Inhalt
1. Einleitung 2
2. Zusammengeführt - Geschichte Indonesiens und des Sultanats Aceh 3
3. Auseinandergelebt - Der Konflikt in Aceh 5
4. Weiterführende Analyse 11
5. Schlussfolgerungen 19
6. Quellenangaben 20
1. Einleitung
Seit den Vermittlungen in Helsinki und der Tsunamikatastrophe im Norden Indonesiens
die hauptsächlich die Region Aceh getroffen hat, hat sich die vormals konfliktintensive
Lage zwischen der Rebellenorganisation GAM 1 und der Zentralregierung in Jakarta
scheinbar deutlich entspannt.(Ziegenhain, 2008) Obwohl der Flutkatastrophe ein
katalytischer Effekt nachweisbar ist wie im späteren Verlauf dieser Arbeit noch näher
ausgef ührt, wäre ohne das Helsinki-Abkommen ein solcher Zustand nicht denkbar
gewesen. Trotzdem überrascht die Leichtigkeit mit der dieser jahrzehntelange Konflikt
beigelegt sein soll.
Diese Arbeit wird sich mit der Untersuchung des Konfliktes zwischen den Rebellen der
GAM und der Zentralregierung, insbesondere mit den Ursachen die zu dieser
Gewalteskalation geführt haben, dem Verlauf der Auseinandersetzung und der
scheinbaren Auflösung des Konfliktes beschäftigen. Zu diesem Zweck wird in einem
ersten Teil der Konfliktverlauf skizzenartig nachvollzogen und der Status quo
dargestellt bevor in einem zweiten Teil tiefer auf die Ursachen des Konfliktes und
dessen Auflösung eingegangen wird. Dabei werden gängige Theorien der
Konfliktforschung die Basis der Analyse bilden.
1 Gerakan Aceh Merdeka - Bewegung für ein freies Aceh, im weiteren Verlauf der Studie wird die
Abk ürzung GAM verwendet
2
2. Zusammengeführt - Geschichte Indonesiens und des Sultanats Aceh
Um den Hintergrund der Krise zwischen der Region Aceh und Indonesien 2 zu verstehen
muss man sich bewusst machen, dass es sich bei dem heute existenten Staat Indonesien um ein künstlich durch die Kolonialzeit hervorgerufenes Gebilde handelt. Ursprünglich waren die Inseln die heute zu Indonesien zählen zum Großteil eigenständige Einheiten, wie das seit dem 13. Jahrhundert existierende Sultanat im Falle Acehs. (Heiduk, 2004a) Durch Einwirkungen von Außen, hauptsächlich aber durch den Handel fand eine vermehrte Zuwendung zum Islam als Religion statt, die sich gerade auch in Aceh großflächig verbreitete. Im Zuge der Kolonisierungsbestrebungen der europäischen Großmächte des 17. und 18. Jahrhunderts wurde das heutige Indonesien durch die Briten im frühen 17. Jahrhundert besiedelt. Das Sultanat Aceh wurde dabei auch aufgrund der strategisch ungünstigen Lage für Militäroperationen und des enormen Aufwandes vorerst ausgelassen und konnte selbstständig weiterexistieren. Im Zuge der Neuordnung der Kolonialreiche wurde die ehemals britische Kolonie den Holländern zugesprochen. Sie konnten nach einem fast 30jährigen Krieg schließlich den letzten Sultan Acehs 1903 zur Kapitulation zwingen und das ehemalige Sultanat wurde in die Kolonie Niederländisch-Ostindien implementiert. (Heiduk, 2004b) Durch expansionistische Bestrebungen während des 2. Weltkrieges gelang es schließlich Japan die holländische Kolonie einzunehmen. Ab diesem Zeitpunkt ist es nicht nur möglich von einer Verflechtung der Schicksale Acehs und des Restes des Indonesischen Kolonialreiches zu sprechen sondern auch vom Beginn des Widerstandes innerhalb dieser Region. (Braun, 2005) Diese Zeit war, obwohl sie nicht lange andauerte, entscheidend für die Entwicklung Indonesiens. Dabei erfolgte nicht nur eine Veränderung der Verwaltungsstrukturen im Land selbst und damit einhergehend auch einer Machtverschiebung, die japanische Kolonialmacht erlaubte auch die Ausrufung einer unabhängigen Republik Indonesiens während der letzten Kriegsmonate.
2 Der Begriff „Indonesien“ wird in dieser Studie unabhängig von der geschichtlich korrekten Bezeichnung auch schon vor der Gründung des eigentlichen indonesischen Staates gebraucht. Indonesien meint in diesem Zusammenhang also immer den heute existenten Einflussbereich des Staates. In anderen Fällen wird explizit auf die Bedeutung hingewiesen.
3
Nach der Niederlage Japans bestand aus Sicht Hollands wiederum Anspruch auf die ehemalige Kolonie. Dieser Anspruch wurde allerdings von lokalen Eliten, die sich während der Herrschaft der Japaner etabliert hatten zurückgewiesen. Im folgenden Unabhängigkeitskrieg (1945-49) gegen Holland konnte die indonesische Bevölkerung nicht zuletzt auch wegen der Unterstützung aus Aceh obsiegen. (Ufen, 2007) Die dortigen Eliten, die sich hauptsächlich auch im religiösen Bereich verorten ließen unterstützten Präsident Sukarno und die indonesische Nationalbewegung. Bereit kurz nach der Erreichung der Unabhängigkeit aber am 27. Dezember 1949 konnten sie sich mit ihrer Hoffnung auf einen islamisch geprägten Gesamtstaat mit weitgehend autonomen Regionen nicht durchsetzen.
Der Islam war seit jeher eine der wichtigsten Religionen in Aceh. Dabei ist zu beachten, dass auch in anderen Regionen Indonesiens der Islam weit verbreitet ist. Nicht umsonst zählt Indonesien als das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung. Von seinen 220 Millionen Einwohnern sind ca. 90% muslimischen Glaubens. (Heiduk, 2008) Beachtenswert ist die unterschiedliche Islamisierung Acehs und Restindonesiens. Während Aceh sich in Folge des Gewürzhandels mit Molukken, Arabien und Indien schon im 13. Jahrhundert 3 dem Islam zuwandte und die Legitimation der Herrschaft sich bald unter Rückgriff auf persische und indische Auffassungen des Islams stützte, wurde Zentraljava erst im 17. Jahrhundert islamisiert, allerdings unter Einbeziehung alter hindu-javanischer Zeremonien. (Kreuzer, 2000) Trotzdem kann im Falle Indonesiens beziehungsweise Acehs keineswegs von einer Instrumentalisierung des Islams ausgegangen werden 4 wohl aber von einer unterschiedlichen Auffassung des Glaubens. (Kingsbury, 2007) Da die Hoffnung auf einen islamisch geprägten Gesamtstaat durch Sukarno mit der Ausrichtung des Staates auf eine säkulare Grundstruktur enttäuscht wurde, sahen sich gerade die ehemaligen Mitstreiter gegen die niederländische Kolonialmacht in Aceh überrumpelt. Auf die Staatsgründung lässt sich demnach der Ausgangspunkt dieses wechselhaften Konfliktes zurückführen wie im
3 andere Quellen sehen die Islamisierung bereits im 8. Jahrhundert nach Christi vgl. hierzu: Kingsbury, Damien, 2007: The Free Aceh Movement: Islam and Democratisation, in: Journal of Contemporary Asia 37, S. 166-189.
4 Schon allein der säkulare Staatsaufbau sprechen für diese These. Davon abzugrenzen ist allerdings das Aufgreifen des islamischen Glaubens als identitätsbildendes Merkmal in der Region Aceh, das auch innerhalb des Konfliktes (siehe auch Kap. 3.3 in dieser Arbeit) eine wesentliche Rolle spielt.
4
folgenden Kapitel weiter ausgeführt werden wird. Auch Kingsbury weist dem Nationalgedanken in der Geschichte der GAM bzw. ihrer nationalen Zielsetzung die Hauptrolle innerhalb des Konfliktes zu. (Kingsbury, 2007)
3. Auseinandergelebt - Der Konflikt in Aceh
Wie im vorigen Kapitel ausgeführt, lässt sich der Ursprung auf die unterschiedlichen Interessenslagen im Bezug auf die Staatsneugründung Indonesiens im Jahr 1949 zurückführen. So präferierten acehnesische Eliten einen nationalistisch geprägten islamischen Gesamtstaat - den Darul Islam 5 während Sukarno einen säkularnationalistisch ausgerichteten Staat befürwortete und durchsetzte. (Kreuzer, 2000) Das wird insbesondere in der von ihm begründeten Pancasila-Ideologie deutlich, die sich auf den insgesamt fünf Prinzipien Nationalismus, Humanismus, Repräsentative Regierung, soziale Gerechtigkeit und Monotheismus 6 stützt. (Braun, 2005) Diese sich
dichotom gegenüberstehenden Weltverständnisse führten bereits 1950 zu Aufständen und konnten erst in den 60er Jahren endgültig niedergeschlagen werden. Die Vision der Santri-Muslime die Indonesien als Darul Islam sahen konnte daher nicht umgesetzt werden. Trotzdem errangen sie einige Erfolge, so zum Beispiel das Recht der Ausübung der Sharia (islamischen Rechtssprechung) das jedoch nicht schriftlich fixiert wurde. Diese Auseinandersetzungen sind aber nicht deckungsgleich mit den später durch die GAM provozierten Konfrontationen in denen es in erster Linie um die Sezession der Region ging. (Kreuzer, 2000) Schon kurz nach der Staatsgründung wurde im Gegensatz zu der in den Randprovinzen bevorzugten Dezentralisierung von politischer und ökonomischer Macht eine Zentralisierungstendenz auf die Insel Java forciert die sich bis heute als industrielles Zentrum gehalten hat. (Heiduk, 2004a). Mit der Gründung
5 Unter Darul Islam werden unterschiedliche Bezeichnungen verwendet. So beschreibt Kreuzer damit den auf dem Islam basierenden Staat, während beispielsweise Kingsbury darunter die Rebellion zur Verwirklichung des islamischen Staates sieht. Zur besseren Unterscheidung wird innerhalb dieser Arbeit mit Darul Islam der eigentliche Staat bezeichnet und mit Darul Islam Rebellen diejenige Gruppe, die sich für die Errichtung des Staates eingesetzt haben.
6 Im wörtlichen Sinne: „Prinzip der All-Einen göttlichen Herrschaft“ (Ketuzhanan Yang Esa) mit der insbesondere dem Islam aber auch den Christen die staatlich legitimierte Bevorzugung oder Benachteiligung einer Religion verweigert wurde.
5
der GAM (Gerakan Aceh Merdeka) legte Hassan di Tiro 1976 dann den Grundstein des Konfliktes der bis ins Jahr 2004 andauerte und scheinbar erst durch das Helsinki-Abkommen beigelegt werden konnte. Die Wirkungsgeschichte der GAM lässt sich dementsprechend in drei Phasen einteilen: 1. Gründungsphase, 2. Konflikteskalation zur Interessendurchsetzung und 3. Reintegrationsphase.
Gründungsphase
Noch zu Beginn der Bewegung Freies Aceh war die Unterstützung innerhalb der Bevölkerung gering. Durch die wiederholte Formulierung des Ziels selbständiger Autonomie bis hin zum Seperatismus konnte die GAM bei der Bevölkerung nicht punkten. Nichtsdestotrotz war die Reaktion der Zentralregierung in Jakarta umso heftiger. Dort befürchtete man - auch durch die Erfahrungen mit der ehemaligen Provinz Ost-Timor geprägt - dass sich durch diesen Konflikt und durch ein potentielles Nachgeben eine Art Kettenreaktion entwickeln würde die schließlich im Zerfall des indonesischen Gesamtstaates enden würde. (Aspinall, 2005) Wie bereits vorher erläutert ist Indonesien durchaus kein homogenes Staatsgebilde sondern besteht aus vielen verschiedenen Ethnien die in einem geographisch kaum überschaubaren Gesamtstaat leben. Auch in anderen Regionen gab es daher immer wieder Ansätze, eigene Rechte auszubauen und regionale Gruppen zu stärken. Im Fall Acehs aber gelang es der GAM auch unter ständigem Rückbezug auf die jüngere und ältere Vergangenheit und vor allem durch die übermäßige Reaktion der Zentralregierung ein starkes Identitätsgefühl zu schaffen, das als Grundlage für die anhaltende Unterstützung seitens der Bevölkerung diente. Nach anfänglichen Schwierigkeiten der Organisation konnte sie schließlich in den 90er Jahren vermehrt Fuß fassen und erzielte schließlich zwischen 1989 und 2004 7 , insbesondere nach dem Fall des Regimes unter Suharto ihre größte Wirkungskraft. (Aspinall, 2005)
Konflikteskalation
Nach vermehrten Repressalien und immer unnachgiebigerem Verhalten seitens der Zentralregierung und insbesondere des TNI steigerte sich auch die Konfliktintensität
7 Die Zeitspanne zwischen 1989 und 2004 wird innerhalb dieser Arbeit zur Phase der Konflikteskalation gerechnet.
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Arbeit zitieren:
Florian Schirmer, 2009, Der Aceh-Konflikt in Indonesien, München, GRIN Verlag GmbH
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