Teil I - Thematische Einführung 1. Einleitung
Eine elementare Dienstpflicht von Lehrern besteht darin, pädagogisch bedeutsame Leistungs- und Verhaltensmerkmale ihrer Schüler in Form von Zensuren festzuhalten, um somit Aussagen über deren Leistungsstand und Lernfortschritt treffen zu können. Zeugnisse dienen hierbei der Zusammenfassung aller erteilten Zensuren. Sie bilden die Grundlage für aktuelle sowie zukünftige ausbildungs- und berufsrelevante Entscheidungen. 1
Allein aufgrund der eigenen Erfahrungen und Eindrücke, die man selbst als Lerner im Laufe seiner Schulzeit erfahren hat, ist es offensichtlich, dass Zensuren eine zentrale Rolle im Kontext des Lernen und Lehrens in Bildungseinrichtungen spielen. Ihre Funktion und Bedeutung ist sehr facettenreich, und die Tragweite der aus Zensuren bzw. Schulnoten entstehenden Konsequenzen mitunter richtungweisend für das weitere (Berufs-)Leben.
Zur Verdeutlichung dieser Aussage sollen zwei kurze Beispiele dienen: Die Aufnahme eines zulassungsbeschränkten Hochschulstudiums hängt von der Durchschnittsnote des Abiturzeugnisses ab.
Das Ausbildungszeugnis ist die Grundlage für die Bewerbung um einen entsprechenden Arbeitsplatz sowie den weiteren beruflichen Werdegang einer Person. In beiden Fällen haben Zensuren und Zeugnisse direkt oder indirekt Auswirkungen auf die Entwicklung des jeweiligen Ausbildungs- und Erwerbslebens mit allen damit verbundenen finanziellen, gesellschaftlichen und persönlichen Folgen. Die weiter oben verdeutlichte Tragweite von Zensuren und Zeugnissen begründet die Notwendigkeit, sich mit der Frage der angemessenen bzw. ,gerechten’ Notenvergabe als Abschluss eines Prozesses der Leistungsmessung und -beurteilung aus-einander zu setzen. Aus lehr-lerntheoretischer Perspektive besitzt diese Frage eine besondere Relevanz, da Zensuren und Zeugnisse beispielsweise unmittelbare Auswirkungen auf die Leistungsmotivation eines Lerners haben. Bildungspolitisch betrachtet kann die Beschäftigung mit der Frage nach ,gerechten’ Zensuren als Beitrag zur Qualitätssicherung der Ausbildung an (berufsbildenden) Schulen angesehen werden. ,Gerechte’ Noten tragen dazu bei, einheitliche und allgemein anerkannte Bildungsstandards zu fördern und zu festigen. Aus forschungsmethodischer Sicht besitzt das Thema eine große Relevanz, da eine ,gerechte’ Leistungsbeurteilung im Sinne der klassischen Testtheorie an besondere Gütemaßstäbe gebunden ist, und nur durch die Einhaltung dieser Maßstäbe legitimiert werden kann. Im zweiten Teil dieses Diskussionspapiers möchte ich mich mit den theoretischen Grundlagen beschäftigen, auf denen der oben erwähnte Prozess der Leistungsmessung und -beurteilung basiert. Beginnen werde ich mit der Bedeutung und Funktion von Schulnoten in der pädagogischen Diagnostik. Darauf aufbauend werde ich den Prozess der Leistungsmessung und -beurteilung etwas genauer betrachten, um danach der eigentlichen Frage der ,gerechten’ Leistungsbeurteilung nachzugehen. In diesem Zusammenhang sollen mögliche Fehler in der Leistungsbeurteilung seitens der Lehrer verdeutlicht werden. Im dritten Teil werde ich auf Probleme und Her-ausforderungen eingehen, die aus den bis dahin präsentierten Inhalten dieses Diskussionspapiers hervorgehen könnten.
1 Tent, L. (2001). Zensuren. In D. H. Rost (Hrsg.), Handwörterbuch Pädagogische Psychologie (2. Aufl.) (S. 805). Weinheim: Beltz PVU.
Teil II - Theoretische Grundlagen zum Diskussionsthema 2. Bedeutung und Funktion von Schulnoten in der pädagogischen Diagnostik
Schulnoten sind das Resultat angewandter pädagogischer Diagnostik. Mit dem Begriff der pädagogischen Diagnostik wird ein Arbeitsfeld umschrieben, in dem es um die Beschaffung und Bewertung von personen- und (mit ihr verbunden) umweltbezogenen Informationen geht. Diese Informationen sollen eine möglichst genaue Einschätzung pädagogisch relevanter Personeneigenschaften (z.B. Fähigkeiten, Fertigkeiten, Verhalten und Einstellungen) und der dazugehörigen Entwicklungsumwelt (z.B. Kommunikationsstrukturen im Unterricht, Elternhaus oder soziales Umfeld) ermöglichen. Diese Einschätzung bildet die Grundlage für weitere Prognosen hinsichtlich der Entwicklung der betrachteten Person oder Personengruppe unter bestimmten Rahmenbedingungen in der Zukunft. Vorrangiges Ziel der pädagogischen Diagnostik ist die positive Gestaltung von Erziehungs- und Sozialisierungsprozessen insgesamt. 2
Schulnoten und Zeugnisse erfüllen je nach Verwertungszusammenhang wichtige pädagogische sowie gesellschaftliche Funktionen.
Zu den pädagogischen Funktionen von Zensuren zählen die Sozialisationsfunktion (sie machen den Schüler mit gesellschaftlichen Normen und Leistungsvergleichen vertraut), die Berichtsfunktion (sie geben wertende Rückmeldungen über die erbrachte Leistung und den Lernerfolg), die didaktische Funktion (sie bieten eine erzieherische Hilfestellung) sowie die Anreizfunktion (sie können Schüler motivieren und disziplinieren). 3
Des Weiteren haben Schulnoten auch einige gesellschaftliche Funktionen. Hierzu zählen die Berechtigungsfunktion (sie dokumentieren und legitimieren gegenüber Dritten), die Kontrollfunktion (sie lassen die Einhaltung und Durchsetzung der Schulpflicht sowie pädagogischer Maßnahmen im Zusammenhang mit schulpolitischen und organisatorischen Entscheidungen erkennen) sowie die Klassifikations-, Allokations- und Selektionsfunktion (sie ermöglichen die Vergabe von Ausbildungs-und Arbeitsplätzen gemäß erbrachter Leistung und nicht nach der Herkunft des Einzelnen). 4
Innerhalb unserer leistungsbetonten Gesellschaft wird der Notengebung mit ihren assoziierten Funktionen ein hoher Stellenwert beigemessen. So wird - wie bereits einleitend beschrieben - der Werdegang jedes Einzelnen durch Zensuren nachhaltig beeinflusst. Ferner ist die Leistungsfähigkeit der gesamten Gesellschaft besonders auf eine hohe Güte der erteilten Zensuren als Indikator für Leistung und Lernerfolg angewiesen. Insofern erfüllen Noten zusätzlich eine individuelle Weichenstellfunktion, die aus gesellschaftlicher Sicht durch eine Effizienzsicherungsfunktion ergänzt wird. 5
Es ist offensichtlich, dass Zensuren eine weit einflussreichere Bedeutung und Funktion innewohnt als allgemein vermutet. Gerade die Weichenstell- und Effizienzsicherungsfunktion begründen vor dem Hintergrund der sozialen Verantwortung des Lehrers gegenüber seinen Schülern und der Gesellschaft die Notwendigkeit eines ausgereiften Prozesses zur Leistungsbeurteilung. Dieser Prozess muss entsprechend hohe Gütemaßstäbe erfüllen, um der sozialen Verantwortung gerecht werden zu können, und soll im folgenden Abschnitt etwas genauer betrachtet werden.
2 Wild, K.-P. & Krapp, A. (2001). Pädagogisch-psychologische Diagnostik. In Krapp, A. & Weidemann, B. (Hrsg.), Pädagogische Psychologie (4. Aufl.) (S. 515 f.). Weinheim: Beltz PVU.
3 Langfeldt, H.-P. & Tent, L. (1999). Pädagogisch-psychologische Diagnostik, Bd. 2: Anwendungsbereiche und Praxisfelder (S. 71 f.). Göttingen: Hogrefe Verlag für Psychologie.
4 Ebd.
5 Ebd. S.73.
3. Schulnoten als Resultat der Beurteilung von Schülerleistungen
Der Prozess der Leistungsbeurteilung gliedert sich im Grunde genommen in zwei Tätigkeiten. Erstens geht es um die Feststellung bzw. Messung von Leistungen (Leistungsmessung). Zweitens geht es um die Bewertung der gemessenen Leistungen anhand eines festgelegten Gütemaßstabes (Leistungsbewertung). 6 Die Leistungsmessung erfolgt stets zu Beginn des Beurteilungsprozesses und dient als Grundlage für die spätere Leistungsbewertung. 3.1 Leistungsmessung
Die schulische Leistungsmessung erfolgt (im Regelfall) auf Grundlage der sog. ,Klassischen Testtheorie’. Zentrales Ziel dieser Theorie ist es, Verfahrensweisen und Gütekriterien zu entwickeln, mit denen man den nicht direkt beobachtbaren ,wahren Wert’ eines Merkmals möglichst fehlerfrei messen kann. Gleichzeitig soll auch der Fehleranteil der Messwerte genau ermittelt werden, um gleichfalls qualitative Aussagen über die gemessenen Werte abgeben zu können. 7 In diesem Zusammenhang nehmen die Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität einen besonderen Stellenwert ein. Diese drei Kriterien werden als Hauptgütekriterien bezeichnet 8
Die Objektivität einer Leistungsmessung ist dann gewährleistet, wenn das Messergebnis und daraus resultierende diagnostische Urteil unabhängig von der Prüfperson bzw. -persönlichkeit ist. Im Umkehrschluss ist eine Leistungsmessung völlig objektiv, wenn alle weiteren möglichen Prüfpersonen bei der Leistungsmessungunveränderte Prüfbedingungen vorausgesetzt - zu identischen Ergebnissen kommen würden. Dieses Gütekriterium kann ferner unterteilt werden in die Durchführungsobjektivität (Standardisierung der Durchführungsbedingungen bei der Leistungsmessung), die Auswertungsobjektivität (Fehler- und Verzerrungsfreiheit bei Auswertung der Leistungsmessung) und die Interpretationsobjektivität (Eindeutigkeit in der Interpretation der Messergebnisse). 9
Die Reliabilität bezieht sich auf die Verlässlichkeit und Genauigkeit einer Leistungsmessung und dem darauf aufbauenden diagnostischen Urteil. Eine Leistungsmessung ist dann verlässlich und genau, wenn die Messung präzise und exakt erfolgt. Zur Überprüfung dieses Gütekriteriums können drei verschiedene Methoden zum Einsatz kommen: Bestimmung der Retest-Reliabilität (Wiederholungsmethodedieselbe Messung wird zeitlich versetzt nochmals durchgeführt), Bestimmung der Paralleltest-Reliabilität (Parallelmethode - die Leistungsmessung wird in zwei strukturgleichen Varianten parallel zueinander durchgeführt) sowie die Bestimmung der internen Konsistenz (Testhalbierungsmethode, auch Split-Half-Verfahren genannt - die Leistungsmessung wird in zwei strukturgleiche Hälften geteilt und getrennt voneinander ausgewertet). Der Gütemaßstab gilt durch die Überprüfungsmethoden als gesichert, wenn der Reliabilitätskoeffizient gleich (oder möglichst nahe) 1 ist (bedeutet Messfehlerfreiheit ohne Abweichungen). Je höher die Reliabilität ist, desto näher befindet sich die Messung am ,wahren Wert’. 10 Die Validität kennzeichnet die Gültigkeit einer Leistungsmessung und ist gegeben, wenn tatsächlich auch das gemessen wird, was gemessen werden soll. Dieses Gütekriterium kann in zwei weitere Formen unterteilt werden - die Inhaltsvalidität (das Testverfahren repräsentiert das zu beurteilende Merkmal in optimaler
6 Nolting, H.-P. & Paulus, P. (2004). Pädagogische Psychologie (3. Aufl.) (S. 159). Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.
7 Vgl. Wild, K.-P. & Krapp, A. (2001), S. 523 f.
8 Hasselhorn, M. & Gold, A. (2006). Pädagogische Psychologie. Erfolgreiches Lernen und Lehren (S. 354). Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.
9 Ebd. S. 355
10 Ebd. S. 355 f.
Arbeit zitieren:
Martin Zickert, 2008, Das Problem der ,gerechten’ Benotung von Schülern unter besonderer Berücksichtigung möglicher Beurteilungsfehler seitens der Lehrer, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Eine empirische Betrachtung von Amalgam als Zahnfüllmaterial
Examensarbeit, 125 Seiten
Analyse und Auswertung von Unterricht im Lernfeldkonzept - Leistungsbe...
Seminararbeit, 32 Seiten
Schulentwicklung durch zentrale Abschlussprüfungen
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Martin Zickert's Text Das Problem der ,gerechten’ Benotung von Schülern unter besonderer Berücksichtigung möglicher Beurteilungsfehler seitens der Lehrer ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Martin Zickert hat den Text Das Problem der ,gerechten’ Benotung von Schülern unter besonderer Berücksichtigung möglicher Beurteilungsfehler seitens der Lehrer veröffentlicht
Martin Zickert hat einen neuen Text hochgeladen
Zur Modellierung der wirtschaftspädagogischen Zielgröße interkulturell...
Darstellung und potenzielle di...
Katja Berner
Der Schutz bekannter Marken unter besonderer Berücksichtigung der zivi...
Vertrags- und Haftungsfragen u...
Enzo Baiocchi
0 Kommentare