Danksagung
Mein besonderer Dank gilt vor allem drei Personen, die ich vorweg anführen möchte: Der größte Dank gebührt Karl, der mich überhaupt erst ermutigt hat, mein Studium wieder aufzunehmen und zu beenden und der mich in der Phase des Verfassens der Diplomarbeit immer wieder durch seinen steten Zuspruch unterstützt hat.
Weiters möchte ich mich bei Gaby und Alfred für das Gegenlesen meiner Arbeit sowie die wertvollen Verbesserungsvorschläge und die regelmäßigen Gespräche bedanken, die mir eine große Hilfe waren auf dem Weg zum Ende meines Studiums.
Ein großes Dankeschön gilt auch meinem Mann Andreas, der sich in Geduld üben musste, da ich einen großen Teil meiner Freizeit dem Studium widmete, um vorwärts zu kommen. Des Weiteren möchte ich mich bei meinem Chef Dr. Schiller und bei meiner Arbeitskollegin Andrea bedanken, die es mir ermöglicht haben, mein Studium wieder aufzunehmen, indem sie die vielen Fehlstunden, die dadurch entstanden sind, in Kauf genommen haben. Und zuletzt möchte ich all jenen einen Dank aussprechen, die in der Phase der Exposéerstellung der vorliegenden Diplomarbeit meine Arbeit gegengelesen haben und mir konstruktive Kritik zukommen haben lassen. EIN HERZLICHES DANKE!!!!
2
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort 5
Einleitung 6
1. August Aichhorns Verständnis von pädagogischem Handeln, bezogen auf die Arbeit
mit „verwahrlosten“ Kindern und Jugendlichen. 15
1.1 Ausgangslage August Aichhorns. 15
1.2 Der Begriff Verwahrlosung bei August Aichhorn 19
1.2.1 Differenzierung von „latenter Verwahrlosung“ und „manifester Verwahrlosung“19
1.2.2 Neurotische Grenzfälle mit Verwahrlosungserscheinungen vs. Verwahrloste, die in
einem offenen Konflikt mit der Umwelt stehen. 21
1.2.3 Die Annahme des Unbewussten. 24
1.2.4 Die Bedeutung des Über-Ichs 25
1.2.5 Lustprinzip und Realitätsprinzip 29
1.3 Erziehungsziele aus Aichhorns Sicht. 30
1.3.1 „Kulturfähigkeit“ im Sinne von Aichhorn 30
1.4 „Erziehungsmittel“ bzw. Forderungen an Erzieher aus Aichhorns Sicht 34
1.4.1 Die positive Übertragung 36
1.4.2 Absolute Milde und Güte 45
2. Marian Heitgers Verständnis von pädagogischem Handeln. 54
2.1 Ausgangslage Marian Heitgers. 54
2.2 Erziehung in Bezug auf Verwahrlosung bei Marian Heitger. 56
2.3 Erziehungsziele vs. Prinzipien aus Heitgers Sicht 57
2.3.1 Selbstbestimmung und Mündigkeit. 60
2.3.2 Argumentativer Dialog. 62
2.3.3 Takt. 64
2.4 Erziehungsmittel aus Heitgers Sicht 66
3. Gegenüberstellung der Gesichtspunkte Aichhorns und Heitgers bezüglich bestimmter
Parameter pädagogischen Handelns 71
3.1 Unterschiede und Gemeinsamkeiten bzgl. der Gesichtspunkte Aichhorns und Heitgers,
worauf pädagogisches Handeln innerhalb der Erziehung abzielt 71
3.2 Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Sichtweisen Aichhorns und Heitgers bzgl. der
Verwendung von Erziehungsmitteln. 73
3
3.3 Aichhorns und Heitgers Sicht auf Manipulation bzw. Fremdbestimmung innerhalb der
Erziehung 75
4. Kann Aichhorns Handeln - wenn man Heitgers Prinzipien folgt - als „pädagogisch“
angesehen werden? 79
4.1 Differenzierung der Begriffe „vorpädagogisch“ und „pädagogisch“ 80
4.2 Kann Aichhorns Handeln als Handeln im „vorpädagogischen Raum“ nach Heitger
angesehen werden? 83
5. Weiterführende Gedanken, die sich aus der Beantwortung der Forschungsfragen
ergeben 87
5.1 Pädagogisches Handeln und seine Begründbarkeit durch die Orientierung an
Prinzipien wie Selbstbestimmung und Mündigkeit. 87
5.2 Das Nicht-Anwenden von Erziehungsmitteln bzw. manipulationsfreies Handeln 88
5.3 Der Übergang zwischen einem Handeln im „vorpädagogischen“ bis zu einem im
„pädagogischen“ Wirkungsfeld. 89
6. Literaturverzeichnis. 92
4
Vorwort
Im Rahmen eines einmonatigen Einsatzes beim Verein der Wiener Jugenderholung mit sozial vernachlässigten und dissozialen Kindern habe ich als Erzieherin bemerkt, wie schwierig es ist, über einen längeren Zeitraum hinweg solchen Kindern mit einem pädagogisch gerechtfertigten Verhalten entgegenzutreten. In Gesprächen mit anderen ErzieherInnen wurde mir klar, dass deren Herangehensweise an Probleme mit den Kindern - das Phänomen der Verhaltensauffälligkeit bzw. Verwahrlosung betreffend - völlig unterschiedlich war. Einige von ihnen hielten es für angebracht, die Kinder zu bestrafen oder sie anzuschreien. Diese Methoden wurden also angewandt von ErzieherInnen, die kurzfristige Erfolge erzielen wollten, aber nicht an die nachhaltige Wirkung dieser Erziehungsmittel dachten. Es stellte sich für mich die Frage, wie mit solchen Kindern - auch in schwierigen Situationenumgegangen werden kann, sodass für die Kinder selbst eine Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit möglich wird und sie nicht nur Verhaltensweisen, die sie in ihrem eigenen Umfeld erlernt haben wiederholen und Einstellungen, die sie sich selbst und ihrer Umwelt gegenüber erworben haben, durch solche Verhaltensweisen bekräftigt werden. Diese Überlegungen führten mich dazu, mich mit August Aichhorns Arbeit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig besuchte ich an der Universität Vorlesungen über Pädagogik im Allgemeinen und lernte u.a. Marian Heitger und seinen Zugang zur Pädagogik kennen und stellte mir die Frage, ob die Ansichten zweier Pädagogen aus unterschiedlichen Bereichen der Pädagogik miteinander vereinbar sind.
Aus diesen Überlegungen heraus resultiert die vorliegende Diplomarbeit, die die Gesichtspunkte pädagogisches Handeln betreffend von August Aichhorn und Marian Heitger vergleicht und überprüft, ob Aichhorns Handeln in der Arbeit mit verwahrlosten Kindern und Jugendlichen aus dem Blickwinkel von Heitgers Prinzipien als pädagogisch angesehen werden kann.
5
Einleitung
August Aichhorn 1 arbeitete mit verwahrlosten 2 Kindern und Jugendlichen. Er war Fürsorgeerzieher und hatte mit dem Phänomen der Verwahrlosung 3 sowohl in Fürsorgeerziehungsheimen als auch im Rahmen der Erziehungsberatung zu tun. Sein Wirken fand zunächst vorwiegend in der Praxis statt. Er ist in seiner Arbeit im Rahmen der Fürsorgeerziehung einen ungewöhnlichen Weg gegangen, indem er intuitiv erzieherisch anders handelte als es zu seiner Zeit üblich war, und forderte bei bestimmten Verwahrlosungsformen - so auch bei einer Gruppe von äußerst aggressiven Jugendlichenvon Erziehern 4 als Erziehungsmaßnahme „absolute Milde und Güte“ gegenüber den Zöglingen (vgl. Aichhorn 1925, 144ff.). Später hielt er Vorträge, in denen er sein Handeln anhand psychoanalytischer Theorieelemente rechtfertigte. Diese Referate sind im Buch „Verwahrloste Jugend“ (Aichhorn 1925) niedergeschrieben, das bis zur heutigen Zeit weite Verbreitung findet. Aichhorns Ziel in der Fürsorgeerziehung war es, die Verwahrlosten zur „Kulturfähigkeit“ zu bringen. Das Kind solle von der „primitiven Realitätsfähigkeit“ mit Hilfe der Erziehung zur „Kulturfähigkeit“ gelangen, die es ihm ermöglicht, sich in die Gesellschaft zu integrieren. In einem eigenen Kapitel über die Erziehungsziele bei Aichhorn werde ich auf dieses spezielle Ziel genauer eingehen. Mit seinen Worten lässt sich zusammenfassen: „Der Säugling … verlangt sehr vernehmlich sofortige Befriedigung seiner Bedürfnisse und wehrt sich heftigst gegen jede Unlust. Im Heranreifen hat er sich so zu entwickeln, daß 5 er fähig wird, Lustgewinn aufzuschieben, auf Lustgewinn zu verzichten und Unlust zu ertragen; denn sonst ist ein Leben in der sozialen Gemeinschaft unmöglich. Auch alle geistigen und seelischen Fähigkeiten müssen sich so entfalten, daß das Kind in die Kulturgemeinschaft seiner Zeit hineinwächst, an deren Kulturgütern teilnimmt, sie erhält und nach Möglichkeit mithilft, sie zu vermehren“ (Aichhorn 1959, 136). Und in einem weiteren Zitat verdeutlicht er die Aufgabe der Erziehung, indem er sagt: „Das Leben allein, mit seinen das
1 Wenn ich im Folgenden von August Aichhorn spreche, werde ich ihn nur mit seinem Nachnamen nennen.
2 Die Kinder, mit denen Aichhorn arbeitete und die als „verwahrlost“ bezeichnet wurden, zeigten
unterschiedliche Verhaltensweisen wie z.B. Stehlen, Lügen, Vagantentum. Er unterscheidet jedoch zwischen
den verschiedenen Ausprägungen der Verwahrlosung, denn Verwahrlosung kann auch mit Neurosen
gekoppelt vorkommen.
3 Mit der Kursivschreibweise möchte ich die unterschiedlichen Ausgangspunkte beider Pädagogen hervorheben.
4 Wenn ich im Folgenden von Erziehern spreche, sind sowohl Erzieher als auch Erzieherinnen damit gemeint.
Da aber in den meisten Werken Aichhorns und Heitgers noch einheitlich von Erziehern die Rede ist, werde
ich diesen Begriff genauso verwenden, damit für den/die LeserIn keine Verwirrung entsteht.
5 Da die Zitate von Aichhorn und Heitger aus Jahren stammen, in denen es die neue Rechtschreibreform noch
nicht gab, finden sich diesbezüglich immer wieder Worte in alter Schreibweise.
6
Einzelindividuum recht wenig berücksichtigenden Konstellationen, reicht dazu nicht aus, es bedarf noch jener Einflußnahme von seiten der Erwachsenen, die Erziehung heißt. … Das Leben selbst erzwingt mit seinen Anforderungen die primitive Realitätsfähigkeit, die Erziehung erweitert diese zur Kulturfähigkeit“ (Aichhorn 1925, 12). Um Anhaltspunkte für ein pädagogisches Handeln - dieses Ziel betreffend - zu finden, richtet Aichhorn sein Augenmerk auf die Entwicklungstheorie und auf das Instanzenmodell von Sigmund Freud (vgl. Freud 1923) und versucht mit Hilfe von letzterem eine Darstellung des Kräfteverhältnisses von Es, Ich und Über-Ich - wie es bei verwahrlosten Jugendlichen bestehen kann - zu geben. Aus der jeweiligen Gewichtung dieser drei Anteile leitet sich nach Aichhorn das geforderte Verhalten des Erziehers ab.
Im Rahmen meines Studiums bin ich zudem immer wieder auf Marian Heitgers 6 Prinzipien gestoßen, die in der Pädagogik als Wissenschaft immer wieder zu wertvollen Diskussionen führen. Aus diesem Grund möchte ich auf seine Prinzipien näher eingehen und seine Gesichtspunkte pädagogisches Handeln betreffend mit denen Aichhorns vergleichen. Heitger ist ein Vertreter der Prinzipienwissenschaftlichen Pädagogik und vermittelt sein pädagogisches Wissen vorwiegend in der Lehre der Erziehungswissenschaft an Universitäten sowie in seinen Schriften. Er setzt sich mit Pädagogik im Allgemeinen auseinander und formuliert Prinzipien, deren Beachtung ein Handeln - aus Heitgers Sicht - erst zu einem pädagogischen Handeln macht. Seinen Ausführungen zufolge haben diese Prinzipien einen allgemeinen Geltungsanspruch für die Pädagogik. Heitger formuliert das Ziel pädagogischen Handelns wie folgt: „Die Erziehung richtet sich auf ein Verhalten und eine Haltung, die dem Sollen gehorcht, d.h. nicht schon durch naturhaftes Wachsen gerechtfertigt ist; die auch einmal gegen die eigenen Neigungen und Wünsche gerichtet sein kann, die vielleicht auch Schmerz bereitet und Anstrengung fordert, die aber um des ethischen Anspruches willen in Kauf genommen werden muß“ (Heitger 1994, 126). Auch in diesem Zitat klingt an, dass gesellschaftliche Normen den Maßstab für das Ziel bilden, das mit Hilfe der Erziehung erreicht werden soll. Um dieses Ziel erreichen zu können, bezieht sich Heitger auf die Transzendentalphilosophie und nennt - wie schon zuvor erwähnt - Prinzipien, die ihm zufolge für den Pädagogen und sein Handeln jederzeit und unbedingt Geltung haben.
6 Auch bei Marian Heitger werde ich im Folgenden nur seinen Nachnamen nennen.
7
Die Ausgangspunkte der beiden Pädagogen, unter welchen Gesichtspunkten erzieherisches Handeln als solches geltend gemacht werden kann, sind demnach unterschiedlich. Und doch vertreten beide die Ansicht, dass es wichtig für Pädagogen ist, mit Hilfe eines bestimmten theoretischen Hintergrundes pädagogisches Handeln auch rechtfertigen zu können. Aichhorn nimmt hierfür die psychoanalytische Theorie zu Hilfe, während Heitger den transzendentalphilosophischen Zugang wählt. Das Erziehungsziel beider nimmt die Gesellschaft mit ihren Forderungen nach Sozietät mit in ihre Betrachtungen hinein. Es besteht also auch hier eine Überschneidung des Geltungsanspruchs ihrer Ausführungen. Ich werde nun im Folgenden die Umstände, aus denen sich die Forschungsfrage meiner Diplomarbeit ergibt, näher erörtern.
Die Sozialpädagogik ist ein Teilbereich der Pädagogik, in den auch die Fürsorgeerziehung 7 fällt. Aichhorns Arbeit mit verwahrlosten Kindern und Jugendlichen bewegte sich in diesem Bereich, den ich im Rahmen meiner Diplomarbeit genauer betrachten möchte, weil er durch die besondere Situation, in der sich Erzieher und Zögling befinden, interessante Einblicke in die Schwierigkeit der Erziehertätigkeit allgemein bietet und auch für die wissenschaftliche Begründbarkeit pädagogischen Handelns wichtigen Diskussionsstoff liefern kann. Für meine Arbeit wähle ich deshalb Aichhorn aus, weil er einen besonderen Stellenwert in der Sozialpädagogik erhielt, indem er als einer der ersten Pädagogen versuchte, mit Hilfe psychoanalytischer Theorieelemente das Phänomen der Verwahrlosung zu erklären. Diese zog er im Weiteren für die Begründung seines zuvor in der Fürsorgeerziehung und im Rahmen von Erziehungsberatungen intuitiv gesetzten Verhaltens heran. Seine Ausführungen erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, stellen demnach auch keine „Theorie der Verwahrlosung“ im engeren Sinne dar. Und doch hat er mit diesen Überlegungen und Schlussfolgerungen einen wichtigen Schritt in diese Richtung geleistet. Er hat in dem Buch „Verwahrloste Jugend“ Elemente der psychoanalytischen Theorie mit einigen Falldarstellungen aus der Erziehungsberatung und aus Fürsorgeerziehungsheimen zusammengeführt und ist damit ein Wegbereiter für die Etablierung der Psychoanalytischen Pädagogik innerhalb der Erziehungswissenschaft allgemein geworden. Dieser Teilbereich der
7 Damals sprach man von Fürsorgeerziehung. Heute würde dieser Begriff am ehesten der Heimerziehung
entsprechen, wobei sich die Bedingungen dafür stark geändert haben. Darauf möchte ich aber nicht eingehen,
weil ich mich auf Aichhorn und sein Handeln zu seiner Zeit konzentrieren möchte.
8
Pädagogik befindet sich in einer Entwicklung, die auch heute noch lange nicht zu Ende ist. Einer der Ausgangspunkte hierfür liegt jedoch in der Arbeit Aichhorns. Um zu überprüfen, ob seine Gesichtspunkte, pädagogisches Handeln betreffend, innerhalb der Pädagogik auch für einen Vertreter der Allgemeinen Pädagogik Geltung haben können, ziehe ich Heitger hinzu, dessen Zugang, pädagogische Themen betreffend, ein philosophischer ist. Er setzt sich eingehend mit allgemeinen Fragen der Pädagogik auseinander und lässt in seinen Theorien keinen Zweifel daran, dass pädagogisches Handeln - aus seiner Sicht gesehen - erst unter bestimmten Voraussetzungen „pädagogisch“ genannt werden darf. Die Bedingungen, die ihm zufolge erfüllt sein müssen, gelten auch für jede Erziehungssituation. Ich werde demnach in meiner Diplomarbeit Heitgers philosophischen Zugang zu pädagogischen Themen Aichhorns psychoanalytischem Ansatz pädagogisches Handeln betreffend gegenüberstellen, um zu überprüfen, ob dessen erzieherisches Handeln auch aus der bildungsphilosophischen Sicht Heitgers pädagogisch genannt werden kann. Aichhorn beschäftigt sich intensiv mit psychoanalytischen Theorieelementen, die sein erzieherisches Verhalten rechtfertigen können. In seinen Publikationen geht er jedoch kaum auf allgemeine Fragen der Pädagogik ein, sondern richtet sein Augenmerk - geprägt durch seine Tätigkeit in der Fürsorgeerziehung - vorwiegend auf das Phänomen der Verwahrlosung. Obwohl Heitger sich mit Fragen der Sonder- und Heilpädagogik und der Psychotherapie auseinandergesetzt hat und auch das Phänomen der Verwahrlosung bzw. Verhaltensauffälligkeit in seine Betrachtungen mit einbezieht, fehlt jedoch in seinen Ausführungen ein konkreter Verweis auf die Schriften Aichhorns. Beide Pädagogen konzentrieren sich für die Begründung pädagogischen Handelns lediglich auf ihre jeweiligen Anschauungen. Eine Gegenüberstellung der Gesichtspunkte verschiedener Teilbereiche innerhalb der Pädagogik war in ihren Ausführungen jedoch nicht Gegenstand der Betrachtung.
Weiters ist festzuhalten: Es gibt zwar einige Forschungsarbeiten (vgl. Kazak 2003; Schopf 2002; Forstner 1997), die sich intensiv mit Aichhorns Methodik und seinem Bild der Verwahrlosung auseinandersetzen, eine Gegenüberstellung mit Theorien von Vertretern der Allgemeinen Pädagogik, die Gesichtspunkte für pädagogisches Handeln betreffend, ist in der
9
Literatur jedoch nicht zu finden. Dieser Umstand führt mich nun dazu, mich dieser ausgewählten Forschungslücke zu widmen.
Folgt ein Pädagoge als Leser nun den Ausführungen Aichhorns in seinem Buch „Verwahrloste Jugend“, wird er vielleicht den Erklärungen und Motiven für dessen Handeln zustimmen. Es erhebt sich jedoch die Frage, ob Aichhorns Handeln auch unter anderen Gesichtspunkten wissenschaftlich begründbar ist. Aichhorns Praxisfeld war das der Fürsorgeerziehung, während Heitgers Wirken in der Weitergabe von pädagogischer Lehre besteht. Da Aichhorn und Heitger allerdings beide als Pädagogen zu bezeichnen sind und beide pädagogisches Handeln zu begründen versuch(t)en, liegt der Schluss nahe, dass es Überschneidungspunkte innerhalb ihrer Theorien gibt. Um dies zu untersuchen, werde ich die theoretischen Grundannahmen Heitgers näher beleuchten und den Umgang mit verwahrlosten Kindern und Jugendlichen mit Hilfe seines philosophischen Ansatzes betrachten. Heitger beschränkt sich in seinen Theorien nicht nur auf einen Teil der Erziehungswissenschaft, sondern nimmt den gesamten Bereich der Pädagogik ins Blickfeld. Er beschreibt Prinzipien, die seiner Meinung nach den Anspruch haben, für alle Erzieher zu gelten. Nach diesen Prinzipien muss sich jeder Pädagoge richten, wenn er pädagogisch handeln will. Tut er das nicht, so kann sein Handeln nicht als „pädagogisch“ gewertet werden. Aus diesem Verständnis heraus stellt sich nun die Frage, ob denn Aichhorns Handeln - wenn man es mit Heitgers Ausführungen in Verbindung setzt - noch als pädagogisches Handeln zu betrachten ist. Dieser Frage werde ich im Rahmen einer Gegenüberstellung der beiden Pädagogen auf den Grund gehen.
Aichhorns Position hinsichtlich pädagogischen Handelns bezieht sich vorrangig auf den Bereich der Verwahrlosung. Heitgers pädagogische Ausführungen sind allgemein formuliert und betreffen die gesamte Pädagogik. Ich werde die Aussagen beider Pädagogen in Hinblick auf das Verhalten von Erziehern vergleichen, um mögliche Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwischen den beiden Ansätzen herauszuarbeiten. Es ist jedoch durch die unterschiedliche Ausgangslage der beiden und die verschiedenen Theorien, die sie für die Begründung ihrer Thesen zu Hilfe nehmen, anzunehmen, dass die Übereinstimmung bezüglich der Ergebnisse ihrer Begründungsversuche nur gering sein wird. Dieser Vermutung folgend, möchte ich meine Untersuchung ausweiten und - wie im vorigen Kapitel erwähntder Frage nachgehen, ob Aichhorns Handeln, den Theorien Heitgers zufolge, die für
10
pädagogisches Handeln die Beachtung der Prinzipien fordern, überhaupt dem Anspruch des „Pädagogischen“ genügt. Meine Fragestellungen lauten demnach: ● An welchen Gesichtspunkten hat sich pädagogisches Handeln in Bezug auf die Arbeit mit verwahrlosten Kindern und Jugendlichen nach August Aichhorn und Marian Heitger zu orientieren? ● Sind die Positionen der beiden bezüglich dieser Frage kompatibel? ● Ist Aichhorns Handeln - wenn man Heitgers Prinzipien folgt - als „pädagogisch“ anzusehen?
Es ergibt sich nun die Frage, welche Relevanz die Beantwortung dieser Fragestellungen für die Sozialpädagogik hat.
Wenn man die beiden pädagogischen Ansätze, erzieherisches Handeln zu betrachten, vergleicht, stellt sich die Frage, ob Aichhorns Handeln und seine Forderungen an Erzieher den Richtlinien Heitgers für pädagogisches Agieren gerecht werden oder ob es, wenn man dessen Prinzipien als Maßstab für pädagogisches Handeln heranzieht, als „nicht-pädagogisch“ bezeichnet werden muss. Heitger differenziert hierfür zwischen „pädagogischem“ und „nichtpädagogischem“ Handeln. Immer dann, wenn Erzieher ihr Verhalten nicht nach seinen genannten Prinzipien richten, sind sie nicht „pädagogisch“ tätig. Wenn es aus bestimmten Gründen, z.B. die Individuallage des Kindes betreffend, nicht möglich ist, erzieherisches Verhalten den Prinzipien entsprechend auszurichten, dies aber in weiterer Folge angestrebt wird, so nennt Heitger dies ein Handeln im „vorpädagogischen Raum“. Auf diese Unterscheidung werde ich in einem der Subkapitel näher eingehen, wenn ich Heitgers weitergehende begriffliche Trennung von „vorpädagogisch“ (vgl. Heitger 1976) und „pädagogisch“ in den Vordergrund rücke. Und auch hier werde ich versuchen, diese Unterscheidung mit den Methoden Aichhorns in Verbindung zu bringen, um zu überprüfen, ob Aichhorns Handeln - aus Heitgers Sicht - im Bereich des „vorpädagogischen Raumes“ anzusiedeln wäre. Je nachdem, wie die Beantwortung dieser Frage ausfällt, wäre Aichhorns Verhalten im Bereich der Sozialpädagogik aus Sicht eines anderen Teilbereiches, nämlich aus bildungsphilosophischer Sicht wie sie Heitger vertritt, als pädagogisches Handeln zu rechtfertigen oder in Frage zu stellen.
11
Die Differenzierung zwischen „pädagogischem“ und „nicht pädagogischem“ Handeln ist überdies eine Grundsatzfrage der Pädagogik als Wissenschaft. Ich werde mich in meiner Arbeit jedoch nur auf die Gegenüberstellung der Theorien Heitgers und Aichhorns beschränken.
Im Folgenden werde ich ausführen, mit welcher Methode ich an die Beantwortung meiner Forschungsfragen herangehe.
Um die in meiner Diplomarbeit angeführten Fragestellungen genau erörtern und beantworten zu können, werde ich mich vorwiegend auf Primärliteratur von Aichhorn und Heitger beziehen. Zur Veranschaulichung des pädagogischen Handelns Aichhorns werde ich aus dem Buch „Verwahrloste Jugend“ Falldarstellungen zitieren. Sie sollen im Weiteren dem Leser ein besseres Verständnis hinsichtlich Aichhorns Theoriebildung ermöglichen. Um einen weitgehend umfassenden Blick auf Heitgers Prinzipien zu bekommen, werde ich mich hierfür auf mehrere von ihm verfasste Bücher bzw. Aufsätze (siehe Literaturverzeichnis) beziehen. Bei der Gegenüberstellung der beiden Pädagogen und der Diskussion, ob Aichhorns Handeln - im Sinne Heitgers - mit Hilfe der Unterscheidung von „vorpädagogisch“ und „pädagogisch“ als Handeln im Bereich des „vorpädagogischen Raumes“ angesehen werden kann, werde ich zusätzlich noch Sekundärliteratur (z.B. Datler 1995) zu Hilfe nehmen. Ich werde nun die Gliederung meiner Diplomarbeit näher ausführen. Im ersten Kapitel werde ich zuallererst die Ausgangslage Aichhorns darstellen und den Begriff Verwahrlosung - wie ihn Aichhorn versteht - herausarbeiten. Im Weiteren werde ich ausführlich auf seine Arbeit mit Verwahrlosten eingehen. Er bezieht sich hierbei auf die individuelle psychische Situation des Kindes und konzentriert sich auf das Erkennen des Entwicklungsstandes des Über-Ichs des Kindes. In einem weiteren Schritt erläutere ich das von Aichhorn formulierte Erziehungsziel, die „Kulturfähigkeit“. In einem nächsten Subkapitel richte ich das Augenmerk auf die Forderungen Aichhorns an die Erzieher, mit welchen Erziehungsmitteln dieses Ziel erreicht werden soll. Dies sind u.a. die unbedingte Herstellung einer positiven Übertragungsbeziehung vom Kind auf den Erzieher, die - seinen Ausführungen nach - das wichtigste Moment für den Fürsorgeerzieher ist, um überhaupt pädagogisch tätig werden zu können. Als zweites Erziehungsmittel werde ich die von Aichhorn gegenüber einer speziellen Gruppe - nämlich die der „Aggressiven“ - geforderte „absolute Milde und Güte“
12
herausstreichen und erläutern. In meinen Ausführungen werde ich mich hierbei auf die Arbeit mit dieser bestimmten Gruppe von Jugendlichen im Fürsorgeerziehungsheim Oberhollabrunn beschränken. Ich nehme also von der Arbeit Aichhorns nur einen kleinen Teil seiner Klientel genauer unter die Lupe, damit ich später in meiner Arbeit einen kleinen Ausschnitt aus Aichhorns Arbeitsfeld aus dem Blickwinkel der Pädagogik als Wissenschaft ausführlich und kritisch betrachten kann. Zur Verdeutlichung, worauf es Aichhorn im Wesentlichen ankommt, werde ich einige Fallbeispiele aus dem Buch „Verwahrloste Jugend“ zitieren. Im zweiten Kapitel der Diplomarbeit werde ich zuerst Heitgers Ausgangslage beschreiben und dann den Begriff Verwahrlosung bzw. Verhaltensauffälligkeit laut Heitger skizzieren. Ebenso werde ich Heitgers Sicht auf Erziehungsziele beleuchten. Im Folgenden widme ich meine Aufmerksamkeit den Gesichtspunkten, nach denen sich pädagogisches Handeln laut Heitger zu orientieren hat. Ich werde in diesem Kapitel auf jene Prinzipien, die für meine Arbeit relevant erscheinen, näher eingehen. Es sind dies die Prinzipien der Selbstbestimmung und Mündigkeit, des argumentativen Dialogs und des Takts. Ich wähle diese Prinzipien aus, weil sie für Heitger fundamental sind und durch deren Beachtung der Blick auf das geforderte Verhalten der Erzieher besonders deutlich wird. In einem weiteren Schritt beschreibe ich die Position Heitgers zu Erziehungsmitteln.
Im dritten Kapitel stelle ich die in Kapitel 1 und 2 der Diplomarbeit herausgearbeiteten Gesichtspunkte Aichhorns und Heitgers - pädagogisches Handeln betreffend - gegenüber. Hierbei werde ich ihre Sicht auf Erziehungsziele und Erziehungsmittel miteinander vergleichen. Danach stelle ich das Thema der Manipulation aus der Sicht der beiden Pädagogen dar.
Anschließend werde ich im vierten Kapitel zuerst meine zentrale Forschungsfrage beantworten, ob Aichhorns Handeln - wenn man Heitgers Sicht über die notwendige Orientierung an seinen genannten Prinzipien folgt - „pädagogisch“ genannt werden darf. Es liegt die Vermutung nahe, dass dies nicht der Fall ist. Deshalb werde ich im darauf folgenden Subkapitel mit Hilfe der Unterscheidung zwischen den Begriffen „vorpädagogisch“ und „pädagogisch“, wie sie Heitger trifft, untersuchen, ob das Handeln Aichhorns und seiner Erzieher - zumindest in Heitgers tituliertem „vorpädagogischen Raum“ anzusiedeln wäre.
13
In einem abschließenden fünften Kapitel werde ich die in meiner Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassen und die sich daraus ergebenden bzw. noch offen gebliebenen Fragen, die einer weitergehenden Betrachtung bedürfen, herausstreichen.
14
1. August Aichhorns Verständnis von pädagogischem Handeln, bezogen auf
die Arbeit mit „verwahrlosten“ Kindern und Jugendlichen
In diesem Kapitel werde ich zunächst Aichhorns Ausgangslage beschreiben, um dann näher auf seine Arbeit mit verwahrlosten Kindern und Jugendlichen einzugehen. Ich werde herausarbeiten, welche Unterscheidung er bezüglich des Begriffs „Verwahrlosung“ vornimmt. Dies führt mich dazu, darauf einzugehen, welche Rolle das Über-Ich für die Entwicklung des Kindes aus Aichhorns Sicht hat. Des Weiteren werden Aichhorns Erziehungsziele beleuchtet, insbesondere die „Kulturfähigkeit“. In einem darauffolgenden Kapitel wird die Sicht Aichhorns auf Erziehungsmittel dargestellt und seine damit verbundenen Forderungen an Erzieher herausgestrichen. In meiner Arbeit werde ich aber das Augenmerk nur auf die Arbeit Aichhorns mit aggressiven Kindern und Jugendlichen richten und andere Arten von Verwahrlosung außer Acht lassen. Daher werde ich als „Erziehungsmittel“ sowohl die in jedem Fall geforderte Übertragungsbeziehung betrachten als auch die in diesem speziellen Fall von Aggressivität geforderte „absolute Milde und Güte“.
1.1 Ausgangslage August Aichhorns
August Aichhorn wurde 1878 in Wien geboren. Sein Vater hatte ein Bankgeschäft gegründet, seine Mutter eine Bäckerei übernommen. Nach Abschluss der Schule machte Aichhorn zuerst eine Ausbildung zum Lehrer im mathematischen Bereich, wurde jedoch schon im Jahr 1909 zum Zentraldirektor des Vereins zur Errichtung und Erhaltung von Knabenhorten bestellt. Ab diesem Zeitpunkt machte er eine Ausbildung an der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Universitätskinderklinik bei Prof. Lazar und widmete sich verstärkt der Jugendfürsorge. Er sagte hierzu: „... ohne psychologisches Wissen, aber aus einem sicheren Gefühl, war mir klar: wie man den Verwahrlosten sieht und wie er behandelt wird, k a n n n i c h t r i c h t i g s e i n. Und so, ohne Vorbildung, kam ich zum Verwahrlosten“ (Aichhorn A.; zit. nach Aichhorn T. 1976, 30).
In dieser Zeit, als die Zahl der Verwahrlosten durch den ersten Weltkrieg stark anstieg, war Erwin Lazar Dozent an der Wiener Universitätskinderklinik. Er brachte neue Gedanken in die Verwahrlostenpädagogik ein: Damals herrschte über weite Strecken die Sicht vor, dass
15
Verbrecher schon als solche geboren werden. Prichard prägte den Begriff der „moral insanity“, die auch als Ursache für Verwahrlosung galt. Lombroso nahm „... als erster wissenschaftliche Untersuchungen des Verbrechers vor. Der Verbrecher sei ein Degenerierter, der in seiner Entwicklung hinter dem entwicklungsgeschichtlichen Stand der Menschheit zurückgeblieben ist. Er könne seinem verbrecherischen Tun deshalb nicht Einhalt gebieten“ (Peters 1990, 316). Beide vertraten die Ansicht, dass Verwahrloste in Anstalten gesperrt und von Ärzten untersucht werden sollten; Pädagogik - so meinten sie - könne bei diesen Kindern nichts ausrichten. Lazar hingegen sprach nicht mehr vom „geborenen Verbrecher“, d.h. er nahm nicht an, dass Verwahrlosungserscheinungen genetisch determiniert seien, sondern er bezog die Umwelt in seine Betrachtungen über die Ursachen des Zustandekommens von Verwahrlosung mit ein. Aichhorn, ein Schüler von Lazar, ging schließlich noch viel weiter, indem er - wie schon zuvor erwähnt - nicht nur die Umwelt, sondern im Weiteren auch die jeweilige psychische Entwicklung des Kindes in seine Überlegungen mit einbezog. Die damalige Sicht der Fürsorgeerziehung in Bezug auf Verwahrlosung lässt sich mit Aichhorns Worten wie folgt beschreiben: „Wir Fürsorgeerzieher fassen den Verwahrlosten als krank auf, und sprechen von seiner Behandlung. Über den Arzt, der einen Kranken nach der Wirkung, die dessen Krankheit auf die Umgebung ausübt, behandeln wollte, würden wir uns lustig machen. Wir handeln aber solange nicht anders, als wir uns von der Wirkung nicht frei machen können, die die Verwahrlosungsäußerung auf den ausübt, der sie aushalten soll. Vielleicht gelingt uns selbst ab und zu eine affektlose Einstellung zum Verwahrlosten, unsere Maßnahmen richten wir aber zum größten Teil doch nach der Wirkung, die er auf andere ausübt. Wir fragen die Eltern, Verwandten, gehen in die Schule und zu Wohnungsnachbarn, um recht gründlich zu sein, übersehen dabei aber, daß alles erlangte Material vom Verwahrlosten nur aussagt, wie er auf seine Umgebung wirkt“ (Aichhorn A. 1926; zit. nach Aichhorn T. 1976, 60).
Dieser Betrachtung des Phänomens der Verwahrlosung wollte Aichhorn in seiner Arbeit entgegentreten. Er forderte deshalb Erzieher dazu auf, nicht primär die Wirkung des Verwahrlosten auf die Umgebung zu beachten, sondern nach Geschehnissen im Inneren des Kindes zu fragen. Um dieser - bezüglich des Blickpunktes - veränderten Betrachtungsweise folgen zu können, suchte er nach einer geeigneten psychologischen Theorie und fand später in der Psychoanalyse den ihm sinnvoll erscheinenden theoretischen Bezugsrahmen.
16
Aichhorn richtete im Jahr 1918 in einem ehemaligen Flüchtlingslager in Oberhollabrunn eine Fürsorgeerziehungsanstalt ein. Die meisten Kinder, die dorthin kamen, stammten aus zerrütteten Familienverhältnissen; viele von ihnen zeigten dissoziale bzw. kriminelle Verhaltensweisen (Diebstahl, Lügen ...). Das Durchschnittsalter der Zöglinge lag bei zwölf Jahren. Diese Anstalt wurde aufgrund von politischen Querelen zweieinhalb Jahre später geschlossen: „Als die Anstalt durch ihre Leistungen auffiel und vielseitige Beachtung fand, vermeinten die Juristen des Jugendamtes die Situation ausnützen zu können. Ein Magistratsoberkommissar versuchte für sich die Direktorstelle zu erlangen und mich, den man brauchte, auf die Stelle des pädagogischen Leiters zurückzudrängen“ (Aichhorn A.; zit. nach Aichhorn T. 1976, 33). Diese Kämpfe dauerten nicht lange; im Frühjahr 1921 wurde die Erziehungsanstalt in Oberhollabrunn aufgelöst. Hierzu ist zu sagen, dass diese 2½ Jahre lediglich als ein Experiment angesehen werden können, denn nach dem Schließen des Heimes wurden die Jugendlichen wieder in ihre alte Umgebung zurückgeführt, was eine hohe Rückfallquote in ihre alten Verhaltensweisen vermuten lässt. Interessant wäre auch, obwenn das Heim länger Bestand gehabt hätte - die Jugendlichen eine nachhaltige Verhaltensbzw. Einstellungsänderung erfahren hätten, sodass eine stabile Entwicklung ihres Selbst stattfinden hätte können. All dies können wir aber aus den Ausführungen Aichhorns nicht ableiten. Ich beschränke mich daher darauf, das vorliegende Material von ihm näher zu betrachten und einige seiner wichtigsten Ansatzpunkte herauszustreichen. In der Arbeit mit verwahrlosten Kindern und Jugendlichen verlangte Aichhorn von Erziehern ein enormes Umdenken und eine deutliche Veränderung ihres Bildes bezüglich Verwahrlosten. So schrieb Aichhorn: „Wir Erzieher sehen im Dissozialen einen Menschen, dessen seelisch erkrankter Organismus auszuheilen ist ... Jeder im Erziehungsdienst Tätige weiß, daß der Dissoziale nicht wieder zur gesellschaftlichen Einordnung kommt, wenn ihm Widerstände entgegengestellt werden, sondern daß dieser jederzeit und immer den Freund und Berater braucht, der liebevoll auf seine kleinen und kleinsten Bedürfnisse eingeht, seinen Schmerz teilt und sich mit ihm freut. Nicht jeder, der sich der Fürsorgeerziehung widmen will, ist imstande, diese unerläßliche Bedingung zu erfüllen. Wir müssen daher auch vom Erzieher ganz bestimmte Persönlichkeitswerte fordern“ (Aichhorn A.; zit. nach Aichhorn T., 1976, 40f.). Aichhorn stellte damit an Erzieher Forderungen, die für die damalige Zeit nicht üblich waren. Diese Forderungen werde ich im Kap. 1.6 nachzeichnen und durch ein konkretes Fallbeispiel veranschaulichen, wie sie lt. Aichhorn umzusetzen sind. Zu dieser Zeit gibt es nicht viele Pädagogen und Psychologen, die seine Ansichten über die
17
„Verwahrlostenfürsorge“ und die Maßnahmen, die er setzt, teilen. Er gilt daher als Pionier in diesem Tätigkeitsbereich.
1922 wurde Aichhorn ordentliches Mitglied der Psychoanalytischen Vereinigung. Er blieb dem Ansatz der Psychoanalyse treu und ließ aus ihr gewonnene Einsichten und Erkenntnisse in seine berufliche Tätigkeit einfließen. Nach und nach verlagerte er seine Arbeit auf den Bereich der Erziehungsberatung, was auch eine vermehrte Arbeit mit Eltern bedeutete. Im Jahr 1925 schrieb er das Buch „Verwahrloste Jugend“, in dem er u.a. seine in Oberhollabrunn gemachten Erfahrungen beschrieb und Verhaltensweisen - sowohl der Kinder als auch der Erzieher - aus psychoanalytischer Sicht interpretierte und kommentierte. Zu diesem Unterfangen sagte er selbst: „Und doch blieb mir klar: Erfolge aus einer Begabung sind Zufallstreffer, wichtig für den Einzelnen, aber völlig wertlos für den Ausbau einer Methode. Nur wenn es mir gelingt, theoretische Einsicht in die Berechtigung meines Handelns zu erlangen und wenn es mir möglich wird, es vor anderen zu begründen, kann ich hoffen, den Anfangsweg zu dieser Methode aufzufinden, von der ich nicht wußte, wie sie aussehen wird. Daher suchte ich weiter und kam in meinem Suchen zur Psychoanalyse: nicht um Psychoanaytiker zu werden, nicht um von der Schulbank her mir ein neues Wissensgebiet anzueignen; sondern mitten aus der Verwahrlostenfürsorge, um Hilfen zu finden im Kampfe gegen die Verwahrlosung; den Verwahrlosten zu begreifen, den Anfang einer Methode festzulegen, die es ermöglicht, den Verwahrlosten nicht mehr durch Gesellschaft und Staat verfolgen zu müssen, ihn aufzugreifen, einzusperren, zu verurteilen und dem Strafvollzug zuzuführen“ (Aichhorn A.; zit. nach Aichhorn T. 1976, 30).
Aichhorn hielt auch nach seinem Übertritt in den Ruhestand Vorlesungen und war sowohl im psychoanalytisch-pädagogischen Bereich als auch im Rahmen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bis zu seinem Tod im Jahr 1949 tätig.
Was Aichhorn konkret unter Verwahrlosung verstand und welche Formen der Verwahrlosung er unterscheidet, wird im folgenden Kapitel näher ausgeführt.
18
1.2 Der Begriff Verwahrlosung bei August Aichhorn
Zu Beginn dieses Kapitels möchte ich erwähnen, dass Aichhorn keine wissenschaftlich fundierte Einteilung der Verwahrlosungstypen erstellt hat. Er selbst erinnert in seinen Büchern „Verwahrloste Jugend“ und „Erziehungsberatung und Erziehungshilfe“ immer wieder daran, indem er z.B. im zweit genannten Buch nach einer Auflistung verschiedener Ausprägungen von Verwahrlosung sagt: „Ich stelle in meinem Vortrag nach meinem Plan nur ein Gerüst auf, mit dessen Hilfe der Bau erst ausgeführt werden muß von jenen, die nach mir kommen. Was ich Ihnen über die Verwahrlosten überhaupt … zu sagen habe, ist nicht das Ende, sondern der allererste Anfang, aber doch schon mehr als eine bloße Vermutung. Aber die endgültige Beweisführung fehlt mir noch“ (Aichhorn 1959, 175). Ich werde im Weiteren einige für diese Arbeit relevante Unterscheidungen Aichhorns von Verwahrlosung, herausnehmen und genauer beschreiben.
1.2.1 Differenzierung von „latenter Verwahrlosung“ und „manifester Verwahrlosung“
Mit Hilfe der psychoanalytischen Theorie lässt sich eine Unterscheidung zwischen Verwahrlosungserscheinungen treffen, die man mit dem Begriff „manifeste Verwahrlosung“ umschreibt, und der Verwahrlosung, die nicht offensichtlich zu erkennen ist und daher „latente Verwahrlosung“ genannt wird. In der Theorie der Psychoanalyse „... wird verschiedentlich das Wort ‚manifest‘ für das Sichtbarwerden von Äußerungen gebraucht, ‚latent‘, wenn derselbe Zustand ohne diese besteht. Scheiden wir durch Einführung dieser beiden Begriffe die Verwahrlosung in zwei Phasen, die latente und manifeste, so ist die der manifesten gegeben, wenn es zu Verwahrlosungsäußerungen kommt. Der Junge, der die Schule schwänzt, vagiert, stiehlt, einbricht, ist manifest verwahrlost; der andere, bei dem diese Art der Realitätsäußerungen, also die Verwahrlosungssymptome, fehlen, der aber die dazu notwendigen psychischen Mechanismen vorgebildet hat, ist in der Phase der latenten Verwahrlosung. Es bedarf dann nur mehr des entsprechenden Anlasses, um die latente in die manifeste überzuführen, die psychischen Mechanismen zum Ablauf zu bringen. Das gewöhnlich als Ursache Angeführte (Gesellschaft, Straße) erscheint damit zur Verwahrlosung ins richtige Verhältnis gebracht. Die Ursache der Verwahrlosung aufsuchen, heißt dann auch nicht, nachsehen, was die latente Verwahrlosung zur manifesten macht, sondern ergründen,
19
Arbeit zitieren:
Mag. Irene Grundler, 2008, Kann August Aichhorns Handeln aus der prinzipienwissenschaftlichen Perspektive Marian Heitgers als "pädagogisch" angesehen werden?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Selbstverletzendes Verhalten - eine Bewältigungsstrategie?
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 82 Seiten
Autoaggression bei Frauen - Hintergründe und ihre Auswirkungen
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 125 Seiten
Zu: Victor Hugos "Napoléon II". Eine Textanalyse
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 32 Seiten
Sonderpädagogik unter dem Aspekt betrachtet: Recht auf Bildung und Erz...
Integration als logischer Schl...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 16 Seiten
Menschenbild in der Heilpädagogik
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 14 Seiten
Wahrnehmungen und Beobachtungen der Organisation, Institution und Inte...
Seminararbeit, 28 Seiten
Die Bedeutung von Beziehungen mit Klientinnen mit Borderline-Persönlic...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 93 Seiten
Psychische Auffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 105 Seiten
Irene Grundler's Text Kann August Aichhorns Handeln aus der prinzipienwissenschaftlichen Perspektive Marian Heitgers als "pädagogisch" angesehen werden? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Irene Grundler hat den Text Kann August Aichhorns Handeln aus der prinzipienwissenschaftlichen Perspektive Marian Heitgers als "pädagogisch" angesehen werden? veröffentlicht
Irene Grundler hat einen neuen Text hochgeladen
August Aichhorn, Pionier der psychoanalytischen Sozialarbeit
Pionier der psychoanalytischen...
August Aichhorn, Thomas Aichhorn
Grenzen der Freiheit - Bedingungen des Handelns - Perspektiven des Sch...
Konsequenzen neurowissenschaft...
Grischa Detlefsen
Kirche und unternehmerisches Handeln - neue Perspektiven der Dialogarb...
Johannes Rehm, Sigrid Reihs
Perspektiven für pädagogisches Handeln
Eine Einführung in Erziehungsw...
Elke Nyssen, Bärbel Schön
0 Kommentare