Gliederung
1. Karl Mannheim als Begründer der Wissenssoziologie
2. Mannheims Zugang zum Problem der Generationen
3. Die Bedeutung der Generationenabfolge für sozialen Wandel
4. Differenzierung des Generationenbegriffs: Generationslagerung, Generationszusammenhang,
Generationseinheiten
5. Leitfragen für die Konkretisierung von Generationen im historischen Prozess
6. Literaturverzeichnis
1. Karl Mannheim als Begründer der Wissenssoziologie
Karl Mannheim wurde am 27.03.1893 in Budapest geboren. Dort studierte er - mit einer zweijähri-
gen Unterbrechung in Berlin, wo er u. a. kultursoziologische Vorlesungen von Georg Simmel hörte
- Philosophie und Soziologie. 1918 promovierte er mit einer Arbeit über die „Strukturanalyse der
Erkenntnistheorie “ Als Jude floh er nach dem Putsch von 1919 aus Ungarn mit anderen Intellektu-
ellen zunächst nach Wien, bevor er schließlich über Freiburg und Berlin 1920 nach Heidelberg ge-
langte , wo er zehn Jahre lang lebte. 1926 habilitierte er sich mit einer Schrift über „Das konservati-
ve Denken“ und arbeitete anschließend als Privatdozent.
Auf dem Soziologentag von 1928 trug Mannheim eine Kontroverse mit Alfred Weber, seinem frü-
heren Mentor, aus. Darin richtete sich Mannheim mit seiner Wissenssoziologie gegen die von We-
ber vertretene Kultursoziologie als Objekt. Dabei führte Mannheim aus, dass es auch innerhalb der
Wissenschaft Denkrichtungen gäbe, die aus sozialen Strukturen und Interessen begründet seien. In
diesem Zusammenhang zitierte er Alfred Weber als einen Vertreter des Liberalismus und attackierte
diesen scharf.
Mannheim begründete seine Wissenssoziologie und den damit eng in Zusammenhang stehenden
Ideologiebegriff in dem 1929 erschienenen Werk „Ideologie und Utopie“ Diese theoretischen Kon-
zeptionen führte er im 1935 veröffentlichten Buch „Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Um-
baus “ fort. Allgemein lässt sich sagen, dass die Wissenssoziologie die Frage danach stellt, auf wel-
che Weise Wissen entsteht und wie Wissen sich im gesellschaftlichen Prozess verändert 1 Als Kern-
these Mannheims gilt dabei die Seinsverbundenheit sowie Interessegeleitetheit des Denkens, wobei
sich - gewendet auf das Denken und Handeln des Subjekts - das bereits von Karl Marx formulierte
1 Für eine ausführliche, anschauliche Darstellung von Mannheims Wissenstheorie vgl.
http ://www.soz.unibe.ch/personal/schallberger/Mannheim 20Wissenssoziologie.pdf 21.11.2007
1
Verhältnis von Basis und Überbau 2 wiederfindet, nun allerdings nicht mehr im streng klassentheoretischen Sinne.
Mannheim, der die politischen Gegensätze seiner Zeit als gesellschaftliche Krise empfand und ein politisch-pragmatisches Programm als Ausweg aus eben dieser zu entwerfen versuchte, erklärte seine Wissenssoziologie gar als zentrale Disziplin der Soziologie, deren Aufgabe es sei, „die Zeit- und Standortgebundenheit des Denkens aufzudecken. […] Wissenssoziologie verbessere nicht nur die Formen und Inhalte des Denkens, sondern auch die wissenschaftlichen Konzepte von Geschichtswissenschaft und Soziologie.“ 3
Von zentraler Bedeutung für den im weiteren Verlauf zu definierenden Generationsbegriff nach Mannheim gilt in diesem Zusammenhang, dass jedes Denken erst aus dem Lebensvollzug des Subjekts, d.h. aus der sozialen Lagerung - als Entsprechung zum Begriff der Klassenlagen bei Marx -und den mit ihr verbundenen spezifischen Interessenlagen zu verstehen ist. Eine Emanzipation von dieser Seinsverbundenheit des Denkens sei nach Mannheim lediglich den Intellektuellen möglich, die er als sozial freischwebende Intelligenz bezeichnet. Allein diesen sei es möglich, gewissermaßen eine Synthese der widerstreitenden Strömungen in der Gesellschaft zu schaffen und somit die unterschiedlichen partikularen Ideologien zum Wohle und Fortschritt des Ganzen zu formulieren.
1929 wurde Karl Mannheim auf den Lehrstuhl für Soziologie in Frankfurt berufen. Nach der Machtergreifung der Nazis musste er Deutschland verlassen und lehrte in der Folge in England an der London School of Economics, später dann an der University of London. Mannheim starb am 09.01.1947 in London. 4
2. Mannheims Zugang zum Problem der Generationen
Es gilt nun zunächst die Frage zu klären, weshalb sich Karl Mannheim, als allgemeiner Soziologe, überhaupt mit dem Phänomen der Jugend beschäftigt. Als Wissenssoziologe interessiert sich Mannheim aus dem Grunde für Generationen, da er glaubt, mit diesem Phänomen eine Antwort auf eine der ältesten Fragen der Soziologie geben zu können: wie kommt sozialer Wandel zustande, wie lässt er sich erklären?
Zur Erfassung und Bearbeitung des Problems der Generationen geht Mannheim methodisch in zwei Schritten vor. Er umreißt zunächst die Fragestellung, um daraufhin einen eigenen Lösungsweg zu entwickeln. Dabei stellt er fest, dass es in der bisherigen Wissenschaftsgeschichte einen positivisti- 2 Füreine nähere Charakterisierung der Marxschen Begriffe der Basis und des Überbaus vgl. Korte 2004, S. 50.
3 Ebd., S. 128.
4 Vgl. ebd., S. 125-129.
2
schen 5 sowie einen romantisch-historischen Zugang zum Problem der Generationen gab. Ersterer konzentrierte sich vornehmlich auf quantitative Aspekte, d.h. gewissermaßen auf die zahlenmäßige Fixierbarkeit der Grenzdaten des Mensch-Seins. Als zentrale Vertreter dieses Ansatzes nennt Mannheim etwa David Hume oder Auguste Comte, womit er das aus den Aufklärungstraditionen entstandene positivistische Denken vorrangig in Frankreich verortet. Der von Mannheim etwa mit Wilhelm Dilthey und Martin Heidegger vor allem in Deutschland gesehene romantisch-historische Zugang stellte hingegen die qualitativen, phänomenologischen 6 Aspekte ins Zentrum ihres Interesses. 7
Mannheim ist nun aber der Auffassung, dass man weder auf die eine, noch auf die andere Weise dem Phänomen der Generation gerecht würde, sondern dass man die biologisch-psychischen Aspekte mit der gesellschaftlichen Entwicklung in Verbindung bringen müsse:
„Der biologische Rhythmus wirkt sich im Elemente des sozialen Geschehens aus; wenn man diese Formungsschicht völlig übergeht und unmittelbar alles aus dem Vitalen heraus zu erfassen sucht, so verschüttet man in der Lösungsweise des Problems alle fruchtbaren Keime, die in der Fragestellung so erfreulich und so verheißungsvoll waren.“ 8
Mannheim bemängelt, dass die wissenschaftlichen Disziplinen der einzelnen Länder in unzulänglicher Weise Kenntnis von den gegenseitigen Ergebnissen nähmen, dass es keine hinreichend geplante Kooperation gäbe, wodurch er die Situation im Hinblick auf das Problem der Generationen als „Beispiel für die Planlosigkeit in den Sozial- und Geisteswissenschaften“ 9 bezeichnet. Mannheim spricht sich dafür aus, dass die formale Soziologie 10 den Problementwurf herausarbeiten solle, wobei er zwischen statischer und dynamischer Forschung unterscheidet; ein Motiv, das später im Positivismusstreit der 1960er Jahre wieder in Erscheinung tritt. Mannheim argumentiert hier gegen eine ohne weiterführende Ansprüche empirisch forschende Sozialwissenschaft, für das Verständnis einer Gesellschaft in ihrer Entwicklungslogik.
3. Die Bedeutung der Generationenabfolge für sozialen Wandel
Mannheim hält die Abfolge der Generationen für die fundamentale Voraussetzung des historischen Wandels. Jede Generation in jeder Gesellschaft muss sich demnach zum Überleben der Gesellschaft das kulturelle Wissen, über das die jeweilige Gesellschaft verfügt, aneignen. Dieser Aneig- 5 DerPositivismus gilt als Richtung der Philosophie, die ihre Forschung auf das Tatsächliche, Wirkliche und Zweifellose beschränkt, sich allein auf Erfahrung beruft und jegliche Metaphysik als theoretisch unmöglich und praktisch nutzlos ablehnt. Vgl. http://www.textlog.de/4871.html [21.11.2007].
6 Der Begriff der Phänomenologie meint gemeinhin die Lehre von den Erscheinungen. Vgl. http://www.textlog.de/4851.html [21.11.2007].
7 Vgl. Mannheim 1964, S. 509-521.
8 Ebd., S. 522.
9 Ebd., S. 523.
10 Von Georg Simmel geprägter Begriff, der die Analyse der sozialen Beziehungen, und damit die Wechselwirkungen der Individuen untereinander betrachtet. Vgl. Korte 2004, S. 86-94.
3
Arbeit zitieren:
René Klug, 2007, Karl Mannheim: Das soziologische Problem der Generationen, München, GRIN Verlag GmbH
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