1. EINLEITUNG 4
1.1 VORBETRACHTUNG 4
1.2 ZIEL DER HAUSARBEIT 4
1.3 VORGEHEN 4
2. ALBERT SCHWEITZER EINDRÜCKE AUS SEINEM LEBEN 6
2.1 HERKUNFT UND KINDHEIT 6
2.2 DIE JAHRE IN MÜHLHAUSEN 7
2.3 STUDIENJAHRE IN STRAßBURG 8
2.4 DIE JAHRE DER ERSTEN ARBEITSTÄTIGKEIT IN STRAßBURG 10
2.5 DIE ENTSCHEIDUNG NACH AFRIKA ZU GEHEN UND DIE FOLGENDEN JAHRE 11
2.6 DIE ZEIT DES MEDIZINSTUDIUMS 12
2.7 AUSREISE NACH AFRIKA ANKUNFT IN LAMBARENE 13
3. ALBERT EINSTEIN EIN WEGBEGLEITER ALBERT SCHWEITZERS
16
3.1 DER BRIEFWECHSEL VON ALBERT SCHWEITZER UND ALBERT EINSTEIN
ZWISCHEN 1948 UND 1955 16
3.2 GEMEINSAMKEITEN VON ALBERT SCHWEITZER UND ALBERT EINSTEIN 18
3.3 AUSSAGE DER BRIEFE 19
4. SCHWEITZERS ANSICHTEN BEZÜGLICH DER
ATOMKRIEGSGEFAHR DARGESTELLT ANHAND DES BUCHES
FRIEDE ODER ATOMKRIEG 19
4.1 DIE SITUATION IN EUROPA VOR DEN WELTKRIEGEN 20
4.2 DIE EINSTELLUNG DER MENSCHEN GEGENÜBER KRIEG 21
4.3 VON DER ENTDECKUNG DER RADIOAKTIVEN STRAHLUNG BIS ZUR NUTZUNG
ALS WAFFE 21
4.4 DIE GEFAHR DER ATOMAREN BEDROHUNG 22
2
4.5 DER ATOMKRIEG STEHT VOR DER TÜR 24
4.6 DER WEG ZU EINEM ABKOMMEN GEGEN VERSUCHSEXPLOSIONEN 24
5. DIE EHRFURCHT VOR DEM LEBEN 27
5.1 ENTSTEHUNG DES BEGRIFFS EHRFURCHT VOR DEM LEBEN 27
5.1.1 DAS ERLEBNIS AM OGOWE-FLUSS 28
5.1.2 BEGRIFF VON CHRISTIAN WAGNER 28
5.1.3 INSPIRATION DURCH KANT ODER GOETHE 29
5.2 GRUNDLAGE UND ZENTRALE BEGRIFFE DER EHRFURCHT VOR DEM LEBEN 29
5.2.1 DAS GRUNDPRINZIP DES SITTLICHEN 30
5.2.2 HAUPTPROBLEM DES SITTLICHEN HANDELNS: DIE SELBSTENTZWEIUNG DES
MENSCHEN 31
5.2.3 DAS AUFMERKSAMWERDEN AUF DIE ERFURCHT VOR DEM LEBEN 32
5.3 DIE WELTANSCHAUUNG DER EHRFURCHT VOR DEM LEBEN 35
5.3.1 BEGRIFF WELTANSCHAUUNG 35
5.3.2 DIE ZIELE DER WELTANSCHAUUNG DER EHRFURCHT VOR DEM LEBEN 35
5.4 WAS IST DIE EHRFURCHT VOR DEM LEBEN 38
6. SCHLUSSBEMERKUNG 40
7. QUELLENVERZEICHNIS 41
3
1. Einleitung
1.1 Vorbetrachtung
„Ich habe wohl kaum einen Menschen persönlich kennengelernt, bei dem Güte und Schönheitsbedürfnis in solchem Maße zu einer Einheit verschmolzen sind, wie es bei Albert Schweitzer der Fall ist“. 1 Diese Worte schrieb Albert Einstein 1954 noch zu Lebzeiten Schweitzers. Doch auch heute- 60 Jahre später- fasziniert Albert Schweitzer unzählige Menschen. Im Rahmen des Seminars „Friedenspädagogik“ beschäftigten auch wir uns mit dem Leben, Wirken und ethischen Denken Schweitzers.
1.2 Ziel der Hausarbeit
Das Ziel unserer Hausarbeit ist es, Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nach ihrer Basis, ihren Grundsätzen und ihrem Wesen zu untersuchen und verständlich darzustellen. Um dies umzusetzen war unser Teilziel, sein Leben genauer zu betrachten, um Beweggründe für seine Ethik ersichtlich zu machen.
1.3 Vorgehen
Als erstes wollen wir uns mit dem Leben Albert Schweitzers beschäftigen. Schweitzers Lebensweg ist so einmalig, dass er sich kaum mit einem anderen der heutigen Zeit vergleichen lässt. Um sein Leben und Werk besser verstehen zu können erschien es uns wichtig, näher darauf einzugehen. Im ersten Teil unserer
1 Albert Einstein, Albert Schweitzer: Freunde in ihrem Suchen nach Wahrheit, Menschlichkeit und Frieden ; ihr Briefwechsel. S. 11.
4
Arbeit orientieren wir uns an dem Buch von Boris Nossik: Albert Schweitzer und an der Autobiografie Schweitzers: Aus meinem Leben und Denken. Im weiteren Verlauf unserer Hausarbeit möchten wir einen der Wegbegleiter Schweitzers erwähnen – Albert Einstein. Anschließend möchten wir anhand des Buches „Friede oder Atomkrieg“ mit Schweitzers Ansichten bezüglich der atomaren Bedrohung auseinandersetzen. Darauf folgend widmen wir uns seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Die in diesem Punkt unserer Arbeit verwendete Gliederung lehnt sich an die Gerhard Gansterers an. 2
2 Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben.
5
2. Albert Schweitzer – Eindrücke aus seinem Leben
2.1 Herkunft und Kindheit
Geboren wurde Albert Schweitzer am 14. Januar 1875 in Kayersberg im Oberelsaß am Fuße der Vogesen. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie Schweizer nach Günsbach.
Sein Vater Ludwig Schweitzer war ein armer aber angesehener Pfarrer. Seine Mutter Adele Schweitzer, geborene Schillinger, war selbst die Tochter eines Pfarrers und wurde von Schweitzer selbst als liebevoll und zärtlich beschrieben. Er war das zweite Kind seiner Eltern und hatte noch drei Schwestern und einen Bruder. Die Familie Schweitzer wohnte in dem Pfarrhaus der Gemeinde Günsbach. Mit fünf Jahren lernte der junge Schweizer bereits Klavier spielen und mit acht Jahren erlernte er das Orgelspiel. Im selben Alter las er das Neue Testament, dies sollte der Beginn einer großen Leseleidenschaft sein. Mit neun Jahren waren seine Orgelkünste bereits so fortgeschritten, dass er ab und zu den Organist im Gottesdienst vertrat.
Bis 1884 ging er an die Dorfschule. Mit neun Jahren besuchte Schweitzer die Realschule in Münster. Zu dieser musste er drei Kilometer laufen, er genoss diesen Weg und erfreute sich an der Vielfalt der Natur. Früh zeigte sich auch seine Liebe zu den Tieren, das Mitleid für andere Lebewesen und die Fähigkeit sich in diese hineinzuversetzen. Als er acht Jahre alt war wurde er von einem Kameraden verführt mit einer Steinschleuder auf Vögel zu schießen und empfand das einsetzende Läuten der Kirchenglocken als Erlösung, verscheuchte die Vögel und ging wieder zurück nach Hause. Dieses Geschehen betreffend wird Schweitzer von Nossik folgender Weise zitiert: „ Die Art, wie das Gebot, dass wir nicht töten und quälen sollen, an mir arbeitete, ist das große Erlebnis meiner Kindheit und Jugend. Neben ihm verblassen alle anderen.“ 3 .
Schweitzer ging ungern zur Schule, da er dies als Verlust der Freizeit empfand. Er war sehr zurückhaltend aber auch sehr leidenschaftlich.
3 Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 24.
6
2.2 Die Jahre in Mühlhausen
Mit zehn Jahren wurde Schweitzer ein unentgeltlicher Platz im Gymnasium in Mühlhausen zu teil. Für diese Zeit wurde er von seinem Großonkel Ludwig und seine Großtante Sophie aufgenommen.
Anfangs war er ein sehr schlechter Schüler, stets sehr zerstreut und bereitete seinen Eltern großen Kummer. Später, als er einen neuen Lehrer, Dr. Wehmann, bekam wurden seine Noten wesentlich besser, da er in seinem Lehrer ein Vorbild sah. In Mühlhausen vermisste er am meisten die Natur rund um Günsbach und langweilte sich in seiner Freizeit sehr. Wahrscheinlich war dies auch ein bedeutender Faktor für die Lesewut die sich in diesen Jahren entwickelte. Er verschlang nahezu Bücher und Zeitungen. Seine Tante mochte das nicht und genehmigte ihm nur in bestimmten Stunden zu lesen.
Sein Großonkel und seine Tante waren im Umgang mit Albert sehr streng, nahezu pedantisch. Später schrieb er in seiner Autobiografie „ Die strenge Zucht, in die ich bei diesem Großonkel und seiner Frau – sie waren kinderlos – kam, hat mir sehr wohlgetan.“ 4 Es folgten die schwierigen Jahre der Pubertät in denen er häufig in Streit mit seinem Umfeld geriet. Schweizer selbst beschreibt diesen Zustand später als Folge des aufkommenden Aufklärungsgeist der in ihm erwachte. 5 Er fand es bedrückend, dass die Menschen zusammen saßen und über unwichtige Dinge diskutierten und dabei das eigentlich Wichtige vernachlässigten. Er vermisste das vernuftsgemäße Reden der Menschen und litt sehr unter den Regeln der Wohlerzogenheit, welche ihm verboten die Erwachsenen für diese Gedankenlosigkeit zu tadeln.
4 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 8.
5 Vgl. Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 39.
7
Zu dieser Zeit begann auch der Konfirmationsunterricht bei dem Pfarrer Wennagel. Dieser war der Überzeugung, „daß vor dem Glauben alles Nachdenken verstummen müsse“ 6 . Albert Schweitzer jedoch vertrat die gegenteilige Meinung, dass die Religion doch erst durch das Nachdenken begriffen werden kann.
Nach dieser Zeit bekam Albert Schweizer Orgelunterricht bei Eugen Münch, welcher in erstmals mit den Werken des Thomaskantors Bach bekannt machte. Später widmete Schweizer ihm ein Buch, sein erstes Buch was im Jahre 1898 veröffentlicht wurde. Während er in Mühlhausen das Gymnasium besuchte, zog seine Familie in ein neues Haus.
Im Juni 1893 bestand Schweitzer die Abgangsprüfung.
2.3 Studienjahre in Straßburg
Im selben Jahr nahm er das Studium der Theologie, Philosophie und der Musik an der Universität in Straßburg auf. Zuvor jedoch wurde er von seinem Onkel Auguste nach Paris eingeladen und kam in den Genuss, von Charles Marie Widor, einem französischem Orgelmeister, Orgelunterricht zu bekommen.
Während des Studiums war Schweitzer stark durch seinen Professor Holtzmann beeinflusst. Er unterrichtete im Fach Theologie und gab eine Vorlesung zu den Synoptikern, Matthäus, Lukas und Markus, mit welchen Schweitzer von seiner Kindheit an vertraut war und die er nun endlich wissenschaftlich untersuchen konnte. Jedoch stieß er nach einer gewissen Zeit des Studierens auf einen Widerspruch an der Auslegung der Schriften, wie sie sein Professor und viele andere in dieser Zeit vertraten.
Vom 1. April1894 an diente Schweitzer sein Militärjahr ab.
Später, als Albert Schweitzer in den Pfingstferien bei seinen Eltern in Günsbach war, erwachte er eines Morgens und fühlte sich wie gelähmt vor Glück. Der Gedanke, dass dieses Glück egoistischer Natur ist, quälte ihn sehr.
6 Ebd. S. 41.
8
Er empfand das Glück und die Gesundheit, die ihm zu teil wurden, als Geschenk und war der Meinung, wenn er sie nicht mit anderen Menschen teilte und sie für sich allein beanspruchen würde, dann würde dieses Geschenk einen Tages verloren gehen. Er kam zu der Erkenntnis, dass der Mensch der vom eigenen Leid verschont ist die Pflicht hat, das Leid der Anderen zu lindern.
Er fasste den Entschluss, sich bis zu seinem 30. Lebensjahr mit der Theologie, Musik und der Wissenschaft zu beschäftigen, dann, wenn er alles in diesen Bereichen geschafft hat, was er sich vorgenommen hat, wollte er sich dem Leben Anderer widmen. 7 Im Mai 1898 legte er sein Staatsexamen in Theologie ab. Aufgrund dieses Examens erhielt Albert Schweitzer durch die Empfehlung seines Professors ein Stipendium. Wie schon in seiner Kindheit und Jugend fühlte sich Schweitzer auch in seinen Studienjahren der Natur sehr verbunden.
Er war sehr engagiert für andere Menschen und bat häufig um Hilfe, zum Beispiel für die Finanzierung eines Hauses für Sträflinge und Landstreicher. 8 Er bat aber nie für sich selbst, sondern stets nur für andere.
Gegen Ende Oktober 1898 fuhr Schweitzer für ein halbes Jahr nach Paris um an der Sorbonne Philosophie zu studieren und sich bei Widor im Orgelspiel weiterbilden zu lassen. Gleichzeitig hatte er Klavierunterricht bei Isidore Philipp und Marie Jaëll Über Marie Jaëll schreibt er später: „ Ihr verdanke ich es, daß ich durch zweckmäßiges, wenig zeitraubendes Üben immer mehr Herr meiner Finger wurde…“ Er arbeitete an seiner philosophischen Doktordissertation über Immanuel Kant und ging 1899 wieder zurück nach Straßburg.
Schweitzer verbrachte den Sommer in Berlin und machte dort Bekanntschaft mit vielen Musikern und Künstlern. Er verbrachte viel Zeit im Haus der Witwe von Ernst Curtius und kam so mit der akademischen Welt zusammen.
Gegen Ende Juli des Jahres ging er zurück nach Straßburg. In diesem Jahr wurde „ Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ veröffentlicht.
7 Ebd. S. 55 ff.
8 Ebd. S. 58.
9
Mit 24 Jahren bekam er das Angebot als Privatdozent an der Universität zu arbeiten. Schweitzer lehnte das Angebot ab, da er sonst nicht hätte als Prediger arbeiten können. Weil zu dieser Zeit es nicht angesehen war, wenn man als Prediger und als Dozent arbeitete. 9 Nach bestandener zweiter Theologieprüfung im Jahr 1900 wurde er Vikar an der Kirche St. Nicolai.
2.4 Die Jahre der ersten Arbeitstätigkeit in Straßburg
In der Gemeinde St. Nicolai war er unter anderem für den Konfirmandenunterricht, Kindergottesdienst und für die Nachmittagspredigten zuständig. Diese Arbeit breitete ihm stets Freude.
Er bemängelte den Allgemeinen Verfall der Zivilisation, der sich seiner Meinung nach am deutlichsten im Verfall der Schule widerspiegelte. Die Programme der Schule verdrängten immer mehr die Ideale der Menschlichkeit und der Güte. Er wies darauf hin dass eine gute Bildung ohne Philosophie nicht möglich sei und bemühte sich die Bildungsmängel seiner Zöglinge auszugleichen. 10 Schweitzer reiste zu Vorträgen nach Paris und veröffentlichte Werke („Das Abendmahlsproblem aufgrund Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts und der historischen Berichte“ und „Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Leben Jesu.“) die gegen die damals anerkannte theologische Auffassung waren.
Am 1. März 1902 hielt er seine Antrittsvorlesung an der Theologischen Fakultät in Straßburg. Albert Schweitzer befasste sich zu dieser Zeit mit der Leben- Jesu Forschung.
1903 bis 1904 waren seine so genannten „Bachjahre“ in denen er sich seinem Buch über Bach widmete. Die französische Fassung erschien 1905 und die überarbeitete deutsche, um einiges umfangreichere Fassung erscheint 1908.
9 Vgl. Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 69.
10 Vgl. Ebd. S. 71.
10
2.5 Die Entscheidung nach Afrika zu gehen und die folgenden Jahre
In der ganzen Zeit des Studiums und der Zeit als Vikar bekam er regelmäßig Hefte einer Pariser Missionsgesellschaft zugesandt. Eines Tages im Herbst des Jahres 1904 nahm er eines dieser Hefte zur Hand und las darin einen Artikel mit dem Titel „Les besoins de la Mission du Congo“ (Was der Kongomission Not tut). 11 In diesem Artikel wurde über die fehlenden Leute in der Missionsstation geklagt. Der Artikel wurde mit den folgenden Worten beendet: „Menschen, die auf den Wink des Meisters einfach mit: Herr, ich mache mich auf den Weg, antworten, dieser Bedarf die Kirche.“ 12 Zusammen mit den Erfahrungen und Eindrücken seiner Kindheit, wie zum Beispiel die Lesungen des Vaters in den Missionsgottesdiensten über den Missionar Casalis und der Entschluss der Studienzeit, später einmal den armen und kranken Menschen zu dienen, fasste er den Entschluss, nach Afrika zu gehen, um in der Missionsstation zu arbeiten.
Die Suche nach der Antwort, wie er den Menschen helfen könnte und somit sein Glück teilen konnte, was er in seinem bisherigen Leben hatte, war nun vorüber. Selbst beschrieb er es: „Als ich mit dem Lesen fertig war, nahm ich ruhig meine Arbeit vor. Das Suchen hatte ein Ende.“ 13 Zunächst behielt Albert Schweitzer seinen Beschluss jedoch ein Jahr für sich. Er teilte seine Entscheidung lediglich einem guten Kameraden mit.
Viele Zeitgenossen meinten, dass dies einer Flucht ähnelte und er die zivilisierte Welt hinter sich lassen wollte. Jedoch hatte Albert Schweitzer auf seinem Gebiet alles erreicht und konnte nun den Entschluss nachgehen und den Menschen helfen.
11 Vgl. Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 87.
12 Ebd. S. 88.
13 Ebd. S. 88.
11
In seinem Buch zitiert Boris Nossik Gerald Götting, welcher über den Entschluss Schweitzers folgendes schrieb: „Albert Schweitzer hat für sich innerlich und äußerlich den Weg gefunden, … sein persönliches Werk der Buße für das tun, was die bürgerliche Gesellschaft, was das ‚christliche Abendland’ in den ‚Kolonien’ angerichtet hat.“ 14 Der Vorschlag den er dem Missionskomitee machte als Missionsarzt nach Gabun zu gehen, wurde abgelehnt. Sie zweifelten nicht an seiner christlichen Liebe, jedoch daran, ob er den rechten christlichen Glauben hätte.
Auch seine Freunde und Verwandten waren gegen seinen Entschluss als Missionsarzt nach Afrika zu gehen.
2.6 Die Zeit des Medizinstudiums
Trotz allem begann er 1905 mit dem Medizinstudium. Während dieser Zeit lebte er in Räumen die ihm von der Familie Curtius zur Verfügung gestellt wurden. Von der Familie selbst wurde er wie ein Familienmitglied behandelt.
Es folgten schwere Studienjahre in denen er an weiteren Büchern schrieb. 1909 verlobte er sich mit Helene Breßlau, Tochter eines Straßburger Historikers und Schwesternschülerin. Er kämpfte für den Erhalt der alten Orgeln, da sie, Schweitzers Meinung nach, gegenüber den neuen Orgeln einen besseren Klang hatten. 1911 legte er sein Staatsexamen in Medizin ab.
Im folgenden Jahr heiratete Albert Schweitzer seine Helene und gab seine Lehrtätigkeit an der Universität und sein Amt in St. Nicolai auf. Er reiste nach Paris um Tropenmedizin zu studieren. Im Jahr 1913 bekam er seinen Doktortitel und erledigte viele Vorbereitungen für die Ausreise aus Europa. Er unternahm viele Bittgänge um die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Als er alle geldlichen Mittel für die Gründung eines kleinen Spitals zusammen hatte, fuhr er erneut nach Frankreich und führte erneut Gespräche mit dem Komitee der Missionsgesellschaft. Diesmal bekam er die Stelle und die völlige Unabhängigkeit für seine Taten.
14 Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 97.
12
2.7 Ausreise nach Afrika – Ankunft in Lambarene
Nach einem letzen Besuch in Paris und in seiner Heimat reisten Albert Schweitzer und seine Frau im Februar 1913 nach Lambarene aus. Ihnen wurde ein festlicher Empfang bereitet, aber sie hatten sofort alle Hände voll zu tun, denn es gab sehr viele Kranke. Anfangs musste ein Hühnerstall als provisorisches Spital dienen. Joseph Azoawani war sein erster Helfer, der ihm durch seine Dolmetscherfähigkeiten eine große Last von den Schultern nahm.
Albert Schweitzer arbeitete zusammen mit seiner Frau von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, schrieb nebenbei an einer Arbeit über die Bachchoräle und baute eine Wellblechbaracke als neues Spital.
Zur Entspannung spielte er Klavier, welches eigens für die Benutzung in den tropischen Verhältnissen, die in Lambarene herrschen, gebaut wurde.
In den ersten Briefen die Albert Schweitzer aus Lambarene schrieb lies sich ein glücklicher und triumphierender Mann erkennen. Er war zufrieden, er heilte viele Menschen, führte gute Operationen durch und sein Ruhm und Ansehen als Arzt stiegen.
Die Familie Schweitzer erfuhr in Afrika vom Kriegsausbruch. Sie wurden unter Hausarrest gestellt, da Gabun zu dieser Zeit französische Kolonie war und beide einen deutschen Pass besaßen. Die Internierung wurde wenig später auf Betreiben Widsors aufgehoben. 1914 erlaubte man ihm, wieder die Kranken zu verarzten. Schweitzer verachtete die emotionale Abstumpfung und den Zynismus der Politiker des 20. Jahrhunderts. Er hasste den Krieg und war für eine Weltanschauung der Lebensbejahung. Albert Schweitzer zählte zu den Positivisten. 15 Er suchte nach einem ethischen Prinzip, dass dem Verfall der Welt entgegenwirkte. Als er eines Tages zu einer kranken Missionarsfrau nach N’ Gômô gerufen wurde und auf dem Ogowe Fluss stromaufwärts durch eine Nilpferdherde fuhr, standen die Worte „Erfurcht vor dem Leben“ vor ihm.
15 Vgl. Ebd. S. 165 ff.
13
Nun hatte er eine Idee in der seine Vorstellungen der Welt- und Lebensbejahung und die der Ethik miteinander verbunden waren. 16 Aus diesen Gedanken sollte sein Buch der „Kulturphilosophie“ entstehen.
Im Jahr 1916 starb Schweitzers Mutter bei einem Unfall. Er konnte ihren Tod nie richtig verkraften. 17 Im folgenden Jahr wurden Albert Schweitzer und seine Frau in das Gefangenenlager Garaison in den Pyrenäen überführt. Dort wurde Schweitzer das Erste Mal seit seiner Kindheit krank. Einige Zeit später wurden sie in das Internierungslager für Elsässer St. Rémy gebracht. In diesem Lager erkrankten alle beide.
Am 12. Juli 1918 wurden sie entlassen. Albert Schweitzer musste aufgrund der Spätfolgen seiner Krankheit (Ruhr) operiert werden. Am 14. Januar gebar Helene ihre gemeinsame Tochter Rhena.
Im Jahr 1920 reisten Schweitzer und seine Frau nach Schweden zum Erzbischof Söderblom, der sich über die Jahre als Gönner Schweitzers herausstellte und ihm auch bei der Tilgung seiner finanziellen Schulden unter die Arme griff. Bis zum Jahre 1924 unternahm Albert Schweitzer Vortragsreisen durch Schweden. Weiterhin hielt er in den Jahren Vorlesungen und gab Konzerte in den verschiedensten Städten und Ländern.
1923 erschienen die ersten beiden Bände seiner „Kulturphilosophie“. Am 14. Februar 1924 verließ Albert Schweitzer, ohne seine Frau und seine Tochter, Europa und reiste zurück nach Afrika.
Es gab viel zu tun, denn über die Jahre hatte sich niemand um das Spital gekümmert. Schweitzer bekam Unterstützung von verschiedenen Ärzten und Helfern. Ende des Jahres 1925 entschied er sich aufgrund der vielen Patienten ein neues Krankenhaus an einer anderen Stelle zu errichten.
Schon ein Jahr später war das neue Spital bezugsfertig und Albert Schweitzer reist zurück nach Europa zu seiner Familie. Bis zu seiner Rückreise nach Lambarene im Jahr 1929, diesmal mit seiner Frau, unternahm er viele Reisen durch Europa.
16 Vgl. Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 153.
17 Vgl. Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 245.
14
Albert Schweitzer äußerte sich deutlich kritisch gegen die Nazi- Parteien. Er erkannte, dass sie zwar die „Rettung aus aller Not“ versprachen, aber um den Preis der Freiheit des eigenen Denkens und Handelns. Leider wurde er von den Menschen der damaligen Zeit nicht ernst genommen.
Zwischen dem Jahr 1933 und bis zum Kriegsausbruch 1940 in Afrika reiste Albert Schweitzer immer wieder nach Afrika und Europa um Vortragsreisen zu unternehmen oder um Besorgungen für Lambarene zu machen. Sein Ruhm als Arzt in Afrika wuchs, wie auch der in Europa.
Während der Kriegszeit war Lambarene völlig von der Außenwelt abgeschnitten, aber sie bekamen Hilfesendungen aus Amerika, England und Schweden. Ein gutes Beispiel für den Einfluss der Ideen und Wertvorstellungen Albert Schweitzers den er schon in der damaligen Zeit hatte, ist die Formulierung des Hippokratischen Eids des Jahres 1948: „Ich werde die höchste Erfurcht vor dem menschlichen Leben von seiner Empfängnis an haben. …“ 18 In den Jahren bis 1953 reiste er nach Europa, wieder nach Afrika, nach Amerika und auch nach England.
Im Oktober 1953 erhielt er den Friedensnobelpreis. Diese Auszeichnung markiert den Höhepunkt seiner Kariere in Europa. Das Geld, das es für diese Auszeichnung bekam, führte er natürlich dem Spital in Lambarene zu.
Albert Schweitzer befasste sich zunehmend mit der Gefahr die von der atomaren Aufrüstung ausgeht.
1957 bekam er die Nachricht, dass seine Frau Helene gestorben sei. Er ließ ihre Asche überführen und begrub sie unter seinem Fenster in Lambarene. Mit 85 Jahren war Schweitzer in Lambarene und die Jahre der harten Arbeit und der Schlaflosigkeit machten sich bemerkbar. In einem Brief an Gerald Götting schrieb Albert Schweitzer „ Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich ein Mensch fühlt der ausgeschlafen ist. Ich kann mir nicht die Stunden bewilligen, die ich zum Ausruhen benötige.“ 19 Als er 90 Jahre alt war kam seine Tochter Rhena und arbeitete sich als von ihrem Vater erwählte Nachfolgerin in den Klinikalltag ein.
18 Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 269.
19 Ebd. S. 323.
15
Am 4. September 1965 starb Albert Schweitzer. Seine Tochter Rhena schrieb in einem Telegram an Schweitzers Freunde in Europa: „Während dieser Zeit hatte er nicht zu leiden, und als um 11 Uhr abends das Ende eintrat, starb er ruhig, friedlich und würdig in seinem Bett, mitten im Urwald von Lambarene, in dem Spital, das er gebaut und geliebt hat.“ 20
3. Albert Einstein – ein Wegbegleiter Albert Schweitzers
3.1 Der Briefwechsel von Albert Schweitzer und Albert Einstein
zwischen 1948 und 1955
Albert Schweitzer und Albert Einstein haben sich nach gegenwärtigem Kenntnisstand nur zweimal persönlich getroffen. 21 Doch sie hatten regen Briefkontakt. In den Briefen „unterhielten“ sie sich über die Probleme von Kultur und Gesellschaft, die Gefahren der atomaren Aufrüstung aber auch über Schweitzers Wirken in Afrika.
In einem Schreiben an Einstein berichtete Schweitzer „Ich bin kein freier Mensch mehr […]“ 22 und bezog sich dabei auf seine Arbeit im Spital in Lambarene, welches er mit großer Verantwortung führte. Einstein antwortete ihm darauf am 25. September 1948 mit folgenden Worten: „Sie sind einer der wenigen, in denen außergewöhnliche Arbeitskraft und Vielseitigkeit verbunden ist mit dem Streben, den Menschen zu dienen und ihr Los zu erleichtern.“ 23 Er lobte Schweitzers Arbeit sehr und schien davon auch in hohem Maße beeindruckt gewesen zu sein. Am 28. Februar im Jahre 1951 wendete sich Schweitzer wieder brieflich an Einstein.
20 Ebd. S. 333.
21 Vgl. url:http://www.einstein-website.de/verschiedenes.htm#schweitzer. (15.07.2004; 19.42 Uhr) 22 Albert Einstein, Albert Schweitzer: Freunde in ihrem Suchen nach Wahrheit, Menschlichkeit und Frieden ; ihr Briefwechsel. S.3.
23 Ebd. S.7.
16
Diesmal betonte er ihre Ähnlichkeiten in Bezug auf ihre gemeinsame Besorgnis um die Zukunft der Menschheit. In diesem Zusammenhang und auf Grund dieser Gemeinsamkeiten nannte er Einstein in diesem Brief erstmals einen „Freund“. 24 In dem Brief vom 06. Dezember 1954 unterrichtete Einstein Schweitzer von einer „ausgezeichnete[n] Frau und Lehrerin“ 25 , welche verstorben war. Er erklärte ihm, dass die Kollegen und Freunde der Frau diese gebührend ehren wollten und schickte ihm den von ihnen entworfenen Beitrag mit.
Darin stand, dass zur Ehrung der Verstorbenen eine Medikamentenspende an Schweitzers Spital gehen sollte.
Zu Schweitzers achtzigstem Geburtstag schrieb Einstein einen öffentlichen Geburtstagsgruß mit der Überschrift „Schlichte Größe“, welcher neben anderen in einem Geburtstagssammelband veröffentlicht wurde. „ Ich habe wohl kaum einen Menschen persönlich kennengelernt, bei dem Güte und Schönheitsbedürfnis in solchem Maße zu einer Einheit verschmolzen sind, wie es bei Albert Schweitzer der Fall ist.“ 26 In diesem ehrte er Albert Schweitzers Wesen und Werk. Er lobte an ihm, dass er „Arme und Beine gebraucht, um seiner Bestimmung zu folgen“, „stets aus innerer Notwendigkeit heraus handelt“ und sich immer „seine frohe, bejahende Natur erhält“. 27 Daraufhin bedankte sich Schweitzer in einem Schreiben vom 20. Februar 1955 herzlich bei Einstein. Auch schrieb er, wie bewegt er von der großzügigen Spende war. Im weiteren Verlauf des Briefes kritisierte er die UNO, welche angesichts neuer Versuche mit Atombomben nichts unternimmt und berichtete Einstein davon, dass er viele Briefe erhält, in denen er und Einstein aufgefordert werden, ihre Stimme dagegen zu erheben. Schweitzer meinte dazu allerdings, sie hätten schon oft genug ihre Stimme erhoben und nun sei es an der UNO, „[…] die Anregungen und das Verantwortungsgefühl [zu] finden, […] drohendes Unheil abzuwenden.“ 28
24 Vgl. Ebd. S.8.
25 Vgl. Ebd. S.9.
26 Albert Einstein, Albert Schweitzer: Freunde in ihrem Suchen nach Wahrheit, Menschlichkeit und Frieden ; ihr Briefwechsel. S. 11.
27 Vgl. Ebd. S.10f.
28 Vgl. Ebd. S. 13.
17
Am 18. Juni 1955 richtete Schweitzer einen Brief an Margot Einstein, die Nichte Albert Einsteins. Er bedauerte den Tod ihres am 18. April 1955 verstorbenen Onkels. Er beschrieb ihr das Kennen lernen zwischen den beiden und ergänzte: „Wir nahmen aus der Ferne am Leben des Anderen Teil.“ 29 Noch einmal betonte er hier die innerliche Beziehung der beiden zueinander.
3.2 Gemeinsamkeiten von Albert Schweitzer und Albert Einstein
Schweitzer und Einstein wurden beide in Deutschland geboren (Schweitzer vier Jahre früher; 1875) und erfuhren somit das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Zeit der Nationalsozialisten, zwei Weltkriege und das Atomzeitalter. Sie bekamen beide zahlreiche Auszeichnungen. Unter anderem erhielt Einstein 1921 den Nobelpreis für Physik und Schweitzer 1952 den Friedensnobelpreis. Sowohl Schweitzer als auch Einstein empfanden den Niedergang der Kultur als bedrückend und sahen in der Ethik den bedeutsamsten Grundpfeiler ihrer Religiosität. Ebenso waren sich Beide in ihren ethischen und moralischen Wertvorstellungen sehr ähnlich. Schweitzer und Einstein beurteilten beide ihre religiöse Erziehung als ausschlaggebend für ihre ethische Grundeinstellung. Sie führten ein bescheidenes Leben und vertraten eine humanistische Lebensgesinnung. Eine weitere Gemeinsamkeit waren die öffentlichen Kundmachungen gegen den Krieg und die atomare Aufrüstung. Für beide waren die Gründe für den I. und II. Weltkrieg der „Kulturverfall und kurzsichtiger Nationalismus“. 30 Darüber hinaus fühlten sich beide von den gleichen Personen inspiriert.
29 Vgl. Ebd. S.15.
30 Vgl. Ebd. S.57.
18
Ihre Anregungen erhielten sie beispielsweise durch Jesus, Philosophen (Kant), Schriftstellern (Buber), Komponisten (Bach), Wissenschaftlern (Planck) und Politikern (Gandhi). 31 Weiterhin war ihnen gemein, dass sie ihre Lebensgefährtinnen in ihren letzten Lebensjahren verloren und selbst ihre letzte Ruhestätte weit entfernten Kontinenten fanden.
3.3 Aussage der Briefe
In den Briefen ist zu erkennen, dass der Umgang der beiden miteinander sehr freundschaftlich ist. Immer wieder bedauern sie es, wenn sie eine Gelegenheit verpassten, sich zu treffen. Sie beschrieben ihre Freundschaft als Seelenverwandtschaft, weil sie sich in vielem so ähnlich und nahe waren. Es ist beeindruckend, welche enge Bindung und Freundschaft Albert Schweitzer und Albert Einstein nur auf Grund ihrer gemeinsamen Vorstellungen und Ziele hatten. Helen Dukas, die Sekretärin Einsteins schrieb im April 1957 einige Zeilen an Schweitzer, die diese faszinierende Ähnlichkeit auf den Punkt bringt: „So vieles, was sie in Ihren Briefen sagen, könnte Einstein selbst gesagt haben.“ 32
4. Schweitzers Ansichten bezüglich der Atomkriegsgefahr dargestellt
anhand des Buches „Friede oder Atomkrieg“
Albert Schweitzer begann in den achtziger Jahren seines Lebens sich vermehrt mit dem Problem der Atomkriegsgefahr zu beschäftigen. Er schien „ein Rufer für die Zukunft der Menschen zu werden.“ 33
31 Die Vertreter der einzelnen Disziplinen sind nur beispielhaft ausgewählt und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
32 Albert Einstein, Albert Schweitzer: Freunde in ihrem Suchen nach Wahrheit, Menschlichkeit und Frieden ; ihr Briefwechsel. S.18.
33 Grabs Rudolf, Albert Schweitzer, Wegbereiter der ethischen Erneuerung. S. 27.
19
Ursachen beziehungsweise Gründe für die Hinwendung zu diesem Thema waren unter anderem die Atombombenabwürfe am 6. August 1945 über Hiroshima und drei Tage später am 9. August 1945 über Nagasaki. Aber auch das anschließende atomare Wettrüsten der Großmächte, die Leichtgläubigkeit und die Teilnahmslosigkeit der Menschheit (ausgenommen der Japaner) lieferten wohl ausreichend Gründe für Albert Schweitzer um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Im folgendem werden wir anhand der Reden „Das Problem des Friedens in der heutigen Welt“, die Rede bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises; „Appell an die Menschheit“; „Friede oder Atomkrieg“, beides Reden die im Osloer Radio ausgestrahlt wurden und den Text „Der Weg des Friedens heute“ aus seinem Buch „Die Lehre vor der Erfurcht vor dem Leben“, Schweitzers Einstellung zum Spannungsfeld Frieden und Atomkrieg vorstellen.
4.1 Die Situation in Europa vor den Weltkriegen
Die Politiker und Staatsmänner des 19. Jahrhunderts waren nach der Meinung von Albert Schweitzer den Aufgaben die sie erfüllen sollten nicht gewachsen. Sie maßen „dem geschichtlich Gegebenen und damit der Gerechtigkeit und Zeckmäßigkeit nicht die gebührende …“ 34 Bedeutung bei.
Europa war geprägt durch ein Zusammenwohnen verschiedener Völker, welche entweder durch Zuzüge von Einwanderern oder durch die Inbesitznahme von Land zustande kam. Im Verlauf des Jahrhunderts kam es zum Teil zu einer Verschmelzung der Völker, jedoch nicht im Osten und Südosten Europas. In diesen Regionen wurde der im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts immer stärker werdende Nationalstolz zum Problem des friedlichen Zusammenlebens. Darin sah Schweitzer die Ursache für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den östlichen und südöstlichen Ländern und als alleiniges Mittel gegen den Kriegsausbruch sah er die Beachtung des geschichtlich Relevanten und die Achtung der Gerechtigkeit.
Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde kein Friedensvertrag unterzeichnet sondern nur Verträge mit dem Charakter eines Waffenstillstandes.
34 Ebd. S. 14.
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4.2 Die Einstellung der Menschen gegenüber Krieg
Früher galt Krieg als Mittel, dass dem Fortschritt dient und dass die stärkeren Völker sich gegen die Schwächeren durchsetzen. Der moderne Krieg ist mehr Übelbringer als Fortschrittsbringer.
Durch die Genfer Konvention von 1864, welche unter anderem besagt dass die Pflege der Verwundeten und die humane Behandlung von Kriegsgefangenen gewährleistet sein muss, wurde von den Völkern geglaubt, dass der Krieg eine fortschreitende Humanisierung erfährt.
Aufgrund dessen wurde der Kriegsausbruch 1914 von der Bevölkerung nicht so schwer genommen weil sie an der Theorie der Kürze des Krieges und der Humanisierung festhielten. Es sollte sich aber herausstellen, dass dies weder für den Ersten noch für den Zweiten Weltkrieg zutreffend war. In beiden Kriegen wurde in „inhumanster Weise gekämpft und zerstört.“ 35 Krieg ist aus ethischer Sicht nicht vertretbar, da sich der Mensch der grausamen Unmenschlichkeit schuldig macht. Der Mensch verfällt in eine Hybris und verfügt über Natur und Mensch, jedoch ist er durch geistige Unvollkommenheit gekennzeichnet und bringt nicht die notwendige Vernunft für seine Entscheidungen auf. Schweitzer forderte den Menschen auf zur Vernunft zu kommen.
4.3 Von der Entdeckung der radioaktiven Strahlung bis zur
Nutzung als Waffe
Die eigentliche Freude über die Entdeckung der radioaktiven Strahlung und ihre Wirkung bei der Heilung von Krebszellen verblasste als begonnen wurde die Entdeckung, die eigentlich Leben retten sollte, zum Zwecke der Machtsicherung und zur Zerstörung menschlichen Lebens einzusetzen. Die Atombombe wurde 1945 in Amerika entwickelt und über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen.
35 Ebd. S. 19.
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Amerika wollte sich auf diesem Wege die einzigartige Überlegenheit über alle Völker sichern. Friede war insofern geschaffen, dass man Respekt vor der Macht des Anderen hatte.
Dies war der Startschuss für das atomare Wettrüsten Amerikas, der Sowjetunion und Englands. Es wurden Raketengeschosse entwickelt um den Feind noch besser und möglichst ohne eigene Verluste vernichten zu können. Auch der Raum des Meeres war durch mit Atomwaffen bestückte Unterseebote nicht mehr sicher. Das Ausmaß eines ausbrechenden Atomkriegs war nicht vorstellbar. Ein amerikanischer General sagte bezüglich des Ausmaßes eines Atomkrieges: „Wenn in einem Abstand von jeweils 10 Minuten 110 Wasserstoffbomben auf die USA geworfen werden, so werden dabei 70 Millionen Menschen getötet oder verletzt. Außerdem werden Tausende Quadratkilometer für eine ganze Generation unbrauchbar.“ 36 Für den Fall eines Bombenangriffs meinte Präsident Eisenhower, wäre das einzige was helfen würde ein Gebet. 37
4.4 Die Gefahr der atomaren Bedrohung
Am 1. März 1954 wurden in Bikini (Marshallinseln) die ersten Wasserstoffbombentests der Amerikaner durchgeführt. Kurz darauf folgten die Tests der Russen in Sibirien.
Als die Uranbomben auf Nagasaki und Hiroshima geworfen wurden, maßen die Menschen des 20. Jahrhunderts den Bomben aufgrund ihrer geringen Größe und der geringen Wirkung keine große Bedeutung bei. Um zu verdeutlichen welches Ausmaß die Bomben hatten möchten wir einige Daten für den Abwurf der Uranbombe über Hiroshima anführen. Es gab circa 66.000 Tote und circa 69.000 Verletze. Im Radius von 1,6 Kilometern wurde alles vollständig zerstört, bis zu drei Kilometern reichte die Druckwelle und hinterließ schwere Zerstörungen.
36 Ebd. S.68.
37 Vgl.Grabs Rudolf, Albert Schweitzer, Wegbereiter der ethischen Erneuerung, S. 68f.
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Die von der Bombe ausgelöste ungeheuere Hitzewelle, die alles Brennbare entflammte kam bis vier Kilometer rund um den Ort der Detonation. Die verbleibende Explosionszone, in welcher durch Wind und Feuer große Zerstörungen wüteten hatte einen Radius von bis zu über fünf Kilometern. 38 In der damaligen Zeit wusste man, dass die Wasserstoffbomben radioaktiven Staub in der Luft zurücklassen und das dieser radioaktive Strahlung aussendet, welche schon in geringen Mengen schädlich auf den menschlichen Organismus wirken.
Forscher befassten sich mit den Auswirkungen, die die Strahlen auf die Natur und den Menschen hatten und kamen zu dem Ergebnis, dass die Strahlen eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Menschheit darstellten. Leider wurde diese Mahnung nicht im erwarteten Maße in das Bewusstsein der Menschen aufgenommen. Albert Schweitzer leistet Aufklärungsarbeit um den Menschen die Gefahr zu verdeutlichen, die von den Strahlen ausging.
Wie stark diese Ausmaße sein können, verdeutlichte Albert Schweitzer an dem Beispiel der Untersuchungen im Columbiafluss nach den Abwürfen vom Bomben über Bikini und Sibirien.
Das Plankton des Wassers wies eine 2000-mal höhere Radioaktivität auf als vor den Abwürfen. Die Enten im Gewässer hatten eine 40.000-mal höhere Radioaktivität, die Flussfische eine 150.000-mal höhere Radioaktivität und das Eigelb von einem Wasservogelei wies sogar eine 1.000.000-mal höhere Radioaktivität auf. 39 Schweitzer betonte, dass auch wenn von amtlicher und nichtamtlicher Seite versichert wird, dass die Strahlung in der Luft für den Menschen nicht bedrohlich sei, so ist sie in bedrohlichem Maß in allem anderen zu finden, was der Mensch zu sich nimmt.
Die Strahlung befällt besonders den Knochenbau, die Leber und die Milz. Die Zellen werden durch die Strahlung ionisiert und dies verändert die in der Zelle ablaufenden chemischen Prozesse. So können sie die lebenswichtigen Funktionen nicht mehr ausführen oder werden vollkommen degeneriert.
38 url: http:// www.safog.com/home/atombombe.html#Hiroshima, (07.07.2004; 22:23 Uhr). 39 Vgl. Grabs Rudolf, Albert Schweitzer, Wegbereiter der ethischen Erneuerung, S. 42.
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Auch die Fortpflanzungszellen werden angegriffen, was erklärt warum nach den Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki abnorm viele Totgeburten beziehungsweise Kinder mit Missbildungen zur Welt kamen.
Schweitzer versuchte die Menschen seiner Zeit „wach zu rütteln“; ihnen die Augen zu öffnen, welche Gefahr von den Versuchsexplosionen ausging. Jeder weitere Atombombenabwurf würde die Gefahr erhöhen, deswegen ist es unbedingt notwendig, erneute Abwürfe zu verhindern.
Schweitzer hoffte, dass aufgrund der Sympathie, die die Menschen für ihn hegten, sich seine Mahnung im Geist der Menschen festsetzt.
4.5 „Der Atomkrieg steht vor der Tür“
Amerika begann als erstes Land Atomwaffen an die mit ihnen im Bund stehenden Länder zu verteilen. Denn durch die Entwicklung der Raketengeschosse konnten diese Länder zum strategisch günstigen Standpunkt werden, wenn es galt den Feind zu schlagen. Dies stellte für die Sowjetunion eine erneute Bedrohung dar. Amerika erhoffte sich mit dieser Strategie den Frieden durch Abschreckung zu erzwingen, jedoch konnte dieser im Kontext der allgemeinen atomaren Aufrüstung nicht aufrechterhalten werden.
Im Falle eines Atombombenangriffs waren schnelle Entscheidungen zur Gegenwehr gefordert Dies barg die Gefahr, dass im Falle eines irrtümlich angenommenen Atomangriffs es zu einem ungewollten Ausbruch eines Atomkriegs kommt.
4.6 Der Weg zu einem Abkommen gegen Versuchsexplosionen
Im Sommer 1957 verhandelten Amerika, England und die Sowjetunion über ein Abkommen gegen die Atomwaffentests, jedoch ergebnislos. Das Gleiche geschah bei der UNO Konferenz weil die Sowjetunion aufhörte sich am Geschehen zu beteiligen.
Der von der Sowjetunion vorgeschlagene Stopp der Versuchsexplosionen wurde von England und Amerika abgelehnt.
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Sie bestritten die von den Versuchsexplosionen ausgehende Gefahr und hatten keinen Grund die Versuche einzustellen, da die „Beruhigungspropaganda“ der Presse Wirkung zeigte. Die erhoffte Vorbildfunktion vom dem im Jahr 1957 unterbreiteten Vorschlag Polens, dass Polen, die Slowakei sowie Ost- und Westdeutschland atomwaffenfrei bleiben sollten, blieb aus.
Im Jahr 1958 planten einige amerikanische Wissenschaftler eine „saubere Wasserstoffbombe“ zu entwickeln. Sie sollte angeblich viel weniger radioaktive Teilchen haben. Die negative Begleiterscheinung an dieser geplanten Entwicklung war, dass die Versuchsexplosionen weitergeführt werden mussten. Aufgrund dieser Tatsache schrieben amerikanische Wissenschaftler in einer Zeitschrift, dass die „saubere Atombombe“ nicht für den Gebrauch, sondern einzig dafür bestimmt sei die Menschen zu beruhigen.
Das Ende der Beruhigungspropaganda markierte eine Erklärung von 9235 Wissenschaftlern am 13. Januar 1958. Sie gaben bekannt, dass der durch die Versuchsexplosionen entstehende radioaktive Staub eine ernstzunehmende Gefahr für alle Gegenden der Erde sei. Sie forderten das sofortige Versuchsende. 40 Jedoch sollte noch einige Zeit vergehen bis solch ein Abkommen geschlossen wurde. Die am 20. Februar 1958 gestellte Bitte Japans mit den Atombombentests aufzuhören lehnten die Großmächte ab. Die Presse und die Menschheit blieben teilnahmslos.
Im Oktober des Jahres kam es nach langer Zeit der Planung zu einer Konferenz der Atommächte in Genf. Ziel war es, eine andauernde, völlige Abschaffung der Atomwaffen zu erreichen. Erschwerend für diese Konferenz war, dass aufgrund des zurückliegenden Zweiten Weltkrieges kein Vertrauen unter den Teilnehmenden herrschte.
Es wurde ein Plan zur Überwachung der Versuchsexplosionen aufgestellt. Dieser Plan war aber nicht realisierbar. Die Atomwaffenmächte einigten sich darauf, bis auf weiteres, keine Versuchsexplosionen mehr durchzuführen.
Amerika führte dennoch unterirdische Versuchsexplosionen bis zum 1. September 1961 durch. Die Sowjetunion führte die Tests ober- und unterirdisch durch.
40 Vgl. Ebd. S. 59.
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Die Radioaktivität der Luft und des Wassers nahm in beunruhigender Weise zu und die Angst der Bevölkerung vor einem Atomkrieg wurde größer.
Am 25. Juli 1963 wurde das Moskauer Abkommen geschlossen. Teilnehmende Länder waren Amerika, England und die Sowjetunion. Sie einigten sich keine Versuchsexplosionen in der Luft beziehungsweise im Wasser mehr durchzuführen. Somit waren auch der Bau und die Weiterentwicklung neuer Atomwaffen unmöglich.
Albert Schweitzer sah in dem Moskauer Abkommen einen ersten und unumgänglichen Schritt auf dem Weg zum Frieden, nichtsdestoweniger sah er die Notwendigkeit von weiteren Abkommen für die Abschaffung bestehender Atomwaffen.
Eine mögliche Garantie der Einhaltung des Abkommens sah Albert Schweitzer im gegenseitigen Vertrauen der Partner. Dieses Vertrauen könne nur dann erreicht werden, wenn das Volk die Einhaltung des Moskauer Abkommens fordert. Der Volkswillen ist somit ein entscheidender Faktor in der Frage des Friedens und sein größter Feind ist der des Nationalismus. Doch wie erreicht man die Humanitätsgesinnung? Jeder hat die Fähigkeit in sich, sie muss nur „ans Licht gebracht“ werden. Für die Sicherung des Friedens bildet die Gesinnung des Friedens die Grundlage. Albert Schweitzer verwies ausdrücklich darauf, dass die Gesinnung des Geistes erreichbar ist und den vorherrschenden Zustand der Angst, Bedrohung und der stets bereit gehaltenen Mittel zur Selbstverteidigung ablösen soll. Der erste Schritt in diese Richtung war die Wiedergutmachung der Verbrechen die in den vergangenen Kriegen begangen wurden. Durch diese erste Form des Aufeinander zu Gehens würde das Vertrauen der Völker untereinander wieder aufgebaut werden. Dies bietet die Möglichkeit, Probleme vernünftig und angemessen zu regeln. Albert Schweitzer verweist auf die Worte des Apostel Paulus: „So viel an euch liegt, habt mit den Menschen Frieden.“ 41
41 Grabs Rudolf, Albert Schweitzer, Wegbereiter der ethischen Erneuerung, S. 32.
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5. Die Ehrfurcht vor dem Leben
5.1 Entstehung des Begriffs Ehrfurcht vor dem Leben
„Unsere Kultur macht eine schwere Krise durch.“ 42 Diese Worte Albert Schweitzers veranschaulichen seine Wahrnehmung des Zustandes der Kultur im ausgehenden 19. Jahrhundert. Von diesem Kulturniedergang war Schweitzer zutiefst berührt, was sein gesamtes Denken beeinflusste. Seine intensive Auseinandersetzung mit der Kulturphilosophie hatte ihren Anstoß 1899. Er war zu Gast bei der Witwe des Altertumsforschers Ernst Curtius in Berlin, als sich dort eines Abends einige Männer über ein Ereignis in ihrer Akademie unterhielten. Plötzlich ergriff einer der Männer das Wort und sagte „Wir sind ja doch alle nur Epigonen.“ 43 Diese Bemerkung sprach Schweitzer direkt aus der Seele 44 und bewegte ihn dazu, sich fortan mit seinem Werk „Wir Epigonen“ zu beschäftigen. Diese Schrift sollte den Menschen die Augen für den Kulturniedergang öffnen und war somit vorerst nur der Kulturkritik gewidmet. Auf Grund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs musste er seine Arbeit daran unterbrechen. Jedoch erweiterte Schweitzer 1915 sein Werk unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges um die Idee des Wiederaufbaus der Kultur. Die Rettung der Kultur vor ihrem Niedergang sah er darin, mittels einer Kulturweltanschauung, welche in der Welt- und Lebensbejahung besteht, die Vollkommenheit der echten Kultur wieder zu entdecken. 45 Das Wesen der Welt- und Lebensbejahung liegt in dem Willen, Fortschritte materieller und geistiger Art zu erlangen. Zum Aspekt der Lebensbejahung schreibt er: „Lebensbejahung ist die geistige Tat, in der er [der
Mensch] aufhört, dahinzuleben und anfängt, sich seinem Leben mit Ehrfurcht hinzugeben, um es auf seinen wahren Wert zu bringen.“ 46
42 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 97.
43 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 143.
44 Vgl. Ebd.
45 Vgl. Ebd. S. 146.
46 Ebd. S. 154.
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Doch nur durch das Einfließen der Ethik der Liebe Jesu Christi (Nächstenliebe) in diese Weltanschauung erhält sie ihre ethische Natur.
Die Welt- und Lebensbejahung basiert auf dem Willen zum Leben, welcher die Grundlage für sein ethisches Grundprinzip bildet( siehe 3.2.1).
Diese zum Ausgangspunkt gemachte Weltanschauung stellte ihn nun aber auch vor die Aufgabe, einen absoluten und umfassenden Begriff des Ethischen zu finden.
5.1.1 Das Erlebnis am Ogowe-Fluss
Im September 1915 wurde Schweitzer von Kap Lorenz nach N`Gômô zu einer erkrankten Missionsfrau gerufen. Dass diese Reise die Geburtsstunde des umfassenden Begriffs des Ethischen werden sollte, schwante ihm nicht. Ganz unverhofft sah er es plötzlich vor seinem geistigen Auge: Ehrfurcht vor dem Leben. „Das eiserne Tor hatte nachgegeben; der Pfad im Dickicht war sichtbar geworden. Nun war ich zu der Idee vorgedrungen, in der Welt- und Lebensbejahung und Ethik miteinander enthalten sind!“ 47 Schweitzer war schon von Kindheit an sehr naturverbunden. In all seinen Schriften und Briefen erkennt man seine stark ausgebildete Sensibilität für die Natur und alle Lebewesen. (Beispiel mit Vögel- Abschießen). Es ist wahrscheinlich, dass er befindlich im afrikanischen Dschungel von seiner tiefen Naturliebe zur Findung des Begriffs inspiriert wurde.
Jedoch gibt es auch andere Vermutungen zur Herkunft dieser Begrifflichkeit. 48
5.1.2 Begriff von Christian Wagner
Am 21. November 1987 fanden die Basler Albert Schweitzer Gespräche statt. Zu dieser Veranstaltung hielt Erich Gärstner einen Vortrag über „Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ und sagte aus, der Begriff sei schon Zwanzig Jahre vor
47 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 153.
48 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 58.
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Albert Schweitzer von Christian Wagner (Bauer und Dichter aus Warmbronn; 1835- 1918; verkündete „das Recht aller Wesen auf Leben und Freude) 49 entdeckt worden. Freilich wusste Schweitzer damals nichts von Wagners Begriffskombination, womit man ihm nicht den Vorwurf des Kopierens des Begriffes machen kann.
5.1.3 Inspiration durch Kant oder Goethe
Albert Schweitzer schrieb seine Dissertation zu Immanuel Kant. In seiner Schrift „Das Prinzip Vernunft“ schreibt Hans Jonas, Kant habe sich mit dem Gefühl der Ehrfurcht- nämlich der Ehrfurcht vor dem Gesetz- auseinander gesetzt. 50 Auch durch Johann Wolfgang von Goethes Begriffskombination „Ehrfurcht vor der Natur“ könnte Schweitzer zu seiner Begriffsfindung inspiriert haben. 51 In einem Brief an Fritz Buri am 14. Oktober 1947 äußert Schweitzer seine Freude über die hohe Wertschätzung, die Andere seiner Ehrfurcht vor dem Leben entgegenbringen. Er betont allerdings stark, dass der Begriff der Ehrfurcht vor dem Leben sein Gedankengut sei. „Es passiert mir öfters, dass ich in einem Buch oder in einer Zeitschrift den Ausdruck »Ehrfurcht vor dem Leben« finde, ohne dass der Autor sich darüber klar ist, daß er eine Neuschöpfung ist und von mir stammt. Also hat das Wort schon Kurs.“ 52
5.2 Grundlage und zentrale Begriffe der Ehrfurcht vor dem Leben
Der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben von Albert Schweitzer liegt die Frage nach dem Wesen des Sittlichen zu Grunde. Schon immer suchte er ein derartiges „Grundgesetz“ oder „Grundgebot“, das über allen anderen Gesetzen steht, welches Verallgemeinerungsfähig und für alle Menschen nachvollziehbar ist. Wie schon in
49 url: http://www.oekosophie.de/html/body_ehrfurcht_vor_dem_leben.html (15.07.2004; 20.11 Uhr) 50 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 57.
51 Vgl. Ebd.
52 Bähr, Hans Walter (Hg.):Schweitzer, Albert: Leben, Werk und Denken. 1905 – 1965. Mitgeteilt in seinen Briefen. S. 182.
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3.1 erwähnt, ist für Schweitzer die Welt- und Lebensbejahung der Schlüssel zur
wahren Ethik. Diese Welt- und Lebensbejahung gründet sich in dem Willen zum Leben in dem Menschen und um ihn herum.
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ 53 Somit ist der Kern seiner Ethik, allem Leben mit dem Willen zum Leben Ehrfurcht entgegenzubringen.
Diese Feststellung ist das Wesen und des Grundprinzips des Sittlichen, welches Schweitzer mehrfach ausweitet.
5.2.1 Das Grundprinzip des Sittlichen
Die ursprüngliche Fassung seines Grundprinzips des Sittlichen lautet „Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ 54 Die erste Erweiterung dieses Prinzips ist, dass der Mensch „[…] der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgendetwas Lebendigem Schaden zu tun.“ 55 Der Mensch soll somit alles Leben, ob Mensch, Tier oder Natur, als ehrwürdig erkennen, respektieren und helfend unterstützen.
Die zweite Erweiterung seines Grundsatzes lässt einige Missverständnisse aufkommen. „Als gut gilt ihm [dem Menschen]: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ 56 Doch was ist „entwickelbares Leben“? Welche Kriterien sollen darüber entscheiden, welches Leben als entwickelbar gilt und welches nicht? Zwar setzt sich Schweitzer mit diesem Kritikpunkt auseinander, doch gibt er keine konkrete Antwort. In einer Rede von 1952 wiederholte er diese Fassung seines Grundprinzips des Sittlichen fast
53 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 330.
54 Ebd. S. 331.
55 Ebd.
56 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 155.
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wörtlich, nur verzichtet er auf die missverständliche Bezeichnung „entwickelbares Leben.“ 57 Letztendlich reduziert er sein Prinzip nur auf den positiven Teil.
Er bezeichnet nun das Grundprinzip des Ethischen als „Hingebung an Leben aus Ehrfurcht vor dem Leben“. 58 Mit dieser präzisen und gekürzten Festlegung gelang ihm zugleich die Verbindung zu seinem absoluten Begriff der Ethik: Ehrfurcht vor dem Leben.
5.2.2 Hauptproblem des Sittlichen Handelns: Die Selbstentzweiung des
Menschen
Die Entstehung der Selbstentzweiung des Menschen benennt Schweitzer in einer Rede von 1952 als Ambivalenz der Welt, welche „Grausiges in Herrlichem, Sinnloses in Sinnvollem, Leidvolles in Freudvollem“ 59 ist. Schweitzer möchte damit ausdrücken, dass dadurch, das alles Leben Willen zum Leben besitz, ein immerwährender Kampf entsteht, weil meist ein Leben auf Kosten eines anderen besteht. Auf der einen Seite steht der Mensch also in Konflikt mit seiner Umwelt, will aber aus dem Anspruch aus sich selbst heraus Leben schützen und wahren. In seinen Betrachtungen über diese Selbstentzweiung geht er auch auf die theologischen Aspekte ein. So gibt es für den Gläubigen Menschen eine „zweifache Gotteserfahrung“: den Gott der Liebe und den Gott der Naturgewalten. Gott als Leben schaffende und zugleich Leben zerstörende Kraft. In der Theologie wird dieses Phänomen als Theodizee - Problem bezeichnet.
Theodizee beschreibt den Versuch, das Böse und schlechte in der Welt mit der Liebe, Gerechtigkeit und Güte Gottes in Einklang zu bringen. Um diese „zwei Gesichter Gottes“ zu verbinden, gebraucht Schweitzer ein beeindruckendes Gleichnis. Er vergleicht diesen Zustand mit dem Golfstrom im Ozean. Der Golfstrom als bewegtes und heißes Element befindet sich im Ozean, welcher kalt und unbewegt ist. Für den
57 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S.99.
58 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 328.
59 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 111.
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menschlichen Verstand sei auch dies eine Vereinigung von sich ausschließenden Materien, die jedoch in der Natur gemeinsam existieren. 60 So lässt sich auch im religiösen Kontext sagen: der Gott der Liebe und der Gott der Naturkräfte sind Eins, nur sehr verschieden.
Gerhard Gansterer schreibt, Schweitzer weiche dem Theodizee-Problem allerdings aus und verweise darauf, dass die Menschen dieses Rätsel der Welt nicht lösen könnten aber versuchen sollten, sich anders zu verhalten und anders zu handeln.
5.2.3 Das Aufmerksamwerden auf die Erfurcht vor dem Leben
Doch wie kommt Schweitzer von der Erkenntnis des Willens zum Leben als Basis seiner Ethik zu diesem Grundprinzip und somit zur Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben? Er entwickelt vier Vermittlungsschritte 61 des Erkennens vom Lebenswillen hin zur Ehrfurcht vor dem Leben. Diese sind das Staunen, das Erleben, das Denkend-Werden und die Mystik.
5.2.3.1 Das Staunen
Im Nachsinnen über sich und die Welt gerät der Mensch oft an seine Grenzen und steht vor dem Rätsel des Lebens.
Dieses Rätseln lässt den Menschen immer wieder darüber erstaunen, wie geheimnisvoll und unbegreiflich unsere Welt und unser Leben ist. Er ist bestrebt, das ihn Umgebende zuerkennen und doch bleibt ihm oft nur das Darüber-Staunen. Der Begriff des Erkennens bringt uns zur nächsten Vermittlungsinstanz, denn „ Alles wahre Erkennen geht in Erleben über.“ 62 Wer also versucht, das ihn Umgebende zu erkennen, erlebt es zugleich mit.
60 Vgl. Ebd. S. 113.
61 Vgl. Ebd. S. 89 ff.
62 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 329.
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5.2.3.2 Das Erleben
„Das zum Erleben werdende Erkennen lässt mich der Welt gegenüber nicht als rein erkennendes Subjekt verharren, sondern drängt mir ein innerliches Verhältnis zu ihr auf.“ 63 Durch das Miterleben alles Lebendigen erkennt der Mensch seine Aufgabe dem anderen Leben gegenüber und fühlt sich überdies gezwungen, dieses zu erhalten und zu fördern. Der Aspekt des Denkend-Werdens ergibt sich aus der Synthese von Staunen und Erleben.
5.2.3.3 Das Denkend-Werden
Das Denkend-Werden meint das tatsächliche und notwenige Erkennen der in jedem Menschen enthaltenen Ehrfurcht vor dem Leben.
„Wird der Mensch denkend über das Geheimnisvolle seines Lebens und der Beziehungen, die zwischen ihm und dem die Welt erfüllenden Leben bestehen, so kann er nicht anders, als daraufhin seinem eigenen Leben und allem Leben […] Ehrfurcht vor dem Leben entgegen zu bringen […].“ 64 Nach Schweitzer impliziert somit das Denkend-Werden direkt und unmittelbar die Ehrfurcht vor dem Leben. 65
5.2.3.4 Die Mystik
Nach Schweitzer setzt die Mystik, sein vierter Vermittlungsschritt, dort ein, wo das Denken beim Geheimnis des Lebenswillens angekommen und somit an seiner Grenze ist.
„Das Wesen der Mystik ist ja, daß aus meinem unbefangenen, naiven Sein in der Welt durch das Denken über das Ich und über die Welt geistige Hingebung an den geheimnisvollen unendlichen Willen wird, der im Universum in die Erscheinung tritt.“ 66
63 Ebd. S. 330
64 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 222.
65 Vgl. Ebd.
66 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 90
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Es geht also darum, das Wissen um den Lebenswillen, der im Denken an seine Grenzen gestoßen ist, für sich selbst und für alle anderen Lebewesen anzuerkennen. All diese Schritte lassen uns Menschen die Ehrfurcht vor dem Leben in uns erkennen und aufkeimen. Doch sie bilden auch eine Einheit indem sie zum Teil ineinander übergehen und inhaltlich eng miteinander verbunden sind.
5.2.4 Das Erkennen der Ehrfurcht vor dem Leben
Eine wichtige Rolle bei Erkenntnisgeschehen der Ehrfurcht vor dem Leben spielen für Schweitzer die Begriffe Unmittelbarkeit, Nötigung und das natürliche Empfinden.
Mit dem ersten Begriff meint er die unmittelbare Einsicht in die Ehrfurcht vor dem Leben. „Ehrfurcht vor dem Leben, veneration vitae, ist die unmittelbarste und zugleich tiefste Leistung meines Willens zum Leben.“ 67 Gansterer vermutet an dieser Stelle, dass das Erlebnis am Ogowe-Fluss Schweitzer dazu veranlasst haben könne, diesen Punkt im Erkenntnisgeschehen als so wichtig zu erachten. Denn auch ihm kam bei diesem Ereignis der Begriff der Ehrfurcht vor dem Leben direkt und unmittelbar in sein Bewusstsein. 68 Mit dem Wort Nötigung meint Schweitzer an dieser Stelle das innere Genötigt-Fühlen des Menschen zur Liebe gegenüber anderen Menschen.
„Aus innerer Nötigung, um sich selber treu zu sein und mit sich selber konsequent zu bleiben“ 69 treten wir allen uns umgebenden Willen zum Leben mit Ehrfurcht gegenüber. Der dritte Aspekt ist der des natürlichen Empfindens. Dieses fordere die Ausweitung des Liebesgebotes auf alles Leben. 70 Mit anderen Worten: das natürliche Empfinden in uns Menschen impliziert die Ehrfurcht vor dem Leben; es liegt in unserer Natur, allem Leben Liebe und Respekt entgegen zu bringen.
67 Ebd. S.89
68 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 94 69 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S.89.
70 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 96.
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5.3 Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben
5.3.1 Begriff Weltanschauung
Schon immer wehrte sich Schweitzer gegen den Begriff der Weltanschauung als die Basis für eine Ethik. Sein Werk „Kultur und Ethik“ kritisiert zu einem großen Teil misslungene Welterklärungsversuche. Doch indem er den Begriff Weltanschauung mit „Ehrfurcht vor dem Leben“ verknüpfte, versteht man dies nicht mehr als eine Art Welterklärung, sondern als „geistige Überzeugung oder Gesinnung, die alles Denken, Entscheiden und Handeln des Menschen beeinflusst und prägt“ 71 Diese Art von Weltanschauung muss laut ihm optimistisch, das heißt lebensbejahend, und ethisch, das heißt auf die innere Vollendung des Menschen ausgerichtet sein. Durch diese Positivierung des Weltanschauungsbegriffes hat Schweitzer eine neue Basis für seine Ethik geschaffen. Seine Ethik ist somit nicht nur Ethik, sondern zugleich Weltanschauung.
5.3.2 Die Ziele der Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben
Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben verfolgt die Ziele der Schaffung von Humanität, Kultur und Frieden. Diese Ziele sind natürlich nicht getrennt voneinander zu sehen sondern bilden eine Einheit, in der eines das andere bedingt.
5.3.1.1 Humanität
1966 wurde im Auftrag von Schweitzer ein Sammelband mit dem Titel „Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten“ veröffentlicht, der auch einen Text mit der Überschrift „Humanität“ beinhaltete. In diesem definierte Schweitzer Humanität als „das wahrhaft gütige Verhalten des Menschen zum
71 Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 123.
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Nebenmenschen“. 72 Indem ein Mensch zu einem anderen Menschen dieses gütige Verhalten zeigt, so Schweitzer, überträgt sich dies auch auf die gesamte Gesellschaft. Humanität soll nach ihm „[…]ein Sauerteig der Gesinnung der Einzelnen und der Gesellschaft“ 73 sein, was nur erreichbar ist, wenn viele Menschen „[…]in Gedanken und Handlungen Humanität mit der Wirklichkeit[…]“ 74 verbinden. Schweitzer meint damit, dass jeder einzelne Mensch dazu verpflichtet ist, jedes Leben, ob menschlich, tierisch oder pflanzlich, zu respektieren und helfend zu unterstützen.
5.3.1.2 Kultur
„Kultur: Schaffung und Erhaltung von Werten, materiellen und geistigen Werten, die dem Leben dienen.“ 75 Genauer betrachtet schreibt Schweitzer der Kultur die Aufgabe zu, den einzelnen Menschen vollkommen zu machen. Vollständige Kultur sieht er darin, „…daß alle an sich mögliche Fortschritte des Wissens und Könnens und der Vergesellschaftung der Menschen verwirklicht werden und auf die innerliche Vollendung des Einzelnen, als auf das eigentliche und letzte Ziel der Kultur, zusammenwirken.“ 76 Schweitzer versteht Kultur nicht als ein Weltgeschehen, sondern als das Erleben des Willens zum Leben in sich selbst. Der sich in möglichst zahlreichen Menschen herausformende Wille zum Leben, der sich aus den geistigen und materiellen Fortschritten der Menschheit entwickelt und der zur Anwendung kommt, ist Kultur. Durch dieses Verständnis von Kultur bedarf diese keiner Welterklärung, sondern hat aus sich allein heraus eine große Bedeutung für die Welt. 77
72 Ebd. S.83.
73 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 353.
74 Ebd.
75 Schweitzer, Albert: Ehrfurcht vor dem Leben. Gedanken und Stoff 1936. In: Günzler, Claus; Zürcher, Johann: Albert Schweitzer. Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. S. 463.
76 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 354.
77 Vgl. Ebd. S. 355.
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5.2.1.3 Der Frieden
Die fundamentalen Vorraussetzungen für den Frieden sieht Schweitzer in der Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben, deren angewandte Humanität und die daraus resultierende Kultur.
Gerhard Gansterer stellt den Zusammenhang dieser Gesinnungen in einem Schema dar, welches ich an dieser Stelle anführen möchte:
Es ist noch darauf zu verweisen, dass Gansterer betont, dass es nicht sicher ist, ob Schweitzer überhaupt große Differenzen zwischen den Inhalten dieser Gesinnungen sah. 79 Dass in seinen Augen Frieden nicht über Friedensbeschlüsse zu erreichen ist kommentiert er folgendermaßen: „Regeln über Friedensschlüsse, mögen sie noch so gut gemeint und noch so gut formuliert sein, vermögen nichts. Nur das Denken, das die Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben zur Macht bringt, ist fähig, den ewigen Frieden heranzuführen….“ 80 Frieden resultiert also aus der Ehrfurcht vor dem Leben, die jeder Mensch in seinem Inneren trägt.
78 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 128. 79 Vgl. Ebd.
80 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 368.
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5.4 Was ist die Ehrfurcht vor dem Leben?
Um zu verdeutlichen, was die Ehrfurcht vor dem Leben tatsächlich ist, möchten wir die einschlägigsten Aussagen Schweitzers dazu zitieren und diese zu erläutern. Das Grundprinzip des Ethischen bezeichnet Schweitzer als „Hingebung an Leben aus Ehrfurcht vor dem Leben“. 81 Immer wieder spricht er von Hingebung. Was versteht er darunter? Man könnte Hingebung auch als Nächstenliebe charakterisieren. Es geht darum, sich anderen Lebewesen helfend und unterstützend zu widmen. Ich möchte dies an einem Bibelzitat aus Mt 7, 12 erläutern: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ 82 Schweitzer sagt, jeder hat den Willen zum Leben in sich und somit auch den Wunsch, aus seinem Leben das bestmögliche zu machen. Alles, was der Einzelne tut und vermeidet, um dies zu erreichen, soll auch Maßstab für den Umgang mit seiner Umwelt sein. Denn jeder, der den Willen zum Leben von Natur aus in sich spürt ist sich auch bewusst, dass andere Lebewesen ebenso diesen Willen zum Leben in sich tragen.
In dieser Haltung, anderen Lebewesen helfend und unterstützend zu begegnen, sehen wir die Bedeutung der Hingebung.
Den Zusammenhang zwischen dem „Für Sich“ und dem „Für Andere“ handeln beschreibt er folgendermaßen: „Ehrfurcht vor dem Leben, die ich meinem Dasein entgegenbringe, und Ehrfurcht, in der ich mich hingebend zu anderem Dasein verhalte, greifen ineinander über.“ 83 Hier wird deutlich, dass Schweitzer auch an den einzelnen Menschen appelliert, den wirklichen Wert seines Lebens zu erkennen. Bevor der Mensch seinem eigenen Leben keine Ehrfurcht erweist wird er es kaum für andere Leben können. Diese Notwenigkeit sieht er durch die Lebensbejahung gelöst, zu welcher er 1936 folgende Gedanken festhält: „ Wir besitzen das Leben nicht, um uns davon abzuwenden oder es wegzuwerfen, sondern um es zu erleben. Lebensbejahung.“ 84
81 Vgl. 16
82 Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers 83 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 337.
84 Schweitzer, Albert: Ehrfurcht vor dem Leben. Gedanken und Stoff 1936. In: Günzler, Claus; Zürcher, Johann: Albert Schweitzer. Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. S. 463.
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Die Lebensbejahung, welche den Ausgangspunkt des Entwurfes seiner Weltanschauung darstellt, ist also zugleich eine der Vorraussetzungen der Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben „Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begreift […] alles in sich, was Liebe, Hingebung, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben bezeichnet werden kann.“ 85 Die hier mehrfach auftauchende Vorsilbe „Mit“ verstärkt die Betonung, dass Eigenschaften wie Leiden, Freuen und Streben in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben keine Eigenschaften sind, die das Individuum allein auf sich beziehen kann. Es kommt darauf an, diese auch anderen zu Teil werden zu lassen und ihnen zum Erleben dieser zu verhelfen.
Des Weiteren hebt Schweitzer mehrfach hervor, dass die Ehrfurcht vor dem Leben nichts ist, was plötzlich auftaucht. Sie ist da – dort, wo der Mensch die Welt untersucht; dort, wo er sie erkennen möchte. Im Gegensatz zu anderen Formen der Ethik hat die Ehrfurcht vor dem Leben ihr festes Grundprinzip des Sittlichen. „Die Ehrfurcht vor dem Leben aber, als etwas, das dem Denken immer gegenwärtig ist, durchdringt das Beobachten, Überlegen und Entschließen des Menschen stetig und nach allen Seiten.“ 86 Ein wichtiger Aspekt der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist darüber hinaus, dass sie die Hinwendung an das Leben auf Tiere und Pflanzen erweitert.
Albert Schweitzer formuliert ein Beispiel, indem diese unerbittliche Ehrfurcht vor allem Leben deutlich wird. „Der Landmann, der auf seiner Wiese tausend Blumen zur Nahrung für seine Kühe hingemäht hat, soll sich hüten, auf dem Heimweg in geistlosem Zeitvertreib eine Blume am Rande der Landstraße zu köpfen, denn damit vergeht er sich an Leben, ohne unter Gewalt der Notwendigkeit zu stehen.“ 87 Zwischen den Lebensformen Mensch, Tier und Pflanze macht Schweitzer in seiner Ethik keine Unterschiede. An diesem Beispiel wird auch wieder das Problem der Selbstentzweiung deutlich (siehe Punkt 3.2.2). Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben lässt hier keine Ausreden zu: Leben schädigen oder gar zerstören ist, unter welchen Umständen auch immer, schlecht. Sie überlässt dem Menschen selbst die
85 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 155f.
86 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 338.
87 Ebd. S. 340.
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Entscheidung, inwieweit er ethisch bleiben kann und wann er sich durch äußere Umstände genötigt fühlt, anderem Leben Schaden zuzufügen und somit schuldig zu werden. 88 Schweitzers Ethik fordert also Friedfertigkeit bis zum Äußersten. Überblickend kann man sagen, Ehrfurcht vor dem Leben ist eine dem Menschen von Natur aus verinnerlichte Ethik, die ihn über sein Nachdenken über die Welt immerfort dazu nötigt, an anderem Leben – einschließlich dem der Tiere und Pflanzen – teil zu nehmen, es helfend zu unterstützen und zu erhalten.
6. Schlussbemerkung
Nachdem wir uns nun mit Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben auseinander gesetzt haben sind wir zu der Einschätzung gelangt, dass diese in der heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft nicht realisierbar ist. Die Grenze der zu bedenkenden Notwendigkeit des Tötens von Tieren oder Pflanzen ist längst überschritten.
Aber auch wenn uns Schweitzers Ethik an einigen Stellen zu radikal erscheint, wie beispielsweise als er sich selbst als „Massenmörder der Bakterien, die mein Leben gefährden können“ 89 beschuldigt – seine Gedanken sind trotz allem äußerst wichtig für das friedliche Miteinander der Menschen. Boris Nossik schrieb 1987 einleitend zu seiner Schweitzer – Biographie: „Heute besteht die Existenzfrage der Menschheit darin, daß es gelingen muß, den Frieden zu erhalten. Von sicherem Frieden hängen Leben und Glück der Menschen ab.“ 90 Daran hat sich bis heute nichts geändert und somit ist auch Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben immer noch aktuell.
88 Ebd.
89 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 339 90 Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 7.
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7. Quellenverzeichnis
Bähr, Hans Walter (Hg.): Albert Schweitzer. Leben, Werk und Denken. 1905 – 1965. Mitgeteilt in seinen Briefen. Heidelberg, 1987.
Grabs, Rudolf: Albert Schweitzer. Wegbereiter der ethischen Forschung. Berlin, 1965.
Günzler, Claus; Zürcher, Johann (Hg.): Albert Schweitzer. Die Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III. Erster und zweiter Teil. München, 1999. Günzler, Claus; Zürcher, Johann (Hg.): Albert Schweitzer. Die Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III. Zweiter und dritter Teil. München, 2000. Hunold, Gerfried (Hg.): Gerhard Gansterer: Die Ehrfurcht vor dem Leben. Frankfurt am Main, 1997.
Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. Ein Leben für die Menschlichkeit.
9. Auflage. Leipzig, 1987.
Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. Leipzig, 1957. Schweitzer, Albert: Friede oder Atomkrieg. München, 1981. Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. München, 1990.
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Saskia Tiedemann, 2004, Albert Schweizers "Ehrfurcht vor dem Leben", Munich, GRIN Publishing GmbH
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