Arbeitsphasen in Stillarbeit durchführen, habe ich mich dazu entschieden, an diesen Problemen zu arbeiten.
Ein weiterer Grund für die Entscheidung eine „lehrergeleitete“ Unterrichtsreihe aufzubauen, waren die im Hinblick auf das Leistungsniveau der Klasse anspruchsvollen Themen und Inhalte der Reihe „Heil Dir im Siegerkranz“. Politische Strukturen und Verflechtungen, die in dieser Reihe unausweichlich sind, sind für die Schüler fern ab ihrer Lebenswelt und entsprechen nicht ihren Interessen. Um sie deshalb nicht zu überfordern und sie trotzdessen Erfolgserlebnisse erfahren zu lassen, habe ich mich dazu entschieden, über geleitete Stunden Motivation aufzubauen und sie mit den Inhalten „nicht alleine zu lassen“, ihnen aber im Rahmen der Möglichkeiten genügend Freiraum zur selbsttätigen Arbeit einzuräumen.
Des Weiteren möchte ich erwähnen, dass ich vorab mit dem Deutschlehrer und der Kunstlehrerin der Klasse gesprochen habe. So wurde das Thema „Sinne und Wahrnehmungen“ fächerverbindend integriert und im Rahmen der Möglichkeiten durchgeführt. Dies war mir sehr wichtig, damit die Klasse in dieser Stunde nicht zum ersten Mal mit dem Begriff „Wahrnehmungen“ konfrontiert wird.
2. Das Thema der Stunde
Das Thema der Stunde lautet:
„Zwischen Wahnsinn und Wahrnehmung- Eine ästhetisch- empathische Annäherung an das Soldatendasein im Ersten Weltkrieg mittels der Präsentation und Erarbeitung von Sinneseindrücken.“ 2
„Die Wahrnehmungen eines Soldaten an der Front des Ersten Weltkrieges- Was haben sie gesehen, gerochen und gehört?“ 3
Die Schüler sollen in dieser Stunde den Krieg an der Front des Ersten Weltkrieges aus der Perspektive eines Soldaten wahrnehmen.
Durch eine einführende audio- visuell gestaltete Powerpoint Präsentation sollen die Schüler einen Zugang zu den Sinneseindrücken eines Soldaten erhalten und einen ersten Eindruck gewinnen, was die Soldaten an der Front gesehen, gerochen und gehört haben. Um die Präsentationsinhalte erneut 4 aufzugreifen und auf die kommende Arbeitsphase überzuleiten, werden einem „Pappsoldaten“ , der
zu Beginn der Stunde „vorgestellt“ wurde, Sprechblasen zugeordnet bzw. gefüllt. Nun sollen die
2 Offizielle Bezeichnung.
3 Vereinfachte Schülerbezeichnung.
4 Dieser selbst gebastelte Soldat repräsentiert weder eine Nation noch andere individuelle Aspekte. Auch die Uniform o.ä. bezieht sich nicht auf eine der angesprochenen Bereiche. Er steht ganz allgemein für die Berufsgruppe „Soldat“.
Lernenden aus ihren gewonnen Eindrücken einen Tagebucheintrag verfassen, der vorgelesen und durch ein positives Feedback der Mitschüler kommentiert wird. Die Stunde wird durch eine abschließende Reflexionsphase geschlossen, in der die Lernenden noch einmal zusammenfassen sollen, was sie in dieser Stunde erfahren konnten und um sich aus der Perspektive des Soldaten zu lösen.
3. Lernziele Hauptziel:
- Die Lernenden sollen einen empathischen Zugang zu den Erlebnissen bzw. Wahrnehmungen eines Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges entwickeln, indem sie die Inhalte der Powerpoint Präsentation aufnehmen und bei dem Verfassen des Tagebucheintrages anwenden. ( affektives Lernziel 5 ) Nebenziele:
- Die Schüler sollen lernen, Situationen bzw. Begebenheiten aus den Augen eines Betroffenen zu sehen. (affektives Lernziel)
- Die Schüler sollen lernen, Eindrücke und Wahrnehmungen in eine schriftliche Form zu transferieren. (methodisch- strategisches Lernziel)
- Die Schüler sollen erkennen, welchen (psychologischen) Belastungen die Soldaten an der Front ausgesetzt waren. (Inhaltlich- fachliches Lernziel)
4. Methodisch- didaktische Begründung Zur Lerngruppe:
Ich begleite die Klasse 8c seit dem Beginn meiner Ausbildung und unterrichte sie (bis auf eine drei monatige Unterbrechung) unter Anleitung im Fach Geschichte. Die Klasse besteht aus insgesamt 24 Schülern. Aufgrund von einigen „Schulschwänzern“ habe ich sie allerdings bisher nie in der vollständigen Zusammensetzung unterrichtet. Durchschnittlich nehmen 18-20 Schüler am Unterricht teil. Das Leistungsniveau der Klasse ist unterdurchschnittlich. Allgemein kann man sagen, dass die Klasse gravierende sprachliche Defizite aufweist, was schon beim Lesen von sehr einfachen und kurzen Texten klar wird. Der lückenhafte Wortschatz der Schüler führt dazu, dass sinnentnehmendes Lesen problematisch ist und die Inhalte sehr lückenhaft aufgenommen bzw. verinnerlicht werden. Weitere Probleme zeigen sich im Bereich des Sprachhandelns. Die meisten Schüler tun sich sehr schwer bei der Artikulation und Formulierung von Aussagen. Dies ist nicht
5 Gleichzeitig stellt dies jedoch auch ein inhaltlich- fachliches Lernziel dar, da es ebenso um die Erfassung von historischen Inhalten geht.
zuletzt darauf zurück zu führen, dass 14 Lernende einen Migrationshintergrund aufweisen. Bei Präsentationen ist mir immer wieder aufgefallen, dass die Schüler Schwierigkeiten haben, längere schriftliche Aufgaben zu bearbeiten und sich verständlich auszudrücken. Einige Schüler zeigen sich jedoch interessiert, versuchen mitzuarbeiten und den Unterricht nach vorne zu bringen.
Zur Begründung der Stunde:
Warum eine ästhetisch- empathische Annäherung an das Thema „Das Gesicht des Krieges“ und was bedeutet es genau für meine Stunde?
Ästhetik bezieht sich in der historischen (oder politischen) Bildung auf die „Thematisierung von Wahrnehmungen aller Art […] und [kann] sich auf Wahrnehmungen, Gefühle, aber auch auf […] Medien als Inspirationsquelle, als Leit- und Vollzugsmedien für sinnliche Erkenntnis in politischen Lernprozessen beziehen.“ 6 Und genau darum geht es in dieser Stunde. Die Schüler sollen versuchen sich anhand einer medialen Präsentation in die Wahrnehmungen eines Soldaten einzufühlen. Sie sollen sich inspirieren lassen und den Krieg aus den Augen eines Beteiligten sehen. Damit spreche ich einen weiteren Aspekt der Stunde an; Perspektivübernahme bzw. Empathie. „Eine soziale Perspektivübernahme fördert das soziale und das politische Lernen. Mit dieser Denkoperation werden Jugendliche dazu gebracht, ihre Mitmenschen wahrzunehmen und sich mit deren Situation auseinanderzusetzen.“ 7 Die Kopplung dieser beiden Bereiche, Ästhetik und
Empathie, halte ich für das Thema meiner Stunde und für diese Lerngruppe als besonders geeignet. In den letzten Stunden ging es darum anhand von Texten politische Strukturen zu erkennen, Ursachen und Gründe aufzudecken und Begriffe zu erläutern, doch in dieser Stunde geht es um etwas anderes. Die Schüler sollen entdecken, sich in eine Person (bzw. Personengruppe) ein denken und -fühlen. Das Lesen von Texten oder Quellen könnte an dieser Stelle nicht das erreichen, was eine mediale Darbietung, gestützt durch auditive (und visuelle) Inszenierungen schafft. Aus der Erfahrung mit dieser Klasse heraus kann ich behaupten, dass z.B. eine reine Textarbeit nur an der „Oberfläche der Schüler kratzt“ und nicht ins Innere vordringt, das was in dieser Stunde gefragt ist.
Aber warum die Kompetenzen der Schüler im Bereich Perspektivübernahme schulen?
6 Kuhn/Massing (Hrsg.): Lexikon der politischen Bildung. Methoden und Arbeitstechniken. Wochen Schau Verlag. Schwalbach/ts., 2000. S. 1.
7 Kuhn/Massing. 2000. S. 125.
Arbeit zitieren:
Katharina Hardt, 2009, Unterrichtsskizze: Zwischen Wahnsinn und Wahrnehmung - eine ästhetisch-empathische Annäherung an das Soldatendasein im Ersten Weltkrieg mittels der Präsentation und Erarbeitung von Sinneseindrücken, München, GRIN Verlag GmbH
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