stark darauf, welche Prioritäten andere Menschen und dabei vor allem die, zu denen das Individuum persönliche Beziehungen hält, setzen. Es versucht nach diesen Vorstellungen zu handeln, aber eben auch zu denken. 1 Dieses bewusste Gefühl wird bereits im Kindesalter vermittelt, so dass der Mensch letztendlich der Versuchung erlegen ist, es möglichst vielen Menschen recht zu machen. Riesman formuliert diese Zielsetzung als das Streben nach „sozialer Anerkennung“. 2 Dies impliziert u.a. das Vorhandensein eines großen Rollenrepertoires und eine enorme Anpassungsfähigkeit an die aktuellen sozio-kulturellen Bedingungen. Doch welche Bedeutung hat dies nun für den Schüler und letztendlich dessen Identitätsbildung? Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich zunächst einmal die soziokulturellen Rollenanforderungen an den Schüler aus meiner Sicht umreißen. So haben wir auf der einen Seite die Ansprüche der Eltern, die in den meisten Fällen in sehr enger Verbindung zu hervorragenden Schulnoten stehen. Hinzu sollte das Kind bzw. der Jugendliche möglichst durch positive Ereignisse auffallen und Konfrontationen mit den Autoritäten tunlichst meiden. Des Weiteren sind die gesellschaftlichen Forderungen zu beachten. So ist es in der modernen Gesellschaft eine absolute Notwendigkeit gute Leistungen zu erbringen und ein tadelloses Verhalten an den Tag zu legen, um überhaupt konkurrenzfähig im Werben um eine berufliche Ausbildung sein zu können. Dieses Bild wird natürlich auch gerade durch die Medien suggeriert bzw. verstärkt, die dabei einen besonders großen Einfluss haben. Nicht zuletzt muss der Schüler auch den Anforderungen der Lehrpersonen standhalten, die auch im eigenen Interesse möglichst gute Leistungen und eine zumindest respektvollen Umgang einfordern. Somit ergibt sich ein besonders starker und sehr differenzierter Rollendruck für den Schüler, dem es nur schwer zu begegnen ist.
Der Schüler muss nun also Strategien entwickeln, um in dieses „soziale Korsett“ zu passen. Genau an diesem Punkt setzt der Aspekt der Außenleitung ein. Der Heranwachsende ist gewissermaßen dazu gezwungen, einen größtmöglichen Statusgewinn zu erlangen und sich somit den Ansprüchen und Anforderungen anderer auszuliefern. Man kann diesen Punkt allerdings auch fernab vom oben skizzierten Rollenanspruch der Lehrer und Eltern auf den Umgang mit Gleichaltrigen übertragen, denn hier spielt die Schule, wenn auch nicht zwingend als Lernort, eine
1 Vgl. Abels, Heinz: Identitäten. In: Willems, Herbert (Hrsg.): Lehr(er)buch Soziologie. Für die
pädagogischen und soziologischen Studiengänge. Band 2. S.513 f.
2 Ebd. S.514. 6
zentrale Rolle. Sie wird als Ort angesehen, an dem man sich mit Peers austauscht, Kontakte knüpft und man eine gute Performance zeigen muss. Baake z.B. formuliert damit die Schule nicht zu Unrecht als einen extrem wichtigen Ort für den Heranwachsenden. 3 Hier geht die Außenleitung sogar so weit, dass das Individuum seinen Stil entsprechend gestaltet und vor allem auf Entwicklungen innerhalb einer relevanten Szene besonders achtet und wenn nötig eigene Stilanpassungen vornehmen muss. Die Außenleitung hat somit eine unglaubliche Präsenz erlangt, die eigentlich in verschiedensten Feldern und nahezu jeglichen Figurationen in der modernen Gesellschaft zu beobachten ist. Sie ist somit nicht Resultat sondern zur Bedingung dieser geworden.
Doch was heißt dies nun für die soziale Identität des Schülers? Kommt es denn wirklich, wie medienwirksam propagiert, zum Identitätsverlust des Schülers? Diese Frage ist klar zu verneinen, was aber eher an der grundsätzlichen Definition von sozialer Identität liegt. So kann soziale Identität nicht verlustig gehen, sondern ist eher als dynamisch und stetig veränderlich anzusehen. 4 Man kann also lediglich von einem ständigen Wechsels des Charakters der sozialen Identität sprechen. Dieser Punkt ist allerdings höchst interessant. Aufgrund der oben dargestellten Außenleitung und der sich daraus ergebenden situativen Anpassung muss es schließlich zu einem konsequenten und fortlaufenden Wandel der sozialen Identität kommen. Das Individuum wird in den Augen der Interaktionspartner immer wieder ein abgeändertes Bild von sich erzeugen und dies auch selber realisieren. Dieser rasante Wandel führt zu einer äußerst stark ausdifferenzierten Identitätsvielfalt, die aber zugleich eine Voraussetzung für das erfolgreiche Werben um soziale Anerkennung und das Erlangen eines hohen gesellschaftlichen Status darstellt. Der Akteur Schüler muss somit über eine hohe Kompetenz im Umgang mit seinen Masken verfügen, um den enormen Rollenanforderungen gerecht zu werden. Gerade hier bildet sich beim Aufeinandertreffen verschiedener Anforderungen eine große Herausforderung zur Lösung dieses Rollenkonflikts. Beispielsweise kann es für einen Schüler, der als desinteressiert an schulischen Leistungen gilt und dafür in bestimmten Szenen oder sogar seinem Freundeskreis anerkannt ist, sehr schnell
3 Vgl. Willems, Herbert und Eichholz, Daniela: Die Räumlichkeit des Sozialen und die Sozialität des
Raumes: Schule als Beispiel. In: Willems, Herbert (Hrsg.): Lehr(er)buch Soziologie. Für die
pädagogischen und soziologischen Studiengänge. Band 2. S.896.
4 Vgl. Mikos, Lothar: Medien als Sozialisationsinstanz und die Rolle der Medienkompetenz. In:
Hoffmann, Dagmar und Merkens, Hans (Hrsg.): Jugendsoziologische Sozialisationstheorie. Impulse
für die Jugendforschung. S.159. 6
Arbeit zitieren:
Marius Hummitzsch, 2009, Die soziale Identität des Schülers als Resultat der Außenleitung in der modernen Leistungsgesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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