Kapitelübersicht
1. Einleitung
2. Lebenswelten (männlicher) muslimischer Jugendlicher in deutschen
Großstädten
3. Freizeitangebote für junge Muslime in Berlin-Kreuzberg
4. Das Projekt „Klickkicker“
Der Kiez k(l)ickt. 2
1. Einleitung
Es ist der 25. Juni 2008, ein lauer Sommerabend. Das Spiel ist aus. In einem mitreißenden Fußballkrimi hat die deutsche Nationalmannschaft die der Türkei in wahrhaft letzter Minute geschlagen. Die milli takım ist ausgeschieden. Fassungsloses Schweigen herrscht in den Hochburgen der türkischen Fans, doch sie erholen sich schnell von ihrer Trauer. Viele schwenken auf die deutschen Fahnen um, feiern Arm in Arm mit ihren deutschen Freunden und lassen sich von ihnen die Tränen trocknen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen bleiben die im Vorfeld befürchteten Krawalle aus.
Dass Fußball über soziale, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg verbindet, ist kein Geheimnis und es bedarf keines hochdramatischen Spieles wie dessen der Türkei gegen Deutschland bei der EM 2008, um sich der Integrationswirkung von „König Fußball“ bewusst zu werden. Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen kann dabei als eine besondere Vermittlerinstanz zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen, Kulturen und gesellschaftlicher Milieus fungieren. Die alte Fußballer-Weisheit „Was zählt ist auf’m Platz“ scheint sich auch unter integrationspolitischen Gesichtspunkten zu bewahrheiten: Sprachliche Barrieren und soziokulturelle Differenzen geraten (zumindest für einen gewissen Zeitraum) aus dem Blickfeld und so bietet der Fußball gerade Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Alternative zur sozialen Realität an, in der ihr oft Anerkennung und Chancengleichheit verweigert werden.
In dieser Arbeit soll das Berliner Straßenfußballprojekt „Klickkicker“ vorgestellt werden, dass sich die angesprochene integrative Wirkung des Fußballs zu nutze macht und sich an, in wirtschaftlich und sozial prekären Verhältnissen lebenden, oftmals als „chancenlos“ abgestempelten Kindern und Jugendlichen aus dem multikulturellen Stadtteil Kreuzberg wendet. Der Name „Klickkicker“ ist dabei Programm, er verbindet die generelle Chancengleichheit im Sport und den Aufbau von Kompetenzen im sinnvollen Umgang mit modernen Medien: Einerseits geht es ums „Kicken“ auf eigens dafür vorgesehenen Bolzplätzen rund um den Berliner Mariannenplatz. Andererseits geht es ums „Klicken“, d.h. die Jugendlichen sollen ihre Spiele über die zentrale Internetseite möglichst selbstständig und eigenverantwortlich organisieren. 1
1
Homepage des Projektes „Klickkicker“, http://www.klickkicker.de, 15.09.2008.
Der Kiez k(l)ickt. 3
Das Projekt wendet sich nicht explizit an junge Muslime, doch zeigt ein Blick auf die Profile der angemeldeten Spieler – sie heißen Can oder Abdullah, Ömer oder Hakan – dass es hauptsächlich männliche türkischstämmige Heranwachsende zwischen 9 und 16 Jahren sind, die sich regelmäßig über „Klickkicker“ zum Bolzen verabreden. Daher soll sich diese Arbeit nicht auf die Vorstellung des Projektes beschränken, vielmehr soll, ausgehend von der Betrachtung der besonderen Situation in der typischerweise muslimische Jugendliche in deutschen Großstädten aufwachsen und leben, nach Antworten auf die Frage gesucht werden, warum das Projekt gerade diese Klientel besonders anzusprechen scheint. Dazu sollen auch die alternativen Freizeitangebote der Sportvereine und islamischer Verbände und Gemeinden berücksichtigt werden.
2. Lebenswelten (männlicher) muslimischer Jugendlicher in deutschen
Großstädten
Der Großteil der jungen Muslime in deutschen Großstädten hat türkische Wurzeln. Es handelt sich hierbei um die zweite oder bereits die dritte Generation jener türkischen Gastarbeiter, die in den 1960er Jahren aus ihren Heimatländern angeworben worden waren, um der damals boomenden bundesdeutschen Industrie als günstige Arbeitskraft zur Verfügung zur stehen. Doch leben in den deutschen Metropolen auch junge Muslime aus anderen Staaten, wie den muslimisch geprägten Ländern des ehemaligen Jugoslawien, den nordafrikanischen Maghreb- Staaten, den Staaten des nahen Ostens sowie Afghanistan oder Pakistan. 2 Die meisten von ihnen sind in Deutschland geboren und ausschließlich hier sozialisiert, die Herkunftsländer ihrer Eltern und Großeltern sind für sie meist „nicht mehr als Urlaubsorte.“ 3 Dennoch definieren sich viele muslimische Jugendliche über den ethnischen Gegensatz zur Mehrheitsgesellschaft, also über das Begriffspaar „Inländer“ und „Ausländer“ – die „soziale Lage und die Konzeption der sozialen Beziehungen werden kulturalisiert.“ 4
Eine recht aktuelle Aufgliederung der Bevölkerung Deutschlands mit muslimischem Background nach Nationen findet sich bei Frank Gesemann, Die Integration junger Muslime in Deutschland. Bildung und Ausbildung als Schlüsselbereich sozialer Integration. Islam und Gesellschaft Nr. 5, Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2006, S. 6ff.
3
Halit Öztürk, Wege zur Integration. Lebenswelten muslimischer Jugendlicher in Deutschland, Bielefeld 2007, S. 238.
4 Nikola Tietze, Formen der Religiosität junger männlicher Muslime in Deutschland und Frankreich, in: Göle; Amman (Hrsg.), Islam in Sicht. Der Auftritt von Muslimen im öffentlichen Raum, Bielefeld 2004, S. 241. In Frankreich sei das anders, hier beschreiben junge Muslime ihre prekäre sozioökonomische Lage über die Der Kiez k(l)ickt. 4
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Florian Unzicker, 2008, "Der Kiez k(l)ickt.", Munich, GRIN Publishing GmbH
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