Danksagung
Besonderer Dank gilt dem Kölner Übersetzungsbüro Prologos Sprachendienste für die angenehme und fruchtbare Zusammenarbeit.
Des weiteren sei Hans Scherer, Susanne Wirth, Martina Wolters, Melanie Otterpohl und Winfried Reuter für das persönliche Engagement gedankt, mit dem sie erheblich zur Fertigstellung der vorliegenden Arbeit beigetragen haben.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung 1
1 Abgrenzung des Themas 4
2 Kriterien zur übersetzungsbezogenen Analyse von Textsortenmodellen 8
2.1 Vorbemerkungen 8
2.2 Mindestanforderungen an Modelle im allgemeinen 8
2.3 Mindestanforderungen an wissenschaftliche Modelle 14
2.4 Der Übersetzer 15
2.5 Mindestanforderungen an übersetzungsbezogene Textsortenmodelle 20
3 Textsortenmodelle und übersetzungsbezogene Analyse 21
3.1 Das Modell von Katharina Reiss 21
3.1.0 Grundlagen zum Verständnis des Reiss’schen Modells: Das
Kommunikationsmodell von Karl Bühler 21
3.1.1 Vorbemerkungen 25
3.1.2 Sprachwissenschaftlicher Zugang 25
3.1.3 Kommunikationstheoretischer Zugang 28
3.1.4 Die übersetzungsrelevante Texttypologie 33
3.1.5 Texttyp und Übersetzungsmethode 34
3.1.6 Übersetzungsbezogene Analyse des Reiss’schen Modells 36
3.2 Das Modell von Egon Werlich 41
3.2.1 Texte 42
3.2.2 Textgruppen 43
3.2.3 Texttypen 44
3.2.4 Textformen 48
3.2.5 Textformvarianten und Kompositionsmuster 55
3.2.6 Textexemplare 57
3.2.7 Übersetzungsbezogene Analyse des Werlichschen Modells 57
3.3 Das Modell von Georges Mounin 65
3.3.1 Die religiöse Übersetzung 65
3.3.2 Die literarische Übersetzung 66
3.3.3 Die lyrische Übersetzung 68
3.3.4 Die Kinderbuch-Übersetzung 70
3.3.5 Die Bühnenübersetzung 71
3.3.6 Die Filmübersetzung 73
3.3.7 Die technische Übersetzung 74
3.3.8 Übersetzungsbezogene Analyse des Mouninschen Modells 76
3.4 Das Modell von Albrecht Neubert 80
3.4.1 Komponenten der sprachlichen Kommunikation 80
3.4.2 Beziehungen zwischen den einzelnen Komponenten 82
3.4.3 Pragmatik und Übersetzung 84
3.4.4 Übersetzungstypen 86
3.4.5 Übersetzbarkeit 87
3.4.6 Übersetzungsbezogene Analyse des Neubertschen Modells 87
4 Abgrenzung der Erklärungskraft der einzelnen Ansätze 92
4.1 Eindimensionalität von Typologien 92
4.2 Kontext und Zweck der Übersetzung 95
5 Übersetzungsstrategische Ansätze als Alternative zur Orientierung an
Texttypologien 96
Anhang 100
Literaturverzeichnis 121
1
0 Einleitung
Wo eine Ansammlung von Dingen vorhanden ist, ergibt sich oft auch das Bedürfnis, diese Dinge zu klassifizieren, das heißt Gruppen mit jeweils bestimmten gemeinsamen Eigenschaften zu bilden. Bei der Feststellung von Gemeinsamkeiten treten zugleich auch Unterschiede zwischen einzelnen Elementen einer Gruppe deutlicher hervor. Es kann also die Verallgemeinerung bzw. das Zusammenfügen von einzelnen Elementen zu einer Serie durchaus Mittel zur Bewußtmachung der Vielfalt sein.
Bemerkenswerterweise sind in diesen Tagen (28. September 2001 bis 6. Januar 2002) die Effekte der Serie Thema einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Sie trägt den Titel „Monets Vermächtnis. Serie - Ordnung und Obsession“. Der Impressionist Monet wandte das Prinzip der Serie bei vielen seiner Werke an. Unter anderem schuf er eine Reihe von Bildern mit Heuschobern, zu denen beispielsweise die Gemälde Heuschober bei Sonnenuntergang, Heuschober, Sommerende am Morgen und Heuschober, Sommerende am Abend gehören. Dargestellt wird jeweils ein ähnliches Motiv, das durch veränderte Lichtverhältnisse vollkommen unterschiedlich wirkt. Durch die Einheitlichkeit des Motivs wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf bestimmte feine Unterschiede gelenkt. Diese Art der Darstellung ermöglicht eine neue Sichtweise des vermeintlich Bekannten. Ungeachtet der Verschiedenheiten ordnet jedoch der Betrachter die wahrgenommenen Objekte einer einheitlichen Klasse zu. Eine solche Klassifizierung dient - gebunden an die ihr zugrundeliegende Interpretation der Wirklichkeit - zugleich auch als Verständnishilfe für das Erkennen von Zusammenhängen innerhalb einer gegebenen Menge von Elementen.
Auch in der Textlinguistik spielt das Prinzip der Serie eine tragende Rolle. Angesichts der unendlich großen Menge von Texten, die im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden sind, gab es zahlreiche Klassifizierungsversuche, die zu unterschiedlichen Zwecken aufgestellt und aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven angewendet wurden. Jede wissenschaftliche Disziplin erhebt - ihrem spezifischen Interesse und ihrer Zielsetzung entsprechend - eigene Forderungen an ein Textklassifikationsmodell. Wird beispielsweise im Deutschunterricht das Verfassen eines Gedichts angestrebt, so muß vorab definitorisch geklärt sein, um welche Textsorte es sich hierbei handelt. (In einschlägigen Enzyklopädien und Lexika werden etwa „Rhythmus“, „Reim“, „Sprachklang“ und „bildhafter Ausdruck“ als grundlegende Stilelemente des Gedichts genannt.) Darüber hinaus muß eine Abgrenzung gegenüber anderen Textsorten erfolgt sein. So muß klar sein, ob man sich mit dem Gedicht im weiteren Sinne befassen möchte, also die epische und die dramatische Dichtung einbezieht, oder ob man eine Beschränkung auf die lyrische Versdichtung in concreto bevorzugt. Mit Blick auf die Notwendigkeit einer solchen Abgrenzung wäre eine Texttypologie unbrauchbar, welche die Textsorte „Gedicht“ nicht einschließt.
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Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit konzentriert sich auf den Zusammenhang zwischen Übersetzungswissenschaft und Texttypologie. In der Übersetzungswissenschaft steht im allgemeinen ein aposteriorisches empirisches Interesse an Texten 1 im Vordergrund (vgl. Wilss 1977:137 f.), das heißt Phänomene 2 werden aus der translatorischen 3 Erfahrung heraus registriert und analysiert. Dieses Erkenntnisinteresse ist hauptsächlich auf relevante Ergebnisse der Translationsforschung und linguistische Modelle 4 gerichtet. Die aus dieser Feststellung resultierenden übersetzungswissenschaftlichen Beiträge bewegen sich bis dato jedoch kaum auf praxisbezogenem Terrain. Der Auffassung, wonach die Textlinguistik, insbesondere die Texttypologie 5 , als organon (gr. für „Werkzeug“) des Überse tzers 6 zu verstehen ist, wurde bisher wenig Beachtung geschenkt (vgl. hierzu auch Diller/Kornelius 1978, Vorwort). Daher sollen in der vorliegenden Studie nicht rein linguistische Gesichtspunkte, sondern reale Arbeitsbedingungen im Vordergrund stehen, welche hier als wesentlicher Einflußfaktor beim Übersetzungsprozeß betrachtet werden. Eine Wissenschaft sollte schließlich über ihre intern orientierte Forschung hinaus immer auch Praxisrelevanz besitzen, verlöre sie doch andernfalls ihren Bezug zur außersprachlichen Realität und somit ihre Daseinsgrundlage. Siegfried J. Schmidt formuliert in einer Diskussion von Linguisten anläßlich des sogenannten Rhedaer Textsorten-Colloquiums 1972 treffend:
Die Frage, ob eine linguistische Theorie diesen Mindestbedingungen [Anm.: Intersubjektivität, Explizitheit, Nachprüfbarkeit und Ökonomie] gerecht wird, wird jedoch erst relevant im Zusammenhang mit der sehr selten überlegten Frage, wozu man eigentlich Linguistik macht. (zitiert in: Gülich/Raible 1975:21)
In der vorliegenden Arbeit steht, wie zuvor angedeutet, die Texttypologie in bezug auf die übersetzerische Praxis im Vordergrund. Dabei geht es nicht um die grundsätzliche Frage danach, ob es Textsorten überhaupt gibt. Hier sei im Sinne der Sapir-Whorf-Hypothese 7 angenommen, daß all das existiert, was sprachlich erfaßt ist. Wenn also im Deutschunterricht der „Aufsatz“ besprochen wird oder jemand sich über die Bedienungsanleitung des neuen Videorekorders ärgert, ist in diesem Sinne durchaus von verschiedenen Textsorten die Rede,
Der Einfachheit halber wird hier von einem weitgefaßten Textbegriff ausgegangen: Als „Text“ gilt alles mit Hilfe von Sprache Produzierte.
Erkenntnis darbietende Bewusstseinsinhalt [sic]“ (Duden [2001]: Das Fremdwörterbuch. Mannheim, S. 757, Stichwort „Phänomen“, Unterpunk t 2).
2, Abschnitt 2.2.
Texte von der Ausgangs- in die Zielsprache. Als Oberbegriff für „Übersetzer“ und „Dolmetscher“ werden, im allgemeinen und auch in der vorliegenden Arbeit, die Termini „Translator“ und „Sprachmittler“ verwendet.
allgemein und intersubjektiv wahrnehmbare Realität beschreibt, sondern daß die Art und Weise der Wahrnehmung durch das Sprachsystem fest vorgegeben ist (vgl. Whorf 1963:12).
3
wie sie in einem bestimmten Moment in unserer Wirklichkeitswahrnehmung existieren (vgl. hierzu Dimter 1981:3 f.). Ebensowenig geht es um die Frage, wie die Menge aller existierenden Texte zu kategorisieren sei, gibt es doch bereits unzählige Textsortenmodelle, die diese Frage zu beantworten suchen. Für dieses Problem kann ohnehin keine universelle Lösung existieren, weil die Adäquatheit einer Kategorisierungsmethode, wie am Beispiel des Gedichts gezeigt wurde, von ihrem Verwendungszweck abhängt. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird eine Auswahl bestehender Textsortenmodelle auf einen bestimmten Verwendungszweck hin analysiert, nämlich auf ihre Anwendbarkeit im Übersetzungsprozeß hin. Im einzelnen wird dabei wie folgt verfahren.
Zunächst wird in Kapitel 1 eine Abgrenzung des Themas vorgenommen, indem dessen einzelne begriffliche Bestandteile definitorisch untersucht werden. So wird für die in der vorliegenden Studie vorgenommenen Untersuchungen ein klarer Bezugsrahmen festgesetzt. Dieses Vorgehen darf keinesfalls mit der Absicht gleichgesetzt werden, die Existenz von nicht einbezogenen Faktoren oder Untersuchungskriterien zu leugnen oder diese in ihrer Relevanz herabzusetzen. Auch wird durch die Klärung der Begriffe keine grundsätzlich geltende Definition angestrebt. Vielmehr liegt ihr die Notwendigkeit zugrunde, den im Gesamtkontext der vorliegenden Arbeit verwendeten Benennungen eindeutige, in allein dieser speziellen Situation relevante Begriffe zuzuordnen, um Diskordanzen auszuschließen.
Bevor zur Beschreibung und Untersuchung verschiedener exemplarischer Textsortenmodelle übergegangen werden kann, gilt es Kriterien festzulegen, nach denen eine Untersuchung solcher Modelle auf sinnvolle Weise erfolgen kann. Dies geschieht in Kapitel 2. Nach einigen allgemeinen Vorbemerkungen wird zunächst in Abschnitt 2.2 der Begriff „Modell“ aus genereller Sicht erörtert, indem die gemeinhin an ein Modell gestellten Anforderungen pointiert werden. Unter Punkt 2.3 folgt eine fokussierte Betrachtung desselben Begriffs, im Rahmen derer der Aspekt der Wissenschaftlichkeit als Prämisse für eine fundierte Untersuchung angenommen wird und eben jene Kriterien in den Betrachtungsmittelpunkt rücken, die durch den Charakter der Wissenschaftlichkeit erforderlich werden. Aus der übersetzungspraktischen Orientierung der Thematik ergibt sich darüber hinaus die Notwendigkeit, auf einzelne Konstituenten der Ausbildung eines Übersetzers sowie mögliche Probleme während des Übersetzungsprozesses näher einzugehen. Dies geschieht in Abschnitt 2.4. Die Vervollständigung der Liste erfolgt schließlich unter Punkt 2.5 durch jene Kriterien, die sich auf Grund der Eigenschaft der Übersetzungsbezogenheit einer Theorie ergeben.
In Kapitel 3 wird dann eine repräsentative Auswahl an Textsortenmodellen vorgestellt und im Anschluß jedes Modell einzeln kommentiert bzw. analysiert. Die Auswahl war unter anderem von dem Kriterium der Bekanntheit der Modelle in der Fachliteratur bestimmt; so gehören die vielzitierten Modelle von Reiss und Werlich unbedingt in eine Abhandlung wie diese hinein.
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Ein weiteres Kriterium war die Übersetzungsbezogenheit, die von Reiss, Mounin und Neubert für ihre Modelle postuliert wird. Da viele Modelle einander sehr ähneln und entweder von einer Zwei- oder einer Dreiteilung ausgehen, erschien es interessant, Modelle zu untersuchen, die mehr als drei Texttypen unterscheiden. Diesem Kriterium werden Werlich, Mounin und Neubert gerecht.
Im Anschluß werden in Kapitel 4 generelle Probleme der Texttypologie sowie die Relevanz von Texttypologien für die übersetzerische Praxis - genauer: für den Übersetzungsprozeß im Sinne einer Textsynthese - untersucht. Hierbei geht es um grundlegende Probleme bei der Anwendbarkeit der Modelle, im besonderen um die eingangs gestellte Frage nach dem Zusammenhang zwischen Texttypologie und Übersetzungsstrategie. Abschließend erfolgt in Kapitel 5 eine Auswertung der im Rahmen der Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse.
Vorab sei darauf hingewiesen, daß der Begriff „Textsorte“ in der Linguistik nicht eind eutig definiert ist. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von signifiés für diesen signifiant 8 : „Texttyp“, „Textart“, „Textgruppe“, „Textklasse“, „Textmuster“, um nur einige Beispiele zu nennen, werden häufig synonym verwendet. Ebenso bezeichnen etwa die Benennungen „Textsortenmodell“ (sowie andere Komposita aus den obengenannten Benennungen und dem Wort „Modell“) und „Textklassenkonzept“ denselben Begriff. Die Klass ifizierung selbst wird bald als „Einteilung“, bald als „Kategorisierung“, dann wieder als „Ordnung “ bezeichnet. Auf eine Vereinheitlichung wurde in dieser Arbeit verzichtet, weil dem Leser keine Präferenzen suggeriert werden sollen und die begriffliche Eindeutigkeit durch den Kontext gewährleistet ist. Es handelt sich bei den verschiedenen Termini somit um unterschiedliche Benennungen, nicht aber um unterschiedliche Begriffe.
1 Abgrenzung des Themas
Zur Abgrenzung des Themas ist zunächst eine Definition der einzelnen im Thema enthaltenen Begriffe erforderlich. Komposita werden dabei üblicherweise in ihre Bestandteile zerlegt, die dann einzeln definiert werden. Dies soll im folgenden geschehen.
• Texttypologie
Eine Definition von „Text“ ist in der Einleitung erfolgt (S. 2, Fußnote 1), so daß hier mit einer Eingrenzung des Gesamtbegriffs „Texttypologie“ be gonnen wird. Nach Lewandowski ist eine Texttypologie eine „Klassifikation von Texten nach bestimmten Kriterien“ (1994:1177,
Übersetzung seines Cours de linguistique générale werden analog die Ausdrücke „Bezeichnung“/„Bezeichnetes“
verwendet. Signifiant und signifié sind die konstitutiven Bestandteile eines sprachlichen Zeichens, wobei unter
ersterem das Lautbild verstanden wird und unter letzterem die Vorstellung, die mit diesem Lautbild verbunden ist.
In der vorliegenden Studie werden die in der modernen Linguistik vermehrt gebrauchten Termini
„Benennung“/„Begriff“ stets als Synonyme für „Bezeichnung“/„Bezeichnetes“ verwendet.
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Stichwort „Texttypologie“). Bußmann, Abraham und Delisle/Lee -Jahnke/Cormier äußern sich ähnlich. Bußmann weist zudem darauf hin, daß Texttypologien unter bestimmten Gesichtspunkten erstellt werden, als da wären:
(a) nach pragmatischen Kriterien der Textfunktion: Gebrauchstext, literarischer Text, rhetorischer Text, Informationstext, Appelltext usf.; (b) nach pragmatischen Kriterien der kommunikativen Distanz (Kommunikationsmedium, Zahl und Bekanntheit der Adressaten): schriftlicher/mündlicher Text; Rundfunksendung, Brief, Gespräch usw. (...); (c) nach inhaltlichen und strukturellen Kriterien (...): deskriptiver Text, argumentativer Text; Abhandlung, Erzählung, Beschreibung; (d) nach spezifischen Konstellationen der externen und internen Kriterien (a) bis (c): ‚Textsorten‘ im engeren Sinne, z.B. Wetterbericht, Kochrezept, Rundfunkkommentar (1990:782, Stichwort „Texttypologie“).
Sie betont, daß eine „konsistente, terminologisch einheitliche“ (ebd.) Texttypologie bis dato nicht erstellt worden sei. Die Grundlage der vorliegenden Untersuchung beschränkt sich nicht auf eine der von Bußmann genannten Arten von Kriterien. Auch ist ihre Aufzählung nicht als erschöpfend zu betrachten. Delisle/Lee-Jahnke/Cormier drücken sich allgemeiner aus. Sie nennen als Klassifizierungskriterien „Fachgebiet, Art, Zweck und diskursive[n] Konventionen“ (1999:397, Stichwort „Texttypologie“). Als entscheidend wird in der vorliegenden Studie angesehen, daß, wie auch Abraham unter dem Stichwort „Textsorte“ (1988:872) betont, bei der Erstellung einer Texttypologie sowohl textinterne Merkmale (Lexik, Stil etc.) als auch textexterne Gegebenheiten (Literaturepoche, Empfängerkreis etc.) berücksichtigt werden müssen. Als allgemeine Definition möge die zuvor zitierte Passage Lewandowskis gelten.
• Übersetzungsstrategie
Eine Definition für den Begriff „Übersetzungsstrategie“ findet man bei Delisle/Lee -Jahnke/Cormier: „Strategie , die ein Übersetzer in Abhängigkeit von dem Ansatz, den er für die Übersetzung des Ausgangstextes gewählt hat, anwendet“ (1999:407, Stichwort „Übersetzungsstrategie“). Diese Definition ist mit den folgenden Anmerkungen versehen:
Anm. 1. - Bei der Übersetzung eines bestimmten Textes ist die Übersetzungsstrategie für das gesamte Übersetzungsverfahren richtungweisend und unterscheidet sich von Fall zu Fall.
Anm. 2. - Der Übersetzer kann z.B. die Übersetzungsstrategie der Adaptation oder der wörtlichen Übersetzung wählen, die Textart ändern oder einen Text im Hinblick auf die Bedürfnisse eines Empfängerkreises umformen. So kann in bestimmten Fällen eine zusammenfassende Übersetzung angebracht sein. (ebd.)
Von Relevanz für die vorliegende Studie sind insbesondere die Individualität des Einzeltextes und die Tatsache, daß die Art der Übersetzung ihrem Zweck entsprechend variieren kann. Die erstgenannte, allgemeine Definition ist deshalb wenig aussagekräftig, weil sie mit den beiden Komponenten des zu definierenden Wortes gebildet wurde, ohne daß diese einzeln definiert
6
wurden. 9 Definitionen der einzelnen Ausdrücke, hier „Übersetzung“ und „Strategie“, müssen hinzugefügt werden. Dies soll im folgenden geschehen.
Bußmann formuliert eine allgemeine Definition von „Üb ersetzung“ folgendermaßen: „Vorgang sowie (...) Ergebnis der Übertragung eines Textes aus einer Ausgangssprache in eine Zielsprache“ (1990:812, Stichwort „Übersetzung“). Lewandowski versteht unter „Übersetzung“ genauer die „Übertragung von Informationen, d ie in einem Text enthalten sind, die Wiedergabe des denotativen und konnotativen Gehalts eines Textes“ (1994:1201, Stichwort „Übersetzung“). Hier ergibt sich die Notwendigkeit der Definition der Begriffe „denotativ“ und „konnotativ“. Unter „denotativer Bed eutung“ (= Denotation) versteht Lewandowski den „begriffliche[n] Kern einer Wortbedeutung“ (1994:209, Stichwort „denotative Bedeutung“) im Gegensatz zur „emotional gefärbte[n] und affektiv getönte[n], auch wertende[n] oder beurteilende[n] Neben -oder Mitbedeutung“ (1994:585, Stichwort „konnotative Bedeutung“) oder Konnotation. Der denotative Aspekt eines Wortes ist also seine neutrale Bedeutung, der konnotative Aspekt enthält eine - positive oder negative - Wertung, wie dies etwa bei den Ausdrücken „versche iden“ statt „sterben“ oder „Itaker“ statt „Italiener“ der Fall ist. In der vorliegenden Arbeit werden beide obengenannten Definitionen, das heißt sowohl die von Bußmann als auch die von Lewandowski, akzeptiert.
Eine Strategie ist laut Lewandowski die „Art und Weise des Verfügens über Regeln“ (1994:1103, Stichwort „Strategie“) bzw. „die Tendenz, sich an eine bestimmte Lösungsmethode zu halten“ (ebd.). Beide Vorgehensweisen können im Übersetzungsprozeß zur Anwendung kommen. Im ersten Falle steht die eigenständige Verknüpfung erlernter Regeln durch den Sprachmittler im Vordergrund, es geht also um die Lösung einzelner übersetzerischer Probleme wie: Übersetzt man den französischen Begriff magistrat mit „Richter“, „Staatsanwalt“ oder mit „Richterschaft und Staat sanwälte“ 10 , oder ist eine erklärende Übersetzung alledem vorzuziehen? Im zweiten Falle steht die Anwendung einer integralen Methode im Vordergrund. Denkbar wäre die Zuhilfenahme eines Buchs mit dem Titel Wie übersetze ich juristische Texte aus dem Französischen? Die Wahl der Vorgehensweise obliegt dem Übersetzer. Es sei hier angemerkt, daß die kritiklose Übernahme einer ganzheitlichen Methode in der Regel als nicht empfehlenswert betrachtet wird, weil letztendlich der Zweck der Übersetzung die Mittel bestimmt und nicht der Text per se.
Werkzeug, mit dem Schrauben gedreht werden können“.
Deutsch“, Winters emester 2000/2001, Fachhochschule Köln) und ist streng genommen nicht korrekt, weil
„Richterschaft“ und „Staatsanwälte“ keine gleichwertigen Begriffe sind und somit nicht mit „und“ verbunden
werden können. Statt dessen könnte man magistrat - im entsprechenden Kontext - zum Beispiel mit „Richter und
Staatsanwälte“ übersetzen.
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• Linguistisch
Bußmann unterscheidet zwei Bedeutungen der Bezeichnung „Linguistik“: Zum einen wird sie als Synonym für „Sprachwissenschaft“ gebraucht, zum anderen kann sie im folgenden Sinne verwendet werden:
Im Anschluß an die Auffassung strukturalistischer Sprachbetrachtung, die zwischen einer ‚inneren‘ (systembezogenen) und ‚äußeren‘ Sprachwiss. unterscheidet, wird L. als Teildisziplin einer allgemeinen und umfassenden Sprachwiss. verstanden. In diesem engeren Verständnis gilt L. zunächst seit den 50er Jahren als Bezeichnung für ‚moderne‘, synchron orientierte, auf die interne Struktur der Sprache bezogene Wissenschaft, die sprachliche Regularitäten auf allen Beschreibungsebenen untersucht und ihre Ergebnisse in expliziter (formalisierter) Beschreibungssprache und in integrierten Modellen niederlegt. (Bußmann 1990:458 f., Stichwort „Linguistik“)
Lewandowski trifft diese Unterscheidung nicht, sondern setzt „Linguistik“ und „Sprachwissenschaft“ gleich. Im Rahmen der vorliegende n Studie wird „Linguistik“ ebenfalls als Synonym für „Sprachwissenschaft“ verstanden, weil zum einen keine Beschränkung auf die von Bußmann genannte Synchronität bestehen soll und zum anderen eine Vielzahl wissenschaftlicher Teildisziplinen als relevant für die vorliegende Untersuchung erachtet wird. Es wird also als wesentlich angesehen, sich nicht auf eine Sichtweise zu beschränken, die in der Psychologie als „introspektiv“ bezeichnet würde. Eine umfassende Definition des hier verwendeten Begriffs „Sprach wissenschaft“ ist bei Bußmann unter demselben Stichwort nachzulesen. Dort wird der Linguistik eine „Zwischenstellung zwischen Natur - und Geisteswissenschaften“ (ebd.) attestiert. Zudem wird ihre Funktion als „Spezialdisziplin einer allgemeinen Semiotik“ (1 990:723) einbezogen. Diese Definition ist in Abgrenzung zur Auffassung Lewandowskis zu sehen, derzufolge die Linguistik eine vorwiegend theoretische Wissenschaft ist.
• Translatorisch
Von der Bezeichnung „Translation“ ausgehend, wird in der vorliegenden Arb eit der Ausdruck „translatorisch“ in bezug auf „(schriftliches) Übersetzen und (mündliches) Dolmetschen“ (Bußmann 1994:807, Stichwort „Translation“) verwendet, wobei sich durch das hier vorgegebene Thema „Übersetzungsstrategie“ der Schwerpunkt in Richtung des Übersetzens verschiebt.
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2 Kriterien zur übersetzungsbezogenen Analyse von Textsortenmodellen
2.1 Vorbemerkungen
Neben den in der Einleitung aufgeführten fachlich relevanten Gesichtspunkten sind bei der Analyse der vorliegend beschriebenen Modelle einige logische 11 Aspekte zu berücksichtigen, von denen zwei näher betrachtet werden sollen.
Zunächst sollte jedem Klassifizierungsmodell eine Definition des erfaßten Gegenstands vorausgehen. Wenn ich beschließe, meine Socken zu sortieren, so werde ich zuerst festlegen müssen, bis zu welcher Strumpflänge überhaupt von Socken zu reden ist. Ab einer bestimmten Länge handelt es sich um Kniestrümpfe, und die muß ich aus der Sockenschublade entfernen, bevor ich mir überlege, nach welchen Kriterien ich die Socken letztlich ordnen möchte. Dieses einfache Alltagsbeispiel erfüllt bereits alle Kriterien eines Klassifizierungsprozesses. Auch bei der Festlegung eines Textklassenkonzepts darf eine Definition des Textbegriffs, der diesem zugrunde liegt, nicht fehlen.
Des weiteren sollte ein übersetzungsbezogenes Modell skriptural fixierte Texte einschließen, weil es der Übersetzer, im Gegensatz zum Dolmetscher, stets mit einem schriftlich niedergelegten Text zu tun hat. Ein Textsortenmodell, das ausschließlich gesprochene Texte zum Gegenstand hat, kann für die vorliegende Studie nicht von Relevanz sein.
2.2 Mindestanforderungen an Modelle im allgemeinen
Der Begriff „Modell“ ist von zahlreichen Philosophen und Linguisten definiert worden. Bei der Betrachtung der Definitionen einiger Nachschlagewerke fällt auf, daß im Hinblick auf die Relevanz von Charakteristika wie „Strukturierung“ bzw. „Systematisierung“ 12 und „Vereinfachung“ Konsens besteht. Eine allgemeine Definition liefert das Fremdwörterbuch von Duden. Dieser zufolge ist ein Modell eine „vereinfachte Darstellung der Funktion eines Gegenstands od. des Ablaufs eines Sachverhalts, die eine Untersuchung od. Erforschung erleichtert od. erst möglich macht“ (2001:642, Stichwort „Modell“, Unterpunkt 7). Von Schmidt/Schischkoff und Linguisten wie Lewandowski oder Bußmann werden ähnliche
Sinne von „Weltordnung“ verstanden. Diese Auffassung findet sich im Neuen Testam ent wieder: „ Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“ (Johannes 1,1) . Aus nicht religiöser Sicht steht „Gott“ hier für die Welt, das „Wort“ oder logos ist als das System zu verstehen, nach dem die Welt aufgebaut ist. Alles, was nicht den Regeln dieses Systems gehorcht, ist nicht logisch.
nach bestimmten Regeln aufgestellte Ordnung gebracht werden. Eine Struktur wie ein System zeichnen sich dadurch aus, daß die in ihnen enthaltenen Gegenstände über ihre Beziehung zueinander definiert werden. In Abgrenzung zu dem Begriff „Struktur“ bezieht sich der Begriff „System“ auf eine Ordnung von Prozessen; ein System ist also als „dynamisch“ zu bezeichnen (vgl. auch Maturana 1982:238 f.).
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Auffassungen vertreten. Sie führen außerdem die „Nähe zur Forschungsarbeit“ als wichtiges Kriterium auf. Zusätzlich fordern sie von einem Modell, daß es Hypothesen erlaubt.
Die Festlegung der Kriterien für die in der vorliegenden Arbeit vorgenommenen Untersuchungen der Textsortenmodelle von Reiss, Werlich, Mounin und Neubert stützt sich im wesentlichen auf die obengenannten Definitionen. Die in allen Quellen einmütig für grundlegend befundenen Kriterien wurden mit Ausnahme der „Möglichkeit der Hypothesenbildung“ übernommen. Es ergibt sich auf Grund bestimmter noch zu erläuternder Überlegungen, daß dieser Aspekt nicht als sinnvolles Untersuchungskriterium für die hier beschriebenen Modelle erachtet werden kann. An seine Stelle tritt das Kriterium „deszendente Leistungsbeständigkeit“. Die Gründe für dieses Vorgehen werden in der nachfolgenden Liste der Kriterien unter dem Stichwort „deszendente Leistungsbeständigkeit“ expliziert. Aus den übrigen Kriterien, das heißt aus den Aspekten, die nur vereinzelt als entscheidend erachtet wurden, wurde eine Auswahl getroffen, welche die im Rahmen der vorliegenden Studie als relevant erachteten Merkmale umfaßt. Über die in den erwähnten Quellen beschriebenen Kriterien hinaus erschien die Festlegung zweier zusätzlicher Kriterien - „Ei nprägsamkeit“ und „Ikonizitätsgrad“ - unverzichtbar. Erläuterungen zu den diesem Vorgehen zugrundeliegenden Überlegungen finden sich ebenfalls in den entsprechenden Abschnitten.
Es sei darauf hingewiesen, daß nicht allen hier aufgelisteten Kriterien dieselbe Bedeutung zukommt. Priorität verdient stets - in welcher Form auch immer - die Praktikabilität. Was nützt das bestkonzipierte Modell, wenn es nicht anwendbar ist? Zu unterscheiden ist allerdings, ob ein Modell generell nicht praktikabel oder ob es eben gerade für einen bestimmten Zweck nicht verwendbar ist. Ein noch so übersichtlicher U-Bahn-Fahrplan nützt nichts, wenn man in einer unbekannten Stadt mit dem Auto seinen Weg finden muß. Im einzelnen handelt es sich bei den für die ausgewählten Modelle für relevant erachteten Untersuchungskriterien um die folgenden.
• Ökonomie 13
Es ist nachvollziehbar, daß die Vereinfachung, also die Anwendung des Ökonomieprinzips, Grundlage eines jeden Modells ist. Ein Modell wird in erster Linie entwickelt, um dem Menschen die Wirklichkeit verständlich zu machen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn komplexe Vorgänge und Sachverhalte vereinfacht dargestellt werden. Durch das Modell müssen die „für wesentlich g ehaltenen Elemente eines Forschungsgegenstandes, auch Prozesses“ (Schmidt/Schischkoff 1991:486, Stichwort „Modell“) abgebildet werden. Zur Illustration dieses wesentlichen Zwecks eines Modells läßt sich das Beispiel des Atomaufbaus anführen. Zur Erzeugung einer Vorstellung von den Bindungsmöglichkeiten eines Atoms wäre
darstellt.
10
es kaum hilfreich, alle in diesem Atom beobachtbaren Vorgänge unverändert komplex darzustellen. Es muß in diesem Falle gelten, ein simplifizierendes Atommodell aufzustellen, wie es, beispielsweise von Niels Bohr, aus dem naturwissenschaftlichen Schulunterricht bekannt ist. Zugunsten der Ökonomie bzw. der Verständlichkeit des jeweils wesentlichen Teilaspekts muß dabei eventuell eine bisweilen erheblich verfälschte Darstellung der objektiv beobachtbaren Vorgänge in Kauf genommen werden.
Zu beachten ist, daß die Notwendigkeit der Ökonomie von unterschiedlichen Betrachtern unterschiedlich eingestuft wird. Ein Chemieprofessor kann mit einem komplexeren Atommodell arbeiten als ein Oberstufenschüler. Es ist also entscheidend, für wen ein Modell entwickelt wird. Daher wird es als zwingend erachtet, den Aspekt der Ökonomie in Abschnitt 2.5 unter „Mindestanforderungen an übersetzungsbezogene Modelle“ erneut aufzugreifen und aus translatorischer Sicht zu erläutern. Grundsätzlich sollte klar sein, daß ein Modell, das komplexe Vorgänge oder Sachverhalte einfach und prägnant erfaßt, erfolgreicher sein wird als ein Modell, das denselben Inhalt mit mehr Strukturelementen darstellt.
• Strukturierung/Systematisierung
Die modellartige Darstellung der Struktur eines Gegenstands bzw. die systematische Darstellung eines Sachverhalts oder Ablaufs hat in erster Linie die Aufgabe, den mentalen Zugang qua Vereinfachung zu erleichtern. Durch Strukturierung oder Systematisierung wird zudem eine erklärende Interpretation der Wirklichkeit geliefert. Eine Strukturierung kann beispielsweise durch Kategorisierung geschehen. In der Biologie wird zur Erfassung und Ordnung von Flora und Fauna seit langem mit Einteilungen in „Familie n“, „Arten“ etc. operiert. Dadurch gewinnt die Gesamtheit der Pflanzen und die Gesamtheit der Tiere im Bewußtsein des Fachmanns eine Struktur, die es erlaubt, einzelne Mitgliedern zueinander in Relation zu setzen.
• Deszendente Leistungsbeständigkeit
Die Möglichkeit der Hypothesenbildung über ein Modell hängt eng zusammen mit dem wissenschaftlichen Fortschritt. Das Modell selbst kann durch die Bestätigung von mit seiner Hilfe aufgestellten Thesen an Aussagekraft gewinnen. So können beispielsweise Astronomen anhand ihrer Beobachtungen gewisse Geschehnisse vorausberechnen. In diesem Zusammenhang taucht allerdings ein großes Problem auf, das leistungsfähige Modelle im allgemeinen aufwerfen. Wird ein Modell allgemein anerkannt, so verändert sich dadurch nicht selten die Sicht der Dinge: Das Modell wird mit der Realität gleichgesetzt. Alle Phänomene, die nicht in das Schema des Modells passen, werden ignoriert, und so entsteht im Bewußtsein des
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einzelnen eine neue Realität. 14 Diese Gleichsetzung von Modell und Wirklichkeit kann einem
wissenschaftlichen Fortschritt gelegentlich auch hinderlich sein.
Ein weiteres Problem ist speziell bei bestimmten Arten von Modellen zu beobachten, und zwar
hauptsächlich, wenn sich das Modell mit kreativ erzeugten Prozessen oder Objekten befaßt.
Solche Modelle sind zur Hypothesenbildung grundsätzlich nicht geeignet. Unter diese
Kategorie sind auch Textsortenmodelle zu subsumieren. Mit Hilfe jener Modelle wird versucht,
das bestehende Textuniversum zu erfassen und zu klassifizieren; es können indes keine
Aussagen über noch nicht existierende Textsorten getroffen werden.
Dieselben Schwierigkeiten sind bei biomechanischen Prozessen bekannt. In der Leichtathletik
ist es bisher nicht gelungen, Techniken durch eine hypothetische Verbesserung der
Bewegungsabläufe zu perfektionieren. Ein passendes Beispiel ist der Fosbury-Flop, die heute
übliche Sprungtechnik im Hochsprung. Bevor der amerikanische Hochspringer Richard
Fosbury seine Technik in den sechziger Jahren populär machte, mußte ein Zehnkämpfer etwa
die Hälfte der Zeit seines Techniktrainings auf das Erlernen und Perfektionieren des wesentlich
komplizierteren und weniger effektiven Straddles verwenden. Nachdem sich der Fosbury-Flop
durchgesetzt hatte, waren Bewegungsanalysten in der Lage, die mechanischen Abläufe, die
diesen Sprung effizienter machen, exakt zu benennen - er ermöglicht unter anderem eine
wesentlich höhere Absprunggeschwindigkeit. Man war jedoch nicht in der Lage, die bis dato
bekannten biomechanischen Daten für eine Hypothese zu nutzen und eine physikalisch
effektivere Technik zu entwickeln. Ähnlich verhält es sich, wie erwähnt, mit Texten. Diese
beschriebenen Experiments beobachtet werden. Zur Durchführung des Experiments wird eine Maschine benötigt, die „von Wright an der Stanford -Universität gebaut und ,vielarmiger Bandit‘ genannt [wurde]“ (1976:65). Diese Maschine besitzt sechzehn kreisförmig angeordnete unmarkierte Knöpfe sowie einen siebzehnten Knopf in deren Mitte. Ein Zählwerk ist oberhalb dieses Kreises angebracht. Die Versuchsperson hat die Aufgabe, durch Betätigung der sechzehn äußeren Tasten eine möglichst hohe Zahl zu erreichen. Der einzelne Knopf in der Mitte muß nach jedem Drücken einer der sechzehn Knöpfe betätigt werden. Er ist mit einem Summer verbunden, der angeblich nach Erreichen eines Punktes ausgelöst wird. Hat die Versuchsperson keinen Punkt gewonnen, so hört sie beim Betätigen des mittleren Knopfes nichts. Die Versuchsperson weiß jedoch nicht, daß das Ertönen des Summers in keiner Relation zu den gedrückten Tasten steht. Der Summer wird nach dem folgenden Schema ferngesteuert: In den ersten zehn von insgesamt dreizehn Durchgängen wird er per Zufallsgenerator ausgelöst. Im elften und zwölften Durchgang ertönt kein einziger Summton, im dreizehnten und letzten Durchgang ertönt nach jedem Tastendruck ein Signal. Interessant ist die Reaktion der Versuchspersonen auf die Aufklärung der Täuschung, der sie erlegen sind, wenn sie nach dem dreizehnten Durchgang meinen, das System endlich durchschaut zu haben:
Ihr Vertrauen in die Richtigkeit der eben erst mühsam erarbeiteten Lösung ist (...) so unerschütterlich, daß sie die Wahrheit zunächst nicht glauben können. (...) Wenn wir nach langem Suchen und peinlicher Ungewißheit uns endlich einen bestimmten Sachverhalt erklären zu können glauben, kann unser darin investierter emotionaler Einsatz so groß sein, daß wir es vorziehen, unleugbare Tatsachen, die unserer Erklärung widersprechen, für unwahr oder unwirklich zu erklären, statt unsere Erklärung diesen Tatsachen anzupassen. (Watzlawick 1976:66 f.)
Ein Modell der Wirklichkeit kann also mitunter plausibler anmuten als die Wirklichkeit selbst und tritt dann im Bewußtsein der betreffenden Person an deren Stelle; das Modell wird nicht länger als solches wahrgenommen.
12
werden, wie Sprungtechniken, von Begabten kreativ erzeugt, so daß ihre Strukturen nicht vorhersagbar sind.
Bei der Untersuchung der vorliegenden Modelle bietet sich an Stelle der Frage nach dem prädiktiven Charakter jedoch eine andere Überprüfung an: Anhand der zur Entstehungszeit der Modelle von Werlich (1975), Mounin (1967) und Neubert (1968) noch nicht bestehenden Textsorten „SMS“ 15 , „E -Mail“ 16 und „Java ® -Dokument“ 17 kann eruiert werden, ob die Modelle deszendent gesehen leistungsfähig bleiben. Die zur Untersuchung verwendeten Beispiele für die jeweiligen Textsorten befinden sich im Anhang (Texte 1 bis 3, S. 117 f.). Das Modell von Katharina Reiss wird hier in seiner Fassung von 1993 behandelt und ist damit zu einem Zeitpunkt entstanden, zu dem die obengenannten Textsorten bereits existierten. Das Analysekriterium „Deszendente Leistungsbeständigkeit“ wird daher bei der Untersuchung ihr es Modells ausgelassen.
• Einprägsamkeit
Betrachtet man zwei Modelle, die dasselbe leisten, wird man wohl demjenigen den Vorzug geben, das einprägsamer ist. „Einprägsamkeit“ ist jedoch - bis zu einem gewissen Grad - als relative Größe zu betrachten. Zum einen wird die Beurteilung des Einprägsamkeitsgrads eines Modells von subjektiven Faktoren beeinflußt, zum anderen ist seine Komplexität, die der Einprägsamkeit hinderlich sein kann, von verschiedenen Umständen abhängig.
Einer der subjektiven Einflußfaktoren bei der Beurteilung der Einprägsamkeit ist das Vorwissen desjenigen, der mit einem Modell arbeiten soll. Ein Modell ist um so einprägsamer, je mehr von seinem Inhalt zuvor bekannt war. Ob sich also ein Student der Übersetzungswissenschaft im Rahmen der Einarbeitung in ein Thema mit einem Modell beschäftigt oder ein Professor, der dieses Thema seit Jahren zu seinem speziellen Forschungsgebiet erklärt hat, dürfte entscheidend sein. Aus diesem Grund könnte eine Beurteilung der hier behandelten Modelle durch Testpersonen, wie sie zunächst in Erwägung gezogen wurde, kaum repräsentative Befunde zutage fördern.
Die Komplexität eines Modells kann verschiedene Rechtfertigungsgründe haben. Ein Modell gilt grundsätzlich in bezug auf einen bestimmten - allgemeinen wie subjektiven - Wissens-oder Forschungsstand, also im Normalfall für begrenzte Zeit. Stößt man auf Erkenntnisse, die
verschickte Kurznachricht (vgl. Duden [2001]: Das Fremdwörterbuch. Mannheim, S. 925, Stichwort „SMS“).
Fremdwörterbuch. Mannheim, S. 262, Stichwort „E -Mail“).
Internet“ (Duden [2001]: Das Fremdwörterbuch. Mannheim, S. 469, Stichwort „Java ® “). Diese
Programmiersprache kann, wie im Falle des betreffenden Textbeispiels (Anhang, S. 117 f., Text 3), dazu
verwendet werden, Internetseiten zu konfigurieren.
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das bisher Angenommene widerlegen, so ergibt sich die Notwendigkeit, die tradierten Modelle durch oft komplexere zu ersetzen. Die revolutionären Theorien von Galileo Galilei und Albert Einstein, die schließlich an die Stelle des Althergebrachten traten, sind hierfür klassische Beispiele. In vielen Fällen werden bestehende Theorien durch die Erlangung neuer Erkenntnisse jedoch nicht widerlegt, sondern können auf dieser veränderten Basis dem situationsbedingten Zweck gemäß modifiziert oder erweitert werden, ohne daß das ursprüngliche Modell an Aussagekraft verlöre. Als Illustration für die Erweiterung eines Modells diene ein Beispiel aus der klassischen Grammatik. Man unterscheidet dort bekanntlich mehrere Wortarten, darunter etwa Substantive. Der Begriff „Substantiv“ in Abgrenzung zu den anderen Wortarten ist für die Erläuterung von rein syntaktischen Phänomenen ausreichend. Nun haben sich jedoch in der traditionellen Grammatik zusätzlich unterschiedliche Klassifizierungen für Substantive entwickelt, etwa die in konkrete und abstrakte oder die in natürliche und erhobene Substantive. Auf diese Klassifizierungen kann zurückgegriffen werden, wenn einein diesem Falle semantisch bzw. grammatisch - genauere Unterscheidung notwendig ist. In allen anderen Fällen können sie außer acht gelassen werden. Es können also unterschiedlich komplexe Stufen eines Modells koexistieren, auf die den spezifischen, sich aus den Erfordernissen der individuellen Situation ergebenden Leistungsansprüchen entsprechend zurückgegriffen werden kann.
Ungeachtet der durch subjektive Faktoren ausgelösten Schwierigkeiten bei der Bewertung der Einprägsamkeit finden sich einige psychologisch begründete objektive Merkmale, welche die mentale Reproduzierbarkeit der in einem Modell dargestellten Gegenstände und Sachverhalte positiv beeinflussen können. Dazu gehört beispielsweise das in der Rhetorik oft verwendete Trikolon, die Dreigliedrigkeit (vgl. Lausberg 1960:241 f. und Göttert 1991:57). Man denke nur an Caesars oft zitiertes Veni, vidi, vici. Auch das Formulieren kurzer, prägnanter Überschriften und die konsequente Einhaltung eines ebensolchen Stils zählen hierzu. Krämer zitiert als Gegenbeispiel dazu folgende Überschrift aus einer Diplomarbeit: „Beispiele zur Anwendung von ,Capture-Recapture‘-Methoden in der Medizin: Schätzung der Produktion roter Blutkörperchen durch wiederholte radioaktive Injektion“ (1994:62). Er schlägt als Alt ernative schlicht „Anwendung“ (ebd.) vor. Eine weitere die Einprägsamkeit begünstigende Eigenschaft ist die Symmetrie, die sich in formalen wie inhaltlichen Aspekten widerspiegeln kann. Sie könnte sich etwa darin manifestieren, daß einzelnen Oberbegriffen derselben Ebene jeweils eine gleiche Anzahl Unterpunkte zugeordnet wird. Darüber hinaus bietet es sich bei einigen Modellen an, die Ausführungen durch schematische graphische Darstellungen zu ergänzen, die das Verständnis visuell unterstützen.
• Ikonizitätsgrad
Unmittelbar mit der Einprägsamkeit und der Verständlichkeit eines Modells verbunden ist ein weiteres Merkmal, welches hier in Anlehnung an Moles „Ikonizitätsgrad“ genannt werden soll.
14
Moles knüpft in seinem Aufsatz Vers une théorie écologique de l’image? die Wirkung eines Zeichens an den Bezug, den dieses Zeichen zur Realität hat. Er erläutert:
L’iconicité, grandeur opposée à l’abstraction, serait, pour ainsi dire, la quantité de réalisme, la vertu iconale, la quantité de naturel, contenue ou retenue dans l’image. C’est la proportion de concret conservée dans le schéma. L’objet, tel qu’il est, po sséderait une iconicité totale, le mot qui le désigne (…) possède une iconicité nulle: telles sont les deux extrémités de l’échelle. (1971:53)
Demnach befinden sich also der reale Gegenstand und das ihm willkürlich zugeordnete Zeichen an gegenüberliegenden Enden der Ikonizitätsskala. Dem unteren Ende dieser Skala soll hier der Wert „0“, dem oberen Ende der Wert „1“ zugeordnet werden. Der Stift, den ich in der H and halte, hat nach Moles also den Ikonizitätsgrad „1“, das Wort „Stift“, das ich ausspreche, den Ikonizitätsgrad „0“. Der Fotografie eines Stifts wäre ein Ikonizitätsgrad gegen „1“ zuzuordnen. 18 Unter Berücksichtigung der für ein Modell aufgestellten Mindestanforderungen muß dies bedeuten, daß ein Modell leistungsfähiger ist, je mehr sich sein Ikonizitätsgrad einem mittleren Wert nähert. Bei einem Ikonizitätsgrad von „1“ würde das Modell seinen Zweck verfehlen, weil es die Realität unverändert komplex darstellen würde. Aus diesem Grund ist die Erweiterung von Modellen, wie sie in Abschnitt 2.3 unter „Einprä gsamkeit“ erwähnt wurde, nicht unbegrenzt sinnvoll. Ein Ikonizitätsgrad gegen „0“ würde hing egen bedeuten, daß das Modell nicht genügend mit der Realität in Verbindung steht und somit kaum nachvollziehbar ist. Ein übersetzungsbezogenes Textsortenmodell muß in der Regel geringfügig von dem unter normalen Bedingungen idealen Wert „0,5“ abweichen, weil zur Wahrung der Übersetzungsbezogenheit ein gewisses Maß an Praxisnähe erforderlich ist. Genauer bedeutet dies, daß in einem translatorisch relevanten Textsortenmodell auf konkrete übersetzerische Probleme eingegangen werden muß, ohne daß der Modellcharakter beeinträchtigt wird. Es besitzt somit idealerweise einen Ikonizitätsgrad zwischen „0,5“ und „1“.
2.3 Mindestanforderungen an wissenschaftliche Modelle 19
• Intersubjektivität
Zum Wesen wissenschaftlicher Arbeit gehört die Intersubjektivität (vgl. Ihwe/Petöfi/Rieser, zitiert in: Gülich/Raible 1975:8 sowie Popper 1971:18), das heißt, um wissenschaftlich zu sein, müssen Theorien von anderen nachvollzogen werden können. Dies ist nur möglich, wenn eine
interessante Beobachtung machen. Der Betrachter unterscheidet zumeist nicht zwischen dem mit dem Zeichen verbundenen Gegenstand und dem Zeichen selbst. Auf die Frage „Was ist das?“ würden die meisten Menschen, zeigte man ihnen das Bild eines Stifts, wie selbstverständlich „Ein Stift“ antworten, nicht „Das Bild eines Stifts“. Mit eben dieser ungenauen Betrachtung der Wirklichkeit kalkuliert auch der surrealistische Maler René Magritte, der sein Bild einer Tabakpfeife Ceci n’est pas une pipe nennt (Abbildung im Anhang, S. 120).
Popper (1971:3-21) ausführlich. Popper macht insbesondere „Intersubjektivität“ und „Nachprüfbarkeit“ zu wesentlichen Bestandteilen seiner Überlegungen.
15
kollektive Realität 20 existiert, anhand derer die Logik der Theorie geprüft werden kann. Wird eine Theorie von einem Menschen in reiner Binnenreflexion aufgestellt, handelt es sich um Phantasie, bestenfalls um Dichtung und Poesie. Den im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersuchten Modellen wird hier größtenteils ein intersubjektiver Charakter zuerkannt; auf das Kriterium „ Intersubjektivität“ wird nur eingegangen, wenn Zweifel an dessen Existenz bestehen.
• Nachprüfbarkeit
Ein weiteres wesentliches Element der Wissenschaftlichkeit einer Theorie ist deren Nachprüfbarkeit, welche, wie oben erwähnt, auf der Existenz einer kollektiven Realität basiert. Ein wissenschaftliches Modell muß so klar mit dieser Realität in Verbindung stehen, daß es objektiv überprüfbar bleibt. Sobald es sich von dem entfernt, was gemeinhin anerkannt wird, ist es nicht mehr nachvollziehbar und somit, zumindest in der Wissenschaft, unbrauchbar. Daß Modelle im alltäglichen Leben auch dann akzeptiert werden, wenn sie dieses Merkmal entbehren, zeigt weltweit das Beispiel des religiösen Glaubens. Der Mensch scheint solche über das normale Wirklichkeitsverständnis hinausgehenden Modelle nicht nur zu akzeptieren, er scheint sie oftmals sogar als lebensnotwendig zu betrachten.
2.4 Der Übersetzer
Die Ausbildung eines Übersetzers schließt in der Regel die inhaltsbezogene Vorbereitung auf im übersetzerischen Alltag relevante Themenbereiche wie Technik, Recht oder Wirtschaft ein. Diese beinhaltet im allgemeinen zunächst eine sprachenübergreifende sachliche Einführung, später dann das Übersetzen von Fachtexten. Die Zahl der in dieser letztgenannten Disziplin behandelten Themen ist aus zeitlichen Gründen begrenzt. So könnten Übersetzungen aus dem umfangreichen Gebiet „Recht“ in einem Sem ester beispielsweise ausschließlich Schriftstücke zu Insolvenzverfahren umfassen. Ob dieser Umstände kann im Rahmen einer solchen Lehrveranstaltung in keinem Falle umfassendes Wissen vermittelt, sondern lediglich zum Erarbeiten von Methoden zur thematischen wie lexikalischen Erschließung eines unbekannten Themenbereichs beigetragen werden.
Des weiteren enthält die übersetzerische Ausbildung allgemeinwissenschaftliche Fächer wie Politik oder Geschichte zur Erweiterung des für den Übersetzer immer wieder als grundlegend zitierten Weltwissens 21 . Auch hier geht es primär um das Bewußtmachen der Notwendigkeit von Hintergrundwissen und um das Erarbeiten von Vorgehensweisen zur Aneignung desselben. Die Kenntnis des Aufbaus der deutschen Staatsführung ist beispielsweise Grundlage für die
Erörterung des Realitätsbegriffs. Der interessierte Leser sei auf Watzlawick (2001) verwiesen, der sich dieses
Themas auf anschauliche Weise annimmt.
Menschen“ (1999:413, Stichwort „Weltwissen“).
16
Übersetzung eines französischen Textes über die Assemblée Nationale ins Deutsche. Den französischen Président de la République im Deutschen beispielsweise als „Bundespräsident“ zu bezeichnen, ist in keinem denkbaren Falle adäquat. Da die Aufgaben des Président de la République sich weder mit denen des Bundespräsidenten noch mit denen des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland vollständig decken, muß bei der Übersetzung eine Adaptation des Begriffs vermieden werden. Im Deutschen ist daher zumeist vom „französischen Staatsoberhaupt“ die Rede.
An das Weltwissen knüpfen kulturspezifische Kenntnisse an. Landeskunde, Konversation und Literatur sind wesentlicher Bestandteil der Ausbildung eines Übersetzers. Diese Kenntnisse werden in der Regel durch einen Auslandsaufenthalt vertieft und erweitert. Das Wissen darum, daß es in Großbritannien etwa die Textsorte „Beipackze ttel“ bei Medikamenten nicht gibt (Hönig/Kußmaul 1982:45-51) oder daß die amerikanischen restrooms keine „Pausenräume“ sind, kann nur vor Ort - oder allenfalls durch aufwendige Recherche in spezieller Literatur -erworben werden. Auch Georges Mounin schreibt Auslandsaufenthalten eine enorme Relevanz zu: Für ihn sind sie „nicht eine freiwillige Beigabe im Gepäck des guten Übersetzers, sondern sie machen die Hälfte seines Wissens aus“ (1967:108).
Darüber hinaus sollte die translatorische Ausbildung übersetzungstheoretisches und linguistisches Grundwissen zur Entwicklung eigener Übersetzungsstrategien vermitteln. Ein Beispiel aus der Übersetzungstheorie sind Realia, das heißt kulturspezifische Begriffe, die in der Zielsprache keine exakte Entsprechung haben (vgl. auch Cartagena). Wenn in einem englischen Text von der Fleet Street 22 die Rede ist, so wird ein deutscher Leser, sofern er in britischer Landeskunde ein wenig bewandert ist, wissen, daß es sich um die Presse handelt. Es hängt hier vom Empfängerkreis des zielsprachlichen Textes ab, ob der Übersetzer den Ausdruck Fleet Street unkommentiert oder kommentiert übernimmt oder ihn gar schlicht mit „die britische Presse“ übersetzt. Wird allerdings in einem englischen Text die Harley Street erwähnt, so ist das Wissen darum, daß es sich um ein Synonym für die Londoner Fachärzteschaft handelt, beim deutschen Leser gemeinhin nicht vorauszusetzen. 23
Ein Beispiel aus der Linguistik ist die auf dem Saussureschen Strukturalismus basierende Zeichenlehre. Saussure ordnet sprachlichen Zeichen Inhalte zu und grenzt sie durch diese Zuordnungsbeziehung voneinander ab. Führt man diesen Gedanken weiter, so ist man in der Lage, Problematiken zu erfassen, die in der übersetzerischen Praxis ständig auftreten. Ein Amerikaner verbindet etwa mit der Benennung hammer einen ähnlichen Begriff wie ein
Street angesiedelt waren (heute befinden sie sich in den Docklands).
das Übersetzen Englisch“ bei Tiems, Wintersemester 1997/1998 an der Fachhochschule Köln.
17
Deutscher mit „Zimmermannshammer“, nicht aber die Vorstellung eines einfachen Hammers, wie er im deutschen Kulturkreis dem Lautbild „Hammer“ zugeordnet wird. 24 Dies gilt für fast jedes Wort in der Alltagssprache. Unterschiedliche Kulturen verstehen nie genau dasselbe unter einem bestimmten Wort.
Hier schließt sich das Thema der texttypologischen Modelle an. Auch sie sind Teil der linguistischen Grundausbildung eines Übersetzers. Ihr Nutzen im Übersetzungsprozeß wird in der vorliegenden Studie besonders im Vergleich zu anderen translatorischen Werkzeugen untersucht (vgl. Kapitel 4 und 5).
Die Ausbildung eines Übersetzers führt zudem ein in die praktische Arbeit, in der translatorische Probleme an Textbeispielen aufgedeckt und gelöst werden. Dies bedeutet konkret, daß Studenten der Übersetzungswissenschaft Vorlesungen respektive Übungen besuchen, im Rahmen derer sie eigene Übersetzungen anfertigen, die im Anschluß analysiert werden. Solche Übersetzungsübungen sollten unter möglichst authentischen Bedingungen an möglichst praxisbezogenen Texten erfolgen.
Im Berufsalltag befaßt sich der Übersetzer grundsätzlich mit jeder Art von existierenden Texten. Er erhält von seinem Auftraggeber einen ausgangssprachlichen Text (ex nunc als „AS -Text“ bezeichnet), welchen er nach b estimmten Vorgaben in die Zielsprache (ex nunc „ZS“ genannt) zu übertragen hat. Dabei bedient er sich einer dem AS-Text und dem ZS-Text angemessenen Methodik, die nicht universell festgelegt ist, sondern von persönlichen Faktoren wie Sprachgefühl 25 , Ausbildung, Weltwissen etc. sowie von externen Gegebenheiten wie Normen, anerkannten Theorien, kulturspezifischen Konventionen etc. beeinflußt wird. Einer Einschätzung des Kölner Übersetzungsbüros Prologos Sprachendienste zufolge gehören heutzutage EDV- und Wirtschaftstexte, Verträge und Urkunden zum Berufsalltag; außergewöhnlich für einen in einem Übersetzungsbüro bzw. freiberuflich tätigen Übersetzer seien Texte wie Filmskripte, Reiseführer oder Kochbücher. Durch die Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber, der stets spezielle Vorstellungen vom ZS-Text hat, sowie mit Kollegen, die an demselben Projekt arbeiten, ergeben sich spezifische Probleme, auf die im folgenden näher eingegangen wird.
Terminologielehre“ von Schmitz im Sommersemester 1998, Fachhochschule Köln.
Das Sprachgefühl des Übersetzers ist abhängig von: seiner Kenntnis des Sprachgebrauchs, seiner
Urteilsfähigkeit über die Richtigkeit des Sprachgebrauchs, seiner Fähigkeit, feinste Sinnuancen
unterscheiden zu können. Zum Sprachgefühl gehört auch die Kenntnis der Erwartungen der
Adressaten der Zielsprache (...). (1999:392, Stichwort „Sprachgefühl“).
18
Zunächst ist der von Studenten der Übersetzungswissenschaft oft unterschätzte Faktor „Zeit“ zu nennen. Üblicherweise verlangen Auftraggeber die Übersetzung innerhalb von einem knapp bemessenen Zeitraum. Dies zwingt den Übersetzer, behende zu arbeiten. Das tägliche Pensum muß meist so hoch angelegt werden, daß eine qualitativ akzeptable Übersetzung nur erreicht werden kann, wenn analytische Abläufe wie die Eruierung der Zielgruppe und operationelle Entscheidungen wie die Wahl der Satzkonstruktion unterbewußt bzw. zügig erfolgen. Der Faktor „Zei t“ wird in der Praxis von weiteren Faktoren beeinflußt. Unter anderem wird der Aufwand der Recherchearbeit oftmals unterschätzt. Die Konsultation von Nachschlagewerken, dem Internet oder anderen externen Quellen ist erforderlich und kann unter Umständen ein erhebliches Maß an Zeit beanspruchen. Da Übersetzungen in der Praxis üblicherweise am Rechner angefertigt und als Datei verschickt werden, gehört es zumeist ebenfalls zu den Aufgaben des Übersetzers, auf die Einhaltung der Formatierungen und des Layouts zu achten. Für diese Tätigkeit muß ebenfalls genügend Zeit einkalkuliert werden. Hinzu kommt die Zeit, die für das Editieren des fertigen Textes benötigt wird. Ein Text sollte nicht an den Kunden verschickt werden, ohne von einer zweiten Person überarbeitet worden zu sein. Wird ein umfangreicher Text in Teamarbeit übersetzt, so müssen die einzelnen Übersetzungen außerdem vereinheitlicht werden.
Des weiteren muß der Übersetzer sich in der Regel an terminologische Vorgaben halten. Zum einen erhält er bei Fachübersetzungen oft ein Glossar oder anderes Referenzmaterial vom Auftraggeber. Hierbei handelt es sich beispielsweise um unternehmensspezifische Terminologien 26 oder bereits angefertigte Übersetzungen, auf Grund derer sich eventuell Präferenzen hinsichtlich bestimmter Ausdrücke ergeben haben. Ein Glossar ist meist schwierig zu handhaben, wenn es nicht von professionellen Übersetzern erstellt wurde. Die meisten Glossare enthalten neben den üblichen Rechtschreibfehlern, die das Durchsuchen des Dokuments nach Stichwörtern mit Hilfe der automatischen Suchfunktion erschweren, Übersetzungsfehler, sind unvollständig oder inkonsistent. Mitarbeiter des besagten Kölner Übersetzungsbüros berichten beispielsweise folgendes: In einem vom Kunden erstellten Glossar zur Übersetzung von Börsen-Software aus dem Französischen ins Deutsche findet man unter portefeuille sowohl „Portfolio“ als auch „Portefeuille“ und unter portefeuille nostro sowohl „Nostroportefeuille“ als auch „Nostro -Portfolio“. In d iesem Falle müssen sich die Übersetzer intern auf eine einheitliche Übersetzung und Schreibweise einigen. In demselben Glossar heißt es im Französischen Journal des ordres bourse detai, schon im Ausgangstext befinden sich also Rechtschreibfehler, und im Deutschen entsprechend „Journal geldmarkt börse ausfur“. Die korrekte Übersetzung für Création de comptes lautet dem Glossar zufolge „Konti Eröffnung“. Wird der Übersetzer nun instruiert, sich genau an dieses Glossar zu halten,
dieselbe hierarchische Position.
19
so wird die ursprüngliche Funktion eines Glossars, nämlich die Erleichterung der Übersetzung, ins Gegenteil verkehrt.
Weitere terminologische sowie syntaktische Abstimmungen werden notwendig, sobald der Übersetzer - etwa im erwähnten Falle eines umfangreichen Projekts - mit anderen Übersetzern zusammenarbeitet. Dabei geht es vorwiegend um die Kontinuität der verwendeten Begriffe, nicht um die Qualität der Übersetzung. In Übersetzungen von Computer-Handbüchern werden beispielsweise die Wörter „Enter -Taste“, „Eingabe -Taste“ und „Return -Taste“ synonym verwendet. 27 Hat der Auftraggeber keine Übersetzung festgelegt, so kann der Übersetzer sich frei zwischen diesen qualitativ gleichwertigen Benennungen entscheiden, sollte jedoch innerhalb des Textes die einmal gewählte Variante beibehalten. Bei der Übersetzung von Kapitelüberschriften beispielsweise muß zudem eine syntaktische Vereinheitlichung erfolgen, um zu vermeiden, daß etwa Formulierungen wie „Programminstallation“ und „Installieren des Programms“ (für Installing the Programme) parallel auftreten.
Voraussetzung für ein schnelles Erfassen und eine effektive Umsetzung eines Textes ist das Erarbeiten von Analysetechniken, welche die Identifikation von Textmerkmalen erleichtern. Wie bei den meisten praktischen Tätigkeiten, deren Qualität zwar hauptsächlich von der Begabung des Ausführenden abhängt, jedoch durch die Anwendung erlernter Techniken erhöht werden kann, so ist es auch für die Übersetzertätigkeit von Nutzen, sich Einzelheiten des Gesamtprozesses bewußt zu machen, um diesen steuern zu können. Ähnlich verhält es sich zum Beispiel auch beim Tanzsport. Die exakte Analyse der Bewegungsabläufe eines einzelnen Schrittes führt zwar zunächst zu einer Informationsüberflutung, langfristig hingegen bewirkt sie die entsprechend exakte Ausführung des Schrittes und die Vervollkommnung des tänzerischen Gesamtbilds. Auch ein Übersetzer muß Techniken erlernen. Dabei ist die Erkenntnis entscheidend, daß solche Techniken nicht universell oder in einheitlicher Abfolge anwendbar sind, sondern daß ihre Kenntnis lediglich zur Möglichkeit ihrer Anwendung in einer stets erneut vom Übersetzer zu beurteilenden Situation befähigt. Eine erste Sensibilisierung für die Subtilitäten des Übersetzungsprozesses kann über unterschiedliche Ansätze, beispielsweise über Texttypologien, erfolgen.
Es muß jedoch klar werden, daß ein Großteil der in der Fachliteratur thematisierten Problematiken von einem geübten Übersetzer, so er sich aufmerksam mit einem Text auseinandergesetzt hat, ohne Zuhilfenahme von Theorien erkannt und überwunden werden kann. Auch linguistische Probleme unterstehen schließlich den allgemein nachvollziehbaren Gesetzen des logos. Die meisten textuellen Schwierigkeiten löst ein Übersetzer intuitiv, ohne
von Schmitz im Sommersemester 1998, Fachhochschule Köln.
20
sie sich überhaupt bewußtzumachen, mit den übrigen wird er normalerweise nach einiger Reflexion fertig werden. Anknüpfend an diese Feststellung müßte man folglich sagen, übersetzungstheoretische Hilfestellungen benötigten im Grunde nur unbegabte Übersetzer. Eine solche Aussage entspringt jedoch einer zu einseitigen Betrachtung. Die
Übersetzungswissenschaft ist schließlich nicht als ein System dogmatischer Regeln zu sehen. Sie dient dem Praktiker in erster Linie als Werkzeug zur Bewußtmachung von Übersetzungsproblemen. Dem Theoretiker ist sie, wie jede Wissenschaft, ein Fundament für die Forschung und ein Genuß an sich, ohne daß die Anwendbarkeit oberstes Primat ist.
2.5 Mindestanforderungen an übersetzungsbezogene Textsortenmodelle
• Übersetzungsbezogenheit
Bei der Bewertung von Textsortenmodellen gibt es eine unabdingbare Frage, die offensichtlich
- von Autoren wie Analysten - meist unberücksichtigt bleibt: Welchem Zweck dienen Textsortenmodelle? Im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit ist die Antwort darauf eindeutig: als Werkzeug im Translationsprozeß. Die sich daraus ergebende Frage, inwiefern eine Klassifizierung von Texten dem Übersetzer hilfreich sein kann, muß als einer der wesentlichen Untersuchungsaspekte gesehen werden. Bei der Überprüfung der Übersetzungsbezogenheit wird im besonderen darauf geachtet, ob im Rahmen des jeweiligen Modells Übersetzungsstrategien vorgeschlagen werden und inwiefern diese Strategien anwendbar sind. Der Zweck der Übersetzung, die Funktion des Zieltextes also, wird als Entscheidungsgrundlage für die Wahl der Übersetzungsmethode angesehen.
• Ökonomie
Wenn ein Modell dem Übersetzer die praktische Arbeit erleichtern soll, so darf es nicht zu komplex sein. Das Tätigkeitsfeld des Übersetzers konzentriert sich trotz seiner linguistischen Grundbildung auf Bereiche außerhalb der Sprachwissenschaft, so daß gewöhnlich kein umfassendes linguistisches Wissen vorausgesetzt werden kann. Ein Modell dient ihm nicht als Erkenntnisbrücke, sondern lediglich als Hilfsmittel für seine translatorische Tätigkeit. Je abstrakter und selbstzweckmäßiger eine linguistische Theorie ist, um so weniger nützlich ist sie für jemanden, der sich nicht vorwiegend theoretisch mit linguistischen Modellen befaßt, sondern diese praktisch anwenden möchte. 28 Der Begriff der Komplexität ist relativ zu sehen und damit nur bedingt an feste Größen wie etwa eine bestimmte Seitenzahl zu knüpfen. Im Rahmen der Untersuchungen der verschiedenen Modelle muß individuell über die Verhältnismäßigkeit von Umfang und Leistung entschieden werden.
von Ihwe/Petöfi/Rieser angeführt, welches mit seinen 2000 Regeln (1975:16) eine einfache Handhabung
ausschließt (vgl. Schmidt, zitiert in: Gülich/Raible 1975:21).
21
• Universalität 29
Wie bereits erwähnt, kann der Übersetzer rein hypothetisch mit jedem existierenden Text konfrontiert werden. Aus diesem Grund muß eine anwendbare texttypologische Ordnung die Menge aller Texte umfassen, bzw. jeder existierende Text muß sich in das Modell einordnen lassen. Zum Zwecke der Überprüfung dieses Kriteriums wurde ein Überprüfungskorpus von 14 Texten erstellt (siehe Anhang, S. 100-116, Texte A bis O), die in der translatorischen Praxis vorkommen können. Dabei wurde wie folgt verfahren: Es wurde zunächst eine Anfrage an die Geschäftsführung des seit 1995 existierenden Übersetzungsbüros Prologos Sprachendienste geschickt, in der um die Zusendung von in der übersetzerischen Praxis zu bearbeitenden Texten gebeten wurde. Aus jedem Geschäftsjahr sollten jeweils ein als „üblich“ un d ein als „unüblich“ einzustufender Text vorgelegt werden. Vorzugsweise hatte es sich dabei um Ausgangstexte in deutscher, englischer oder französischer Sprache zu handeln. (In einigen Fällen liegen jedoch ausschließlich ZS-Texte vor.) Umfangreichere Texte wurden aus ökonomischen Gründen auf ein bis drei DIN A4-Seiten gekürzt. Ebenfalls aus ökonomischen Gründen können bei der Überprüfung der einzelnen Modelle auf Universalität nicht jeweils alle vierzehn Texte ausführlich analysiert werden. So wird für jedes Modell, soweit möglich, eine grobe Zuordnung der Texte des Überprüfungskorpus’ vorgenommen, durch die entweder die Anwendbarkeit des Modells auf alle Texte repräsentativ bestätigt wird oder an der aufgezeigt wird, daß nicht jeder Text in das vom Modell vorgegebene Schema paßt.
3 Textsortenmodelle und übersetzungsbezogene Analyse
3.1 Das Modell von Katharina Reiss
3.1.0 Grundlagen zum Verständnis des Reiss’schen Modells: Das Kommunikationsmodell von Karl Bühler 30
Das Organonmodell von Bühler basiert im wesentlichen auf einem Zitat des griechischen Philosophen Platon. Dieser bezeichnet in dem nach seinem Lehrer benannten Kratylos die Sprache als organum 31 und erläutert, daß mit Hilfe dieses organums ein Mensch einem anderen etwas über die Dinge mitteilen kann. Diese Aussage enthält bereits grundlegende Elemente der Kommunikation: „ein Mensch“, „ein anderer Mensch“, „die Dinge“. In Anlehnung an diese Dreiheit entwickelt Bühler ein Modell, das den konkreten Sprechakt 32 mitsamt den auf ihn
exhaustiv erfaßt.
Deutsch. Stuttgart, S. 704, Stichwort „organum“).
artikulatorisch-akustische Einheit, die Sprecher und Hörer in einer bestimmten Situation durch für beide gleiche Bedeutungen verbindet“ (1994:1080, Stichw ort „Sprechakt“). Somit ist also nicht nur das Sprechen und Hören an sich gemeint, sondern auch die intendierte Wirkung des Gesagten und das Verstehen. Bußmann ergänzt: „Jeder Sprechakt setzt sich aus mehreren simultan vollzogenen Teilakten zusammen“ (1990 :726, Stichwort „Sprechakttheorie“), das heißt der Sprechakt ist ein System unterschiedlicher Handlungen und Einflüsse auch nicht-artikulatorischer Art.
22
wirkenden Einflüssen und Umständen darstellt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist dabei folgendes Schema:
Bild 1: Konstituenten 33 der Kommunikation nach Karl Bühler (1965:25)
Der Punkt in der Mitte steht für das, was wahrgenommen wird, also meist die akustische Sprachform. Dieses Phänomen muß mit allen durch die drei äußeren Punkte dargestellten Faktoren auf irgendeine Weise in Beziehung stehen. Eine Möglichkeit der Betrachtung liegt in der Suche nach kausalen Relationen zwischen den einzelnen Elementen des Schemas. So kann davon ausgegangen werden, daß „einer“ ein Schallphänomen sendet und „der andere“ es in Form eines Reizes empfängt. Die Rolle der „Di nge“ kann vielfach gedeutet werden. Am plausibelsten erscheint wohl die Annahme, bei den „Dingen“ handle es sich u m Ereignisse und Phänomene, die in direktem oder indirektem Kausalzusammenhang mit dem Sprechakt und dessen Effekt stehen. Man stelle sich vor, zwei Freundinnen sitzen gemeinsam in einer Kneipe. Nun merkt die eine, daß ihr Magen knurrt. Dieses Magenknurren als Phänomen oder Ding löst nun einen Gedanken bei der betreffenden Frau aus, den sie in ein Schallphänomen umwandelt, und sie sagt: „Ich glaub’, ich hab’ Hunger.“ Da raufhin reicht ihr die Freundin die Speisekarte, ein anderes Ding aus der Umgebung. In diesem Fall stehen mehrere verschiedene Dinge in kausalem Zusammenhang mit dem Sprechakt. Das von Bühler selbst verwendete Beispiel bezieht sich auf die ebenfalls häufig auftretende Situation, in der einer ein Ding erblickt, daraufhin einen Kommentar darüber äußert, und der andere dann ebenfalls seinen Blick diesem Ding zuwendet. Es könnten sich beispielsweise zwei Menschen in einem Raum befinden. Der erste sieht aus dem Fenster und bemerkt, daß es regnet. Er sagt: „Es regnet.“ Daraufhin schaut auch der zweite aus dem Fenster (vgl. Bühler 1965:25). In diesem Fall handelt es sich um ein
sich um Agenzien, das heißt um handelnde Sprechaktteilnehmer einerseits und um Einflußfaktoren, das heißt
physische oder psychische Phänomene, die das Handeln beeinflussen andererseits.
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Sarah Reuter, 2002, Texttypologie und Übersetzungsstrategie - Eine linguistisch-translatorische Studie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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