2
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit „Kontakte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bis zum Stinnes-Legien-Abkommen, November 1918“ beleuchtet das Verhältnis und den Wandel dieses Verhältnisses zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Hierbei stehen die Gewerkschaften als Vertreter der Arbeitnehmer und die Unternehmer bzw. Arbeitgeberverbände als Vertreter der Arbeitgeber. Im Fokus des Interesses stehen hierbei die unterschiedlichen Ansichten der beiden Parteien. Erklärend muss daher auf den Beginn der Gewerkschaftsbewegung hingewiesen werden; die Unternehmerseite kann hierbei vernachlässigt werden, da bekannt ist, dass mit Beginn der Industrialisierung das Deutsche Reich von großer industrieller Dichte geprägt war.
Entscheidend bei der Entstehung und Entwicklung sind die unterschiedlichen negativen Faktoren, die auf die Gewerkschaften einwirkten. Konnten die Gewerkschaften sich nach dem Auslaufen des Sozialistengesetzes 1890 neu konstituieren und zu einer Massenorganisation heranwachsen, so mussten sie sich dennoch den Weg über viele Stolpersteine bahnen, die nicht zuletzt von den Unternehmern, mehr noch aber vom kaiserlichen Obrigkeitsstaat in den Weg gelegt wurden.
Prägend für die Geschicke der Gewerkschaften war die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, die die immer größer werdende gewerkschaftliche Organisation und Politik leitete. Hierbei muss vor allem auch die Person Carl Legien gesondert betrachtet werden. Seine Ideen und Überlegungen, mit denen er die Leitung der Gewerkschaften fast 30 Jahre lang ununterbrochen führte, werden im Schlusskapitel betrachtet.
Gegliedert ist die Arbeit in 3 Teile. Im ersten Teil wird die Vereinigung der sogenannten Freien Gewerkschaften im Kontext der gewerkschaftsfeindlichen Politik Bismarcks und dessen Nachfolger erörtert sowie die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Freien Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden. Zwar konnten Kontakte zu den
Unternehmern aufgenommen werden und durch Tarifverträge positiv abgeschlossen werden, aber es zeigte sich, dass es vor allem die Großindustriellen waren, die gewerkschaftsfeindlich waren und an einer Zusammenarbeit mit den Freien Gewerkschaften nicht interessiert waren. Im zweiten Teil thematisiert die Arbeit den weiteren Verlauf der Kontakte und zeigt, dass sich das Verhältnis zwischen den Freien Gewerkschaften und dem Obrigkeitsstaat sowie den Unternehmern zu Gunsten der Arbeiterschaft verändert hatte.
Die Freien Gewerkschaften wurden nun als offizielle Interessensvertretung der Arbeiterschaft angesehen. Die Gründe für diesen Wandel in der Beziehung von Arbeit und Kapital werden
3
dargestellt und erläutert. Auf der anderen Seite zeigte sich jedoch, dass die Bipolarität der gewerkschaftlichen Kriegspolitik - einerseits Vertretung der Arbeiterschaft, andererseits Zusammenarbeit mit staatlichen und unternehmerischen Instanzen - dazu führte, dass sich innerverbandliche Oppositionsströmungen entwickelten.
Aus diesen Protestbewegungen, die auf die verschiedenen sozialen und politischen Faktoren zurückzuführen sind, entwickelte sich unter anderem die revolutionäre Masse, die am 9.11.1918 mit dem Matrosenaufstand in Kiel eine ganze Revolution auslöste. Im dritten Teil wird dargestellt, inwiefern diese revolutionäre Macht dazu beitrug, dass mit dem ZAG oder auch dem Stinnes-Legien-Abkommen ein Vertragswerk zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern unterzeichnet wurde, welches sozialpolitische Errungenschaften darstellte, für die die Gewerkschaften jahrzehntelang verbissen gekämpft hatten.
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Freien Gewerkschaften, die die meisten Mitglieder aller Gewerkschaften besaßen und die somit den Kurs der gesamten gewerkschaftlich gebundenen Arbeiterschaft bestimmten. Ebenfalls mitgliederstark, aber im Vergleich zu den Freien Gewerkschaften nur ein Bruchteil der Mitglieder der Freien Gewerkschaften umfassend, waren die Hirsch-Dunkerschen Gewerkvereine und die christlichen Gewerkschaften. Von daher werden sie in der Arbeit jeweils nur kurz erwähnt und treten dann in Erscheinung, wenn sie zusammen mit den Freien Gewerkschaften, wie z.B. beim Hilfsdienstgesetz (HDG) oder bei der Gründung der ZAG (Zentralarbeitsgemeinschaft) aktiv in den Kontakten und Verhandlungen mit dem Staat und den Unternehmern in den Vordergrund traten.
2. Vom Sozialistengesetz bis zur Vereinigung der Freien Gewerkschaften auf dem Halberstädter Kongress 1892
2.1 Das Sozialistengesetz
Am 21. Oktober 1878 wurde das Gesetz „gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ erlassen. Das sogenannte Sozialistengesetz wurde insgesamt dreimal erneuert und lief erst im Jahre 1890 aus. Reichskanzler von Bismarck hatte bereits im Mai 1878 dem Reichstag einen Entwurf für obiges Gesetz vorgelegt, doch dieser wurde von der Mehrheit des Parlaments abgelehnt. Erst nach einem zweiten Attentat auf den Kaiser, welches angeblich von zwei Mitgliedern bzw. ehemaligen Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiter Partei (SAP) verübt worden war, bei denen Kaiser Wilhelm I. schwer verletzt worden war, wurde die Gesetzesvorlage nach einer Neukonstituierung des Reichstages - diesmal mit den Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen - angenommen. Bismarck hatte es geschafft, die Attentate auf den Kaiser politisch und gesellschaftlich zu instrumentalisieren,
4
sodass das Sozialistengesetz nicht nur für die Mehrheit der Parlamentarier, sondern auch für die Gesellschaft als ein notwendiges und wichtiges Mittel im Kampf gegen die Sozialistische Arbeiterpartei und gegen alle anderen sozialistischen Vereinigungen erschien. Es sei noch darauf hingewiesen, dass trotz intensiver Bemühungen der Polizei keine Verbindung zwischen dem zweiten Attentäter, Dr. Nobiling, der offensichtlich geisteskrank war, und der SAP nachgewiesen werden konnte. 1
Die Grundintention Bismarcks bestand jedoch darin, die sozialistischen Einflüsse, die sich seit Beginn der Industrialisierung in Deutschland im gesellschaftspolitischen Leben ausgebreitet hatten, abzuwenden. Das Ausnahmegesetz verbot alle der SAP nahestehenden sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Organisationen, sofern sie sozialistische Bestrebungen aufwiesen.
Als Gegenstück zum Sozialistengesetz ist die Bismarcksche Sozialgesetzgebung (1883 Krankenversicherung, 1884 Unfallversicherung) zu betrachten, deren Doppelstrategie darin bestand, die soziale Situation der proletarischen Massen zu verbessern und sie zugleich den sozialdemokratischen Ideen zu entfremden.
Das Intensität des Sozialistengesetzes lässt sich in drei Phasen aufteilen. In der ersten Phase von 1878-1881 verbot die exekutive Staatsgewalt alles, was mit den sozialistischen Bestrebungen in Verbindung gebracht werden konnte. Auch wurde in jener Zeit über Berlin der „Kleine Belagerungszustand“ verhängt, der für Sozialdemokraten die Möglichkeit der Ausweisung bedeutete. 2 Die Tatsache, dass mehrere Tausend Menschen aufgrund des „Kleinen Belagerungszustandes“ auswanderten und dass mehrere Tausend Menschen aufgrund von sozialistischen Agitationen wie z.B. Verteilen von Flugblättern oder der Teilnahme an sozialistischen Veranstaltungen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, unterstreicht Allbrechts Darstellung. Sie zeugt von der Schwere des Schicksals dieser Menschen 3 .
In der zweiten Phase, der sogenannten „milden“ Phase, agierten die Behörden eher aus einer beobachtenden Position heraus; man versuchte einen größeren Einfluß auf die Arbeiterbewegung zu gewinnen, indem man den Organisationen einen gewissen Spielraum
1 Allbrecht, Willy: Bismarck und die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, in: Bismarck in der Sozial- und
Kulturgeschichte. Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalts. Hrsg.: Landesheimatbund
Sachsen-Anhalt e.V., Halle 1999, S. 24 [im Folgenden zitiert als: Allbrecht, Willy: Bismarck und die
sozialdemokratische Arbeiterbewegung].
2 Ebd., S. 27.
3 Ebd., S. 28.
5
gewährte und sogar die Bildung örtlicher Wahlvereine und gewerkschaftlicher Fachvereine zuließ. 4
Die dritte Phase des Sozialistengesetzes von 1886-1890 ist gekennzeichnet durch einen verstärkten Druck der exekutiven Staatsgewalt auf die sozialistischen Organisationen. Hierfür verantwortlich war der enorme Mitgliedergewinn der Freien Gewerkschaften und der Stimmengewinn bei den Reichstagswahlen für die Sozialdemokraten im Jahr 1884 (s.u.). Trotz der staatlichen Unterdrückung und Verfolgung sämtlicher sozialistischer Organisationen konnten die Sozialdemokraten bereits während der Zeit des Sozialistengesetzes ihre Stimmenanteile von 7,6% im Jahre 1878 auf 19,7% im Jahre 1890 erhöhen und waren bereits im Jahre 1890 die stimmenstärkste Partei im Deutschen Reichstag. 5
Auch die Mitgliederentwicklung der gewerkschaftlichen Spitzenverbände zeigt, dass die Arbeiterbewegung entgegen der Intention des Sozialistengesetzes stärker wurde. So wuchs die Zahl der Mitglieder in den Freien Gewerkschaften von 56.275 im Jahre 1878 auf 294.551 im Jahre 1890. 6
Die Gründe für den enormen Zuwachs an Mitgliedern in den Freien Gewerkschaften bereits während des Sozialistengesetzes sind vielfältig. Sicher ist, dass die Phase der Unterdrückung und Repressionen dazu führte, dass die Bewegung - entgegen der ursprünglichen Intention Bismarcks - sich nicht auflöste, sondern eher erstarkte. Die Arbeiter rückten näher zusammen gegen die staatliche Gewalt und versuchten mit allen Mitteln, ihre Meinung in der Öffentlichkeit kund zu tun.
August Bebel hatte bereits am 18. September 1878 im Reichstag über das abzustimmende Sozialistengesetz verkündet:
„Die Arbeiter werden, dessen seien Sie sich sicher, mit der äußersten Zähigkeit für ihre Überzeugungen eintreten, sie werden in Werkstätten, in der Familie, und im Bierhaus, auf der Eisenbahn, Sonntags auf Spaziergängen und an vielen anderen Orten, wo sie niemand genau zu kontrollieren im Stande ist, zusammenkommen. Jeder wird seine zwei, drei vielleicht auch zehn Broschüren in der Tasche mitnehmen; Sie werden ihre Freunde und Bekannte auf dem Lande und in den abgelegensten Theilen der Städte besuchen und ihnen diese Broschüren geben. Und diese Thätigkeit lahm zu legen wird Ihnen
ganz unmöglich sein.“ 7
4 Scherer, Peter: Der Kampf gegen das Sozialistengesetz, Hrsg.: Vorstand der IG Metall für die Bundesrepublik
Deutschland. Abteilung Bildungswesen/Bildungspolitik, Frankfurt a.M. 1978 [im Folgenden zitiert als: Scherer,
Peter: Der Kampf gegen das Sozialistengesetz]. S. 26.
5 Ritter, Gerhard: Die Ausbreitung der Sozialdemokratie: Reichstagswahlen 1871-1912, Wahlgeschichtliches
Arbeitsbuch. Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1871-1919, München 1980, S. 38-42.
6 Hohorst, Gerd/ Kockka, Jürgen/ Ritter, Gerhard: Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch des Kaiserreiches 1870-
1914, München 1975, S. 135-137.
7 Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, IV. Legislaturperiode, 1. Session
1878, S. 46.
6
In diesem Auszug aus der Rede skizzierte Bebel fast schon prophetisch den Kampf der Arbeiterbewegung gegen das Sozialistengesetz. Der Kampf der Arbeiter für die sozialistischen Interessen wurde überall dort geführt, wo die Exekutive nur schwer einschreiten konnte. Die sogenannten Exilsozialisten organisierten sich im Ausland und produzierten z.B. das Parteiorgan „Der Sozialdemokrat. Internationales Organ der Sozialdemokratie“ in Zürich. Die Zeitungen wurden nach Deutschland geschmuggelt und unter den Arbeitern verteilt. Besonders beliebt waren die völlig legalen Beerdigungsumzüge bewährter Parteimitglieder, zu denen Tausende von Sozialdemokraten pilgerten, um diese in Massenversammlungen und Demonstrationszüge umzuwandeln. 8 Ebenfalls im Ausland, in Wyden in der Schweiz, wurden geheime Kongresse abgehalten, an denen auch die sozialdemokratischen Parlamentsmitglieder aus Deutschland teilnahmen. Auch die unter Decknamen neugegründeten Verein, wie Turn-, Gesangs- oder Wandervereine wirkten stark hinein in das sozialdemokratische Milieu. 9
2.2 Die gesellschaftspolitischen Folgen für die Freien Gewerkschaften Die Freien Gewerkschaften verloren in den ersten Jahren nach Inkrafttreten des Sozialistengesetzes 17 gewerkschaftliche Zentralverbände, 63 Lokalvereine und 16
Unterstützungsvereine, denen ca. 55.000 Mitglieder angehörten. 10 Durch die Zerschlagung der 17 gewerkschaftlichen Zentralverbände fand ein Austausch der kompletten gewerkschaftlichen Führungsschicht statt. Dadurch kamen junge Männer in die Verantwortung, die zu dieser Zeit im Gegensatz zu den alten Parteiführern in der SPD gerade einmal um die 30 Jahre alt waren. Diese jungen Gewerkschaftsführer, Carl Legien, August Brey, Alexander Schlicke, Theodor Bömelburg oder Oswald Schumann repräsentierten eine neue Generation von Führungspersönlichkeiten, die selbst proletarischer Abstammung waren, aber aufstrebend und ehrgeizig genug, um institutionelle Normen und programmatische Prinzipien zu erwirken 11 , mithilfe derer der Auf- und Ausbau der Gewerkschaften zur Massenbewegung möglich war.
Als das Sozialistengesetz im Herbst 1890 auslief, hatte sich die Gewerkschaftsbewegung neu formiert. Eng verbunden mit der Organisationswilligkeit der Arbeiter und als ein wesentliches Movens der Gewerkschaftsbewegung anzusehen, war ihre Bereitschaft in einen Streik zu treten. Der aus dem englischen stammende Begriff Streik (engl. to strike zurückschlagen)
8 Scherer, Peter: Der Kampf gegen das Sozialistengesetz, S. 21.
9 Allbrecht, Willy: Bismarck und die sozialdemokratische Arbeiterbewegung
10 Ritter, Gerhard/ Tenfelde, Klaus: Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914, Bonn 1992, S. 93f. [im
Folgenden zitiert als: Ritter/Tenfelde: Arbeiter im Deutschen Kaiserreich].
11 Schönhoven, Klaus: Expansion und Konzentration. Studien zur Entwicklung der Freien Gewerkschaften im
Wilhelminischen Deutschland 1890 bis 1914. Stuttgart 1980, S. 93 [im Folgenden zitiert als: Schönhoven,
Klaus: Expansion und Konzentration].
7
wurde von den Gewerkschaften bewusst eingesetzt und ersetzte den spontanen sozialen Protest. Die Arbeiter gingen in den Streik, um ihren unmittelbaren Interessen -Lohnsteigerung und Arbeitszeitreduzierung - Nachdruck zu verleihen, doch nach und nach erkannten sie, welches bedeutsame Machtinstrument sie mit der Arbeitskampfform des Streiks besaßen. So hatte die Streikwelle von 1889/90 für die Arbeiter eine „greif- und zählbare bewusstseinsfördernde Funktion“ 12 .
Der 1. Mai 1890 zeigte jedoch, dass die Gewerkschaftsbewegung vor allem darunter litt, dass viele verschiedene gewerkschaftliche Vereine, Organisationen und Vereinigungen nebeneinander existierten. Die einzelnen lokalen Fachvereine erlitten teilweise schwere Niederlagen. In Hamburg wurden beispielsweise 20.000 Arbeiter von den Unternehmern ausgesperrt. Auch 3000 Hamburger Tabakarbeiter wurden von November 1890 bis März 1891 ausgesperrt. Ebenso symptomatisch waren die Streikniederlage der Buchdrucker im Winter 1891/92 oder die Streiks von 20.000 Ruhrbergarbeitern 1891. 13 Die Unternehmer gingen nun sehr viel stärker und rigoroser gegen die Streikenden vor, indem sie monatelang die jeweiligen Arbeiter von der Arbeit aussperrten und sie erst wieder einstellten, wenn diese ihren Austritt aus den Gewerkschaften erklärten. Die entstandenen Kosten für die monatelangen Streiks der Arbeiter mussten die jeweiligen Verbände tragen, was einerseits einen enormen finanziellen Verlust bedeutete, andererseits einen beträchtlichen Mitgliederschwund zur Folge hatte.
2.3 Der Halberstädter Kongress 1892
Einige Historiker nennen den 01. Mai 1890 als Geburtstunde einer neuen Epoche in der Geschichte der sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften 14 , da nach diesen Ereignissen deutlich wurde, dass die Organisation der Gewerkschaften darunter litt, dass das Nebeneinander der vielen Fachvereine, der Berufsvereine u.a. zu einer Schwächung der Gesamtbewegung führte. Aus diesem Grund rückte die Organisationsfrage der Gewerkschaften 1890 in den Mittelpunkt der gewerkschaftlichen Tagesordnung. Am 16. November fand in Berlin eine Konferenz sämtlicher Gewerkschaftsorganisationen statt, auf der sich Vertreter der unterschiedlichsten gewerkschaftlichen Vereinigungen trafen, um über die zukünftige Organisationsform der Gewerkschaften zu debattieren. Die Mehrheit sprach sich für ein zentralisiertes Organisationsmodell aus. Argumente, die gegen die lokale Organisationsform sprachen, beschrieben vor allem die Notwendigkeit der zentralistischen
12 Ritter/Tenfelde: Arbeiter im Deutschen Kaiserreich, S. 86.
13 Schönhoven, Klaus: Expansion und Konzentration, S. 98f.
14 Schröder, Wolfgang: Klassenkämpfe und Gewerkschaftseinheit; zitiert nach: Schönhoven, Klaus: Expansion
und Konzentration, S. 98.
8
Organisationsform, da nur sie die wirtschaftliche Notlage des Arbeiterstandes beheben könne. 15
Aus der Grundsatzentscheidung gegen die lokalistische Organisationsform erwuchs auch die Auffassung, dass die Hauptaufgabe der Gewerkschaften in der Vertretung wirtschaftlicher Interessen bestand. Die Lokalorganisationen waren seit dem Sozialistengesetz die Basis für den radikalen Teil der Arbeiterschaft. Diese Basis war politisch motiviert, da man sich an dem Konzept der Syndikalisten in den romanischen Ländern orientierte, welche keine Trennung von politischer und ökonomischer Bewegung kannten. 16
Auf der Berliner Konferenz wurde noch eine zweite wichtige Entscheidung getroffen: Die Gründung einer überverbandlichen gesamtgewerkschaftlichen Kommission, die Organisations- und Koordinationsaufgaben übernahm. In die Kommission wurden die bereits oben genannten Führungspersönlichkeiten gewählt. Mit der Herausgabe des Correspondenzblatts, das 1891 erstmals erschien, hatte Carl Legien sich und den Gewerkschaften eine beachtliche publizistische Plattform geschaffen, 17 der vor allem im ersten Jahr die Fragen nach der zukünftigen gewerkschaftlichen Organisation gewidmet waren.
Vom 14. bis zum 18. März 1892 fand in Halberstadt der erste zentrale Gewerkschaftskongress statt. Die seit der Konferenz in Berlin 1890 getroffenen Grundlinien der zukünftigen Gewerkschaftspolitik wurden auf dem Kongress von Halberstadt mit deutlicher Mehrheit beschlossen und auch die Mitglieder der vorläufigen Generalkommission wurden endgültig gewählt.
Die Lokalisten verließen nach der Entscheidung von Halberstadt den Kongress. Aus ihnen sollte sich 1901 die Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften bilden. Den endgültigen Entschluss gegen eine lokale Organisationsform kann man auch als eine klare Absage der Freien Gewerkschaften an den Syndikalismus werten. Dass dies eine kluge Entscheidung gewesen war, zeigte sich spätestens, als sich die Lokalisten eindeutig für den Standpunkt der Anarcho-Syndikalisten entschieden. 18
15 Schönhoven, Klaus: Expansion und Konzentration, S. 265ff.
16 Klönne, Arno/ Reese, Hartmut: Die deutsche Gewerkschaftsbewegung. Von den Anfängen bis zur Gegenwart,
Hamburg 1984, S. 68f. [im Folgenden zitiert als: Klönne, Arno/ Reese, Hartmut: Die deutsche
Gewerkschaftsbewegung.
17 Schönhoven, Klaus: Expansion und Konzentration, S. 271f.
18 Abendrotb, Wolfgang: Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung. Vorlesungen: Band 1: Von den
Anfängen bis 1933, Heilbronn 1985, S. 131 [im Folgenden zitiert als: Abendroth, Wolfgang: Einführung in die
Geschichte der Arbeiterbewegung].
Arbeit zitieren:
Ingo-André Mess, 2009, Kontakte und Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bis zum Stinnes-Legien-Abkommen, November 1918, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Ingo-André Mess's Text Kontakte und Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bis zum Stinnes-Legien-Abkommen, November 1918 ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Ingo-André Mess hat den Text Kontakte und Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bis zum Stinnes-Legien-Abkommen, November 1918 veröffentlicht
Ingo-André Mess hat einen neuen Text hochgeladen
Die Dreiecksbeziehung zwischen Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Finanzamt...
Ein Beitrag zur Trennung von A...
Horst Schäfer
Gesundheitssystembedingte Kosten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer in D...
Eine Analyse der gesundheitssy...
Martin Albrecht, Anke Schliwen, Alina Wolfschütz
The Papers of Woodrow Wilson, Volume 53: November 9, 1918-January 11, ...
Woodrow Wilson, David W. Hirst, Arthur S. Link
The 12th Royal Lancers in France, August 17th 1914 - November 11th 191...
M. C. Major H. V. S. Charrington
Story of the Fourth Army in the Battles of the Hundred Days: August 8t...
Major General Sir Archibald Montgomery
Deutsches Verfassungsrecht 1806 bis 1918. Bd. 2
Bayern und Berg. Eine Dokumen...
Michael Kotulla
Deutsches Verfassungsrecht 1806 bis 1918. Bd. 3
Braunschweig, Brtemen, Elsaß-L...
Michael Kotulla
0 Kommentare