1. Einleitung und Begriffsklärung
Der Umgang mit und die Suche nach neuen Erfahrungen in der Arbeit mit den Prinzipien der F.M. Alexander‐Technik kann sehr unterschiedlich gestaltet werden. Es gibt dafür keinen Königsweg, die Praktizierenden sind zu einem großen Teil selbst verantwortlich dafür, in welche Richtung „es“ weitergeht. So lässt sich zum Einen sagen, dass es „die Alexander‐ Technik“ nicht gibt, dass eher bestimmte Grundsätze wie „Innehalten“ oder „Anweisungen geben“ dazu genutzt werden können, sich in eine bestimmte, das heißt auch selbst bestimmte Richtung zu entwickeln, in selbst bestimmten Anwendungsbereichen. Zum Anderen trifft es aber auch zu, dass Alexander konkrete Vorschläge gemacht hat, was Form und Begriffe angeht, zum Beispiel mit der Arbeit beim Verhältnis von Hals und Kopf zu beginnen, die Tischarbeit oder den Einsatz der Hände.
Für mich ist die Alexander‐Technik an diesem Punkt wie ein Kunstwerk. Das heißt, der Erschaffer genauso wie die Rezipienten haben gleichberechtigtes Deutungsrecht. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass es zum Verständnis eines Kunstwerks beitragen kann, sich damit zu beschäftigen, was der Erschaffer dazu mit welchen Argumenten gesagt hat, zumal wenn es sich dabei um einen seriösen Künstler mit jahrzehntelanger Erfahrung handelt.
Ich denke, man sollte beide Richtungen in sich entwickeln: „horizontal“ zu arbeiten, das heißt anwendungsbezogen, pragmatisch, nach persönlichem Interesse und eigener Einschätzung, und „vertikal“, also prinzipienbezogen und in die Tiefe gehend.
2. Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen der beiden
Tendenzen
Beide Tendenzen haben ihre Stärken und bei einer Überbetonung ihre Schwächen. Bei vornehmlich horizontaler Arbeitsweise ist für den Schüler von Anfang an vorteilhaft, dass die Anwendung der Erfahrungen aus den Unterrichtsstunden im Alltag direkter möglich ist als bei konsequent vertikalem Unterricht. Hier kann in Bezug auf den „Übertrag“ in den Alltag eine gewisse Ratlosigkeit bei den Schüler/innen herrschen. Man fühlt sich zwar nach den Stunden immer irgendwie besser, vielleicht hat man sogar Sensationelles erfahren, aber es kann leicht passieren, dass „die Alexander‐Technik“ und „der Alltag“ zunächst zwei ziemlich getrennte Welten darstellen. Ein ähnliches Phänomen kann bei Praktizierenden der Meditation auftreten - diese findet dann hauptsächlich „auf dem Kissen“ statt, wo Tiefgründiges erfahren werden kann, zum Beispiel bezüglich Öffnung zur oder Verschmelzung mit der Welt. Im Alltag zehrt der/die Praktizierende von diesen Erfahrungen, er ist allerdings noch lange nicht in der Lage, allen Lebewesen mit seinen/ihren Idealen
Weisheit, Liebe und Mitgefühl zu begegnen. Deren lebendige Ausformung findet im je eigenen Fall, in der konkreten Situation statt. Das wird im Unterschied zur Meditation „Achtsamkeitspraxis“ genannt und ist etwa analog zu dem, worauf die horizontale Arbeitsweise zielt: ein gewähltes Verhalten in Bezug auf eine konkrete Situation, orientiert an gewissen Grundsätzen, zu leben.
Dabei kann es passieren, dass die Chance vergeben wird, die in der allmählichen Entfaltung der Wirkung einer immer wieder repetierten Anweisung oder Übung liegt ‐ „das Verständnis kommt mit der Anwendung“. Gewisse Formen einzuhalten kann also dazu einladen, dass sich etwas in einer Person in eine bestimmte Richtung entfaltet, auf körperlicher, geistiger oder seelischer Ebene.
Ich tendiere in der Art, wie ich die Arbeit angehe, phasenweise mal zu der einen, mal zu der anderen Seite. In Alexander‐Sprache gesagt, ist meine unmittelbare Reaktion auf Stimuli Veränderungen unterworfen, die aus allerlei Variablen resultieren, zum Beispiel Stimmungen, Wetterlage, Schlafdefizit, Jahreszeit, neue Selbsterfahrungen usw. Deshalb ist es meiner Meinung nach vorteilhaft, einen bestimmten Teil der Arbeitszeit nach einem vorher festgelegten Rhythmus zu gestalten, einen anderen Teil nicht, mal scheinbar stupide oder zumindest nach einem Schema vorzugehen, mal kreativ zu sein. Letztendlich ist es aber keine Frage von entweder‐oder, mache ich etwas auf die eine oder die andere Weise, sondern von Maß und innerem Abwägen. Denn unabhängig von Thema und Unterrichtsmethode kann man eigenverantwortlich oder auch unselbstständig arbeiten, und das ist für mich ein zentraler Aspekt: Menschen können vor wesentlichen, etwas Gewohntes in Frage stellenden, wirklich neuen Erfahrungen in strenge vorgegebene Formen und Vorgaben flüchten, aber auch in viele schillernde Einzelheiten. Verschreibt man sich einer bestimmten Unterrichtstradition, etwa weil charismatische, erfahrene Lehrer dies oder jenes in ihrem Unterricht betonen, hat das den Vorteil, dass man über seine persönlichen Befindlichkeiten hinweg gewisse Dinge erarbeiten kann, auf die man von selbst vielleicht nicht gestoßen wäre. Von der Erfahrung anderer lernen ist und bleibt eine große Chance. Trotzdem ist man auf die eigene Verantwortlichkeit zurückgeworfen, denn in der Identifikation mit einer Person oder Idee beziehungsweise dem Bild, das man von dieser Person hat oder wie man diese Idee interpretiert, kann zwar viel Kraft liegen, aber nicht unbedingt die je eigene Wahrheit. Selbstbestimmt sein heißt für mich auch, dass die eigene Stimme stimmt, also mit mir stimmig ist, übereinstimmt, nach mir und aus mir heraus klingt und nicht nach etwas Ausgeliehenem oder jemand Anderem. Solange man sich in seiner Denkweise vor allem auf jemanden bezieht („ich arbeite auf diese Weise, denn XY macht(e) es auch“), traut man sich selbst nicht über den Weg. Auf der anderen Seite liegt der „Terror der Authentizität“: man verwirft Ratschläge auch von den verständigsten und erfahrensten Leuten, denn „man muss alle Erfahrungen selbst machen“. Man befindet sich in der berühmten „kritischen Distanz“. Allerdings ist man nicht notwendigerweise frei, wenn man ständig die Freiheit von Konventionen betont, es könnte sogar sein, dass die Idee von Freiheit dann zu einem Götzen geworden ist, dem man huldigt.
In diesem Bereich ein Maß zu finden, hat etwas Paradoxes: Ich will frei sein, und zu diesem Zweck muss ich mich und meine Ideen zurückstellen? Aber ausschließlich darin liegt eben nicht die Lösung. Es kommt eher darauf an, mit welcher Energie oder, wie Alexander in „Man´s Supreme Inheritance“ betont, inneren Einstellung ich die Sache angehe: arbeite ich etwas solange aus, bis meiner persönlichen Einschätzung nach ein bestimmtes Ergebnis erreicht ist, oder achte ich weniger oder sogar gar nicht mehr darauf, sondern konzentriere mich auf bestimmte „Mittel wodurch“? Irgendwie ist beides notwendig, letzten Endes Mönch und zugleich Weltmensch sein, Innehalten und Richtunggeben. Vielleicht liegt ein tiefer liegendes Problem bereits in der Annahme, man werde durch Mühe später ein Ergebnis erreichen, also irgendwo ankommen, vor allem innerlich gesehen: etwas haben, sicher sein, gut sein. Günstiger könnte es sein zu denken, dass ich ohnehin so bin wie ich bin, parallel dazu probiere ich bestimmte Dinge aus, und zwar eigenverantwortlich und auch wenn ich dafür vielleicht geradewegs in die Hölle fahre, mal auf Grundlage meiner bisherigen Erfahrungen und Überlegungen dazu, mal ganz neu oder weil mir jemand etwas vorschlägt. Dann behandle ich die Technik selbst als Richtung, Vorschlag, Tendenz und nehme mich und vor allem mein Wunschbild von mir nicht mehr gar so wichtig.
3. Beispiel: „horizontale“ Sicht auf eine „vertikale“
Anweisungsreihe
In der Alexanderwelt wird häufig folgende Anweisungsreihe direkt auf Alexander zurückgeführt:
Diese Hinterlassenschaft begleitet die Alexander‐Praktizierenden auf ihrem Weg und kann eine Referenz für die eigene Entwicklung darstellen, weil die Sicht darauf und das Verständnis von der Bedeutung sich im Laufe der Jahre stark verändern. Da diese Formel ein Substrat jahrzehntelanger Unterrichtspraxis darstellt, finde ich es angemessen, ihr und dem genauen Wortlaut Beachtung zu schenken und auch immer wieder einen Vertrauensvorschuss zu gewähren, sozusagen der Sache auf den Grund, also in
die Tiefe zu gehen, eben vertikal zu arbeiten. Nichtsdestotrotz darf ich auch Dinge verfolgen, die sich daraus entwickeln oder ergeben, die vielleicht auch zu einem gewissen Eigenleben gelangen (wie zum Beispiel die „Unterstützungsarbeit“ von Nadja Kevan mit einer ganz eigenen Serie von Anweisungen). Ich kann mein Anliegen möglicherweise klarer und treffender in eigenen Worten ausdrücken als in diesem Gerüst. Und ich kann mir Gedanken machen über unterschiedliche Aspekte, die in dieser Folge von Direktiven wie ein Potenzial liegen; ähnlich einem Bildhauer, der in einem Marmorklotz bereits eine Figur eingeschlossen sieht und sie dann freilegt. All das könnte man horizontales Arbeiten nennen, weil es bereichert, erweitert und füllt. Es geht eben nicht nur um Längen, sondern auch um Weiten. Für mich sind im Arbeiten mit dieser Sequenz zurzeit folgende Aspekte wichtig und inspirierend: 1. Prävention
Die Beschreibung „vorne und oben“ und auch die weiteren sind in erster Linie dafür da, das Gegenteil zu vermeiden, also in den angesprochenen Körperregionen dafür zu sorgen, dass man nicht mit störender (entweder zu viel oder zu wenig) Muskelaktivität eingreift, etwas „tut“. 2. Sich sortieren
Besonders die Verhältnisse der Körperregionen zueinander beachten: der Kopf soll in Bezug zum Hals eine Richtung nach vorne (vorwärts) und nach oben (über dem Hals) bekommen, der Rücken sich zu den Extremitäten hin ausbreiten, die Knie in Bezug zum Rücken nach vorne und in Bezug zueinander nach außen gehen.
3. Sich im Raum orientieren
Besonders das Öffnen nach außen, das Zeigen in eine Richtung betonen: nach vorne und nach oben im Raum zeigen, wohin weist die Länge und die Weite des Rückens? Auf diese Weise über das gewöhnliche Bild von Körper hinausgehen: das, worauf ich mich beziehe, miteinbeziehen: alles Lösen und jede Bewegung findet in dem vertikalen Kraftfeld von Schwer‐ und Leichtkraft statt. Das „up“ bleibt eine im Raum senkrechte Tendenz, die auf mich wirkt, auch wenn der Kopf nach unten zeigt oder der Rücken wie im Liegen parallel zum Boden ist.
4. Eins nach dem Anderen und alles zusammen - „um zu“
„Order“ heißt nicht nur Anweisung, sondern auch Reihenfolge. Das Lösen im Hals findet statt, damit der Kopf seine Richtungen finden kann usw. Lösen mit Richtung ist etwas völlig anderes als Entspannung. Man kann die vier Anweisungen aufeinander aufbauen lassen, das heißt, die erste bleibt wie ein Grundton liegen, darauf klingt die zweite usw., daraus ergibt sich ein Gesamtklang ‐ ein Akkord, der nicht ein diffuses „Alles ist Eins“ ist, sondern Vielheit, die zusammengehört und im Zusammenwirken die Eigenschaft entwickelt, etwas komplexes Ganzes zu sein. 5. Ein großes Lassen
Ich lasse (den Hals frei), um (den Kopf nach vorne und oben gehen) zu lassen, um (den Rücken sich längen und weiten) zu lassen. Ich lasse, um zu lassen, um zu lassen…sich selbst sein lassen, sich alleine lassen, sich in Ruhe lassen.
6. Die Qualität des Denkens selbst beachten
Auch die Art und Weise, die Qualität und Intensität beachten, mit der man denkt: was möchte ich durch diese Arbeit an mir erreichen, wie sehr bestimmt mich dieser Wunsch? Oder ist es mir eher gleichgültig, was „herauskommt“ bei diesem weiteren Mal von vielen, vielen Malen, die ich diese Anweisungsreihe noch rezitieren werde? Höre ich, wenn ich denke, den Klang meiner Stimme, stelle ich mir Bilder vor, und wenn, dann welche, sehe ich Text, spüre ich in erster Linie zu den angesprochenen Körperregionen hin? Lade ich mich ein oder gebe ich Befehle, streng oder weich, ausschließend oder akzeptierend?
7. Den Rücken bis in die Extremitäten hinein denken (Anatomie) Anatomisch begründet lässt sich sagen, der Rücken bzw. Muskeln, die im Rücken ansetzen, gehen direkt weiter in die Arme und Beine. Die Anweisung „den Rücken sich längen und weiten lassen“ so informieren, dass das, was ich mit Rücken meine, zum Beispiel bis zu Knien und Ellbogen geht.
8. Primärsteuerung chronologisch
Anweisungen geben heißt, sich etwas vorzustellen ‐ man stellt sich und einer geplanten Aktion etwas vor, das heißt: voran. Das bedeutet für mich, dass der Kopf führt. Diese Aktivität spiegelt sich auf der körperlichen Ebene, umgekehrt ist es schwieriger: zu versuchen, eine Bewegung endlich so hinzubekommen, dass der Kopf anführt. Das wäre für
mich nicht der Vorschlag von Alexander, sondern ein klassisches „doing“: ich richte mich nach meiner unzuverlässigen Sinneseinschätzung.
9. Eine unbeschreibliche Richtung
„Vorne und oben“ sowie „längen und weiten“ als Richtungen sehen, die zunächst jeweils, dann auch gemeinsam nur einen einzigen Vorgang und nicht jeweils zwei Aktionen beschreiben. Dieses Unmittelbare liegt nicht in der Wahl der Worte, nicht in einem genauen Ordnen der Körperregionen zueinander, nicht in Orientierung im Raum, nicht in der Reihenfolge, nicht im Klang meiner Stimme und nicht in der richtigen Chronologie, sondern…?
Arbeit zitieren:
Diplom-Musiker Johannes Weber, 2009, Horizontale und vertikale Herangehensweise in der Arbeit mit den Prinzipien der F.M. Alexander-Technik, München, GRIN Verlag GmbH
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