Inhalt
Abk ürzungsverzeichnis 5
Abbildungsverzeichnis 6
Tabellenverzeichnis 7
1. Einführung 9
2. Theoretischer Hintergrund 12
2.1 Was ist Work-Life-Balance? 12
2.1.1 Work 13
2.1.2 Life 14
2.1.3 Balance 16
2.1.4 Definition Work-Life-Balance 17
2.2 Problemkontext der Work-Life-Balance 22
2.2.1 Demographische Entwicklung 22
2.2.2 Wissensgesellschaft 25
2.2.3 Globalisierung 27
2.2.4 Wertewandel und Veränderung der Familienstrukturen 28
2.2.5 Vereinbarkeit von Familie und Beruf 29
2.3 Warum brauchen wir Work-Life-Balance? 31
2.3.1 Gesundheitsaspekte 32
2.3.2 Psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz 34
2.3.3 Stress und seine Auswirkungen 35
2.4 Realisierung der Work-Life-Balance 38
2.4.1 Flexibilisierung von Arbeitszeit und -ort 38
2.4.2 Familienfreundliche Maßnahmen 40
2.4.3 Gesundheitspräventive Leistungen und Qualifizierungsangebote 42
2
3. Empirische Untersuchung 44
3.1 Präsentation der Hypothesen 45
3.2 Untersuchungsdesign 48
3.2.1 Erhebungsmethode 48
3.2.2 Fragebogen im Detail 49
3.2.3 Stichprobenbeschreibung 59
3.2.4 Operationalisierung und Begriffsklärung 66
3.3 Ergebnisse 71
3.3.1 Geschlecht 71
3.3.2 Herkunft 73
3.3.3 Alter 77
3.3.4 Familienstatus 81
3.3.5 Bildungsabschluss 85
3.3.6 Kinder 86
4. Diskussion 92
5. Bibliographie 98
6. Anhang 103
6.1 Fragebogen 103
6.2 SPSS Auswertungstabellen 115
6.2.1 Häufigkeiten 115
6.2.1.1 Häufigkeitsstatistiken 115
6.2.1.2 Kreuztabellen 119
6.2.2 Geschlecht 120
6.2.2.1 T-Test und Mittelwerte 121
6.2.2.2 Chi-Quadrat 134
6.2.3 Herkunft 136
6.2.3.1 T-Test und Mittelwerte 137
6.2.3.2 Chi-Quadrat 150
3
6.2.4 Alter 152
6.2.4.1 Anova, Mittelwerte, Levene-Test 153
6.2.4.2 Chi-Quadrat 172
6.2.4.3 Scheffé-Prozedur und Dunnett-C 173
6.2.5 Familienstatus 183
6.2.5.1 Anova, Mittelwerte, Levene-Test 184
6.2.5.2 Chi-Quadrat 202
6.2.5.3 Scheffé-Prozedur und Dunnett-C 204
6.2.5.4 Welch-Test und Brown-Forsythe 213
6.2.6 Bildungsabschluss 214
6.2.6.1 T-Test und Mittelwerte 215
6.2.6.2 Chi-Quadrat 228
6.2.7 Kinder 230
6.2.7.1 T-Test und Mittelwerte 231
6.2.7.2 Chi-Quadrat 245
6.2.8 Korrelationen nach Pearson 248
6.2.9 Antworten der Bereiche F und G 249
6.2.9.1 Antworten geordnet nach Teilnehmernummer 249
6.2.9.2 soziodemographische Ausprägungen geordnet nach Teilnehmernummer 259
4
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
AG Aktiengesellschaft
BDA Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
BMFSFJ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
bspw. beispielsweise
bzw. beziehungsweise
DAK Deutsche Angestellten-Krankenkasse
d. h. das heißt
ebd. ebenda
EDV Elektronische Datenverarbeitung
et al. et alteri
etc. et cetera
FEW Fragebogen zur Erfassung des allgemeinen Wohlbefindens
Hrsg. Herausgeber
ifb Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg
Kap. Kapitel
LFA Landauer Fragebogen zum Arbeitsstil
usw. und so weiter
vgl. vergleiche
WHO Weltgesundheitsorganisation
WLB Work-Life-Balance
z. B. zum Beispiel
5
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Vier-Felder-Schema, Beanspruchung / Entspannung im Arbeits- und
Privatbereich (Grafik nach Kastner, 2004b, S. 2)
Abb. 2: Lebensrad (Grafik nach Asgodom, 2002, S. 122)
Abb. 3: Altersaufbau in Deutschland 2005 / 2030 (Grafik: Statistische Ämter des
Bundes und der Länder, 2007, S. 23)
Abb. 4: Modell aktiver Anpassung (Grafik nach Braun, 2000, S. 9)
Abb. 5: Frage: Geschlecht
Abb. 6: Histogramm Alter
Abb. 7: Altersgruppen
Abb. 8: Frage: Familienstatus
Abb. 9: Frage: Sie kommen aus (sind aufgewachsen in)
Abb. 10: Frage: Wie viele Kinder haben Sie?
Abb. 11: Kinderverteilung nach Alter in Prozent
Abb. 12: Bildungsabschluss nach Geschlecht in Prozent
6
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Wie viele Personen leben insgesamt in Ihrem Haushalt? ................................ 63
Tabelle 2: Welchen Schulabschluss haben Sie? ............................................................... 64
Tabelle 3: Welchen Beruf haben Sie? .............................................................................. 64
Tabelle 4: Zuverlässigkeitsstatistik Wohlbefinden .......................................................... 67
Tabelle 5: Zuverlässigkeitsstatistik für die Skalen des Arbeitsstils ................................. 67
Tabelle 6: Mittelwerte, T-Test Geschlecht, Bereich J (Bedingungen in der Umwelt) ..... 72
Tabelle 7: Mittelwerte, T-Test Herkunft, Bereich E (Negative Auswirkungen auf das
Wohlbefinden) ................................................................................................. 74
Tabelle 8: Mittelwerte, T-Test Herkunft, Bereich K (Beeinflussung des
Wohlbefindens) ............................................................................................... 75
Tabelle 9: Mittelwerte, T-Test Herkunft, Skalen des Arbeitsstils .................................... 76
Tabelle 10: Korrelationen nach Pearson, Herkunft ........................................................... 77
Tabelle 11: Oneway Anova Alter, Bereich C (Wohlbefinden in ausgewählten Bereichen) 78
Tabelle 12: Oneway Anova Alter, Bereich D (Positive Auswirkungen auf das
Wohlbefinden) ................................................................................................. 79
Tabelle 13: Oneway Anova Alter, Bereich H (Zum Wohlbefinden beigetragen) .............. 79
Tabelle 14: Oneway Anova Alter, Skalen des Arbeitsstils ................................................. 80
Tabelle 15: Kreuztabelle, Chi-Quadrat nach Pearson Alter, Frage: Medikamenten-
einnahme ......................................................................................................... 80
Tabelle 16: Korrelationen nach Pearson, Alter .................................................................. 81
Tabelle 17: Oneway Anova Familienstatus, Bereich C (Wohlbefinden in ausgewählten
Bereichen) ....................................................................................................... 82
Tabelle 18: Oneway Anova Familienstatus, Bereich D (Positive Auswirkungen auf das
Wohlbefinden) ................................................................................................. 82
Tabelle 19: Oneway Anova Familienstatus, Bereich E (Negative Auswirkungen auf das
Wohlbefinden) ................................................................................................. 83
Tabelle 20: Oneway Anova Familienstatus, Bereich J (Bedingungen in der Umwelt) ...... 84
Tabelle 21: Oneway Anova Familienstatus, Bereich K (Beeinflussung des
Wohlbefindens) ............................................................................................... 84
Tabelle 22: Oneway Anova Familienstatus, Skalen des Arbeitsstils ................................. 85
7
Tabelle 23: Mittelwerte, T-Test Bildungsabschluss, Bereich H (Zum Wohlbefinden
beigetragen) ..................................................................................................... 86
Tabelle 24: Mittelwerte, T-Test Kinder, Bereich C (Wohlbefinden in ausgewählten
Bereichen) ....................................................................................................... 87
Tabelle 25: Mittelwerte, T-Test Kinder, Bereich D (Positive Auswirkungen auf das
Wohlbefinden) ................................................................................................. 88
Tabelle 26: Mittelwerte, T-Test Kinder, Bereich H (Zum Wohlbefinden beigetragen) ..... 88
Tabelle 27: Kreuztabelle, Chi-Quadrat nach Pearson Kinder, Frage: Raucher/
Nichtraucher .................................................................................................... 89
Tabelle 28: Mittelwerte, T-Test Kinder, Skalen des Arbeitsstils ........................................ 90
Tabelle 29: Korrelationen nach Pearson, Kinder; N=100 .................................................. 91
8
1. Einführung
Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben,
„Keine Zeit und zu viel Arbeit“, so titelte schon 2001 das DAK-Gesundheitsbarometer. Die
Deutschen seien ein Volk unter Stress. Laut der dem Gesundheitsbarometer zugrunde
liegenden Forsa-Studie plagten 2001 Zeit- und Termindruck die meisten deutschen Bürger.
Weitere Faktoren waren zu viel Arbeit und die Doppelbelastung durch Haushalt und Beruf.
Hinzu kamen private oder familiäre Probleme. Auch im Jahre 2008 ist der Arbeitnehmer
konfrontiert mit Überstunden und Sonderschichten und der Furcht, seinen Arbeitsplatz zu
verlieren. Gerade im Zuge der Globalisierung steigen die Anforderungen stetig an.
Mobilität und Flexibilität wird vorausgesetzt. Hinzukommt der Fachkräftemangel, welcher
bestimmten Berufsgruppen Mehrarbeit beschert. Neue Vernetzungsmöglichkeiten und
innovative Technologien erhöhen die permanente Verfügbarkeit und somit auch die
Arbeitslast eines Jeden. Der Konkurrenzdruck tut sein Übriges.
Dieses Szenario führt bei vielen Menschen leicht zur Überlastung und somit ist es kein
Wunder, dass Begrifflichkeiten wie Burn-Out-Syndrom oder psychische Blockade für die
heutige Belegschaft keine Unbekannte mehr darstellen. Die Familie bzw. der Partner bleibt
auf der Strecke. Doch zu einem erfüllten Berufsleben gehört auch ein stabiles privates
Leben, sonst kommt es, auf lange Sicht, unweigerlich zu Schädigungen seelischer und
körperlicher Art (Kals, 2007). Dies hat wiederum Auswirkungen auf das Unternehmen (z.
B. durch Fehlzeiten der Arbeitskraft) und führt zu einer Belastung der Gesellschaft an sich.
Gerade für die Unternehmen selbst, ist der Umgang mit der „Ressource“ Mensch von
enormer Wichtigkeit. So verwundert es nicht, dass Work-Life-Balance-Konzepte längst
Einzug in die Unternehmenspolitik gehalten haben und alte bekannte und schon
praktizierte Maßnahmen unter dem Begriff der Work-Life-Balance eine Aufwertung und
9
Wiederbelebung erfahren. Offen bleibt jedoch die Frage, ob diese firmenpolitischen
Programme auch ihre gewünschte Wirkung erzielen.
Aber wie lassen sich nun Arbeit und Freizeit im Gleichgewicht halten? Ist das Ideal Work-
Life-Balance (WLB) überhaupt zu erreichen oder in unserer heutigen schnelllebigen Zeit
reine Utopie? Gibt es Mechanismen bzw. Maßnahmen, welche sich entlastend auf die
einzelnen Lebensbereiche auswirken? Und wie bewerten die Werktätigen selbst ihre
Situation im Hinblick auf Arbeitszufriedenheit und Wohlbefinden?
Die Brisanz des Themas machte den Begriff Work-Life-Balance in den letzten Jahren zu
einem populären Schlagwort. So ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Veröffent-
lichungen und empirischen Studien gleichfalls anstieg (vgl. z. B. Kastner, 2004; Rost,
2004; Klimpel & Schütte, 2006; Roth & Zakrzweski, 2006; Michalk & Nieder, 2007).
Meist wird hier der Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachgegangen und
Handlungsempfehlungen für Unternehmen gegeben. Inhaltlich wird sich diese Arbeit an
den Werken der vorangenannten Autoren orientieren, doch muss erwähnt werden, dass sich
nur wenige Quellen in der aktuellen Forschungssituation für eine wissenschaftliche
Auseinandersetzung eignen. Umso größer ist das Angebot an Ratgebern, welche mehr
Lebensqualität versprechen (Seiwert & Tracy, 2002) und mit so schillernden Titeln, wie
„Bevor der Job krankmacht“ (Unger & Kleinschmidt, 2006), „Das Anti-Burnout-Buch für
Lehrer“ (Hillert, 2004), „Leben macht die Arbeit süß“ (Asgodom, 2002) und „Weg mit
dem Stress. Entspannt und effektiv im Job“ (Öttl & Härter, 2006), um Käufer buhlen.
Die vorliegende Arbeit teilt sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil.
Zunächst soll geklärt werden, was man unter dem Begriff Work-Life-Balance versteht und
die gesellschaftliche Relevanz beschrieben werden. Zudem werden die Folgen einer
Dysbalance erläutert und Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Berufs- und
Privatleben aufgezeigt. Im zweiten Teil folgt dann die empirische Auseinandersetzung mit
dem Thema. Dazu wurde im Mai 2008 eine schriftliche Befragung zum Wohlbefinden,
dem Gesundheitsverhalten und dem Arbeitsstil von 100 Werktätigen aus den alten und
neuen Bundesländern vorgenommen, um somit Rückschlüsse auf die Vereinbarkeit von
Privat- und Berufsleben ziehen zu können.
10
Es sei noch erwähnt, dass der Breite der Thematik geschuldet, welche in den letzten Jahren
um eine Vielzahl von Aspekten erweitert wurde, eine vollständige Erfassung des Themas
Work-Life-Balance hier nicht erreicht werden kann. Jedoch sollen mit dieser Arbeit die
wichtigsten Punkte zusammengetragen werden, um ein umfassendes Bild vermitteln zu
können.
11
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Was ist Work-Life-Balance?
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, stößt man bei der Auseinandersetzung mit dem
Thema Work-Life-Balance auf eine Vielzahl unterschiedlichster Literatur aus ver-
schiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. So wird z. B. in der Psychologie und
Soziologie versucht, die Zusammenhänge von Erwerbsarbeit und Privatleben und die
damit verbundenen Rollenkonflikte zu ergründen. Des Weiteren hielt die Thematik Einzug
in die Politikwissenschaft, in die Genderforschung sowie in die Arbeits- und
Organisationspsychologie und in die Betriebswirtschaftslehre, z. B. im Rahmen des
Personal-managements (Kastner, 2004a). Der verschiedenen Herangehensweisen und dem
Facetten-reichtum der Thematik geschuldet, bleibt die Suche nach einer allgemeingültigen
Definition erfolglos, vielmehr haben wir es mit einem Terminus zu tun, welcher
verschiedene Fragestellungen zum Verhältnis von Erwerbstätigkeit und anderen
menschlichen Aktivitäten unter sich subsumiert. So verwundert es nicht, dass sich eher
widersprüchliche oder stark verallgemeinerte Definitionen finden lassen. Der Begriff
scheint nicht klar abgrenzbar. Obwohl wir es augenscheinlich mit einem populären
Schlagwort zu tun haben, worunter sich ein Jeder etwas vorstellen kann, mangelt es an
einem einvernehmlichen Verständnis über die Wirtschaftsdisziplinen hinweg (Resch,
2003).
Im Bezug auf Deutschland haben wir es außerdem mit einer relativ jungen Forschungs-
richtung zu tun. Work-Life-Balance-Konzepte, welche in den USA entwickelt wurden,
fanden erst in den 90er Jahren ihren Weg in die deutsche Wirtschaft (Hammelmann, 2006;
vgl. auch Hochschild, 1990). So verwundert es nicht, dass auch ein Großteil der
Forschungsliteratur zur Thematik aus den Vereinigten Staaten stammt, doch erweist sich
eine Transformation der Theorien auf die deutsche Gesellschaft als problematisch, da beide
Länder z. B. unterschiedliche Wertvorstellungen und eine andere Infra- und Sozialstruktur
aufweisen (Michalk & Nieder, 2007).
12
Auch der Begriff Work-Life-Balance an sich, welcher wortwörtlich übersetzt Arbeit-Leben-Balance bedeutet, birgt Problempotenzial in sich. Er ist insofern irreführend, als das
„er einen Gegensatz zwischen Arbeit und Leben impliziert, zwischen denen eine Balance
herzustellen sei“ (Schmidt-Lellek, 2007, S. 30). Ferner weisen viele Autoren daraufhin,
dass die Arbeit kein dem Leben gegenübergestellter Bereich ist, sondern vielmehr ein Teil
des selben darstellt. Auch lassen sich Arbeit und Freizeit nicht völlig voneinander trennen.
So finden sich in der „arbeitsfreien“ Zeit gleichermaßen Belastungspotenziale in Form von
Hausarbeit, Kindererziehung, privater Fortbildung etc. (vgl. z. B. Schmidt-Lellek, 2007;
Resch & Bamberg, 2005; Kastner, 2004).
Um sich nicht in den vielen Theorie- und Forschungsansätzen zu verlieren, ist es zunächst
von enormer Wichtigkeit die Begrifflichkeiten Arbeit (Work), Leben bzw. Freizeit (Life)
und Balance genauer zu betrachten um somit zu einer allgemeingültigen Definition des
Terminus Work-Life-Balance zu gelangen, welche die Grundlage dieser Arbeit bilden soll.
2.1.1 Work
Man möchte meinen, dass der Begriff Arbeit als Grundbegriff der neuzeitgeschichtlichen
Gesellschaft allgemein verständlich ist. Doch gestaltet sich die Suche nach einer klaren
Definition als schwierig. Grund dafür sind die Bandbreite und die verschiedenen
Einsatzmöglichkeiten des Begriffs, z. B. Erwerbsarbeit versus Hausarbeit. Hinzu kommt
die landläufige Meinung, Arbeit als Komplementärbegriff zur Freizeit zu verstehen. Sie
wird als Last angesehen, was schon die Herkunft des Wortes aus dem Althochdeutschen
beweist, wo ar(a)beit für Mühe und Plage steht (Meyers Lexikon online, 2008a). Generell
verbindet man mit ihr vor allem körperlich anstrengende Tätigkeiten. Arbeit wird
verstanden als eine Zeit der Fremdbestimmung, der Mühsal, des Zwanges und des Stress,
als Mittel zum Zweck der Lebensunterhaltssicherung, wohingegen der Begriff Freizeit
Selbstverwirklichung und Entspannung verspricht (Köcher, 1990).
Doch wie zuvor schon angemerkt wurde, ist auch in der „freien“ Zeit Arbeit zu leisten. Bei
Tätigkeiten, wie Hausarbeit, Kindererziehung und privater Fortbildung handelt es sich
keinesfalls um Verrichtungen, welche dem persönlichen Vergnügen und der Erholung
13
dienlich sind. Ebenso stellt sich heraus, dass es zu kurz gedacht ist, Arbeit nur als Plage
oder notwendiges Übel zu betrachten. So kann sich die berufliche Arbeit positiv auf die
eigene Persönlichkeit auswirken und das Selbstwertgefühl steigern. Den Ausführungen
Schmidt-Lellek´s (2007) ist deshalb nur zuzustimmen, wonach man Arbeit als Selbst-
verwirklichung, Selbstentwicklung und als Sinnstiftung verstehen kann. Weiterhin dient sie
als Stabilisator gesellschaftlicher Rollen und verhilft zu gesellschaftlicher Anerkennung.
Nicht zu vergessen ist außerdem die Funktion des sozialen Netzes, welches in der
Arbeitswelt aufgebaut wird. Arbeit ist Teil der Lebenszeit und somit des Lebens und dient
als Strukturhilfe der / des selbigen. Demnach kann Arbeit nicht als gleichgestellter, sondern
vielmehr als ein dem Leben untergeordneter Begriff verstanden werden. Die Kritik an der
unwirklichen Gegenüberstellung der zwei Lebensbereiche, welche die Begriffswahl Work-
Life-Balance in sich birgt, ist somit berechtigt.
Meyers Lexikon beschreibt Arbeit als „bewusstes, zielgerichtetes Handeln des Menschen
zum Zweck der Existenzsicherung wie der Befriedigung von Einzelbedürfnissen“. Sie sei
„zugleich wesentliches Moment der Daseinserfüllung“ (Meyers Lexikon online, 2008a).
Da diese Definition stark verallgemeinert ist und versucht alle Aspekte des Begriffs
aufzugreifen, soll hier noch kurz klargestellt werden, dass im Rahmen dieser Diplomarbeit
und natürlich im Work-Life-Balance-Kontext unter dem Terminus Arbeit nur die berufliche
Tätigkeit bzw. Erwerbstätigkeit verstanden werden soll.
2.1.2 Life
Michalk und Nieder (2007) setzen den Begriff Life, zu deutsch „Leben“, mit der
Lebenswelt gleich. Lebenswelt bedeutet nach ihren Ausführungen alles Erlebte, Erfahrbare
und Erlittene des Alltags. Diese Begriffsdefinition macht erneut deutlich, dass sich die
Begrifflichkeiten Leben und Arbeit nicht klar voneinander trennen lassen. Sie stehen
keineswegs auf der gleichen Stufe, vielmehr hat das Leben eine übergeordnete Stellung
inne. Arbeit ist Teil des Lebens und stellt gleichzeitig einen bedeutsamen Lebensinhalt dar.
Im Work-Life-Balance Kontext wiederum wird eine klare Trennlinie zwischen Arbeitswelt
und Lebenswelt gezogen. Der Begriff Leben bzw. Life bildet in diesem Zusammenhang
14
den Gegenpol zur Arbeit, unter dem man alle anderen Lebensbereiche außer der
Erwerbstätigkeit subsumiert. Demnach beinhaltet die Lebenswelt gleichwohl Arbeiten im
privaten Bereich, wie z. B. die Kindererziehung oder jegliche Hausarbeiten, und die
Freizeit (vgl. z. B. Klimpel & Schütte, 2006; Michalk & Nieder, 2007).
In Meyers Lexikon online (2008b) ist folgende Definition des Begriffes Freizeit zu finden:
Freizeit, der (im Einzelnen unterschiedlich definierte) Zeitraum, der dem
arbeitenden Menschen neben seinen beruflichen oder berufsähnlichen
Verpflichtungen verbleibt. Freizeit wird entweder als Gesamtheit dieser
»Nicht-Arbeitszeit« oder nur als die darin enthaltene »Mußezeit« definiert;
häufig wird Freizeit in reproduktive oder regenerative (Ernährung, Schlaf,
Körperpflege) und frei disponible, »verhaltensbeliebige« Zeit (z. B. Vergnügen,
Tätigkeiten zur Selbstverwirklichung) unterteilt.
Dieser Begriffsklärung folgend erscheint es nicht verwunderlich, dass synonym für den
Begriff Leben im Zusammenhang mit Work-Life-Balance die Begrifflichkeiten Privatleben
und Freizeit Verwendung finden. Problematisch ist hierbei die Nutzung von Freizeit als
Antonym der Erwerbsarbeitszeit, da ein nicht unwesentlicher Teil der „freien“ Zeit z. B.
zur Entfernungsüberbrückung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz und für familiäre und
soziale Verpflichtungen, Hausarbeiten etc. aufgewendet wird. Freizeit wäre, durch diese
Abhängigkeiten, demnach keine Zeit mehr, welche zur freien Verfügung stünde und
individuell gestaltet werden kann. Voss (1991) beschreibt Freizeit deshalb lediglich als eine
innerhalb der Lebenswelt bestehende „Restkategorie“, wobei die im Berufsleben
verbrachte Zeit die Hauptzeit des Lebensalltags einnimmt. Roth & Zakrzweski (2006)
verstehen Freizeit als neues Lebensgefühl, welches sich durch die drei Aspekte: Freiheit,
Arbeit und Erholung definiert.
Das Verständnis von Freizeit hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Man versteht
unter ihr nicht mehr nur die Erholungszeit. Sie hat vielmehr einen eigenen Wert bekommen
(Opaschowski, 2008). Doch wäre es zu kurz gedacht unter ihr die Gesamtheit der „Nicht-
Arbeitszeit“ zu verstehen. Freizeit im heutigen Sinne ist erst jene Zeit, welche frei von
familiären, physiologischen oder ökonomischen Verpflichtungen ist und mit frei wählbaren
15
Aktivitäten ausgefüllt wird, welche für jeden Einzelnen subjektiv bedeutsam sind (Freier,
2005). Deshalb soll im Folgenden unter dem Terminus Life die Lebenswelt verstanden
werden, welche alle Bereiche, Handlungen und Erfahrungen beinhaltet, die außerhalb der
Arbeitswelt bzw. der Erwerbstätigkeit existieren.
2.1.3 Balance
Balance kann mit Gleichgewicht oder Ausgeglichenheit übersetzt werden und ist im
gleichen Wortlaut auch in der deutschen Sprache zu finden. Der Begriff verweist auf das
Bild der Waage. Doch was bedeutet das Gleichgewicht in Bezug auf Arbeit und
Privatleben?
Balance im WLB-Kontext meint, dass alle Lebenssphären und Lebensbereiche aus-
balanciert zu halten sind und einen ausgewogenen Anteil an der Lebenszeit einnehmen
sollten. Doch wird abermals das vorab schon oft angesprochene Problem einer
Gegenüberstellung von Arbeit und Privatleben augenscheinlich. Die durch den Begriff
Work-Life-Balance implizierte Trennung von Erwerbsarbeit und Leben kann, wie zuvor
bereits erklärt, nicht klar vollzogen werden, da die Grenzen der beiden Lebensbereiche
nicht leicht zu ziehen sind und in unserer heutigen Zeit immer mehr verschwimmen. Arbeit
wird allgemeinhin als Plage und Belastung empfunden, Privatleben mit Erholung, Ruhe
und Selbstverwirklichung gleichgesetzt. Doch finden sich ebenso Belastungen im privaten
Bereich in Form von unbezahlter Hausarbeit, Erziehungsarbeit oder ehrenamtlichen
Tätigkeiten. Auf der anderen Seite ist Arbeit enorm wichtig für die persönliche
Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung eines Jeden. Deshalb erscheint es sinnvoll,
die Balance nicht nur auf den Ausgleich von Privatleben und Arbeit zu beziehen, sondern
auf belastende und erholende Aktivitäten in beiden Handlungsbereichen (Kastner, 2004b).
Klimpel und Schütte (2006) sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Life-Balance“
als treffenderen Ausdruck für die Problematik, da dieser die Gleichwertigkeit aller
Lebenswelten betone.
16
2.1.4 Definition Work-Life-Balance
Nach den einzelnen Begriffsklärungen der verschiedenen Bestandteile des Terminus Work-
Life-Balance soll nun versucht werden, diesen genau zu umreissen und zu definieren.
Augenscheinlich haben wir es mit einem populär gewordenen, jedoch schlecht gewählten
Begriff zu tun, da er (wie bereits zuvor erwähnt) durch die unwirkliche Gegenüberstellung
der zwei elementaren Lebensbereiche des Menschen einen Ausschluss der Arbeit aus dem
Leben impliziert. Aus dem zuvor beschriebenen Problem der Begriffswahl erklären sich
auch die verschiedenen Herangehensweisen an die Thematik.
Eine Übersetzung ins Deutsche ergibt die Wortkombination Arbeit-Leben-Ausge-
glichenheit. Vor diesem Hintergrund ist also davon auszugehen, dass mit der
Begrifflichkeit Work-Life-Balance die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben bzw. das
Finden eines Ausgleichs zwischen den beiden Haupt-Lebensbereichen eines jeden
Menschen gemeint ist. Wenn keine Vereinbarkeit der beiden Bereiche besteht, so kann der
Terminus auch für das Spannungsfeld zwischen Arbeits- und Lebenswelt stehen. Ob nun in
positiver oder negativer Betrachtungsweise handelt es sich bei dem Begriff stets um den
Zusammenhang der beiden Lebenswelten in die Individuen in ihrem Alltag eingebunden
sind. Die Vereinbarkeit der Lebensbereiche und ein Gleichgewicht zu finden ist für das
Individuum enorm wichtig, um dauerhaft gesund zu bleiben, um sich mit sich selbst und
der Umwelt im Einklang zu wähnen und um seinem Leben einen gewissen Sinngehalt zu
verleihen. Eine permanente Dysbalance kann zu psychischen und physischen Be-
schwerden, wie z. B. Schlafstörungen, Depressionen und Burnout führen. Häufigster
Krankheitsauslöser ist dabei Stress bzw. psychische Überbelastung (Cassens, 2003).
Es erscheint nicht sinnvoll, die Balance nur auf den Ausgleich zwischen beruflicher und
privater Welt zu beziehen. Deshalb erweitert Kastner (2004b) diese Sichtweise um
belastende und erholende Aktivitäten in beiden Handlungsbereichen, welche es ebenfalls
auszutarieren gilt. Wie zuvor bereits angesprochen, finden sich im Privatleben wie in der
Arbeit Belastungen und Beanspruchungen ebenso wie Regeneration und Erholung. Somit
ergibt sich folgendes Vier-Felder-Schema:
17
Bereich
Arbeit
Bereich
Privat
Abb. 1: Vier-Felder-Schema, Beanspruchung / Entspannung im Arbeits- und Privatbereich
(Grafik nach Kastner, 2004b, S. 2)
A und D entsprechen der klassischen Sichtweise der Work-Life-Balance. Arbeit wird im
Feld A als Belastung und „Muss“ angesehen, Feld D als Privatleben hingegen mit
Entspannung und Erholung gleichgesetzt. Für eine berufstätige Frau, welche Kinder
besitzt, treffen z. B. alle Felder zu. Im Privaten wie im Berufsleben ist mit Belastungen zu
rechnen (Felder A und C). Sehnt sie sich bspw. nach Abwechslung und Anerkennung im
Berufsleben, ist damit Feld B gemeint. Die benötigte Erholung verschafft sie sich mit Hilfe
ausgiebiger Spaziergänge mit ihrem Hund (Feld D). Dieses Beispiel beweist abermals, dass
die überholte Denkweise Arbeit nur als Belastung anzusehen bzw. das Erholung nur im
Privatleben zu finden ist, ausgedient hat. Vielmehr verschwimmen die beiden Lebens-bereiche.
Somit kommt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [BMFSFJ]
(2005) zu folgender Definition:
Work-Life-Balance bedeutet eine neue, intelligente Verzahnung von Arbeits-
und Privatleben vor dem Hintergrund einer veränderten und sich dynamisch
verändernden Arbeits- und Lebenswelt. (...) Work-Life-Balance ist in erster
18
Linie als ein Wirtschaftsthema zu verstehen. Die dreifache Win-Situation durch
Work-Life-Balance resultiert aus Vorteilen für die Unternehmen, für die
einzelnen Beschäftigten sowie einem gesamtgesellschaftlichen und volks-
wirtschaftlichen Nutzen. (S. 4)
Wie aus dieser Definition hervorgeht ist WLB nunmehr nicht nur ein neumodischer Begriff
für klassische Familienpolitik und Gleichstellungsstrategien. Vielmehr entdeckt nun auch
die Wirtschaft, das so genannte Humankapital, welches es als wichtigste Ressource für
heutige Unternehmen zu pflegen gilt. Somit finden die privaten Lebensverhältnisse der
Mitarbeiter heutzutage im Interesse der Firma zunehmend Beachtung (Klimpel & Schütte,
2006).
Die Herstellung der Balance zwischen den beiden Lebenswelten ist nach Freier (2005)
abhängig von verschiedenen Faktoren, wie den Rollen und Funktionen die ein Jeder
innerhalb des jeweiligen Bereichs wahrnimmt, der Gewichtung der beiden Lebens-bereiche (welcher Bereich steht für das Individuum momentan im Vordergrund), der
Stressempfindlichkeit und dem individuellen Umgang mit Stress, der Lebensphase in der
man sich befindet und der jeweiligen persönlichen Lebensweise, d. h. Lebens- und
Ernährungsgewohnheiten. Freier kommt deshalb zu folgender Schlussfolgerung über
WLB:
Work Life Balance heißt: Den Menschen ganzheitlich zu betrachten (als
Rollen- und Funktionsträger) im beruflichen und privaten Bereich (der Lebens-
und Arbeitswelt) und ihm dadurch die Möglichkeit zu geben, lebensphasen-
spezifisch und individuell für beide Bereiche, die anfallenden Verpflichtungen
und Interessen erfüllen zu können, um so dauerhaft gesund, leistungsfähig,
motiviert und ausgeglichen zu sein. (Freier, 2005, S. 21)
Seiwert und Tracy (2002) stellten in ihren Studien weitere vier Einflussfaktoren fest,
welche auf das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben einwirken und welche in
eine individuelle Balance gebracht werden müssen, um körperliche und seelische
Erkrankungen zu vermeiden. Diese sind:
19
1. Leistung/Arbeit: d. h. Geld, Erfolg, schöner Beruf, Karriere, Wohlstand
2. Körper: d. h. Gesundheit, Ernährung, Erholung, Fitness, Lebenserwartung; proble-
matisch hierbei, dass Gesundheit erst dann als wichtiger Einflussbereich wahr-
genommen wird, wenn sie bereits beeinträchtigt ist.
3. Kontakt: d. h. Freunde, Familie, Zuwendung, Anerkennung, soziale Kontakte im Beruf
4. Sinn: d. h. Religion, Liebe, Selbstverwirklichung, Erfüllung, Zukunftsfragen.
Bei der Betrachtung der vier Einflussbereiche wird einerseits davon ausgegangen, dass die
mangelnde Bedürfnisbefriedigung in einem der Teilbereiche nicht durch eine ‚Über-erfüllung‘ der Bedürfnisse in einem anderen kompensiert werden kann. Andererseits muss
Balance nicht bedeuten, dass wir unsere Lebenszeit gleichmäßig auf die vier Bereiche
verteilen. Es ist durchaus denkbar, dass ein Manager mit einer 60-Stunden-Woche in
Balance leben kann, weil der Beruf seinem Leben einen Sinn verleiht und eine Vielzahl
bereichernder sozialer Kontakte ermöglicht.
Im Zusammenhang mit der Bedürfnisbefriedigung ist noch das Modell des Lebensrades
von Asgodom (Abb. 2) zu nennen und dient zur persönlichen Standortbestimmung. Es
zeigt alle wichtigen Lebensbereiche des Menschen. Je nach individueller Gewichtung sind
die einzelnen Felder bei jedem Menschen unterschiedlich groß. Die Bedürfnisse sind nur
exemplarisch zu sehen und variieren ebenfalls je nach Individuum. Weiterhin ist auch nicht
nur von, wie hier dargestellt, sechs Bedürfnissen auszugehen, vielmehr wird der Kreis mit
sämtlichen aktuellen Lebensschwerpunkten ausgefüllt. Das Rad gibt somit den Rahmen
der momentanen Lebensgestaltung vor. Da die Fläche des Kreises begrenzt ist, lässt sich
auf diese Weise recht einfach veranschaulichen, welche Lebensbereiche eine Dominanz
vorweisen und welche Bedürfnisse zu kurz kommen. Erfolge und Misserfolge in den
Bereichen, welche ein Übergewicht bilden, beeinflussen besonders stark die restlichen in
positiver oder negativer Weise und schränken diese ein. Nimmt z. B. der Beruf (bzw. die
Erwerbsarbeit) einen Großteil des Rades ein, bleibt weniger Zeit für die Familie oder
andere Lebensaspekte (Asgodom, 2002).
20
Basierend auf den vorangegangenen Erläuterungen und Definitionen soll Work-Life-
Balance im Rahmen dieser Arbeit als ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der
beruflichen Tätigkeit und anderen Lebensbereichen verstanden werden. Das Gleichgewicht
ist nur zu erreichen, wenn zwischen den einzelnen Subsystemen in Arbeits- und
Privatleben und den jeweiligen Rollen und Funktionen die das Individuum im jeweiligen
Teilbereich einnimmt, keine Konflikte entstehen. Der Mensch ist nur dann im Einklang mit
sich und seiner Umwelt, wenn sich seine Interessen, Bedürfnisse und Verpflichtungen je
nach seiner individuellen Lebensphase, mit der Arbeits- und Lebenswelt verbinden lassen
(Freier, 2005). Es wurde ausführlich gezeigt, dass kein allgemeingültiges und
maßgeschneidertes Konzept existieren kann, das Gleichgewicht herzustellen, da die
Bedürfnisse, Wünsche und Lebensumstände eines Jeden sehr unterschiedlich ausfallen.
Jedoch ist festzustellen, dass die Unternehmen durch gezielte Maßnahmen positiv auf die
Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ihrer Mitarbeiter einwirken können.
21
2.2 Problemkontext der Work-Life-Balance
Das Thema Work-Life-Balance ist im Grunde genommen so alt wie die Menschheit selbst
(Kastner, 2004b), doch gab es in den letzten Jahrzehnten Prozesse, welche es mehr ins
Interesse der Allgemeinheit rückten. Zu nennen sind hier die demographische Entwicklung
bzw. das aktuelle Altern der Bevölkerung in Deutschland, der Strukturwandel in der
Wirtschaft durch die Globalisierung, der Wandel zur Wissensgesellschaft, die gesell-
schaftspolitischen Entwicklungen hinsichtlich der Chancengleichheit von Männern und
Frauen und die Veränderung in den Familienstrukturen. Ständig wachsende und sich
verändernde Anforderungen an Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft lassen die täglichen
Herausforderungen wachsen. Des Weiteren ist davon auszugehen, dass sich diese
Entwicklungen in der Zukunft weiter fortsetzen. Eben diese Prozesse und die daraus
resultierenden Umbrüche geben den Rahmen für heutige WLB-Konzepte und Maßnahmen
vor (Klimpel & Schütte, 2006). Deshalb sollen im Folgenden genau diese gesell-
schaftspolitischen Rahmenbedingungen aufgezeigt werden, welche das Thema Work-Life-
Balance in der heutigen Zeit so populär werden ließen.
2.2.1 Demographische Entwicklung
Der Rückgang der Geburten, die Alterung und das Schrumpfen der Bevölkerung prägen
seit ein paar Jahrzehnten den öffentlichen Diskurs. Die Konsequenzen für die deutsche
Wirtschaft bzw. die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sind weitreichend.
Auch stellt sich die Frage nach der Sicherung des Sozialsystems, gerade vor dem
Hintergrund, dass sich der demographische Wandel noch beschleunigen wird. Laut einer
Studie im Auftrag des Statistischen Bundesamt kamen 2007 auf 100 Personen im
Erwerbsalter (20 bis unter 65 Jahre) 32 Personen im Rentenalter (ab 65 Jahre). Zwar
versucht der Staat dem Geburtenrückgang entgegenzusteuern, so z. B. in Form des
Elterngeldes, doch rechnet man im Jahr 2030 mit mehr als 50 Rentnern auf 100
Erwerbspersonen (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2007). Zur Veran-
schaulichung dieses Prozesses soll die folgende Grafik (Abb. 3) dienen.
22
*) 2030: Ergebnisse der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung
Aus der Grafik geht hervor, dass die Zahl der geborenen Kinder nicht ausreicht, die
Elterngeneration zu ersetzen. Es sterben mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Auch
durch Zuwanderung aus dem Ausland ist diese Entwicklung nicht zu stoppen und somit ist
seit 2003 ein kontinuierlicher Bevölkerungsrückgang in Deutschland zu verzeichnen
(Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2007). Die Folgen aus der Überalterung
und der Rückgang der Bevölkerung werden in naher Zukunft die Gesellschaft mit
steigenden Abgaben auf die Arbeitseinkommen und der Verringerung der Sozialleistungen
belasten. Die Unternehmen müssen mit einem Ansteigen des Durchschnittsalters ihrer
Belegschaften rechnen und zudem mit einem Rückgang der rekrutierbaren Erwerbs-
personen. Hinzukommt, dass sich trotz anhaltender hoher Arbeitslosigkeit ein Fachkräfte-mangel in Deutschland herauskristallisiert. Diese Effekte werden durch die zunehmende
Lebenserwartung zusätzlich verstärkt. Gerade vor diesem Hintergrund ist es verwunder-
lich, dass dem demographischen Wandel in der freien Wirtschaft kaum Aufmerksamkeit
geschenkt wird (Prognos AG, 2005).
23
Um wettbewerbsfähig zu bleiben, wird es für die Arbeitgeber immer wichtiger, Konzepte
zu entwickeln, um hochqualifiziertes Personal an sich zu binden. Es ist dazu dringend
erforderlich die Arbeitnehmer bis zum Renteneintritt ohne große gesundheitliche Probleme
im Unternehmen halten zu können. Ausfallgründe müssen so weit wie möglich vermieden
werden (Kunz, 2005). Gerade im Zuge des technologischen Fortschritts müssen Strategien
entwickelt werden, um die Weiterbildung bis ins hohe Alter zu gewährleisten. Auch
müssen Frauen stärker als bisher in die Erwerbstätigkeit eingebunden werden, doch darf
dies nicht auf Kosten der Familienplanung bzw. Kinderfreundlichkeit geschehen. Zum
Einen ist es die Aufgabe der Politik familienpolitische Maßnahmen zu ergreifen, z. B. in
Form des Ausbaus der Kinderbetreuung, doch obliegt es den Unternehmen ebenfalls
familienfreundlicher zu agieren, da allein familienpolitische Leistungen des Staates nicht
ausreichen, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zufriedenstellend zu
lösen (Rost, 2007). So wird es den Arbeitgebern z. B. bald nicht mehr möglich sein, auf gut
ausgebildete Frauen mit Beginn des Mutterschutzes gänzlich zu verzichten (Roth &
Zakrzweski, 2006).
Richenhagen (2007) spricht in diesem Zusammenhang auch von der Aufrechterhaltung der
Beschäftigungsfähigkeit (durch Weiterbildung, Gesundheit und Schaffung idealer Arbeits-
bedingungen) und sieht Staat, Gesellschaft und Unternehmen gleichermaßen in der Pflicht
dies umzusetzen.
Der Schlüssel um auf die angesprochenen demographischen Veränderungen und ihre
Konsequenzen angemessen zu reagieren, liegt in der besseren Vereinbarkeit von Familie
und Beruf. Nur unter Zuhilfenahme geeigneter WLB-Maßnahmen wird es möglich sein,
dass Fachpersonal an sich zu binden. Es müssen Arbeits- und Lernbedingungen geschaffen
werden, die es Alt und Jung ermöglichen sich kontinuierlich fortzubilden und vital zu
bleiben. Dies kann durch die Schaffung von Arbeitsplätzen welche dem jeweiligen
Leistungsvermögen entsprechen geschehen und durch die Förderung des Wissenstransfers
zwischen den verschiedenen Altersgruppen (Buck, 2003). Des Weiteren müssen die
Konzepte auf die jeweilige Lebensphase der Individuen zugeschnitten werden, das heißt,
dass genauso auf die Bedürfnisse junger Familien eingegangen werden muss wie auf das
Pflegebedürfnis älterer Mitarbeiter (Prognos AG, 2005). Arbeit muss gleichmäßiger auf das
24
Leben verteilt werden, um so Rollenüberlastungen (z. B. bei erwerbstätigen Müttern)
entgegenzuwirken und Spannungen zwischen Familien- und Berufsleben abzubauen.
2.2.2 Wissensgesellschaft
Die Fachwelt diskutiert zur Zeit den Übergang der Industriegesellschaft in eine andere
Gesellschaftsform (vgl. z. B. Kastner, 2004b; Prognos AG, 2005), die gekennzeichnet ist
durch die Verschiebung der Produktions- und Erwerbsstruktur hin zu Dienstleistungen und
die zunehmende Bedeutung von Informationen und Kommunikation. Zu den klassischen
Produktionsfaktoren Land, Kapital und Arbeit gesellt sich nun das Wissen. Man spricht in
diesem Zusammenhang zunächst von einer Informationsgesellschaft, welche charakte-
risiert ist durch die Generierung, Speicherung, Vermittlung, Verarbeitung und Nutzung von
Wissen und Informationen. Neue Technologien der Informationsaufbereitung und
Informationsverbreitung (z. B. Internet, Mobilfunk) halten Einzug in die Wirtschaft und
das Privatleben mit weitreichenden Konsequenzen für jeden Teilbereich des Lebens. Die
Informationsgesellschaft gilt als Bindeglied zwischen der Industriegesellschaft und der
Wissensgesellschaft. (Meyers Lexikon online, 2008c).
Die Wissensgesellschaft wiederum setzt inhaltlich:
auf dem Begriff der Informationsgesellschaft auf und entfaltet diesen
hinsichtlich der mit der exponentiell wachsenden Produktion von Information
(»Wissensproduktion«) verbundenen grundsätzlichen Fragen. Dabei wird das
Wissen als grundlegendes Kapital der postindustriellen Gesellschaft hervor-
gehoben und in dieser Bedeutung in den Zusammenhang künftiger gesell-
schaftlicher Entwicklungsprozesse gestellt (Meyers Lexikon online, 2008d).
Laut einer Studie der Prognos AG (2005) wird der Übergang zur Wissensgesellschaft bis
zum Jahr 2020 abgeschlossen sein. Wissen (bzw. Humankapital) wird zu einer
Kernkompetenz innovativer Unternehmen. Die Automatisierung bestimmter gleich-förmiger Arbeitsprozesse wird weiter voranschreiten, genauso wie z. B. Arbeiten
verwaltungstechnischer Art unter Zuhilfenahme der EDV sich vereinfachen und somit zu
25
Zeitersparnis, aber auch zu Stellenabbau in bestimmten Bereichen führen. Auch wird ein
grundlegender Wandel der Organisationsformen und Arbeitsstrukturen erwartet.
Für die Menschen werden in zunehmendem Maße die komplexen intelligenten
Arbeitsabläufe übrig bleiben und somit charakterisieren sich die Leistungsträger der
Wissensgesellschaft durch ihren hohen Bildungsabschluss, ihre gute Ausbildung und ihr
Spezialwissen (Roth & Zakrzweski, 2006). Doch Fachwissen muss, geschuldet dem
technologischen Fortschritt, immer wieder aufgefrischt und auf den neuesten Stand
gebracht werden. So ist es auch zu erklären, dass sekundäre Dienstleistungen wie
Betreuung, Beratung, Lehre, Management sowie Forschung und Entwicklung an
Bedeutung gewinnen und produktionsorientierte und primäre Dienstleistungen, welche in
den 90er Jahren noch drei Viertel des Gesamtbedarfs ausmachten, bis 2010 nur noch zwei
Drittel betragen werden (Prognos AG, 2005).
Genau in diesen Entwicklungen zeigt sich die Relevanz für die Thematik Work-Life-
Balance. Lebenslanges Lernen und Flexibilität werden zukünftig vorausgesetzt, was gerade
für hochqualifiziertes Personal zu längeren Arbeitszeiten führen kann. Zudem ist durch den
Fachkräftemangel der Trend zu erkennen, dass immer weniger Personen immer länger
arbeiten. Ohnehin ist davon auszugehen, dass das Normalarbeitszeitmodell ausgedient hat
(gemeint ist hier die 40-Stunden-Woche und eine geregelte Arbeitszeit von 9 bis 18 Uhr),
was sich in der Zunahme von Zeitarbeit äußert. Auch gehören Erwerbsbiographien, welche
sich durch eine einmalige Ausbildung und einem Verbleiben in ein und demselben Job bis
ins Rentenalter kennzeichnen, der Vergangenheit an. Zukünftig werden Arbeitnehmer ihre
Tätigkeit, ihren Arbeitsplatz und Arbeitgeber mehrmals wechseln müssen. Die Sicherheiten
und Planbarkeiten, die die Industriegesellschaft bot, brechen weg, was Verunsicherung
hervorruft (Kastner, 2004b).
Neue Wege des Arbeitens wie Tele- bzw. Heimarbeit und flexible Teilzeitformen bieten
aber dennoch Chancen der besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, doch
liegen gerade in ihnen auch Gefahren. So kann es zu Überlastungen kommen begründet
durch das Diktat der ständigen selbstständigen Weiterbildung und dauerhafter Mehrarbeit,
ebenso wie durch die höheren Mobilitätsanforderungen und Terminhetze (Kastner, 2004b).
Vernachlässigung häuslicher und familiärer Pflichten und psychische bzw. physische
26
Erkrankungen sind die Folge. Die Wirtschaft muss den Menschen wieder als wichtigste
Ressource entdecken und seine Leistungsbereitschaft genauso aufrechterhalten wie seine
Lebenszufriedenheit, denn nur so sichert man sich dauerhaft Wettbewerbsvorteile.
Um die gesellschaftlichen Veränderungen noch genauer zu beleuchten soll im Folgenden
noch kurz auf die Globalisierung und ihre Auswirkungen eingegangen werden.
2.2.3 Globalisierung
Der technologische Fortschritt ermöglicht es der Wirtschaft neue Märkte zu erschließen
und weltweit zu agieren und somit bildet die Globalisierung auch eine Antriebsfeder des
Wandels hin zur Wissensgesellschaft. Die weltweite ökonomische, soziale und politische
Vernetzung bietet Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg, doch fordert sie durch den
steigenden Konkurrenz- und Innovationsdruck ebenso ein Höchstmaß an Effektivität,
Effizienz und die ständige Anpassung an neue Rahmenbedingungen. Im Einzelnen
bedeutet dies wiederum steigende Anforderungen an den Arbeitnehmer selbst, welcher sich
nun noch neben der Vertiefung seiner Fachkenntnisse der Herausforderung stellen muss,
sich in andere Kulturen einzufühlen. Multilingualität und die Bereitschaft zu Auslands-
aufenthalten werden heutzutage genauso vorausgesetzt wie Mobilität, Flexibilität und
physische und psychische Belastbarkeit (Klimpel & Schütte, 2006). Damit einhergehend
wird es für den international eingesetzten Mitarbeiter immer schwieriger, sein Privatleben
zu organisieren und eigene Vorstellungen vom erfüllten Familienleben umzusetzen.
Überforderungen und Work-Life-Dysbalancen sind vorprogrammiert.
Gerade für global agierende Unternehmen ist es deshalb unabdingbar, ein Klima zu
schaffen, welches die Lernfähigkeit und die Lernmotivation begünstigt und die
Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter aufrecht erhält. Es müssen Lösungsansätze gefunden
werden, Familie und Beruf besser zu vereinen. Hier stellen sich z. B. Fragen zur
Kinderbetreuung und zur Erwerbstätigkeit von Lebenspartnern. Des Weiteren müssen sich
WLB-Maßnahmen in internationalen Unternehmen auch an den unterschiedlichen
kulturellen Vorstellungen von Gesundheit, Familie und Wohlbefinden ihrer Belegschaft
orientieren (Prognos AG, 2005).
27
2.2.4 Wertewandel und Veränderung der Familienstrukturen
Der gesellschaftliche Wandel macht auch vor den Familien nicht halt. Wie aus den
vorangegangenen Ausführungen ersichtlich wurde, kommt es zu Spannungen in der
Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dies äußert sich in den Veränderungen der
Familienstrukturen.
So werden z. B. Familien immer später gegründet, geschuldet den längeren Ausbildungs-zeiten und dem damit verbundenen späteren Berufseinstieg. Finanzielle Sicherheit ist nach
wie vor die Grundvoraussetzung für eine Familiengründung und wird erst im Beruf
erreicht. Das Durchschnittsalter junger Mütter zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes
liegt bei 28 Jahren, bei Akademikerinnen sogar bei über 30, mit der Konsequenz, dass
kinderreiche Familien der Vergangenheit angehören, da es meist bei einem Kind bleibt.
Darüber hinaus steigt der Anteil der kinderlosen Frauen in unserer Gesellschaft. Einige
Studien gehen sogar davon aus, dass ein Drittel der deutschen Frauen des Jahrgangs 1960
kinderlos bleibt (Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg [ifb],
2001).
Des Weiteren haben wir es mit neuen Familiengebilden zu tun. Die Zahl der Single-Haushalte steigt genauso wie die der Alleinerziehenden, kinderlosen Familien und
nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Wir haben es immer mehr mit Patchwork-Familien
zu tun. Zudem ist ein deutlicher Rückgang der Eheschließungen zu verzeichnen. Im
Gegenzug ist die Zahl der Scheidungen stark angestiegen (ifb, 2001). Die Familien-
strukturen werden immer komplexer und komplizierter. Familienbezogene WLB-Konzepte
müssen deshalb auch auf die neuen Formen des Familienlebens eingehen. Eine Maßnahme
wäre hier z. B. die Betreuung von Kindern alleinerziehender Mütter, damit diese ihrer
beruflichen Tätigkeit ungehindert nachgehen können.
Der Prozess, welcher die Entwicklung hin zu neuen Familienstrukturen begünstigt ist der
Wertewandel in der Gesellschaft. So bleiben Ehen nicht nur kinderlos weil die finanzielle
Absicherung fehlt, vielmehr geschieht dies aus der Motivation heraus, sich selbst zu
verwirklichen. Das Familienleben wird bewusst der Karriere geopfert. Individualität steht
im Vordergrund. Man definiert sich über seinen Beruf. Nicht mehr länger heißt der
28
Grundsatz „wir leben, um zu arbeiten“, sondern „wir arbeiten, um zu leben“ (Klimpel &
Schütte, 2006).
2.2.5 Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Das Modell des männlichen Alleinverdieners hat ausgedient. Immer mehr Frauen streben
einen höheren Bildungsabschluss an und wollen sich nicht im weiteren beruflichen
Werdegang Aufstiegschancen durch Schwangerschaftspause und aufzubringende Zeit für
Kindererziehung verbauen. Doch gleichzeitig bleibt der Wunsch auf Vereinbarkeit von
privatem und beruflichem Leben. Genau hier müssen WLB-Konzepte ansetzen und
Alternativen schaffen, um den Wünschen nach Selbstentfaltung, Kindern und einem
erfüllten Leben gleichermaßen nachzukommen.
Befragungen, wie z. B. von Klimpel und Schütte (2006), beweisen, dass den Frauen die
Karriere mindestens genauso wichtig ist wie den Männern. Doch zeigt sich, dass trotzdem
eine hohe Zustimmung beider Geschlechter hinsichtlich der Familie als Institution
herrscht. Gerade Frauen wollen sich nicht mehr zwischen Kind und Karriere entscheiden
müssen, sondern wollen beides miteinander vereinen. Wirft man jedoch einen Blick auf die
heutige Situation, so stellt man fest, dass nach wie vor in alten Schemen gedacht wird und
weiblichen Mitarbeitern Aufstiegschancen meist nur kinderlos möglich sind. Es stellen sich
zudem fragen der Chancengleichheit von Frauen und Männern.
Frauen sind in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert, obwohl ihr
Qualifikationsniveau stark gestiegen ist (ifb, 2001, S. 15).
Doch vor dem Hintergrund des sinkenden Erwerbspersonenpotenzials wird die Bedeutung
erwerbstätiger Frauen in naher Zukunft noch steigen. Die Wirtschaft wird sich nicht mehr
leisten können auf berufstätige Mütter zu verzichten, gerade weil diese durchaus einen
schnellen Wiedereinstieg in das Berufsleben fordern und somit einer befürchteten
Dequalifizierung während der Berufspause entgegengewirkt werden kann. Aber nicht nur
Frauen sehen sich, durch das antiquierte Rollenverständnis, der Vereinbarungsproblematik
gegenüber. Immer mehr Männer wollen im Zuge der Vaterschaft ihrer Familienrolle
29
gerecht werden und stehen für eine gleichberechtigte Aufteilung der Pflichten und Rollen,
z. B. im Bezug auf die Übernahme des Erziehungsurlaubs, doch wird eine familien-bezogene Berufspause kaum akzeptiert (ifb, 2001). Außerdem steigen im Zuge der
Globalisierung bzw. durch häufigen Arbeitsplatzwechsel die Mobilitätsanforderungen eines
jeden Arbeitnehmers, was die Kinderbetreuung und das Familienleben noch schwieriger
gestalten und strapazieren wird.
Staat und Unternehmen sind hier gleichermaßen gefordert ein familienfreundlicheres
Klima zu schaffen. Das Angebot an Krippen-, Kindergarten- und Hortplätzen muss durch
den Staat ausgeweitet werden. Doch sind im Zusammenhang mit der Kinderbetreuung
ebenfalls die Betriebe in der Pflicht, z. B. durch flexiblere Arbeitszeitmodelle,
Freistellungen, Wiedereinstellungszusagen oder sogar durch betriebseigene Betreuungs-
einrichtungen, unterstützend mitzuwirken. Männern wie Frauen müssen Wege aufgezeigt
werden, wie sie ihr jeweils individuelles Modell der Vereinbarkeit von Familie und Beruf
umsetzen können (ifb, 2001).
30
2.3 Warum brauchen wir Work-Life-Balance?
Um den Nutzen von Work-Life-Balance und die Konsequenzen einer Dysbalance
aufzuzeigen, sollen hier nochmals die wichtigsten sich gegenseitig beeinflussende Kräfte,
welche auf den Menschen im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Privat- und
Berufsleben einwirken, aufgeführt werden. Für Cassens (2003) sind dies:
das Berufsleben
die Familie, Freunde und feste soziale Bindungen
die Gesundheit
das Streben nach Anerkennung
die Ideologie, Religion und Philosophie
Bedingungen für ein ausgewogenes Berufsleben sind die Identifikation mit dem
Unternehmen, dem Produkt oder der Dienstleistung und die finanzielle Absicherung durch
die Tätigkeit. Die Arbeit sollte Freude bereiten und in einem angenehmen beruflich-
sozialen Umfeld ausgeübt werden. Untersucht man nun die Wechselwirkungen mit den
anderen Kräften, stellt man fest, dass sich bspw. Anerkennung positiv auf die Psyche
auswirkt und als Motivator dienen kann, wo hingegen eine ständige Überbelastung
negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Da ein guter Gesundheitszustand eine der
zentralen Komponenten einer ausgewogenen Work-Life-Balance darstellt, muss dieser
unbedingt durch Erholung, Fitness und gesunde Ernährung gefördert und aufrecht erhalten
werden. Feste Freundschaften oder intakte harmonische Partnerschaften verhelfen ebenso
zur Ausgeglichenheit (durch Rückhalt und Zuwendung), doch kann das Familienleben nur
dann erfolgreich und erfüllend verlaufen, wenn keine Störungen von Seiten des Berufs
vorliegen und umgekehrt. Auch der religiöse, kulturelle und ideologische Hintergrund kann
sich begünstigend auf die anderen Bereiche auswirken, aber auch Konfliktpotenzial
schaffen. Neben diesen sozialen und psychologischen wirken auch körperliche und geistige
Aspekte auf das ganzheitliche Beziehungsgeflecht ein (Cassens, 2003).
Wie dargestellt, können also alle Kräfte positiv wie negativ auf die anderen Bereiche
einwirken. Belastungen in der Arbeitswelt und der fehlende Ausgleich zwischen den
31
Lebensbereichen können weitreichende gesundheitliche Folgen haben. Deshalb sollen im
Folgenden die Konsequenzen aus diesen Beeinflussungen genauer beleuchtet werden.
2.3.1 Gesundheitsaspekte
Wie zuvor beschrieben, bildet ein guter Gesundheitszustand einen der zentralen Bausteine
einer ausgewogenen WLB. Dieser wird maßgeblich von den individuellen Arbeits- und
Lebensbedingungen eines Jeden geprägt. Nur die Gesundheit des Menschen sichert seine
Leistungsbereitschaft und Motivation und somit auch den betrieblichen Erfolg.
Krankheitsbedingte Fehlzeiten führen zu Kosten für das Unternehmen. Gerade der Wandel
in der Arbeitswelt mit immer neuen Anforderungen und veränderten Arbeits- und
Organisationsformen führt vermehrt zu Überlastungen des Individuums und stellt den
betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz vor neue Herausforderungen. Gesundheits-
schutzmodelle, welche sich nur auf die rein körperlichen Belastungen (wie Lärm, schwere
Lasten, Rauch, Staub usw.) beziehen, gelten als nicht mehr zeitgemäß und überholt, viel
mehr rückten die psychosozialen Befindlichkeiten des Arbeitnehmers in den letzten
Jahrzehnten in den Vordergrund der Forschung (vgl. z. B. Köper, 2004; Meyer, 2001;
Badura, Litsch & Vetter, 2000; Henninges, 1998).
Dass die alleinige Beschränkung auf die körperliche Komponente von Gesundheit und
Krankheit zu kurz greift, zeigt schon die Verfassung der Weltgesundheitsorganisation aus
dem Jahre 1946. Darin wird die Begrifflichkeit Gesundheit beschrieben als ein Zustand des
vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens. Sie sei nicht nur mit dem
ledigen Fehlen von Krankheit oder Gebrechen zu umschreiben (Weltgesundheits-
organisation [WHO], 2006). Gesundheit, vor allem im Sinne der Work-Life-Balance,
beinhaltet demnach nicht nur die physische Gesundheit sondern ebenfalls das psychische
und soziale Wohlbefinden.
Kolip und Hurrelmann (1994) kommen somit zu einer Dreiteilung des Gesundheitsbegriffs.
Die physische Gesundheit bezieht sich auf die körperliche Verfassung, d. h. auf die
jeweilige körperliche Konstitution, die Stärke des Immunsystems und genetische
Veranlagungen. Weitere Einflussfaktoren, welche die physische Gesundheit beeinflussen,
32
sind das biologische Alter, die Ernährungsgewohnheiten, die Dauer der Erholungsphasen
und die persönliche Fitness. Psychische Gesundheit wiederum fasst alle Persön-
lichkeitsmerkmale zusammen. Hier werden die Einstellungen und Sichtweisen zu
unterschiedlichen Lebenseinstellungen wie z. B. dem Rauchen und dem Alkoholkonsum
genauso mit einbezogen wie Stressresistenz und Entspannungsfähigkeit. Soziologische
Gesundheit meint das familiäre Umfeld, Freunde und Bekannte, das Arbeitsklima und das
Verhältnis zu den Kollegen. Voraussetzung für soziale Gesundheit ist neben dem Ansehen
in der Gesellschaft, die Fähigkeit zur Kommunikation. Außerdem wird sie noch durch die
individuelle Persönlichkeit des Menschen beeinflusst. Die jeweiligen Gesundheitsbereiche
lassen sich zwar voneinander abgrenzen, beeinflussen und bedingen sich aber gegenseitig.
So können sich z. B. längerfristige Belastungen der Psyche negativ auf die physische
Gesundheit auswirken.
Wie zuvor angedeutet, wurde sich in früheren Forschungsberichten allein auf die
physischen Belastungen, die auf den Arbeitnehmer einwirken, konzentriert. Dies mag auch
darin begründet sein, dass die so genannten „harten“ körperlichen Belastungen und ihre
Auswirkungen leichter auszumachen sind. Das Heben schwerer Lasten und ungünstige
Körperhaltungen führen unweigerlich zu Rückenproblemen. Auch sind die Konsequenzen
aus dem Umgang mit gefährlichen Stoffen hinreichend bekannt, ebenso die gesundheits-
schädlichen Folgen von Lärm, Staub, Rauch, Gas, Kälte, Hitze und Nässe. Mit
fortschreitender Automatisierung, der Modernisierung der Fertigungsprozesse und dem
technologischen Fortschritt im Allgemeinen sind die „harten“ Belastungen eher rückläufig,
vielmehr sind es die psychosozialen, welche auf dem Vormarsch sind (Henninges, 1998).
Deshalb wird im Folgenden das Hauptaugenmerk auf den psychosozialen Belastungen
liegen.
Des Weiteren werden in der Fachwelt meist nur die physischen und psychosozialen
Belastungen in Bezug auf den Arbeitsplatz diskutiert. Doch entstehen, nach dem WLB-Verständnis, genauso aus einem unerfüllten Familienleben Probleme, welche mit in die
Arbeitswelt getragen werden und umgekehrt. Die Forschung schenkte dieser Erkenntnis
erst in den letzten Jahren ihre Aufmerksamkeit (Knesebeck, Joksimovic, Dragano &
Siegrist, 2004). Knesebeck et al. sprechen in diesem Zusammenhang von so genannten
Spillover-Effekten und fanden heraus, dass die negativen Auswirkungen von familiären
33
Belastungen auf die Arbeit (Familie-Arbeit-Spillover) stärkere Einflüsse auf depressive
Symptome aufweisen als die negativen Auswirkungen von Arbeitsbelastungen auf die
Familie (Arbeit-Familie-Spillover).
Der Kürze dieser Arbeit geschuldet, können jedoch nicht alle Aspekte der Gesundheits-
problematik zufriedenstellend ausgewertet und aufgeführt werden. Deshalb soll sich
hiernach auf die Arbeitswelt und die in ihr auftretenden psychosozialen Belastungen mit
ihren Auswirkungen auf die Gesundheit konzentriert werden.
2.3.2 Psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz
Psychische bzw. psychosoziale Belastungen gelten als schwer ermittelbar, da sie der
subjektiven Wahrnehmung und Bewertung unterliegen. Dies stellt natürlich ein Problem
für die Forschung dar. Des Weiteren können psychische Belastungen sowohl positiv als
auch negativ auf den Einzelnen einwirken. Die Reaktionen auf sie können zudem je nach
Individuum völlig unterschiedlich ausfallen. So kann ein und dieselbe Belastung für den
Einen eine Herausforderung darstellen (also eher aktivierend wirken) und einen Anderen
vor eine unlösbare Aufgabe stellen (also eher bedrohend wirken). Belastung wird hierbei
als wertfreier Begriff verstanden. Die unterschiedliche Wirkung und Bewertung liegt in
den individuellen Voraussetzungen der Individuen (z. B. unterschiedliche Ausprägung von
Stressresistenz) begründet. Nichtsdestotrotz bilden psychische wie physische Belastungen
einen nicht unerheblichen Teil des Lebens und werden, wie z. B. bei sportlichen Freizeit-
aktivitäten, bewusst gesucht (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
[BDA], 2005).
Im Zusammenhang mit psychischen Belastungen wird heutzutage vermehrt der Terminus
Stress als Hauptauslöser für psychische und physische Krankheiten genannt. Dies wird
zurückgeführt auf die gestiegenen Anforderungen an den Menschen, sei es nun im privaten
oder beruflichen Bereich, und der damit einhergehenden Überbelastung (vgl. z. B. Cassens,
2003). Ebenso gut kann aber auch eine permanente Unterforderung, z. B. durch immer
wiederkehrende, monotone Arbeitsschritte, unter Umständen Stressreaktionen auslösen,
genauso wie Terminhetze, Zeitdruck und ungünstige Arbeitszeitregelungen wie Schicht-
34
und Nachtarbeit und Überstunden (Puls, 2003). Hinzu kommen psychosoziale
Belastungen, wie Verantwortungsdruck, mangelhafte Kommunikation, fehlende Unter-
stützung bzw. Anerkennung, fehlende Mitbestimmung und das Verhältnis zu den Kollegen
im Allgemeinen (Meyer, 2001). Des Weiteren wirken sich Diskriminierungen und
Einschüchterungen (wie z. B. Mobbing am Arbeitsplatz) negativ auf das Wohlbefinden und
die Zufriedenheit aus. Auch die Tatsache, dass in der heutigen Zeit kaum noch Sicherheiten
in Bezug auf den Arbeitsplatz existieren, übt enormen Druck auf die Arbeitnehmer aus
(„Jeder ist ersetzbar.“). Für Henninges stellt die Arbeitsplatzunsicherheit sogar einen der
„schwersten Stressfaktoren überhaupt“ dar (Henninges, 1998, S. 35), da wir es hier mit
Existenzängsten zu tun haben. Aus diesem Grund widmeten sich Badura, Schellschmidt
und Vetter (2006) im Fehlzeiten-Report 2005 einzig und allein dem Thema der
Arbeitsplatzunsicherheit und den damit verbundenen Konsequenzen für die Gesundheit.
Entscheidend dafür, ob es durch psychische Belastungen zu Beeinträchtigungen des
Wohlbefindens kommt, sind wie zuvor bereits erwähnt, die individuellen Voraussetzungen
bzw. Ressourcen der jeweiligen Person. Unter Ressourcen werden hierbei alle
Bedingungen verstanden, welche dem Individuum helfen Bedürfnisse zu befriedigen,
Anforderungen gerecht zu werden und Stresssituationen zu meistern. Man unterscheidet
externe/situative und interne/personale Faktoren. Unter externen Ressourcen wird
hauptsächlich soziale Unterstützung, gutes Arbeitsklima bzw. „Auskommen“ mit den
Kollegen und Handlungsspielraum verstanden. Interne Ressourcen sind z. B. Qualifikation,
Wissen und Selbstvertrauen. Verfügt ein Mensch bspw. über wenig Ressourcen, ist aber
hohen Belastungen ausgesetzt, ist sein Erkrankungsrisiko enorm hoch (Pfaff, Münch &
Badura, 2000).
Doch was wird nun genau unter dem Terminus Stress verstanden und was sind die Folgen
aus übermäßigem Stress?
2.3.3 Stress und seine Auswirkungen
Folgt man dem psychologischen Ansatz, so wird Stress als dynamische Wechselwirkung
zwischen dem Individuum und seiner Arbeitsumgebung verstanden (Cox, Griffiths & Rial-
35
González, 2005). Es werden zwei Arten unterschieden: Eustress (positiver Stress) und
Distress (negativer Stress).
Eustress, also positiver Stress, bezieht sich auf Stresssituationen welche man gut
bewältigen konnte. Durch das Erfolgserlebnis erhöht sich das Selbstvertrauen und die
Motivation wächst. Man geht also gestärkt aus der „Krise“ hervor. Distress meint
negativen Stress und entsteht durch die unzureichende Anpassung des Körpers an die
Umweltreize und Belastungen oder infolge einer Fehleinschätzung der eigenen
Fähigkeiten, sprich Überschätzung. Eine hohe Belastung wird als Bedrohung empfunden.
Beide Stressarten sind feste Bestandteile des täglichen Lebens eines Jeden. Problematisch
ist, dass die Grenze zwischen Eustress und Distress fließend verläuft und ohne weiteres
kaum erkennbar ist. Ein Nicht-Erkennen der Grenze kann schwerwiegende Folgen für den
Betroffenen haben und zum Burn-Out-Syndrom führen.
Stress wird durch so genannte Stressoren ausgelöst. Hierunter werden Umweltreize wie
Schmerz, Kälte, Sauerstoffmangel, seelische Belastungen, dauernde Über- bzw.
Unterforderung und ungünstige Arbeitszeiten verstanden. Um widerstandsfähiger
gegenüber dem Stressor zu werden, passt sich der menschliche Organismus bei
andauernder Belastung diesem an, mit weitreichenden Folgen für den Gesundheits- und
Gemütszustand des Einzelnen (Cassens, 2003). Man unterscheidet in erster Linie
psychische und soziale Auswirkungen des Stress und physiologische und physische
Auswirkungen.
Erstere äußern sich auf unterschiedlichste Weise. So kann es z. B. zu Verhaltensänderungen
kommen. Gesundheitsfördernde Verhaltensweisen wie Entspannung, Schlaf, körperliche
Bewegung und gesunde Ernährung werden vernachlässigt, gesundheitsschädliche wie
Rauchen und Alkoholkonsum hingegen gefördert. Auch verringert sich der Sexualtrieb,
was abermals eine Stressursache darstellen kann ebenso wie nicht abgelegte gesund-
heitsgefährdende Verhaltensweisen, welche unter Stressbelastung erworben wurden (z. B.
psychische Abhängigkeit von Nikotin und Alkohol). Ebenso können die sozialen
Beziehungen des Individuums unter Stress leiden. So kann sich z. B. die Unterstützung aus
den sozialen Kontakten verringern, geschuldet psychischer Veränderungen wie geringerem
Erinnerungsvermögen, gestiegener Reizbarkeit und nachlassender Konzentration (Cox et
36
al., 2005). Weitere mögliche psychische Folgen des Stress sind depressive und manische
Zustände, chronische Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit und emotionale
Erschöpfung bis hin zum totalen Burn-Out (Cassens, 2003).
Die physischen Auswirkungen des Stress manifestieren sich in Form von körperlichen
Anomalien. Da Stress allein keine schwerwiegenden physischen Krankheiten auszulösen
vermag, sind diese Leiden meist die Konsequenz aus stressbedingten psychischen
Erkrankungen und Verhaltensänderungen. Wird bspw. die Regeneration eines Menschen
dauerhaft gestört (z. B. durch Nacht- und Schichtarbeit und Überstunden) verändert sich
der Hormonspiegel (Cassens, 2003). Hier vor allem der Melatoninspiegel, welcher den
Tag- und Nacht-Rhythmus regelt. Des Weiteren kommt es im Zuge von Stress zu einem
Anstieg des Adrenalin- und Cortisolspiegels, als körperliche Abwehrreaktion gegen den
Stressor, mit weitreichenden Folgen für das Herz-Kreislauf-System (Cox et al., 2005). So
ergeben sich bei anhaltender Belastung auf physischer Ebene Krankheiten wie
Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt.
Entscheidend für die Abwehr der dauerhaften Wirkungen von Stress ist die
Selbstreflexion und -urteilsfähigkeit, um frühzeitig auf Warnsignale reagieren
zu können (Cassens, 2003, S. 356).
Gesundheit, sei sie nun psychischer, physischer oder soziologischer Art, ist eine zentrale,
wenn nicht die wichtigste Komponente des Work-Life-Balance-Verständnisses. Gerade die
Tatsache der enormen volks- und betriebswirtschaftlichen Kosten, welche krankheits-
bedingte Ausfälle der Beschäftigten verursachen, zeigt die Wichtigkeit innerbetrieblicher
Gesundheitsförderung (vgl. Köper, 2004, Klimpel & Schütte, 2006). Es gilt den
Gesundheitszustand des Menschen, welcher maßgeblich von seinen Arbeits- und
Lebensbedingungen geprägt wird, konstant zu halten und zu pflegen, da nur so Motivation
und Leistungsbereitschaft aufrechterhalten und betrieblicher Erfolg gesichert werden kann.
Welche WLB-Maßnahmen den Unternehmen zur Verfügung stehen, um z. B. die
Gesundheit der Belegschaft zu schützen und Wettbewerbsvorteile zu erlangen, soll im
Folgenden erörtert werden.
37
2.4 Realisierung der Work-Life-Balance
Betriebliche Work-Life-Balance-Maßnahmen zielen darauf ab, erfolgreiche Berufs-
biographien unter Rücksichtnahme auf private, soziale, kulturelle und gesundheitliche
Erfordernisse zu ermöglichen. Sie sind vielseitig gestaltbar und beinhalten bedarfs-
spezifisch ausgestaltete Arbeitszeitmodelle, Modelle zur Flexibilisierung des Arbeitsortes,
eine angepasste Arbeitsorganisation und Führungsrichtlinien sowie weitere unterstützende
und gesundheitspräventive Leistungen für die Mitarbeiter (BMFSFJ, 2005). Ein
allgemeingültiges Modell, was auf alle Unternehmen und Beschäftigte anzuwenden wäre,
kann nicht existieren, da unterschiedliche Biographien, Tätigkeiten und Lebensumstände
auch unterschiedliche Herangehensweisen und Konzepte erfordern. Der Kürze dieser
Arbeit geschuldet, kann nicht auf alle Ansätze im Einzelnen eingegangen werden, deshalb
sollen im Folgenden nur die geläufigsten näher betrachtet werden.
2.4.1 Flexibilisierung von Arbeitszeit und -ort
Flexible Arbeitszeitmodelle gehören zu den am weitesten verbreiteten und wichtigsten
WLB-Maßnahmen. Die Dauer und die Lage der betrieblichen Arbeitszeit bestimmt
maßgeblich darüber, wie viel Zeit für das Privatleben bleibt. Deshalb bieten sich gerade
hier Möglichkeiten, das Gleichgewicht zwischen Privat- und Berufsleben herzustellen. Um
dem Wunsch der Arbeitnehmer nach mehr Zeitsouveränität nachzukommen, wurden
Modelle geschaffen wie das der Gleitzeit, der Teilzeit, der Arbeitskonten und des
Sabbatical.
Gleitzeit charakterisiert sich durch eine Kernzeit, in der die Mitarbeiter anwesend sein
müssen, doch können die Angestellten selbst bestimmen, zu welcher Zeit der
Geschäftszeiten des Unternehmens sie diese ableisten. Beginn und Ende der Arbeitszeit
sind also (innerhalb des festgelegten Zeitrahmens) frei wählbar. Dies erhöht die Flexibilität
und eröffnet die Möglichkeit die Arbeitszeit nach persönlichen Bedürfnissen und der
Auftragslage des Unternehmens auszurichten (Michalk & Nieder, 2007). Das Gleitzeit-
38
modell lässt sich in der Regel auf alle Beschäftigungsgruppen anwenden. Es steigert die
Motivation und die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter, da diese in Eigenverantwortung
ihre täglichen Arbeitszeiten festlegen können.
Teilzeitarbeit kennzeichnet sich durch eine Wochenarbeitszeit, welche geringer ausfällt als
die der Vollzeitbeschäftigten. Eine Tätigkeit von bis zu 25 Wochenstunden wird dabei als
vollzeitfern und eine von 25 bis 34 Wochenstunden als vollzeitnah bezeichnet. Das so
gewonnene Plus an Zeit kann für private Interessen (z. B. Fortbildung, Familie, Erholung)
genutzt werden. Im Bezug auf die Mitarbeiterbindung ermöglicht dieses Modell dem
Unternehmen Humankapital zu halten und der Dequalifizierung vorzubeugen, bietet es
doch die Möglichkeit zur Überbrückung von besonderen biografischen Phasen wie dem
schnellen Wiedereinstieg in das Berufsleben nach der Babypause oder dem Ausstieg aus
dem Erwerbsleben (Prognos AG, 2005).
Arbeitszeitkonten dienen als Instrument der Arbeitszeiterfassung. Ein solches Zeitkonto
stellt die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden der Sollzeit (vertraglich geregelte
Arbeitszeit) gegenüber. Aus dem so entstandenen Saldo lässt sich leicht ablesen, ob ein
Arbeitszeitguthaben (durch Mehrarbeit) oder Arbeitszeitschulden vorliegen. Die geleistete
Mehrarbeit kann dann durch Freizeit ausgeglichen werden (Arbeitszeitschulden hingegen
durch Mehrarbeit). Dieses Modell eignet sich für Berufszweige, welche Arbeitszeit-schwankungen unterliegen (z. B. Saisonarbeit, Überstunden). Der große Vorteil aus Sicht
der Mitarbeiter liegt hier in der Erfassung und dem Ausgleich der Mehrarbeit und dem
damit verbundenen Zeitwohlstand (Klimpel & Schütte, 2006).
Der Begriff Sabbatical leitet sich aus dem Wort Sabbat ab und meint sinnbildlich eine
Ruhepause einlegen. Dem Mitarbeiter wird hier also die Möglichkeit eingeräumt, eine
längere Auszeit zu nehmen. Dabei handelt es sich um eine von langer Hand geplante und
mit dem Unternehmen abgestimmte Freistellung, welche zur Erholung, Fortbildung, für
betreuungsintensive Phasen oder zur Neuorientierung etc. genutzt werden kann (Michalk
& Nieder, 2007). Solche Phasen der Nichtarbeit erleichtern Arbeitsüberlastungen zu
kompensieren und schützen vor dem Burn-Out.
39
Es sei noch erwähnt, dass eine Kombination der Modelle zur Arbeitszeitflexibilisierung
durchaus möglich ist.
Auch die Flexibilisierung des Ortes der Leistungserstellung ist in der heutigen Zeit
aufgrund der Entwicklung immer modernerer Informations- und Kommunikations-
techniken möglich. Das bekannteste Modell ist die Telearbeit, dabei wird ein Teil der
Arbeit an einem Arbeitsplatz zuhause oder unterwegs verrichtet. Man unterscheidet also
mobile Telearbeit und Teleheimarbeit. Dieses Modell kann natürlich nur auf bestimmte
Berufszweige und Tätigkeiten angewendet werden, bei denen eine zwingende Anwesenheit
im Betrieb nicht erforderlich ist. Zudem müssen gewisse technische Voraussetzungen
vorhanden sein. Theoretisch besteht die Möglichkeit, die gesamte Tätigkeit von den
Räumlichkeiten des Unternehmens zu trennen. Vorteile für die Mitarbeiter bestehen im
Wegfall von Anfahrtszeiten und der Anpassung der Arbeitszeiten an die eigenen
Bedürfnisse (Prognos AG, 2005).
2.4.2 Familienfreundliche Maßnahmen
Work-Life-Balance wird vielfach mit Familienfreundlichkeit der Unternehmen in
Verbindung gebracht. Gerade vor dem Hintergrund der wachsenden Nachfrage von Frauen
nach Erwerbsbeteiligung müssen Konzepte entwickelt werden, welche ein glückliches
Familienleben für beide Geschlechter sicherstellen. Die zuvor beschriebenen Modelle zur
Flexibilisierung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes können dazu genutzt werden das
Familienleben mit dem Beruf in Einklang zu bringen, doch werden unter familien-freundlichen Maßnahmen seitens des Unternehmens eher Modelle der Kinderbetreuung,
flankierender Service, Elternzeit und Eldercare verstanden.
Für Arbeitnehmer mit Familie stellt sich die Frage nach der Kinderbetreuung während
der Arbeitszeit. Gerade für Alleinerziehende gestaltet sich dies als schwierig. Insbesondere
für Kinder unter drei Jahren und in Notfällen stehen in Deutschland nicht genügend
staatliche Angebote zur Verfügung, welche den Anforderungen berufstätiger Eltern gerecht
werden (Michalk & Nieder, 2007). Aus diesem Grund kommt der betrieblichen
Unterstützung bei der regulären Kinderbetreuung enorme Wichtigkeit zu, da Mitarbeiter
40
Arbeit zitieren:
Sebastian Gauger, 2009, Work-Life-Balance - Zur Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, München, GRIN Verlag GmbH
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