INHALT
1. Einleitung 3
2. „Luther“ 1933 5
2.1 Die Verfasser der Artikel 5
2.1.1 Paul Althaus (1888-1966) 5
2.1.2 Hermann Wolfgang Beyer (1898-1943) 6
2.1.3 Theodor Knolle (1885-1955) 7
2.1.4 Andreas Walther (1879-1960) 7
2.2 Die Texte im Einzelnen 9
2.2.1 Luther und die Theologie des Politischen (Paul Althaus) 9
2.2.2 Luthers Wort in unserer Zeit (Hermann Wolfgang Beyer) 10
2.2.3 Luther und die deutsche Gegenwart (Theodor Knolle) 13
2.2.4 Luther und Luthertum (Andreas Walther) 16
3. Reformationstag 1933 - Reformation als Entscheidung 19
3.1 Der Pfarrernotbund 19
3.2 Karl Barths Begegnung mit dem Pfarrernotbund
in Berlin im Oktober 1933 21
3.3 „Reformation als Entscheidung“ - Barths Vortrag am 30.10.1933 23
4. Vergleichende Zusammenfassung 32
Literatur 34
2
1. EINLEITUNG
Im Januar 1933 ist die junge deutsche Republik vierzehn Jahre nach ihrer Gründung faktisch schon wieder am Ende. Bereits mit dem Untergang des Kaiserreiches 1918 gerät auch die evangelische Kirche im Mutterland der Reformation in eine schwere Krise ihres Selbstverständnisses, hat sie doch zuvor immer ihr Wesen in Abhängigkeit vom Landesfürsten bestimmt. „Auf eine Revolution war der deutsche Protestantismus in keiner Weise vorbereitet.“ 1 Mit dem plötzlichen, unvorhergesehenen Ende des landesherrlichen Kirchenregiments ist kirchenintern nicht zu rechnen gewesen. Während die turbulenten Weimarer Jahre durch ihre verfassungsgemäße Trennung von Kirche und Staat - was auf protestantischer Seite eine gewisse Form der Abneigung gegen die neue demokratische Staatsform mit sich bringt - die Landeskirchen in einen gewissen Selbstfindungsprozess zwingen, wird der Nationalsozialismus in weiten Teilen freudig begrüßt. Nicht zuletzt in traditionell evangelischen Gebieten findet er seine Wählerschaft. 2 So wird auch das Lutherjubiläum 1933 3 von amtskirchlicher Seite extensiv genutzt, um die Solidarität mit dem „Führer“ und seiner Regierung zu bekunden. Die evangelischen Landeskirchen sind zu diesem Zeitpunkt bereits weitestgehend von der nationalsozialistischen Gleichschaltung vereinnahmt. 4 In diesem Zusammenhang verfasste Reden und Aufsätze sollen Thema der vorliegenden Seminararbeit sein. Dabei beginnt die Arbeit mit der kommentierenden Darstellung einiger Texte, die im Laufe des Jahres 1933 in „Luther“, der bis heute erscheinenden Zeitschrift der Luther-Gesellschaft, veröffentlicht werden (Kap. 2.2). Der eigentlichen Interpretation vorangestellt sind Kurzbiographien (Kap. 2.1) der Verfasser Paul Althaus, Hermann Wolfgang Beyer, Theodor Knolle und Andreas Walther. In Kap. 3.3 wird eine andere Sicht davon vorgestellt, was die Reformation dem 20. Jahrhundert zu sagen hat: diejenige Karl Barths, erarbeitet anhand eines Vortrages vor einer Versammlung des Pfarrernotbundes im Herbst 1933. Auf einen biographischen Abriss zu Barth wird dabei verzichtet; 5 in Kap. 3.1 wird kurz das Werden des Pfarrernotbundes skizziert, in Kap. 3.2 die Begegnung Barths mit diesem am 30. und 31. Oktober 1933. Dabei wird schon in Kap. 2.2 und 3.3 sehr deutlich, worin die Unterschiede in Bewertung und Rezeption Luthers bzw.
1 Jung, 115.
2 Vgl. Jung, 157.
3 D.h. Luthers 450. Geburtstag am 10. November.
4 Vgl. Schmidt, 514f; zur Entstehung der Deutschen Evangelischen Kirche vgl. Pertiet, 86-93.
5 Leicht zugänglich und sehr ausführlich, allerdings ,hagiographische’ Züge tragend, ist „Karl Barths Lebenslauf“ von Eberhard Busch.
3
der Reformation zwischen den in „Luther“ aufgenommenen Autoren und dem Bonner Theologieprofessor liegen. In Kap. 4 werden sie, hinsichtlich zweier zentraler Fragen akzentuiert, zusammengefasst, ohne erneut sämtliche Belegstellen aufzulisten, um Re-dundanz zu vermeiden.
Barths Spitzensatz im Zusammenhang seiner Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen und dem Nationalsozialismus, der mit seiner Klarheit alle Detaildiskussionen vom Tisch fegen will, lautet: „Wir müssen Menschen sein, die glauben, erstens, zweitens und drittens glauben und nichts anderes.“ 6 Was das heißen kann und was das eigentlich heißen muss - darum soll es in den folgenden Ausführungen gehen.
6 Busch, Glaubensheiterkeit, 15.
4
2. „LUTHER“ 1933
2.1 Die Verfasser der Artikel
Bei der Betrachtung der an den Artikeln der Zeitschrift „Luther“ des Jahres 1933 beteiligten Theologen ergibt sich ein differenziertes Bild. Keineswegs gehören alle Autoren der deutsch-christlichen Richtung der evangelischen Kirche an, obwohl eine grundsätzlich dem neuen Staatswesen gegenüber positive Einstellung sowie der Begriff des „Deutschen“ die ganze Zeitschrift durchziehen. 7 Es soll daher kurz eine historisch-biographische Einordnung der Autoren der in Kap. 2.2 behandelten Texte vorgenommen werden.
2.1.1 Paul Althaus (1888-1966) 8
Nach dem Theologiestudium in Tübingen und Göttingen sowie Promotion und Habilitation in Göttingen 1913/14 ist Althaus Lazarettpfarrer im Ersten Weltkrieg. Von 1919 an bis kurz vor seinem Tod nimmt er universitäre Lehre wahr, zunächst in Rostock als systematischer Theologe, von 1925 an in Erlangen zunächst ebenfalls als Systematiker, seit 1932 auch als Neutestamentler. Von 1926-1964 ist er Präsident der Luther-Gesellschaft. „Althaus war der Überzeugung, daß Luthers Theologie von großer und bleibender Bedeutung für die heutige Theologie sei, daß sie noch keineswegs ganz ausgeschöpft sei und fruchtbare Anstöße zu neuen Entwicklungen biete.“ 9 Als strenger Lutheraner betont er die „Zwei-Reiche-Lehre“. Die Weimarer Republik lehnt er als schwache Staatsform ab. Die Machtübernahme 1933 interpretiert er als Wille Gottes. 10 Seine Theologie ist dezidiert antisemitisch, und obwohl er mit den Deutschen Christen nicht sympathisiert, verfasst er doch gemeinsam mit Werner Elert (1885-1954) das Gutachten der Erlanger Theologischen Fakultät, das den Arierparagraphen (vgl. Kap. 3.1) tendenziell befür-wortet 11 und unterzeichnet den sich gegen die Barmer Theologische Erklärung und die
7 Vgl. zum Stichwort „deutsch“ Beyer, 67 („das Jahr der großen deutschen Erhebung“), 72 („das Jahr der deutschen Wiedergeburt“); Walther, 112 („das deutsche Volksbewußtsein“), 115 („die nur halb erfüllten Versprechungen deutscher Geschichte“); Knolle, 116 (Titel des Artikels: „Luther und die deutsche Gegenwart“), 127 („Germanisierung des Christentums“).
8 Vgl. im Ganzen: Graß.
9 Graß, 330.
10 Vgl. zu Althaus’ Verständnis der gottgegebenen Staatsordnung seinen Kommentar zu Röm 13: Althaus, Römer, 107-109. Althaus betont, dass in seiner Gegenwart die Nation anstelle des Rechtsstaates, der Paulus vor Augen steht, getreten sei, und kritisiert namentlich Barths dialektisches Verständnis des Kapitels.
11 Zu diesem Gutachten und dem den Arierparagraphen entschiedener ablehnenden der Marburger Theologischen Fakultät (unter Rudolf Bultmanns Federführung) vgl. Herbert, 80f und Jung, 168.
5
Bekennende Kirche richtenden Ansbacher Ratschlag 1934 mit. 12 Seit etwa 1937 verhält er sich dem Regime gegenüber kritischer, „aber sein Bedürfnis, zur jeweiligen Situation ein Wort zu sagen, das Ohr der damaligen Menschen und vor allem der akademischen Jugend zu erreichen und dabei lieber ein Ja als ein Nein zu sprechen, hat ihm dem Zeitgeist mehr als nötig Tribut leisten lassen“ 13 . Nach dem Krieg ist Althaus zunächst von der Entnazifizierung betroffen, kann aber im Sommer 1948 wieder seine Lehrtätigkeit in Erlangen aufnehmen.
2.1.2 Hermann Wolfgang Beyer (1898-1943) 14
Beyer ist in Jena und Berlin Student von Hans Lietzmann (1875-1942) und Karl Holl (1866-1926), dem Auslöser der Luther-Renaissance. 15 Dissertation und Habilitation verfasst er im Bereich der Geschichte der Alten Kirche, entsprechend wird er 1926 Profes-sor für Kirchengeschichte und christliche Archäologie in Greifswald. Besonders die Ekklesiologie findet seine Aufmerksamkeit. Sein Kirchenbegriff deutet den Protestantismus als Religion der nationalen Verantwortung und des politischen Gewissens. Seine theologische Lehrtätigkeit ist antijüdisch 16 und seit 1931 engagiert er sich in der nationalsozialistischen Partei. 1933 tritt Beyer den Deutschen Christen und der SA bei, wird Mitglied im Beraterstab des nationalsozialistisch gesteuerten Reichsbischofs Ludwig Müller (1883-1945) 17 - eines Mannes, „der in jeder Beziehung für ein solches Amt unfähig und auch unwürdig war“ 18 . Als Dekan der Theologischen Fakultät in Leipzig, wo er von 1936 an lehrt, betreibt er deren Eingliederung in den nationalsozialistischen Einheitsstaat, bevor er sich 1940 zum Kriegsdienst meldet. Seit Weihnachten 1942 wird Beyer in Stalingrad vermisst.
12 Vgl. Jung, 177. Der Ansbacher Ratschlag beinhaltet neben der (m.E. durchaus bedenkenswerten, aber in der Ausweitung des Gesetzesbegriffes auf natürliche Ordnungen über das Ziel hinausgehenden) theologischen Kritik der Aufhebung der Scheidung von Gesetz und Evangelium in der Barmer Theologischen Erklärung auch politische Aussagen, die sich positiv zum Regime äußern. Vgl. ausführlich Meier, 192-203; Tilgner, 194-196; 206-208.
13 Graß, 335.
14 Vgl. im Ganzen Bautz, 571; Lessing, 205-211.
15 Vgl. Jung, 134f und Lessing, 200-204.
16 Vgl. auch seinen heute noch greifbaren Kommentar zur Apostelgeschichte im Rahmen des NTD: Beyer, Apostelgeschichte, bspw. 48-51 (zur Rede des Stephanus, Apg 7,45-53).
17 Zu Müller vgl. Jung, 165-167; 170-175.
18 Schmidt, 514 (Hervorhebung im Original). Karl Barth nennt den Reichsbischof „Ludwig das Kind“ und vergleicht dessen Einsetzung in das Amt mit dem Fall, dass der Hauptmann von Köpenick Oberbefehlshaber der Reichswehr würde. Vgl. Busch, Lebenslauf, 244.
6
2.1.3 Theodor Knolle (1885-1955) 19
Knolle ist zunächst kein wissenschaftlich tätiger Theologe, sondern Praktiker. Er wird 1909 ordiniert, nachdem er in Halle, Marburg und Berlin studiert hat. Entscheidend für seine theologische Ausrichtung - herkommend aus der liberalen Theologie - ist die Pfarramtstätigkeit an der Wittenberger Stadtkirche St. Marien 1915-1924, danach ist er Hauptpastor an St. Petri in Hamburg. 1933 legt er dieses Amt wegen seiner Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche und den daraus resultierenden Differenzen mit den Deutschen Christen nieder. Von 1946 an ist er auf landeskirchlicher Ebene tätig, 1950 wird er Professor für Praktische Theologie in Hamburg. 1918 ist er Gründungsmitglied der Luther-Gesellschaft. Viele Jahre wirkt er als Geschäftsführer und Vizepräsident sowie als Herausgeber des Jahrbuches. Theologisch ist er vor allem an der Liturgik interessiert, nicht an systematisch-theologischen Zeitfragen. Dennoch setzt er sich aktiv für die Bewahrung des lutherischen Bekenntnisses gegen die Gleichschaltung der deutschen evangelischen Kirche mit dem NS-Staat ein: „Im Kampf der Kirche um die Bewahrung des Bekenntnisses stand er in der vordersten Front. Sein Name war weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt. Er gehörte zu den profiliertesten Gestalten des deutschen Luthertums.“ 20
2.1.4 Andreas Walther (1879-1960) 21
Andreas Walther stammt aus einem Pfarrhaus in Cuxhaven, studiert auch zunächst Theologie, um dann aber über die Vergleichende Religionsgeschichte zur Allgemeinen Geschichtswissenschaft zu gelangen. In diesem Bereich wird er 1908 promoviert und 1911 habilitiert. Durch Reisen nach China und in die USA wird Walther dazu angeregt, sich der Soziologie zuzuwenden. Ihn überkommt „die soziologische Besessenheit des Vergleichens und Typisierens“ 22 , die sich auch in seinen Ausführungen zum Luthertum bemerkbar macht (vgl. Kap. 2.2.4). Nach dem Kriegsdienst ist er von 1920 an Professor in Göttingen, ab 1926 in Hamburg. Als Lehrstuhlinhaber setzt er sich für die in Deutschland noch kaum verbreitete Disziplin der Soziologie als empirischer Wissenschaft ein. Dabei kommt ihm die nationalsozialistische Kultuspolitik entgegen, sodass er von 1933 bis 1945 sechzig Dissertationen betreuen kann. Unter anderem fungiert er als Doktorvater Wolfgang Albrecht Jobsts bei dessen Dissertation über „Evangelische
19 Vgl. im Ganzen: Herntrich.
20 Herntrich, 160.
21 Vgl. im Ganzen: Waßner.
22 Selbstzeugnis Walthers im Hamburger Fremdenblatt vom 09. Februar 1939; zit. nach Waßner 389.
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Christian Deuper, 2008, Lutherfeier im Jahr der "Machtergreifung" (1933), München, GRIN Verlag GmbH
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