anfänglich entzieht. Eine konstruktiver Austausch zwischen ihm und den Erziehungswissenschaftlern findet erst sehr viel später statt und kann nicht zu Ende geführt werden, denn seine Korrekturen, Erweiterungen und Rücknahmen werden erst post mortem 2002 veröffentlicht.
Als hervorragende Vertreter dieser intellektuellen Auseinandersetzung gelten Niklas Luhmann selbst mit Unterstützung von Eberhard Schorr und Dietrich Benner, der wie kein anderer Erziehungswissenschaftler auf die von Luhmann und Schorr formulierten Fragen an die Pädagogik eingeht und seine Antithesen trefflich formuliert und begründet. Dadurch verteidigt er gleichzeitig seine eigenen Thesen im Werk Allgemeine Pädagogik Eine systematische problemgeschichtliche Einführung in die Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns, die sich wiederum die Forschungsergebnisse historischer Wissenschaftler zur Grundlage macht und den vier Prinzipien des pädagogischen Denkens und Handelns die Bedeutung zukommen lässt, die unserer modernen Gesellschaft entspricht. Luhmann galt stets als Bielefelder Provokateur. Mit seinen Fragen an die Pädagogik machte er sich keine Freunde unter den Erziehungswissenschaftlern, die sein Agieren als Übergriff interpretierten. Von einem Dialog auf einer Augenhöhe konnte nicht die Rede sein. Doch, wie uns unter anderem Benner in seine Rezension zum post mortem erschienenen Buch von Luhmann Das Erziehungssystem der
Gesellschaft deutlich macht, hat Luhmann im Laufe der Zeit sehr wichtige Korrekturen vorgenommen. Die Wissenschaftlichkeit der Erziehung scheint mit diesen Korrekturen selbst von ihm nicht mehr angezweifelt zu werden. „[...] Zu Luhmanns Hinweisen an die Pädagogik, die eine bleibende Bedeutung haben werden,
gehören die These von der funktionalen Ausdifferenzierung moderner Gesellschaftssysteme (und) die
auch für das Erziehungssystem gilt, die hieraus abgeleitete Kritik am Anspruch von
Reformpädagogiken, die die Erziehung als ein Mittel für gesamtgesellschaftliche Veränderung konzipieren.[...]“ 1
1 Benner, Dietrich: Rezension Das Erziehungssystem der Gesellschaft von Niklas Luhmann
2
H a u p t t e i l
Die vier Grundprinzipien pädagogischen Denkens und Handelns sind mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft herausgearbeitet worden, in der die Gleichheit bzw. Ungleichheit der Menschen nicht mehr durch den Stand bzw. durch die Geburt sondern durch die Individualität festgelegt wird. Mit der französischen Revolution entsteht das Gleichheitspostulat (Egalité) und es stellt sich die Frage, wie sich die faktische Ungleichheit der Menschen unter diesem Gleichheitspostulat legitimieren lässt. Seit Rousseaus Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen kommt es zu einer kritischbürgerlichen, pädagogischen Diskussion dieser Frage. 2
Demzufolge wurden die zwei konstitutiven Prinzipien (Bildsamkeit und Aufforderung zur Selbsttätigkeit) von der bürgerlichen Philosophie und Pädagogik des 18. und 19. Jahrhunderts begrifflich fixiert:
„[...] Die Geltung dieser Prinzipien ist nicht auf die pädagogische Praxis der Moderne begrenzt,
sondern bezieht sich auf die fundamentale Notwendigkeit pädagogischen Denkens und Handelns, die immer schon mit der Existenz des Menschen als gegeben unterstellt werden muss [...]“ 3 . Die bürgerliche Gesellschaft verliert sich in der aufklärerische Frage, ob die Leistungsfähigkeit des Menschen anlagendeterminiert oder umweltdeterminiert sei. 4 Rousseau, Kant, Humboldt, Herbart und Schleiermacher zeigen aber auf, dass die Grundbegriffe einer Anlagen- und Umweltdetermination nicht Grundbegriffe einer handlungstheoretischen Lehre vom Menschen sein können. Der Mensch ist niemals unmittelbares Resultat einer genetischen und/oder umweltbedingten Determination, sondern durch die individuelle und gesellschaftliche Praxis hervorgebracht. Für
2 Benner, Dietrich: Das Theorie-Praxis-Problem in der Erziehungswissenschaft und die Frage nach Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns. In: Zeitschrift für Pädagogik, 26 (1980)4, Seite 485-497 ISSN: 0044-3247
3 Benner, Dietrich: Allgemeine Pädagogik Eine systematisch- problemgeschichtliche Einführung in die Grundstrukur pädagogischen Denkens und Handelns / Juventa Verlag Weinheim und München 1987 ISBN 3 7799 0340 7. Seite 48
4 vgl. Benner
3
Schleiermacher ist die menschliche Praxis selbst und mit ihr die pädagogische Praxis ein historisches Apriori aller Bestimmtheiten des Menschen.... 5 Auf der Grundlage dieser zwei konstitutiven Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns folgt in der Neuzeit die Formulierung der zwei regulativen Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns (Überführung gesellschaftlicher
Determination in pädagogische Determination und Ausrichtung der menschlichen Gesamtpraxis an der Aufgabe einer nicht-hierarchischen und nicht-teleologischen Ordnung der menschlichen Gesamtpraxis), denn die von Rousseaus „Emile“ (1762) und von Herbarts „Umriss pädagogischer Vorlesung“ (1841) begrifflich fixierten konstitutiven Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns bedürfen eines regen Austauschs der pädagogischen Praxis mit anderen Gesellschaftsbereichen menschlichen Handelns. Hieraus entstehen notwendige Prüfkriterien
„[...] die gesichert sein müssen, damit gesellschaftliche Anforderungen von der pädagogischen Praxis
unter Berücksichtigung der konstitutiven Prinzipien pädagogischen Handelns tradiert werden können. [...]“ 6
Durch Benners Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns erlangen diese vier Prinzipien die für die Aufgaben und Probleme der pädagogischen Praxis notwendige Bedeutung. Sie beziehen sich auf die individuelle und gesellschaftliche Seite der Erziehungspraxis und begründen sich in der Entwicklung unserer bürgerlichen Gesellschaft. Benner geht mit dem Anspruch an sein Thema, die pädagogischen Professionen mit der pädagogischen Praxis und anderen Praxen zu konfrontieren und deren Beziehung offen zu legen, und nicht, wie häufig geschehen, die Pädagogik isoliert zu betrachten, pädagogische Professionen voneinander zu differenzieren und losgelöst von anderen Bereichen zu betrachten. Laut Benner sind die konstitutiven Prinzipien so fundamental, dass sie schon zu Beginn der Menschheit existent waren.
5 vgl. Benner
6 Vgl. Benner
4
Benner:
„[...]Die pädagogische Praxis ist ebenso wenig wie die anderen Praxen eine Erfindung des Menschen,
sondern konstitutiv für die menschliche Koexistenz. [...]“ Hieraus ergibt sich für Benner eine "übergeschichtliche Geltung eines historischen Aprioris". Benner führt weiter aus, dass die begriffliche Formulierung von Bildsamkeit und der Aufforderung zur Selbsttätigkeit maßgeblich mit der Frage der Freiheit und Gleichheit zusammenhängt. In einer Gesellschaft freier, brüderlicher und gleicher Menschen gilt es, ungleichen Individuen durch Leistungsförderung zur Leistungsfähigkeit zu verhelfen, zur Chance auf Gleichheit. Die konstitutiven Prinzipien gelten als Grundpfeiler der Pädagogik. Es geht in der Pädagogik darum, für jeden die Voraussetzungen zu schaffen, selbständig agieren zu können. Neugier und Wissbegierde gehören zur Bildsamkeit, denn ohne Neugier, also ohne den Willen etwas Neues zu erforschen, kann nach Benner kein Mensch neue Dinge erlernen und sich fort- und weiterbilden. Mit dem Prinzip der Aufforderung zur Selbsttätigkeit ist gemeint, dass eine Aufforderung zur Aktivität nicht untergraben wird. So wird man einem Kind, das einen zwei Meter entfernten Ball haben will, den Ball nicht geben, sondern ihm zeigen, wie es selbst an den Ball herankommt.
Für Benner ist es maßgeblich, dass pädagogische Interaktionen die Kategorie der Bildsamkeit als ihr Prinzip anerkennen und die einzige Möglichkeit, dass die pädagogische Praxis nicht in Widerspruch mit sich selbst gerät. Vom zweiten konstitutiven Prinzip des pädagogischen Denkens und Handelns, dem Prinzip der Aufforderung zur Selbsttätigkeit, sagt Benner, dass es sich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit aus dem ersten ergibt, bzw. dass sich beide Prinzipien bedingen. Der Zu-Erziehende sei im Sinne der Bildsamkeit vermittels pädagogischer Interaktion zur selbsttätigen Mitwirkung an seinem Bildungsprozess "ausdrücklich aufzufordern". „[...] und umgekehrt ist eine Aufforderung zur Selbsttätigkeit nur möglich, sofern sie die pädagogische 7 Interaktion von der Kategorie der Bildsamkeit her begreift. [...]“
7 Benner
5
Bildsamkeit und Aufforderung zur Selbsttätigkeit bedingen sich. Die scheinbar paradoxe Kunst "den Heranwachsenden zu etwas aufzufordern, was er - noch - nicht kann, und ihn als jemanden anzuerkennen, der er - noch - nicht ist", bestimmt die pädagogische Praxis und ihr verdankt sie ihre spezifischen Wirkungsmöglichkeiten. Dies hält Benner für eine Besonderheit der pädagogischen Praxis, die sich damit von allen anderen Praxen unterscheidet, da sie durch die Aufforderung zur Selbsttätigkeit des Zu-Erziehenden ihr eigenes Ende zum Ziel hat. Die Bildsamkeit fasst den Menschen als ein Wesen, welches gleichermaßen bildungsbedürftig und bildsam ist und seine Bestimmung erst vermittelt über seine Mitwirkung erfährt. Wenn eine pädagogische Wirkung erst durch das Mitwirken des Heranwachsenden erzielt werden darf und kann, dann handelt es sich bei dieser um eine nicht unmittelbar-direkt antizipierte und herbeigeführte, sondern den Heranwachsenden zur Selbsttätigkeit auffordernde Mitwirkung.
Bildsamkeit und Aufforderung zur Selbsttätigkeit beziehen sich auf die individuelle Seite der pädagogischen Praxis. 8
Das gesellschaftliche Zusammenarbeiten und -leben bleibt bei den konstitutiven Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns aber unberücksichtigt. Deswegen bedarf es zusätzlich der regulativen Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns, die dazu beitragen, dass jedes Individuum durch Interaktion und der Auseinandersetzung mit anderen Individuen sein "eigenes Ich" finden kann. Bildsamkeit und Selbsttätigkeit erfordern Interaktion.
Die zwei regulativen Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns beziehen sich auf die gesellschaftliche Seite der Erziehung und bestimmen die Möglichkeiten eines Handelns und Denkens auf der Grundalge der beiden ersten Prinzipien entscheidend mit. Auch sie sind untrennbar mit der für die bürgerliche Gesellschaft der Neuzeit maßgeblichen Gleichheitsfrage verknüpft.
Die in der Pädagogik koexestierenden Praxen der Arbeit, Pädagogik, Ethik, Politik, Kunst und Religion lassen sich nicht voneinander ableiten, bestehen aber auch nicht
8 Vgl. Benner
6
Arbeit zitieren:
Christian Coenen, 2009, Die vier Grundprinzipien pädagogischen Handelns und Luhmanns Systemtheorie, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Eine systematisch-problemgeschichtliche Einführung in die Grundstruktu...
Seminararbeit, 9 Seiten
VHS - eine Institution der Erwachsenenbildung
Hat sich das Profil der Volksh...
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Seminararbeit, 25 Seiten
Das "Risiko" von Erziehung und Sozialisation. Eine systemthe...
Hausarbeit, 21 Seiten
Erziehung, Selbstbestimmung und Zwang bei Immanuel Kant und Jean-Jacqu...
Zwei Philosophen mit identisch...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 18 Seiten
Islamische Menschenrechtserklärungen
Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Unterrichtsstunde: Aborigines – facts about their culture and history
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 27 Seiten
Kants Werke - Band XI: "Über Pädagogik" - Ein Vergleich anh...
Hausarbeit, 29 Seiten
Grundbegriffe und Theorien pädagogischen Denkens und Handelns
Hausarbeit, 40 Seiten
Unterrichtsstunde: Lernstationen zur Übung und Wiederholung der Additi...
Unterrichtsentwurf, 16 Seiten
Der Bildungsgedanke in Platons Höhlengleichnis
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 18 Seiten
Die Systemtheorie von Niklas Luhmann
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 17 Seiten
Zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule - Entwicklung, Rahmenbeding...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 22 Seiten
Umwelterziehung: Geschichte, Merkmale, Ziele der Umwelterziehung und ...
Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Hausarbeit, 24 Seiten
Literaturrezension zu: Julia Gerlach - "Zwischen Pop und Dschiha...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 25 Seiten
Systemtheorie in der Pädagogik. Welche praktischen Anwendungsmöglichke...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Seminararbeit, 18 Seiten
The use of music and songs in the EFL-classroom
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Die Frauen des Islam im Blick der Menschenrechte
Politik - Internationale Politik - Thema: Völkerrecht und Menschenrechte
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Christian Coenen hat den Text Die vier Grundprinzipien pädagogischen Handelns und Luhmanns Systemtheorie veröffentlicht
Christian Coenen hat einen neuen Text hochgeladen
Gouvernementalität und Erziehungswissenschaft
Wissen - Macht - Transformatio...
Susanne Weber, Susanne Maurer
Körperkompetenzen und Interaktion in pädagogischen Berufen
Konzepte - Training - Praxis
Julia Kosinár
Perspektiven für pädagogisches Handeln
Eine Einführung in Erziehungsw...
Elke Nyssen, Bärbel Schön
Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft
Barbara Friebertshäuser, Annedore Prengel, Antje Langer
0 Kommentare