Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften
Sommermodularbeit 2008
Modularbeit: Empirische Methoden und Statistik
Sommertrimester 2008
Operationalisierung des Begriffs
Eliten
(Abhängigkeit der Chance als Elite rekrutiert zu werden von der sozialen Herkunft)
von
Michael Arend
M.A.: Staats- und Sozialwissenschaften 2007
4.Trimester
Universität der Bundeswehr München
2
GLIEDERUNG
1
EINLEITUNG... 3
2
DIE ENTWICKLUNG DES ELITEBEGRIFFS... 5
2.1
ENSTEHUNG DES ELITEBEGRIFFS... 5
2.2
ELITE UND MASSE DIE DICHOTOMIE VON MOSCA, PARETO
UND MICHELS... 6
2.3
FUNKTIONSELITEN ALS REAKTION AUF DEN FASCHISMUS
8
3
SOZIALE HERKUNFT ALS SELEKTIONSKRITERIUM IN DER
ELITENREKRUTIERUNG IN DEUTSCHLAND... 9
3.1
SELEKTIVITÄT DURCH BILDUNG IM WANDEL... 10
3.2
SOZIALER HABITUS ALS AUSWAHLKRITERIUM... 13
3.3
DIE DEUTSCHE SONDERSTELLUNG IM INTERNATIONALEN
VERGLEICH... 16
4
SCHLUSS... 19
3
1
EINLEITUNG
Der Versuch das gegliederte Schulsystem in den 1970er Jahren mit der Einführung von
Gesamtschulen zu ersetzen und somit allen die gleichen Bildungschancen zu geben ist
gescheitert. Ziel war eine höhere soziale Durchlässigkeit und höhere Abiturientenquoten.
Letztere sind geblieben, doch die Gesamtschulen selber sind zu modernen Volkschulen
verkommen und bilden nun mit den Hauptschulen das untere Ende des deutschen
Schulsystems
1
.
Heute dagegen ist von Abschaffung des gegliederten Schulsystems nicht mehr die Rede,
stattdessen gewinnt die Diskussion über Eliten an Popularität. Eliteschulen und Hochschulen
sind das Thema. Ziel von Wirtschaft und Politik ist es, die deutsche Hochschullandschaft nach
dem Vorbild Amerikas und Englands zu reformieren und Eliteuniversitäten nach dem Vorbild
Harvards oder Oxfords zu schaffen. Eine handlungsfähige Elite soll geschaffen werden,
welche international konkurrenzfähig ist.
2
Soziale Durchlässigkeit scheint aus dem Fokus
verschwunden zu sein. Zwar betonen die Elitebefürworter, dass man in keinem Falle eine
Herkunftselite wolle, sondern Leistungseliten
3
, doch wie sieht die Elitenrekrutierung der
deutschen Eliten aus? Fraglich ist sicher, ob es tatsächlich eine Chancengleichheit gibt und
Leistung der einzige Faktor bei der Elitenauswahl ist. Es stellt sich also die Frage, wie groß
heute die Abhängigkeit von der Chance Elite zu werden und der sozialen Herkunft in
Deutschland ist. Dies ist die Kernfrage, die diese Arbeit zu beantworten versucht. Als
Grundlage zur Beantwortung der Frage dienen dieser Arbeit dabei die Forschungsergebnisse
von Michael Hartmann aus den Jahren 1995-97
4
, in der er die Rekrutierung der deutschen
Topmanager als erster nach Kruk 1972 zum Thema einer soziologischen Studie macht.
Genauso seine Einführung in die Elitesoziologie von 2004
5
und seine Arbeit über die Eliten in
1
[-]: Neue alte Idee. In: Die Zeit 29 (2007), URL: http://www.zeit.de/2007/29/Neue_alte_Idee, S.16.
2
Hartmann, Michael: Elitesoziologie. Eine Einführung. Frankfurt/Main 2004, S.7.
3
Ebd., S.8.
4
Hartmann, Michael: Klassenspezifischer Habitus oder exklusiver Bildungstitel als soziales
Selektionskriterium?. Die Besetzung der Spitzenpositionen in der Wirtschaft. In: Krais, Beate (Hrsg.):An der
Spitze. Von Eliten und herrschenden Klassen. Konstanz 2001, S.157-215.
5
Hartmann: Elitesoziologie.
4
Europa, in denen er die deutsche Eliterekrutierung international vergleicht
6
. Hartmann ist
demzufolge der derzeit führende deutsche Wissenschaftler auf dem Gebiet der Eliteforschung.
Wie auch Hartmann in seiner Studie, konzentriert sich diese Arbeit dabei auf die Rekrutierung
der Wirtschaftseliten, da besonders in der Wirtschaft das Leistungsprinzip gelten sollte. Zum
anderen scheiden sowohl die politische Elite, als auch die militärische aus. Zunächst ist das
politische Amt oft ein nebenberufliches und nicht selten mit einer bedeutenden
Wirtschaftsposition verknüpft, so dass bei der Betrachtung der politischen Eliten von vielen
Störvariablen ausgegangen werden muss. Die militärische Eliterekrutierung ist dagegen stark
formalisiert und an gewisse Faktoren, wie z.B. die Fachhochschulreife für Offiziere
gebunden. Die wirtschaftliche Elite dagegen steigt meist früh in die Wirtschaft ein, die
Entwicklung zu Elite jedoch erfolgt erst später, so dass die Inhaber von Führungspositionen
im Durchschnitt 50 Jahre alt sind
7
. Somit ist in der Wirtschaft von einer umfassenden Prüfung
bei der Rekrutierung der Eliten auszugehen, welche weder formalisiert ist, noch zu viele
Störvariablen enthält.
Da der Begriff Elite vielseitig verwendet wird (z.B. Eliteeinheiten beim Militär) und in der
Geschichte sowohl positiv als auch negativ gebraucht wurde, wird am Anfang dieser Arbeit
der Begriff geklärt und besonders die Bedeutung des Begriffs Elite in Deutschland
veranschaulicht, um darauf aufbauend den durch den Faschismus begründeten Sonderweg in
der deutschen Eliterekrutierung zu verdeutlichen. Danach werden die zwei
Hauptselektionskriterien in der Eliterekrutierung sozialer Habitus und Bildung behandelt, um
klar zu machen inwieweit gerade der soziale Habitus auf die Chance als Elite in Deutschland
rekrutiert zu werden wirkt. Dazu werden in dieser Arbeit die bereits vorliegenden
Forschungsergebnisse von Michael Hartmann
8
auf diese Fragestellung hin untersucht und mit
denen von Schubert vertieft, welcher die Forschungsergebnisse Hartmanns mit denen von
anderen Forschungsergebnissen vergleicht
9
. Abschließend wird der deutsche Weg mit dem
anderer großer Industriestaaten verglichen, um die Eliterekrutierung in Deutschland
6
Hartmann, Michael: Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich. Frankfurt/Main 2007.
7
Schubert, Klaus: Leistungseliten: Die Bedeutung sozialer Herkunft als Selektionskriterium für
Spitzenkarrieren. Eine Analyse unter besonderer Berücksichtigung von Sozialisation und Qualifikation.
Hamburg 2005, S.63f.
8
Hartmann: Habitus oder Bildungstitel.
9
Schubert: Leistungseliten.
5
international einordnen zu können. Resümierend werden dann die Ergebnisse der Arbeit im
Schluss einer Betrachtung unterzogen.
2
DIE ENTWICKLUNG DES ELITEBEGRIFFS
Der Begriff Elite wirkte seit jeher polarisierend, trennt er doch eine Minderheit durch einen
Prozess der Auslese, in welcher Form auch immer, von der Masse. Besonders in der
europäischen Geschichte und ganz besonders in der deutschen ist genau diese Dichotomie der
Grund, warum das Wort Elite bei vielen Unbehagen auslöst. Um zu verstehen, wieso gerade
in Deutschland die Elitenrekrutierung ein so sensibles Thema ist und wieso sich Deutschland
immer noch schwer tut eine organisierte Elitenrekrutierung zu installieren, muss man die
Entwicklung des Elitenbegriffes verstehen.
10
2.1
ENTSTEHUNG DES ELITEBEGRIFFS
Die ersten Entwürfe einer Eliterekrutierung machte bereits Platon (427-347 v. Chr.), indem er
die Rekrutierung der Philosophenkönige, welche laut ihm die Weisen und Besten seien, in
seinem Werk Politeia beschreibt. Wie empfindlich gerade die deutschsprachigen Philosophen
nach dem zweiten Weltkrieg auf das Thema Elite reagierten, zeigt die Platokritik Poppers
11
,
welcher Plato totalitäre Ideen vorwirft. Diese Sensibilisierung ist die Folge der Entwicklung
des Elitebegriffes im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Der Elitebegriff selbst stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde zunächst vom
französischen Bürgertum benutzt. Zunächst gebraucht als Kampfbegriff gegen Adel und
Klerus, um Abstammung als Voraussetzung erfolgreicher Karrieren zugunsten von Leistung
abzulösen
12
, änderte sich die Bedeutung im 19.Jh. In den Zeiten von Industrialisierung und
Bevölkerungswachstum gebrauchte das Bürgertum den Begriff Elite um sich selbst von der
10
Vgl. hierzu Hartmann: Elitesoziologie, S.43f
Siehe dazu Kapitel 2.3
11
Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Der Zauber Platons. s.l. 1945.
12
Hartmann: Elitesoziologie, S.9.
6
Masse abzugrenzen
13
. Die Angst der bürgerlich akademischen Intelligenz vor den
revolutionären Forderungen der Arbeiterschaft führte dazu, dass alle drei grundlegenden
Theorien zu dieser Thematik fast gleichzeitig um die Jahrhundertwende verfasst wurden.
14
Kein Wunder also, dass die Dichotomie von Elite und Masse die Werke beherrscht. Diese
machiavellistischen Theorien von Mosca, Pareto und Michels, welche klar zwischen
herrschender Elite und beherrschten Massen unterscheiden, halfen nicht zuletzt genau wegen
ihrer eliteverherrlichenden Form dem deutschen und italienischen Faschismus an diese
Theorien anzuknüpfen
15
.
2.2
ELITE UND MASSE DIE DICHOTOMIE VON MOSCA, PARETO UND
MICHELS
Gemeinsam haben alle drei Theorien nicht nur die Unterteilung der Gesellschaft in Elite und
Masse, sondern auch die Frage nach der Reproduktion der Eliten. Alle drei sehen nicht etwa
die Rekrutierung neuer Eliten als Aufgabe des Staates, sondern gehen davon aus, dass der
Antagonismus zwischen Elite und Masse selbst zur Entwicklung neuer Eliten führt.
Gaetano Mosca sieht zum Beispiel in dem Konflikt zwischen ,,Monopolisierungsbestrebungen
der Herrschenden und dem Aufstiegswillen neuer Kräfte"
16
den Motor die alten Eliten durch
neues Blut aufzufrischen. Er hält genau diese Durchmischung für zwingend notwendig, da,
wie er sagt, eine Elite durch reine Vererbung, aufgrund fehlender Notwendigkeit sich
durchzusetzen, durch ,,fehlende Kühnheit und Kampfeslust"
17
schnell verweichlicht und
drohenden politischen Gefahren nicht genug entgegenzusetzen vermöge. Dieser Prozess
erfolgt jedoch normalerweise nicht plötzlich, sondern fortlaufend und schleichend, und führt
dann zum Erfolg, wenn sich ,,neuen Eliten" die Verhaltensweisen und Eigenschaften der
Alten aneignen.
18
13
Schubert: Leistungseliten, S.3-4.
14
Hartmann: Elitesoziologie, S.13.
15
Hartmann: Elitesoziologie, S.43.
16
Ebd., S.23.
17
Ebd.
18
Ebd, S.24.
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