I. Vorwort
In diesem Jahr feiern wir den 165. Geburtstag eines bedeutenden Sozialdemokraten und Braunschweigers zugleich. Wilhelm Bracke hat in den 37 Jahren seines kurzen Lebens ganz entscheidend die Gründungsphase der deutschen Arbeiterbewegung in verschiedenen Funktionen geprägt. Eine Bewegung, die vor allem in unserer Region, der Stadt und dem Land Braunschweig eine entscheidende Rolle spielte und Braunschweig zu einer sozialdemokratischen Hochburg aufsteigen ließ. Nie wieder richteten sich die politischen Blicke so auf Braunschweig wie in der Ära von Wilhelm Bracke, nicht zuletzt durch sein enges Verhältnis zu Karl Marx und Friedrich Engels.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich einen Überblick über das ereignisreiche Leben Wilhelm Brackes geben und kurz seine einzelnen Lebensstationen charakterisieren. Misst man Brackes Bedeutung für die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie mit der Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu seiner Person, so stellt man schnell ein Ungleichgewicht zu Ungunsten des interessierten Lesers fest. Zu den wichtigsten Autoren zählt der Braunschweiger Historiker und Sozialdemokrat Georg Eckert, der sich in mehreren Werken mit Wilhelm Bracke und der Geschichte der Braunschweiger Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung befasste. Des Weiteren sind vor allem die Veröffentlichungen des DDR-Historikers Heinrich Gemkow zu nennen, der die Person und Bedeutung Wilhelm Brackes aus der Sichtweise eines Wissenschaftlers eines sozialistischen Staates beschrieb. Ihm verdanken wir vor allem die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Karl Marx, Friedrich Engels und Wilhelm Bracke. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Ausführungen der Braunschweiger Historiker Bernd Rother und Frieder Schöbel.
1
II. Brackes Wurzeln
Unter dem Namen Hermann August Franz Wilhelm Bracke wurde der Sohn einer angesehenen Braunschweiger Kaufmannsfamilie am 29. Mai 1842 geboren. Der Großvater besaß die Mühle in Groß Denkte an der Asse und der Vater Andreas Bracke arbeitete als Müllermeister und Administrator der Burgmühle in Braunschweig. Nachdem Wilhelm das Martino-Katharineum, die damals angesehenste und traditionsreichste Schule der Stadt besucht hatte, absolvierte er eine kaufmännische Berufsausbildung bei der Braunschweigischen Bank. Neben einem regen Interesse für geschichtliche und politische Themen, entdeckte der junge Bracke bald seine Vorliebe für die Naturwissenschaften. Er führte Experimente und Studien durch, richtete sich seine eigene Sternwarte ein und strebte ein naturwissenschaftliches Studium an. „Mein innigster Wunsch möge mir Erfüllung werden. (...) Ich will Physik und Chemie studieren, um an dem Fortschritt der Menschheit Antheil zu nehmen. Ich will nicht Thaler auf Thaler häufen.“ 1 , schrieb Bracke in einem Brief an seinen Vater, nach dessen Wunsch Wilhelm die 1856 eröffnete Mehl- und Getreidehandlung (Hintern Brüdern 9) übernehmen sollte. Doch in der Familie fand sich schnell ein Kompromiss. Neben seiner Arbeit im väterlichen Betrieb studierte Bracke zugleich am Braunschweiger Collegium Carolinum, wo er zu den Schülern des Historikers Dr. Wilhelm Aßmann zählte. Trotz Aßmanns Ablehnung gegenüber dem Sozialismus sollte der überzeugte Liberale Brackes politisches Leben prägen. Später versuchte Bracke sogar Aßmann für die Sache der Arbeiter zu gewinnen. 2 Auch seine Hingabe zur Natur ließ Bracke nicht los. So blieb es immer sein Ziel „die Kenntnis der Naturgesetze unter den Arbeitern zu verbreiten“. 3
Ein ausgeprägtes politisches und soziales Engagement bewies Wilhelm Bracke bereits im Alter von 18 Jahren, als er an der Neugründung des Braunschweiger Männer-Turn-Vereins (MTV) beteiligt war. In dem 1860 wieder gegründeten Verein übernahm Bracke das Amt des Kassenwartes. 4 Auf diese Weise trug Wilhelm Bracke seinen Teil zur Wahrung der demokratischen Tradition der deutschen Turnbewegung in Braunschweig bei. Denn auch im MTV stand nicht nur die sportliche Betätigung, sondern auch die politische Bildung durch das Sin-
1 Schöbel,Dem Manne des Volkes, dem Freunde der Menschheit, S. 8, Z. 25ff.
2 Vergl. Schöbel, Dem Manne des Volkes, dem Freunde der Menschheit, S. 9; Schildt in: Braunschweigisches
Biographisches Lexikon, S. 33; Eckert, 100 Jahre Braunschweiger Sozialdemokratie, S. 51f. Aßmann spielte am
Vorabend der Revolution 1848/49 eine führende Rolle in der Deutschkatholischen Gemeinde in Braunschweig
und war Abgeordneter des Vorparlaments in Frankfurt.
3 Marx/Engels, Briefwechsel, S. 7, Z. 30f.
4 Vergl. Schöbel, Dem Manne des Volkes, dem Freunde der Menschheit, S. 10; Hoffmeister, 150 Jahre Sport in
Braunschweig, S. 30f. Der MTV bestand bereits zwischen den Jahren 1847 und 1859, wurde dann jedoch auf-
grund von Polizeiinterventionen aufgelöst und im September 1860 neu gegründet.
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gen vaterländischer Lieder im Vordergrund. Neben seinen politischen und naturwissenschaftlichen Leidenschaften besaß Brackes Weltanschauung durchaus auch eine religiöse Wurzel, wovon seine Gedichte zeugen.
III. Die Braunschweiger Gruppe des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV)
III. 1 Die Gründung
Bis zum heutigen Tage gilt der 6. September 1865, der Tag der Gründung der Braunschweiger Gruppe des ADAV, als Geburtsstunde der Braunschweiger Sozialdemokratie. Feierlich nahmen an diesem Tage der ADAV-Präsident Bernhard Becker und der Gründer der Braunschweiger Gruppe Wilhelm Bracke im Saal des ‚Odeon’ 40 Mitglieder in die neue Partei auf. Sie folgten den 60.000 Arbeitern, die dem ADAV bereits seit 1863 auf deutschem Gebiet beigetreten waren. 5 Begeistert von seiner engagierten Arbeit nahm die ADAV-Führung Bracke bereits Ende des Jahres 1865 in den Vorstand der Partei auf. Fortan sollte die Braunschweiger Gemeinde in der lassalleanischen Bewegung „eine bedeutsame, weit über den lokalen Rahmen der Stadt und des Herzogtums hinauswirkende Rolle“ 6 spielen.
Um dem ADAV eine möglichst breite Basis zu verschaffen, unternahm Wilhelm Bracke besonders in den folgenden Jahren 1865 und 1866 eine unermüdliche Agitation. Sein Ziel war es vor allem, einflussreiche Innungen und Gilden für die Sache der Arbeiter zu gewinnen. Die parteipolitischen Themen der ersten Jahre waren durch Ferdinand Lassalle geprägt, der die Partei 1863 gründete und bereits ein Jahr später verstarb. Gegenstand seiner Überlegungen waren unter anderem das Verhältnis von Selbsthilfe und Staatshilfe, die Problematik der Frauenarbeit, die Pariser Nationalwerkstätten 7 sowie sein Verhältnis zu Otto von Bismarck und dem preußischen Staat. 8 Dass man dem ADAV nicht nur wohl gesonnen gegenüberstand, erlebte Bracke sehr bald. Im so genannten ‚Sozialistenprozess’ wurde er wegen einer Rede im Hôtel de Saxe vom 23. April 1866 rechtskräftig verurteilt. Man machte ihm die „Verhöhnung
5 Vergl. Eckert, Die Flugschriften der lassalleanischen Gemeinde in Braunschweig, S. 295; Eckert, 100 Jahre
Braunschweiger Sozialdemokratie, S. 62.
6 Eckert, Die Flugschriften der lassalleanischen Gemeinde in Braunschweig, S. 295, Z. 3f.
7 Die Pariser Nationalwerkstätten wurden während der Februarrevolution 1848 durch den Sozialisten Louis
Blanc geschaffen und boten Arbeitslosen die Möglichkeit einer Beschäftigung.
8 Vergl. Eckert, Die Flugschriften der lassalleanischen Gemeinde in Braunschweig, S. 295f. Lassalle trat seit Mai
1863 einige Male mit Bismarck in Kontakt, um ihn zur Einführung des allgemeinen Wahlrechts zu überreden.
Im Gegenzug wollte er Bismarck unterstützen.
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irgendwelcher Einrichtungen des Staates“ 9 sowie den Gebrauch des Ausdrucks „Polizeiwirthschaft“ zum Vorwurf.
III. 2 Die ersten Erfolge der Braunschweiger Lassalleaner
Durch das Ergebnis der ersten Teilnahme an einer Wahl machte der ADAV bereits 1867 auf sich aufmerksam. Mit dem Schriftsteller Dr. August Otto-Walster als Volkskandidat an der Spitze erreichte die noch junge Partei das beachtliche Ergebnis von 2.267 Stimmen in den Braunschweiger Wahlkreisen, davon allein 899 in der Stadt Braunschweig. 10 Dem ADAV gelang es sogar Stimmhochburgen, wie zum Beispiel in den Harzer Waldarbeiterorten, zu errichten. Durch Brackes außerordentliches Engagement und den vorangegangenen Wahlerfolg erwarb der Braunschweiger Zweigverband des ADAV so großes Ansehen, dass die Stadt 1867 zum Tagungsort der Generalversammlung ausgesucht wurde, auf dem man den Rechtsanwalt Johann Baptist von Schweitzer zum neuen Präsidenten wählte. 11
Den Ausgangspunkt für eine grundlegende „revolutionäre“ Umwandlung und Erneuerung von Staat und Gesellschaft bildete für Bracke und den ADAV die allgemeine Demokratisierung des Wahlrechts. Die Forderung nach der Umsetzung der Wahlrechtsgrundsätze sollte ebenso im Herzogtum Braunschweig umgesetzt werden, wie es die dritte Generalversammlung des ADAV in Erfurt im Dezember 1866 beschlossen hatte. Zu diesem Zweck gründeten die Braunschweiger Lassalleaner die „Commission für das allgemeine gleiche directe und geheime Wahlrecht zu den städtischen Wahlen“. Diese Kommission führte unter anderem eine allgemeine Volkspetition durch, die von rund einem Drittel der wahlberechtigten Braunschweiger Männer unterzeichnet wurde. 12
III. 3 Der Braunschweiger Arbeitertag
Um Arbeiter, Bauern, Handwerker und Kleingewerbetreibende zu einer stärkeren politischen Beteiligung zu ermuntern, führten die Braunschweiger Lassalleaner 1867 den ‚Braunschweiger Arbeitertag’ ein. Im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen zum norddeutschen Parla-
9 Circularan die Braunschweigischen Arbeiter, in: Eckert, Die Flugschriften der lassalleanischen Gemeinde in
Braunschweig, S. 312.
10 Vergl. Schöbel, Dem Manne des Volkes, dem Freunde der Menschheit, S. 9; Eckert, 100 Jahre Braunschwei-
ger Sozialdemokratie, S. 57.
11 Vergl. Schöbel, Dem Manne des Volkes, dem Freunde der Menschheit, S. 9; Eckert, 100 Jahre Braunschwei-
ger Sozialdemokratie, S. 57.
12 Vergl. Eckert, 100 Jahre Braunschweiger Sozialdemokratie, S. 56, 85f.
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Arbeit zitieren:
Christian Wiedemeier, 2007, Der Braunschweiger Wilhelm Bracke in der Gründungsphase der deutschen Arbeiterbewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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