Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Kohlbergs Orientierung an Erkenntnissen der Entwicklungstheorie Piagets 4
Direktive der moralischen Entwicklung nach Piaget 4
Universelle Applikation einiger Erkenntnisse Piagets 6
3. Wie versteht Kohlberg Moral’? 7
Internalisierung 7
Situationsspezifische Faktoren 8
Die „Ich-Stärke“ 9
Moralisches Handeln versus moralisches Wissen 10
4. Kohlbergs Stufentheorie 11
Was charakterisiert eine Stufentheorie und wo setzt sie an? 11
Notwendige Faktoren 13
Eine exemplarische Introduktion der Stufentheorie 14
Das Idealziel einer moralischen Entwicklung 16
5. Ist die Stufendarstellung irrelevant? 17
6. Resümee 19
7. Bibliographie 20
1. Einleitung
Wenn im allgemeinen Sprachgebrauch von ‚Moral’ die Rede ist, betrifft das meist das sittliche (bzw. unsittliche) Verhalten des Einzelnen; allerdings scheint die Frage nach der Herkunft der ‚Moral’ oder besser nach ihrer Entstehung ohne konkrete Antworten auskommen zu müssen. Einer, der sich seit Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzt, ist Lawrence Kohlberg 1 . Seine mittlerweile mehrfach modifizierte Theorie zur moralischen Entwicklung gilt in der pädagogischen sowie in der psychologischen Erkenntnisforschung als etabliert und dient als wesentliche Grundlage gegenwärtiger Ethologie.
Kohlbergs Theorie ist nicht inhaltsgebunden, das heißt, sie kann im Verlauf gesellschaftlicher Entwicklungen konstant angewendet werden; vielmehr dient sie als Entwicklungsmodell, das durch seine ‚Stufen-Darstellung’ gekennzeichnet ist. Diese Arbeit wird sich primär mit der Frage befassen, wie sich Stufen der moralischen Entwicklung ableiten lassen und welche Faktoren zu ihrer Entstehung beitragen. Grundlage für diese Untersuchung ist der Kohlberg-Text „Moralische Entwicklung“ 2 von 1968. Da Kohlberg sich die vorausgegangene Entwicklungstheorie Piagets 3 zunutze macht, indem er darin gewonnene Erkenntnisse für seinen Theorieaufbau gebraucht, muss zu Beginn eben dieser Aspekt genau beleuchtet werden. Insbesondere soll herausgearbeitet werden, inwieweit Piagets Erkenntnisse einbezogen werden, aber auch was dabei von Kohlberg verworfen wird. Zudem muss selbstverständlich auf Kohlbergs Interpretation von ‚Moral’ eingegangen werden, wobei verschiedene Merkmale und deren Korrelation erklärt werden sollen. Erst nachdem dieses entsprechende Vorwissen gewährleistet ist, folgt die Beschreibung der Moralstufen im Einzelnen. Auch hier werden vorerst Begriffe geklärt und wichtige Faktoren der Moralentwicklung aufgezeigt. Zusätzlich soll eine kritische Auseinandersetzung mit der Stufentheorie Kohlbergs Bestandteil
1 Amerikanischer Psychologe (1927-1987)
2 Lawence Kohlberg, „Moralische Entwicklung“. In: Lawrence Kohlberg. Die Psychologie der
Moralentwicklung, Hrsg. Wolfgang Althof, (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996). S.7 - 40. Alle direkten
Seitenangaben innerhalb des Textes gehören zu dieser Ausgabe.
3 Schweizerischer Psychologe (1896-1980)
dieser Arbeit sein, wobei Host Heidbrinks Ausführungen zur moralischen Entwicklung als Gegendarstellung dienen sollen.
2. Kohlbergs Orientierung an Erkenntnissen der Entwicklungstheorie Piagets
Bei der Herleitung dieses ‚Stufen-Modells’ eines wichtigen Aspekts menschlicher Entwicklung orientiert sich Kohlberg an den Richtlinien der allgemeinen Entwicklungstheorie Piagets und steht dieser aber gleichzeitig kritisch gegenüber: Auch Jean Piaget beschreibt Stufen der moralischen Entwicklung, welche allerdings nur partiell empirisch belegt wurden. Piaget unterscheidet konkret zwei Altersgruppen, die der Drei- bis Achtjährigen und die der Acht- bis Zehnjährigen (S.22f.).
2.1 Direktive der moralischen Entwicklung nach Piaget
Erstere, also die Gruppe der jüngeren Kinder, sind aufgrund ihrer noch rudimentären kognitiven Entwicklung nicht fähig, moralische Urteile zu fällen, da diese physikalischen Gesetzen gleichgesetzt werden, und somit kein Unterschied zwischen „von außen festgelegte(n) Gegebenheiten“ und „menschliche(n) Zielsetzungen und Werte(n)“ (S.22) gemacht wird, Regeln werden also ‚verdinglicht’. Der dadurch erzeugte Glauben an die Unverletzlichkeit von Regeln beruht zum einem auf dem sogenannten „Realismus“ des Kindes, seiner „Unfähigkeit, zwischen subjektiven und objektiven Aspekten seiner Erfahrung zu unterscheiden“, und auf seinem „Egozentrismus“, der „Unfähigkeit, (die) eigene Sicht der Ereignisse von der anderer zu unterscheiden“ (S.22), zum anderem auf der Überzeugung des Kindes von der ‚Allmacht’ der Erwachsenen (vgl. S.22). Das heißt, das Kind ist einem gewissen „Absolutismus“ verbunden (S.24). Darunter versteht Piaget auch einen Glauben des Kindes an die „Unverletzlichkeit von Regeln“, wobei dessen Relevanz für andere Aspekte der moralischen Reifung, die im Folgenden noch genauer beschrieben werden sollen, nicht belegt werden konnte - so Kohlberg, dessen Untersuchungen ergaben, dass vielmehr ein „pragmatisches Interesse“ der Kinder an den Handlungskonsequenzen besteht (vgl. S.24f.).
Diese Art von „heteronome(r) Moral“ kleiner Kinder wird bei älteren Kindern durch „autonome Moral“ substituiert (S.23). Das bedeutet, das Kind durchläuft einen Prozess ausgehend von einer vorwiegenden Fremdbestimmung des moralischen Urteils bis zu selbständigen, von externen Einflüssen befreiten Entscheidungen in Moralfragen. Fragt das jüngere Kind sich noch, was die Mutter wohl zu bestimmten Sachverhalten sagen würde, so bezieht sich das ältere Kind auf die verinnerlichten Gewissensgrundsätze in Angelegenheiten von Moralfragen. 4 Im Laufe seiner Entwicklung wird das Kind durch äußere Einflüsse, vor allem durch soziale Identifikation in seiner Fähigkeit zur Bildung eines moralischen Urteils geprägt. Was zuvor als durch eine allgemeingültige Macht erlassene Regel erschien, ist nun „internalisiert“ (S.22). Kohlberg beschreibt „Internalisierung“ als einen Prozess, in dem sich das Kind dahingehend entwickelt, dass es auch in den Situationen Regeln befolgt, die nicht einer autoritären, zum Beispiel elterlichen Kontrolle unterliegen, in denen es sich dementsprechend auch nicht der Gefahr einer möglichen Strafe aussetzt (vgl. S.7). So verhält es sich auch, wenn das Kind eine gewisse Versuchung verspürt: Solange das tatsächliche Handeln den Regeln entspricht, ist eine vollständige Internalisierung erwiesen. Dadurch entstehen implizite moralische Normen. Analog entwickeln sich auch Normen der Gerechtigkeit oder ein „Gerechtigkeitsgefühl“ (S.22) - wie es Piaget nennt - und zugleich den moralischen Normen gleichsetzt. Das wiederum bietet Angriffsfläche für die Kritik Kohlbergs: Das „Gerechtigkeitsgefühl“ basiere vielmehr auf emotionalen Aspekten, als auf logischen Prinzipien, wenn es grundsätzlich um die Konzeption „wechselseitige(r) und gleichwertige(r)“ menschlicher Beziehungen gehe (vgl. S.22f.).
4 Hellmuth Benesch, dtv-Atlas zur Psychologie - Tafeln und Texte, Bd.2, (München: Deutscher
Taschenbuchverlag, 1987). S.289.
Arbeit zitieren:
M.A. Theresa Schmidt, 2004, Über Kohlbergs Stufentheorie zur „Moralische(n) Entwicklung“, München, GRIN Verlag GmbH
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