Bergische Universität Wuppertal
Fachbereich A: Geistes- und Kulturwissenschaften
Katholisch- Theologisches Seminar
SS 2008
Seminar: Einführung in die Exegese
Kreuzigung und Tod Jesu im Markusevangelium
(Mk 15, 20b- 41)
Vorgelegt von:
Liwia Kolodziej
Studiengang: LA G/H/R/Ges
Fächerkombination: Deutsch/ Katholische Theologie
4. Fachsemester
Datum der Abgabe: 1. Aug. 2008
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Inhaltsverzeichnis
1. Kontextanalyse ... 3
2. Formanalyse ... 5
3. Synoptischer Vergleich ... 7
3.1 Der Vergleich mit Matthäus... 7
3.2 Der Vergleich mit Lukas ... 8
4. Historische Rekonstruktion ... 9
5. Interpretation: Sach- und Motivanalyse ... 9
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1. Kontextanalyse
Das Markusevangelium lässt sich in drei Haupteile gliedern.
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Im ersten Teil des Evangeliums
(Mk 1,1- 8, 26) werden Jesu Wirken, Verkündigung und vor allem seine von Gott gegebene
Heilsmacht (Wundergeschichten, Heilungen, Dämonenaustreibungen, Sündenvergebungen)
beschrieben. Im zweiten Teil (Mk 8, 27- 10, 52) erzählt das Evangelium von Jesu Weg nach
Jerusalem, seinem Passionsweg. Dieser Abschnitt enthält die drei Leidensankündigungen
Jesu, in denen Jesus seinen Jüngern seinen bevorstehenden Tod und die Auferstehung
verheißt und sie zur Leidensnachfolge aufruft (Mk 8, 31; 9, 31; 10, 32- 34). Diese Abschnitte
(u.a.) verdeutlichen, dass die Erzählungen des Evangeliums und alles in ihnen Geschilderte
direkt auf die Kreuzigung und den Tod Jesu zusteuern und dass das Markusevangelium in
dieser Erzählung seinen Höhepunkt findet.
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Dem Leser des Evangeliums wird somit schnell
klar, dass sich Jesus unmittelbar auf dem Weg zum Leiden befindet. Die
Leidensankündigungen spielen darauf an, noch bevor die eigentliche Passionsgeschichte
beginnt. Die ersten beiden Hauptteile des Markusevangeliums können als Makrokontext von
Mk 15, 20b- 41, der Erzählung von Kreuzigung und Tod Jesu, betrachtet werden.
Die eigentliche Passionsgeschichte beginnt im dritten Hauptteil (Mk 14,1- 16,8) mit dem
Beschluss des Hohen Rates zur Tötung Jesu und endet mit der Auferstehung Jesu von den
Toten. Die hier zu untersuchende Passionserzählung Mk 15, 20b-41 ist Teil der gesamten
Passionsgeschichte und zugleich ihr Höhepunkt, da sich in ihr das ereignet, was zuvor
vorausgesagt worden ist: Jesus wird schließlich gekreuzigt und stirbt am Kreuz. Der dritte
Hauptteil des Markusevangeliums bildet somit den engeren Kontext (Mikrokontext) für den
Kreuzigungs- und Todesbericht nach Markus.
Diesem Text gehen im engeren Kontext die Erzählungen vom Judasverrat (Mk 14, 10-11),
vom Letzen Abendmahl (Mk 14, 17-25), vom Gang zum Ölberg (Mk 14, 26- 31), von der
Gefangennahme, dem Verhör vor dem Hohen Rat und die Verleugnung durch Petrus (Mk 14,
43- 72) voraus. Die unmittelbare Nachbarschaft des Kreuzigungs- und Todesberichtes bilden-
nach vorne hin- die Verhandlung vor Pilatus (Mk 15, 1-15) und die Verspottung Jesu durch
die Soldaten (Verse 16- 20a) und nach hinten das Begräbnis Jesu (Verse 42-47). Das
Markusevangelium endet mit der Auffindung des leeren Grabes und mit Hinweisen auf
Erscheinungen des Auferstandenen (Mk16, 1-8). In der nachträglichen Evangelien-
1
Schnelle, U.: Einleitung in das Neue Testament. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, 2002, S. 248f
2
Schlier, H.: Die Markuspassion. Johannes Verlag, Einsiedeln. 1974, S. 8f.
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überlieferung wird zudem noch von der Erscheinung des Auferstandenen berichtet (Mk 16, 9-
20).
Inhaltlich lässt sich der Abschnitt Mk 15, 20b- 41 wie folgt von seinen Nachbartexten
abgrenzen: Vers 20b leitet einen Szene- und Ortswechsel bzw. einen Handlungswechsel ein:
,,Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen" (Mk 15, 20b). Zuvor wurde Jesus im
Palast von den Soldaten verspottet, nun wird allerdings deutlich, dass die Kreuzigung
unmittelbar bevorsteht. Jesus begibt sich nun auf den Weg zum Kreuz, das Verheißene bricht
unwiderruflich an. Allerdings darf der Kontext nicht völlig außer Acht gelassen werden: Die
Soldaten werden in Vers 20b nicht noch einmal vorgestellt- ihre Kenntnis wird vorausgesetzt.
Vers 20b entwickelt zwar eine eigene Dynamik (unmittelbares Bevorstehen der Kreuzigung),
spielt aber auf den vorangegangenen Abschnitt an, so dass beide Perikopen nicht völlig
voneinander getrennt betrachtet werden können. Die Abgrenzung des Textes vollzieht sich
also zunächst auf der Handlungsebene.
Mk 15, 20b- 41 erzählt von einer in sich abgeschlossenen Handlung, nämlich vom Weg zum
Kreuz, der Kreuzigung und dem Tod Jesu. Betont, abgerundet und zusammengehalten wird
der Bericht durch genaue Stundenangaben, die sich so im engeren Kontext nicht feststellen
lassen: ,,Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten." (Vers 25), ,,Als die sechste Stunde
kam..." (Vers 33), ,,...bis zur neunten Stunde" (Vers 33).
Die Verse 42- 47 setzen wahrscheinlich erst am nächsten Tag ein (,,Da es Rüsttag war", Vers
42) und stellen Josef von Arimathäa vor, der Pilatus um den Leichnam Jesu bittet und diesen
anschließend begräbt.
Im theologischen Sinne ist der Tod Jesu natürlich keine in sich abgeschlossene Handlung, so
dass erst durch die in Mk 16 erzählte Erwartung des Auferstandenen, der Tod Jesu an
Bedeutung gewinnt und deshalb bzw. erst dann zum Höhepunkt des Markusevangeliums
wird.
Es bleibt festzuhalten, dass trotz eines Versuchs der Abgrenzung des Kreuzigungs- und
Todesberichts des Markus von seinem Kontext, der Text eben Teil einer (Passions-)
Geschichte bleibt, die auf chronologische, aufeinander aufbauende Ereignisse angewiesen ist.
Zwar lassen sich die Verse 20b- 41 durch Zeit-, Ort- und Handlungswechsel vom engeren
Kontext abgrenzen, sind aber durch ihre Anspielungen auf vorangegangene Texte fest in den
Gesamtkontext der Passionsgeschichte eingebettet und können auch nur von ihr her
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verstanden werden. Die Aufschrift mit dem Titel ,,Der König der Juden", welche als Zeichen
der Verspottung an Jesu Kreuz geschlagen wird, spielt z.B. auf Pilatus´ Frage an: ,,Bist du der
König der Juden?" und Jesus antwortet: ,,Du sagst es." (Mk 15, 2).
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Außerdem spielt die
Passionserzählung des Markus auf zahlreiche alttestamentliche Texte und Prophezeiungen an:
,,Denn nicht nur das Ganze des Geschehens steht im Licht alttestamentlicher Verheißung, die
sich jetzt erfüllt, auch in den Einzelheiten erwachen Aussagen der Propheten und Psalmisten.
So ist der Text durchsetzt mit Anspielungen und Zitaten aus dem AT.".
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Als ein Beispiel
hierfür kann ein Zitat der Psalmen für das Leiden Jesu gelten: ,,Ich bin ein Wurm und kein
Mensch, von den Menschen verspottet, von den Leuten verachtet" (Ps 22,7).
Auch der Todesschrei Jesu am Kreuz (,,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen?" Mk 15, 34) entspricht den Klageliedern der Psalmen: ,,Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?" (Ps
22,2).
2. Formanalyse
Mk 15, 20b- 41 lässt sich in drei Sinnabschnitte teilen: Der Weg zum Kreuz (Verse 20b- 23),
die Kreuzigung (Verse 24- 32) und der Tod Jesu (Verse 33- 41). Ab Vers 24 wird ein
Einschnitt gemacht, da das ,,Und sie kreuzigten ihn" eine neue aktive Handlung impliziert.
Während die vorangegangenen Verse 20b- 23 direkt auf die Kreuzigung abzielen, vollzieht
sie sich schließlich ab Vers 24. Ab Vers 33 ist das Thema der Kreuzigung abgeschlossen und
der Tod Jesu steht im Mittelpunkt der Erzählung.
Die Verse 20b- 23 berichten von dem Kreuzesweg Jesu. Vers 20b greift zwei
Personalpronomina zur Bezeichnung von den Soldaten (,,sie") und für Jesus (,,ihn") auf. Wie
in der Kontextanalyse schon erwähnt, wird hier vorausgesetzt, dass diese Personen bekannt
sind. Dadurch greift Vers 20b vorangegangene Verse auf. Zum einen Vers 16, in dem die
Rede von den Soldaten ist und der Leser das ,,sie" somit identifizieren kann. Zum anderen
Vers 15 in dem Pilatus den Befehl gibt, Jesus zu kreuzigen.
Vers 21 erzählt, dass ein Mann- Symon aus Kyrene- Jesu Kreuz tragen soll. Auffällig ist, dass
der Erzähler diesem Symon von Kyrene relativ viel Aufmerksamkeit schenkt. Es verwundert,
dass er ausführlich vorgestellt wird in Relation mit der sonstigen Straffheit des Textes. Die
Leser erfahren, 1. dass er grade vorbeigeht, 2. dass er vom Feld kommt und 3. dass er zwei
3
Schlier 1974, S. 75
4
ebd., S. 72
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