Inhalt
Einleitung 6
I. Die Suche nach den ersten Menschen Von Forschern und Funden
Ä,P QIDQJVFKXI RWW LPPHOXQG(UGH :LVVHQVFKDIWRGHU LEHO 11
Der Mensch als Affe? 'DUZLQXQGGLH)ROJHQ 33
Die ersten Funde: Der Neandertaler und der Cro-Magnon-0HQVFK 59
XIGHU6XFKHQDFKGHP ÄPLVVLQJOLQN (XJpQH'XERLVGHUÄ-DYD-0HQVFK
XQGGLHÄ'UDFKHQNQRFKHQ³««««««««««««««««......................... 79
Scherz oder Betrug? Die Piltdown-)lOVFKXQJ 96
Der Weg nach Afrika DarW URRP/HDNH XQGÄ/XF 106
II. Die Evolution des Menschen Der Weg zum Homo sapiens
Vormensch, Frühmensch, Jetztmensch Wann ist der Mensch ein Mensch? 132
Mensch oder Affe? 'LHlOWHVWHQ)RVVLOLHQ 149
Sahelanthropus tchadensis Ä RIIQXQJDXI/HEHQ 155
Orrorin tugenensis 'HUÄ0LOOHQLXP-MDQ 162
Ardipithecus ramidus Ein Vorfahre der MenVFKHQDIIHQ" 169
Ardipithecus kadabba Der IIHYRPÄ5RWHQ JHO 172
Die Australopithecinen Frühe Hominiden auf dem Weg zum Homo sapiens 176
Australopithecus anamensis 'HUÄ6 GDIIHYRP6HH 184
Australopithecus afarensis Ä/XF XQGLKUH)DPLOLH 189
Australopithecus bahrelghazali (LQÄ6 GDIIH DXVGHP HU HQ IULNDV 199
Kenyanthropus platyops 'DVÄNHQLDQLVFKH)ODFKJHVLFKW 203
Australopithecus africanus 'DVÄ7DXQJ-.LQG XQGVHLQH9HUZDQGWHQ. 207
Australopithecus garhi (LQHhEHUUDVFKXQJ 216
Extreme Spezialisierung als evolutionäre Sackgasse Die robusten
3
Einleitung
Im Jahr 2006 jährte sich einer der ersten und sicher berühmtesten Funde der 3DOlRDQWKURSRORJLH]XP0DOGLH(QWGHFNXQJGHVÄ1HDQGHUWDOHUV³'LHVHU)XQG der damals die Gemüter erregte und zu wildesten Spekulationen führte, war der Anfang einer faszinierenden Reise zu den Anfängen unserer Existenz, der Geschichte der Menschwerdung.
Auch heute noch, nach anderthalb Jahrhunderten Forschung, gibt es mehr Fragen als Antworten. Inzwischen hat sich mit der Paläoanthropologie eine eigenständige Wissenschaft zur Erforschung der menschlichen Ursprünge entwickelt und heute ist es für viele zur Selbstverständlichkeit geworden, dass der Mensch nicht plötzlich als fertiges Individuum auf der Bildfläche erschien, sondern sich langsam entwickelte. Viele sensationelle Funde beleuchten diesen langen Weg, der von den prähistorischen Tropenwäldern Afrikas bis zur Eroberung der Welt führte. Doch neue Funde haben gerade im letzten Jahrzehnt einige sicher geglaubte Theorien der Paläoanthropologie zu Staub zerschlagen, denn auch unsere frühsten Vorfahren sind immer für eine Überraschung gut. Aber vielleicht ist es auch gerade das, was die Beschäftigung mit ihnen so spannend macht. Die Rätsel, die ein Haufen versteinerter Knochen mit sich bringt und die die Fantasie der Betrachter zu er- ZHFNHQYHUP|JHQ (LQ DNWXHOOHV %HLVSLHO LVW Ä,GD³ HLQH 0LOOLRQHQ -DKUH DOWH Lemurin, deren Fossilien lange in einer Sammlung schlummerten und die nun einen 0HGLHQK\SHYHUXUVDFKWHEHLGHPVLHQDWUOLFKJOHLFK]XPÄPLVVLQJOLQN³ avancierte. Mal wieder, muss man leider sagen, und sehr zum Erstaunen der Fachwelt, die so einen Crashkurs in der aktuellen Medienlandschaft bekam. Der Fund als das, was er ist ± ein wichtiges Glied in der Evolutionsgeschichte der Lemuren ±, hätte wohl kaum ein solches Aufsehen erregt, dafür musste Ä,GD³ erst zu unserer Vorfahrin mutieren. Wenig blieb von ÄIda³ übrig. Auch von vielen frühen Hominidenarten besitzen wir nicht mehr, nur eine Hand voll Knochen, meist sogar nur ein paar Zähne. Die von ihren Entdeckern oder Bearbeitern mit Argusaugen bewachten Reste ganzer Arten
würden mühelos in einem Schuhkarton Platz finden ± und einige könnten sogar noch untervermieten. Dennoch bekommt der interessierte Laie, der sich mit dem Thema der menschlichen Evolution beschäftigt, den Eindruck, die Archive der Museen würden nur so überquellen von den Überresten unserer Vorfahren. Wie sonst könnten solch ausführliche Beschreibungen der verschiedenen menschlichen Spezies zustande kommen, einschließlich der komplexen Rekonstruktionen ihrer jeweiligen Lebensräume?
Es ist einfach erstaunlich, was Fachleute aus den spärlichen Funden herauszulesen vermögen ± und wenig erstaunlich, dass so manche Interpretation eines Fundes heftigen Widerspruch erregt. Tatsache ist: Die fossile Überlieferung vieler Hominidenarten ist erschreckend dürftig und wird es wohl immer bleiben, und je weiter man in der Zeit zurück geht, desto spärlicher werden die Überreste. Diese Feststellung sollte nicht überraschen. Es gehört enormes Glück dazu, Millionen Jahre alte Knochenfragmente zu finden. Zunächst einmal mussten ideale Verhältnisse bestehen, damit die Knochen überhaupt fossilierten (= versteinerten) und damit die Chance erhielten, bis heute zu überdauern. Jeder organische Körper vergeht normalerweise recht schnell und vollständig, der menschliche Körper ist dabei keine Ausnahme. Aber selbst wenn die Knochen in Form von Fossilien erhalten blieben, müssen sie immer noch entdeckt und richtig gedeutet werden. Und gerade bei Letzterem geht bei manchem hartgesottenen Wissenschaftler durchaus ein wenig die Fantasie durch.
Doch in den heftigen Diskussionen spiegelt sich auch etwas anders wider: Die Erforschung der menschlichen Evolution war und ist tief verbunden mit der Frage nach uns selbst, was wir in uns und unseren Mitmenschen sehen. Deshalb wurde auch kaum ein wissenschaftliches Fachgebiet so von Vorurteilen und Intoleranz beeinflusst wie die Paläoanthropologie, weil oftmals nicht sein konnte, was nicht sein durfte oder Funde schlichtweg bestehenden Theorien angepasst wurden. Leider hat man immer noch das Gefühl, dass es einigen Wissenschaftlern mehr um persönliche Empfindlichkeiten als um wissenschaftliche Erkenntnisse geht.
Nichtsdestotrotz ist die Geschichte der Menschwerdung spannend. Wie wurden wir, was wir heute sind und warum? Warum war letztendlich der Homo sapiens das Erfolgsmodell der Evolution und keine der Hominidenarten, die ausstarben? Wie sah überhaupt der menschliche Stammbaum aus? Welche Arten gab es, welche waren unsere direkten Vorfahren und welche starben als Seitenlinien DXV"$EZDQQNDQQPDQHLJHQWOLFKYRPÄ0HQVFKHQ³VSUHFKHQ" Um es vorweg zu nehmen, es gibt wie erwähnt keine abschließenden Ant-worten auf diese Fragen. Es ist auch nicht das Ziel dieses Buches, etwas anderes vorzutäuschen. Vielmehr sollen hier auch durchaus kontroverse Theorien vorgestellt und auf Fragen und Widersprüche aufmerksam gemacht werden, auch wenn dies verwirren mag und vieles dabei nur angeschnitten werden kann. Die Entscheidung, welche These mehr Überzeugungskraft besitzt, bleibt letztendlich dem Leser überlassen ± und den zukünftigen Entdeckungen bzw. Ergebnissen der Wissenschaft. Denn man darf gespannt sein, was sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten dort tun wird, welche Fragen beispielsweise durch neue Möglichkeiten der DNA-Analyse geklärt werden können.
Wer sich mit der Evolution des Menschen befasst, sollte dabei die Geschichte ihrer Erforschung nicht vernachlässigen. So einiges wird nur verständlich, wenn man die wissenschaftsgeschichtlichen Hintergründe kennt. Zudem besitzen die Erfolge und Niederlagen der ersten Paläoanthropologen, wenn man sie denn so nennen mag, ihre ganz eigene Dramatik. Daher beschäftigt sich der erste Teil mit der Geschichte der Paläoanthropologie, den Forschern, ihren Träumen, Hoffnungen und Niederlagen, und mit Funden und vermeintlichen Funden. In einem zweiten Teil folgt ein Überblick über die bekannten Hominidenarten und ein Versuch ihrer Einordnung in die menschliche Evolution, beginnend mit den ältesten Arten, bei denen die Zuordnung in den menschlichen Stammbaum kontrovers diskutiert wird, bis schlussendlich zum modernen Menschen, zum Homo sapiens.
Im abschließenden dritten Teil werfen wir einen kurzen Blick auf die archäologischen Hinterlassenschaften unserer Vorfahren. Einer der bedeutendsten Paläoanthropologen, der Kenianer Louis Leakey, war der Meinung, dass erst das Werkzeug den Menschen mache. Ob man diese Ansicht teilt oder nicht, die archäologische Geschichte der Menschheit beginnt mit dem Auftauchen der ersten von (Vor-) Menschenhand gefertigten Steinwerkzeuge vor über zwei Millionen Jahren. Für die Zeit davor haben wir nur die Überreste der Individuen als solches und die Rückschlüsse, die sie auf ihr Leben erlauben. Aber auch für den langen Zeitraum danach ist die archäologische Überlieferung viel zu oft rudimentär und zufällig. So vieles ist für immer verloren oder wird immer rätselhaft bleiben, wie z.B. die relativ junge Eiszeitkunst, die beeindruckenden Wandmalereien in den südfranzösischen und nordspanischen Höhlen. Was in den Menschen vorging, als sie diese Kunstwerke schufen, werden wir nie erfahren.
Aber vielleicht waren unsere Vorfahren uns ähnlicher als wir glauben und vielleicht finden wir darum die Antwort auf einige Fragen letztendlich in uns selbst.
I.
Die Suche nach den ersten Menschen
Von Forschern und Funden
10
÷ åò Wissenschaft oder Bibel? 26. Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
27. Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.
28. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. (1. Buch Mose, Kap. 1, Vers 26-28)
Mit diesen Worten, der Schöpfungsgeschichte, beginnt das wichtigste Werk der Christenheit: die Bibel. Damit waren über Jahrhunderte auch alle Fragen nach dem Ursprung des Menschen und seiner Stellung innerhalb der Welt klar und eindeutig beantwortet. Gott hatte danach den Menschen nach seinem Vorbild in einem einmaligen Schöpfungsakt geschaffen, wie er vor ihm schon die Welt mit all ihren Pflanzen und Tieren erschaffen hatte. Und Gott hatte dem Menschen auch seinen Platz in dieser Welt zugewiesen, als Krone der Schöpfung, als Herrscher über alle anderen Geschöpfe in ihr.
Das Christentum ist nicht die einzige Religion, die eine Antwort auf die Frage nach dem Beginn bzw. dem Entstehen der Welt gesucht hat. Schöpfungsmythen gibt es in jeder Religion, wenn auch in einigen von ihnen die Erschaffung des Menschen eher nebenbei erwähnt wird. In einem der ältesten Werke der Menschheit, dem
sumerischen Weltschöpfungsepos Enuma Elisch, wird beispielsweise berichtet, der Mensch sei von einer Gottheit namens Marduk erschaffen worden und zwar aus dem Blut und Fleisch einer anderen Gottheit, die Marduk zuvor im Kampf erschlagen hatte 1 :
Ä'DQQUXKWGHU+HOGYRQVHLQHP.DPSIYRQVHLQHP6FK|SIXQJVZHUN 8QG GDQDFK VSULFKW HU Ä*HEHLQ ZLOO LFK ELOGHQ XQG HLQ *HZHEH DXV )OHLVFK und Blut.
Ein neues Wesen soll entstehen: Mensch soll der Name sein. Es soll uns dienen, uns, den Göttern. $XV;LQJXV%OXWHUVFKDIIW0DUGXNGHQ0HQVFKHQ³
Die Ägypter kannten verschiedene Schöpfungsmythen, die in den jeweiligen religiösen Zentren des Reiches entstanden waren. Nach einem Text aus Heliopolis war es der Schöpfergott Atum, der Götter und Menschen erschuf: Ä8QG$WXPYHUJLVVWYRQVHLQHP6FKZHL Da entstehen andere Götter. Und Atum vergießt von seinen Tränen. Da entstehen die Menschen der WeOW³
In einem Hymnus aus der Zeit der 18. Dynastie ist es der Weltenschöpfer Ptah, der die Menschen erschuf: Ä'XKDVWGLH(UGHJHVFKDIIHQ nach deinem Wunsche mit Menschen, allem Großvieh und Kleinvieh,
1 Die folgenden Texte sind ± soweit nicht anders angegeben ± zitiert nach: Steinwede, D./Först, D.
(Hrsg.): Die Schöpfungsmythen der Menschheit; siehe zu der Thematik auch: Eliade, M.: Die
Schöpfungsmythen: Ägypter, Sumerer, Hurriter, Hethiter, Kanaaniter und Israeliten; Hetmann, F.: Die
Göttin der Morgenröte. Schöpfungsmythen aus aller Welt.
mit allem, was auf der Erde ist und auf seinen Füßen geht, was in der Höhe ist XQGPLWVHLQHQ)OJHOQIOLHJW³
Die ägyptische Mythologie kannte auch die Erschaffung des Menschen durch einen Schöpfergott namens Chnum, der sie aus Ton auf einer Töpferscheibe formte. Das Motiv der Erschaffung des Menschen aus Ton findet sich wiederum auch in der Bibel:
7. Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. (1. Buch Mose, Kap. 2, Vers. 7)
Auch in anderen Schöpfungsmythen wurden die Menschen aus Ton geformt. Beim griechischen Philosophen Platon steht zu lesen: Ä(VZDUHLQVWHLQH=HLWLQZHOFKHUHV]ZDU*|WWHUJDEVWHUEOLFKH:HVHQDEHU noch nicht. Als nun aber auch für diese die vom Schicksal bestimmte Zeit ihrer Erzeugung gekommen war, da bilden die Götter sie in der Erde Schoß aus einer Mischung von Erde und Feuer und allem dem, was sich mit beiden verbindet. Und als sie diese nun ans Licht zu fördern gedachten, da trugen sie dem Prometheus und Epimetheus auf, sie auszustatten und einem jeden von ihnen seine Kräfte zuzuteilen QDFK*HEKU³ 2
2 Platon: Protagoras, S. 28-29.
Nach anderen griechischen Autoren war es Prometheus selbst, der den ersten Menschen aus Ton formte:
Ä3URPHWKHXV HLQ 6RKQ GHV HUGJHERUHQHQ -DSHWRV ZXVVWH dass im Boden unter seinen Füßen der Same des Himmels vielfältig schlummerte. Er nahm deshalb vom Ton auf, befeuchtete und knetete ihn und formte daraus den Menschen nach dem Ebenbild der Unsterblichen, der Herren der Welt. Um seinen Erdenkloß aber auch zu beleben, entlehnte er von den Tieren gute und böse Eigenschaften und senkte sie in die Brust der Irdischen ein. Unter den Göttern hatte er eine Freundin, Athene. Sie bewunderte die Schöpfung des Titanensohnes und blies dem halb beseelten Bilde den Geist, GHQ$WHPLKUHU:HLVKHLWHLQ³ 3 Auch Pandora, die erste Frau, die Hephaistos auf Befehl des Göttervaters Zeus erschuf, um Prometheus und die von ihm beschützten Menschen zu bestrafen, wurde bekanntlich aus einem Tonklumpen geschaffen. In den Mythen der Maya und Azteken dagegen wurden die Menschen von den Göttern aus Maismehl erschaffen, womit auch die Verbindung zu ihrem wichtigsten Nahrungsmittel geschlagen wurde. In einem aztekischen Schöpfungsmythos heißt es beispielsweise:
Ä8QG HU [der weiße Gott Quetzalcoatl] machte sich ans Werk. Er knetete aus weißem und gelbem Mais eine Masse und schnitt sich in den kleinen Finger, damit sich sein Blut mit der Masse vermische. Dann modellierte er sorgfältig den Rumpf, den Kopf und alle Glieder. Der Mensch war fertig. Nun hauchte ihm sein Schöpfer GDV/HEHQHLQXQG0RUJHQU|WHVWUDKOWHDP+LPPHOGHUQHXH7DJEHJDQQ³ Diese Beispiele ließen sich noch weiter fortsetzen. Allen Schöpfungsmythen ist gleich, dass eine göttliche Macht die Welt aus dem herrschenden Chaos erschuf
3 Zitiert nach Schwab, G.: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums, S. 21.
und schließlich auch alles Leben auf ihr. In ihnen findet sich auch die den Göttern ähnliche oder aus den Göttern selbst ± ihrem Blut oder Fleisch ± entstandene Gestalt des Menschen, wodurch seine Vorrangstellung gegenüber den anderen Geschöpfen begründet wird. In den Mythen spiegelt sich somit das Verlangen der Menschen wider, die Welt und ihre eigene Existenz zu verstehen und zu erklären, dem Unbekannten und Unerklärlichen zu begegnen, wenn auch auf mythische Weise. In Europa, allen voran in Frankreich und Italien, beförderten Humanismus und Aufklärung an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert die Wissenschaften vom Mittelalter in die Neuzeit. Man entdeckte antike Schriften neu und ließ sich von ihnen inspirieren, auch in Richtungen, die der Kirche nicht unbedingt recht waren. Der Durst nach Wissen ließ sich nicht mehr aufhalten, wenn auch damit in Verbindung JHEUDFKWH)RUGHUXQJHQQDFKÄ)UHLKHLW*OHLFKKHLW%UGHUOLFKNHLW³GDV(VWDEOLVKPHQW ängstigten.
Das durch die Bibel definierte Weltbild ließ sich jedoch nicht so leicht verdrängen, es beeinflusste bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Forschungsdiskussion. Besonders bei der Frage nach der Entstehung des Menschen blieb das Wort Gottes lange oberstes Gesetz, dem zuwiderlaufende Erkenntnisse konnten ein äußerst gefährliches Wissen sein. Daher bewegten sich Überlegungen über die Entwicklung des Menschen ± wenn sie denn überhaupt angestellt wurden ± zunächst in den engen Grenzen, die die christliche Religion den Gelehrten der frühen Neuzeit setzte.
Den Ersten von ihnen, der eine Vermutung über die Herkunft des Menschen anstellte, brachten seine Erkenntnisse noch auf den Scheiterhaufen. Der italienische Philosoph Giulio Cesare Vanini (1585-1619) vermutete 1616, dass der Mensch möglicherweise mit dem Affen verwandt sei. 4 Drei Jahre später wurde er unter anderem deswegen in Toulouse als Ketzer verbrannt. Seinen Nachfolgern, die in späteren Jahrhunderten ähnliche Mutmaßungen äußerten, drohte zwar nicht mehr
4 Vanini, I.C.: De admirandis naturae reginae deaeque mortalium arcanis libri quartor. Zur Thematik
siehe auch: Blum, P.R.: Philospophen der Renaissance. Eine Einführung; Russell, B.: Philosophie des
Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und sozialen Entwicklung, Boas, M: Die
Renaissance der Naturwissenschaft 1450-1630.
der Feuertod, trotzdem hatten dem christlichen Weltbild zuwiderlaufende Theorien einen überaus schweren Stand. Die Bibel galt vielen als absolute Wahrheit und zwar in wortwörtlicher Auslegung, sie wurde nicht als Allegorie verstanden. Daher wurde sie auch als Grundlage für die Berechnung des Alters der Erde herangezogen. Nach Ansicht der Theologen waren seit der Erschaffung der Welt, die ja innerhalb der sieben Tage der Schöpfungsgeschichte von statten gegangen war, weniger als 6.000 Jahre vergangen. Schon der britische Benediktinerabt und Geschichtsschreiber Beda hatte im 8. Jahrhundert den Beginn der Menschheitsgeschichte in das Jahr 3952 v. Chr. gelegt und damit auch gleichzeitig die christliche, noch heute verwendete Zeitrechnung mit Bezugnahme auf die Geburt Christi eingeführt. 5 Auf die Zeitspanne kam man, indem das Alter sämtlicher Geschlechter, die das Alte Testament erwähnt, zusammengezählt wurde. Teilweise errechneten Gelehrte sogar den genauen Tag und die Stunde der Schöpfung, so zum Beispiel der spätere Vizekanzler der Universität Cambridge, John Lightfoot (1602-1675). In einem Werk über die Genesis kam er 1642 zunächst zu dem Ergebnis: Ä0DQZDVFUHDWHGE\WKH7ULQLW\DERXWWKHWKLUGKRXUHRIWKHGD\RUQLQHRIWKH FORFNHLQWKHPRUQLQJ³ 6
Zwei Jahre später legte er sich auch auf Jahr und Tag der Erschaffung der Welt fest und zwar sei dies am 12. September 3928 v. Chr. geschehen: Ä$QGQRZKHWKDWGHVLUHWKWRNQRZWKH\HDURIWKHZRUOGZKLFKLVQRZSDVVLQJ over us, ± this year, 1644, ± will find it to be 5572 years just finished since the creation; and the year 5573 of the world's age, now newly begun, this September, at equinox. 7 >«@ That the world was made at equinox, all grant, ± but differ at which,
5 Siehe dazu Beda: De temporisbus und De temporum ratione.
6 Lightfoot, J.: The whole works of the Rev. John Lightfoot II., S. 335.
7 Ebd. IV., S. 112.
whether about the eleventh of March, or twelfth of September; to me in September, without all doubt³ 8
Der Erzbischof von Armagh, James Ussher (1581-1656), veröffentlichte 1650 seine Berechnungen, nach denen der 23. Oktober 4004 v. Chr., ein Sonntag, der erste Tag der Schöpfung gewesen sei, beginnend schon mit dem Sonnenuntergang des vorherigen Tages. 9
Mit der beginnenden Lösung der Wissenschaften von ihrer Bibelgläubigkeit im Zuge der Aufklärung wurde teilweise das recht junge Alter der Erde dann doch angezweifelt, erstmalig von dem französischen Privatgelehrten Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788). Er stellte 1778 die Behauptung auf, die Erde sei vor ca. 75.000 Jahren durch den Zusammenstoß eines Kometen mit der Sonne entstanden 10 ± eine These, die auf den Widerstand der Kirche stieß und von Leclerc zurückgezogen werden musste.
Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Wissenschaft noch fest in den +lQGHQGHVLPUHOLJL|VHQ:HOWELOGYHUZXU]HOWHQÄ.UHDWLRQLVPXV³'DQDFKZlUHQDOOH Tier- und Pflanzenarten individuell und unveränderbar von Gott erschaffen worden, wie es eben in der Genesis geschrieben steht. Die Erschaffung des Menschen war dabei keinerlei Diskussion unterworfen. Es stand fest, dass, egal wie lange die Schöpfung der Welt als solches gedauert haben mag, der Mensch schlussendlich als Ebenbild Gottes in einem einmaligen Schöpfungsakt erschaffen und als Herrscher über die Welt eingesetzt worden war.
Die meisten Wissenschaftler dieser Epoche, die vielfach selbst kirchliche Positionen innehatten, formulierten ihre Thesen innerhalb dieser religiösen Vorgaben und beharrten auf der absoluten Richtigkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte. Dies hatte nicht nur religiöse Gründe. Die Gelehrten der Zeit gehörten den oberen
8 Ebd. VII, S. 372.
9 Ussher, J.: Annales veteris testamenti VIII, S. 13.
10 Leclerc, G.L.: Les époques de la nature, S. 84ff.; siehe auch: Rieppel, O.: Georges-Louis Leclerc,
Comte de Buffon, S. 46. Auch Leclerc befasste sich mit Evolutionstheorien und stand mit einigen
Ansichten im Gegensatz zu Koryphäen wie Georges Cuvier.
Klassen an und sowohl die Wissenschaften als auch die Kirche lieferten ein Weltbild, das den Menschen klar machte, wo ihr Platz im Leben war. Ein Abweichen davon könnte nur in Aufruhr und Chaos enden.
Trotzdem setzte auch in diesem Bereich ein Wandel im Denken durch immer neue Erkenntnisse ein. Als die Europäer begannen, die restliche Welt zu entdecken und zu erobern, stießen sie dabei auf immer mehr bis dahin unbekannte Tiere und Pflanzen. Die Gelehrten wurden verstärkt auf unsere nächsten Verwandten aufmerksam, die Menschenaffen, und auch auf deren große, anatomische Ähnlichkeit mit dem Menschen und schließlich ± was noch wichtiger war ± dass die Arten nicht unveränderlich waren. Ein klarer Widerspruch zu den Aussagen der Bibel. Der englische Arzt und Zoologe Edward Tyson (1650-1708) verglich die Anatomie eines Pygmäen, den er als Orang-Utan bzw. als Homo Sylvestris bezeichnete ± der jedoch in Wirklichkeit ein Schimpanse war ±, mit der eines niederen Affen, eines Menschenaffen und eines Menschen. Dabei stellte er fest, dass der ÄPygmäe³ kein Mensch sei ± was in diesem Fall ja durchaus stimmte ±, aber auch kein Affe, sondern eine eigenständige Art zwischen diesen beiden Arten, sowie dass eine große Ähnlichkeit seiner Anatomie mit der des Menschen bestünde. Die Gemeinsamkeiten mit dem niederen Affen wären dagegen deutlich geringer. 11 Eine solche Erkenntnis mochte nicht jedem gefallen, sie konkurrierte aber nicht unbedingt mit den Aussagen der Bibel, konnte man darin doch immer noch den Willen Gottes sehen.
Auch der schwedische Mediziner und Botaniker Carl Nilsson Linnaeus bzw. ± wie er sich nach seiner Adelserhebung nannte ± Carl von Linné (1707-1778), der in VHLQHP:HUNÄ6\VWHPD1DWXUDH³HUVWPDOLJGDVELVKHXWHLQGHQ*UXQG]JHQJOWLJH 6\VWHP GHU .ODVVLILNDWLRQ YRQ 3IODQ]HQ XQG 7LHUHQ HUVWHOOWH RUGQHWH QXU Ä*RWWHV 6FK|SIXQJ³HUVWHllte sie nicht in Frage.
11 Siehe Tyson, E.: Orang-Outang, sive Homo Sylvestris, or the anatomy of a Pygmie Compared with
that of a Monkey, an Ape and a Man; zu Edward Tyson siehe auch: Ashley, M.: Edward Tyson, M.D.,
F.R.S. 1650-1708, and the Rise of Human and Comparative Anatomy in England.
Linné sollte eigentlich wie sein Vater eine theologische Laufbahn einschlagen, bewies aber in den nötigen Fächern nur wenig Talent und Begeisterung, sodass er stattdessen in Lind und Uppsala Medizin studierte. 12 Zum Medizinstudium gehörte im 18. Jahrhundert auch der heute eigenständige Wissenszweig der Botanik und auf-grund seiner Erkenntnisse in diesem Bereich erarbeitete Linné das Klassifikationssystem, mit dem die Grundlagen der modernen Taxonomie, der Einteilung von Organismen in festgelegte Gruppen, gelegt wurden. Linné brachte alle ihm bekannten Tier- und Pflanzenarten in eine KLHUDUFKLVFKH 2UGQXQJ $OV JU|WH *UXSSHQ ULFKWHWH HU GUHL Ä5HLFKH³ regna) für 0LQHUDOLHQ 3IODQ]HQ XQG 7LHUH HLQ 'LH Ä5HLFKH³ XQWHUWHLOWH HU ZHLWHU LQ Ä.ODVVHQ³ (classes Ä2UGQXQJHQ³ ordines Ä*DWWXQJHQ³ genera) und schließlich als kleinste *UXSSH GLH Ä$UWHQ³ species 'LH HLQ]HOQHQ 2UGQXQJVHLQKHLWHQ ZHUGHQ DOV Ä7D[D³ EH]HLFKQHW /LQQp ZDU HV DXFK GHU GLH VR JHQDQQWH ÄELQRPLQDOH$UWHQEHQHQQXQJ³, die Bezeichnung aller Arten mit konstanten Doppelnamen, durchsetzte. Bis dahin waren die wissenschaftlichen Bezeichnungen von Pflanzen und Tieren eher eine recht unhandliche Kurzbeschreibung in lateinischer Sprache. Linné dagegen benannte konsequent alle Arten mit einem Gattungsnamen und einer Artbezeichnung, wie beispielsweise bei der von ihm eingeführten Bezeichnung Homo sapiens, wobei Homo die Gattung bezeichnet und sapiens GLH $UW 'HU ÄZLVVHQGH 0HQVFK³ZDUJHERUHQRGHUEHVVHUEHQDQQW
In der ersten, nur zehn Seiten umfassenden Ausgabe von 1735 ordnete Linné den Homo sapiens LQGLH2UGQXQJGHUÄ3ULPDWHQ³HLQ(EHQIDOOVLQGLH*DWWXQJHomo RUGQHWH HU ]XGHP DXFK HLQH ]ZHLWH ÄPHQVFKOLFKH³ $UW HLQ GHQ Homo troglodytes, ZDVÄ+|KOHQPHQVFK³E]ZÄ1DFKWPHQVFK³KHLWXQGPLWGHPHUGHQGDPDOVJHUDGH bekannt gewordenen Orang-Utan bzw. Schimpansen meinte. Bei all dem zweifelte Linné aber niemals an der göttlichen Erschaffung der Welt. Er war vielmehr der Ansicht, Ä(V JLEW VR YLHOH$UWHQDOVDP$QIDQJ YRP XQHndlichen Wesen verschiedene
12 Zu Leben und Werk von Carl von Linné siehe: Goerke, H.: Carl von Linné. Arzt, Naturforscher,
Systematiker; Schwede, K.O.: Carl von Linné. Der Blumenkönig des Nordens; Jahn, I./Schmitt, M.:
Carl Linnaeus (1707-1778).
)RUPHQHUVFKDIIHQZRUGHQVLQG³ 13 und der Zweck der Welterschaffung bestehe darin, dass der Mensch die Herrlichkeit Gottes im Werk der Natur erkenne. Vielleicht erhob sich auch deshalb wenig bzw. nur wissenschaftlicher Protest gegen seine Einteilung. Doch spätestens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollten ernsthafte Zweifel an der absoluten biblischen Wahrheit aufkommen und damit wurde letztendlich auch der Weg zu einer neuen Herangehensweisen an die frühste Menschheitsgeschichte ermöglicht.
Die Grundlagen, auf denen Darwin später seine Erkenntnisse in Bezug auf die Evolution aufbaute, wurden im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gelegt. Im Bereich der Biologie gab es zu dieser Zeit zwei bedeutende wissenschaftliche 6WU|PXQJHQGLH1DWXUWKHRORJLHXQGGHQVRJHQDQQWHQÄ)XQNWLRQDOLVPXV³ Die vor allem in Großbritannien vorherrschende Naturtheologie entstand im 17. Jahrhundert und wurde von John Ray (1627- PLW VHLQHP :HUN Ä7KH Wisdom of God manifested in the work RI&UHDWLRQ³EHJUQGHW,KUEHNDQQWHVWHU9HU- treterwar jedoch der schottische Theologe und Philosoph William Paley (1743-1805). Die Anhänger der Naturtheologie suchten die Beweise für die göttliche Schöpfung direkt in der Natur. Paley prägte in seiner 180 HUVFKLHQHQ 0RQRJUDILH Ä1DWXUDO Theology, or Evidences of the Existence and Attributes of the Deity, collected from WKH$SSHDUDQFHV RI 1DWXUH³ GHQ EHUKPWHQ 8KUPDFKHUYHUJOHLFK 'DQDFK ]HLJH GLH Zweckmäßigkeit einer Uhr deutlich, dass dort ein schöpferischer Handwerker am Werke gewesen sei und an dessen Existenz zweifle niemand, auch ohne zu wissen, wer es gewesen sei. Die Zweckmäßigkeit und Komplexität aller Organismen sei daher Beweis genug, dass auch hier eine schöpferische, eine göttliche Kraft am Werke gewesen seien müsse.
Das Werk Paleys hatte zu Darwins Zeiten große Bedeutung, es gehörte noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zur Pflichtlektüre an britischen Universitäten. Darwin selbst war zunächst sehr beeindruckt davon, erkannte aber bald die schwachen Argumente, auf denen Paleys Thesen aufgebaut waren.
13 Linné, C. von: Fundamenta Botanica, S. 18.
Die zweite wissenschaftliche Richtung war der Funktionalismus, der in seinen Grundzügen auf die Lehren des Aristoteles zurückging. Ein Organismus erhielte dieser Lehre zufolge genau die Gestalt, die für seine Lebensumwelt bzw. Lebensweise am zweckdienlichsten sei. Allerdings war damit nicht generell das Wirken Gottes ausgeschlossen, es wurde nur anders interpretiert. Nach Ansicht der Funktionalisten wies Gott einem Lebewesen eine bestimmte Lebensweise zu und diese Lebensweise führte dann zum zweckbestimmten Aufbau des Organismus. Kurz gesagt gingen die Anhänger der Naturtheologie davon aus, dass sich in der Natur der Wille und die unveränderliche Schöpfung Gottes widerspiegle, während die Funktionalisten davon ausgingen, dass Gott die Welt zwar nach einem bestimmten Plan erschaffen habe, sie aber dann mehr oder weniger sich selbst überließ. Letzteres war zumindest eine plausible Erklärung für so manche Grausamkeit in der Natur.
Wichtig für diese Bereiche der Wissenschaften war jedoch vor allem, dass immer mehr Gelehrte danach strebten, das, was sie sahen, zu erklären und zu verstehen und nicht mehr nur zu beschreiben. Man suchte nach Gesetzmäßigkeiten, wie es sie zum Beispiel in der Physik schon gab. Während dieser Zeit waren drei Wissenschaftler maßgeblich, die unterschiedlicher kaum sein konnten: Die beiden Franzosen Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) und Georges Cuvier (1769-1832) sowie der britischen Geologe Charles Lyell (1797-1875).
Jean-Baptiste Lamarck ± sein vollständiger Name lautete: Jean-Baptiste Pierre Antoine de Monet, Chevalier de Lamarck ± erkannte schon vor Charles Darwin einen evolutionären Wandel, dem alle Arten unterworfen seien, doch seine Erkenntnisse wurden entweder missachtet oder sogar abgelehnt und bekämpft. 14 Auch Lamarck war eigentlich für das Priesteramt vorgesehen, wenn dies auch mehr durch die prekäre finanzielle Lage der Familie bedingt war. Doch nach dem Tod
14 Zum Folgenden siehe: Lefévre, W.: Jean Baptiste Lamarck (1744-1829); Delange, Y.: Jean-Bapiste
Lamarck. Biographie; zur Thematik der zeitgenössischen Evolutionstheorien in Frankreich siehe:
Corsi, P.: The Age of Lamarck. Evolutionary Therories in France 1790-1830; Burkhardt, R.: The Spirit
of System. Lamarck and Evolutionary Biology.
seines Vaters trat er stattdessen lieber in die Armee ein. Nach einigen Jahren musste er jedoch aus gesundheitlichen Gründen aus dem Militärdienst ausscheiden und begann, in Paris Medizin zu studieren, ohne allerdings ein Examen abzulegen. Eines seiner Steckenpferde war die Botanik, wodurch er schließlich zum Kurator im königlich-botanischen Garten in Paris wurde, dem Jardin du Roi, und, nach der Französischen Revolution, Professor für Zoologie am neu gegründeten Muséum National G¶+LVWRLUH1DWXUHOOH
Wie die meisten anderen Gelehrten seiner Zeit, beschäftigte sich Lamarck aber nicht nur mit der Zoologie und Botanik, sondern er forschte auch im Bereich der Physik, Chemie, Meteorologie und Paläontologie. Er war ein für die Zeit durchaus typischer Universalgelehrter. Auf dem Gebiet der Zoologie wurde er zum Begründer GHU PRGHUQHQ Ä=RRORJLH GHU :LUEHOORVHQ³ GLH JUXQGOHJHQGH 8QWHUVFKHLGXQJ LQ Wirbeltiere und Wirbellose stammt von ihm. Beim Studium der umfangreichen Molluskensammlung 15 des Museums erkannte er unter anderem, dass sich einzelne Molluskenarten in eine sich verändernde Reihe einordnen ließen, die sich stufenweise von den ersten fossilen Arten bis zu heute existierenden fortsetzen ließ. Daraus schloss Lamarck, es müsse sich um zusammenhängende, lineare Stammlinien mit Vor- und Nachfahren handeln und dass die Arten sich, entgegen der allgemeinen Ansicht von der Unveränderbarkeit der Arten, doch langsam veränderten und weiterentwickelten. Aber auch Lamarck dehnte seine Behauptungen nicht bis zur letzten Konsequenz aus, denn zunächst lehnte er die seit 1790 in Paris heftig diskutierte Hypothese über das Aussterben von Arten, die so genannte Extinktionshypothese, ab. Um aber das von ihm verneinte Aussterben von Arten und die Fossilfunde in Einklang zu bringen, entwickelte er seine Theorie über die Veränderlichkeit der Arten, die sog. Transmutationslehre.
Zudem glaubte er nicht, wie später Darwin, dass alles Leben einen gemeinsamen Ausgangspunkt habe. Er ging vielmehr ± trotz widersprüchlicher
15 Mollusken sind wirbellose Tiere mit weichem Körper.
Aussagen in seinen Werken ± davon aus, dass es ständig zu einer Art göttlich bedingter Selbstzeugung (Generatio spontanea) käme und alle so entstandenen Arten einen identischen, in der gleichen Geschwindigkeit ablaufenden Entwicklungszyklus durchliefen, von recht primitiven Urformen zu den weiterentwickelten, komplexen Organismen hin. Der Mechanismus, der dahinter stecke, sei eine Anpassung des Verhaltens der Organismen an Umweltveränderungen, wodurch neue Bedürfnisse im Organismus entstünden. Dabei könne Bedarf an einem neuen Organ HQWVWHKHQ XQG GXUFK GLHVHQ %HGDUI XQG GLH %HZHJXQJHQ ÄXQZlJEDUHU )OVVLJ-NHLWHQ³ GLH GXUFK GDV YHUlQGHUWH 9HUKDOWHQ DXVJHO|VW ZUGHQ ZUGH QHXHV *H- webe,also ein neues Organ geschaffen werden. Organe, die vermehrt gebraucht würden, vergrößerten sich, während Organe, die nicht mehr gebraucht würden, verkümmern.
Die neu erworbenen Eigenschaften vererbten sich dann an die Nachkommen. Die Veränderungen würden also sozusagen durch einen aktiven, inneren Prozess ablaufen, während man heute weiß, dass dies durch das Zusammenspiel von zufälligen Mutationen und äußeren Umständen, eben einen natürlichen Auswahlprozess geschieht. Als Beispiel für seine Evolutionstheorie sei hier der Versuch Lamarcks genannt, aus einer Antilope eine Giraffe zu machen. Die Giraffe war damals noch wenig bekannt ± 1827 kam das erste Exemplar nach Paris ± und Lamarck benutzte sie als Beweis für seine Thesen. Er war der Ansicht, dass eine Antilope sich zur Giraffe weiterentwickelte, indem sie die Blätter von Bäumen abweide und dabei ihren Nacken stets mit aller Kraft nach oben recken müsse. Auch Zunge und Beine müssten dabei ständig gestreckt werden, was wiederum dazu führe, dass diese Körperteile mit der Zeit länger würden. Diese Verlängerung vererbe sich dann auIGLHQlFKVWH*HQHUDWLRQGLHQlFKVWHÄ$QWLORSHQ³-Generation hätte also von Beginn an längere Beine, Zungen und Hälse, müsse diese dann aber wiederum weiter strecken, sodass am Ende irgendwann die Giraffe dabei
herauskäme. 16 'LHVHU 7HLO GHU /DPDUFNµVFKHQ (Yolutionstheorie, die Vererbung erworbener Eigenschaften, wurde später als Lamarckismus bezeichnet und erlebt heute im genetischen Bereich ein Revival, doch seine Zeitgenossen reagierten vornehmlich negativ auf seine Erkenntnisse.
Lamarck war außerdem der Überzeugung, der Mensch in seiner Komplexität müsse ein sehr altes Lebewesen seien, während primitivere Organismen, von denen wir heute wissen, dass sie die ältesten Lebensformen darstellen, recht jung wären. Den größten Kritikpunkt lieferte Lamarck jedoch mit der Behauptung, jeder Organismus habe eine angeborene, unabänderliche Tendenz zur Vervollkommnung. Bei Lamarck strebten alle Individuen beständig aus einem inneren Drang heraus nach Verbesserung, es war für ihn geradezu ein Naturgesetz. Aber gerade diese, heute recht harmlos klingende Überlegung, barg enorme politische Sprengkraft. Wenn jedes Individuum aus eigenem Antrieb nach Höherem streben konnte, warum dann nicht auch der Mensch, die unteren Schichten, der Pöbel? Wohin so ein Denken führen konnte, hatte dem Rest Europas die Französische Revolution gerade drastisch vor Augen geführt und genau diese Angst erweckten die Thesen Lamarcks zum Beispiel beim britischen Establishment. Solch eine Behauptung konnte in ihren Augen nur zu sozialen Unruhen führen. Dass seine Erkenntnisse, die Lamarck 1809, im Geburtsjahr Darwins, in VHLQHP :HUN Ä3KLORVRSKLH ]RRORJLTXH³ YHU|IIHQWOLFKWH NHLQHQ JURHQ =XVSUXFK LQ Wissenschaftskreisen fanden, lag aber auch daran, dass es ihm nicht gelang, eine glaubwürdige Erklärung für den kontinuierlichen Wandel der Organismen zu finden, was wiederum seinen Kritikern eine leichte Angriffsfläche bot. Zu Lamarcks größten Kritikern zählte sein Landsmann und Kollege am 0XVpXP 1DWLRQDOG¶+LVWRLUH 1DWXUHOOH*HRUJHV &XYLHU GHUDOVÄ9ater der Paläonto- ORJLH³JLOW XQG HLQ HLQIOXVVUHLFKHU 9HUWUHWHU GHV )XQNWLRQDOLVPXV ZDU 17 Cuvier hatte
16 Nach Darwin ist der längere Hals dagegen ein Mutationszufall, der einen Evolutionsvorteil bot und
den Giraffen mit längerem Hals ± und damit einem leichteren Zugang zu ihrem Futter ± eine größere
Überlebens- und Fortpflanzungschance brachte.
17 Zum Folgenden siehe: Rieppel, O.: Georges Cuvier (1769-1832); Outram, D.: Georges Cuvier.
Vocation, Science and Authority in Post-Revolutinary France.
vergeblich ein Theologiestudium in Tübingen angestrebt, erhielt dann auf Empfehlung der Prinzessin von Württemberg einen Studienplatz an der Karlsschule in Stuttgart. 1786 wurde er nach Beendigung seines Studiums Hauslehrer beim Grafen G¶+pULF\LQGHU1RUPDQGLH:lKUHQGVHLQHV$XIHQWKDOWHVKDWWHHU=HLWXQG0XHGLH Meerestiere an der Kanalküste zu erforschen. Er begann mit Studien zur vergleichenden Anatomie von Mollusken, Würmern und Seesternen, die er sezierte und zeichnete.
Seine Zeichnungen zeigten seine Begabung für die vergleichende Anatomie und führten schließlich zu seiner Berufung als Professor für Zoologie im Bereich vergleichende Anatomie aP 0XVpXP 1DWLRQDO G¶+LVWRLUH 1DWXUHOOH$XFK HU HUDUEHLWHWH eine systematische, heute noch weitgehend gültige Klassifikation des Tierreiches, das er in vier grundlegende Typen unterteilte: Wirbeltiere (Vertebrata), Weichtiere (Mollusca), Gliedertiere (Articulata) und Strahltiere (Radiata). Ein Ergebnis seiner Forschungen war die Erkenntnis, dass das anhand der Bibel errechnete Erdalter von fast 6.000 Jahren nicht stimmen konnte. Während er die Erdschichten rund um Paris auf der Suche nach Fossilien erforschte, hatte er das Vorhandensein unterschiedlicher Ablagerungsschichten bemerkt, bestehend aus Meeressedimenten im Wechsel mit terrestrischen Ablagerungen. Er erkannte dabei auch, dass die Ähnlichkeit der Fossilien mit den heutigen Arten immer mehr abnahm, je tiefer sie gefunden wurden, also je älter sie waren. Allerdings war Cuvier ein entschiedener Vertreter der Konstanz der Arten und lehnte Lamarcks Hypothese der Artentransformation vehement ab: Ä>«@ wenn sich die Arten graduell verändert haben, müßte man [im Fossilbeleg] Spuren dieser gUDGXHOOHQ 9HUlQGHUXQJHQ ILQGHQ >«@ Bis heute ist dies nicht gelungen [«] In den Eingeweiden der Erde sind deswegen keine Überreste einer derart seltsamen Genealogie erhalten geblieben, weil die Arten vergangener Zeiten eEHQVRXQYHUlQGHUOLFKZDUHQZLHGLHXQVHUHU=HLW³ 18
18 Cuvier, G.: Discours sur les Révolutions de la Surface de Globe, S. 59; zitiert nach Rieppel, O.:
Georges Cuvier, S. 154.
Somit konnten seine Fossilfunde dafür als Beweis herhalten, waren die Unterschiede zwischen den Funden doch so gravierend, dass sich in ihnen kein kontinuierlicher Wandel zeigte. Es war das Problem, mit dem noch die heutige Paläontologie zu kämpfen hat: Man findet selten alle Fossilien, um die komplette Entwicklungslinie einer Art zu rekonstruieren. Doch für Cuvier blieb die Tatsache zu erklären, dass Fossilien gefunden wurden, die nicht mit heute lebenden Tieren vergleichbar waren. Bei Fossilien von Meerestieren hätte man ± wie einige der Gelehrten es auch taten ± durchaus vermuten können, es gäbe noch heute existierende Vertreter dieser vermeintlich ausge-storbenen Arten, die einfach noch nicht entdeckt seien, da sie nur in den Tiefen des Meeres vorkämen. Cuvier stützte sich jedoch bei seinen Überlegungen auf die fossilen Überreste von Säugetieren, zum Beispiel denen des Mammuts, die mit den heutigen Arten keinerlei Ähnlichkeit hatten und auch von zeitgenössischen Forschern NDXPÄEHUVHKHQ³ZRUGHQVHLQN|QQWHQKlWWHQVLHQRFKH[LVWLHUW'LHVIKUWHLKQ]X der Überzeugung, es müsse tatsächlich ein Aussterben von Arten stattgefunden haben.
Jetzt musste Cuvier nur noch eine Erklärung für das Aussterben finden. Er kam zu dem Schluss, die geologische Entwicklung der Erde könne nicht kontinuierlich vonstatten gegangen seien. Es sei vielmehr zu gewaltigen Katastrophen gekommen, die um ein Vielfaches gewaltiger gewesen seien als jede der heute vorkommenden Naturkatastrophen:
Ä'HU *DQJ GHU 1DWXUKDW VLFK JHlQGHUW XQG NHLQH GHU:LUNXUVDFKHQ GLH VLH heute benutzt, hat ihr ausgereichtLKUHIUKHUHQ:HUNH]XYROOEULQJHQ³ 19 Diese gewaltigen Katastrophen hätten dann zum Aussterben von Lebewesen oder sogar ganzer $UWHQ JHIKUW ZDV DOV Ä.DWDVWURSKHQWKHRULH³ EH]HLFKQHW ZLUG Beim erwähnten Mammut wurde gleich eine logische Erklärung mitgeliefert, denn
19 Ebd., S. 151.
man fand die Überreste der Tiere im Permafrost und die logische Schlussfolgerung war für Cuvier, dass die Tiere bei einem plötzlichen Kälteeinbruch erfroren seien. Die Ablagerungen von Meeressedimenten ließen Cuvier vermuten, dass zu diesen Katastrophen auch Überflutungen gehört hätten.
Cuviers Bedeutung in der heutigen Wissenschaftsgeschichte leidet sehr unter der Polemik des Streikes mit seinem schärfsten Kritiker, Charles Lyell. Dieser unterstellte ihm, er habe nach jeder der von ihm angenommenen Katastrophen eine Neuschöpfung durch Gott vorausgesetzt und die letzte vermutete Katastrophe sei die biblische Sintflut vor 6.000 Jahren gewesen. In den Schriften Cuviers findet sich jedoch nichts davon, als Vertreter der französischen Aufklärung ist eine solche theologische Verbrämung seiner Thesen auch eher unwahrscheinlich. Dennoch sehen viele moderne Forscher in ihm einen Hemmschuh, der durch sein großes Ansehen den Fortgang der wissenschaftlichen Forschung aufhielt, da er immer noch einem veralteten Weltbild verpflichtet gewesen sei. Andere sehen in Cuvier einen bedeutenden Wissenschaftler, der versuchte, mit den Erkenntnissen und innerhalb der Denkweisen seiner Zeit durchaus neue Wege zu beschreiten. So wird sein berühmter Ausspruch ÄO¶KRPPH IRVVLOH Q¶H[LVWH SDV³ GW ÄGHU IRVVLOH 0HQVFKH[LVWLHUWQLFKW³HQWZHGHUDOVDEVROXWH9HUQHLQXQJMHJOLFKHU([LVWHQ]IRVVLOHU 0HQVFKHQ ÄYRUVLQWIOXWOLFKH³ 0HQVFKHQ E]Z PLW HLQHP $OWHU YRQ PHKU DOV Jahren) durch Cuvier gedeutet oder nur als ± für diese Zeit durchaus zutreffende ± Aussage, dass noch keine Beweise für die Existenz fossiler Menschen vorlagen. Auch Cuviers Katastrophentheorie blieb letztlich nicht unwidersprochen. Charles Lyell, einer der führenden britischen Geologen der damaligen Zeit und später Anhänger und enger Freund Darwins, griff die Thesen in seiner dreibändigen 0RQRJUDILHÄ3ULQFLSOHVRI*HRORJ\³KHIWLJDQ
Lyell war das älteste von zehn Kindern. 20 Sein Vater, ein leidenschaftlicher Botaniker, weckte bei ihm schon in jungen Jahren die Begeisterung für die Naturwissenschaften. Auch wenn er zunächst in Oxford Jura studierte, entdeckte Lyell bald
20 Zu Leben und Werk von Charles Lyell siehe: Bonney, T.G.: Charles Lyell and Modern Geology.
seine Begeisterung für die Geologie und wurde 1819 Mitglied der Geological Society. Schließlich gab er die juristische Karriere ganz auf und widmete sich allein der Geologie. Sein wichtigstes Betätigungsfeld war dabei die so genannte Stratigrafie, die Schichtenkunde, bei der die Erdschichtungen und ihre zeitliche Zuordnung untersucht werden.
Dieses Prinzip der Schichtenfolge, nach der die weiter oben liegenden Schichten jünger sein müssen als die darunter liegenden, hatte bereits im 17. Jahr-hundert der dänische Naturforscher Niels Stensen (oder Nicolaus Stenonis; 1638-1686) entdeckt, der im Übrigen auch erstmalig Fossilien als versteinerte Überreste einstmals lebender Tiere und Pflanzen erkannte. 21 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Gesteinsschichten dann erstmalig von Geologen kartographiert, wodurch eine Chronologie der Erdgeschichte erarbeitet werden konnte. 1815 erkannte der britische Ingenieur und Landvermesser William Smith (1769-1839) beim Bau eines Kanals, dass bestimmte Fossilien nur in bestimmten Schichten zu finden waren. So konnte mithilfe der in den Gesteinsschichten eingelagerten Fossilien die Verbindung zwischen verschiedenen Formationen hergestellt werden. 6HLQH (UNHQQWQLVVH EUDFKWHQ 6PLWK GHQ EH]HLFKQHQGHQ 6SLW]QDPHQ Ä6WUDWD-6PLWK³Ä6FKLFKWHQ-6PLWK³HLQXQGOLHIHUWHQGLH*UXQGODJHQIUGLHFormulierung des so genannten Leitfossilprinzips. 22 Durch die einzelnen Ablagerungsschichten erhält man die geologische Zeitenfolge einer Region, die eingeschlossenen Fossilien geben Aufschluss darüber, wann die jeweiligen Lebewesen auftraten bzw. wieder ausstarben. Die Leitfossilien ermöglichen dabei eine relative Altersbestimmung verschiedener Gesteinsschichten. Schichten, in denen man diese Fossilien findet, müssen ungefähr gleich alt sein.
Charles Lyell war während seines Studiums von William Buckland (1784-1856) auf die Schichtenfolgen aufmerksam gemacht worden, der auch sein Interesse für die Geologie insgesamt geweckt hatte. Später war es dann Lyell, der die grund-
21 Stenonis,N.: De solido intra solidum naturaliter contento dissertationis prodromus.
22 Siehe dazu: Winchester, S.: Eine Karte verändert die Welt. William Smith und die Geburt der
modernen Geologie.
legende Chronologie der letzten 65 Millionen Jahre der Erdgeschichte, heute als Tertiär bezeichnet, erstellte, die er in die Phasen Eozän, Miozän, Pliozän und Pleistozän unterteilte. Damit beendete er endgültig die Zeit der biblischen Zeitrechnung in den Wissenschaften, auch wenn vorerst das Alter der Menschheit immer noch anhand der in der Bibel genannten Generationen berechnet wurde, also auf 6.000 Jahre bestimmt wurde.
,Q VHLQHP +DXSWZHUN GHQ Ä3ULQFLSOHV³ ZLGHUVSUDFK /\HOO HLQ $QKlQJHU GHV Aktualismus und Uniformitarismus, vehement der Cuvier'schen Katastrophentheorie, indem er behauptete, es habe keine weltweiten, gewaltsamen Umbrüche gegeben, sondern die Erdoberfläche verändere sich dauernd durch natürliche Kräfte, jedoch sehr langsam. Es gäbe zwar einzelne lokale Katastrophen, aber gemäß den Vorgaben des Aktualismus dürften nur Ereignisse, die auch heute noch zu beobachten seien, zur Erklärung der vergangenen Vorgänge herangezogen werden. Lokal begrenzte Ereignisse, wie Vulkanausbrüche oder Erdbeben, wurden von Lyell akzeptiert, eine globale Katastrophe, die zum Aussterben ganzer Arten führte, nicht. 23 Gerade Lyells Ausführungen dürften auch Darwin beeinflusst haben, denn er KDWWHGHVVHQ:HUNPLWDXIVHLQHUIQIMlKULJHQ)RUVFKXQJVUHLVHDQ%RUGGHUÄ+06 %HDJOH³
Lyell war, wie die meisten seiner Zeitgenossen, ein entschiedener Gegner der Lamarck'schen Thesen. Seiner Meinung nach starben einzelne Arten aus, wenn sich ihre Umwelt durch geologische Prozesse zu stark veränderte, als dass sie noch darin leben könnten, oder wenn sie durch diese Veränderungen von einwandernden, von Natur aus besser angepassten Arten verdrängt würden. Er bestritt den Artenwandel und war der Meinung, dass bei Bedarf eine neue Art geschaffen würde. Nach seiner Theorie entstanden Arten plötzlich, ohne dass er weiter ausführte, wie dies geschah, und waren entweder perfekt an ihre Umwelt angepasst oder starben aus.
23 Heute weiß man, dass beide Forscher teilweise Recht hatten, dass es neben einem kontinuierlichen
Wandel auch Katastrophen gab, die entscheidenden Einfluss auf das Leben auf der Erde hatten. Als
Beispiel mag hier das Massensterben der Dinosaurier und der darauf folgende Triumphzug der
Säugetiere vor ca. 65 Millionen Jahren dienen, das wahrscheinlich durch den Einschlag eines
Meteoriten verursacht wurde, möglicherweise aber auch den Ausbruch eines Supervulkans.
Auch wenn sich seine Ansichten in entscheidenden Punkten stark von Darwins späterer Evolutionstheorie unterschieden, ebnete doch gerade Lyell den Weg für Darwin, gab ihm entscheidende Anstöße. Doch Lyell selbst sollte es zeitlebens schwer fallen, die Ansichten seines Freundes vor allem über die Entwicklung des Menschen voll und ganz zu teilen. Denn wie viele seiner Zeitgenossen fürchtete er eine Verrohung der Menschheit, den Verlust der Errungenschaften der Zivilisation, sollten Darwins Thesen stimmen.
In die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts fiel auch die Entdeckung der Eiszeiten durch den Schweizer Geologen und Zoologen Louis Agassiz (1807-1873), einen Schüler Cuviers, der im Gegensatz zu Lyell ein vehementer Gegner Darwins wurde. 24 Der britische Geologe und Paläontologe Hugh Falconer (1808-1865) erkannte, dass die letzte dieser Eiszeiten mit dem von Lyell eingeführten Pleistozän ]XVDPPHQILHOVRGDVVPDQGLH]XYRUDOVÄGLOXYLDO³DOVRVLQWIOXW]HLWOLFKDQJHVHKHQHQ Geschiebe nun als Resultat einer Ausdehnung der polaren Eiskappen während einer Phase starker klimatischer Abkühlung erkannte. Von einer Eiszeit war aber in der Bibel nicht die Rede, ein weiterer Todesstoß für die bibelgläubige Wissenschaft. Im 18. und 19. Jahrhundert lagen schließlich auch die Anfänge der prä-historischen Archäologie. Die griechische und römische Antike war durch die antiken Schriftsteller und die sichtbaren Hinterlassenschaften ihrer Kultur schon lange ein Begriff. Und auch noch ältere Artefakte, wie beispielsweise Steinwerkzeuge oder Tongefäße, waren nicht völlig unbekannt, doch konnte man mit ihnen wenig anfangen, geschweige denn, dass man ihr tatsächliches Alter erahnte. Einer der Begründer der prähistorischen Archäologie und Initiator des berühmten Dänischen Nationalmuseums, der Däne Rasmus Nyerup (1759-1829), sagte über vorgeschichtliche Funde, es handle sich dabei um:
24 Agassiz, L.: Etude sur les Glaciers; siehe dazu auch: Blair Bolles, E.: Eiszeit. Wie ein Professor, ein
Politiker und ein Dichter das ewige Eis entdeckten; sowie zur Person Agassiz: Lurie, E.: Louis
Agassiz. A life in science.
Ä*HJHQVWlQGHGLH]ZDUIUGHQ$OWHUWXPVIRUVFKHUXQHUPHVVOLFKVLQGDEHUIU eine zusammenhängende Geschichte keinen hinreichenden Stoff abgeben. Denn alles, was aus der älteren, heidnischen Zeit stammt, schwebt für uns gleichsam in einem dichten Nebel, in einem unermesslichen Zeitraum. Wir wissen, dass es älter ist als das Christentum, doch ob es ein paar Jahre oder ein paar Jahrhunderte, ja vielleicht um mehr als ein Jahrtausend älter ist, darüber lässt sich mehr oder weniger UDWHQ³ 25
Nyerups Nachfolger als Leiter der Altertümersammlung, Christian Jürgensen Thomsen (1788-1865), begann, GHQ Ä1HEHO³ HLQ ZHQLJ ]X OLFKWHQLQGHP HUGLH2E- jekteder Sammlung, die in der Dachkammer der Heiligen Dreifaltigkeitskirche in Kopenhagen untergebracht war, ordnete. Er fasste die Stücke systematisch nach funktionalen Kriterien wie etwa Tongefäße, Waffen, Schmuck usw. zusammen und begann dann auch den Versuch einer chronologischen Ordnung. Das Ergebnis war die Einteilung der Vorzeit in die Epochen Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit, das so JHQDQQWHÄ'UHLSHULRGHQV\VWHP³'LH%H]HLFKQXQJGHUHLQ]HOQHQ3HULRGHQHUJDEVLFK für Thomsen aus den Materialien, die jeweils hauptsächlich für Werkzeuge und Waffen verwendet wurden. 26
Schon bald wurde Thomsens System weiter unterteilt. Durch den französischen Geologen und Archäologen Edouard Lartet (1801-1873) und den britischen Bankier und Hobbyarchäologen Henry Christy (1810-1855) erfolgte eine erste Verfeinerung. Lartet erforschte, finanziell gefördert und tatkräftig unterstützt von Henry Christy, die Höhlen im südlichen Frankreich. Er erkannte dabei, dass sich in den Höhlen anhand der eingelagerten Kulturschichten eine Chronologie entwickeln OLH ZDV PDQ DOV ÄVWUDWLJUDILVFKH 0HWKRGH³ EH]HLFKQHW HQWVSUHFKHQG GHU DXV GHU Geologie bekannten Methodik. 1861 gliederte Lartet die Vorzeit anhand dieser Funde LQHLQHlOWHUH3HULRGHGLHHUDOVÄ0DPPXW]HLW³EH]HLFKQHWHXQGHLQHMQJere, die er Ä5HQWLHU]HLW³QDQQWH(UHUNDQQWH]XGHPGDVVGLH)XQGVFKLFKWHQPLWÄJHVFKOLIIHQHQ
25 Zitiert nach Müller, S: Nordische Altertumskunde, S. 217/8.
26 Thomsen, C.J.: Leitfaden zur nordischen Altertumskunde.
6WHLQHQ³ EHU GHQHQ PLW ÄJHVFKODJHQHQ 6WHLQJHUlWHQ³ ODJHQ DOVR MQJHU VHLQ PXVVWHQ $XI GLHVH :HLVH GHILQLHUWH /DUWHW HUVWPDOLJ HLQH $UW ÄDUFKlRORJLVFKHU LeitfoVVLOLHQ³
Der Brite Sir John Lubbock (1834-1913; später Lord Avebury) erkannte, dass HV VLFK EHL 7KRPVHQV Ä6WHLQ]HLW³ QXU XP GLH 6SlWSKDVH HLQHV YLHO XPIDVVHQGHUHQ Zeitraumes handelte und er unterteilte ihn weiter in Paläolithikum (= Altsteinzeit) und Neolithikum (= Jungsteinzeit). Die Benennungen setzten sich aus den griechischen Bezeichnungen palios IUÄDOW³E]Zneos IUÄQHX³VRZLHlithos IUÄ6WHLQ³]XVDPPHQ Hierbei muss man natürlich berücksichtigen, dass die zugrunde liegenden Funde relativ jung waren, denn die ältesten Funde, die später in Afrika und inzwischen auch in Europa entdeckt wurden und ein Alter von bis zu 2,5 Millionen Jahre aufweisen, waren ja noch nicht bekannt.
Damit waren auch die archäologischen Voraussetzungen für die Erforschung der frühsten Menschheitsgeschichte geschaffen, wenn es auch von den Ältesten unserer Vorfahren keine archäologisch fassbaren Hinterlassenschaften gibt, außer ihren fossilierten Knochen, wie die Forschungen der kommenden Jahrzehnte zeigen sollten.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es dann auch zu den ersten bedeutenderen Entdeckungen fossiler, menschlicher Überreste. Was möglicherweise in den Jahrhunderten zuvor bereits gefunden worden war, aber nicht erkannt wurde und deshalb verloren ist, werden wir wohl nie erfahren. Der berühmte Fund aus dem Neandertal fällt genau in die heiße Phase der Debatte um die Evolution des Menschen und je nach Einstellung des jeweiligen Gelehrten wurde auch über das Alter und die Zugehörigkeit der Knochen entschieden, wie noch zu zeigen sein wird. Doch zunächst standen mehr Darwin und seine Thesen im Blickpunkt des Interesses.
Der Mensch als Affe? Darwin und die Folgen
Auch wenn viele Tatsachen nicht mehr völlig neu oder unantastbar waren, musste Charles Darwin (1809- GHU DOV Ä9DWHU GHU (YROXWLRQVELRORJLH³ 27 ange-
VHKHQZHUGHQ NDQQ EHLGHU9HU|IIHQWOLFKXQJ VHLQHV:HUNHV Ä2Q WKH RULJLQRI VSHFLHV E\ PHDQV RI QDWXUDO VHOHFWLRQ³ KHUEH .ULWLN YRU DOOHP YRQ NLUFKOLFKHU 6HLWH einstecken. Weil er sich dessen bewusst war, hatte er lange mit der Veröffentlichung seiner in jahrzehntelanger, akribischer Forschung erlangten Erkenntnisse gezögert. Erst als er glaubte, Erklärungen für alle strittigen Punkte gefunden zu haben und unter dem Druck, dass möglicherweise ein anderer vor ihm ähnliche Thesen veröffentlichen und ihn um die Anerkennung seines Lebenswerkes bringen könnte, präsentierte er schließlich seine Ideen der Öffentlichkeit. Darwins Weg in die Wissenschaften war nicht gradlinig, entsprach aber in vielem dem üblichen Werdegang eines jungen Gentlemans aus der gehobenen, englischen Mittelschicht. 28 Charles Robert Darwin wurde 1809 als fünftes Kind eines wohlhabenden Landarztes im mittelenglischen Shrewsbury geboren. Sein wenige Jahre vor seiner Geburt verstorbener Großvater, Erasmus Darwin (1731-1802), war ein sehr bekannter ± und ebenfalls nicht unumstrittener ± Naturforscher und Bonvivant. Er hatte Ende des 18. Jahrhunderts eine Art Evolutionstheorie formuliert und veröffentlichte sie in einem Werk mit dem 7LWHOÄ=RRQRPLDRU7KH/DZVRI2UJDQLF /LIH³:HQQ&KDUOHV'DUZLQVHLQHQ*URYDWHUDXFKQLHPDOVNHQQHQOHUQWHVFKHLQHQ Ideen, die schon den alten Herrn bewegten, auch seinen Enkel inspiriert zu haben, wie z.B. der Gedanke eines gemeinsamen Vorfahrens oder die Bedeutung von Konkurrenz und geschlechtlicher Selektion, die zur Veränderung von Arten führen könnten. So formulierte bereits Erasmus Darwin:
27 Eine sehr gute Einführung in Darwins Evolutionstheorie bietet: Weber, T.P.: Darwinismus.
28 Siehe zur Lebensgeschichte Charles Darwins: Desmond, A./Moore, J.: Darwin; daneben auch:
Junker, T.: Charles Darwin (1809-1882).
Ä7KHILQDOFRXUVHRIWKLVFRQWHVWDPRQJPDOHVVHHPVWREHWKDWWKHVWURQJHVW and most active animal should propogate the species which should thus be improved." 29
Aber nicht nur die Gedanken von Erasmus Darwin, auch das ganze intellektuelle Umfeld, das durch solch eine Persönlichkeit geschaffen wurde und das dessen Tod überdauerte, dürfte letztendlich für die Entwicklung von Charles Darwins Interessen und Ansichten von großer Wichtigkeit gewesen sein. Sein Vater Robert W. Darwin galt als politisch liberal und stand der Religion eher skeptisch gegenüber. Die früh verstorbene Mutter, Susannah Wegdwood, entstammte einer wohlhabenden Industriellenfamilie, ihr Vater Josiah Wedgwood war Besitzer einer Porzellanmanufaktur.
Darwins eigene Karriere begann jedoch wenig vielversprechend. Da er erst acht Jahre alt war, als seine Mutter starb, kam er in ein örtliches Privatinternat, doch in der Schule erwies sich der junge Darwin nicht als große Leuchte und auch sein Medizinstudium, das er mit sechzehn Jahren in Edinburgh begann, stand unter keinem guten Stern. Robert Darwin hatte Charles zusammen mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Erasmus an die Universität geschickt, an der schon er und sein Vater studiert hatten. Keiner der beiden jungen Darwins sollte jedoch die Medizinerlaufbahn ergreifen und Charles musste nach nur zwei Jahren das Studium abbrechen.
Zu Darwins Entschuldigung sollte man allerdings berücksichtigen, dass die Medizin zur damaligen Zeit noch ein überaus blutiges Handwerk war. Operationen wurden ohne jede Betäubung durchgeführt, die Auswirkungen auf den Patienten kann man sich lebhaft vorstellen. Bei Operationen kam es daher vor allem auf die Schnelligkeit des Chirurgen an, dennoch dürfte eine solche Behandlung nur etwas für robustere Charaktere gewesen sein, als es offenkundig Charles Darwin war. Aller-
29 Darwin,E.: Zoonomia, or, The Laws of Organic Life, 1794-1796, zitiert nach King-Hele, D. (Hrsg.):
The essential writings of Erasmus Darwin, S. 5.
dings brachten die zoologischen Exkursionen mit dem Anatom Robert Grant (1793-1874) das naturwissenschaftliche Interesse des jungen Darwin endgültig zum Ausbruch und der junge Forscher hielt seine ersten wissenschaftlichen Vorträge. Für Darwin stellte sich nach seinem Scheitern in Edinburgh indes die Frage, wie sein weiterer Lebensweg aussehen sollte. Sein intensives Interesse an den Naturwissenschaften hatte sich deutlich gezeigt, doch zu dieser Zeit gab es keine Ausbildung zum Naturwissenschaftler, keine Berufswissenschaftler, auch wenn wir heute wie selbstverständlich die damaligen Gelehrten als Biologen oder Geologen bezeichnen. Man musste genug Geld haben, um sich dem Studium der Naturgeschichte zu widmen, die wenigen Stellen an den Universitäten waren dünn gesät und nicht von Fachgelehrten heutiger Vorstellung besetzt. Also benötigte Darwin einen angesehenen Beruf, der ihm genug Zeit und Muße ließ, seinen Studien nachzugehen. Er entschied sich für ein Studium der Theologie und klassischen Sprachen in Cambridge, um Landgeistlicher zu werden.
Was für den heutigen Betrachter wie ein Widerspruch erscheint, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus nicht ungewöhnlich. Viele wissenschaftlich interessierte junge Männer wählten den Weg in ein kirchliches Amt, um auf diese Weise ihren Forschungen nachgehen zu können, abgesichert durch kirchliche Pfründe. Und wie die Naturtheologie zeigt, gab es auch durchaus eine direkte Verbindung von Religion und Wissenschaft, die aber nicht nur positive, sondern auch negative, hemmende Auswirkungen auf die Forschung hatte ± und die nun bald von einer neuen Generation Gelehrter bekämpft werden sollte. &KDUOHV'DUZLQWUDWDOVRLP-DKUHLQV&KULVW¶V&ROOHJHLQ&DPEULGJHHLQ um dort anglikanische Theologie zu studieren. In Cambridge lernte er zwei für seinen weiteren Lebensweg wichtige Persönlichkeiten kennen. Einer davon war der Geologe Adam Sedgwick (1785-1873), der zu dieser Zeit das Lehramt für Geologie in Cambridge innehatte, ebenfalls ohne spezielle geologische Ausbildung. 30 Doch diesen Mangel glich er aus, indem er mit intensiven Feldarbeiten zur Erarbeitung der
30 Zu Adam Sedgwick siehe: Speakman, C.: Adam Sedgwick ± Geologist and Dalesman, 1785-1873.
A Biography in Twelve Themes.
Geologie des nördlichen Englands begann. Seine Mühen trugen Früchte und 1829 wurde er Präsident der Geological Society of London, wo er im November 1835, während Charles Darwin noch auf seiner Weltumsegelung war, erste Schriften des jungen Forschers über die Geologie Südamerikas vortrug, die sehr zur wachsenden wissenschaftlichen Reputation Darwins beitrugen und ihm nach seiner Rückkehr den Eintritt in die Geological Society ermöglichten. Die beiden Männer hatten sich während Darwins Studienzeit in Cambridge angefreundet und nach seinem Studienabschluss 1831 begleitete Darwin seinen Mentor zu einer lehrreichen Exkursion nach Wales. Sie blieben bis zu Sedgwicks Tod befreundet, doch die Freundschaft kühlte merklich ab, als Darwins Hauptwerk erschien, so wie viele Freundschaften Darwins an seinem wissenschaftlichen Ketzertum zerbrachen. Doch das war erst später, zunächst stand dem jungen Mann eine besondere Reise ins Haus, die ihm ein zweiter wichtiger Mentor vermittelte, der Botaniker und Mineraloge John Stevens Henslow (1795-1861), der ihm zunächst das genaue Sammeln und Beobachten beibrachte und ihm schließlich, nach Abschluss seines Studiums, die Teilnahme an einer Vermessungsfahrt an Bord dHU Ä+06 %HDJOH³ verschaffte. 31 Fast wäre Darwins Teilnahme an dieser ± für ihn und die Geschichte der Biologie ± bedeutsamen Reise gescheitert, denn sein Vater verweigerte zunächst seine Zustimmung. Er hätte seinen Sohn sicherlich lieber in der gesicherten Position eines Landpfarrers gesehen und hatte schwere Bedenken gegenüber diesem nicht ganz ungefährlichen Abenteuer. Doch Darwins Onkel, Josiah Wedgwood jr., überzeugte Robert Darwin schließlich und so konnte der junge Forscher am 27. Dezember 1831 endOLFKPLWGHUÄ%HDJOH³LQ6HHVWHFKHQ
Wie ernst es ihm mit seiner wissenschaftlichen Aufgabe war, zeigt sich daran, dass er im Vorfeld viele Stunden in naturkundlichen Museen verbracht hatte, im Gespräch mit Wissenschaftlern und mit der Zusammenstellung seiner Ausrüstung. Er war sich bewusst, dass diese auf drei Jahre angesetzte Reise, die der Vermessung von Feuerland und Südchile dienen sollte, eine einzigartige Chance für ihn war.
31 =X -RKQ 6WHYHQV +HQVORZ VLHKH :DOWHU 66WRZ ( 'DUZLQ¶V PHQWRU -RKQ 6WHYHQV +HQVORZ
1796-1861.
Darwin erwies sich als emsiger Sammler, der kistenweise Exponate ins heimische England schickte. Er suchte nach Pflanzen, Tieren und Fossilien und, be- HLQIOXVVWYRQ &KDUOHV/\HOO¶V Ä3ULQFLSOHV RI*HRORJ\³EHIDVVWH HUVLFK DXFKPLW JHR- logischenProzessen und suchte Beweise für dessen Theorien. Diese Beweise fand er zum Beispiel in den chilenischen Anden, wo er in einer Höhe von 1.000 Metern Fossilien von Muscheln und Meeresschnecken fand oder ganz hautnah, als er an einem tropischen Strand ein Erdbeben erlebte, das den Boden um einige Meter anhob.
Aber Lyells Aussagen in Bezug auf die Unwandelbarkeit der Arten begann Darwin bald in Zweifel zu ziehen. Er stellte fest, dass entgegen Lyells Thesen variierende Arten nebeneinander existieren konnten, ohne sich zu verdrängen und dass rezente Arten große Ähnlichkeit mit ausgestorbenen aufwiesen. Auch die perfekte Anpassung einzelner Arten an ihre Umwelt, die Lyell voraussetzte, fand ihren Widerspruch in den zahlreichen, von Europäern eingeführten und ausgesetzten Haustieren, die in ungewohnter und vermeintlich feindlicher Umgebung trotzdem schnell verwilderten und sich anpassten, anstatt Lyells Thesen entsprechend zu sterben.
Ein wichtiger Ansatzpunkt sollten für Darwin kleine Vögel werden, genauer gesagt Finken, die auf den ca. 1.000 km westlich vor Ecuador gelegenen Galapagosinseln OHEHQ XQG KHXWH GHQ 1DPHQ Ä'DUZLQILQNHQ³ WUDJHQ $OV GLH Ä%HDJOH³ GLH Inselgruppe anlief, war nur eine der Inseln bewohnt. Es gab dort eine Kolonie von ungefähr 200 Strafgefangenen, die sich weitgehend selbst überlassen waren. Die restlichen Inseln waren relativ unberührt und daher ein ideales Forschungsfeld für Darwin. Zudem waren sie sehr weit vom Festland entfernt und daher nur von wenigen Tierarten besiedelt worden. Der Forscher sammelte emsig hunderte von Vögeln ein und später in England erkannte der Maler und Ornithologe John Gould (1804-1881), der mit der Aufarbeitung dieser Exponate beauftragt wurde, den erstaunlichen Variantenreichtum unter ihnen.
Die Vögel zeigten zahlreiche unterschiedliche Merkmale, waren aber alle untereinander und auch mit den südamerikanischen Festlandarten nah verwandt. Darwin schloss daraus auf ein Abstammungsverhältnis, nach dem die ersten Finken durch Stürme auf die Inseln verweht wurden, dort zunächst genügend Nahrung fanden, um zu überleben. Auf den verschiedenen Inseln, aber auch jeweils auf den einzelnen Inseln, entwickelten die Finken dann im Laufe der Zeit sehr verschiedene Merkmale und Nahrungsgewohnheiten. Man kennt heute vierzehn verschiedene Finkenarten, die sich in der Gefiederfarbe und in der Form ihrer Schnäbel teilweise deutlich unterscheiden. 32 Die Vögel hatten sich optimal an verschiedene Lebensweisen und ±räume angepasst. Ihre Schnäbel eignen sich daher für den Verzehr unterschiedlichster Nahrung, von Beeren, Nektar, Samen über Insekten bis zu Blut, das eine Art aus offenen Wunden anderer Tiere trinkt. Aus der ursprünglichen körnerfressenden Art waren also allmählich durch Nahrungskonkurrenz neue Arten entstanden, die ihren Speiseplan teilweise mit erstaunlicher Erfindungsgabe erweitert hatten. Der Spechtfink (Cactospiza pallida oder Camarhynchus pallidus) benutzt zum Beispiel Kaktusstacheln als Werkzeug, um damit Insektenlarven aus Baumstämmen zu puhlen.
Eine solche Variationsbreite ist auf den Galapagosinseln auch bei anderen Tieren zu beobachten, so gibt bzw. gab es für jede Insel eine eigene Unterart einer heute von Aussterben bedrohten Riesenschildkrötenart, der Geochelone elephantopus. Die einzelnen Unterarten unterscheiden sich jeweils in der Form ihres Rückenpanzers, was Darwin aber ebenfalls erst später in England erkennen sollte. Anhand der mitgebrachten Fossilien erkannte ein weiterer Forscher, der Anatom Richard Owen (1804-1892), der ebenfalls mit der Aufarbeitung eines Teils der Funde beauftragt wurde, die große Ähnlichkeit der ausgestorbenen Tiere Feuer-lands mit den rezenten Arten und Darwin sah darin den Beweis, dass sich die rezenten aus den ausgestorbenen Arten entwickelt hätten. Es sollte hier festgehalten ZHUGHQ GDVV 'DUZLQ VHLQH 7KHRULHQ QLFKW VFKRQ DQ %RUG GHU Ä%HDJOH³ HQWZLFNHOW
32 SieKHGD]X*UDQW35:HLQHU-(FRORJ\DQG(YROXWLRQRI'DUZLQ¶V)LQFHV
hatte, sondern erst zurück in England, auch in der Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern. Nun erkannte er jedoch immer mehr, dass von Stabilität der Arten nicht die Rede sein konnte.
Kurz nach seiner Rückkehr begann Darwin mit der Niederschrift seiner Gedanken, die bald zahlreiche Notizbücher füllen sollten. Während der nächsten drei Jahre entwickelte er dabei eine Theorie über die Entstehung der Arten und gab dieser DOV (UVWHU GLH %H]HLFKQXQJ Ä(YROXWLRQ³$OOHUGLQJV VSLHOWH ]XQlFKVW HLQHU GHU Kernpunkte, nämlich die natürliche Auslese, keine Rolle, war Darwin doch davon überzeugt, dass Konkurrenzdruck ohne Belang bei der Entstehung neuer Arten sei. Für ihn stand anfangs die geschlechtliche Fortpflanzung im Vordergrund, durch die es zu einer Vermischung der Merkmale der beiden Elternteile käme. Dabei setzten sich, so glaubte Darwin, nur die positiven Merkmale durch, während die negativen zum raschen Tod des Individuums führen müssten. Neue Varianten könnten sich zudem nur in der Isolation entwickeln, weil es sonst zu einer ständigen Vermischung der Merkmale käme.
Entscheidenden Einfluss auf Darwins Überlegungen brachte ein gesellschafts-theoretisches Buch, das in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts in aller Munde ZDU XQG DNWXHOOHU GHQQ MH Ä$Q (VVD\ RQ WKH 3ULQFLSOHV RI 3RSXODWLRQ³ YRQ 7KRPDV Malthus (1766-1834). 33 Malthus vertrat darin die These, dass alle Populationen die Tendenz hätten, sich schnell fortzupflanzen, bis irgendwann ein Punkt erreicht sei, an dem die Grundversorgung nicht mehr gesichert wäre, also für die wachsende Menschenmenge nicht mehr genügend Nahrungsmittel vorhanden seien. In einer solchen Situation bräche eine heftige Konkurrenz um die vorhandenen Ressourcen aus, bei der es notgedrungen auch Verlierer geben müsse und die Population durch 9HUKXQJHUQGHUÄEHU]lKOLJHQ³,QGLYLGXHQZLHGHUDEQlKPH 'LHVH hEHUOHJXQJHQ EDXWH 'DUZLQ QXQ LQ VHLQ 0RGHOO HLQ ZDV HU DOV ÄQDWU- licheAuslHVH³GXUFK.RQNXUUHQ]GUXFNEH]HLFKQHWH.XU]JHIDVVWKLHGDV:DVVLFK DOV ]X VFKZDFK HUZLHV ZHUGH YRQ GHU 1DWXU ÄDXVVRUWLHUW³ ZDV VLFK DOV OHEHQVIlKLJ
33 Zu Thomas Malthus siehe: Turner, M. (Hrsg.): Malthus and his time.
erwies, lebe weiter und könne sich fortpflanzen. Darwin übertrug somit auch die Realität des täglichen Überlebenskampfes der Menschen in den frühindustriellen Städten, ihr Elend und ihren Tod durch Krankheiten und Unterernährung in seine Gedanken; Gedankengut, das sich bis heute als sogenannter Sozialdarwinismus erhalten hat.
Daneben entwickelte er noch einige recht ketzerische Gedanken und er war sich dessen bewusst. In sein Notizbuch schrieb er: Ä:HQQ ZLU XQVHUHQ 0XWPDXQJHQ GLH =JHO VFKLHHQ ODVVHQ GDQQ VLQG GLH Tiere unsere Mitbrüder in Schmerz, Krankheit, Tod, Leiden und Hunger; unsere Sklaven bei der mühseligsten Arbeit, unsere Gefährten bei unseren Vergnügungen. Sie können teilhaben, denn aufgrund unserer Abstammung von einem gemeinsamen 8UDKQVLQGZLUDOOHPLWHLQDQGHUYHUEXQGHQ³ 34
Neben der revolutionären Idee einer gemeinsamen Abstammung warf dies die Frage auf, wo dabei die Menschenwürde und die Verantwortung bliebe, wenn der Mensch doch nicht mehr als ein Tier wäre? Und wo blieb Gott bei Darwins Überlegungen, ein Gott, der kein Schöpfer mehr war? Musste die Gesellschaft nicht zusammenbrechen, wenn die Menschen keine göttlichen Strafen, aber auch keine Belohnungen mehr zu befürchten bzw. zu erwarten hatten? Hatte das Leben überhaupt noch einen Sinn? Dies waren belastende Überlegungen, die auch über Darwins Privatleben einen Schatten werfen sollten. In der Zwischenzeit hatte es nämlich auch dort eine entscheidende Veränderung gegeben. Darwin heiratete seine Cousine Emma Wedgwood und zog in ein stilles Haus in der Nähe von London. Mit dem Trubel in der englischen Hauptstadt hatte Charles Darwin nie viel anfangen können und in den nächsten Jahren erkrankte er häufig an heftigen nervösen Magenbeschwerden, die ihm das Leben wahrhaft zur Hölle machten und ihn letztendlich zu einem regelrechten Einsiedler-
34 Zitiertnach: Desmond, A./Moore, J.: Darwin, S. 274.
Arbeit zitieren:
M.A. Martina Kleinau, 2009, Auf den Spuren von Lucy & Co. - Der lange Weg zum Homo sapiens, München, GRIN Verlag GmbH
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