Inhaltsverzeichnis
1. Transkription des Textausschnittes 2
2. Übersetzung des Textausschnittes in gutes Neuhochdeutsch 4
3. Skizze des Kontextes des übersetzten Abschnittes 6
4. Beschreibung des Holzschnitts von Seite 6 9
5. Grammatische Analyse von fünf Wörtern 10
6. Literaturverzeichnis 12
1.) Transkription des Textausschnittes:
NAch dem sich nun die zeit verloffen, unnd Felicitas, hirt Erichs Weib, die
frucht (so ihr von Gott beschert) an ihr statt getragen, unnd sie jetzund die
kindtsweh umbgeben, hatt sie bald ihren Haußwürt inn die Statt nach ihrer
zuok ünfftigen gefetterin geschicket, dann also hat Hermanus die ordnung
geben. Bald ist er sampt seinem weib, auch andren guoten freunden auff
ein hangenden wagen gesessen, dem dorff zuogefaren, in welchem der
hirt Erich sein wonung hatt. als sie aber nit lang da gewesen, ist die guot
Felicitas der recht ernst ankommen, hatt also in beywesen Laurete, auch
ander züchtigen Frauwen, einen schoenen Jungen Son an die welt bracht.
so bald diß Laureta wargenomen, ist sie zuo ihrem gemahel Hermano
gelauffen , ein froelichs bottenbrot von ihm begeret, der sich dann gar
groe ßlichen erfrewet hat, in sonderheyt als er vernam, das sie eins jungen
sons gelegen was.
2
Als sie nun das kind gebadet, hand sie auff seiner lincken brust gegen dem hertzen ein muotermal funden, einem Leuwen datzen oder topen gleich geformiert. so bald Hermanus sampt seiner gesellschafft sollichs ersehen, haben sie gleichformiger red zuosamen gestimpt unnd gesagt, gewißlich würdt ein mannlicher und theurer held auß disem kind werden, dann dise und andere zeichen, so an im gesehen, geben des gnuogsame und gewisse kundtschafft. Laureta als ein geschefftig und fürsichtig weib hat zuo vorderst versehen, das der armen Felicitas mit aller notdurfft gepflegen ward, damit sie bald wider zuo iren krefften kummen moecht. Demnach hand sie verordnet, das kind zuor tauff zuo tragen. Felicitas aber ist mit koestlichem betgewand, decken und goltern gar rychlich versehen worden, als wann sie eines reichisten burgers weib gewesen wer. Als man aber das kind auß dem hauß getragen, ist der Lew zuogegen gewesen, hat mit grausamer stimm gantz erschrockenlich angefangen zuo prüllen, gleich als wann man in seiner eignen Jungen woelffen hett berauben woellen. Als nun der kauffman dise ding all gesehen, ist er mit seinen guoten freunden zuo raht worden, Dieweil der Lew so fridsam und freundtlich jetz langzeit bei vilgemeltem Hirten gewont, woellend sie das kind Leüfrid mit seinem Namen nennen, das dann also geschehen ist. das kindlin ward mit grossen freuden zuo und von der tauff getragen. demnach hat Hermannus ein koestlich malzeit in dem wirtzhauß zuoberaiten lassen und menigklich darzuo beruoffen weib und man, so dann in dem dorff doheimen gewesen sind. vor den allen hat er dem hirten Erichen ein hoff und geseß ingeben und in als seinen Meyer darauff gesetzt. das kind aber hat er seiner rechten muotter befolhen, in guoter pfleg zu halten, biß es zum wenigsten eines Jars alt worden. darzuo hatt er allen tag ihr koestlich speis und dranck zuogeschicket. so bald sie nun vierwoechig worden, hat hirt Erich sein ampt und hirtenstab von im geben, auff gemelten Meyerhoff (welcher gar nahend an der Statt gelegen) gezogen, seinen Lewen mit im genommen, Der dann je lenger je heimlicher worden ist. dann so offt er in die Statt seine geschefft
3
außzurichten gon thet, liff Lottmann der Lew mit im. der ward als dann von menigklichen gespeiset, zuoletst aber als dem Künig sovil von gemeltem Lewen gesagt, nam er den an den künigklichen hoff, davon Hirt Erich in groß leyd kam. Dann er sich dermassen so ubel gehuob, als wann ihm seiner bluotverwandten freund einer mit Todt abgangen wer. Nit weniger trawret auch Felicitas, deßgleich Hermanus. diß sey genuog von dem Leuwen gesagt biß zu seiner zeit.
2.) Übersetzung des Textausschnittes in gutes Neuhochdeutsch: Nachdem die Zeit nun abgelaufen war, und Felicitas, die Frau des Hirten Erichs, das Kind (das ihr von Gott beschert worden ist) ausgetragen hatte, und sie nun in den Wehen lag, da hatt sie schnell ihren Ehemann in die Stadt zu ihrer zukünftigen Patin geschickt, denn diese Anweisung hat Hermann gegeben. Bald ist er zusammen mit seiner Frau und auch anderen guten Freunden auf einer Kutsche gesessen und ist zu dem Dorf gefahren, in welchem der Hirte Erich seine Wohnung hatte. Als sie noch nicht lange da gewesen waren, ist es für die gute Felicitas ernst geworden, und sie hat so, auf diese Weise in Anwesenheit Lauretas und auch anderer angesehener Frauen einen schönen Sohn zur Welt gebracht. Sobald Laureta dies wahrgenommen hat, ist sie zu ihrem Gemahl Hermann gelaufen, um von ihm ein Geschenk als Botenlohn für die gute Nachricht zu erbitten 1 , der sich dann sehr gefreut hat, ganz besonders als er vernahm, dass sie einen jungen Sohn bekommen hatte. Als sie nun das Kind gebadet hatten, haben sie auf seiner linken Brust neben dem Herzen ein Muttermal gefunden, einer Löwentatze oder einer Pfote gleich geformt. Sobald Hermann mit seiner Gesellschaft dieses gesehen hatte, waren sie alle einer Meinung und sagten, sicherlich werde
1 In früherer Zeit war es oftmals üblich, sich bei dem Überbringer einer guten Nachricht mit einem
Geschenk („bottenbrot“) zu bedanken.
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Arbeit zitieren:
Stephanie Reuter, 2006, Der Goldtfaden - Jörg Wickram Textstelle S. 5, 2.23- 7, 2.34 , München, GRIN Verlag GmbH
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