1 Einleitung
“medics are more concerned about the risk the public poses to him rather than the risk he poses to the public” 1 - So lautet das Urteil über einen 13-fachen britischen Serienmörder, nachdem dieser 27 Jahre seiner Haftstrafe verbüßt hat, berichtete der „Daily Telegraph“ im Februar diesen Jahres. Mit einer Prise Sarkasmus kann es aufnehmen, wer die Hintergründe kennt. Denn Peter Sutcliffe - in Anlehnung an die Legende des unbekannten britischen Serienmörders „Jack the Ripper“ der „Yorkshire Ripper“ genannt - erregte neben dem „ersten Serienmörder“ von 1888 wohl die größte mediale Aufmerksamkeit in England jeher, wurde so vielleicht berühmter als ihm lieb war und löste eine Musterdemonstration des Sensationsjournalismus, populistischer Polizeifahndung und gesellschaftlicher Polarisierung aus. Ganz Großbritannien war in Ekstase - ob sie sich nun in Furcht, Empörung, Faszination oder sozialem Engagement äußerte. LKW-Fahrer Peter Sutcliffe hatte zwischen 1975 und 1981 dreizehn Frauen ermordet und es bei mehreren weiteren versucht. Wie bei „Jack the Ripper“ fiel die Wahl seiner Opfer - zumindest zunächst - auf Prostituierte, später jedoch waren auch Studentinnen darunter, was die mediale Welle der Empörung deutlich steigerte. Er hatte ein bestimmtes Muster, nach dem er mordete: Der „Yorkshire Ripper“ schlug seine Opfer mit dem Hammer nieder, stach dann auf sie ein - einige Frauen erdrosselte er auch. Neunmal musste sich Sutcliffe währenddessen einer Befragung bei der Polizei unterziehen, immer kam er in Freiheit davon - letzten Endes wurde er wegen eines falschen Nummernschildes zufällig bei einer Routinekontrolle geschnappt. Fünfeinhalb Jahre dauerte die Schnitzeljagd nach dem „Yorkshire Ripper“ an, in denen gefälschte Kassetten und Briefe sowie eine in dieser Form nicht dagewesen Sensations-Berichterstattung das öffentliche Leben in Großbritannien teilweise auf den Kopf stellten. Jane Caputi, Autorin des Buches „The age of sex crime“, fragt: „Why such colorful masks? Why such drama? And why the accelerating procession of such killers marked by territory and remembered by method?” 2 Eine Frage, die sich unweigerlich an die Medien richtet. Dessen Wirkung ist unbestritten: Bei einer Befragung der Besucher von “Madame Tussaud’s” in London landete Sutcliffe seinerzeit auf Platz drei der meist gehassten Männer - hinter Adolf Hitler und Richard Nixon. 3 Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag leisten, die Wechselwirkung zwischen den Massenmedien, der Staatsgewalt und Öffentlichkeit aufzuschlüsseln und die Wirkung des
1 Zit. nach: Yorkshire ripper Peter Sutcliffe fit to be freed from Broadmoor, in: The Daily Telegraph, 18. Februar 2009, im Internet http://www.telegraph.co.uk/news/newstopics/politics/lawandorder/4684906/Yorkshire-Ripper-Peter-Sutcliffe-fit-to-be-freed-from-Broadmoor.html (5.09.2009)
2 Zit. nach: Jane Caputi, The age of sex crime. Ohio 1987, S. 3
3 Vgl. Caputi 1987, S. 17
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Phänomens „Yorkshire Ripper“ greifbar zu machen. Warum hielt das Thema jahrelang Großbritannien in Atem? Wie ist es zu erklären, dass dieser Fall - obwohl sich jeweils nur sehr unwahrscheinliche Einzeltaten um ihn ranken - eine solche Panik ausgelöst hat, dass Frauen zwischendurch geraten wurde, gar nicht mehr alleine aus dem Haus zu gehen? Wie hielt sich das Thema auf der Presse-Agenda?
Es ist zunächst einmal anzunehmen, dass die Medien einen beträchtlichen Anteil daran hatten, ein nationales Bewusstsein für die Gefahr zu schaffen und die Saga um Sutcliffe überhaupt über fünf Jahre am Leben zu halten. Möglicherweise wäre diese und die kriminelle Karriere Sutcliffes ohne flächendeckende Aufmerksamkeit früher beendet gewesen. Zur Untersuchung dieser Leitfragen soll zuerst der theoretische Rahmen abgesteckt werden. Dazu soll die Theorie der „fear of crime“ für den Einzelnen, der „Moral Panic“ für die Gesellschaft und schließlich der Zusammenhang dieser mit den Medien konstruiert werden. Zu diesem Fundament kommen die politisch-sozialen Hintergründe hinzu, die Aufschluss über die Umstände geben, in denen die Geschichte Sutcliffes so florieren konnte. Im Analyseteil sind zwei Zeitungen für die mediale Berichterstattung herangezogen worden. Zum einen die „Times“, die um 1980 eher zu den Qualitätszeitungen gezählt hat, zum anderen das Boulevard-Blatt „Daily Mirror“. In der Times wurden vor allem die kritischen Äußerungen der Leser und leitenden Redakteure ausgewertet, die einen guten Überblick über den argumentativen Diskurs geben. Die restlichen Berichte sind relativ neutral gehalten und wenig aufschlussreich. Hingegen erfüllte der „Daily Mirror“ die Bedingungen, um an den Berichten aufzuzeigen, wie die Massenpresse die Sensationsgier gestillt hat. Anschließend sollen die sozialen und politischen Implikationen - auch anhand des Protokolls einer Debatte im House of Lords - aufgezeigt werden, bevor ein abschließendes Fazit folgt. Die Forschungsliteratur ist im Bereich der kulturwissenschaftlichen Perspektiven zum Medien- und „Moral Panic“-Diskurs nicht reichhaltig, aber ausreichend bestückt. Die Konzepte bilden im Zusammenhang ein gutes Gerüst, um die Thesenbildung voranzutreiben. Der Bereich „Moral Panic“ ist aus den meisten Perspektiven betrachtet und konstitutiv für die Leitfragen. Besonders Cohens Theorien ließen sich gut mit der Kulturgeschichte des Landes verknüpfen. Zum „Yorkshire Ripper“ allein gibt es wenig Literatur, dafür aber viel zu den ihm umgebenden Themen. Medien, Sex und Kriminalität, Serienmord - für die Fragestellung ohnehin wesentlichere Punkte. Denn im Mittelpunkt soll nicht die Geschichte Sutcliffes und die Erklärung für seine Taten stehen. Man muss in der Sekundärliteratur aber aufmerksam auf feministische Tendenzen achten, da in der Zeit Sutcliffes viel Literatur mit derartigen Couleur publiziert wurde. Die Aufsätze, die verschiedene theoretische Standpunkte der Forschungsliteratur
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zusammenfassen, helfen zudem, alle Perspektiven mit einzubinden.
2 Theoretische Einführung
Grundlegend für das Verständnis der Medienwirkung im Fall des „Yorkshire Ripper“ Peter Sutcliffe sind die Theorien der „Fear of crime“ und „Moral Panic“ im Bezug auf die Massenmedien.
2.1 Das Konzept der „Fear of Crime“
Die empirisch häufigste Reaktion auf die „fear of crime“ ist es, nachts unsichere Bezirke zu vermeiden 4 - diese einsteigende Erkenntnis scheint wie zugeschnitten auf den untersuchten Serienkiller und gibt einen Eindruck von der Diskrepanz, die sich zwischen der Angst und dem eigentlichen Risiko auftut. Warum sind derlei Ängste trotzdem dominant? Wendy Hollway und Tony Jefferson sehen in der modernen Gesellschaft den Wunsch nach „order and control“ 5 als Fundament der Angst an. Ist dieser nicht erfüllbar, muss ein Schuldiger her
- das Opfer, um das Bild der Kontrolle aufrecht zu erhalten oder ein „Outsider“, der Eindringling in das System ist und für Loyalität zwischen den Nicht-Außenseitern sorgt. 6 Zugleich stellen sie fest: “this struggle for order, always doomed to be lost, is essentially a flight from the ambivalence at the heart of order's opposite, namely, chaos.” 7 Praktiken, die Hoffnung auf Ordnung und Sicherheit 8 versprechen und eine Endlosschleife an Sündenböcken sind Teil der Klassifizierung im System: „dishonest, inhumane, disorderly criminal 'other' [im Vergleich] to society's truthful, humane, orderly 'self’“ 9 Als Folge hat jahrzehntelange Polizeiarbeit im Sinne der „Ordnung“ eine ganze Galaxie von „folk devils“ hervorgebracht. Diese sind für die Gesellschaf deutlich identifizierbar, genauso wie das Opfer und so im öffentlichen Bewusstsein verankert. Giftmüll oder Luftverschmutzung - wenn auch potentiell deutlich gefährlicher - werden aus diesem Grund weniger bedrohlich wahrgenommen. Der Außenseiter ist nun der schwächere im Rechtssystem, der normale Bürger kann sich diesem fügen. Somit können die „folk devils“ angeklagt werden, sind
4 Vgl. Kenneth F. Ferraro, Fear of crime. Interpreting victimization risk. (SUNY series in new directions in crime and justice studies.) Albany, NY 1995, S. 22
5 Zit. nach: Wendy Hollway/Tony Jefferson, The Risk Society in an Age of Anxiety. Situating Fear of Crime, in: The British Journal of Sociology, Bd. 48, hrsg. v. The London School of Economics and Political Science, London 1997, S. 255-266, hier: S. 4
6 Vgl. ebd., S. 6
7 Zit. nach: Zygmunt Bauman, Modernity and ambivalence. Cambridge 1991, S. 15f
8 Bauman nennt hier u.a. die Legislative als Bollwerk der Vernunft, den Staat als „Gärtner“ und die Wissenschaft als ordnende Kraft. (Vgl. ebd.) Er weist auf die psychologische Komplexität hin, die eine Akzeptanz des Lebens ohne ein solches Fundament und mit der Anerkennung der Vielfalt der Möglichkeiten aufweist. Deshalb, so Bauman, greifen wir auf Praktiken zurück, die Hoffnung auf Ordnung und Kontrolle bieten. (Vgl. Bauman 1991, S. 16)
9 Zit. nach: Wendy Hollway, Tony Jefferson - The Risk Society, S. 7
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„stranger rather than known others“ 10 , d.h. keine einzuordnenden Fremden, sondern komplett ausgegrenzte, teils entmenschlichte Personen. Die Suche eines Schuldigen erzeugt sozialen Zusammenhalt und suggeriert Kontrolle über das „Fremde“. Es ist also das gesamte, individuell konstruierte Sicherheitsgebilde, das die „fear of crime“ bestimmt - eine Illusion über die Kontrolle der Umwelt. So kann die Furcht auch zur Lebenshilfe werden: Wenn durch sie weitaus realistischere Bedrohungen verdrängt und scheinbar kontrollierbare Gefahren an ihre Stelle gesetzt werden. Mit einer greifbaren Bedrohung, festen Methoden zur Verhinderung des Unglücks und der Kontrolle über das Sicherheitsempfinden, einem außer dem System liegenden Schicksal aber der ständigen Möglichkeit, im Unglücksfall einen Sündenbock zu haben. Bei denjenigen, die sich realistischen Gefahren bewusst sind, aber die Kontrolle darüber zu haben glauben und darüber hinaus nicht von unterdrückten Ängsten geplagt werden, ist die Angst wiederum dezimiert. Die Umstände entscheiden, ob Verletzlichkeit besteht - beim Einzelnen wie in einer Gesellschaft. Deshalb soll die individuelle „fear of crime“ hier eine praktische Dimension erhalten, indem sie in den Kontext der „Moral Panic“ eingebettet wird.
2.2 „Moral Panic“ und soziale Hintergründe
Im Kontext des „Yorkshire Ripper“ bietet Stanley Cohens „Folk devils and moral panics“ eine geeignete Beschreibung der „Moral Panic“ an. Perioden dieser Stimmung legen sich über die Gesellschaft, so Cohen, wenn „a condition, episode, person or group of persons emerges to become defined as a threat to societal values and interests” 11 . Bislang ähnlich zur “crime of fear”, nun kommen die Massenmedien ins Spiel: “[…] its nature is presented in a stylized and stereotypical fashion by the mass media; the moral barricades are manned by editors, bishops, politicians and other right-thinking people; socially accredited experts pronounce their diagnoses and solutions; ways of coping are evolved or (more often) resorted to” 12 . Eine Prozedur, die später noch am untersuchten Fall aufgezeigt werden soll. Eine weitere wichtige Erkenntnis Cohens ist, dass die Panik manchmal vorbeizieht und vergessen wird, „except in folklore and collective memory“ 13 - der Grund, warum Peter Sutcliffe sofort mit dem bekannten Muster von „Jack the Ripper“ zu seiner Reinkarnation mystifiziert und als solche überwältigend angenommen wurde. Auch Folgen von politisch-sozialer Tragweite sind nicht auszuschließen. 14 Als Musterbeispiel nennt Cohen den Tatbestand, mit dem wir es hier zu tun
10 Zit. nach: ebd.
11 Zit. nach: Stanley Cohen, Folk devils and moral panics. The creation of the mods and rockers. London 1972, S. 1
12 Zit. nach: ebd.
13 Zit. nach: ebd.
14 Cohen weiter: “at other times it has more serious and long-lasting repercussions and might produce such changes as those in legal and social policy or even in the way the society conceives itself.” Zit. nach: ebd.
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haben werden - die Entführung und sexuell motivierte Tötung eines Kindes, insbesondere von Mädchen. Er bemerkt: „[it] does not generate counterclaims about its existence nor any moral disagreement” 15 . Verletzbarkeit wird sowohl statistisch als auch in persönlicher Betroffenheit gefühlt. Eine “optimale Grundlage” also, um eine offensichtliche “fear of crime” und flächendeckend das, was Cohen als „monster making“ 16 bezeichnet, auszulösen. Auf die Stereotypen soll im analysierenden Kapitel näher eingegangen werden. Es ist wichtig anzumerken - was auch für die „crime of fear“ gilt - dass die Effektivität einer Bedrohung zum Großteil von grundlegenden sozialen Dissonanzen in der Gesellschaft abhängt. Die Sündenböcke fungieren demnach als Katalysatoren oder Objekte, auf die bereits vorhandene Ängste projiziert werden können. Ausgangslage ist kulturelle Missstimmung oder Uneinigkeit, ausgelöst durch sozialen Wandel. 17 In den siebziger Jahren gab es in Großbritannien einige Tendenzen, denen der „Yorkshire Ripper“ den Spiegel vorgehalten hat: In einer Publikation der University of Birmingham ist gar von einer „quiet but hardly bloodless revolution“ 18 die Rede, ausgelöst durch “the induction of general social disorder, uncensored crime and personal negligence“ 19 . Sutcliffe löste nicht nur eine Welle der Feminisierungsbewegung aus, wie später noch genauer ausgeführt wird, sondern war auch ideales Feindbild einer bereits vorhandenen. Schon 1975 wurde der „Sex Discrimination Act“ verabschiedet. Trotz oder gerade ob des steigenden Wohlstands entwickelte sich eine Sensibilität für und Angst um den eigenen Status. Boris Ford konstatiert: “many people felt threatened, and the desire for self-preservation was manifest […]” 20 Besonders Angst vor Nuklearwaffen war für die Dekade charakteristisch. Anfang der achtziger Jahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage, Rassismus prägte sich aus und spaltete die Gesellschaft, ‚survival’ wurde zum Schlagwort dieser Zeit. 21 Auch die Massenmedien schufen den boulevardesken Nährboden 22 für „Moral Panic“. Der aufsteigende Medien-Magnat Rupert Murdoch unterstützte die Tory-Regierung, sodass Blätter wie „The Sun“ fortan die Arbeiterklasse als Publikum hatten, aus der auch Sutcliffe stammt. 23 Drei weitere Faktoren sollten Erwähnung finden: Zuerst die „permissive society“, eine zunehmend freizügigere Gesellschaft. Pornographie erreichte einen neuen Höhepunkt an expliziten Darstellungen, die
15 Zit. nach: ebd., Seite XV der Einleitung
16 Zit. nach: ebd., Seite XVI der Einleitung
17 Vgl. Arnold Hunt, 'Moral Panic' and Moral Language in the Media, in: , The British Journal of Sociology, Bd. 48, hrsg. v. The London School of Economics and Political Science, London 1997, S. 629-648, hier S. 4
18 Zit. nach: University of Birmingham: Centre for Contemporary Cultural Studies (Hrsg.), The empire strikes back. Race and racism in 70s Britain. London [u.a.] 1984, S. 7
19 Zit. nach: ebd.
20 Zit. nach: Boris Ford, The Cambridge cultural history of Britain. Cambridge [u.a.], S. 39
21 Vgl. ebd., S. 40
22 Ford spricht von “growth of junk journalism whoise main ingredients were sexual sensationalism, trivialisation of news news values and political bias” (Zit. nach: ebd., S. 15 )
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Jan Kampmann, 2009, Analyse über Peter Sutcliffe - Der "Yorkshire Ripper", Munich, GRIN Publishing GmbH
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