Heinrich-Heine Universität Düsseldorf
Philosophische Fakultät
Ostasieninstitut, Lehrstuhl Modernes Japan
Sommersemester 2007
Hauptseminar Kolonialismus
Der Japanische Kolonialismus
Versuch einer Einordnung am Beispiel HokkaidÀs und Taiwans.
Seminararbeit vorgelegt von:
Daniel Lachmann
Magisterhauptfach: Modernes Japan
Magisternebenfach: Neuere und Neueste Geschichte
und Wirtschaftsgeschichte
2
Einleitung...3
1.
Japan als Objekt der Kolonisation...5
1.1. Die Ungleichen Verträge Japan wird Teil des ,,informal empire" der
Westmächte...5
1.2. Die Konstruktion des modernen Nationalstaates als Selbstbehauptungsakt und
das veränderte Verhältnis zu Asien...6
2.
Japan als Kolonisator Formen, Strukturen, Ideologien...11
2.1.
HokkaidÀ Kolonisierung ohne Koloniebildung...11
2.2.
Taiwan Laboratorium der japanischen Kolonialherrschaft...15
2.3.
Taiwan und Korea als Gegenstand japanischer Kolonialtheorie...21
Zusammenfassung und Ausblick...27
Literaturangaben...32
3
Einleitung
In vorliegender Arbeit sollen die grundlegenden Formen und Strukturen, sowie die
Konzeptionen und ideologischen Formationen des japanischen Kolonialismus
herausgearbeitet werden. Natürlich erhebt diese Arbeit keinerlei Anspruch auf
Vollständigkeit, aber verfolgt dennoch das Ziel anhand seiner wichtigsten
Erscheinungsformen, den japanischen Kolonialismus innerhalb des globalen modernen
Kolonialismus einzuordnen. Der moderne Kolonialismus wird hier verstanden, als die
imperialistische Überseeexpansion der europäischen Nationalstaaten und der USA im
19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Definition des Kolonialismus von Jürgen
Osterhammel ist, wie in dieser Arbeit herausgearbeitet werden wird, auch für den
japanischen Kolonialismus sehr gut brauchbar. Sie lautet:
,,Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen
Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum
anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen
getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel
sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer
eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen."(Osterhammel 2006: 21)
Die kulturelle Andersartigkeit und die Überzeugung der kulturellen Höherwertigkeit,
müssen, wie wir sehen werden, im Falle Japans und seiner Kolonien relativiert werden.
Im Wesentlichen wurden sie in der Modernisierungsphase herausgebildet, wobei stets
auch das gemeinsame kulturelle Erbe und die ethnische Verwandtschaft zur
Untermauerung des japanischen Herrschaftsanspruch in Asien benutzt wurde. Ich
möchte nun das zu verifizierende Ergebnis dieser Arbeit zunächst in Kürze
zusammenfassen. Der japanische Kolonialismus bis 1937 war als Grenzkolonialismus
konzipiert und hatte als solcher das Ziel die Koloniebildung zu vermeiden, oder die
Kolonie nur als Interimsstruktur einzurichten. Das bedeutet der japanische
Kolonialismus stellte prinzipiell eine Ausdehnung der nationalen Reichsgrenzen auf
neue Peripherien dar. Diese Peripherien sollten in einer möglichst kurzen Zeitspanne,
legal und sozio-kulturell in das Reich integriert werden. Die Idealfälle einer solchen
Kolonisierung ohne Koloniebildung waren die japanische Nordinsel HokkaidÀ und die
Südinseln RyÌkyÌ. Im Falle HokkaidÀs war die planmäßige Siedlungskolonisation und
die geschwächte Verfassung der indigenen Bevölkerung ausschlaggebend, im Falle der
RyÌkyÌ-Inseln war die geringe Größe des Territoriums und die Schwäche Chinas
entscheidend für die erfolgreiche Einverleibung ins japanische Reich. Umgekehrt
konnten Taiwan und Korea nicht vollständig ins Reich integriert werden und behielten
4
ihre Interimsstruktur als japanische Beherrschungskolonien unter Sonderverwaltung bis
zu ihrer Unabhängigkeit 1945. Die Gründe für das Scheitern des Vorhabens Taiwan und
Korea zu voll integrierten Teilen des japanischen Reichs zu machen, sollen hier am Fall
Taiwans, auf struktureller und ideologischer Ebene untersucht werden. Die schwierige
Bestimmung des nationalen Selbst, zwischen der Abgrenzung zu und der Identifikation
mit den imperialen Westmächten einerseits und den ostasiatischen Nachbarn
andererseits, spielte dabei die wichtigste Rolle. Der japanische Kolonialismus war, wie
auch schon die Modernisierung und die Nationalstaatsbildung, stark von westlichen
Systemen und Ideologien beeinflusst. Man könnte verallgemeinernd sagen, der
japanische Kolonialismus lässt sich zwischen der britischen ,,indirect rule" und der
französischen ,,assimilation" verorten und bewegte sich mit fortschreitender Zeit mehr
und mehr hin zur Letzteren. Allerdings muss beachtet werden, dass von der japanischen
Kolonialtheorie eine spezielle ostasiatische Variante der Assimilation erschaffen wurde,
die mit sozial-darwinistischen Theorien und rassistischen Attitüden konkurrierte.
Daraus entstand eine paradoxe Mischung aus Assimilationsanstrengungen und
fortgesetzter legaler, sowie sozio-kultureller Diskriminierungspraxis gegenüber den
Einheimischen. Im Ergebnis waren die Kolonisierten gleich an Pflichten, aber nicht
gleich an Rechten.
Diese Arbeit stützt sich im Wesentlichen auf in europäischen Sprachen erschienene
Sekundärliteratur, es standen also begrenzte Erkenntnismittel zur Verfügung. Jürgen
Osterhammel bildete mit seiner brillanten komparatistischen Beschreibung des
Kolonialismus, die wichtigste Grundlage für diesen Versuch der Einordnung des
japanischen Kolonialismus. Weiterhin war die ,,Erfindung Japans" von Shingo Shimada,
in dem die Konstruktion der japanischen Nation im Zwischenraum zwischen Asien und
Europa, brillant analysiert wird, ein wichtiger Ideengeber dieser Arbeit. Auch wenn
etwas in die Jahre gekommen, liefert das Werk ,,The Japanese Colonial
Empire" herausgegeben von Ramon R. Myers und Mark R. Peattie mit seinen
hintergründigen Einzelstudien immer noch den globalsten Überblick über den
japanischen Kolonialismus und war natürlich auch wichtige Informationsquelle dieser
Arbeit. Sehr hilfreich zum Verständnis der ideologischen Formation hinter dem
japanischen Kolonialismus waren die beiden Aufsätze, ,,Barbaren und Lehrmeister" von
Wolfgang Schwentker, sowie ,,Die Schmerzen der Modernisierung als Auslöser
kultureller Selbstbehauptung" von Mihima Ken'ichi.
5
1.
Japan als Objekt der Kolonisation
1.1. Die Ungleichen Verträge Japan wird Teil des ,,informal empire" der
Westmächte
Bevor Japans Kolonialismus innerhalb des globalen modernen Kolonialismus
eingeordnet werden kann, muss Japans zunächst als Objekt der Kolonisation betrachtet
werden. Wie wurde Japan zum Objekt der Kolonisation? Vor der Meiji-Restauration
(1869-1889), das heißt vor der japanischen Modernisierung, ist Japan in informelle
koloniale Abhängigkeit der USA und Englands geraten, später auch in die Russlands
und anderer Staaten Europas. Die USA und England versuchten im Zeichen des
,,Freihandelsimperialismus" ihre Machthemisphäre durch die Aneignung strategischer
Handelsstützpunke und Hafenkolonien in Asien auszudehnen. China und Japan sollten
dem Welthandelssystem angeschlossen werden, d.h. sie wurden zur Öffnung ihrer
Ökonomien gezwungen und ihnen wurden die für ,,informal empire" charakteristischen
Souveränitätsbeschränkungen auferlegt (Jürgen Osterhammel 2006: 39). Die informelle
Kolonisierung Japans funktionierte nach dem gleichen Muster, wie sie zuvor in China
praktiziert worden war. Unter militärischer Gewaltandrohung, der so genannten
,,Kanonenbootdiplomatie" wurde Japan gezwungen mit den imperialistischen
Westmächten Handelsverträge abzuschließen. Diese Verträge sicherten den
Westmächten einseitige Vorteile, wie Zollfreiheit und Exterritorialität zu und gingen
daher als die Ungleichen Verträge in die Geschichte ein (vgl. W. G. Beasley 1987: 21).
Den militärisch erzwungenen Verträgen, folgte der Handel zwischen den wirtschaftlich
ungleich entwickelten Partnern, sozusagen in Umkehr des Kolonialslogans, nach dem
Prinzip ,,the trade follows the flag". Der Verlust der Zollhoheit stellte die größte
Benachteiligung für Japan dar, weil es sein einheimisches vorindustrielles Gewerbe
nicht vor preiswerten Importwaren schützen konnte (vgl. Zöllner 2006: 255). Das heißt
ausländische Industrieprodukte konnten gewinnbringend abgesetzt werden, während die
japanische Industrieproduktion noch nicht konkurrenzfähig war. Dieses
Bedrohungsszenario bildete den Hintergrund unter dem sich der rapide
Modernisierungsprozess Japans vollzogen hat.
6
1.2. Die Konstruktion des modernen Nationalstaates als Selbstbehauptungsakt und
das veränderte Verhältnis zu Asien
Der Kulturwissenschaftler Mishima Ken'ichi argumentiert, dass politische Denken in
Japan gegenüber dem Westen, sei seit der gewaltsamen Landesöffnung von Misstrauen
geprägt und man tendiere dazu böse Motive zu unterstellen, die sich unter dem
Deckmantel menschheitlicher Ideale versteckten (Mishima 1996: 97). Er führt weiter
aus, ,,das anhaltende Trauma, das die Nation zwischen der Ankunft der ,,Schwarzen
Schiffe" des Commodore Perry von 1853 und der so genannten Intervention der drei
Mächte von 1895 als vom ,,vom Westen ausgehende Bedrohung" wiederholt erlitten
hatte, zog einerseits Versuche nach sich den Politikstil der stärkeren Nationen zu
adaptieren, und zwar nicht nur in der Außenpolitik, sondern auch hinsichtlich der
Darstellung der eigenen Kultur, einer Selbstdarstellung die bis in die Kapillaren des
Alltags reicht" (ebd.: 98). Der japanische Nationalstaat der in eben dieser Zeit zwischen
Ungleichen Verträgen und Tripel Intervention konstruiert wurde, befand sich also von
Beginn an in einer Abwehrsituation, in der die eigene Position behauptet werden musste.
Auch die Adaption imperialistischer Praktiken in der Außenpolitik, ist vor diesem
Hintergrund zu bewerten. So erzwang Japan seinerseits bereits im Februar 1876 mit
Kanonenbootpolitik die Öffnung Koreas, und schloss einen Handelsvertrag nach dem
Muster der ,,Ungleichen Verträge" ab (Zöllner 2006: 234). Die Modernisierung des
Landes geschah folgerrichtig, in Reaktion auf die äußere Bedrohung der Kolonisierung.
Auch wenn wesentliche Vorbedingungen der Modernisierung bereits in der Tokugawa-
Zeit gelegt worden, kann die Geschwindigkeit und die Radikalität des Umbruches im
ausgehenden 19. Jahrhundert nur durch das vorangehend skizzierte Bedrohungsszenario
erklärt werden (vgl. Beasley 1987: 27). Neben ihrem defensiven Charakter, war die
Modernisierung aber auch geprägt von einer partiellen Kooperation mit den
Westmächten. Jürgen Osterhammel bezeichnet die modernisierenden Machtgruppen in
Japan seit 1868, mit dem Begriff Kooperationseliten innerhalb eines
Klientelverhältnisses (Osterhammel 2006: 73). Mit dem Begriff Klientelverhältnis,
benennt er eine Abhängigkeit des schwächeren vom stärkeren Partner, ohne das der
Schwächere ausgeliefert ist und unmittelbarer der prokonsularischen Herrschaft des
Stärkeren untersteht (ebd. 72). Wolfgang Schwentker hat in seinem Aufsatz ,,Barbaren
und Lehrmeister" treffend das dialektische Verhältnis Japans zum Westen in der
Umbruchszeit zur Moderne charakterisiert (vgl. Schwentker 1997: 101-121). Die
Schlagwörter dieser Ära lauteten sowohl ,,Vertreibt die Barbaren", als auch ,,Vom
7
Westen lernen". Während Ersteres die Überzeugung widerspiegelt, Eindringlinge aus
dem Westen seien grundsätzlich Feinde, entwickelte sich Zweiteres aus der Erkenntnis,
das Japan sich ohne das Studium westlicher Wissenschaft und der Aneignung westlicher
Technik nicht werde behaupten können. Der neo-konfuzianische Gelehrte Sakuma
ShÀzan war der erste der die Aneignung ,,westlicher Kunstfertigkeit" und Beibehaltung
,,östlicher Moral" für den richtigen Weg hielt (ebd. 115). Damit wies er den späteren
Meiji-Reformern den Weg. Die Trägerschicht der Modernisierung bildeten bisher von
der politischen Macht ferngehaltene Angehörige des unteren Kriegeradels, die
hauptsächlich aus den südlichen Han(Fürstentümern) Satsuma und ChÀshÌ stammten.
Viele von ihnen, wie zum Beispiel der liberale Bildungsreformer Fukuzawa YÌkichi,
hatten schon in größerem Umfang Wissen aus der westlichen Welt durch das Studium
der ,,Hollandstudien" Rangaku erworben. Fukuzawa warnte in seinen Schriften, das
bisher alle außereuropäischen Gesellschaften, durch die Begegnung mit Europa ihre
Unabhängigkeit eingebüsst hätten und Japan sich schnellst möglich zum modernen
Nationalstaat entwickeln müsse (vgl. Shingo Shimada 2006: 211). Die Aneignung und
Nutzbarmachung westlichen Wissens, westlicher Techniken und Systeme bildete
folgerichtig einen der Stützpfeiler der Selbstbehauptung Japans. Westlichen Formen der
Staatlichkeit, Verwaltungs- und Bildungssystemen, Agrar- und Industrietechnologien,
sowie natürlich Militärtechnologien galt das Hauptaugenmerk der Meiji-Reformer. Die
Modernisierung war eine graduelle Annäherung Japans an westliche Maßstäbe, mit
dem politischen Ziel, die Rücknahme der ,,Ungleichen Verträge" zu erreichen und zur
den Westmächten ebenbürtigen Nation aufzusteigen. Da den wissbegierigen
japanischen Reformern und Intellektuellen, wenn sie sich in Europa oder der USA
aufhielten, oft mit kulturellem Chauvinismus oder Rassismus begegnet wurde, entstand
bei ihnen die Einstellung, um die Anerkennung der eigenen kulturellen und rassischen
Gleichwertigkeit kämpfen zu müssen. Mishima zeigt an den Schriften von
herausragenden Intellektuellen und Wissenschaftlern der Meiji-Zeit, wie Fukuzawa,
Okakura KakuzÀ und Fukuda TokuzÀ, wie die Begegnung mit dem Westen eine
kulturelle Selbstbehauptung auslöste(vgl. Mishima 1996: 87-122). Von Fukuda und
Fukuzawa wurde der sozial-darwinistische Rassendiskurs unkritisch auf das Verhältnis
Japans mit Asien übertragen (ebd. 104). Die japanische Höherentwicklung wurde nun
auf die besondere Begabung der japanischen Rasse zurückgeführt. An der japanischen
Zivilisation könnten sich die anderen Völker Asiens aufrichten, denn Japan verkörpere
die technologische Stärke des Westens, gepaart mit der geistigen Stärke des Ostens, so
8
die Meinung vieler japanischer Zeitgenossen. Fukuzawa leitete aus der japanischen
rassischen Überlegenheit, die Pflicht ab Asien vor dem Zugriff des Westens zu schützen
(vgl. Shimada 2007: 211). Er, der zunächst hoffte Korea würde sich nach dem Vorbild
Japans entwickeln, trat als diese Hoffnung enttäuscht wurde, in seiner Schrift Datsu-A
1885 für eine Loslösung Japans von Asien ein, später plädierte er offen für die
Kolonialisierung Koreas durch Japan. Damit in Zusammenhang steht auch ein Prozess
den Shingo Shimada die ,,Entdeckung/ Erfindung der Eingeborenen" nennt (ebd. 210).
Im neu erschlossenen HokkaidÀ waren die Ainu die ersten kulturchauvinistisch
ausgedrückt ,,Wilden", also Eingeborenen die Japan zivilisieren konnte. Auch die
Eingeborenen Taiwans fielen unter diese Kategorie. Während der imperialistischen
Expansion in die Südsee trafen die japanischen Kolonialisten noch auf weitere
eingeborene Inselbevölkerungen, denen man Zivilisierung und ,,Eingeborenen-
wohlfahrt" angedeihen lassen konnte. Dabei ordnete man diese peripheren asiatischen
Völker auf einer Skala ein, die auf einem vom Westen übernommenen
geschichtsphilosophischen Einordnungssytem beruhte. Auf dieser Skala standen die
weißen Europäer ganz oben und die Eingeborenen ganz unten (ebd. 211). Die Japaner
sahen sich auf dieser Skala in einer Aufwärtsbewegung, weg von den asiatischen
Eingeborenen hin zu den zivilisierten Europäern (ebd. 211). Überhaupt kam der Begriff
Asien in Japan erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gebrauch und war eine
Übersetzung aus den europäischen Sprachen (ebd. 209). Shimada stellt heraus, dass die
Bezeichnung ,,Asien" daher von Beginn an das Selbst im Auge des Fremden
bezeichnete, also relational gedacht war (ebd. 209). Das führt uns zum zweiten
Stützpfeiler der Selbstbehauptung, der Ausbildung eines kulturellen Nationalismus.
Dieser kulturelle Nationalismus war geprägt von einer doppelten Abgrenzung
gegenüber dem Anderen. Einerseits war es die Abgrenzung gegenüber dem Westen und
Andererseits gegenüber Asien. Nach Shimada wurde die Konzeption des Selbst im
nationalstaatlichen Rahmen, durch Übersetzung grenzziehender Semantik aus der
europäischen Gesellschaftslehre, von japanischen Intellektuellen vollzogen (ebd. 217).
Er nennt diese nationale Selbstdefinition, die okzidentalistische und orientalistische
Konstruktion des Fremden, durch die das Einheitliche Bild des Westens und Asiens
entworfen worden sei (ebd. 217). Durch die diskursive Einordnung Japans zwischen
Orient und Okzident, ließ sich die nationale Sonderstellung behaupten (ebd. 217).
Gegenüber Asien, fand allerdings nicht nur eine Abgrenzung statt, sondern Asien diente
auch der Gegenüberstellung östlicher Tugend und westlicher Untugend. Ein China,
9
Korea und Japan umfassendes Asien wurde als Hort der Zivilisiertheit und
Kultiviertheit betrachtet. Als westlich galten Individualismus, Egoismus und
Materialismus, als östlich Naturbezogenheit, Gruppenbezogenheit, Spiritualität und
Treue zu Familie und Herrscher. Letzteres wurde Manifestiert in dem konfuzianisch
geprägten kaiserlichen Erziehungsedikt (kyÀiku chokugo), erlassen 1890 und fortan
rezitiert in allen Schulen. Die bereits erwähnten Sakuma und Okakura, stehen nur
stellvertretend für eine Vielzahl von Intellektuellen, welche die Überlegenheit des
ostasiatischen Geistes behaupteten. Seit der krisenhaften Begegnung mit dem
westlichen Handelsimperialismus, ist die Einordnung Japans zwischen Asien und dem
Westen stets im Diskurs der Intellektuellen aktuell geblieben. Die Konstruktion
Ostasiens am Ausgang des 19. Jahrhunderts beruhte auf der Gemeinsamen Schriftkultur
und der konfuzianischen Ethik. Vom ,,Verein für die gemeinsame Ostasiatische
Schriftkultur" (TÀa DÀbunkai) wurden sogar in China tausende Japaner zu China-
Experten ausgebildet (ebd. 277). Die 1940 unter Premierminister Konoe Fumimaro als
Wirtschafts- und Verteidigungsgemeinschaft unter japanischer Oberhoheit ins Leben
gerufene ,,Großostasiatische Wohlstandsphäre" (daitÀa kyÀeiken), ist zurück zu
verfolgen bis auf das Wirken seines Vaters Konoe Atsumaru, der als Vorsitzender des
TÀa DÀbunkai bereits 1900 die Formel, die Lösung der Probleme Ostasiens solle in der
Verantwortung der Ostasiaten liegen, prägte (ebd. 278). Hinter beiden stand als
Treibende Kraft das Militär, TÀa Ostasien war für die Armee von Beginn an der
Begriff der ihr potentielles Operationsgebiet umschrieb (ebd. 277). Entscheidend für
eine wachsende Befürwortung von Annexion und Kolonisierung unter Politikern,
Militärs und Intellektuellen, war die Erkenntnis, dass sich die beiden asiatischen
Nachbarländer China und Korea und auch der Rest Ost- und Südostasiens, nicht so
erfolgreich gegen den westlichen Handelsimperialismus und die schleichende
Kolonisierung zu wehr setzen konnten. Sie würden sich in absehbarer Zeit nicht
selbstständig modernisieren können. Japans Kolonisierung in Asien verfolgte daher
einerseits das Ziel die imperialistischen Westmächte zurückzudrängen und Andererseits
den Asiatischen Nachbarn zu ,,ihrem Glück" zu verhelfen. Aus der japanischen
Höherentwicklung leitete man die Pflicht ab, die Modernisierung in Restasien zu
steuern. Dabei spielte die Absorption westlicher Kolonialtheorie eine entscheidende
Rolle. Das Recht Japans zur Herrschaft in Asien, wurde andererseits aber auch aus dem
geteilten kulturellen Erbe und der ethnischen Verwandtschaft abgeleitet. Trotzdem
entwickelte sich in der Kolonialzeit 1895 1945 ein unübersehbarer Rassismus
0 Kommentare