Gliederung Seite
1.Einleitung
2. Van der Keukens Verständnis von Film
2.1 Der Film - Grundüberlegungen
2.2 Wahrheit im Dokumentarfilm oder “ Die Spitze des Eisberges“
2.3 Hohlform und Kugel oder „ Das Konzept der Lücke“
2.4 Gedanken zur Montage
3. Analyse
3.1 Analyse der Sequenz 1
3.2 Analyse der Sequenz 2
3.3 Analyse der Sequenz 3
4.Interpretation
4.1 Herman und das Mikrophon
4.2 Hypothetisierung und Fiktion
5. Abschließende Betrachtung
6. Literaturverzeichnis
7. Anhang
7.1 Biographisches
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1. Einleitung
Jeder gute und ernsthafte Dokumentarfilmer muß sich vor seiner Arbeit mit folgenden Fragen auseinandersetzen:
Was ist für mich Realität? Wie bilde ich sie ab ?Wo stehe ich selbst als Dokumentarfilmer? Nehme ich mich ganz heraus und verfälsche dadurch die Darstellung, da ich ja doch anwesend bin ?Ist mein Standpunkt teilnehmend oder eher objektiv - beobachtend ? Wieviel Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten lasse ich meinem dokumentarischen Sujèt ? Wo ziehe ich die Grenze zwischen filmischer Form und Inhalt ? Johan van der Keuken ist ein Filmemacher , der diese Fragen aufnimmt und dort thematisiert wo sie naturgemäß zuhause sind. In seinem filmischen Werk. Es ist nicht einfach mit ihm oder mit seinen Filmen umzugehen, kann er doch weder der amerikanischen noch der russischen Schule zugeordnet werden. Sein Standpunkt ist irgendwo ausserhalb. Seinen Filmen haftet für den oberflächlichen Betrachter eine gewisse Unbeholfenheit an, die in ihrer konsequenten Umsetzung jedoch eine ganz eigene Ästhetik bildet. Diese Ästhetik ist, trotz ihrer improvisatorischen Elemente, durchdacht und folgt ganz bestimmten Überlegungen, auf die wir im ersten Teil näher eingehen werden. Das Film mit dem wir uns hier befassen möchten trägt den Titel „Herman Slobbe Blindes Kind 2 “ . Der Titel ist nicht zufällig gewählt ist dieser Film doch in gewisser Weise eine Fortsetzung. Die Fortsetzung eines vorhergehenden Films ( Blindes Kind 1964) über eine Gruppe blinder Kinder, unter denen sich auch Herman Slobbe befand. Herman fiel van der Keuken auf, weil er so zornig und unangepasst war und nicht bereit sich an den Platz zu stellen, den ihm die Gesellschaft zugedacht hatte.
Im ersten Teil dieser Hausarbeit beschäftigen wir uns mit van der Keuken Verständnis von Film , seinen theoretischen Grundlagen und seinen ganz eigenen Ansichten über das filmische Sujèt im allgemeinen. Im zweiten Teil untersuchen wir drei ausgewählte Stellen unter der Fragestellung wie van der Keuken versucht Realität, genauer gesagt die Realität eines blinden Kindes, mithilfe von Schnitt und Kameratechniken für uns nachvollziehbar zu machen.
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2. Van der Keukens Verständnis von Film und Realität
2.1 Der Film - Grundüberlegungen
Bei Johan van der Keuken´s theoretischen Überlegungen zum Film steht der Gedanke der Prozesshaftigkeit und Dynamik im Vordergrund. Er sucht keine abgeschlossene Theorie, sondern eine, die in der lebendigen Praxis des Filmemachers mit all ihren Unwägbarkeiten und improvisierten Situationen Bestand hat. Er sieht den Film als ein „offenes“ Medium, eine Form von Materie , ein Vehikel zum Transport von Informationen. Für ihn besitzt der Film eine große Affinität zur Malerei und Musik, insbesondere zum Jazz. Er hat wie die Jazzmusik eine aktive, improvisatorische Komponenten verbunden mit einem gewissen Grundmuster wiederkehrender Stilelemente. Die Spannung , die durch diesen Wechsel entsteht lokalisiert er beim Film „zwischen der Freiheit , mit der das Auge oder das Ohr durch die Welt wandert, und dem Willen, sich mit ihr auf einen Diskurs einzulassen.“(vdK 1992:138)
Aus der Malerei , besonders aus dem abstrakten Impressionismus entnimmt er den Gedanken, dass nicht nur der Farbton wichtig ist sondern auch das Material der Farbe. Wie bei einer Collage Farbschicht um Farbschicht aufgetragen wird so hat auch der Film mehrere Schichten. Diese Schichten, visuelle und auditive, liegen übereinander und sind in der Lage den Wahrnehmungssprozess zu beeinflussen.
„ Eine Lücke in der Musik bewirkt eine ungehinderte Sicht auf das Bild - das Bild kommt uns näher -; eine Lücke im Bild läßt die Musik in den Vordergrund treten - der Ton kommt uns näher. Das Zusammenwirken von Bild und Musik schafft Tiefe: Wir schauen in die Materie." (vdK 1992:137)
Naturgemäß entziehen sich diese Überlegungen einer Einpassung in das Raster gebräuchlicher Filmtheorien, insbesondere aber der semiotischen Zeichentheorien. Van der Keuken distanziert sich strikt von dem Gedanken den Film als eine Art Sprache zu sehen.
„ Film ist nicht wie man oft denkt eine Sprache, in der bestimmte Zeichenkombinationen bestimmte Begriffe bedeuten, und in der aufeinanderfolgenden Zeichenkombinationen zu einer Syntax organisiert werden können. ( vdK 1992 : 26)
Er begründet dies damit, dass diese Theorien die Wirklichkeit in Szenen und Einstellungen aufspalten und dann unter dem Diktat des jeweiligen Begriffsystems wieder
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Harald Marburger, 2000, Montagestrategien im Dokumentarfilm - Johan van der Keuken - Hermann Slobbe - Blindes Kind 2, München, GRIN Verlag GmbH
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