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1. Einleitung
Mit der Reformpädagogik, die sich in Europa und den USA etwa zwischen 1890 und 1930 entfaltete 1 , begannen entscheidende Ansätze und Theorien, die zur Reformierung von Erziehung und Unterricht wesentlich beitrugen. Ausgehend von dem französischen Schriftsteller und Philosoph Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) und dem schweizerischen Pädagogen und Reformer Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) entwickelten sich neue Ansätze in dem Denken über Erziehung und Unterricht. Die VertreterInnen der Reformpädagogik standen mit ihrem pädagogischen Denken in der Tradition von Rousseau und Pestalozzi. Während Pestalozzi sich an den Theorien Rousseaus orientierte und für die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten positiven Kräfte plädierte, prägte Rousseau mit seinem modernen Gedankengut der Erziehung als „Wachsenlassen“ nachhaltig die pädagogische Welt. In die Reihe der entscheidenden Personen auf dem Gebiet einer modernen Pädagogik, die das Kind in den Mittelpunkt ihres Erkenntnisinteresses stellt, gehört auch die Pädagogin Maria Montessori (1870-1952), die mit ihren Theorien maßgeblich an einer kindorientierten Erziehung und einem ebenso ausgerichteten Unterricht beitrug. Ihre Methode zur Erziehung von Kindern ist weltberühmt und wurde von zahlreichen Ländern aufgegriffen.
In dieser Arbeit soll die Person Maria Montessori vorgestellt und näher beleuchtet werden. Auch sollen die theoretischen Grundlagen der Pädagogik Montessoris kurz behandelt werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Leitsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“, der Montessoris Erziehungskonzeption zugrunde liegt.
Am Beispiel einer Montessori-Grundschule werden einige Grundgedanken der Pädagogin erneut aufgegriffen und es wird gezeigt, wie sich die Konzeption Montessoris in der Praxis verwirklichen lässt.
Abschließend soll ein kurzer Diskurs der Aktualität und der Modernität des pädagogischen Denkens von Maria Montessori gewidmet werden.
Aufgrund der enormen Vielzahl der Arbeiten Montessoris einerseits und der Fülle der von ihr entworfenen Elemente innerhalb ihrer Konzeption andererseits, kann diese Arbeit das Gedankengut Montessoris nur streifen, es aber nicht im Detail vorstellen, da es gilt einen Gesamteindruck Maria Montessoris und ihrem pädagogischen Werk zu erlangen.
1 MICROSOFT ENCARTA Enzyklopädie Professional 2005.
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2. Maria Montessori
2.1. Kurzer biographischer Abriss
Ein präzises und klares Bild von der Person der Maria Montessori zu entwerfen fällt deshalb schwer, weil sie nie selbst eine Autobiographie verfasst hat 2 . Aus diesem Grund ist es unerlässlich sich an den wenigen Biographien über sie zu orientieren. Ingeborg Hedderich führt in ihrer „Einführung in die Montessori-Pädagogik“ 3 besonders Kramer „Maria Montessori. Leben und Werk einer großen Frau“ (1997) und Hebenstreit „Maria Montessori. Eine Einführung in ihr Leben und Werk“ (1999) 4 an. Auch bemerkt sie, dass sich die Beschreibungen über das Leben der Maria Montessori häufig stark zwischen den zwei Polen euphorischer Begeisterung für ihre Erziehungskonzeption und vernichtender Kritik 5 jener verorten lassen.
Im Folgenden soll nun ein kurzer Abriss über das Leben der Maria Montessori gegeben werden. Orientiert wird sich dabei an Ingeborg Hedderich.
Maria Montessori wurde am 31. August 1870 in Chiaravalle einem Ort in der Provinz Ancona, Italien, geboren. Bereits früh zieht ihre Familie, augrund einer beruflichen Versetzung ihres Vaters 6 nach Rom. In der Familie versucht vor allem der Vater eine traditionelle Rollenverteilung einzuhalten. Seine Versuche fruchten allerdings nur mäßig. Es wird beschrieben, dass Maria Montessori ausgeprägte Begabungen in Mathematik sowie in den Naturwissenschaften besaß, aus diesem Grund besuchte sie eine technische Oberschule, die allerdings eigentlich für Jungen ausgerichtet war. Bereits hier lässt sich ein starker Willen ihrerseits, jedoch auch große Unterstützung auf Seiten der Eltern erkennen, wobei hier wohl eher die Mutter Maria Montessoris, Renilde Stoppani, den Ausschlag zur Unterstützung dieser Entscheidung gegeben haben wird. Sie setzte ihre Hoffnungen in ihr einziges Kind und unterstützte sie in ihren Vorhaben und Bemühungen.
Als sich das Ende der Schulzeit nähert, entscheidet sich Maria Montessori zu einem Medizinstudium. Der Wunsch, Ärztin zu werden, dürfte dabei bei vielen Zeitgenossen auf Unverständnis gestoßen haben, denn es war ein ungewöhnlicher Wunsch für eine Frau zu jener Zeit, zumal ein Medizinstudium bis dato in Italien nur Männern zugänglich war. 7 Dies
2 Hedderich, Ingeborg: Einführung in die Montessori-Pädagogik, München 2005. S. 12
3 ebda
4 ebda S. 12
5 ebda S. 12
6 Ludwig, Harald: Montessori-Schulen und ihre Didaktik , Bd. 15, Stuttgart 2004. S. 2
7 Hedderich, Ingeborg: Einführung in die Montessori-Pädagogik. S.13
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lässt sich auch daran deutlich skizzieren, dass ein Medizinstudium für Montessori mit strengen Auflagen und Einschränkungen verbunden war, so durfte sie zum Beispiel erst nach ihren männlichen Kommilitonen den Hörsaal betreten, musste anatomische Übungen allein durchführen und das Sezieren von Leichen war ihr nur am Abend oder in der Nacht erlaubt. 8 Im Jahre 1896, mit 26 Jahren, macht Montessori ihren Abschluss zur Ärztin und promoviert im selben Jahre. Ihre ersten Schritte macht sie als Assistenzärztin an der Psychatrischen Uni-Klinik in Rom. Sie setzt sich für soziale Gerechtigkeit und bessere Bedingungen in der Erziehung von Kindern ein. Neben zahlreichen Vorträgen, die sie hält, leitet sie eine private Arztpraxis und studiert die Schriften von den Ärzten Jean Marc Gaspard Itard (1774-1838) und dessen Schüler Eduard Seguin (1812-1880). 9 Itard beschäftigte sich vor allem mit Taubstummen 10 und der Erziehung geistig behinderter Kinder. Eduard Seguin führte sein Werk fort und gilt heute als der Begründer einer „wissenschaftlich-systematischen Geistigbehindertenpädagogik“ 11 Beide französischen Ärzte prägten die Arbeiten der Maria Montessori nachhaltig, sodass diese deren Erkenntnisse für sich modifizierte und sie wahrscheinlich in ihre eigenen Studien einfließen ließ. So entwickelte Montessori die so genannten „Sinnesmaterialien“ von Seguin weiter und führte sie zu jener Form, die noch heute in den Montessori-Einrichtungen als Material zum Einsatz kommt. 12 Nach der Gründung des Heilpädagogischen Instituts in Rom am Ende des 19. Jahrhunderts übernimmt Montessori die Leitung von diesem. Aufgrund einer Schwangerschaft bricht sie allerdings nach zwei Jahren ihre Beschäftigung an diesem Institut ab. Allerdings werden sowohl Schwangerschaft als auch die Geburt des Kindes geheim gehalten. Hedderich vermutet, dass die Geheimhaltung aufgrund dessen geschieht, weil das Kind unehelich ist. 13 Der Sohn Mario wird aufs Land zu einer Pflegefamilie gegeben, mit 7 Jahren wird er in ein Internat in Florenz gebracht. Später wird er das Werk seiner Mutter fortführen. Als in San Lorenzo, einem Viertel von Rom, Wohnungen für bedürftige Familien und ein Hort für deren Kinder entstehen, soll Maria Montessori die konzeptionellen Grundlagen für die genannten Kindereinrichtungen schaffen. Mit dieser Tätigkeit verortet Hedderich auch den „Grundstein ihres (nun) folgenden Lebensweges auf dem Gebiet der Pädagogik“ 14 . Im Jahre 1907 eröffnet die nun 37jährige ihr erstes Kinderhaus (Casa dei Bambini), ein „Haus der Kinder“, dessen Leiterin keine Lehrerin oder Erzieherin mit klassischer Ausbildung der „alten
8 Hedderich, Ingeborg: Einführung in die Montessori-Pädagogik. S.12- 13
9 ebda S. 13
10
http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Itard
11 http://de.wikipedia.org/wiki/Edouard_S%C3%A9guin
12 Hedderich, Ingeborg: Einführung in die Montessori-Pädagogik. S.13
13 ebda S. 14
14 Hedderich, Ingeborg: Einführung in die Montessori-Pädagogik. S. 14
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Schule“ 15 ist, sondern die Tochter des Hausmeisters. In diesem Kinderhaus soll Montessori ihr „pädagogisches Urerlebnis“ 16 gehabt haben, welches später den zentralen Kern ihrer Pädagogik bildet und sie „Polarisierung der Aufmerksamkeit“ nennt. Sie beobachtet ein kleines Mädchen, das vertieft mit einem Sinnesmaterial spielt und sich dabei durch nichts und niemanden stören lässt. Als sie die Aufgabe bewältigt hat, sieht Montessori ihr eine tiefe Zufriedenheit an. Daraus leitet Maria Montessori ab, dass Kinder Eigenaktivität besitzen und sich durch eben diese in ihrer Entwicklung selbst vorantreiben. Sie kommt zu dem Schluss, dass wenn Kindern die richtigen und geeigneten Materialen zur Hand gegeben werden, sie dann freiwillig, motiviert und konzentriert arbeiten. 17 Das erste Buch, welches Maria Montessori herausbringt, erscheint 1909 unter dem italienischen Titel „Il methodo delle pedagogica“ und liegt ab 1913 in deutscher Übersetzung, „Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter“, vor. 18 Der heutige Titel lautet: „Die Entdeckung des Kindes“.
Maria Montessori kümmert sich von nun an um die Ausbildung von Erzieherinnen unter den Maßgaben ihrer Pädagogik und gibt ihre Arztpraxis schließlich auf. Sie legt mit knapp 40 Jahren den Grundstein für ihre neue Erziehungskonzeption und wird auch im Ausland bekannt. Viele Länder gründen nationale Montessori-Gesellschaften, um die Pädagogik Montessoris auszuweiten. Ab 1929 gründet sich die Association Montessori International (AMI), die sich aus vielen Montessori-Verbänden überall auf der Welt zusammengeschlossen hatte. Maria Montessori konzentrierte sich von nun an auf die Ausbildung von ErzieherInnen für ihre Einrichtungen. Die Ausbildung, welche die zweite Hälfte des Lebens der Maria Montessori prägten, wurden „in Form von Kursen, Vorträgen, Materialübungen und Hospitationen“ 19 mit Diplomabschluss durchgeführt. Dass diese Methode wirksam und erfolgreich ist, zeigt sich daran, dass die Organisationsstruktur bis heute beibehalten worden ist. Mit dem Auftreten des Faschismus erleidet auch die Pädagogik Montessoris einen herben Rückschlag, Einrichtungen werden geschlossen und ihre Bücher werden öffentlich verbrannt. Montessori begibt sich nach Indien und verweilt dort während des Zweiten Weltkriegs. 1949 kehrt sie nach Europa zurück und nimmt ihren Wohnsitz in den Niederlanden. 20 Im Alter von 82 Jahren findet sie an der holländischen Küste in Noordwijk aan Zee ihre letzte Ruhe. Ihr Sohn Mario und seine Kinder treten ihr pädagogisches Erbe an und setzten ihr Arbeit fort.
15 ebda S. 15
16 ebda S. 15
17 ebda S.15
18 ebda S. 16
19 Hedderich, Ingeborg: Einführung in die Montessori-Pädagogik. S.16
20 ebda S. 16
5
2.2. Äußere Umstände
Der Mensch wird geprägt durch die Vergangenheit und er prägt durch sein Tun die Zukunft. Um die Ideen der Maria Montessori besser zu verstehen, müssen sie in den historischen Kontext eingeordnet werden. Voraussetzung hierfür ist also sowohl die politische als auch die soziale Situation Italiens am Ende des 19. Jahrhunderts und am Anfang des 20. Jahrhunderts näher zu betrachten. Dies wird in Form eines kurzen Abrisses geschehen. Es soll dabei nicht ins Detail gegangen werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Italien ist besonders im 18. und 19. Jahrhundert geprägt durch Fremdherrschaft. Daraus entwuchsen zahlreiche Aufstände aus verschiedenen politischen Lagern, die allerdings zum größten Teil niedergeschlagen wurden. 21 Mit dem so genannten „Risorgimento“, das die Epoche der Schaffung eines geeinten italienischen Nationalstaates darstellt und von 1815 bis 1870 andauerte, wurde auch die breite Öffentlichkeit auf das „italienische Problem“ eines ungeeinten Staates aufmerksam. Der Krieg gegen Österreich (1848/49) scheiterte und erst mit Preußen als Verbündetem gelang es 1866 in einem erneuten Krieg gegen Österreich verschiedene Gebiete und Venetien wiederzuerlangen 22 . Im Zuge des Deutsch-französischen Krieges 1870/71 wird Rom von Italien zurückerobert und als Hauptstadt proklamiert. Der restliche Kirchenstaat wird annektiert. Im Geburtsjahr der Maria Montessori 1870 wird Italien unter Vittorio Emanuele II. zu einer geeinten Nation 23 . Doch durch die unterschiedlichen politischen sowie sozialen Entwicklungen der vereinten Länder entstehen vielfältige Probleme. Vor allem die große Kluft zwischen Arm und Reich wird durch die Anhebung der Steuern zu einem schier unüberwindbaren Problem. In den Städten entstehen große Armutsviertel und in der Mehrzahl der Bevölkerung machen sich Enttäuschung und
Unzufriedenheit über die bestehenden Verhältnisse breit. Auch die Arbeits- und Lebensbedingungen sind katastrophal. […] „ Männer, Frauen und Kinder arbeiten mehr als 12 Stunden pro Tag. 78% der Bürger über 10 Jahren sind Analphabeten.“[…] 24 Obwohl eine Schulpflicht seit 1859 besteht, ist es nur den Kindern aus den höheren Schichten der Bevölkerung möglich die Schule zu besuchen. 25 Zeit ihres Lebens ist es Maria Montessori ein Anliegen die soziale Kluft zwischen den Schichten zu tilgen und Gerechtigkeit für alle zu erlangen. Der Kampf Montessoris gegen die soziale Diskriminierung der Frau und des Kindes,
21 Microsoft Encarta 2005.
22 Missmahl-Maurer, Susann: Maria Montessori. Neuere Untersuchungen zur Aktualität und Modernität ihres
pädagogischen Denkens, Frankfurt am Main 1994. S. 10
23 ebda S. 10
24 ebda S. 11
25 ebda S. 11
Arbeit zitieren:
Anke Schulz, 2008, Maria Montessori - Leben, Werk und Bedeutung, München, GRIN Verlag GmbH
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