Fachhochschule Jena
Diplom Fernstudiengang Pflege/Pflegemanagement
Hausarbeit
Das Konzept der Basalen Stimulation
® zur Förderung der
gestörten Wahrnehmung von Intensivpatienten
Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von
Intensivpatienten
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung... 3
2. Wahrnehmung ... 5
2.1. Was ist Wahrnehmung?... 5
2.2. Wahrnehmungsprozess ... 6
2.3. Entwicklung der Wahrnehmung ... 7
3. Ich-Bild und Körpergefühl ... 11
4. Mentale Repräsentation... 12
5. Psychologische Grundlagen der Wahrnehmung ... 14
6. Wahrnehmungsstörungen bei Intensivpatienten... 15
6.1. Habituation... 15
6.2 Autostimulation ... 16
6.3. Sensorische Reizdeprivation... 16
6.4. Reizüberflutung... 17
6.5. Andere mögliche Ursachen von Wahrnehmungsstörungen ... 18
7. Basale Stimulation® ... 18
7.1. Zentrale Ziele der Basalen Stimulation®... 19
7.2. Schwerpunkte der Basalen Stimulation® ... 20
7.2.1. Entwicklungsorientierter Ansatz... 21
7.2.2. Ganzheitlichkeit ... 23
7.2.3. Dialogaufbau ... 24
8. Möglichkeiten zur Förderung der Wahrnehmung bei Intensivpatienten... 25
8.1. Somatische Stimulation... 26
8.2. Vibratorische Stimulation ... 27
8.3. Vestibuläre Stimulation ... 27
8.4. Auditive Stimulation... 28
8.5. Orale, gustatorische und olfaktorische Stimulation ... 28
8.6. Visuelle Stimulation... 29
9. Schlussfolgerung ... 30
10. Abbildungen... 32
11. Literaturverzeichnis... 33
Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von
Intensivpatienten
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1. Einleitung
Durch meine jahrelange Tätigkeit auf einer Intensivstation erlebe ich täglich, dass es in der
hochtechnisierten Intensivmedizin zwar weitestgehend möglich ist, den lebensbedrohlichen
Gesundheitszustand zu stabilisieren, aber der betroffene Mensch als individuelles,
biographisches Wesen vielfach immer mehr in den Hintergrund tritt. Durch die
fortschreitende Technologie besteht die Gefahr, dass der Mensch nicht mehr in seiner
Ganzheitlichkeit wahrgenommen wird, sondern nur noch seine körperlichen Defizite, die von
Monitoren, Displays von Apparaten und Laborparametern abgelesen, interpretiert und
behandelt werden.
Wie aber erlebt oder nimmt ein Patient seine Situation auf Intensivstation wahr?
Viele Patienten erleben auf der Intensivstation einen Zeitraum indem sie aus
verschiedensten Gründen nicht bei Bewusstsein sind und haben Schwierigkeiten sich
räumlich und zeitlich zu orientieren. Hinzu kommt, dass durch die Einlieferung bzw.
Verlegung auf eine Intensivstation der Mensch aus seiner gewohnten Situation
herausgerissen wird und einer ihm vollkommen fremden Umgebung ausgeliefert ist. Häufig
ist es dem Patienten nicht möglich die Situation strukturiert nachzuvollziehen und in einen
sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Zudem kommen noch diverse Stressfaktoren hinzu,
denn auf einer Intensivstation haben sie keinen normalen Schlaf Wach Rhythmus,
bedingt durch die kontinuierlichen Messungen und Maßnahmen, die an ihnen während ihres
Aufenthaltes durchgeführt werden. Neben dem ständig bestehenden grellen Licht ist der
Patient einer extremen Geräuschkulisse ausgesetzt wie z.B. Maschinenalarme,
Arbeitsgeräusche der Respiratoren, Türgeklapper, fremde Stimmen, Telefonklingel, Radio,
laute Gespräche - ein ziemlich hoher, nicht enden wollender Lärmpegel, der für den
sedierten Patienten nicht im Einzelnen zu isolieren und zu identifizieren ist.
Durch Medikamente und durch die Verkabelung mit vielen Maschinen und Apparaten ist der
Patient in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Langes Liegen, besonders auf den
Weichlagerungsmatratzen führt schnell zu einem Verlust des Körpergefühls. Durch die
fluktuierende Vigilanz und durch die Auflösung der Körpergrenzen verliert der Patient
vollkommen sein Raum-Zeit-Gefühl.
Dazu kommt, dass den Patienten zunächst sämtliche Kommunikationsmöglichkeiten
genommen sind. Sie können nicht sprechen, nicht schreiben oder sich durch Mimik und
Gestik mitteilen.
Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von
Intensivpatienten
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Dem Patienten fehlen durch die sehr eingeschränkte Kommunikation und der mangelnden
Bewegungsmöglichkeit sensorische Reize, was sich negativ auf seine Wahrnehmung
auswirkt.
Durch diese extrem negativen Einflüsse und Empfindungen, kommt es nicht selten zu
verwirrtem oder aggressiven Verhalten oder gar zu einer ,,Totstellreaktion" des Patienten,
was nicht förderlich für den Genesungsprozess ist.
Diese Darstellung zeigt, dass es der Intensivmedizin durch eine Vielzahl von technischen
Geräten möglich ist die Funktionen eines gestörten lebenswichtigen Organsystems wieder
herzustellen, aber das Umfeld und die Situation auf einer Intensivstation für den Patienten
auch eine enorme psychische Belastung ist. Eine Möglichkeit den psychischen
Auswirkungen eines Intensivstationsaufenthaltes entgegenzuwirken ist das Konzept der
Basalen
Stimulation®,
auf
dessen
Grundlage
die
Wahrnehmungs-
und
Kommunikationsfähigkeit des Patienten gefördert werden soll.
Mit dieser Hausarbeit möchte ich:
·
die Gründe für die Wahrnehmungsstörungen und den Orientierungsverlust von
Intensivpatienten auf der Grundlage der Wahrnehmungs- und Entwicklungspsychologie
erörtern.
·
In diesem Zusammenhang aufzeigen, welche Bedeutung das Konzept der Basalen
Stimulation® zur Förderung der Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation für einen
beatmeten, desorientierten oder somnolenten Patienten hat.
Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich den Wahrnehmungsprozess und die
Wahrnehmungsentwicklung näher beschreiben. Um den Zusammenhang zur Basalen
Stimulation® aufzeigen zu können, veranschauliche ich nachfolgend die Bedeutung der
Wahrnehmungsverarbeitung, wobei ich mich auf das Körpergefühl und die Mentale
Repräsentation beschränken werde. Auf dieser Grundlage folgt die Darstellung von
Wahrnehmungsstörungen und ihren Ursachen. Der zweite Teil der Hausarbeit bezieht sich
dann auf das Konzept der Basalen Stimulation®, indem ausschließlich die zentralen Ziele
und die Schwerpunkte des Konzeptes dargelegt werden, damit sich die Bedeutung, der
daraus resultierenden Förderung der Wahrnehmung, erkennen lässt.
Das Konzept der Basalen Stimulation® zur Förderung der gestörten Wahrnehmung von
Intensivpatienten
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2. Wahrnehmung
2.1. Was ist Wahrnehmung?
Mit dem Begriff Wahrnehmung haben sich viele verschiedene wissenschaftliche Disziplinen
wie Philosophie, Biologie, Physiologie, Pädagogik, Theologie und Psychologie genauer
auseinandergesetzt und ihn aus ihrer jeweiligen Betrachtungsrichtung definiert. Selbst
innerhalb der Disziplin Psychologie gibt es verschiedene Fachbereiche wie z.B.
Entwicklungspsychologie,
Wahrnehmungspsychologie,
Psychophysik
und
die
Kognitionspsychologie, die sich mit dem Phänomen Wahrnehmung beschäftigen.
Auf Grund der sehr verschiedenen Sichtweisen führe ich drei für das Thema relevante
Definitionen auf:
1.
,,Unter Wahrnehmung wird nicht nur die Aufnahme von äußeren Reizen
verstanden, sondern das subjektive Konstruieren eines eigenen
Weltbildes aufgrund der Sinneseindrücke aus der Umwelt."
1
2.
,,Die Wahrnehmung ist keine passive Widerspiegelung der Wirklichkeit,
sondern ein aktiver Konstruktions-, Interpretations- und Selektionsprozess,
in dem die Kontexte eine besonders starke Rolle spielen"
2
3.
Prof. Dr. A. D. Fröhlich, Sonderpädagoge und heilpädagogische
Psychologe, bezeichnet es als ,,sinngebende Verarbeitung innerer und
äußerer Reize unter Zuhilfenahme (Ausnutzung) von Erfahrung und
Lernen."
3
Prof. Dr. Fröhlich lässt in seiner Definition erkennen, dass Wahrnehmung und Sinnesleistung
nicht identisch sind. Für ihn ist Wahrnehmung ein zentraler Prozess, der das
Informationsmaterial der Sinnesorgane im Gehirn so verarbeitet, dass für den Menschen
Bedeutung entsteht. Diese Bedeutung kann unterschiedlich ausfallen und schließt z.B.
soziale, emotionale und andere Faktoren ein. ,,Wahrnehmung ist also weder von der
organischen Seite, den Sinnesorganen, noch von der sozialen abzulösen, sie ist Teil eines
ganzheitlichen Geschehens und Erlebens"
4
1
Vgl. Franken, Swetlana, Verhaltensorientierte Führung: Wahrnehmung, Gabler Verlag, Wiesbaden
2004, S.40.
2
Vgl. Igl, Natalia, Mehrfachwahrnehmung: Was ist Wahrnehmung, 2002 verfügbar unter
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=intermedialitaet_wahrnehmung ( 22.02.2008)
3
Vgl. Fröhlich, Andreas D., Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung, Edition
Schindele, Heidelberg, 1994, 8. Auflage, S.42.
4
Vgl. Fröhlich, Andreas D., Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung, Edition
Schindele, Heidelberg, 1994, 8. Auflage, S.9.
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2.2. Wahrnehmungsprozess
Grundlegend ist zu sagen, dass der Wahrnehmende das Ziel hat, Informationen zu
gewinnen, um sich in seiner Umwelt orientieren und möglichst erfolgreich verhalten und
handeln zu können.
In der Abb.1 wird ein einfaches Modell der Wahrnehmung dargestellt. Ein wahrnehmender
und handelnder Mensch nimmt über Reizung der Sinnesorgane Informationen aus seiner
Umwelt auf. Sehen, hören, tasten jeder Sinneseindruck wird im Gehirn verarbeitet. Häufig
wird dieser Vorgang auch ,,Empfindung" genannt. Im Gehirn folgt eine Interpretation und
Selektion, wobei die aufgenommenen Informationen in den Kontext von bereits
vorhandenem Vorwissen und erworbenen Erfahrungen gestellt werden. Dieser Vorgang
bringt es mit sich, dass die aufgenommene Information zu einem individuellen Eindruck
aufgearbeitet wird, die dann wiederum zur Steuerung von körperlichen Reaktionen - zu
Handlungen führen. Diese Reaktionen verfolgen den Zweck der Anpassung bzw. der
Veränderung.
Abb. 1 Gegenstands- und Aussagebereich von Wahrnehmung
Zimbardo unterteilt den Wahrnehmungsprozess in 3 Stufen
5
:
1. Sensorische Empfindung: Umwandlung physikalischer Energie, wie Licht oder
Schallwellen, in neuronal kodierte Information, die vom Gehirn weiterverarbeitet
werden kann. Es handelt sich um einen rein physiologischen Vorgang
5
Vgl. Zimbardo, Philip G., Psychologie, Springer Verlag, 5. Auflage, Berlin Heidelberg New York,
1992, S.137-138
Quelle: Guski, Rainer, Wahrnehmen ein
Lehrbuch, Theorien und Methoden der
Wahrnehmungspsychologie, Stuttgart, W.
Kohlhammer GmbH, 1996, S. 13
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2. Wahrnehmung im engeren Sinne: Bildung einer inneren Repräsentation des
äußeren Reizes, indem die Eigenschaften und Bestandteile der Reize in
erkennbare Muster und Formen organisiert und modifiziert werden. Durch
Vorgänge der Schätzung von der Grösse, des Umfanges, der Form, der
Bewegung, der Entfernung und der Lokalisation wird die aktuelle Information der
Sinnesorgane mit dem aus der Vergangenheit erworbenen Wissen
zusammengeführt.
3. Klassifikation: Identifizieren und Einordnen von Objekten. In diesem
Klassifizierungsprozess
werden
Gedächtnis,
Erfahrung,
Motivation,
Persönlichkeitseigenschaften und soziale Erfahrung mit herangezogen, wodurch
die Objekte und Ereignisse dann einen Sinn und Bedeutung erhalten.
Diese 3 Stufen des Wahrnehmungsprozesses werden auch als Empfinden, Organisieren und
Einordnen bezeichnen. Erst der letzte Schritt des Einordnens macht eine adäquate Reaktion
auf das Wahrgenommene möglich.
6
2.3. Entwicklung der Wahrnehmung
Zu Beginn ist zu sagen, dass die Entwicklung der Wahrnehmung nicht isoliert in der
Ontogenese des Menschen betrachtet werden kann. Die genetische Entwicklung ist von
Beginn an mit der Befruchtung der Eizelle - funktional in eine soziale Ökologie eingebettet.
Die Sinne wie auch das Gehirn differenzieren sich aus dieser Gegenseitigkeit heraus.
Struktur und Funktion bilden eine Einheit.
7
Entwicklungspsychologisch wird es von der
holländischen Psychologin Sylvia Nossent als probabilistische Epigenese bezeichnet, dem
eine bidirektionale Sichtweise zugrunde liegt, in der man davon ausgeht, ,,dass es
konstruktive wechselseitige Beziehungen zwischen genetischer Aktivität, Reifung und
Funktion gibt."
8
In Abb.2 wird die Wechselseitigkeit der genetisch neuralen Verhaltens- und
Umwelteinflüsse im Verlauf der individuellen Entwicklung dargestellt.
6
Vgl http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmungspsychologie (26.3.2008)
7
Vgl. Reiter, Alfons; Pränatale Psychologie
https://online.uni-salzburg.at/plus_online/lv.detail?clvnr=183582 (18.08.2008)
8
Vgl. Nossent, Sylvia; Wie stumme Entenküken dualistisches Denken in Frage stellen, in Krens, Inge/
Krens, Hans, Grundlagen einer vorgeburtlichen Psychologie, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen,
2005, S.24
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8
Abb. 2 Wechselseitige Beeinflussung der individuellen Entwicklung
Quelle: Krens, Inge/ Krens, Hans, Grundlagen einer vorgeburtlichen Psychologie, Vadenhoeck
&Ruprecht, Göttingen, 2005, S.25
Die Wahrnehmung ist ein in dieser Reifung und im Wachstum des Individuums
eingebundener hochkomplexer Entwicklungsprozess, der, wie Abb.3 zeigt, eine bestimmte
zeitliche Reihenfolge des Funktionsbeginnes der Sinnesorgane aufweist.
Die Entwicklung der Sinne und damit die Voraussetzung für Wahrnehmung beginnen bereits
pränatal. Mit Hilfe der Ultraschalluntersuchung ist bewiesen worden, dass ein Embryo bzw.
Fetus ein sensibles Wesen ist, das seine Umwelt wahrnimmt, aktiv darauf reagiert und in
gewisser Weise lernfähig ist.
Abb. 3 Entwicklungsstufen der Wahrnehmung
Es wird davon ausgegangen, dass der Bewegungsapparat und auch die Sinnesorgane des
Fetus schon zu arbeiten beginnen, bevor sie vollständig entwickelt sind. Die Lernprozesse
laufen bis zur 24 26 Schwangerschaftswoche nicht bewusst und willentlich ab, sondern es
sind zunächst nur Reflexe, die sich durch die ständige Wiederholung modifizieren und dabei
den äußeren Bedingungen angepasst werden.
9
Diese Funktion ist deshalb wichtig, weil über
9
Vgl. Gross, Werner, Was erlebt ein Kind im Mutterleib? Verlag Herder Spektrum, 3. Auflage,
Freiburg, 2003, S.45
Quelle: Fröhlich, Andreas,
Bienstein, Christel, Basale
Stimulation in der Pflege,
Kallmeyer, 2. Auflage,
Seelze-Velber, 2004, S.41
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9
die Aufnahme von Reizen durch die Sinnesorgane deren Entwicklungsprozess gefördert und
beeinflusst wird.
10
Informationen bekommt der Embryo bzw. Fetus durch seine intrauterine Umwelt, durch den
über die Nabelschnur bedingten biologischen und hormonellen Austausch mit der Mutter und
durch die stammesgeschichtlich ältesten Basiswahrnehmungssysteme. Diese drei
Basiswahrnehmungssysteme - die somatische (Spüren über die Haut), die vestibuläre
(Gleichgewichts- und Lagesinn) und die vibratorische (Tiefensensibilität) Wahrnehmung
haben sich bereits bis zur 12. Schwangerschaftswoche ausgebildet und sind von
grundlegender Bedeutung für die motorische, sensorische und geistig-seelische Entwicklung
des Fetus und Neugeborenen
Die somatische Wahrnehmung
Mit dem somatischen Bereich, ist die Wahrnehmungsmöglichkeit über die der Haut und der
Muskulatur gemeint. Der Körper nimmt sich über die Haut - seine Bewegungen und alles
was ihn berührt - wahr. Die Haut trennt uns von unserer Umwelt, stellt gleichzeitig die
wichtigste Kontaktstelle zur Außenwelt dar. Sie ist das Basisorgan aller Wahrnehmungen.
Zwischen der 8. und der 17. Schwangerschaftswoche breitet sich die Fähigkeit aus,
Berührungen zu empfinden vom Gesicht ausgehend bis in alle anderen Hautregionen. Ab
dem dritten Monat versucht sich der Fetus wegzudrehen, wenn man der Schwangeren auf
den Bauch drückt; später reagiert er sogar mit Schlägen und Tritten auf solch eine Störung
seiner Ruhe im Mutterleib.
11
Auch für den Säugling bleibt die Haut ein wichtiges Kommunikationsorgan, über das er
Kontakt mit der Umwelt hält taktile Berührung ist Grundlage der sozialen Existenz. Bei
einem heranwachsenden Menschen verliert die taktile Wahrnehmung zunehmend an
Bedeutung, da er sich immer mehr auf seine anderen Sinne verlässt.
Die vestibuläre Wahrnehmung
Mit dem vestibulären Bereich ist die Wahrnehmung über das Gleichgewichtsorgan, welches
sich im Innenohr befindet, gemeint. Er gibt Auskunft über Orientierung und Lage im Raum,
nimmt Bewegungen wahr und ist Voraussetzung für das Herstellen und Halten des
Gleichgewichts. Das Gleichgewichtsorgan beginnt sich zwischen der sechsten und achten
Schwangerschaftswoche herauszubilden. Die entsprechenden Nervenbahnen, die die
Bewegungsimpulse weiterleiten, entwickeln sich bis zur 10. Woche und reifen bis zur 21.
10
Vgl. Gross, Werner, Was erlebt ein Kind im Mutterleib? Verlag Herder Spektrum, 3 Auflage,
Freiburg, 2003, S. 51
11
Vgl. Ebd. S.53-54
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