3
1 Einführung
Das Internet ist im Laufe der Zeit zum Interessengebiet zahlreicher Wissenschaften avanciert. Unter diesem Neuen Medium versteht man „[…] eine elektronische Verbindung von Rechnernetzwerken, mit dem Ziel Verbindungen zwischen einzelnen Computern herzustellen und so Daten auszutauschen“ 1 . Demnach fungiert das Internet als Kommunikationsmedium. Es vermag ‚alte’ Formen der Kommunikation zu integrieren, eröffnet dagegen auch verschiedenartige neue Kommunikationsmöglichkeiten. Diese haben klare Vorteile gegenüber den konventionellen Kommunikationsformen. Zum Beispiel bringt die Informationsübertragung via Email den Vorzug der Geschwindigkeit mit sich. Das ist lediglich ein Grund, warum man heutzutage eher eine Email sendet als einen Brief zu verfassen.
Die vorliegende Arbeit richtet ihren Blick auf den anthropologischen Aspekt von Internetkommunikation. Mithilfe der Kommunikationsform Chat soll herausgefunden werden, inwiefern der menschliche Körper im virtuellen Raum des Internet (noch) existent ist. Funken 2 behauptet nämlich, dass die direkte, interaktive Kommunikation allmählich vom Körper getrennt wurde. Ihrer Meinung nach findet im Internet körperlose Interaktion ohne Bezug zu Raum und Zeit statt. Diese Auflösung des Körpers würde unsere bisherige Auffassung von Körperlichkeit vollkommen infrage stellen.
Der erste Teil der Arbeit befasst sich mit theoretischen Grundlagen zur Anthropologie der Neuen Medien. In diesem Zusammenhang wird ein Auszug aus McLuhans Medientheorie vorgestellt. Mittelpunkt des zweiten Teils bildet die computervermittelte Kommunikations-form Chat. Nach einer allgemeinen Definition zur computervermittelten Kommunikation folgt eine Gegenüberstellung von computervermittelter Kommunikation und Face-to-face-Kommunikation. Im Anschluss daran dreht es sich im Speziellen um den Chat, den Nickname als seine Zugangsvoraussetzung sowie seine Rolle als virtueller sozialer Handlungsraum. Der letzte Teil der Arbeit widmet sich der Existenz von Körperlichkeit im Chat. Zunächst sollen realer und virtueller Körper voneinander abgegrenzt werden. Das darauf folgende Kapitel klärt die Frage, ob das Thema Geschlecht für den Verlauf eines Chats von Bedeutung ist. Abschließend werden die verschiedenen Möglichkeiten der virtuellen Körpersprache dargestellt.
1 Wikipedia (2007): „Internet“. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Internet [Stand: 6. März 2007]
2 vgl. Funken, Christiane (2005): „Der Körper im Internet“. In: Schroer, Markus (Hg.) (2005): Soziologie des Körpers 1. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 217
4
2 Anthropologie - Medienanthropologie - McLuhan
Anthropologie ist die Lehre vom Menschen. Sie versucht, seine Eigenschaften und Verhaltensweisen in der Umwelt wissenschaftlich zu erläutern. Die Ursprünge der Anthropologie stammen aus der Philosophie, wo der Mensch im 18. Jahrhundert zum zentralen Gegenstand wurde. 3 Heutzutage finden sich anthropologische Ansätze sowohl in geisteswissenschaftlichen als auch in naturwissenschaftlichen Disziplinen.
Bei der Medienanthropologie handelt es sich ebenso um einen interdisziplinären Forschungsansatz. Einerseits ordnet man sie der Medienpädagogik zu, andererseits wird sie als Teilgebiet der Kulturanthropologie gesehen. Die Medienanthropologie untersucht, inwiefern sich der Mensch und das Menschenbild in einer Gesellschaft, die durch Medien geprägt ist, wandeln. 4 Ihr Forschungsgebiet geht auch aus folgender Frage hervor: „Was machen die Medien mit dem Menschen und wie kann der Mensch seine Autonomie und Handlungsfähigkeit gegenüber der (vermuteten) Medienwirkung erhalten?“ 5
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Medien Informationsüberträger sind. McLuhan bezeichnet alle Medien als Metaphern, „welche als ‚Ausweitungen unserer eigenen Personen… unsere natürlichen Körper mittels elektrischer Medien in unser erweitertes Nervensystem hineinverlegen’“ 6 . Für ihn bildet der Mensch sowohl als Individuum als auch in der Gruppe Systeme, die wiederum an ein Medium gebunden sind. 7
Als Teil seiner Medien- und Kulturtheorie unterscheidet McLuhan zwischen heißen und kühlen Medien. Er bezieht sich damit auf unser Wahrnehmungsvermögen. Heiße Medien erweitern nur einen der Sinne, bis etwas detailreich ist. Detailreichtum besteht dann, wenn viele Daten oder Einzelheiten vorliegen. Ein weiteres Kennzeichen heißer Medien ist die geringe, erforderliche Beteiligung oder Vervollständigung auf Seiten des Publikums. Als Beispiele wären das Radio oder ein Kinofilm zu nennen. Kühle Medien zeichnen sich durch genau gegenteilige Eigenschaften aus. Sie sind detailarm, weil sie alle Sinne erweitern. Um ihren Inhalt vollständig verstehen zu können, muss man die nötigen Informationen zum Teil ergänzen. Daher verlangen sie große Aufmerksamkeit vom Rezipienten. Beispiele für kühle Medien sind das Telefon und die Sprache. 8
3 vgl. Meyers Lexikonredaktion (Hg.) (1996): Duden. Das Neue Lexikon in zehn Bänden, Band 1. 3. Auflage Mannheim u. a.: Dudenverlag, 170f.
4 vgl. Wikipedia (2006) URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Medienanthroplogie [Stand: 29. April 2006]
5 McLuhan, Marshall/Powers, Bruce R. (1995): The global village: der Weg der Mediengesellschaft in das 21. Jahrhundert (Medienanthropologie). Paderborn: Junfermann Verlag, 225
6 ebd., 226
7 vgl. ebd.
8 vgl. McLuhan, Marshall (1968): Die magischen Kanäle. Düsseldorf/Wien: Econ-Verlag, 29ff.
5
Da McLuhans Medientheorie aus den 60er Jahren stammt, berücksichtigt sie noch nicht die technischen Neuentwicklungen der so genannten Neuen Medien. Diese Arbeit bezieht sich jedoch auf die Neuen Medien, insbesondere das Internet. Mit der Frage, ob das Internet heiß oder kühl ist, hat sich Sandbothe 9 auseinander gesetzt. Dabei ist er zu folgendem Schluss gekommen: Wenn man die drei Kennzeichen Sinneserweiterung, Detailreichtum bzw. -armut und erforderliche Beteiligung betrachtet, kann das Internet heiß, aber genauso auch kühl sein. Hier muss man gebrauchsabhängig differenzieren. Wird das Internet etwa als digitales Fotoalbum genutzt, hat es die Funktion eines heißen Mediums. „In allen interaktiven Anwendungen wie in Chat-Rooms […], bei Spielen oder bei hypertextuellen Anwendungen ist die Möglichkeit zur aktiven persönlichen Beteiligung groß“ 10 , sodass man in diesem Zusammenhang von einem kühlen Medium spricht.
9 vgl. Scheibmayr, Werner (2001): „das internet - ein heißes oder ein kaltes medium?“ URL: http://www.lrz-muenchen.de/~piiseminar/0102internetheiss-kalt.htm [Stand: 30. April 2007]
10 Scheibmayr, Werner (2001)
6
3 Chat als synchrone computervermittelte Kommunikationsform
3.1 Computervermittelte Kommunikation
Bei der computervermittelten Kommunikation (CVK) handelt es sich um eine Kommunikati-onsform, die an das Medium Computer als technisches Verbreitungsmittel gebunden ist. Die Kommunikation erfolgt in der Regel durch den Austausch von Textbotschaften, ohne dass sich die Kommunikationspartner sehen.
Nach Falckenberg 11 ist die CVK durch folgende Merkmale gekennzeichnet: 1. kann man sich mit mehreren oder sogar sehr vielen Kommunikationspartnern parallel verständigen, 2. kennen sich die Kommunikationspartner normalerweise nicht, sondern finden einander erst durch gemeinsame Interessen, 3. ist der Aufenthaltsort des Kommunikationspartners insofern irrelevant, als eine größere Entfernung keine höheren Internetkosten verursacht und somit einer wiederholten Kommunikation nichts im Wege steht und 4. wird die Bandbreite stark eingeschränkt, da die Kommunikation meist textbasiert ist und Informationen wie Mimik oder Äußerlichkeiten nicht übertragen werden.
Um CVK erfolgreich zu durchlaufen, sollten laut Lübke diese Voraussetzungen gegeben sein:
„Die Interagierenden definieren die Situation als ‚real’ und vertrauen den Zeichen. Die Texteingaben sind ihrer Bedeutung nach komplementär zueinander und, soll eine Kommunikation dauerhaft fortgeführt werden, verhalten sich die Interagierenden kompetent zu ihren medialen Darstellungen.“ 12
Man unterscheidet zwischen asynchroner und synchroner CVK. Asynchron bedeutet, dass die Informationen erst mit zeitlicher Verzögerung den Kommunikationspartner erreichen. Beispiele dafür sind Emails oder Internetforen.
Bei der synchronen CVK werden „[…] die Textbotschaften […] in dialogischer Form nahezu zeitgleich (synchron) produziert, rezipiert und beantwortet […]“ 13 . Es kommt also zu einer wechselseitigen Kommunikation, bei der die Teilnehmer im gleichen Moment agieren. Zur synchronen CVK zählen textbasierte Rollenspiele - die so genannten MUDs (Multi User Dimensions) - und die für diese Arbeit relevanten Chats.
11 vgl. Falckenberg, Christian (1994): „Internet - Spielzeug oder Werkzeug?“. URL: http://www.dfv.rwthaachen.de/chf/Studienarbeit/internet.html [Stand: 3. Mai 2007]
12 Lübke, Valeska (2005): CyberGender. Geschlecht und Körper im Internet. Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag, 73
13 Döring, Nicola (1999): Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationspro- zesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Göttingen: Hogrefe Verlag, 91
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3.2 Computervermittelte Kommunikation versus Face-to-face-Kommunikation
In diesem Kapitel wird die CVK mit der Face-to-Face-Kommunikation (FTFK) verglichen, da auf diese Weise die Eigenheiten der CVK hervorgehoben werden können. Die FTFK stellt gewissermaßen die natürliche Grundform zwischenmenschlicher Kommunikation dar und ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die Kommunikationspartner zur selben Zeit am selben Ort befinden und verbale, paraverbale 14 sowie nonverbale Botschaften austauschen. 15 Im Folgenden sollen verschiedene Ansätze zeigen, inwieweit sich die beiden Kommunikati-onsformen voneinander unterscheiden.
Zunächst wird die Entkontextualisierung als Merkmal der CVK angeführt. Höflich 16 bezeichnet damit den Wegfall sämtlicher externer Kontextinformationen. Gemeint sind typische Kennzeichen der FTFK: der gemeinsame Aufenthaltsort bzw. die körperliche Kopräsenz sowie nonverbale Elemente. Letztere sind im besonderen Maße dafür geeignet, Gefühle und Einstellungen mitzuteilen. Mit anderen Worten: Bei der CVK wird der Beziehungsaspekt 17 , der neben dem Inhaltsaspekt Teil jeder Kommunikation ist, eingeschränkt. Diese Aussage relativiert Höflich jedoch, indem er aufgrund empirischer Befunde bemerkt, dass Kommunikation sogar ohne nonverbale Signale sozioemotional sein kann. Auch was die Entkontextualierung generell angeht, klingt er an anderer Stelle zuversichtlicher: „Kommunikation im Cyberspace muss sich ihren Kontext erst einmal schaffen […].“ 18
Ähnlich verhält es sich mit dem Kanalreduktionsmodell. 19 Kanalreduktion bedeutet, dass die CVK auf einen einzigen Kanal beschränkt ist - den textuellen Kanal. Andere Sinneskanäle wie Hören, Fühlen oder Riechen, die nonverbale Funktionen übernehmen und bei der FTFK zwangsläufig zum Einsatz kommen, sind völlig irrelevant. Das hat Konsequenzen für die Kommunikation: „Diese […] drastische Kanalreduktion […] geht gemäß dem Kanalreduktions-Modell auf subjektiver Ebene mit einer Verarmung der Kommunikation, mit einer Reduktion gemeinsamer Handlungsmöglicheiten und verfügbarer Zeichenkomplexe einher.“ 20
14 Paraverbale Merkmale sind Tonhöhe, Lautstärke und Sprechtempo.
15 vgl. Fritzsche, Nadine/Lamers, Regina/ Poutot, Nadine (2002): „Besonderheiten der Internetkommunikation“. URL: http://www.uni-koeln.de/ew-fak/psycho/Petzold/referate/fritzsche.htm [Stand: 6. Mai 2007]
16 vgl. Höflich, Joachim/Gebhardt, Julian (2001): „Der Computer als Kontakt- und Beziehungsmedium. Theoretische Verortung und explorative Erkundungen am Beispiel des Online-Chats“. In: Medien- & Kommunikationswissenschaft 49, 29f.
17 vgl. Watzlawick, Paul/Beavin, Janet H./Jackson, Don D. (1996): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Göttingen: Hans Huber Verlag, 53
18 Höflich, Joachim R. (2004): „Kommunikation im Cyberspace und der Wandel von Vermittlungskulturen: Zur Veränderung sozialer Arrangements mediatisierter Alltagskommunikation.“ In: Thiedeke, Udo (Hg.): Soziologie des Cyberspace. Medien, Strukturen und Semantiken. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 155
19 vgl. zu nachfolgenden Ausführungen Döring, Nicola (1999), 210ff.
20 ebd., 210
Arbeit zitieren:
Denise Betsch, 2007, Körperlichkeit im Chat, München, GRIN Verlag GmbH
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