Universität Passau
Wintersemester 2002/2003
Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft
Hauptseminar: Grammatikalisierung
Verbalperiphrasen
Verfasser: ll
Thomas Strobel
(5. Fachsemester)
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Identifikationskriterien und Struktur von Verbalperiphrasen 5
2.1 Definitionsversuch und kritische Würdigung 5
2.2 Starre versus flexible Kriterien 11
3. Inventar und Klassifizierung der Verbalperiphrasen 13
4. Zur Grammatikalisierung der aspektuellen Verbalperiphrasen 14
4.1 Vom Voll- zum Auxiliarverb: Grammatikalisierungsmechanismen bei Verbalperiphrasen am Beispiel des portugiesischen Repetitivs 16
4.2 Die italienischen Gerundialperiphrasen mit stare, andare und venire 19
4.2.1 Vielfalt der Grammatikalisierungsverläufe 21
4.2.2 stare + Gerundium versus andare / venire + Gerundium 23
4.2.2.1 Eigenschaften der italienischen Gerundialperiphrasen 24
4.2.2.2 Restriktionen und deren Folgen für den Grammatikalisierungsstatus 25
5. Ausblick 29
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1. Einleitung
Verbalperiphrasen sind in den romanischen Sprachen, wenn auch nicht nur dort1, sehr vital und offen für Neuerungen bzw. diachrone Verschiebungen bezüglich deren Eigenschaften sowie Verwendungs- und Kombinationsmöglichkeiten.2 Aber auch synchron lassen sich signifikante Unterschiede im Gebrauch der verschiedenen Periphrasen hinsichtlich deren Frequenz, ihrer diatopischen Verteilung, diamesischen Verwendung und semantischen bzw. morphosyntaktischen Restriktionen feststellen.
Absolut gesehen, lassen sich Periphrasen als grammatikalisierte Strukturen verstehen.3 Noch bedeutender als diese absolute Feststellung ist wahrscheinlich die Beobachtung, dass die verschiedenen Verbalperiphrasen unter Anwendung eines relationalen Grammatika-lisierungsbegriffs ganz unterschiedliche Grammatikalisierungsgrade erreicht haben bzw. beim Durchlaufen eines Grammatikalisierungsprozesses unterschiedlich weit fort-geschritten sind. Dies gilt sowohl im einzelsprachlichen als auch im (inner- wie außer-romanisch) zwischensprachlichen Vergleich.
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll nach einer kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Definitionskriterien für Verbalperiphrasen und einer überblicksmäßigen Darstellung und Klassifizierung des Inventars an Verbalperiphrasen in den romanischen Sprachen der Zusammenhang zwischen Grammatikalisierung und Verbalperiphrasen untersucht werden. Dies erfolgt unter diachronen, synchronen und kontrastiven Gesichtspunkten.
So soll zunächst der Grammatikalisierungsmechanismus der Metaphorisierung mit anschließender Analogiebildung am Beispiel der portugiesischen Repetitivperiphrase
1 So weist beispielsweise STRUDSHOLM (2000: 313) im Rahmen einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Identifikationskriterien für italienische Verbalperiphrasen auf das Vorhandensein von Verbalperiphrasen auch in nicht-romanischen Sprachen bzw. auf die hohe Anzahl an Periphrasen v.a. im gesprochenen Dänisch hin (vgl. hierzu auch die komparative Studie von JANSEN / STRUDSHOLM 1999, in der italienische wie dänische Beispiele für aspektuelle Verbalperiphrasen anhand eines Korpus untersucht werden) und relativiert somit die Auffassung BERTINETTOs (1990: 331) und DIETRICHs (1973: 9), die von einem besonderen Reichtum an Verbalperiphrasen speziell in den romanischen Sprachen ausgehen, welche in nicht-romanischen Sprachen zumeist mit anderen, insbesondere lexikalischen Mitteln widergegeben würden. Unter einem innersprachlichen Blickwinkel kann jedoch beispielsweise für das Italienische ebenso eine lexikalische Ausdrucksweise konstatiert werden und in übereinzelsprachlicher Perspektive sind Verbalperiphrasen nicht lediglich ein romanisches Phänomen.
2 Für das zeitgenössische Italienisch weist beispielsweise BERRETTA (1993: 220) auf die Vitalität und zunehmende Ausbreitung des Progressivs stare + Ger. hin.
3 ,,Periphrasen sind Produkte von Grammatikalisierung." HOFFMANN 1993: 223.
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dargestellt werden. Anschließend werden die italienischen aspektuellen Gerundialperiphrasen mit stare, andare und venire einer genaueren Untersuchung unterzogen. Neben Betrachtungen zu den charakteristischen Eigenschaften dieser Verbalperiphrasen sowie zu eventuellen Restriktionen in deren Verwendung sollen daraus auch Rückschlüsse auf deren unterschiedlichen Grammatikalisierungsgrad bzw. -status gezogen werden. Auf wichtige Unterschiede zu äquivalenten Konstruktionen etwa im Spanischen oder Englischen kann leider nur knapp hingewiesen werden.
Prinzipiell besteht eine recht unregelmäßige Verteilung von Verbalperiphrasen auf die einzelnen Sprachen. Dies gilt sowohl ganz allgemein, als auch in geringerem Maße im innerromanischen Vergleich. So kann man beispielsweise im Französischen, Spanischen und Portugiesischen im Unterschied zum Italienischen Verbalperiphrasen für die nahe Zukunft und jüngste Vergangenheit finden.4 Im Gegensatz dazu lassen jedoch gewisse Entwicklungslinien auf übereinzelsprachliche Gemeinsamkeiten5 beispielsweise bei der Grammatikalisierung von Auxiliarverben schließen, wie etwa im Falle des häufigen Vorkommens von Bewegungsverben und der von diesen beschrittenen Grammatikalisierungspfade.
Die vorliegende Arbeit enthält hauptsächlich Untersuchungen zum Italienischen, zieht jedoch beispielsweise bei Phänomenen, die in der italienischen Sprache nicht auftreten, zumeist das Portugiesische als Vertreter des iberoromanischen Sprachraums heran und strebt teilweise auch einen Vergleich mit dem Spanischen sowie, als nicht-romanischer Sprache, dem Englischen an.
4 Vgl. hierzu WANDRUSKA (1969: 348 f.): nahe Zukunft / Imminenz: fr. aller + Inf.; sp. ir a + Inf.; pt. ir + Inf. jüngste Vergangenheit: fr. venir de + Inf.; sp., pt. acabar de + Inf.
5 Vgl. hierzu beispielsweise BYBEE / DAHL 1989 sowie HEINE 1993.
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2. Identifikationskriterien und Struktur von Verbalperiphrasen
"Nous entendons par périphrases verbales les locutions formées d′un verbe, en général à un mode personnel, dont le sens propre est plus ou moins effacé, et d′une forme nominale, participe ou infinitif, d′un autre verbe, qui, lui, a gardé tout son sens. Le premier verbe sert à indiquer que le procès exprimé par le second est affecté de certains caractères de temps, de mode, d′action. Le premier élément peut être uni au second soit directement, soit par l′intermédiaire d′une préposition ou d′une locution prépositive."
GOUGENHEIM 1971: I
Als für die Kategorie der Verbalperiphrase prototypisch könnten unter Berücksichtigung der nunmehr beinahe ,,klassischen" Definition GOUGENHEIMs beispielsweise folgende Verbindungen aus konjugiertem (Hilfs-)Verb und infinitem (Haupt-)Verb gelten:
(1) Italienisch: La situazione andava peggiorando.
(2) Spanisch: A las cinco Pilar estaba hablando con Manuel.
(3) Portugiesisch: Ele parou um momento, mas continuou logo a ler.
(4) Französisch: Mon frère vient de sortir.
Dabei schließt sich in den Beispielen (1) und (2) das Gerundium direkt an die Verben andare bzw. estar an, in den Fällen (3) und (4) wirken jeweils Präpositionen (a bzw. de) als Verbindungsglied zwischen den beiden Verben.
Was aber haben diese Konstrukte außer ihrer Grundstruktur gemeinsam? Und ist es wirklich so, dass, wie GOUGENHEIM feststellt, die Bedeutung des ersten Verbs stets mehr oder weniger verlorengegangen bzw. ,,verblasst" ist? Widerspricht dem nicht bereits das Beispiel (3)?
2.1 Definitionsversuch und kritische Würdigung
Wenn auch oft Unklarheiten darüber bestehen können, ob ein Konstrukt zu den Verbalperiphrasen gerechnet werden soll oder nicht, und die Eingliederung einzelner Formen von
6
Autor zu Autor variiert, so stößt man bei einer Definition und Eingrenzung des Begriffs doch immer wieder auf die nachfolgenden Kriterien6. Bei der Darstellung dieser soll jedoch auch unmittelbar auf mögliche Kritikpunkte oder Schwierigkeiten bei der Verallgemeinerung dieser Prinzipien sowie auf mögliche Grenzfälle hingewiesen werden.
A. Morphologische Struktur und Inventar an Hilfsverben
Wie bereits angedeutet und aus den oben genannten Beispielen ersichtlich, sind Verbalperiphrasen aus den Bestandteilen finites Hilfsverb (auxilians / modificans) und Haupt- bzw. Vollverb (auxiliatum / modificatum) in den infiniten Formen Gerundium, Infinitv oder Partizip zusammengesetzt, die variabel mit einem Verbindungselement verknüpft sein können, das meistens eine Präposition ist. Das Auxiliar ist Träger von Tempus, Modus und Aspekt und ist dem Hauptverb semantisch untergeordnet.
Es existiert lediglich ein beschränktes Inventar an möglichen Hilfsverben.7 Hierzu zählen Zustandsverben wie ,sein′ oder ,sich befinden′ (essere, stare), Verben der Bewegung wie ,gehen′, ,kommen′, ,zurückkehren′, ,umdrehen′ (andare, venire, tornare), besitz-anzeigende Verben wie ,haben′ oder ,halten′ (avere, tenere) sowie Verben, die eine Phase des Ereignisses ausdrücken, wie etwa ,anfangen′, ,fortfahren′, ,aufhören′ (cominciare, continuare, finire). Das Inventar an Hilfsverben wurde bisweilen als geschlossene Klasse bezeichnet. Wenn es sich auch um eine begrenzte Liste von möglichen Hilfsverben handelt, so ist diese jedoch nur schwerlich begrenzbar und sie kann theoretisch jederzeit erweitert werden. So ist es wohl angemessener, von einem Kontinuum zu sprechen, das von vollkommen in die morphologische Struktur der Sprache integrierten Hilfsverben über immer schwächer grammatikalisierte Hilfsverben bis hin zu lexikalischen bzw. phraseologischen Lösungen reicht. Bei diesem Übergang von der Morphologie zur Lexik stehen sich eine ,,extremely grammaticalized structure" auf der einen Seite der Skala und eine ,,concrete, lexical structure"8 auf der anderen Seite gegenüber.
6 Diese Identifikationskriterien (,criteri di identificazione′) sind gesammelt beispielweise bei BERTINETTO 1990: 332 ff. zu finden.
7 Vgl. DIETRICH 1973: 9.
8 HEINE 1993: 86.
Arbeit zitieren:
Thomas Strobel, 2003, Verbalperiphrasen, München, GRIN Verlag GmbH
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