I. Einleitung
Johann Heinrich Pestalozzi gilt als der bedeutendste Pädagoge der Schweiz, gar des deutschsprachigen Raumes. Die 28 Bände umfassenden ‚Sämtlichen Werke’ sind ebenso wie die von Pestalozzi verfassten Briefe längst in den Lehrkanon der Erziehungswissenschaften aufgenommen worden. Pestalozzi selbst ist ein Klassiker der Pädagogik.
Die Beschäftigung mit Pestalozzis Biographie gilt als fruchtbar. Die Geschichte der Pädagogik hat Pestalozzi des Öfteren zum Heiligen stilisiert, genauso oft hat sie ihn als gefallenden Menschen beschrieben. Pestalozzis Leben ist gekennzeichnet von Hoffnung und Enttäuschung, von Höhepunkten und Rückschlägen, von wütendem Kampf und ohnmächtiger Resignation.
Diese Hausarbeit hat zum Ziel, das Menschenbild des Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzis darzustellen und in einen Zusammenhang mit der aktuellen anthropologischen Theorie zu bringen.
Als erstes soll Pestalozzis Werdegang kurz umrissen, wichtige Stationen und Wendepunkte aufgezeigt werden. Im zweiten Abschnitt des Hauptteils soll die auf den drei Begriffen „Naturzustand“, „Gesellschaftlicher Zustand“ und „Sittlicher Zustand“ basierende Anthropologie Johann Heinrich Pestalozzis erläutert werden. Abschließend stellt der Schlussteil dem Menschenbild Pestalozzis die von Böhm/Lindauer postulierten Leitfragen der Anthropologie „Was ist der Mensch? Wo kommt er her? Wohin geht er?“ gegenüber.
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II. Hauptteil
a. Ausschnitt Biografie Johann Heinrich Pestalozzis
Johann Heinrich Pestalozzi wird am 12. Januar 1746 als Sohn von Johann Baptist Pestalozzi und dessen Ehefrau Susanne in Zürich geboren. Als gelernter Chirurg, damals eine weder hoch angesehene noch einträgliche Profession, kann der Vater oft nicht einmal die Unterhaltskosten seiner Familie decken. In den neun Jahren ihrer Ehe bekommen die Pestalozzis sieben Kinder, von denen vier im frühen Kindesalter versterben. Als Johann Heinrich Pestalozzi fünf Jahre alt ist, stirbt der Vater im Alter von 33 Jahren. Auf dem Totenbett nimmt er der Magd Barbara Schmid (Babeli) das Versprechen ab, auch nach dem Tod bei der Familie zu bleiben: „Babeli, um Gottes und aller Erbarmen willen, verlasse meine Frau nicht; wenn ich todt bin, so ist sie verloren, und meine Kinder kommen in harte, fremde Hände. Sie ist ohne Deinen Beystand nicht im Stande, meine Kinder bey einander zu halten.“ 1 Johann Heinrich wird so von zwei Frauen erzogen. Wirtschaftliche Sorgen bestimmen seine Kindheit. Nach dem frühen Tod des Vaters droht der Familie der soziale Abstieg aus dem Bürgertum in die arme Unterschicht. Die Kinder werden von der Mutter im Haus gehalten, um die Kleider beim Spielen auf der Straße nicht abzunutzen. Mangelnde soziale Kontakte und die fehlende Vaterrolle führen zu einer „träumerischen Kinderexistenz“ 2 , von seinen Mitschülern wird Pestalozzi gehänselt und verspottet. Wegen seines unbeholfenen Auftretens erhält er den Beinamen „Heiri Wunderli von Thorliken“. „Der Schulmeister behauptete, es könne und werde aus dem Knaben nie etwas Rechtes werden, und alle Mitschüler verlachten und verspotteten ihn wegen seiner unangenehmen Gesichtsbildung, seiner außerordentlichen Nachlässigkeit und Unreinlichkeit.“ 3
Nach dem Tod des Vaters 1751 wird Großvater Andreas Pestalozzi zur männlichen Bezugsperson des jungen Johann Heinrich. Andreas Pestalozzi lebt als Pfarrer im ländlichen Höngg, einem Dorf nahe Zürich. Durch die häufigen Besuche kommt Johann Heinrich mit dem Landleben in Kontakt. Nach Adl-Amini bildet das ländliche Höngg einen deutlichen Kontrast zum engen Leben in der Stadt und prägt den
1 Pestalozzi, Johann Heinrich (PSW): Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe. Begründet von Arthur Buchenau, Eduard Spranger und Hans Stettbacher. 29 Bände. Berlin, Leipzig und Zürich (de Gruyter, Orell Füssli und Neue Züricher Zeitung) 1927-1996. Bd. 28, S.213.
2 Vgl. Hebenstreit, Sigurd (1996): Johann Heinrich Pestalozzi. Leben und Schriften. Freiburg. S. 20.
3 Stadler, Peter (1988): Pestalozzi. Geschichtliche Biographie. Band 1: Von der Alten Ordnung zur Revolution (1746-1797). Zürich. S. 40.
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jungen Pestalozzi nachhaltig. Während die Stadt für die weibliche Dominanz steht, lernt Pestalozzi in Höngg, was er später „Vatersinn“ nennt: „Liebe und Gerechtigkeit, Glaube an Gott und innere Ruhe (Festigkeit), Pflichttreue und Verantwortungsbewusstsein, Edelmut und Würde.“ 4
Beeinflusst durch die Höngger Erfahrungen beginnt Johann Heinrich Pestalozzi mit 17 Jahren am Züricher Carolinum ein Studium, das ihn auf die Pfarrerslaufbahn vorbereiten soll. In die Zeit der Studienjahre fällt auch Pestalozzis Mitgliedschaft in einer politischen Vereinigung, den „Patrioten“. Vor allem die Schriften Rousseaus werden in diesem Kreis diskutiert. Nach Hebenstreit ist für Pestalozzi die Zugehörigkeit zu diesem jugendbewegten Kreis in vielerlei Hinsicht maßgeblich: „Seine politische Position, für die er ein Leben lang kämpft, wird hier geprägt, […] die Berufsentscheidung, Bauer zu werden, erhält hier seine ideenmäßige Vorbereitung […] und durch diesen Kreis wird er seine spätere Frau kennenlernen.“ 5 Pestalozzi gibt kurz vor der Abschlussprüfung sein Studium auf und beginnt 1767 eine landwirtschaftliche Lehre, die er aber auch bald wieder abbricht. Mit dem spärlichen landwirtschaftlichen Wissen scheitern die agrarischen Unternehmungen auf dem Neuhof, auch das Projekt der Armenerziehungsanstalt muss Pestalozzi 1774 aus wirtschaftlichen Gründen beenden. Ein Lichtblick hätte die Geburt des Sohnes am 13. August 1770 sein können, doch der nach dem Vorbild Rousseaus benannte Hans Jakob bleibt geistig zurückgeblieben, was Vater Pestalozzi auf seine falsche, vernachlässigende Erziehung zurückführt.
Von einem Bekannten wird Pestalozzi zum Schreiben ermuntert. In wenigen Wochen stellt er den ersten Teil des Volksromans „Lienhard und Gertrud“ fertig, der 1781 erscheint. Das Buch wird ein großer Publikumserfolg, so dass Pestalozzi zu Aufmerksamkeit und Wohlstand gelang. Beides versuchte er für seine weiteren Projekte zu nutzen. In mehreren Stationen gelingen ihm die erziehungswissenschaftlichen Experimente, auf Neuhof folgen 1798 Stanz, 1799 dann Burgdorf sowie im Anschluss Münchenbuchsee und schließlich von 1804 bis 1825 Yverdon. Letztendlich scheitern jedoch alle Versuche an äußeren wie wirtschaftlichen Gründen. Am 17. Februar 1827 stirbt Johann Heinrich Pestalozzi vom langwierigen Streit mit seinen Schülern und Nachfolgern zermürbt und ausgebrannt auf dem Neuhof. Von seinem Lebensziel, die Elementarbildung auch den verarmten Volksschichten näher zu
4 Adl-Amini, Bijan (2001): Pestalozzis Welt. Eine Einladung zur Erziehung. Weinheim und München. S. 87.
5 Hebenstreit (1996). S. 21.
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bringen , ist Pestalozzi trotz der vielen Schicksalsschläge und Rückschritte nie
abgewichen.
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Arbeit zitieren:
Hinnerk Meyer, 2008, Johann Heinrich Pestalozzi: Mensch und Menschenbild, München, GRIN Verlag GmbH
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