Vorwort
Kirchenmusik und Schulmusik - was hat das miteinander zu tun?
Diese Frage habe ich oft gehört, wenn ich vom Gegenstand meiner Arbeit erzählt habe. Für viele scheinen diese beiden Gebiete nicht recht miteinander vereinbar zu sein. Vielleicht mag es daran liegen, dass man in den 20er Jahren begann, die lange Kopplung von Schul- und Kirchenmusik zu lösen und man seitdem getrennte Wege geht.
Heute hat sich die Lage allerdings geändert. Seit den Ergebnissen der ersten PISA-Studie ist die Diskussion um die Einführung der Ganztagsschule aktuell geworden. Neu entstandene Ganztagsschulen suchen ihrerseits kompetente Partner, um ein qualitativ hochwertiges Ganztagsangebot gewährleisten zu können. Gerade im musischen Bereich sind Ganztagsschulen auf außerschulische Partner angewiesen, da es stets an SchulmusikerInnen mangelt.
Auch die Situation der Kirchenmusik hat sich verändert. Unsere Gesellschaft verliert zunehmend den Bezug zur Kirche und damit auch zur Kirchenmusik. Vielerorts hört man von Reduzierungen der Kirchenmusikstellen. Der Be-rufsstand des Kirchenmusikers wird unter diesen Bedingungen keinen sicheren Zeiten entgegengehen.
KirchenmusikdozentInnen an Musikhochschulen warnen mittlerweile ihre Kirchenmusikstudierenden davor, „nur“ Kirchenmusik zu studieren. Mancher-orts zeichnet sich bereits eine Tendenz des parallelen Schul- und Kirchenmusikstudiums ab. Dies liegt einerseits an den erweiterten optionalen Berufsmöglichkeiten, andererseits an der Unsicherheit, von einer bloßen Kirchenmusikstelle in Zukunft leben zu können.
Da ich selbst Kirchen-, Schulmusik und Theologie studiere, liegt mir das Thema der schulisch-kirchlichen Zusammenarbeit besonders nahe. Ich sehe eine große Chance darin, dass Kirchenmusik in Kooperation mit der Schule wieder an Bedeutung gewinnen kann, denn in der Schule sitzen die KirchenmusikerInnen von morgen. SchülerInnen erhalten durch die Präsenz des kirchenmusikalischen Instituts in der Schule die Chance, einen Zugang zur Kirchenmusik zu finden.
I
Das Hauptanliegen meiner Arbeit ist der Versuch, die C-Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker in den Alltag der Ganztagsschule zu integrieren. Ich habe diese Ausbildung während meiner Schulzeit am Bischöflichen Kirchenmusikinstitut Fulda erworben. Da es noch kein Zentralabitur und kein G8-System gab, war diese zusätzliche Ausbildung gut zu bewältigen. Die Strukturen haben sich nun geändert und mit ihr müssen sich auch die Strukturen der C-Ausbildung ändern. Denn die C-Ausbildung ist es, die das Fundament der Kirchenmusikszene in Deutschland bildet. Ich habe bisher noch keinen Kirchenmusikstudierenden kennengelernt, der keine C-Ausbildung hat, wohl aber viele C-AbsolventInnen, die nebenberuflich die Kirchenmusik in ihren Gemeinden pflegen.
Was liegt also näher, Schul- und Kirchenmusik in beidseitigem Interesse wieder stärker zusammenzuführen?
Ich meine damit keine Verschmelzung - Kirchen- und Schulmusik können sich nicht ersetzen, aber sich ergänzen - sondern eine kooperative Zusammenarbeit, von der beide Partner profitieren können.
Die Zahl der Interessenten, die sich aktiv an Kirchenmusik beteiligen wollen, wird geringer. Daher ist es notwendig, dass das wache Ohr des Kirchenmusikers immer wieder auf interessierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene zugeht. (Regionalkantor Raimund Murch)
An dieser Stelle sei allen gedankt,
die mich bei dieser Arbeit unterstützt haben.
Ein besonderer Dank gilt Kirchenmusikdiözesanreferentin Edith Harmsen und Regionalkantor Ulrich Moormann des Bischöflichen Kirchenmusikinstituts Fulda für die vielen wichtigen Informationen und Impulse.
Detmold, im Oktober 2008
Inhaltsverzeichnis
Vorwort………………………………………………………………………………………………. I
Inhaltsverzeichnis……………………………………………………………………………........ III
Einleitung 1
1. Die Ganztagsschule 4
1.1 Historischer Rückblick 4
1.2 Das Programm „IZBB“ 6
1.3 Die Ganztagsschule in Deutschland 7
1.3.1 Begründung 8
1.3.2 Definitionen und verschiedene Formen 12
1.4 Kriterien für ein qualitativ hochwertiges Ganztagsschulkonzept 18
1.5 Stellungnahme der Kirchen zur Ganztagsschule 23
2. Musik in der Ganztagsschule 25
2.1 Die Notwendigkeit musikalischer Bildung 25
2.2 Das Unterrichtsfach Musik 29
2.3 Musikpädagogische Handlungsfelder und Kooperationen in der Ganztagsschule 32
2.3.1 Voraussetzungen für Kooperationen 32
2.3.2 Möglichkeiten und Beispiele musikpädagogischer Kooperationen
mit außerschulischen Partnern 36
2.3.3 Chancen und Möglichkeiten 43
2.3.4 Probleme und Risiken 45
2.4 Das Projekt „Kultur macht Schule“ 46
3. Kirchenmusik in der Ganztagsschule 50
3.1 Zur geschichtlichen Entwicklung von Kirche und Staat hinsichtlich
der schulischen Musikerziehung 50
3.2 Zur aktuellen gesellschaftlichen Ausgangslage 55
3.3 Argumente für die Kirchenmusik 58
3.4 Die kirchenmusikalische C-Ausbildung 63
3.4.1 Die C-Ausbildung der katholischen Kirche 63
3.4.2 Die C-Ausbildung der evangelischen Kirche 65
3.5 Möglichkeiten einer kirchlich-schulischen Zusammenarbeit
im musikalischen Bereich 66
III
4. Die kirchenmusikalische C-Ausbildung in der Ganztagsschule -Mögliche Wege der Kooperation……………………………………………………………….. 73
Bischöflichen Kirchenmusikinstituts Fulda………………………………………………. 78 4.2.1 Beschreibung………………………………………………………………………… 78 4.2.2 Vorschlag zur Umsetzung…………………………………………………………... 79 4.2.3 Vorteile und Chancen dieses Modells…………………………………………….. 82 4.2.4 Nachteile und Probleme dieses Modells………………………………………….. 82 4.3 Modell B: Neue Strukturen der kirchenmusikalischen C-Ausbildung………………… 83 4.3.1 Beschreibung………………………………………………………………………… 83 4.3.2 Vorschlag zur Umsetzung…………………………………………………………... 84 4.3.3 Vorteile und Chancen dieses Modells…………………………………………….. 86 4.3.4 Nachteile und Probleme dieses Modells………………………………………….. 86 4.4 Modell C: Künftige Zusammenarbeit aller regionalen musikpädagogischen Institutionen……………………………………………………….. 87 4.4.1 Beschreibung………………………………………………………………………… 88 4.4.2 Vorschlag zur Umsetzung…………………………………………………………... 89 4.4.3 Vorteile und Chancen dieses Modells…………………………………………….. 91 4.4.4 Nachteile und Probleme dieses Modells………………………………………….. 91 4.5 Mögliche künftige Strukturen in der Lehrerausbildung…………………………………. 92 4.5.1 Allgemeinbildende Ganztagsschulen mit kirchenmusikalischem Profil………... 92 4.5.2 Die Lehrerausbildung……………………………………………………………….. 93
Fazit und Ausblick………………………………………………………………………………… 96
Literaturverzeichnis…………………………………………………………………………......... VI Informationen aus dem WorldWideWeb…………………………………………............. XIII Versicherung……………………………………………………………………………………….. XVII Anhänge
Einleitung
Seit den Ergebnissen der ersten PISA-Studie, die die mangelnde Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler 1 in Deutschland aufgedeckt hat, ist Bildung und Förderung der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ein Thema, das ununterbrochen diskutiert wird. Dabei wurde die Diskussion stark auf die Hauptfächer, vor allem Deutsch und Mathematik, fokussiert. Sicherlich spielen diese Fächer eine zentrale Rolle, wenn es um den Zuwachs von wichtigen Kompetenzen, wie etwa logisches und vernetztes Denken oder den Erwerb von sprachlicher Kommunikationsfähigkeit, geht. Die Leistungen der SchülerInnen beim Lesen, in der Mathematik oder in den Naturwissenschaften waren nur durchschnittlich. In keinem anderen Industriestaat entscheidet die soziale Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen wie in Deutschland. Zugleich gelingt die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migra-tionshintergrund deutlich schlechter als in anderen Ländern. 2
Das deutsche Bildungswesen zieht eine soziale Selektivität mit sich, die stärker ist als in anderen von PISA untersuchten Ländern. Die Folge davon ist eine mangelnde Chancengleichheit der SchülerInnen in Deutschland. 3 Kinder, die einen Migrationshin-tergrund haben und aus einem bildungsfernen Milieu kommen, bleiben bildungsbenachteiligt, da sie nicht ausreichend gefördert werden. Etwa 50 Prozent der Kinder in Deutschland weisen Entwicklungsdefizite im kognitiven und sozialen Bereich auf, wenn sie eingeschult werden. Dies ist auf fehlende Förderung in den ersten Lebensjahren zurückzuführen. Im deutschen mehrgliedrigen Schulsystem haben es benachteiligte Kinder aus sozial schwächeren Milieus besonders schwer, ihre vorhandenen Defizite ausreichend aufzuheben. 4 Die PISA-Ergebnisse, die für das deutsche Bildungssystem nahezu schockierend waren, haben dazu geführt, dass ein Umdenken in der deutschen Bildungslandschaft stattgefunden hat. Eine zurzeit viel diskutierte Lösung scheint die Einrichtung der Ganztagsschulen zu sein, in denen SchülerInnen ganztägig betreut lernen sollen. Auch der gesellschaftliche Wandel, der in den letzten Jahrzehnten zur einer Veränderung der sozialen Gefüge, des Arbeitsmarktes und der kulturellen Vielfalt in Deutschland geführt hat, trug dazu bei, dass die Bildungspolitik im Zuge der
1 Anmerkung: im Folgenden wird nicht mehr von „Schülerinnen und Schüler“, sondern von „SchülerInnen“ gesprochen. Dieses Prinzip gilt ebenso für andere Personengruppen.
2 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): „Ganztagsschulen. Zeit für mehr. Das Programm: Was die Regierung tut“. http://www.ganztagsschulen.org/, Zugriff: 10.08.08
3 Vgl. Kirchenamt der Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.): „Ganztagsschule - in guter Form! Eine Stellungnahme des Rates der EKD“ in: Appel, Stefan/ Ludwig, Harald/ Rother, Ulrich/ Rutz Georg (Hrsg.): Jahrbuch Ganztagsschule 2006. Schulkooperationen, Schwalbach/ Ts. 2005, Juni 2004, S. 235-247, hier: S. 237.
4 Vgl. Oerter Rolf: „Ganztagsschule - Schule der Zukunft? Ein Plädoyer aus psychologischer Sicht“, in: Appel, Stefan/ Ludwig, Harald/ Rother, Ulrich/ Rutz. Georg (Hrsg.): „Jahrbuch Ganztagsschule 2004. Neue Chancen für die Bildung“, Schwalbach/ Ts. 2003, S. 10-24.
1
komplexer gewordenen Gesellschaft auf die Einführung der Ganztagsschule setzt. Ziel der Umbaumaßnahmen zur Ganztagsschule ist eine bessere individuelle Förderung der SchülerInnen. In Ländern wie in Frankreich, Großbritannien, Skandinavien, Kanada oder in den USA ist das System der Ganztagsschule seit langem selbstverständlich. In Deutschland hingegen besuchen bisher lediglich 15,2% aller SchülerInnen eine Ganztagsschule. 5
Zu einer ganzheitlichen Bildung, die heute immer wieder gefordert wird, gehört allerdings mehr als der Erwerb von kognitiven Kompetenzen. Schule soll zur Verantwortung, zur Selbstbestimmungsfähigkeit eines jeden über seine individuellen Lebensbeziehungen, zur Mitbestimmungsfähigkeit und zur Solidaritätsfähigkeit in unserer demokratischen Gesellschaft führen (Wolfgang Klafki). 6 Eine wichtige Funktion zur Erreichung dieser Ziele kommt dabei der kulturellen Bildung zu. Fächer wie Musik, Kunst, Politik oder Religion/Ethik sind nicht von PISA erfasst worden, jedoch leisten diese Fächer einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen.
„PISA hat nicht die musischen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler untersucht. Ich habe aber keine Zweifel, dass musisch-kulturelle Angebote im Ganztagsbereich den beabsichtigten Zielen der PISA-Maßnahmen dienen können, also z.B. den in anderen Handlungsfeldern genannten Maßnahmen zur wirksamen Förderung bildungsbenachteiligter Kinder, insbesondere auch der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.“ 7
In dieser Arbeit soll es besonders um die Perspektiven der Erschließung nachhaltiger Zukunftspotentiale der kirchlichen und schulischen Zusammenarbeit im musikpädagogischen Bereich gehen. Die leitenden Fragestellungen lauten: Können außerschulische (kirchen-)musikalische Angebote konzeptionell und (infra-) strukturell in das System der Ganztagsschule eingebunden werden? Gibt es die Möglichkeit, die kirchenmusikalische C-Ausbildung zum Gegenstand kirchlich-schulischer Zusammenarbeit werden zu lassen?
Welche Chancen und Möglichkeiten ergeben sich für beide Institutionen, welche Probleme und Risiken können auftreten?
Aufgrund der wesentlich höheren zeitlichen Belastung von SchülerInnen, die eine Ganztagsschule besuchen, und der damit einhergehenden fehlenden Zeit für persönliche Interessen, Freizeitaktivitäten u.a., ist es wichtig, dass Ganztagsschulen
5 Vgl. BMBF: Ganztagsschulen. Zeit für mehr.
6 Vgl. Peterßen, Wolfgang. H.: „Lehrbuch Allgemeine Didaktik“, 6., völlig veränderte, aktualisierte und stark erweiterte Auflage, München 2001, S. 80f.
7 Schumacher, Heidi: „Kooperationen zwischen Musikvereinen und allgemein bildenden Schulen aus der Sicht der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland“ in: Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände e.V. (Hrsg.): „Kooperation Schule/Verein. Zu den Chancen und Perspektiven künftiger Allianzen zwischen allgemein bildenden Schulen und Musikvereinen vor dem Hintergrund schulischer Ganztagsangebote“, Schriftenreihe der BDO e.V. Band 4, Trossingen 2004, S. 93-99, hier: S. 96.
2
ihren SchülerInnen Raum bieten, ihre persönlichen Interessen auch vermehrt im Schulalltag verwirklichen zu können. Dieser Freiraum ist vor allem für die Persönlichkeitsentwicklung und die Pflege sozialer Kontakte notwendig. Diese Arbeit hat nicht das Thema „allgemeine religiöse Musik in der Ganztagsschule“ zum Gegenstand. Sicherlich könnte in unserer multikulturellen Gesellschaft z.B. auch über religiöse jüdische und islamische Musik in der Ganztagsschule nachgedacht werden. Jedoch würde die Verknüpfung mit anderen Religionen den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Der Fokus soll daher auf der christlichen Tradition, also der Kirchenmusik der beiden großen Konfessionen, liegen.
In Kapitel 1 wird das System der Ganztagsschule in Deutschland vorgestellt, wobei historische Aspekte, die aktuelle Entwicklung, diverse Begründungszusammenhänge, verschiedene Modelle und kontroverse Positionen behandelt werden. Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Thema „Musik in der Ganztagsschule“. Warum ist Musik in der Ganztagsschule wichtig? Wie stellt sich die aktuelle Lage des Faches Musik dar? Diese Fragen und die Möglichkeiten von Kooperationen im Feld Musikpädagogik sollen hier erörtert werden.
Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der kirchlich-schulischen Zusammenarbeit im Ganztagsbereich. Bei der Untersuchung werden zunächst die geschichtliche Entwicklung von Kirche und Staat hinsichtlich der schulischen Musikerziehung sowie die aktuelle gesellschaftliche Lage dargestellt. Weiterhin werden Chancen und Möglichkeiten sowie mögliche entstehende Probleme, die sich für die allgemeinbildende Ganztagsschule und das Kirchenmusikinstitut (kurz: „KMI“) 8 aus einer Kooperation ergeben, diskutiert. Da viele Kooperationsmöglichkeiten aus dem Fächerkanon der kirchenmusikalischen C-Ausbildung resultieren, werden in diesem Kapitel auch die Strukturen der katholischen und evangelischen C-Ausbildung vorgestellt.
Basierend auf den Ergebnissen der ersten drei Kapitel stelle ich schließlich in Kapitel 4 eigens entwickelte Kooperationsmodelle vor. Hier werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, wie eine auf die kirchenmusikalische C-Ausbildung fokussierte kirchlichschulische Zusammenarbeit aussehen könnte.
Die Literaturlage zu diesem Thema ist sehr dürftig. Viele Informationen sind lediglich im WorldWideWeb zu finden. Daher werden sich viele Quellenangaben auf diverse Seiten im Internet beziehen.
8 Anmerkung: die Bezeichnung „Kirchenmusikinstitut“, kurz: „KMI“ wird eigentlich nur im Bistum Fulda verwendet. Das Bistum Mainz beispielsweise bezeichnet seine kirchenmusikalische Ausbildungsstätte als „Institut für Kirchenmusik“. Häufig geläufige Bezeichnungen sind „Amt“ oder „Referat für Kirchenmusik“. All diese Begriffe sind Synonyme. Da sich das Modell A in Kapitel 4 auf das Kirchenmusikinstitut Fulda bezieht, wird im Folgenden der Einfachheit und Klarheit wegen die Bezeichnung „KMI“ gewählt, die gleichermaßen konfessionsunabhängig für alle kirchenmusikalischen Ausbildungsstätten steht.
3
1. Die Ganztagsschule
1.1 Historischer Rückblick
Die Ganztagsschule hat in Deutschland keine feste Tradition, denn Regelschule war bisher die Halbtagsschule. Dennoch gab es in Deutschland bereits im 19. Jahrhundert Schulen, die ganztägig konzipiert waren. Weiterhin versuchten ReformpädagogInnen der Ganztagsschule einen Weg in das Schulsystem zu ebnen, jedoch nur mit mäßigem Erfolg. In den Schulen des 19. Jahrhunderts gab es Vor- und Nachmittagsschulunterricht, der abhängig von der damaligen Arbeitswelt, besonders im Bereich des Handwerks, war. Die Unterrichtszeit verlief morgens von 8-12 Uhr und nachmittags von 14-16 Uhr. Eine mittägliche Pause von 2 Stunden wurde für das gemeinsame Mittagessen in der Familie und für die Vorbereitung des Nachmittagsunterrichts genutzt. 9 Eine solche Form des Unterrichts wurde damals schon von Johann Amos Comenius (1590-1670) empfohlen. Da diese Schule sich aber lediglich auf Unterricht konzentrierte, ist die Bezeichnung „Schule mit geteilter Unterrichtszeit“ geeigneter als der Begriff „Ganztagsschule“. 10
Zur Jahrhundertwende wurde die Nachmittagsschule zugunsten der Vormittagsschule abgeschafft, denn die Vormittagsschule ermöglichte die damals übliche Kinderarbeit in Landwirtschaft und Gewerbe. In den USA, England und Frankreich wurde hingegen die ganztägige Schulorganisation beibehalten. Die Ganztagsschule wurde mit neuen Elementen angereichert und modernisiert. Sie übernahm über den Unterricht hinausgehende, zusätzliche Aufgaben. In den USA wurde dieses Konzept von dem amerikanischen Reformpädagogen John Dewey (1859-1952) konkretisiert. 11 Aus der reinen Unterrichtsschule, die keine erzieherischen Aufgaben vorsah, resultierten Veränderungsbestrebungen von namhaften Reformpädagogen wie Hermann Lietz (1868-1919) und Ernst Kapff (1863-1944). Hermann Lietz sah ein Gymnasium in Inter-natsform - das Landerziehungsheim - vor, das mit einem vielseitigen pädagogischen Programm auf eine umfassende Menschenbildung ausgerichtet war. Schule sollte nicht nur Lern- sondern auch Lebensstätte sein. Kapff griff 1906 das Konzept von Lietz auf, veränderte es aber in der Weise, dass er die Schule nicht als Internat, sondern nur als Halbinternat entwarf. Kapff sah nämlich schulische Erziehungs- und Bildungsarbeit eng
9 Vgl. Appel, Stefan/ Rutz, Georg: „Handbuch Ganztagsschule. Konzeption, Einrichtung und Organisation“, Schwalbach/Ts. 2003, S. 17.
10 Vgl. Ludwig, Harald: „Die Entwicklung der modernen Ganztagsschule“ in: Ladenthin, Volker/ Rekus, Jürgen (Hrsg.): „Die Ganztagsschule. Alltag, Reform, Geschichte, Theorie“, Weinheim und München 2005, S. 261-278, hier: S. 262f.
11 Vgl. Ludwig, Harald: „Entstehung der modernen Ganztagsschule in Deutschland“, Vortrag beim Ganztagsschulkongress der Friedrich-Naumann-Stiftung in Kronberg am 12. Mai 2007, S. 2. http://www.pro-kopf.de/fileadmin/Downloads/Prof._Ludwig_Wortlaut.pdf, Zugriff: 04.10.2008
4
mit der elterlichen Erziehung verknüpft. SchülerInnen sollten den Kontakt zum Elternhaus und zum städtischen Leben nicht verlieren. 12
Die Landerziehungsheime wurden zur Zeit der Weimarer Republik zu Ganztagsbetrieben mit pädagogischen Elementen erweitert. In den 20er Jahren sorgte die Arbeitsschulbewegung um Georg Kerschensteiner (1854-1932) und das Modell der „Elastischen Einheitsschule“ von Paul Oestreich (1878-1959) für neue Konzeptionen ganztägig angelegter Schulen. Die „Elastische Einheitsschule“ von Oestreich war eine Gesamtschulkonzeption, die alle jungen Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Konfession erreichen sollte. Sie ist deshalb „elastisch“, da sie die individuellen Interessen der SchülerInnen berücksichtigt. 13 H. Harless schlug die Umstrukturierung der öffentlichen Schulen zu „Tages-Heimschulen“ mit rhythmisierter Gestaltung des Schulalltags vor. 14
Da der Nationalsozialismus die Reformbewegungen unterband, setzten die Bemühungen um die Ganztagseinrichtungen erst wieder nach Kriegsende im Jahr 1947 unter Herrmann Nohl und Lina Mayer-Kulenkampff ein. Das Schulwesen wurde in den meisten Bundesländern wieder so aufgebaut, wie es zur Weimarer Zeit bestanden hatte. Das Organisationsprinzip war das dreigliedrige Schulsystem von Volksschule, Mittelschule und höherer Schule (Gymnasium). 1955 wurde der „Ganztagsschulverband Gemeinnützige Gesellschaft Tagesheimschule“ in Frankfurt a.M. gegründet. Die Forderung nach Humanisierung der Schule, Abkehr von der reinen Unterrichtsschule und die Hinwendung zur erzieherisch tätigen Schule führten zur Bestrebung, ganztägige Schule in Verbund mit der Gesamtschulidee umzusetzen.
1973 waren die Forderungen nach Chancengleichheit und Demokratisierung die Auslöser für den neuen Bildungsgesamtplan der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung. Die Ganztagschule wurde wieder losgelöst von der Gesamtschule diskutiert und eine Reform aller Schulformen setzte ein, die das Bildungswesen in Elementarbereich (3. Lebensjahr bis Schulbeginn), Primarbereich (1.-4. Schuljahr), Sekundarbereich I (5.-10. Schuljahr), Sekundarbereich II (auf dem Sekundarbereich I aufbauende Bildungsgänge) und den Tertiärbereich (Hochschule, Universitäten und andere berufsqualifizierende Bildungsgänge) gliederte. 15
Der „Ganztagsschulverband Gemeinnützige Gesellschaft Tagesheimschule“ plädierte 1985 für Angebotsschulen, da der Bedarf an Ganztagsschulen größer sei, als angenommen wurde. Eine Erhebung des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft bestätigte 1991 diese Annahme. Wegen Finanzierungsproblemen der öffentlichen
12 Vgl. Ludwig, H.: Die Entwicklung der modernen Ganztagsschule, S. 263ff.
13 Vgl. Ebd., S. 269f.
14 Vgl. Appel, S.: Handbuch Ganztagsschule, S. 18.
15 Vgl. Böhm, Winfried: Art. „Bundesrepublik Deutschland“ in: ders.: „Wörterbuch der Pädagogik“, 15., überarbeitete Auflage, Stuttgart 2000, S. 103ff.
5
Kassen konnten ganztägig arbeitende Schulen jedoch nicht ausreichend gewährleistet werden. 16
1.2 Das Programm „IZBB“
Zwar ist die Forderung nach der Ganztagsschule nicht erst seit den Ergebnissen der PISA-Studie aktuell, denn bereits 1973 plädierte die Bund-Länder-Kommission für einen Ausbau des Ganztagswesens. Demnach sollte bis zum Jahre 1985 ein Drittel der SchülerInnen die Möglichkeit haben, eine Ganztagsschule zu besuchen. 17 Der Ausbau der Ganztagsschulen ist allerdings erst durch das „Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) intensiviert worden, das der Bund am 12. Mai 2003 gemeinsam mit den Ländern beschlossen hat. Dieser Beschluss resultiert aus der 296. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 05./06. Dezember 2001, die nach den Ergebnissen der PISA-Studie erste Konsequenzen gezogen hat. Unter dem Vorsitz von Ministerin Dr. Annette Schavan sind 7 Maßnahmen zur Verbesserung der schulischen Bildung in Deutschland beschlossen worden. Die 7. Maßnahme lautet: „Maßnahmen zum Ausbau von schulischen und außerschulischen Ganztagsangeboten mit dem Ziel erweiterter Bildungs- und Fördermöglichkeiten, insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit Bildungsdefiziten und besonderen Begabungen.“ 18
Das IZBB dient der Schaffung moderner Infrastrukturen im Ganztagsschulbereich. Damit sollen zusätzliche Ganztagsschulen und bestehende Ganztagsschulen qualitativ weiterentwickelt werden. Weil Bildungspolitik nicht primär Sache des Bundes ist, liegt die Verantwortung der Umsetzung des Programms bei den Ländern. Bis zum Jahr 2007 wurden den Ländern insgesamt 4 Milliarden Euro für den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen wie folgt zur Verfügung gestellt:
• Haushaltsjahr 2003: 300 Mio. Euro
• Haushaltsjahr 2004: 1 Mrd. Euro
• Haushaltsjahr 2005: 1 Mrd. Euro
• Haushaltsjahr 2006: 1 Mrd. Euro
• Haushaltsjahr 2007: 700 Mio. Euro 19
16 Vgl. Appel, S.: Handbuch Ganztagsschule, S. 19f. Vgl. auch Blum, Andreas: „Handbuch Zusammenarbeit macht Schule. Kooperation von Jugendarbeit und Ganztagsschule“, Schwalbach/ Ts. 2006, S. 24f.
17 Vgl. Quellenberg, Holger: „Ganztagsschule im Spiegel der Statistik“ in: Holtappels, Heinz-Günter/ Klieme, Eckhard/ Rauschenbach, Thomas/ Stecher, Ludwig (Hrsg.): „Ganztagsschule in Deutschland. Ergebnisse der Ausgangserhebung der ‚Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen’ (StEG)“, Weinheim und München 2007, S. 14-36, hier: S. 14.
18 Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland. Referat Kommunikation, Presse und Öffentlichkeit: „296. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz am 05./06. Dezember 2001 in Bonn“. http://www.kmk.org/aktuell/pm011206.htm, Zugriff: 10.08.08
19 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): Die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Bundesministerin für Bildung und Forschung: „Verwaltungsvereinbarung. Investitionsprogramm ‚Zukunft Bildung und Betreuung’ 2003 - 2007“, S. 3. http://www.ganztagsschulen.org/_downloads/Verwaltungsvereinbarung_IZBB.pdf, Zugriff: 10.08.08
6
Die tatsächlich verwendeten Mittel vom Jahr 2003-2006 zeigt die Übersicht im Anhang. Demnach haben die Länder bis zum Jahr 2006 erst ca. 1 Milliarde für die Umbau-Maßnahmen ausgegeben. Die Länder können die Mittel aber noch bis zum Jahr 2009 in Anspruch nehmen 20 (siehe Anhang 1.2 a). Knapp 6.400 Schulen wurden von 2003 bis 2007 mit diesem Programm für die Umbaumaßnahmen unterstützt. Dabei zeigt sich, dass besonders in Nordrhein-Westfalen sehr viele Schulen umgerüstet worden sind (siehe Anhang 1.2 b).
Nicht berücksichtigt werden längerfristig bleibende Personalkosten, für die jedes Land selbst aufkommen muss, wenn es nachhaltig zusätzliches Personal für die Ganztagsschulen sicherstellen will. Ob dies die Länder finanzieren können, bleibt abzuwarten. Über die verwendeten Finanzhilfen müssen die Länder bis zum 30. Juni 2009 einen zusammenfassenden Bericht beim Bundesministerium für Bildung und Forschung vorlegen. 21
In Hessen zum Beispiel werden zum Schuljahr 2008/09 weitere 56 Schulen ein Ganztagsangebot erhalten und weitere zwei Schulen in Ganztagsschulen umgewandelt. Dies sieht die letzte Ausbaustufe des hessischen Dreijahresprogramms zur Einrichtung neuer Ganztagsschulen vor, welches durch den Hessischen Landtag mit dem Haushalt 2006 verabschiedet wurde. Insgesamt sind damit 180 neue ganztägig arbeitende Schulen im Rahmen des Dreijahresprogramms "Ganztagsschule nach Maß" durch das Hessische Kultusministerium genehmigt worden. Ab Herbst 2008 werden insgesamt 528 allgemeinbildende Schulen in Hessen über ein Ganztagsangebot verfügen, das dann von rund 160.000 SchülerInnen genutzt wird. Damit hat sich die Zahl der ganztägig arbeitenden Schulen in Hessen seit 1999 vervierfacht. 22
1.3 Die Ganztagsschule in Deutschland
Die Regierung hat mit dem IZBB den Startschuss für den Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland gegeben, der seit 2003 läuft und noch längst nicht abgeschlossen ist. Die KMK verspricht sich von der Einführung der Ganztagsschulen vor allem eine Verbesserung der Lernleistung. Die Einführung der Ganztagsschule allein gewährleistet aber noch nicht eine qualitativ hochwertige Schulbildung. 23
20 Vgl. BMBF: Ganztagsschulen.
21 Vgl. BMBF: Verwaltungsvereinbarung, S. 5f.
22 Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): „Meldung vom 4. MÄRZ 2008: Kultusministerin Wolff: Hessische Landesregierung baut mit beträchtlichen finanziellen Mitteln Ganztagsangebote aus“. http://www.ganztagsschulen.org/9053.php, Zugriff: 09.08.08
23 Vgl. Schweitzer, Friedrich: „Ganztagsbildung und der Stellenwert der Religion für eine wertvolle Schulkultur: Perspektiven im Anschluss an die EKD-Stellungnahme ‚Ganztagsschule in guter Form!’“ in: Fitzner, Thilo/ Schlag, Thomas/ Lallinger, Manfred W. (Hrsg.): „Ganztagsschule - Ganztagsbildung Politik, Pädagogik, Kooperationen; Dokumentation einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll, 12. bis 14. Mai 2004“, Bad Boll 2005, S. 86-95, hier: S. 89.
7
Dabei stehen zwei grundlegende Fragen im Raum, die dieses Kapitel beantworten soll. Erstens wird der Frage nachgegangen, warum gerade Ganztagsschulen ausgebaut werden und was sie besser leisten können als Halbtagsschulen. Hier werden die Begründungszusammenhänge für den Ausbau der Ganztagsschulen genauer dargestellt. Zweitens wird der Begriff „Ganztagsschule“ näher bestimmt. Es werden unterschiedliche Definitionen und Konzeptionen vorgestellt, auch im Hinblick auf die Unterschiede in den einzelnen Bundesländern.
1.3.1 Begründung
„Einer fast einhundertjährigen Entwicklung, deren pädagogisch begründete Einflussnahme zu einer Ausgestaltung ganztägiger Schulen geführt hat, die hinsichtlich Breite und Qualität schulreformerischer Anliegen einem hohen Niveau folgen, lässt sich die Bedeutung (auch als ‚soziale Reparaturwerkstatt’) nicht absprechen.“ 24
Soweit die These von Stefan Appel. Was kann und soll die Ganztagsschule nun leisten, was die Halbtagsschule nicht zu leisten im Stande ist? Ziele der Ganztagsschulen sind unter anderem die Förderung verlässlicher Bildungs-und Betreuungsangebote nach den Interessen der Kinder und Jugendlichen. Die Bildungschancen der SchülerInnen sollen durch Einbeziehung außerschulischer Angebote sowie durch Erschließung neuer Lernorte durch Kooperationen mit Schul - und Jugendhilfeträgern verbessert werden. 25 Durch die Verbesserung der soziokulturellen Infrastruktur sollen SchülerInnen in Zukunft gleiche Bedingungen in Kultur-, Bildungs-und Freizeitangeboten vorfinden. Die Ganztagsschulen können mit ihren Angebotsformen dabei helfen, dass möglichst alle Kinder und Jugendliche gleiche soziale Kontaktchancen erhalten. 26 Schulen sollen heute zunehmend auch sozialerzieherische Funktionen übernehmen, da sich die Sozialisationsbedingungen gewandelt haben. Die Ganztagsschule soll zwar nicht primär Erziehungsaufgaben bewältigen, dennoch kann sie SchülerInnen soziale und kulturelle Orientierung bieten. 27
Eine erste Begründung für die Ganztagsschule ist sozialpolitischer Art. Die heutige Familiensituation unterscheidet sich von der damaligen insofern, als Kinder und
24 Appel, S.: Handbuch Ganztagsschule, S. 20.
25 Vgl. Kelb, Viola: „Kulturelle Bildung und Ganztagsschulen: Rahmenbedingungen und Umsetzung von Kooperationen in Hessen. Stand 01.06.2006“ in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) e.V. (Hrsg.): „Projekt ‚Kultur macht Schule’“, S. 3f. http://www.kultur-macht-schule.de/, Zugriff: 26.08.08
26 Vgl. Höhmann, Katrin/ Holtappels, Heinz Günther/ Schnetzer, Thomas: „Ganztagsschulen in verschiedenen Organisationsformen - Forschungsergebnisse einer bundesweiten Schulleitungsbefragung“ in: Appel, Stefan/ Ludwig, Harald/ Rother, Ulrich/ Rutz, Georg (Hrsg.): „Jahrbuch Ganztagsschule 2006. Schulkooperationen“, Schwalbach/ Ts. 2005, S. 169-186, hier: S. 170.
27 Vgl. Ebd, S. 170.
8
Jugendliche in Verhältnissen aufwachsen, die von Scheidungen, Alleinerziehung und Wechsel der Lebenspartner geprägt sind. „In Deutschland gibt es ca. 3 Mio. Alleinerziehende, das sind 7,7% aller Haushalte, und das mit steigender Tendenz.“ 28 Aus finanziellen Gründen oder Selbstverwirklichungstendenzen arbeiten häufig beide Elternteile. Kinder und Jugendliche machen daher nicht selten eine sozialdefizitäre Entwicklung durch. 29 Kinder, deren Eltern beide berufstätig sind, müssen ganztägig betreut. Das führt zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Frauen bekommen dadurch die Möglichkeit der Erwerbstätigkeit, was zu einer Stärkung des Wirtschafts-standortes führt:
„Eine Begründung (...) war die Ermöglichung einer besseren Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familienarbeit. Weiterhin sollte im Interesse der Wirtschaft die Frauenquote erhöht werden, um damit Qualifikationen von Frauen besser einsetzen zu können. Gleichzeitig wurde betont, dass jedoch die elterliche Verantwortung und Verpflichtung für die Erziehung der Kinder nicht in Frage gestellt, sondern eine enge Partnerschaft zwischen Eltern und Schule angestrebt wird.“ 30
Die Ganztagsschule kann ihren Beitrag zur Familienerziehung allerdings nur als Ergänzung leisten, nicht aber als Ersatz fungieren. Erziehungsaufgaben müssen weiterhin in erster Linie Aufgaben des Elternhauses sein.
Die Veränderung zur Ganztagsschule kann aber nicht nur sozial- und familienpolitisch begründet sein. Es geht in erster Linie um die Verbesserung des Bildungsangebotes in der Schule. Ganztagsangebote sollen einen Bildungswert und nicht nur einen Betreuungswert für SchülerInnen haben. 31 Mit den Veränderungen der gesellschaftlichen und beruflichen Verhältnisse haben sich auch die Bildungsanforderungen geändert. „Veränderte Bildungsanforderungen erfordern von der Schule die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen, Orientierungswissen, Lernen in Zusammenhängen und Medienkompetenz.“ 32
Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, sind neue Methoden und Erfahrungsmöglichkeiten notwendig, die Zeit in Anspruch nehmen und über den Pflichtunterricht hinausgehen. Sie können von Schulen mit ganztägiger Konzeption daher besonders gut realisiert werden. Das soziale Lernen wird durch Projekte und außerunterrichtliche Veranstaltungen gestärkt. Die Schule hat die Möglichkeit zur inneren Schulreform, denn sie kann neue Lerninhalte einführen, sich für das außerschulische Umfeld öffnen, neue Unterrichtsmethoden anbieten und ein vielfältiges Angebot schaffen. 33
28 Holtappels, Hans-Josef: „Ganztagsschule. Erwartungen und Möglichkeiten. Chancen und Risiken“, Essen 2004, S. 29.
29 Vgl. Appel S.: Handbuch Ganztagsschule, S. 24ff.
30 Blum, A.: Handbuch Zusammenarbeit macht Schule, S. 26.
31 Vgl. Ebd., S. 18.
32 Höhmann, K.: Ganztagsschulen in verschiedenen Organisationsformen, S. 171.
33 Vgl. Ottweiler, Ottwilm: „Die Position von Parteien, Verbänden und Kirchen zur Ganztagsschule“, in: Ladenthin, Volker/ Rekus, Jürgen (Hrsg.): „Die Ganztagsschule. Alltag, Reform, Geschichte, Theorie“, Weinheim und München 2005, S. 177-198. hier: S. 181f.
9
Eine zweite Begründung ist daher von bildungspolitischer und pädagogischer Natur. Der Vorzug des Ganztagsschulwesens liegt besonders im Zeitfaktor begründet. Kinder und Jugendliche haben an Ganztagsschulen mehr Zeit, Lerninhalte in Ruhe zu verarbeiten und zu vertiefen. Zudem können sich LehrerInnen und BetreuerInnen so ganztägig um SchülerInnen kümmern.
„Die Harmonisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Möglichkeiten der Vermeidung oder Reduzierung von Stresssituationen und die Verbesserung des Unterrichts durch die Intensivierung von Zuwendung werden dabei als Grundlage charakterisiert, die allen schulischen Anstrengungen eine unersetzliche Basis und ein freiraumbetontes Bewegungsfeld bieten.“ 34
Der rhythmisierte Tagesablauf in gebundenen Ganztagsschulen erlaubt eine flexible Unterrichtsplanung, in der sich Pflichtunterricht und zusätzliche Angebote in den unterschiedlichsten Bereichen abwechseln. Zudem werden zeitintensive Unterrichtsformen, wie beispielsweise der offene Unterricht, der Projektunterricht oder die Wochenplanarbeit, möglich. Die Ganztagsschule bietet auch Raum für die Förderung leistungsschwächerer SchülerInnen, da sie über die erforderlichen Arbeitsplätze und Hilfsmittel verfügt. Individuelle Förderungen führen dazu, dass die Chancengleichheit unter den SchülerInnen erhöht wird. In dieses Aufgabenfeld können auch SchülerInnen, die ihren MitschülerInnen helfen, eingebunden werden. Halbtagsschulen hingegen können individuelle Fördermaßen aufgrund des gebundenen Vormittagsstundenrasters nur schwer realisieren.
In die Konzeption der Ganztagschule gehören auch die Hausaufgabenbetreuung und die sinnvolle Freizeitgestaltung. Die Schule ist nicht nur der Ort des Lernens, sondern auch eine Lebensstätte, an der Kinder und Jugendliche gemeinsam ihre Zeit verbringen und ihren Interessen nachgehen können. 35 Lebensweltliches Lernen und organisiertes Lernen sollen in der Ganztagsschule zusammengeführt werden. Neue bildungsrelevante Sozialräume können bereitgestellt werden, damit Kinder und Jugendliche befähigt werden, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben aktiv teilzunehmen. 36 Unter „Ganztagsschule“ darf also nicht eine um nachmittägliche Betreuungsangebote erweiterte Halbtagsschule verstanden werden, die ein Mittagessen anbietet und Schulsozialarbeit leistet. Damit Ganztagsschulen umfassende pädagogische Erwartungen erfüllen, müssen neue Partnerschaften im Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsbereich geschlossen werden. Denn aus eigener Kraft kann die Ganztagsschule die Ansprüche, die an sie gestellt werden, nicht leisten. 37
34 Appel S.: Handbuch Ganztagsschule, S. 21.
35 Vgl. Ebd., S. 21ff.
36 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/ Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen (Hrsg.): „Ganztagsschule. Eine Chance für Familien. Gutachten für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“, Wiesbaden 2006, S. 18.
37 Vgl. Ebd., S. 11.
10
Die Grafik im Anhang fasst den argumentativen Bezugsrahmen übersichtlich zusammen (siehe Anhang 1.3 a).
Infratest dimap führte im Mai 2004 im Auftrag der Bundesregierung eine Umfrage zur Akzeptanz der Ganztagsschule durch. 70% der befragten Eltern begrüßen die verstärkte Einrichtung von Ganztagsschulen.
„Die Eltern nennen eine bessere pädagogische Förderung mit 86% als wichtigsten Grund, ihr Kind auf eine Ganztagsschule zu schicken. Für 75% der befragten Eltern ist es wichtig oder gar sehr wichtig, dass sie so Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren können (infratest dimap 2004).“ 38
Oft wollen es Eltern vermeiden, die Hausaufgabenbetreuung ihrer Kinder zu übernehmen, denn es ist mitunter dieser Bereich in den Familien, der zu Konflikten führt. 80% der Eltern beantworten die Frage, ob Hausaufgaben zu Hause zu Konflikten führen mit „Ja“ 39 (siehe Anhang 1.3 b). Durch die Verlegung der Hausaufgaben in die Ganztagsschule werden familiäre Verhältnisse weniger belastet. SchülerInnen haben außerdem in den Schulen mehr Raum, ihrem Bewegungsdrang nachzukommen. 40 Manche Eltern werden daher ihre Kinder vorzugsweise an Ganztagsschulen anmelden. Sie übertragen die Aufsichtspflicht, die bis ca. 16 Uhr gilt, der Schule und können ungehindert ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen.
Eltern erwarten, dass ihre Kinder, wenn nötig, auch individuell gefördert werden, denn sie wollen, dass ihre Kinder die gleichen Abschlusschancen haben wie alle anderen Kinder auch. 41 In Rheinland-Pfalz befragte das Meinungsforschungsinstitut POLIS im Jahr 2003 die Eltern nach den Gründen für die Anmeldung ihres Kindes. Als wichtigsten Grund nannten die Eltern „Hilfe bei den Hausaufgaben“, gefolgt von dem Grund, Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren zu können (siehe Anhang 1.3 c). SchülerInnen erwarten von einer Ganztagsschule, dass sie trotz verlängerter Schulzeit ungehindert ihren sportlichen, musischen oder anderweitigen Interessen und Hobbys nachgehen können. Die Schule muss im Schulalltag Raum für kreative Freizeitgestaltung bieten und Informationsquellen für private Interessen zur Verfügung stellen. Eine rein unterrichtsbezogene Tätigkeit bis in die späten Nachmittagsstunden hinein kann zu einer physischen und psychischen Überforderung der SchülerInnen führen. Da SchülerInnen größtenteils ihren Tag in der Schule verbringen, erhoffen sie von den
38 Höhmann, Katrin: „Die Ganztagsschule zum Klingen bringen: Ganztagsschule und musische Erziehung, Perspektiven einer gelungenen Partnerschaft“ in: Ritter, Brigitta: „Musik in der Ganztagsschule. Dokumentation des internationalen Kongresses des Deutschen Musikrates in Verbindung mit dem Verband Deutscher Schulmusiker. Königstein 2004“, Monographie Nr. 10 des Instituts für Musikpädagogische Forschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover, 2. überarb. Auflage, Hannover 2006, S. 23-57, hier: S. 35.
39 Vgl. Holtappels, H.: Ganztagsschule, S. 60.
40 Vgl. Ottweiler, O.: Die Position von Parteien, Verbänden und Kirchen zur Ganztagsschule, S. 181.
41 Vgl. Holtappels, H.: Ganztagsschule, S. 30ff.
11
Verantwortlichen in der Schule nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Betreuung und Ansprechmöglichkeiten sowohl im schulischen als auch im privaten Bereich. 42 Für LehrerInnen ist sicher zu stellen, dass ihr Einsatz in der Schule und im außerschulischen Bereich nicht zu einer Mehrbelastung wird. Sie haben ebenso Anspruch auf persönliche Freizeit und brauchen eine verlässliche Stundenplanung. Die Anforderungen an die Ganztagsschule beinhalten mitunter die Umsetzung von alternativen Unter-richtsformen und sinnvoller Freizeitgestaltung. LehrerInnen müssen daher Fortbildungsmöglichkeiten zu diesen Bereichen wahrnehmen können, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Da Schulen zunehmend auch erzieherische Aufgaben übernehmen müssen, die weit über das leistbare Maß hinausgehen, sind LehrerInnen auf Unterstützung von MitarbeiterInnen aus dem sozialpädagogischen Bereich angewiesen. 43
Die schlechten PISA-Ergebnisse sollen durch Einführung der Ganztagsschule kompensiert werden - so die Hoffnung der Politik. Bisher ist aber nicht nachgewiesen, dass sich das Leistungsniveau der SchülerInnen in Ganztagsschulen wirklich verbessert. Zwar erhalten leistungsschwache SchülerInnen individuelle Förderung, begabte SchülerInnen hingegen kommen in den Ganztagsschulen aber meist zu kurz. Die Ganztagsschule kann ebenfalls nicht die sozialen Probleme in Deutschland und die Mängel des dreigliedrigen Schulsystems lösen, dennoch kann sie als Angebotsschule einen wichtigen pädagogischen Auftrag erfüllen, um Erziehungsdefizite mittels Einzelförderung, Betreuung und sinnvoller Freizeitangebote zu kompensieren. 44
1.3.2 Definitionen und verschiedene Formen
Was genau eine Ganztagsschule ausmacht und wie sie definiert ist, soll in folgendem Abschnitt verdeutlicht werden. Für das System „Ganztagsschule“ gibt es mehrere Definitionen:
Nach Winfried Böhm ist sie eine „Vollzeitschule mit ganztägigem Schulbesuch“, deren Vorteile in der Differenzierung des Unterrichts liegen. Somit können Interessen und Fähigkeiten der SchülerInnen gezielter berücksichtigt werden. Künstlerischen, sportlichen, sozialen und spielerischen Aktivitäten wird mehr Raum gegeben, um einen Gegenpol zur kognitiven Dominanz zu schaffen. 45
Der 1955 gegründete Ganztagsschulverband definiert Ganztagschule folgendermaßen:
42 Vgl. Holtappels, H.: Ganztagsschule, S. 32f.
43 Vgl. Ebd., S. 33f.
44 Vgl. Ebd., S. 42f.
45 Vgl. Böhm, Winfried: Art. „Ganztagsschule.“ In: ders.: „Wörterbuch der Pädagogik“, 15., überarbeitete Auflage. Stuttgart 2000, S. 197.
12
Den SchülerInnen muss an mindestens vier Wochentagen ein strukturiertes Angebot von mindestens sieben Zeitstunden angeboten werden, wobei diese in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Pflichtunterricht stehen sollen. Elemente der Ganztagsschule sind erweiterte Lernangebote, Fördermaßnahmen, Freizeitangebote, alternative Unterrichtsformen (z.B. Projektarbeit) und soziales Lernen. Ganztagsschulen bieten ein warmes Mittagessen an und verfügen über pädagogisches Personal. Der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz hat im Jahre 2003 folgende Definition festgelegt:
Ganztagsschulen bieten an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für SchülerInnen im Umfang von mindestens sieben Zeitstunden an, die konzeptionell mit dem Pflichtunterricht verbunden sind. Die Schulleitung übernimmt die Aufsicht und die Verantwortung für alle Ganztagsangebote. Das Angebot des warmen Mittagessens an allen Tagen ist auch in dieser Definition enthalten. Unterschieden werden die voll gebundene Form, die teilweise gebundene Form und die offene Form der Ganztagsschule.
• Die voll gebundene Form verpflichtet alle SchülerInnen, an mindestens drei Tagen für mindestens sieben Zeitstunden an den ganztägigen Angeboten teilzunehmen.
• Die teilweise gebundene Form verpflichtet einen Teil der SchülerInnen, an mindestens drei Wochentagen für jeweils mindestens sieben Zeitstunden an den ganztägigen Angeboten teilzunehmen.
• Die offene Form ermöglicht den SchülerInnen an mindestens drei Wochentagen von täglich mindestens sieben Zeitstunden an den Betreuungsangeboten teilzunehmen. Die Teilnahme ist zwar freiwillig, jedoch für ein Halbjahr verbindlich zu erklären. 46
Im Schuljahr 2003/04 wurden vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Universität Dortmund alle Ganztagsschulen, die bis zum 31.07.2003 gegründet waren, nach ihrer praktizierten Ganztagsschulform gefragt. Die Hälfte der 1.361 befragten Schulen lieferte eine Rückmeldung mit folgendem Ergebnis (siehe Anhang 1.3 d):
• 44,5% der Schulen praktizierten die voll gebundene Form,
• 17% die teilweise gebundene Form und
• 38,5% die offene Form. 47
Über die drei Modelle des KMK-Beschlusses hinaus kommen für die Schulen der Se-kundarstufe I noch mehrere Möglichkeiten der Ganztagsschulkonzeption in Betracht:
46 Vgl. Blum, A.: Handbuch Zusammenarbeit macht Schule, S. 34ff.
47 Vgl. Höhmann, K.: Die Ganztagsschule zum Klingen bringen, S. 24f.
13
Bei der „Schulkonzeption mit Hort“ sind beide Einrichtungen - Schule und Hort - nahe beieinander. Im Hort, der sich zeitlich auf die Schule einstellt, werden nur Kinder bis zum 12.Lebensjahr untergebracht. Diese Form eignet sich eher für die Primarstufe als für die Sekundarstufe I.
In den „Sekundarstufenschulen mit Betreuungsmöglichkeiten“ arbeitet die Schule in Verbindung mit außerschulischen Trägern, um Mittagessen, Freizeitmöglichkeiten und Hausaufgabenbetreuung anbieten zu können.
Die „erweiterte Halbtagsschule“ bietet lediglich ein erweitertes Bildungsangebot am Nachmittag an.
In „Tagesheimschulen“ verbringen die SchülerInnen den Tag gemeinsam von 8 bis 16 Uhr an allen 5 Tagen in der Woche. Dies ermöglicht eine Rhythmisierung des Schulalltags, das heißt Unterricht und Zusatzangebote werden über den ganzen Tag verteilt. In Tagesheimschulen wird besonderer Wert auf die Erziehung gelegt, die im Einvernehmen mit den Eltern wahrgenommen wird. 48
Die „vollgebunden Form“ der Ganztagsschule kann Pflichtunterricht und außerunterrichtliche Angebote vormittags und nachmittags verteilen, so dass Lernphasen und Freizeitphasen abwechslungsreich stattfinden können.
Da in der „offenen Form“ die SchülerInnen frei wählen können, ob sie die Angebote der Schule wahrnehmen, wird ein Teil der SchülerInnen in Halbtagsform, der andere Teil in Ganztagsform unterrichtet. Da der Pflichtunterricht in diesem System morgens stattfinden muss, ist eine Rhythmisierung des Schulalltags nicht möglich. 49
Zusammenfassend kann festgehalten werden:
Elemente der Ganztagsschule sind erweiterte Lernangebote, Fördermaßnahmen, Freizeitangebote, alternative Unterrichtsformen (z.B. Projektarbeit) und soziales Lernen. Ganztagsschulen bieten ein warmes Mittagessen an und verfügen über pädagogisches Personal. Vielerorts hat sich eine Mittagspause von 60 Minuten durchgesetzt, die zur Einnahme des Mittagessens dient. Sie beginnt in der Regel nach der 5. oder 6. Schul-stunde. 50 Der Unterricht an einer Ganztagsschule findet ca. von 8 Uhr bis 16 Uhr statt. Plant man eine Stunde Mittagspause ein, umfasst der Schultag 8 Stunden. Pro Woche können bei vier achtstündigen Tagen und einem sechsstündigen Tag demnach bis zu 38 Stunden Unterricht inklusive Betreuungsangebote in der Schule stattfinden. Hieraus ergeben sich verschiedene Möglichkeiten, den Unterricht zu strukturieren (siehe Anhang 1.3 e). Bei der Strukturierung und Aufteilung der Schulstunden sollte die Leistungskurve eines jungen Menschen berücksichtigt werden, denn von ca. 12:30 Uhr bis
48 Vgl. Appel, S.: Handbuch Ganztagsschule, S. 97ff.
49 Vgl. Holtappels, H.: Ganztagsschule, S. 40.
50 Vgl. Ebd., S. 53.
14
14:30 Uhr befindet sich der Mensch meist in einem Leistungstief. Diese Zeit für Leistung erfordernde Einheiten zu nutzen, erscheint wenig sinnvoll 51 (siehe Anhang 1.3 f).
Ganztagsschulen werden in allen Bundesländern nur im Primar- und im Sekundarbereich I eingerichtet. Nachfolgend soll kurz die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern dargestellt werden:
Baden Württemberg: Das Land unterscheidet drei Formen: die gebundene, die offene und eine Mischform, in der nur ein Teil der Angebote für alle verpflichtend ist. Auch können diese verschiedenen Formen an einer Schule gleichzeitig realisiert werdenz.B. für die Unterstufe die gebundene und für die Mittelstufe die offene Form. Ganztagsschulen werden in Baden-Württemberg vorrangig an Hauptschulen eingerichtet. 52 Bayern: In Bayern wird zwischen „Ganztagsangebot“ und „Ganztagsschule“ unterschieden. Ganztagsangebote ergänzen die vormittägliche Halbtagsschule mit Angeboten auf freiwilliger Basis und sollen an vier Wochentagen angeboten werden. Die Ganztagsschule verpflichtet die SchülerInnen zu einer durchgehenden Teilnahme am Unterrichtet und an zusätzlichen Angeboten. Der Tagesablauf wird rhythmisiert, das heißt Unterricht und Angebote wechseln sich ab und stehen in einem konzeptionellen Zusammenhang. 53
Berlin: Berlin unterscheidet ebenfalls zwischen „Ganztagsangebot“ und „Ganztagsschule“ und richtet sich bei der Umsetzung nach der KMK-Definition. Fast alle integrierten Gesamtschulen sind Ganztagsschulen, in denen ein Nachmittag pro Woche frei gehalten werden soll. 54
Brandenburg: Entsprechend der KMK-Definition werden auch hier drei Modelle unterschieden. Brandenburg unterscheidet ferner zwischen integrativen und additiven Modellen. Ganztagsschulen in offener Form werden als additiv bezeichnet, da es sich bei den Angeboten um außerschulische handelt. Integrative Ganztagsschulen sind gebundene Ganztagsschulen, in denen der Unterricht mit den Angeboten zeitlich und pädagogisch verzahnt ist. Mischformen existieren in Brandenburg nicht. 55 Bremen: In Bremen gibt es lediglich Ganztagsschulen in offener Form. Projekte, unterrichtsbezogene Ergänzungen, Freizeit- und Hausaufgabenbetreuung kennzeichnen die dortige Ganztagsschule.
51 Vgl. Holtappels, H.: Ganztagsschule, S. 67f.
52 Vgl. Fees, Konrad: „Die öffentliche Ganztagsschule in Deutschland: Daten und Konzepte“ in: Ladenthin, Volker/ Rekus, Jürgen (Hrsg.): „Die Ganztagsschule. Alltag, Reform, Geschichte, Theorie“, Weinheim und München 2005, S. 125-162.S. 129f.
53 Vgl. Fees, K.: Die öffentliche Ganztagsschule in Deutschland, S. 130f.
54 Vgl. Ebd., S. 131f.
55 Vgl. Ebd., S. 132.
15
Hamburg: Das Land unterscheidet lediglich „verpflichtende und offene Ganztagsschulen“. 56
Hessen: (Da sich Kapitel 4.2 auf die Situation in Fulda (Hessen) bezieht, wird die Situation in Hessen etwas ausführlicher dargestellt.) Je nach regionalen Bedingungen kommen insgesamt drei verschiedene Formen von Ganztagsschulen in Frage, die das Land Hessen in den aktuellen Richtlinien von 2004 vorsieht: Schulen mit pädagogischer Mittagsbetreuung, kooperative Ganztagsschulen mit offener Konzeption und kooperative Ganztagsschulen mit gebundener Konzeption. Allen Schulformen ist gemein, dass sie über das Angebot eines warmen Mittagessens, sowie über Aufenthalträume verfügen. Weiterhin sollen die SchülerInnen die Möglichkeiten zur Ruhe und zur Teilnahme an Freizeitangeboten erhalten. Ganztagsschulen in Hessen erhalten außerdem eine zusätzliche Lehrerstelle, sowie unterschiedliche Mittel zur Gewährleistung des Ganztagsangebotes - sei es in finanzieller oder personeller Form. Schulen mit pädagogischer Mittagsbetreuung sollen an mindestens drei Tagen zusätzliche Angebote in Form von Hausaufgabenbetreuung, Förderunterricht, Freizeitbeschäftigung oder Projekten machen. Diese Angebote sollen bis mindestens 14:30 Uhr gelten. Die Teilnahme an den Angeboten ist freiwillig, nach Anmeldung jedoch verpflichtend. Auf Antrag können durch das Kultusministerium je nach Bedarf Stellen oder Mittel bis zu 2,5 Stellen zusätzlich gewährt werden. Kooperative Ganztagsschulen mit offener Konzeption müssen an allen fünf Tagen für Ganztagsangebote sorgen, in der Regel bis 17:00 Uhr, freitags bis 14:30 Uhr. Der Zuschlag auf den Stellensoll, der nach einem Antrag gewährt werden kann, liegt hier bei bis zu 20%. Auch hier sind die Angebote freiwillig, nach Anmeldung jedoch verpflichtend. An Kooperativen Ganztagsschulen mit gebundener Konzeption finden Pflichtunterricht und Ganztagsangebote, die teilweise für alle SchülerInnen verpflichtend sind, an vier Wochentagen bis 17:00 Uhr, freitags bis 14:30 Uhr statt. 57 Das Schulprogramm sieht eine enge Verzahnung von schulischem Unterricht und Ganztagsangeboten außerschulischer Kooperationspartner vor. Mecklenburg-Vorpommern: Bei der offenen Form in MV handelt es sich um eine Halbtagsschule mit additiven Angeboten. Die gebundene Form verzahnt den Unterricht mit außerunterrichtlichen Angeboten über den ganzen Tag hin. 58 Niedersachsen: In Niedersachsen gibt es die offene und die teilweise offene Form, die überwiegend in der Sekundarstufe I eingerichtet werden sollen. An zwei Tagen in der
56 Vgl. Fees, K.: Die öffentliche Ganztagsschule in Deutschland, S. 133.
57 Vgl. Amt für Lehrerbildung: „Richtlinie für ganztägig arbeitende Schulen in Hessen nach §15 Hessisches Schulgesetz“, S. 4ff. http://schulkultur.bildung.hessen.de/ganztagsschule/Richtlinie_GTS_2004_08_ 01.pdf.pdf, Zugriff: 10.08.08. Vgl. auch Hessisches Kultusministerium (2004): „Verschiedene Formen ganztägig arbeitender Schulen“. http://www.kultusministerium.hessen.de/irj/HKM_Internet?rid=HKM_15/ HKM_Internet/nav/fa1/fa13208a-2437-a01b-e592-697ccf4e69f2%26_ic_uCon=3743208a-2437-a01b-e592-697ccf4e69f2.htm&uid=fa13208a-2437-a01b-e592-697ccf4e69f2, Zugriff: 10.08.08
58 Vgl. Fees, K.: Die öffentliche Ganztagsschule in Deutschland, S. 134f.
16
Woche sind die SchülerInnen verpflichtet, an den Ganztagsangeboten teilzunehmen. An den übrigen Nachmittagen finden Angebote statt, die für die SchülerInnen freiwillig sind. Das Land fordert insbesondere die Öffnung von Schule zum außerschulischen Umfeld. 59
Nordrhein-Westfalen: Der Schwerpunkt des Ganztagsausbaus in NRW liegt im Primarbereich. Die offene Ganztagsgrundschule soll ein „ganztägiges geöffnetes Haus des Lebens und des Lernens“ werden. Für die Grundschulen kommt neben der offenen Form auch die gebunde Form in Frage. Seit dem 1. Februar 2006 wurde die Initiative „Qualitätsoffensive Hauptschule“ gestartet, mit der Hauptschulen zu voll gebundenen Ganztagsschulen ausgebaut werden sollen. Auch einige Gymnasien und Realschulen werden zu Ganztagsschulen umgebaut. Die SchülerInnen haben die Möglichkeit, zusätzlich an drei oder vier Nachmittagen in der Woche bis 16.00 Uhr an Nachmittagsangeboten in der Schule teilzunehmen. Die „Ganztagsoffensive für die Sekundarstufe I“ unterstützt die Sekundarstufe I aller Schulen beim Ausbau des Ganztagsangebots. Bis 2010 will das Land NRW 108 Ganztagsgymnasien und 108 Ganztagsrealschulen einrichten. 60
Rheinland-Pfalz: Die „verpflichtende Form“, die „offene Form“ und die „neue Form“ werden in Rheinland-Pfalz unterschieden. In der verpflichtenden Form finden über den ganzen Tag verteilt Angebote an vier Tagen statt, an denen alle SchülerInnen teilnehmen müssen. Die offene Form legt wie üblich die Angebote in freiwilliger Form auf den Nachmittag. Ganztagsschulen in neuer Form verpflichten zur Teilnahme an Angeboten, die an vier Tagen von 8-16 Uhr stattfinden. Sie sollen künftig als „Ganztagsschule in Angebotsform“ bezeichnet werden. 61
Saarland: Das Saarland unterscheidet zwischen der „gebundenen Form“ und der „offenen Form“, die hier als „Freiwillige Ganztagsschule“ bezeichnet wird, wobei diese Form im Saarland deutlich überwiegt. Die Teilnahme an den außerunterrichtlichen Angeboten, die als schulische Veranstaltung gelten, ist freiwillig. Die Angebote können durch Kooperationen mit Partnern, etwa kirchlichen Institutionen, Verbände und Vereine, erweitert werden. 62
Sachsen: In Sachsen wird nicht von Ganztagsschulen, sondern lediglich von „Ganztagsangeboten“ oder „ganztagsschulischen Angeboten“ gesprochen. Die Formen entsprechen jedoch weitgehend der Definition der KMK. Angebote sollen an 3 bis 5 Werktagen in der Woche rhythmisiert stattfinden. Dabei sollen Kooperationen mit außerschulischen Partnern angestrebt werden. 63
59 Vgl. Fees, K.: Die öffentliche Ganztagsschule in Deutschland, S. 135.
60 Vgl. Kelb, V.: Kulturelle Bildung und Ganztagsschulen, S. 3f.
61 Vgl. Fees, K.: Die öffentliche Ganztagsschule in Deutschland, S. 136f.
62 Vgl. Ebd., S. 137f.
63 Vgl. Ebd., S. 138.
17
Sachsen-Anhalt: Auch in Sachsen-Anhalt wird Wert auf Kooperationen mit außerschulischen Partnern gelegt. Die Definition von Ganztagsschulen folgt auch hier der der KMK. Im Primarbereich wird insbesondere Wert auf eine umfassende pädagogische Hortbetreuung, im Sekundarbereich auf sozialpädagogische Aufgaben gelegt. 64 Schleswig-Holstein: Genau wie das Land Bayern unterscheidet Schleswig-Holstein zwischen „Ganztagsangeboten“ und „Ganztagsschulen“. Besonders werden Haupt-, Sonder-, und Gesamtschulen gefördert. Die Schulen sollen an 2 bis 5 Tagen Angebote in Kooperation mit außerschulischen Partnern anbieten. 65 Thüringen: Thüringen richtet sich wie viele andere Länder ebenso nach der KMK-Definition. Offene Ganztagsschulen überwiegen in Thüringen. 66
Die Zahl der Ganztagsschulen und die Zahl der TeilnehmerInnen sind seit dem Jahr 2003 in allen Bundesländern beträchtlich gestiegen. Die Ausrichtung auf Schwerpunkte bzgl. Schularten und Organisationsformen von Ganztagsschulen differieren in den Bundesländern so stark, dass sich keine einheitlichen Aussagen über die Entwicklung des Ganztagswesens in Deutschland treffen lassen. 67 Was jedoch allen Konzepten der Bundesländer gemein ist, ist der Wille, Schule zu öffnen und Kooperationen mit außerschulischen Einrichtungen einzugehen. 68 Die Öffnung von Schule und die Kooperation mit außerschulischen Partnern ist ein Kriterium, das wesentlich zum Gelingen von Ganztagsschulen beiträgt. Im Weiteren sollen die Merkmale und Kriterien erörtert werden, die zu einem qualitativ hochwertigen Ganztagsschulkonzept beitragen.
1.4 Kriterien für ein qualitativ hochwertiges Ganztagsschulkonzept
Der Umwandlungsprozess von Halbtags- zur Ganztagsschule ist von vielen Faktoren abhängig, die sowohl begünstigend als auch erschwerend wirken können. Prinzipiell ist die Umsetzung in allen Schularten (Grund-, Sonder-, Haupt-, Real-, Gesamtschule und Gymnasium) und an allen Standorten möglich. Die Konzeption stößt sowohl bei Eltern und SchülerInnen als auch in der Politik auf Wohlwollen und die Lehrerkollegien sind in der Regel in der Lage, mit Engagement eine Ganztagskonzeption zu erfüllen, die zur Qualitätssteigerung der Schule beiträgt. Eingeschränktes Engagement im Lehrerkollegium hingegen erschwert den Umbau erheblich, ebenso wie
64 Vgl. Fees, K.: Die öffentliche Ganztagsschule in Deutschland, S. 139.
65 Vgl. Ebd., S. 139f.
66 Vgl. Ebd., S. 140.
67 Vgl. Quellenberg, H.: Ganztagsschule im Spiegel der Statistik, S. 36.
68 Vgl. Bielenberg, Ina/ Timmerberg, Vera: „Kultur macht Schule - Ein Netzwerk für Kooperationen“ in: Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände e.V. (Hrsg.): „Kooperation Schule/Verein. Zu den Chancen und Perspektiven künftiger Allianzen zwischen allgemein bildenden Schulen und Musikvereinen vor dem Hintergrund schulischer Ganztagsangebote“, Schriftenreihe der BDO e.V. Band 4, Trossingen 2004, S. 28-31, hier: S. 28ff.
18
unzureichende Raumausstattungen, zu niedrige Finanzbudgets, Uneinigkeiten in der Schulgemeinde, fehlender Wille zur Realisierung beim Schulträger und bildungspolitische Barrieren in der Landespolitik. 69
Damit eine Halbtagsschule zur Ganztagsschule umgestaltet werden kann, fordert z.B. das Kultusministerium Hessen bestimmte Vorraussetzungen. Die Schule muss warmes Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, Aufenthaltsräume, Förderunterricht und Wahlangebote, sowie Bildungs- und Betreuungsangebote anbieten. Als räumliche Vorraussetzungen werden zudem ein Speiseraum mit einer Cafeteria, ein Freizeitbereich, eine Mediothek, sowie Räume für Hausaufgabenbetreuung genannt. Schulen sollen zudem über genügend Erfahrung im Bereich der pädagogischen Mittagsbetreuung verfügen. 70 Das Hessische Kultusministerium hat am 01. August 2004 Richtlinien für ganztägig arbeitende Schulen in Hessen nach §15 des Hessischen Schulgesetzes erlassen. In Punkt 1 wird die Zielsetzung und der Anwendungsbereich wie folgt beschrieben: „Das Hessische Kultusministerium und die Schulträger in Hessen gestalten gemeinsam ein Kooperationsmodell für ganztägig arbeitende Schulen. Beide tragen zur personellen wie auch zur räumlichen und sächlichen Ausstattung dieser Schulen bei. Ganztägig arbeitende Schulen bieten Schülerinnen und Schülern eine ergänzende Förderung und ein verlässliches Bildungs- und Betreuungsangebot. Sie eröffnen Möglichkeiten, die Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern zu verbessern und auszuweiten, vorhandene Interessen der Jugendlichen zu stärken und zu fördern und die Kooperation der Schülerinnen und Schüler untereinander sowie zwischen Schülerschaft und Lehrkräften zu verbessern. Die Einbeziehung außerschulischer Angebote, die Öffnung der Schule zur Gemeinde und die Kooperation mit den Schulträgern und Jugendhilfeträgern (kooperative Ganztagsschule) können neue Lernorte erschließen, das Schulleben bereichern und das Angebot der Schulen erweitern.“ 71
Ganztagsschulen lassen sich an bestimmten Qualitätskriterien messen. Wie gut das Konzept der Ganztagsschule gelingt, hängt davon ab, in wie weit diese Charakteristika realisiert werden. Als prinzipielle Charakteristika einer Ganztagsschule zählen die Komponenten: Intensivzeiterfordernis („Mehr Zeit für Kinder“), Professionsvalidität der LehrerInnen, Demokratieerprobung für SchülerInnen durch Mitsprache und Mitbestimmung und Stärkung des Gemeinschaftsgefühls durch Schaffung gemeinschaftlicher Aufgaben.
Zu den gestaltenden Grundmerkmalen einer Ganztagsschule gehören eine angemessene Schulatmosphäre, reformpädagogische Konzeptionen (z.B. Handlungsorientierung, Projektunterricht, Öffnung von Schule etc.), die Integration kultureller Angebote und ein rhythmisierter Schulalltag.
Der Fächerkanon der Stundentafel, die üblichen Wahlpflichtfächer, neue Unterrichtsfächer (z.B. Berufswahlunterricht oder Umweltlehre), Mittagessen, Freizeitpädagogik,
69 Vgl. Appel S.: Handbuch Ganztagsschule, S. 31-39.
70 Vgl. AfL: Richtlinie für ganztägig arbeitende Schulen, S. 1f.
71 Ebd., S. 1.
19
Hausaufgabenbetreuung und Fördermaßnahmen zur Talententwicklung - dies alles sind Schlagwörter, welche die Kernstrukturelemente einer Ganztagsschule bilden 72 (siehe hierzu auch Anhang 1.4 a).
Die Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule Hessen e.V. vertritt die Position, dass es nicht genügt, Schule als Lernort zu optimieren. Schule müsse darüber hinaus Strukturen eines Elternhauses und eines Dorfes aufweisen, da keine andere öffentliche Institution die Gesamtheit der vorhanden sozialen Schichten und Milieus so repräsentiere, wie die Schule. Schule soll demnach ein anderes Lernen ermöglichen, ein Lernen, das aktiver, tätiger und geselliger ist, das die SchülerInnen vielseitig fordert und fördert, kurz: Schule soll formelle und informelle Bildung in sich vereinigen. „Ausgangspunkt für eine sofortige pädagogische Schulentwicklung in Richtung auf ganztags Schule ist eine Erweiterung, Koordination und Systematisierung aller Angebote einer Schule im Bereich Unterrichts-, Erziehungs-, Betreuungs- und Freizeitgestaltung unter ganzheitlichem Aspekt, mit verbindlichen Kooperationsstrukturen in Form vertraglicher Vereinbarungen und in der pädagogischen Ge-samtverantwortung der jeweiligen Schule.“ 73
Laut einer Umfrage von „Forsa“ plädieren fast 80% von 1.000 repräsentativ befragten Bundesbürgern für die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen. Ganztagsschulen sollen Freude am Lernen vermitteln und die Kinder und Jugendlichen zur Selbstständigkeit erziehen. Sie sollen SchülerInnen eine neue Lernkultur bieten, in der die Interessen und Stärken der SchülerInnen gezielter gefördert werden. Die Abwechslung zwischen Pflichtunterricht und Angeboten soll für ein ausgewogenes Verhältnis von kognitiven, körperlichen und kreativen Aktivitäten sorgen und damit zu einer ganzheitlichen Bildung beitragen. 74
Ganztagsschulen sind meist nicht in der Lage, die verlängerte Schulzeit aus eigener Kraft mit Angeboten zu füllen und sind daher auf Kooperationspartner angewiesen, die unterschiedliche lebensweltliche Bereiche mit in die Schule bringen. Schulprogramme sollen in Zukunft die Öffnung der Schule vorsehen. Es wird von den Landesregierungen ausdrücklich gewünscht, Kooperationen mit außerschulischen Partnern einzugehen. Die Lehrkräfte der Schule sollen sowohl verstärkt untereinander als auch mit den Eltern, die in schulische Angebote mit eingebunden werden sollen, und dem außerschulischen Personal kooperieren. Um diese Angebote koordinieren zu können, gibt es die Möglichkeit, entsprechende Haushaltsmittel beim Kultusministerium oder die Unterstützung von Trägervereinen beim Schulträger zu beantragen. 75
72 Vgl. Appel S.: Handbuch Ganztagsschule, S. 71-80.
73 Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule e.V. (Hrsg.): „Ganztags Schule. Grundsatz - Positionen der GGG Hessen“, Januar 2003. http://www.ggg-hessen.de/ganztag.htm, Zugriff: 11.08.08
74 Vgl. BMBF: Ganztagsschulen. Zeit für mehr.
75 Vgl. AfL: Richtlinie für ganztägig arbeitende Schulen, S. 3f.
20
Überwiegend arbeiten freie Anbieter - Vereine, Verbände und Initiativen - mit den Schulen zusammen. Nach der StEG-Befragung („Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“) aus dem Jahr 2005 sind lediglich 5,5% der Kooperationspartner konfessionell gebunden. Den größten Teil der Kooperationspartner bilden die Sportvereine mit 26,4%. Der Anteil musischer Kooperationspartner liegt bei ca. 8%. 76 Die Angebote, die außerschulische Anbieter durchführen, finden in folgenden Bereichen statt: Hausaufgabenbetreuung und Förderangebote, spezielle fachbezogene Angebote wie z.B. Sprachkurse oder naturwissenschaftliche AGs, fächerübergreifende Angebote mit Themen wie soziales Lernen, Technik, Medien oder Handwerk, diverse Freizeitangebote oder vorübergehende projektbezogene Angebote. 77 Im Bereich der Freizeitangebote müssen Ganztagsschulen besonders die unterschiedliche Altersstruktur der SchülerInnen berücksichtigen. Die Bedürfnisse der SchülerInnen sollten weitgehend ausschlaggebend für das Freizeitangebot sein. Jüngere SchülerInnen streben in ihrer freien Zeit nach Bewegung oder auch Ruhe, während ältere eher soziale Kontakte suchen und sich in ihrem Freundeskreis bewegen möchten. Die Angebote müssen allerdings so beschaffen sein, dass sie sinnvoll sind und die SchülerInnen frei zwischen mehreren Angeboten wählen können. 78 Zum Einen gibt es freie Angebote, an denen die SchülerInnen nicht ständig teilnehmen müssen. Zum Anderen verpflichten die gebundenen Freizeitaktivitäten nach der Anmeldung zur Teilnahme. 79 Das Personal, das in Ganztagsschulen beschäftigt wird, ist ebenso wie die Angebotsstruktur sehr vielfältig. Z.B. liegt der Anteil der MusikpädagogInnen, die in Ganztagsschulen tätig sind, nach der StEG-Befragung (2005) bei insgesamt bei 7,1% (im Primarbereich sind es 5,7% und 7,8% im Bereich der Sekundarstufe). 80 Das Münchener Politik- und Sozialforschungsinstitut „POLIS“ belegt, dass mehr als 70% der befragten Eltern mit zusätzlichen Angeboten außerschulischer Partner sehr zufrieden sind. 67% der Eltern halten den Einsatz außerschulischen Personals in der Ganztagsschule für einen Gewinn. 81
Ganztagsschulen sollen sich auch „sozialräumlich öffnen, indem außerschulische Lern-orte erschlossen und genutzt werden.“ Dies hat zum Ziel, „dass ein stärkerer Bezug zu
76 Vgl. Arnoldt, Bettina: „Öffnung von Ganztagsschule“ in: Holtappels, Heinz-Günter/ Klieme, Eckhard/ Rauschenbach, Thomas/ Stecher, Ludwig (Hrsg.): „Ganztagsschule in Deutschland. Ergebnisse der Ausgangserhebung der ‚Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen’ (StEG)“, Weinheim und München 2007, S. 86-105, hier: S. 86ff.
77 Vgl. Ebd., S. 92.
78 Vgl. Holtappels, H.: Ganztagsschule, S. 54.
79 Vgl. Ebd., S. 77.
80 Vgl. Arnoldt, B.: Öffnung von Ganztagsschule, S. 96.
81 Vgl. Ahnen, Doris: „Statement zur Frage Ganztagsschule in Deutschland“ in: Ritter, Brigitta: „Musik in der Ganztagsschule. Dokumentation des internationalen Kongresses des Deutschen Musikrates in Verbindung mit dem Verband Deutscher Schulmusiker. Königstein 2004“, Monographie Nr. 10 des Instituts für Musikpädagogische Forschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover, 2. überarb. Auflage, Hannover 2006, S. 201-208, hier: 207f.
21
Arbeit zitieren:
Stefan Jost, 2008, Die Ganztagsschule als musikpädagogische Herausforderung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Polyästhetische Erziehung mit Jugendlichen als Grundlage zur Auseinand...
Diplomarbeit, 63 Seiten
Das Musical Starlight Express im Musikunterricht der Grundschule
Examensarbeit, 111 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Stefan Jost's Text Die Ganztagsschule als musikpädagogische Herausforderung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Stefan Jost hat den Text Die Ganztagsschule als musikpädagogische Herausforderung veröffentlicht
Stefan Jost hat einen neuen Text hochgeladen
Die Ganztagsschule 2 - Herausforderungen an Schule und Jugendhilfe
Anke Spies, Gerd Stecklina
Die Ganztagsschule 1 - Herausforderungen an Schule und Jugendhilfe
Dimensionen und Reichweiten de...
Anke Spies, Gerd Stecklina
Musisch-kulturelle Bildung an Ganztagsschulen
Empirische Befunde, Chancen un...
Andreas Lehmann-Wermser, Susanne Naacke, Sonja Nonte, Brigitta Ritter-Kuhn
Jahrbuch Bewegungs- und Sportpädagogik in Theorie und Forschung / Bewe...
Petra Böcker, Ralf Laging
Ganztagsschulische Kooperation und Professionsentwicklung
Studien zu multiprofessionelle...
Karsten Speck, Thomas Olk, Oliver Böhm-Kasper, Christine Wiezorek, Heinz-Jürgen Stolz
Innerschulische Kooperation in der Ganztagsschule
Eine Analyse der Zusammenarbei...
Ilse Kamski
Konzepte zum Management der Ag...
Sven Voelpel, Marius Leibold, Jan D. Früchtenicht
0 Kommentare