A. Einleitung
Die folgende Arbeit behandelt die Figur Antonio Montecatino in dem Schauspiel Torquato Tasso von Johann Wolfgang Goethe. Die Figur Antonios ist in dem Schauspiel die Gegenfigur zu Torquato Tasso, einem „geisteskranken“ Dichter 1 , dessen Existenz als Dichter und als Mensch am Hofe von Ferrara durch die Ankunft Antonios gefährdet wird. Im Verlaufe der Arbeit wird chronologisch der Konflikt zwischen Antonio und Tasso dargestellt. Die wichtigen Passagen der Gespräche zwischen Antonio und Tasso, Antonio und der Prinzessin sowie Tasso und der Prinzessin werde ich analysieren und interpretieren. Die Analyse wird deutlich machen, dass es sich bei dem Konflikt zwischen Tasso und Antonio um den Gegensatz zwischen Künstler und Gesellschaft handelt, wobei letztere als eine höfisch-feudale zu begreifen ist, die Tasso insbesondere in der Gestalt der Prinzessin strengste Verhaltensregeln und Entsagung auferlegt. Es wird deutlich werden, dass der in der Welt Ferraras beheimatete Antonio von vornherein der Überlegene ist und Tasso in einem ungleichen Kampf unterliegen muss. Antonios abweisendes und eifersüchtiges Verhalten und dessen Gründe werden ausführlich dargestellt, aber gleichzeitig soll verdeutlicht werden, dass dieser kein hinterhältiger Mensch ist. Er ist, wie dargelegt werden soll, ein ebensolches Mängelwesen wie sein Kontrahent. Beide bedürfen der Ergänzung durch den anderen. Das Fazit wird diese Erkenntnisse zusammenfassen, auf den schmerzlichen Wandlungsprozess Antonios hinweisen und den Gegensatz Künstler-Gesellschaft in Goethes Biographie und Lebenswerk andeuten. Zum Schluss dieser Arbeit werde ich meine wesentlichen Erkenntnisse mit einigen Aussagen der Sekundärliteratur abzugleichen.
B. Antonio Ankunft in Ferrara
Der historische Hintergrund des Stückes ist die Regierungszeit Alfons des Zweiten im Herzogtum Ferrara in dem Zeitraum von 1572-1583 2 . Antonio Montecatino ist in Goethes Schauspiel der Staatssekretär im Dienste des Herzogs. Seine Aufgabe besteht darin, die Geschäfte des Herzogtums zu lenken und - ähnlich einem Außenminister in einem modernen, demokratischen Land - die Beziehungen zu den Nachbarterritorien aufrechtzuhalten. Zu Beginn des Schauspiels (1. Aufzug, 4. Auftritt) kommt Antonio von einer „Geschäftsreise“ aus Rom zurück. Auf dieser Reise ging es um ein Stück Land, welches der
1 Grawe,Christian:ErläuterungenundDokumente,JohannWolfgangGoethe-TorquatoTasso,
Stuttgart2003,S.170.
2 Ebd.,S.6.
Herzog in sein Fürstentum integrieren wollte und dessentwegen es schon seit langem Zwistigkeiten gab, da nicht genau bekannt war, zu welchem Gebiet das Stück Land eigentlich gehörte.
Hierzu ist Antonio nach Rom gereist, um mit Papst Gregor, der sowohl der geistliche als auch der weltliche Herrscher des zur damaligen Zeit ausgedehnten einflussreichen Vatikanstaates ist, über das Stück Land zu verhandeln (1,4, Z. 588/619).
Herzog Alfons ist gegenüber Rom und dem Papst sehr misstrauisch, denn seiner Erfahrung nach ist Rom nur darauf bedacht, sein eigenes Gebiet zu erweitern, anstatt die kleinen Territorien zu stärken(1,4, Z. 594).
Als Antonio an den Hof von Ferrara zurückkehrt und den Anwesenden berichten kann, dass es ihm gelungen sei, eine mündliche Vereinbarung mit Papst Gregor zu erzielen, die die Übergabe des strittigen Territoriums an Ferrara betreffe, und dass er mit dem päpstlichen Segen für den Herzog aus Rom abgereist sei, ist Alfons freudig überrascht. Den Grund für diese Nachgiebigkeit des Papstes sieht Antonio in der Furcht Gregors vor den Türken und Ketzern. Seinen eigenen Erfolg stellt er nicht in den Mittelpunkt, sondern er lobt den Papst als einen weisen, tatkräftigen Herrscher: „Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst, Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht. Denn welcher Kluge fänd im Vatican Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen, Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte.“ (1,4, Z. 598-602).
Kurz danach bekennt er:
„Es ist kein schönrer Anblick in der Welt Als einen Fürsten sehn der klug regiert; Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht, Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt
Weil ihm das Recht nur befohlen wird.“ (1,4, Z.639-643).
Die Erfahrung, Klugheit, Umsicht und der Gerechtigkeitssinn, die Antonio an Gregor so sehr bewundert, sind Eigenschaften, um derentwillen auch er selber am Hof von Ferrara geschätzt wird.
In der Antwort auf Tassos Frage nach der Situation von Kunst und Wissenschaft in Rom entwickelt Antonio sogleich eine eigene Kunsttheorie. Der Papst ehre Kunst und Wissenschaft, sofern sie die Stadt schmücke und die Macht und das Ansehen Roms demonstriere. Kunst hat demzufolge dem Staat zu dienen, sie hat nützlich zu sein, sie ist Dekor. Es wird sich bald herausstellen, dass Torquato Tasso eine völlig entgegengesetzte Kunstauffassung vertritt. Der durch Antonios Erfolg beeindruckte Herrscher verspricht diesen mit der Bürgerkrone aus Eichenlaub zu bekränzen.
C. Erste Herabsetzung Tassos durch Antonio
Als sich Antonio über die beiden Lorbeerkränze, den auf der Büste Ariosts und den auf dem Haupte Tassos wundert, klärt ihn der Herzog auf und nennt den Grund für die Tasso erteilte Ehrung, nämlich die Vollendung des Werkes „ Das befreite Jerusalem“. Mit leisem Tadel bemerkt Antonio daraufhin: „Mir war es lang bekannt, dass im Belohnen Alfons unmäßig ist.“(vgl.1,4, Z.697f.).
Auf die Herme Ariosts zeigend, ergeht er sich in einer langen Lobeshymne auf den verstorbenen Dichter. Dabei erweist sich der weltgewandte Diplomat als Kunstkenner, der durchaus nachvollziehen kann, was in der Phantasie eines Dichters vor sich geht, wie die Einbildungskraft eines Genies ein Kunstwerk hervorzubringen vermag und welche Wirkung diese Dichtung bei den Rezipienten hat. Die Ausführungen Antonios sind indes mehr die eines weltläufigen bildungsbeflissenen und um die Kunst bemühten Mannes als die eines schöpferischen Dichters. Den Bemerkungen ist zu entnehmen, dass er in der Dichtkunst dilettiert hat. Ursprünglich hatte Goethe den Staatssekretär Gianbattista Pigna, der selber Gedichte verfasst hatte und Tasso Freund war, als den Gegenspieler des Dichters
vorgesehen. 3 Die Lobeshymne auf Ariost ist jedoch eine erste Herabsetzung Tassos und ein Angriff auf sein Dichtertum.
Bevor es zu einer ersten perönlichen Begegnung zwischen Antonio und Tasso kommt, hat sich für den Dichter folgende Situation entwickelt. Die Prinzessin Leonore von Este und deren Freundin, die Gräfin Eleonore Sanvitale, schwärmerische Verehrer der Dichtkunst, haben die Hermen der epischen Dichter Vergil und Ariost mit Lorbeerzweigen bekränzt. Beide denken dabei an den jugendlichen Hofdichter Torquato Tasso. Dieser erscheint, gefolgt von dem Herzog. Der Dichter trägt das gerade vollendete Epos „Das befreites Jerusalem“ bei sich. Der Herzog, sein dankbarer Gönner, krönt Tasso mit dem Lorbeerkranz Vergils.
D. Gespräch der Prinzessin mit Tasso
Unmittelbar nach der Ankunft Antonios kommt es zu einer Begegnung zwischen Tasso und der Prinzessin (2, 1). Beide verbindet eine innige Seelenfreundschaft, die auf Seiten der Prinzessin auf Entsagung und Verzicht beruht. Krankheit, Einsamkeit und Schwermut, aus der sie der jungendliche Dichter befreit hat, waren prägende Erlebnisse für sie. Für die „schöne Seele“, die edle Frau, bedeutet Liebe Erziehung des Geliebten zu höherer Sittlichkeit. Diese Liebe ist platonisch, ihr fehlt die Erotik. Sie erlegt dem Liebenden Entsagung auf. Entsagung ist für die Prinzessin nicht Mühsahl, sondern ein Weg zur sittlichen Vervollkommnung. 4,5 Gleichgültig, ob auch die Standesunterschiede zusätzlich zu der oben genannten Disposition der Prinzessin bei dem geforderten erotischen Verzicht eine Rolle spielen, Tassos Trieb soll durch edles sittliches Verhalten gebändigt werden („Erlaubt ist, was sich ziemt“, 2,1, Z. 1006). Dem Harmoniebedürfnis der Prinzessin entspricht auch der zum Befehl gewordene Wunsch, Tasso solle um die Freundschaft Antonios zu werben. Sie erkennt, dass Antonio dem weltfremden Jüngling den Zugang zum realen Leben ermöglichen könnte, weil dieser alles besitzt, was Tasso fehlt („Und nun, da wir Antonio wieder haben,
3 Grawe,Christian:ErläuterungenundDokumente,JohannWolfgangGoethe-TorquatoTasso,
Stuttgart2003,S.6.
4 Vgl.KarlGude:ErläuterungendeutscherDichtungen.Bearb.Undhrsg.VonErnstLinde.Leipzig:
Brandstetter 14 192.S.291f.,in:Grawe,Christian:ErläuterungenundDokumente,JohannWolfgang
Goethe-TorquatoTasso,Stuttgart2003,S.200f.
5 JohannesManthey:DerSprachstilinGoethes„TorquatoTasso“.Berlin:AkademieVerlag,1959.
(VeröffentlichungendesdeutschenInstitutsfürdeutscheSpracheundLiteratur18.)S.69,129.,in:
Grawe,Christian:ErläuterungenundDokumente,JohannWolfgangGoethe-TorquatoTasso,
Stuttgart2003,S.205.
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Ingo-André Mess, 2007, Die Figur Antonio Montecatinos in Johann Wolfgang Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“, München, GRIN Verlag GmbH
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