Enrico Günther
Jean Baudrillards Medientheorie im Spiegel aktueller Entwicklungen zu
einem partizipativen Journalismus
Inhalt
1 Einleitung. 2
2 Medientheorie von Jean Baudrillard. 3
2.1 Hintergrund: Simulationsmodell. 3
2.2 Medien als Effektoren von Ideologie. 3
2.3 Medien als System der Nicht-Kommunikation. 4
2.4 Perspektive: Destruktion der Medien. 5
3 Partizipativer Journalismus. 5
3.1 Grundlegendes Prinzip. 5
3.2 Arten partizipativer Journalismusformate. 6
3.3 Gatewatching. 7
3.4 Beispiel: „myheimat.de“ 8
4 Synopse: Baudrillard und partizipativer Journalismus. 9
4.1 Wiederherstellung der Antwort? 9
4.2 Medien in Bürgerhand. 10
4.3 Partizipation - Baudrillard sche Zukunftsutopie? 11
5 Fazit. 12
Literaturverzeichnis. 14
1
1 Einleitung
„[...] die Medien sind dasjenige, welche die Antwort für immer untersagt, das,
Diese zentrale Aussage aus Jean Baudrillards Aufsatz „Requiem für die Medien“ deutet auf den finalen Ausweg hin, den der französische Soziologe für das Mediensystem vorsieht: Um eine Antwort auf medial vermittelte Aussagen wiederherzustellen, müssten früher oder später das Mediensystem und der Begriff „Medium“ verschwinden (vgl. Baudrillard 2004: 284/290). Mittlerweile sind seit dem ersten Erscheinen dieses medienkritischen Aufsatzes fast 40 Jahre vergangen 1 . In dieser Zeit kam es im Bereich der interpersonalen und der publizistischen Kommunikation durch die fortschreitende Entwicklung des Internets zu tiefgreifenden Veränderungen, die auch die Medienlandschaft verändert haben. Web 2.0 ist das Stichwort, das Plattformen zusammenfasst, die allesamt auf Interaktivität, Partizipation und mediale Selbstverwirklichung ihrer Nutzer ausgerichtet sind. Dieser Trend hat auch im journalistischen Bereich zu Innovationen beigetragen, die man als Formen partizipativen Journalismus‘ bezeichnet. Dabei wird der redaktionelle Inhalt einiger publizistischer Medien nicht mehr durch professionelle Journalisten kreiert, sondern durch Laien, sogenannte „Bürger-Journalisten“ (vgl. z.B. Brauck/ Müller 2009: o.S.). Diese Hausarbeit soll nun der Frage nachgehen, inwiefern man aktuelle Entwicklungen hin zu einem partizipativen Journalismus im Internet im Kontext Baudrillards Medientheorie reflektieren kann. Ermöglicht partizipativer Journalismus die von Baudrillard geforderte Reziprozität der Medien? Oder bleiben auch solche Medien Systeme, die den Austausch von Rede und Antwort verhindern? Im ersten Teil soll Baudrillards Medientheorie und damit seine Kritik am Mediensystem dargelegt werden. Es folgen im zweiten Abschnitt grundlegende Aspekte zum online-basierten partizipativen Journalismus, be-vor im dritten Teil die beiden Elemente zusammengeführt werden.
1 Der Aufsatz ist erstmals erschienen in der Essay-Sammlung: Baudrillard, Jean (1972): „Pour une critique de l’économie politique du signe“. Paris: Gallimard.
2
2 Medientheorie von Jean Baudrillard 2.1 Hintergrund: Simulationsmodell
Vor einer Beschreibung der Medientheorie Jean Baudrillards ist es sinnvoll, dessen übergeordnete Theorie der Simulation zu betrachten, um einen Kontext für den Bereich der Medien zu schaffen (vgl. Windgätter 2004: 139). Laut Baudrillard leben wir in einer Welt der simulierten Realität (vgl. ebd.: 141). Das bedeutet, dass die von uns wahrgenommene Realität nur aus der „ästhetischen Halluzination der Realität“ (Baudrillard 1988: 159) besteht. Zeichen führen dazu, dass Realität erschaffen wird, ohne dass diese simulierte Realität ein Abbild der tatsächlichen Realität wäre, also eine Referenz zu ihr hätte (vgl. Windgätter 2004: 140f.). Diesen induzierten Realitätszustand bezeichnet Baudrillard (1988: 159) als „Hyperrealität“. Geschaffen werden die Simulakren, also die Phänomene der simulierten Realität, durch die Medien, da diese unsere Wahrnehmung bestimmen und sie es sind, die Realität explizit hervorbringen und nicht abbilden (vgl. Windgätter 2004: 140f.). Diese Simulation folge dabei einer Zweistufigkeit: Erst parallel zur Realität, um auf sie zu verweisen und dann als ersetzender, substituierender Prozess, um selbst Realität hervorzubringen durch Zeichen des Realen (vgl. ebd.: 141). Medien spielen dabei die entscheidende Rolle. Welche Charakteristika Baudrillard außerdem an ihnen ausmacht, wird in den folgenden Abschnitten skizziert.
2.2 Medien als Effektoren von Ideologie
Eine weitere gesellschaftliche Wirkung der Medien neben der Simulation einer Realität sieht Baudrillard in ihrer Solidarisierung mit dem Machtsystem, in dem sie operieren (vgl. Baudrillard 2004: 287). Unabhängig von dem Inhalt, den sie transportieren, errichten sie durch ihre Form und ihre Tätigkeit, also auch nur durch ihre pure Existenz, eine gesellschaftliche Ordnung, die auf Erhaltung des jeweils gegenwärtigen Machtsystems ausgerichtet ist. Baudrillard sieht die Medien nicht als neutrale Mittel zur Verteilung von Botschaften, sondern als ideologisch in dem Sinn, dass es die Medien sind, die die Ungleichheit gesellschaftlicher Klassen aufrechterhalten und sogar mit verursachen (vgl. ebd.: 283f.).
3
Er erklärt dieses Phänomen beispielhaft an der revolutionären Bewegung im Mai 1968 in Frankreich. Dort hätten sich die Medien nicht mit der Bewegung, sondern mit der Macht solidarisiert, indem die Medien ihre Form bewahrt haben. Durch das Transportieren symbolischer Aktionen haben sie laut Baudrillard die Revolution ihres Rhythmus‘ beraubt, sie haben ihr eine tödliche Öffentlichkeit verschafft. So sei die Bewegung eingeebnet und nicht - wie von den Revolutionären vermutet - verbreitet worden. (vgl. ebd.: 286f.) Daher kommt der französische Soziologe zu dem Schluss, dass Medien keine politischen Überschreitungen (wie zum Beispiel revolutionäre Bewegungen) übertragen können, sondern dass ihnen durch die Darstellung in Medien, also „in Modelle verwandelt, zu Zeichen neutralisiert“ (ebd.: 287, Her-vorhebung JB), der Sinn geraubt wird. Nur traditionelle Politik, die sich solidarisch zu den ideologischen Verhältnissen verhält, werde durch die Medien ohne Sinnveränderung übermittelt (vgl. ebd.: 287). Darin besteht für Baudrillard die Solidarität der Medien mit den herrschenden Machtverhältnissen. Denn sie unterstützen diese Verhältnisse nicht nur (als „Koeffizienten“), sondern lösen sie aus (als „Effektoren“) 2 (vgl. ebd.: 283).
2.3 Medien als System der Nicht-Kommunikation
Baudrillard sieht Massenmediatisierung als einen Prozess, dessen Ergebnis „Nicht-Kommunikation“ ist. Kommunikation sei als ein Prozess des Austausches von Rede und Antwort zu sehen. Dabei entstehe durch den reziproken Austausch auch ein persönlicher Zusammenhang zwischen den Kommunikationspartnern (vgl. ebd.: 284).
Massenmedien beschreibt Baudrillard deshalb als „anti-mediatorisch“ und „intransitiv“ (ebd.: 284), weil sie ausschließlich in eine Richtung vektorisiert sind und nur das Senden der Information und das Empfangen dieser durch den Rezipienten bewirken. Sie ermöglichen keine autonome Antwort. Ein Feed-Back an das Medium ist für Baudrillard schon als Möglichkeit im Sendeprozess enthalten und deshalb keine wirklich eigenständige Antwort, weil das Medium wiederum nicht verpflichtet ist, auf ein Feed-Back zu reagieren.
2 Deswegen sei auch der Glaube an eine kritisch-revolutionäre Verwendung der Medien, das heißt also auch ein Glaube an ihre Befreiung, illusionär (vgl. Baudrillard 2004: 290).
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Arbeit zitieren:
Enrico Günther, 2009, Jean Baudrillards Medientheorie im Spiegel aktueller Entwicklungen zu einem partizipativen Journalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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