-2-____________________________________________________________________
1 Einleitung
JINNAH (Staatsgründer Pakistans) hatte schon 1946 in Neu Delhi verkündet: "The new state would be a modern democratic state with sovereignty resting in the members of the new nation having equal rights of citizenship regardless of their religion, caste, or creed" (KHAN 2001: 76).
Diese Aussage berührt die politikwissenschaftliche Fragestellung des Interesses, die für die vorliegende Arbeit den zentralen Gegenstand bildet. Es ist sinnvoll den Begriff des Interesses, wie er im Rahmen der vorliegenden Arbeit Verwendung findet, genauer zu definieren. Von ALEMANN unterscheidet drei Dimensionen des Interessenbegriffs in der Politikwissenschaft: individuelle, materielle und ideelle Dimensionen (nach SCHUHMANN 2005: 178). SCHULZ verknüpft diese Gliederung von Interessen zu einer Definition wonach: "Interessen handlungsrelevant gewordene Verfestigungen von Bedürfnissen (sind), die ihrerseits aus dem subjektiven Empfinden von Mangellagen erscheinen" (zit. nach ebd.). Dabei stehen physisches Wohlergehen ebenso wie soziale Anerkennung im Vordergrund und zwar im individuellen als auch im (rechtlichem und faktischem) Sinn einer größeren Gruppe oder Organisation. Dadurch entstehen für die Mitglieder identifizierbare Deutungsschemata und es können sich korporative und kollektive Akteure verfestigen. Diese Sichtweise schließt Parteien ein. Wobei in der vorliegenden Arbeit weniger Demokratisierungs- und Transformationsprozesse im Vordergrund stehen. Vielmehr wird eine Beschreibung der pakistanischen Parteien und eine Entwicklungsanalyse in Form einer Langzeituntersuchung von der Gründung der All India Muslim League (Liga) 1906 bis zur Parteienlandschaft der Wahlen im Frühjahr 2008 geboten. Der Begriff Partei wird mit einer Minimaldefinition assoziiert (Interessenvertretung). Die abhängige Variable bildet in dieser Betrachtung die Ausdifferenzierung bzw. die Zersplitterung des Parteienspektrums in Bezug auf konfliktgierende Interessenlagen.
Die vorliegende Ausarbeitung unterliegt dem Erkenntnisinteresse im Sinne von HABERMAS' (vgl. 1968: 13 ff.) emanzipatorischen Interesse, da es sich von naturwissenschaftlich determinierten Gesetzen des Sozialen abgrenzt und die Veränderlichkeit von Gesellschaft bewusst unterstreicht. Im Kapitel 2 erfolgt zunächst eine Begründung für die Anwendung einer Einzelfallstudie, sowie eine theoretische und methodische Verortung. Das Kapitel 3 widmet sich der ausführlichen Fallanalyse, die den Hauptteil bildet. Dazu wird in
-3-____________________________________________________________________ gebotener Kürze eine historische Rahmung vorgenommen. Im weiteren Verlauf schließt sich die Beschreibung von Interessen und Interessenkonstellationen an, um diese anhand von gesellschaftlichen Konfliktlinien zu reflektieren. Darüber hinaus wird die aktuelle Situation des Parteiensystems dargestellt und analysiert. Das abschließende Fazit (Kapitel 4) rekapituliert die Ergebnisse und bietet einen Ausblick.
2 Theoretische Orientierung und Methode
2.1 Begründung der Einzelfallstudie
"Die Einzelfallstudie ist in der Literatur über die Politikwissenschaftliche Methodologie eine entweder vernachlässigte oder heftig kritisierte Methode (...). Paradoxerweise findet sie jedoch weltweit intensive Anwendung und spielt somit eine zentrale Rolle in der Politikwissenschaft" (SPEIER-WERNER 2006: 52, Hervorhebung i.O.). In der Typologie der Einzelfallstudien (ebd. 52 ff.) nimmt die vorliegende Arbeit die Perspektive einer Interpretative Case Study 1 ein, da sie "die Interpretation von Beobachtung mittels bereits etablierter Theorien" vorsieht (ebd. 54). PETERS (2008: 46 f.) begründet die politikwissenschaftliche Existenzberechtigung von Einzelfallstudien anhand dreier Problemlagen. Erstens, wenn Einzelfallstudien ein Phänomen illustrieren, das für einen speziellen Fall charakteristisch erscheint. Beispielsweise TOCQUEVILLEs berühmter Klassiker Democracy in America. "The second reason for using a single case is that the case may be the hardest case, so that if the theory appears to work in this setting it should work in all others" (ebd. 47). Dieses Argument steht Pate für die vorliegende Arbeit, denn sie soll im Rahmen etablierter Theorien Verallgemeinerungen generieren, die sich auf andere Sachlagen übertragen lassen. Die dritte und gern persiflierte Apologie für die Durchführung von Einzelfallstudien -weil der Fall da ist- findet hier keine weitere Erläuterung (vgl. JAHN 2006: 245).
2.2 Cleavage-Theorie
Eine der meist diskutierten Sozialtheorien ist die von LIPSET/ROKKAN in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte Cleavage-Theorie, die das
1 Der Vollständigkeit halber sei das gesamte Spektrum (op. cit.) von Einzellfallstudien genannt:
Atheoretical, Interpretative, Hypotheses-generating, Theory-confirming bzw. infirming Case Study.
-4-____________________________________________________________________ Parteienspektrum eines Staates aufgrund bestehender Klassenkonflikte in der Sozialstruktur erklärt. 2
LIPSET/ROKKAN (1967) schreiben: "The party system of the 1960's reflect, with few but significant exeptions, the cleavage structure of the 1920's" (zit. nach von ALEMANN 2003: 94). Dieses Zitat spiegelt den historischen Kontext der Entstehung wieder. Trotz dieser ursprünglichen Fassung, die auf das westliche Verständnis von Staat und demokratischer Legitimation zugeschnittenen ist, hat sich diese Theorie als äußerst anpassungsfähig an den jeweiligen Erklärungszusammenhang gezeigt. Über eine lange Rezeptionsgeschichte hat die Theorie die eine oder andere Renaissance erlebt (Beispielsweise NEUGEBAUER/STÖSS 1996 zur Analyse der Konfliktlinien im Zusammenhang des Ost-West-Verhältnis im bundesdeutschen Parteienspektrum, vgl. ebd. 98). Die cleavages (sozialstrukturelle Konfliktlinien) liegen in der ursprünglichen Version in den Ausprägungen Zentrum vs. Peripherie, Kapital vs. Arbeit, Stadt vs. Land und religiös vs. säkular vor (ebd. 95). Für den vorliegenden Zusammenhang ist eine Modifikation bzw. Erweiterung um einige Cleavages-Kategorien notwendig.
2.3 Datenauswahl
In vielen Publikationen findet Pakistan und sein regionaler Kontext Erwähnung. Allerdings stehen dabei meistens das koloniale Erbe, der internationale Terrorismus oder der islamische Autoritarismus im Vordergrund. Um der vorliegenden Thematik gerecht zu werden ist ein umfangreiches Studium pakistanischer Autoren hilfreich. In der Längsschnittanalyse finden die auffälligsten Schismen von pakistanischen Parteien, die allesamt ihren politischen Ursprung in der Liga haben Berücksichtigung. Interessant ist in diesem Zusammenhang wie Parteien von der politischen Bühne verschwinden können, wenn sich der verursachende cleavage aufgelöst hat. Derartige Fakten gehen bei Querschnittanalysen bekanntermaßen verloren. Exemplarisch sind die Ergebnisse der General Elections von 1970, 1990 und 2008 aufgelistet. 3 Der Untersuchungszeitraum beginnt zwar 1906, doch wurden die ersten Parlamentswahlen erst 1970 durchgeführt. Im Zentrum der Untersuchung steht ohnehin die Ausdifferenzierung der Parteien, sodass zusätzliche Wahlergebnisse keine weiteren Erkenntnisse einbrächten. Vielmehr wird Wert darauf gelegt auch solche Akteure zu
2 Auf den zusätzlichen Einfluss des verwendeten Wahlsystems (tatsächlich kann ein reines
Mehrheitswahlsystem ein bipolares Zweiparteinssystem begünstigen -Duvergers Gesetz) wird in
Abschnitt 3.3 eingegangen.
3 Weitere General Elections fanden 1977, 1988, 1993, 1997 und 2008 statt.
-5-____________________________________________________________________ beleuchten, die bei rein quantitativen Statistiken unsichtbar bleiben, wohl aber (z.B. durch Duldung der Regierung) erheblichen Einfluss auf die Konstellationen der offiziellen Parteien im Parlament nehmen. Wahlen sind also grundsätzlich nur einer unter vielen Indikatoren. Unberücksichtigt bleiben Provinz-und Präsidentschaftswahlen.
3 Fallanalyse
Das historische Erbe wird im folgenden kurz dargestellt. Zum Verständnis der späteren Parteienausdifferenzierung ist eine Darstellung britischer Interessen, die den Grundstein für die heutige Politikarena in Pakistan legten unerlässlich, wobei die beschriebenen Begebenheiten auf die vorliegende Arbeit zugeschnitten und daher höchst selektiv sind. Ein aktueller und detaillierter Überblick ist bei HIPPLER (2008) zu finden. Die cleavages (3.2) lassen sich ausschließlich analytisch trennen; thematische Überschneidungen sind teilweise nicht zu vermeiden.
3.1 Koloniales Erbe
Die Darstellung der Kolonialzeit folgt den Ausführungen von KHAN (2001: 9-70) und THIEL (1997: 17-34). Mit dem Government of India Act 1858 hatte das britische Parlament entgültig den Herrschaftsanspruch der East India Company verdrängt, da es nun zum formalen Gesetzgeber avancierte wodurch Britisch-Indien erstmalig ein Dokument mit Verfassungscharakter erhielt. Mit dem Indian Council Act 1892 wurde der indogenen Bevölkerung Zugang zu den Zentral- und Provinzräten ermöglicht (Zensuswahlrecht). Der transnationale Verfassungsinport britischer Provenienz zeigte schon frühzeitig Wirkung. 4 Denn unter diesen neuen Bestimmungen gründete sich in Britisch-Indien 1885 auf Initiative des britischen Beamten Allan Octavian HUME die erste organisierte Interessenvertretung der Kolonialbevölkerung: der Indian National Congress (Kongress). Auf Grund von Ressentiments gegenüber dem muslimischen Bevölkerungsanteil nutzte vornehmlich der hinduistische Anzeil diese Partizipationsgelegenheit. 5 Jener Umstand und eine Verwaltungsreform, die die Provinz Bengalen umgliedern sollte führte zur Gründung der Liga 1906 in Dhaka.
4 Im Folgenden wird der Begriff britische Verfassung verwendet, auch wenn der Verfassungscharakter
dieses Legal Frameworks umstritten ist. Zur aktuellen Diskussion: http://www.verfassungen.de/
5 Grund für das Misstrauen gegenüber den Muslimen war der sogenannte Sepoy-Aufstand von Teilen der
Armee 1857.
Arbeit zitieren:
Guido Schmidt, 2009, Die Entwicklung des pakistanischen Parteiensystems im Kontext von Interessen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Soziale Bewegungen in Mexiko am Beispiel der zapatistischen Revolution...
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Seminararbeit, 30 Seiten
Der deutsche Propagandafilm im 1. Weltkrieg (zum propagandistischen St...
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Konflikte in der Schule - Entstehung und Möglichkeit der Bewältigung d...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Seminararbeit, 17 Seiten
Die Naturzustandsfiktion bei Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau u...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Seminararbeit, 18 Seiten
Soziale Systeme - Ein Einblick in die Systemtheorie Niklas Luhmanns
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 20 Seiten
Die methodischen Grundlagen der politischen Philosphie von Thomas Hobb...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 15 Seiten
Einführung in Luhmanns Theorie Sozialer Systeme
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 14 Seiten
Hobbes und Rousseau: Der Vertragsschluss als staatsbegründendes Moment...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 21 Seiten
Zwei Staatsentwürfe - zwei Arten von Freiheit. Hobbes' Leviathan u...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 18 Seiten
Konfliktanalyse nach Giesecke - Theoretische Grundlagen und Beispiel
Politik - Didaktik, politische Bildung
Hausarbeit, 33 Seiten
Luhmann - Keine Kommunikation ohne Bewußtsein und doch: ohne das Bewuß...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 8 Seiten
Zur pädagogischen Bedeutung der Wagnis- und Sicherheitserziehung im Sc...
Welche zentralen Kompetenzen d...
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Examensarbeit, 76 Seiten
Gieseckes Konfliktorientierung: Theorie und Praxis
Politik - Didaktik, politische Bildung
Hausarbeit, 39 Seiten
Klettern als Schulsport - Eine pädagogische Analyse unter Miteinbezieh...
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Examensarbeit, 75 Seiten
Demokratiefähigkeit der Islamischen Republik Pakistan
Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient
Seminararbeit, 18 Seiten
Guido Schmidt's Text Die Entwicklung des pakistanischen Parteiensystems im Kontext von Interessen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Guido Schmidt hat den Text Die Entwicklung des pakistanischen Parteiensystems im Kontext von Interessen veröffentlicht
Guido Schmidt hat einen neuen Text hochgeladen
Entwicklung objektiver Persönlichkeitstests zur Erfassung des Interess...
Objektive Persönlichkeitstests...
Rene T. Proyer
Bildung für nachhaltige Entwicklung und Qualitätssicherung im Kontext ...
Grit Tautenhahn, Alexandra Rieg
M&A - Der Erfolgsfaktor Mensch: Strategische Personalauswahl und -entw...
Mit konkreten Anleitungen zur ...
Jürgen Deller, Ruth Klendauer
Mitarbeiterführung im internationalen Kontext
Stand der Forschung und Klassi...
Nadine Ringwald
0 Kommentare