individuelle Erlebnisse, Wahrnehmungen und Gefühle und über die unterschiedlichen Wertauffassungen.
Durch eine wertbezogene Reflexion über das eigene Handeln und das Erleben wird die selbständige Bildung von Werten ermöglicht. „Aus den für sich selbst akzeptierten Werten ergeben sich Verhaltensregeln, die als Orientierungshilfe für ein künftiges wertbewusstes Handeln im Alltag dienen können“ (Gerr 2000, S. 152 f.).
Der Erfolg pfadfinderischer Werterziehung hängt davon ab, ob es den erwachsenen Pfadfinderbegleiterinnen und -begleitern gelingt, die Pfadfinderinnen und Pfadfinder anzuregen, das Pfadfinden nach den Grundsätzen einer Handlungs-, Wert- und Reflexionsorientierung zu gestalten (vgl. Gerr 1998, S. 73).
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Dr. phil. Hans E. Gerr, 2009, Einführung in die Pfadfinderpädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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