Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Die Ästhetik 2
2.1 Ästhetik Aisthetik und das aisthetische Denken 4
2.2 Umschlagen von Ästhetisierung in Anästhetisierung 5
2.3 Anästhetisierung in einer technischen Welt 6
2.4 Ästhetische Versöhnungsperspektiven 7
3 Ästhetisches Denken und Wahrnehmen 8
3.1 Die Wahrnehmungsweisen des Menschen 9
3.2 Die Wahrnehmung von Atmosphären 9
3.3 Ingressions- oder Diskrepanzerfahrung 11
4 Atmosphäre in der neuen Ästhetik 12
4.1 Atmosphäre und atmosphärisch 12
4.2 Charaktere der Atmosphären 13
4.3 Exkurs Synästhesien 15
4.4 Erzeugung von Atmosphären durch Ekstasen der Dinge 16
4.5 Das Leibliche Spüren von Atmosphären 17
5 Atmosphäre Intensivstation 20
5.1 Raumatmosphäre 20
5.2 Das Spezifische der Atmosphäre 23
5.3 Erzeugung von Atmosphäre durch das Personal 24
5.4 Wahrnehmung der Umgebungsqualität 26
5.5 Geräusche spüren und hören 27
5.6 Ästhetisierung und Harmonisierung des Raumes 28
6 Diskussion und Ausblick der ästhetischen Praxis 29
7 Literaturverzeichnis 31
1
1 Einleitung
Die erste Begegnung mit der neuen Ästhetik als einer Wissenschaft des sinnenhaf- ten Erkennens verdeutlicht, dass sie mit der tradierten Sichtweise auf das bisher als ästhetisch-schön Verstandene in Kunst und Architektur bricht. Sie erweitert die Per- spektive um die sinnliche Wahrnehmung der Dinge und ihr Fluidum, ihre Atmosphä- re.
Das sinnenhafte Erkennen ermöglicht eine Ausweitung der logischen und pragmati- schen Betrachtungsweise des Realen auf eine sinnliche und leibliche Wahrnehmung der Wirklichkeit. In ihrer phänomenologischen Sichtweise geht die neue Ästhetik der Frage nach, wie Atmosphären erzeugt und leiblich gespürt werden können, wie und wo eine ästhetische Praxis demzufolge berücksichtigt werden kann, und was dabei unter einem Zuviel an Ästhetik, einer Anästhetik, verstanden wird. Zu Beginn der vorliegenden Hausarbeit werden diese theoretischen Leitfragen mit den Autoren Welsch und Böhme erarbeitet, um eine theoretische Grundlegung zu erreichen.
Die theoretische Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen dient der Ausei- nandersetzung mit den Fragen nach der Beschreibung, des Charakters und der Ent- stehung von Atmosphären auf Intensivstationen, denen vor dem Hintergrund meiner langjährigen Tätigkeit als Intensivfachkrankenschwester schon lange mein Interesse gilt.
Die Hausarbeit dient als ein erster Versuch, die hochkomplexe und metatheoretische Betrachtungsweise der Atmosphären in der neuen Ästhetik auf das Handlungsfeld der Intensivpflege zu übertragen, sie mit den Vokabeln der neuen Ästhetik zu be- schreiben und die Perspektive auf diese Thematik hin auszudehnen.
2 Die Ästhetik
Was ist unter dem Begriff der Ästhetik zu verstehen?
Die Begriffe Ästhetik und „ästhetisch“ werden in vielfacher Hinsicht verwendet, um das Sinnliche, Poetische oder Künstlerische, sowie das Lustvolle und Scheinhafte zu beschreiben. Auch wenn diese Worte eine semantische Familienähnlichkeit aufwei- sen, haben sie unterschiedliche Bedeutungen und Herleitungen. Die Ästhetik kann
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mit der Kunst in Verbindung gebracht werden, was aber nicht der alleinige und ur- sprüngliche Bezugspunkt des Ästhetischen ist (vgl. Welsch 1996, S. 23 f. u. S. 65). Der Begriff Ästhetik wurde um 1735 von Baumgarten 1 als eine philosophische Diszip-
lin geprägt, die ein Wissen vom Sinnenhaften anstrebte. Er bezeichnete die Ästhetik als die „Wissenschaft vom sinnenhaften Erkennen“, die primär nicht mit der Kunst in Verbindung zu bringen sei, sondern ein Zweig der philosophischen Erkenntnistheorie darstellt und somit als Gegenpol zur klaren und deutlichen Erkenntnis des Rationa- lismus nach Descartes fungiert (vgl. Welsch 1996, S. 22). Die Ästhetik sollte nicht in einer Vervollkommnung der analytischen Erkenntnis durch die Bereicherung der sinnlichen Wahrnehmungen und einer Umwandlung der Verstandeserkenntnis 2 , son-
dern ganz und gar der sinnlichen Erkenntnis des Menschen dienen (vgl. Böhme 2001, S. 11 f. u. S. 15).
Baumgarten bezeichnete die Ästhetik als „episteme aisthetike“ 3 . Die Ästhetik, als
Wissenschaft vom Sinnhaften, beinhaltete für ihn die „sinnliche Erkenntnis“. Später fügte er diesem Begriff auch „das schöne Denken“ hinzu. Die Ästhetik sollte der Lo- gik zur Hilfe kommen und somit der sinnlichen Erkenntnis zur Vollkommenheit ver- helfen. Baumgarten sprach hier auch von der Schönheit einer Erkenntnis 4 und nicht
nur von der Schönheit der Gegenstände. Später wurde die Ästhetik zunehmend re- duziert und lediglich mit der Kunst 5 und dem Schönen in Verbindung gebracht (vgl.
Welsch 2003, S. 9 f. u. Böhme 2001, S. 12 f.).
Welsch holt die Ästhetik aus diesem eingeschränkten Blickwinkel der Kunst und des Schönen und rekultiviert die Ästhetik wieder als Aisthetik. Er versteht die Ästhetik als Wahrnehmung aller Art, sei es nun sinnenhaft oder geistig, sei es eine Wahrneh- mung im alltäglichen und lebensweltlichen oder im künstlerischen Bereich (vgl. Welsch 2003, S. 9 f.).
1 Neben Baumgartens Ästhetik gab es noch zwei weitere Ursprünge der Ästhetik. Einmal in der Fort- führung von Baumgarten, als ästhetische Theorie einer philosophischen Disziplin mit aristotelischer Poetik und Rhetorik, und zum anderen die Ästhetik der englischen Gefühlstheoretiker des frühen 18. Jahrhunderts (vgl. Böhme 2001, S. 173).
2 Kant gliederte die Ästhetik unter dem Titel der Urteilskraft (vgl. Böhme 2001, S. 30). 3 epistemisch (gr.) = Wissenschaftslehre, Erkenntnistheorie (vgl. Drosdowsli et al. 1990, S. 224 f.), aisthesis ( gr.) = aisthetos sinnlich, wahrnehmbar (vgl. Welsch 2003, S. 109 u. Welsch 1996, S. 25 f. u. S. 65) 4 Zur Verbesserung des Verstandes sollte bei Baumgarten nicht die Logik als Hilfsmittel eingesetzt werden, sondern die Ästhetik der Logik zur Hilfe kommen (vgl. Böhme 2001, S. 13).
5 Zur Definition und Aufgabe der Ästhetik nahmen Philosophen sehr konträre Positionen ein: Mal war es die Kunst, das Sinnliche, mal das Wahrnehmen, mal die Erkenntnistheorie. Hegel beispielsweise verstand unter der Ästhetik die „Philosophie der schönen Kunst“ (vgl. Welsch 1996, S. 22 f.). In dieser Orientierung der Ästhetik an der Kunst geht es nicht um Erkenntnis, sondern um Beurteilung der äs- thetischen Gestaltung (vgl. Böhme 2001, S. 17).
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2.1 Ästhetik, Aisthetik und das aisthetische Denken
Die Ästhetik als Wahrnehmen und die kultivierte Einstellung zum Sinnenhaften wird auch als Aisthetik bezeichnet. Das ästhetische Denken wird mit dem Bezug zur Aisthetik als ein aisthetisches Denken bezeichnet und verleiht ihr dadurch besonde- ren Ausdruck und Gewicht (vgl. Welsch 2003, S. 109 u. Welsch 1996, S. 25 f. u. S. 65).
Ästhetik als Aisthetik wird als allgemeine Wahrnehmungslehre bezeichnet. Die Aisthetik berücksichtigt in ihrer Lehre viele Erkenntnisse, die die Wahrnehmung des Menschen beeinflussen und leiten. Wahrnehmungen und Wahrnehmungserfahrun- gen können unterschiedlich ausfallen. Sie werden maßgeblich durch soziokulturelle und lebensgeschichtliche Erfahrungen des Einzelnen ausgeprägt. Sie werden auch durch das Vorverständnis einer Person und ihren Denkstil geprägt. So kann in carte- sianischer Manier mit dem Leib-Seele-Dualismus die Wahrnehmung auf den Köper eines Menschen beschränkt oder auf der Basis eines humanistischen Denkstils auf den Leib gerichtet sein (vgl. Böhme 2001, S. 29 f. u. S. 32).
In der Aisthetik finden nun besonders der humanistische Denkstil und die Sicht auf die menschliche Leiblichkeit ihren Platz. „Es geht also um die Frage, wie wir die Qua- lität von Umgebungen am eigenen Leibe spüren. Wahrnehmen ist also als Befind- lichkeit zu konzipieren im Sinne von Spüren, in welcher Umgebung man sich befin- det.“ (Böhme 2001, S. 31) Die Aisthetik setzt besonders des Menschen leibliches Spüren und seine affektive Betroffenheit von einem Gegenstand in den Mittelpunkt der Wahrnehmung einer At- mosphäre. In der Aisthetik wird die Beziehung von Umgebungsqualitäten besonders zur leiblichen Befindlichkeit gesetzt. Mit diesem aisthetischem Denken wirken eine andere Erschließungskraft und eine andere Orientierung für diese Welt und Wirklich- keit (vgl. Böhme 2001, S. 31).
Neben der gegenstands- und erkenntnisbezogenen objektiven Wahrnehmung wird die subjektive und gefühlvolle Wahrnehmung betont. Dieses Wahrnehmen kann aber nicht nur ein schönes und harmonisches Wahrnehmen von Ästhetischem, ein ange- nehmes leibliches Spüren sein. Die Aisthetik benennt auch die Grenzen der Ästhetik mit einem schmerzlichen Überschreiten des Ästhetischen in ein Anästhetisches. Die
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Aisthetik und das aisthetische Denken verlassen somit das reine Schönheitsprimat der alten Ästhetik und weisen darauf hin, dass sich hinter dem Schönen auch Stumpfheit und Bedrohung verbergen können (vgl. Welsch 2003, S. 109-113).
2.2 Umschlagen von Ästhetisierung in Anästhetisierung
Die Kehrseite der Ästhetik ist die Anästhetik. In der Ästhetik werden Empfinden und Empfindungsfähigkeit gestärkt. Die Anästhetik bewirkt eine Empfindungslosigkeit auf allen Ebenen, es kommt zu Verlust, Unterbindung sogar Unvermögen zur Sensibili- tät, quasi zu geistiger Blindheit und physischer Stumpfheit (vgl. Welsch 2003, S.10).
„Je mehr Ästhetik, desto mehr Anästhetik.“ (Welsch 2003, S. 16)
Die Folge einer immensen Ästhetisierung kann ein Umschlagen in eine An- Ästhetisierung sein. Diese Inszenierung wirkt plötzlich fad und eintönig. „Wo alles schön wird, ist nichts mehr schön, Dauererregungen führen zu Abstumpfungen.“
(Welsch 1996, S. 208) Welsch beschreibt dies mit dem Versuch, extravagante Ein- kaufszentren in Städten zu bauen, die eine den Konsum fördernde Stimmungslage erzeugen sollen, aber bei genauer Betrachtung ausgesprochen leer und nicht einla- dend wirken. Der Mensch wird für ästhetische Fakten, der Betrachtung von schönen Details der Umwelt und dem Umfeld mit Anästhetisierung desensibilisiert. Somit wer- den eventuell auch gesellschaftliche Kehrseiten durch eine soziale Anästhetisierung nicht mehr gesehen. Eine Anästhetisierung kann über einen engen ästhetischen Be- reich hinaus reichen. Durch mediale Bilderflut werden die Menschen zunehmend kontakt- und gefühlloser gegenüber der eigentlichen Wirklichkeit. Dies kann als A- nästhetisierung gegenüber der Realität verstanden werden (vgl. Welsch 2003, S. 13- 16).
Die Ästhetik kennt ihre Kehrseite, die Anästhetik. Der Mensch soll durch ihre Kennt- nis für das Umschlagen der Ästhetisierung in Anästhesierung sensibilisiert werden und auf die Kehrseite dieser Prozesse kritisch reagieren können. Die Ästhetik richtet ihr Augenmerk auch auf diese blinden Flecken (vgl. Welsch 2003, S. 67 f. u. S. 150 f.).
Die Anästhetik ist jedoch nicht einfach als ein Hyperphänomen und hyperästheti- sches Szenario, als negativer Pol der Ästhetik zu betrachten. Diese Dichotomie wäre
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zu einfach. Die Anästhetik meint besonders die Anästhesie, das Ausschalten der Empfindungsfähigkeit des Realen. Welsch bringt dazu das medizinische Beispiel der Anästhesie. Sie schaltet die Empfindungsfähigkeit aus und somit auch die erkennt- nishafte Wahrnehmung der Person (vgl. Welsch 2003, S. 11).
„Man anästhesiert, um ästhetische Pein zu ersparen... . ... in einen »anderen Zu- stand« - der dann doch wohl eine Art anästhetischer Zustand sein muß?“ (Welsch
2003, S. 11) Anästhetik ist oftmals notwendig, um bedrohliche und eindringliche Wahrnehmungen zum Selbstschutz ignorieren zu können. Das Wegsehen dient hier der Ermöglichung der Selbsterhaltung. In manchen Situationen sind Wahrneh- mungsverweigerungen ein Überlebensschutz vor ästhetischer Unerträglichkeit (vgl. Welsch 2003, S. 64) „Das macht ... erklärlich, warum Anästhetik nicht bloß das Gegenteil, sondern stets auch ein Fluchtpunkt der Ästhetik ist.“ (Welsch 2003, S. 65)
Ästhetik und Anästhetik sind in einem zwar ungleichen, aber auch untrennbarem Bündnis 6 verwoben, ihre Grenzen sind nicht klar zu trennen, und sie können allent-
halben umschlagen (vgl. Welsch 2003, S. 30 f.).
2.3 Anästhetisierung in einer technischen Welt
Die Technologisierung hat die Wirklichkeit sehr verändert. Die Wahrnehmbarkeit der Gefahren ist verloren gegangen. Diese Form der Desensibilisierung der Ästhetik und Vormachtstellung der Anästhetik kann als negativer Aspekt der Anästhetik betrachtet werden.
Bislang war es dem Menschen möglich, mit den Sinnen seine Leibzustände, den Nutzen oder Schaden einer Situation korrekt und zuverlässig wahrzunehmen. In der Neuzeit ist dies durch die hoch entwickelte Technologie den Sinnen nicht immer möglich. Sie können dem nicht mehr folgen und sind in der Informationsgabe limitiert (vgl. Welsch 2003, S. 18-23).
Auf der anderen Seite ist unsere Wirklichkeitsauffassung sehr durch das technische Zeitalter und die Medienwelt geprägt. Realität und Virtualität vermischen sich, ihre 6 Autoren wie Marquard hingegen nehmen eine andere Position ein und sehen die Verbindung der Ästhetik und Anästhetik darin, dass die Kunst als schönes Narkotikum der unschönen und schmerz- vollen Wirklichkeit entgegengestellt wird, als eine Art Antidot. Die ästhetische Kunst hat hier den Auf- trag, die Menschen in einer solch unschönen Welt und Wirklichkeit zu anästhesieren und somit zu entlasten (vgl. Welsch 2003, S. 12).
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Quote paper:
MScN Stefanie Monke, 2007, Die neue Ästhetik und die Atmosphäre Intensivstation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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