Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5
1. Psychotraumatologie 7
1.1. Begriffsklärung 7
1.2. Klassifikation von Traumen 8
1.3. Traumafolgestörungen 10
1.3.1. Akute Belastungsreaktion 11
1.3.2. Posttraumatische Belastungsstörung 12
1.3.2.1. Definition 12
1.3.2.2. Symptome 13
1.3.3. Anpassungsstörung 15
1.3.4. Komplexe Störungen 16
1.4. Diagnostik 16
1.4.1. Strukturierte und standardisierte Interviews 16
1.4.2. Selbstbeurteilungsverfahren 17
1.4.3. Ergänzende Verfahren 18
1.4.3.1. Erfassung sekundärer Funktionsbeeinträchtigungen 18
1.4.3.2. Differenzialdiagnostik 18
1.4.4. Besonderheiten der Diagnostik bei Kindern 18
1.5. Zusammenfassung 20
2. Schwere zielgerichtete Gewalt an Schule - School Shootings 21
2.1. Begriffsklärung 21
2.1.1. Amok 21
2.1.2. School Shooting 22
2.2. Überblick über die Taten 23
2.3. Tätercharakteristika 26
2.4. Die Opfer 31
2.5. Zusammenfassung 34
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3. Psychologische Interventionsmaßnahmen nach School Shootings 35
3.1. Theoretischer Hintergrund für die Arbeit mit Krisenbetroffenen 35
3.1.1. Begriffsklärung 35
3.1.1.1. Krise 35
3.1.1.2. Krisenintervention 38
a) Ziele 39
b) Prinzipien 39
3.1.2. Trauerschleife bzw. Krisenspirale nach Schley (1988) 40
3.1.3. Bewältigungsstrategien 42
3.1.3.1. Ressourcenkonzept 42
3.1.3.2 Stress - Coping - Modell 42
3.2. Maßnahmen der psychologischen Intervention 43
3.2.1. Kurzfristige Maßnahmen - Psychische Erste Hilfe 43
3.2.1.1. Kreise der Betroffenheit - Kreise der Unterstützung 44
3.2.1.2. Leitlinien psychologischen Vorgehens in der Akutphase 47
3.2.1.3. Kommunikationstechniken in Krisensituationen 53
3.2.1.4. Verhaltenssünden’ im Umgang mit traumatisierten 54
Personen
3.2.2. Mittelfristige Maßnahmen - Psychologische Stabilisierung 55
3.2.2.1. Informationsveranstaltung - Crisis Management Briefing 55
3.2.2.2. Exkurs: Umgang mit der Presse 56
3.2.2.3. Psychologisches Debriefing 58
3.2.2.4. Struktur eines Gruppengesprächs 63
3.2.2.5. Familienunterstützung 66
3.2.3. Langfristige Maßnahmen - Traumatherapie 68
3.2.3.1. Ziele und Inhalte der Traumatherapie 68
3.2.3.2. Phasen der Traumatherapie 69
a) Herstellen von Sicherheit und Stabilität 70
b) Traumabearbeitung 74
c) Integration 77
3.2.3.3. Überblick über traumatherapeutische Verfahren 79
a) EMDR (Eye Movement Desensitization and 79
Reprocessing )
3
3.3. Schulische und unterrichtliche Maßnahmen nach einem traumatischen 87 Ereignis 3.3.1. Kurzfristige Maßnahmen 87
3.3.2. Mittelfristige Maßnahmen - Anregungen zur Thematisierung des 90 Traumatischen Ereignisses im Unterricht 3.3.3 Langfristige Maßnahmen 95 3.4. Zusammenfassung 97
4. Möglichkeiten der Prävention 99
4.1. Stärkung der Schutzfaktoren 99
4.2. Verminderung von Risikofaktoren 103
4.2.1. Einführung eines Kriseninterventionsteams und Notfallordners an 103 Schulen
4.2.2. Zugangskontrolle zu Waffen 105
4.2.3. Verbot bzw. bessere Kontrolle von gewalthaltigen 106 Computerspielen 4.2.4. Ankündigung von School Shootings 109 4.3. Zusammenfassung 112
Schlusswort und Ausblick 113
5. Literaturverzeichnis 114
6. Tabellenverzeichnis 123
7. Abbildungsverzeichnis 123
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Vorwort
Amokläufe an Schulen, sogenannte School Shootings, galten lange Zeit als ein auf die USA beschränktes Phänomen. Doch mittlerweile darf man auch hierzulande, nach Amokläufen wie in Erfurt (2002) und Winnenden (2009), die eine große Zahl an Todesopfern forderten, diese Art von schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen nicht mehr ignorieren. Besonders beunruhigend ist es, dass School Shootings überall in Deutschland, an jeder beliebigen Schule und zu jedem möglichen Zeitpunkt stattfinden können.
In den meisten vorliegenden Berichten über School Shootings wird der Hauptaugenmerk auf den Täter, seine Motive und die Ausführung der Tat gelegt. Diese Arbeit widmet sich nun den Personen und Schulen, die von solch einem traumatischen Ereignis heimgesucht werden und im Anschluss daran noch lange mit den Folgen dieser Tat zu kämpfen haben.
Das erste Kapitel liefert den theoretischen Hintergrund, um den in vielen Bereichen eingesetzten Begriff des Traumas näher zu beleuchten, sowie die aus einem traumatischen Ereignis, wie dies auch ein Amoklauf an einer Schule darstellt, möglichen resultierenden Auswirkungen auf den Einzelnen zu beschreiben Kapitel 2 beschäftigt sich mit den vorliegenden Untersuchungen zu bisher stattgefundenen School Shootings und gibt einen kurzen Überblick über die Taten und Täter, um daraus Schlussfolgerungen für Möglichkeiten der Intervention und Prävention zu ziehen.
Ausführlich beschrieben werden dann die psychologischen und schulischen Handlungsschritte und Interventionsmaßnahmen nach einem School Shooting im dritten Kapitel, wobei diese jeweils untergliedert sind in kurz-, mittel-, und langfristige Maßnahmen, die darauf abzielen sowohl die Institution Schule, als auch die betroffenen Individuen vor einem Zusammenbruch zu bewahren. Kapitel 4 gibt dann einen abschließenden Ausblick über Möglichkeiten der Prävention, um die Planung und Ausführung eines School Shootings eventuell schon im Vorfeld verhindern zu können.
In der vorliegenden Arbeit wird aus Gründen der Übersichtlichkeit und des besseren Schreib- und Leseflusses zum Großteil die männliche Sprachform benutzt, die
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weibliche Sprachform ist natürlich immer mitgedacht. Ich bitte die Benutzung der männlichen Ausdrucksform nicht als Zeichen einer möglichen Ignoranz, sondern mehr unter dem Aspekt der unkomplizierteren Schreib- und Lesepragmatik zu verstehen.
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1. Psychotraumatologie
Sicherheit, Vorhersehbarkeit, Kontrolle. Merkmale, die sich ein Großteil der Menschen für ihr Leben wünschen und die, wenn vorhanden, oft als Selbstverständlichkeit angesehen werden. Die Fragilität dieser Konstanten wird zumeist erst bewusst, wenn unerwartete und unfassbare Ereignisse diese bedrohen. In diesem Kapitel soll nun der in mittlerweile vielen Bereichen eingesetzte Begriff des Traumas theoretisch beleuchtet und eingegrenzt werden, sowie die aus einem traumatischen Ereignis, wie dies auch ein Amoklauf an einer Schule darstellt, möglichen resultierenden Auswirkungen auf den Einzelnen beschrieben werden.
1.1 Begriffsklärung
Das Wort Trauma leitet sich ursprünglich aus dem Griechischen ab und lässt, ganz allgemein, auf eine Verletzung schließen (vgl. Landolt 2008a, Fischer 1998). Es kann sich hierbei einerseits um körperliche Wunden und Behinderungen handeln, deren Versorgung und Behandlung der chirurgischen Traumatologie unterliegt (vgl. Fischer 1998). Andererseits können auch nicht sichtbare Verletzungen der Seele entstehen, in die man, wie Krüger (2007) so schön sagt, nicht „einfach hineinschauen“ (S.17) kann. Die Psychotraumatologie als psychologisch-medizinisches Fachgebiet untersucht zum einen die Entstehung, die Erfassung und den Verlauf von seelischen Wunden, als auch Möglichkeiten zu deren Behandlung (vgl. Landolt 2008a, S.14). Nach Fischer (2003) bezeichnet der Begriff Trauma nicht ein spezielles Ereignis, „sondern eine seelische Verletzung, die durch schwer belastende Ereignisse bewirkt werden kann“ (S. 36). Ereignisse, die einen Menschen überwältigen und ihn mit Erfahrungen konfrontieren, die nicht in den vorhandenen Erfahrungsschatz eingegliedert werden können sowie mit einer subjektiv empfundenen Lebensbedrohung verbunden sind, führen in den meisten Fällen zu einem Trauma (vgl. Morgan 2007).
Nach ICD-10 Klassifikation werden Traumen als „kurz- oder langanhaltende Ereignisse oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde“ (Maercker 2003a, S.4), bezeichnet. Das DSM-IV der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft definiert Traumen als „potentielle oder reale Todesbedrohungen, ernsthafte Verletzungen oder eine Bedrohung der körperlichen
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Unversehrtheit bei sich oder anderen, auf die mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken reagiert wird“ (Maercker 2003a, S.4).
Entscheidend bei der Auslösung eines Traumas ist die Relation von Ereignis und erlebendem Subjekt (vgl. Fischer 1998). Dies bedeutet, dass nicht zwingend jedes Ereignis bei jeder Person zum gleichen Ausmaß eines Traumas führen muss. Gerade bei Kindern ist zu beachten, dass auf den ersten Blick harmlose Ereignisse, wie z.B. im Kaufhaus die Mutter verlieren oder eine Behandlung beim Arzt, von den Kindern selbst als traumatisch empfunden werden können (vgl. Krüger 2007).
1.2 Klassifikation von Traumen
Potenziell traumatisierende Ereignisse können sehr unterschiedlicher Natur sein und lassen sich daher auch auf verschiedenste Weise einteilen. Bewährt hat sich die Unterscheidung nach menschlich verursachten Traumen („man made disasters“) und zufälligen Traumen wie Katastrophen oder Unfälle(vgl. Maercker 2003a, S.5), sowie die Einteilung nach kurzfristigen (Typ-I-Trauma) und langfristigen Traumen (Typ-II-Trauma), die auf die amerikanische Kinderpsychiaterin Lenore Terr zurückgeht (vgl. Landolt 2004, S.12).
Unter menschlich verursachten Traumen versteht Maercker (2003a, S.5) u.a. folgende Ereignisse:
- Sexuelle und körperliche Misshandlungen in der Kindheit, - Kriminelle und familiäre Gewalt, - Vergewaltigungen, - Kriegserlebnisse,
- Zivile Gewalterlebnisse (z.B. Geiselnahmen, Amoklauf), - Folter und politische Inhaftierung, - Massenvernichtung (KZ-, Vernichtungslagerhaft). Unter zufälligen Traumen fasst er (ebd.) Katastrophen, berufsbedingte und Unfalltraumen zusammen: - Naturkatastrophen (z.B. Überschwemmungen), - Technische Katastrophen (z.B. Giftgaskatastrophen), - Berufsbedingte (z.B. Militär, Polizei, Feuerwehr), - Arbeitsunfälle (z.B. Grubenunglück), - Verkehrsunfälle.
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Es gibt weitere schwere Lebensereignisse, wie z.B. Krankheiten oder Suizid in der Familie, die sich nicht unter die vorangegangene Einteilung subsumieren lassen und bei denen noch nicht geklärt ist, ob sie als Traumen im Sinne der Definition klassifiziert werden können (vgl. Maercker 2003a, S.5). Typ-I-Traumen sind gekennzeichnet durch einmalige, unvorhersehbare Ereignisse, die verbunden sind mit akuter Lebensgefahr, Plötzlichkeit und einem Überraschungseffekt; sie werden auch als Monotraumata bezeichnet (vgl. Landolt 2008a, S.14). Darunter fallen Ereignisse wie - Naturkatastrophen, - Unfälle, - Technische Katastrophen,
- Kriminelle Gewalttaten wie Überfälle, Amokläufe (nach Maercker 2003a, S.5). Charakteristisch für Traumen des Typ II, sogenannte multiple Traumata, sind sich wiederholende traumatische Einzelereignisse, die dadurch teilweise vorhersehbar sind (vgl. Landolt 2008a, S.14). Dazu zählen u.a. - Geiselhaft, - Mehrfache Folter, - Kriegsgefangenschaft, - KZ-Haft,
- Wiederholte sexuelle oder körperliche Gewalt in Form von Kindesmissbrauch, Kindesmisshandlung sowie wiederholten Vergewaltigungen (nach Maercker 2003a, S.5).
Abb. 1: Klassifikation traumatischer Ereignisse (Landolt 2004, S. 12)
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Es hat sich gezeigt, dass Traumata, die durch andere Menschen ausgelöst wurden, schwerer wiegen als z.B. Naturkatastrophen (vgl. Morgan 2007), genauso wie Typ-II-Traumen, die ebenfalls zu „stärker beeinträchtigenden und chronischeren psychischen Folgen“ führen als kurzdauernde traumatische Ereignisse (vgl. Maercker 2003a, S.5).
1.3 Traumafolgestörungen
„Traumatische Reaktionen sind eine normale Antwort auf anormale Erfahrungen“ (Morgan, 2007). Für die Menschen, die ein traumatisches Erlebnis durchmachen müssen, ist dies immer verbunden mit Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühlen, da sie nicht der Situation angemessen reagieren können, sowie Gefühlen extremer Angst (vgl. Reddemann 2003). Von daher ist es nicht verwunderlich, wenn die meistens Menschen nach dem Trauma nicht einfach wieder in ihren Alltag zurückkehren können und weitermachen wie zuvor. Die Wahrnehmung der Welt ist nach dem Ereignis eine andere als zuvor (vgl. Morgan 2007). Dies zeigt sich u.a. an einer veränderten negativen Einstellung gegenüber anderen Menschen, zum Leben und zur Zukunft (vgl. Fischer 2003). Das Gefühl von Sicherheit scheint durch das Trauma verloren gegangen zu sein (vgl. Morgan 2007). Typisch für Traumafolgestörungen sind Übererregungssymptome wie Schlaflosigkeit, Unkonzentriertheit und Rastlosigkeit, des weiteren Vermeidungssymptome wie sozialer Rückzug, der sich bis auf das Berufsleben auswirken kann (vgl. Reddemann 2003) und das belastende nicht kontrollierbare Wiederkehren von Erinnerungen und Bildern an das Erlebte (vgl. Morgan 2007). Nach Schulte-Körne (2007) sind das traumatische Ereignis und die darauf folgende andauernde unangenehme Situation „ausschlaggebende primäre Kausalfaktoren“ (S.260), die zu einer Traumafolgestörung führen können. Jedoch äußert sich nicht bei jedem Mensch, der ein Trauma erleidet auch eine posttraumatische Störung; im Durchschnitt sind es 30% (vgl. Reddemann 2003, S.53), wobei Kinder als gefährdeter gelten, eine Traumafolgestörung zu entwickeln, als Erwachsene (vgl. Schulte-Körne 2007).
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1.3.1 Akute Belastungsreaktion
Tritt in den ersten Stunden oder direkt auf das belastende Ereignis folgend eine Reaktion auf, wird diese als akute Belastungsreaktion oder akute Belastungsstörung (ICD-10: F43.0) bezeichnet (vgl. Landolt 2008b, S.30, Schulte-Körne 2007, S. 260). Es besteht in diesem Fall ein direkter und zeitlich klarer Zusammenhang zwischen der ungewöhnlichen Belastung eines Traumas und dem Beginn der Symptome (vgl. Schulte-Körne 2007). Bei dem belastenden Ereignis kann es sich um ein „überwältigendes traumatisches Erlebnis mit einer ernsthaften Bedrohung des Patienten oder einer geliebten Person“ (ebd. S.260) handeln, aber auch eine plötzliche bedrohliche Veränderung im sozialen Umfeld kann eine akute Belastungsreaktion auslösen.
Nach einem anfänglichen Zustand der Betäubung zeigen sich Symptome wie Überaktivität, Rückzug, Desorientiertheit und dissoziatives Verhalten (vgl. Schulte-Körne 2007, Landolt 2008). Unter dissoziativen Symptomen versteht man ein „Sichzurückziehen aus der Umweltsituation“ (Schulte-Körne 2007, S.260). Menschen versuchen unter sehr belastenden Ereignissen sich der Situation psychisch zu entziehen und sich „quasi von ihrem Körper zu lösen“ (Morgan 2007, S.16), was als eine Art Selbstschutz fungieren kann (vgl. Fischer 1998). Bengel (2003) führt unterschiedliche dissoziative Symptome auf, von denen mindestens 3 auftreten müssen, damit von einer akuten Belastungsreaktion gesprochen werden kann: - „Subjektives Gefühl von emotionaler Taubheit, von Losgelöstsein oder Fehlen emotionaler Reaktionsfähigkeit,
- Beeinträchtigung der bewussten Wahrnehmung der Umwelt (z.B. ‚wie betäubt sein’),
- Derealisationserleben [die Umwelt erscheint unwirklich oder fremd] - Depersonalisationserleben [der eigene Körper oder einzelne Körperteile fühlen sich an wie fremd] oder
- Dissoziative Amnesie (z.B. Unfähigkeit, sich an einen wichtigen Aspekt des Traumas zu erinnern)“. (ebd. S. 187)
Meistens treten noch typische körperliche Anzeichen panischer Angst wie hoher Puls, starkes Schwitzen und oft auch Erröten auf (vgl. Schulte-Körne 2007). Die Symptome klingen im Normalfall innerhalb einiger Stunden bis 2-3 Tage nach dem belastenden Ereignis wieder ab (vgl. Bengel 2003, Schulte-Körne 2007).
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Wichtig ist, dass die betroffene Person aus der belastenden Situation herausgenommen und an einen sicheren Ort gebracht wird, an dem ihr keine Gefahr droht und eventuell auch wichtige Bezugspersonen da sind, die beruhigend auf sie einwirken können. Insgesamt sollte eine intensive Zuwendung zu den Betroffenen im Vordergrund stehen, um ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln (vgl. Schulte-Körne 2007).
„Die zentrale Botschaft lautet, dass die erlebten Reaktionen eine normale Folge einer abnormalen bzw. außergewöhnlichen Situation ist“ (Bengel 2003, S.190). Die akute Belastungsstörung ist ein Risikofaktor, der bei Nichtbehandlung zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen kann (vgl. Bengel 2003).
1.3.2 Posttraumatische Belastungsstörung
Traumatische Ereignisse wie Katastrophen, Kriege und Verluste, sowie die damit verbundenen seelischen Verletzungen betreffen fast jeden Menschen irgendwann im Laufe seines Lebens. Jedoch hat es einiger einschneidender historischer Anlässe bedurft, bis sich die Wissenschaft mit der Erklärung und Heilung psychischer Traumata beschäftigt hat (vgl. Fischer 1998). In Folge des 1. Weltkrieges entstanden wissenschaftliche Konzepte zum Umgang mit psychischer Traumatisierung, da sich die Psychiatrie mit den Opfern von Kriegsneurosen konfrontiert sah (ebd.). Aufgrund von Überlebenden des Holocausts nach dem 2. Weltkriegs wurde die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Thematik weiter intensiviert. Nach dem Vietnam-Krieg zeigten viele Soldaten psychische Folgeschäden, woraufhin eigene Anlaufstellen und „veteran-centers“ eingerichtet wurden. In diesem Zusammenhang wurde erstmals die Formulierung „posttraumatisches Stresssyndrom“ (Posttaumatic Stress Disorder, PTSD) verwendet (vgl. Fischer 1998, S.29).
1.3.2.1 Definition
Erst 1980 wurde die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) in die DSM-Klassifikation und 1989 in die ICD-Klassifikation aufgenommen (Schulte-Körne 2007). Nach Definition wird die PTBS verstanden als eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes (kurz oder langanhaltend), „die bei fast jedem Betroffenen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“ (ICD 10, F43.1, Schulte-Körne 2007, S.261); ein
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Ereignis also, dass Furcht, Hilflosigkeit und Schrecken auslöst. Die PTBS wird teilweise zu den Angststörungen zugeordnet, teilweise wird sie als psychoreaktive Störung, d.h. eine Reaktion auf eine schwere Belastung hin, verstanden (Reddemann & Dehner-Rau 2007). Potentielle Auslöser für eine PTBS können sein:
Tabelle 1 (aus Schulte-Körne 2007, S.261)
1.3.2.2 Symptome
Neben dem zuvor beschriebenen Ereigniskriterium sind drei Hauptsymptomgruppen ausschlaggebend für eine PTBS: Intrusion, Vermeidung/Betäubung und Hyperarousal.
a) Bei Intrusionen handelt es sich um ein wiederholtes Erleben des Traumas in Bildern, Geräuschen und anderen Sinneseindrücken, sowie in emotionalen Erinnerungen an das Erlebte. Der Betroffene ist ungewollt an das Ereignis gebunden und kann nicht kontrollieren, wann ihn die Erinnerung daran überflutet. Dies kann sowohl im wachen Bewusstseinszustand als auch im Schlaf der Fall sein (vgl. Maercker 2003a). Die Unkontrollierbarkeit der eigenen Gedanken, Alpträume und der subjektiv erlebte Überflutungszustand durch die sich aufdrängenden Bilder führen bei den Betroffenen zu einem starken Belastungsgefühl (vgl. ebd.)
Zu beachten ist bei jüngeren Kindern, dass sich hier das Wiedererleben des Traumas oft im sogenannten traumatischen Spiel äußert. Das Erlebte wird
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wieder und wieder in spielerischen Szenen rekonstruiert oder in Zeichnungen ausgedrückt (vgl. Landolt 2008b, Schulte-Körne 2007). Nach Schulte-Körne (2007) zeigt sich das Durchleben des Traumas bei Kindern und Jugendlichen auch daran, dass sie sich anhaltend mit bestimmten Wörtern oder Symbolen beschäftigen, die im Zusammenhang mit dem Trauma stehen. Gerade jüngere Kinder leiden mehr als Erwachsene unter den sich aufdrängenden Erinnerungen, auch Flashbacks genannt. Sie haben Ein- und Durchschlafprobleme und vermehrt Alpträume, die jedoch nicht unbedingt einen direkten inhaltlichen Bezug zum Trauma haben müssen (vgl. Schulte-Körne 2007, Landolt 2008b).
b) Die Symptome des Wiedererlebens sind für die Betroffenen äußerst belastend, von daher werden verschiedene Strategien und Verhaltensweisen entwickelt, um bestimmten traumabezogenen Reizen und Situationen auszuweichen; dazu gehören die Vermeidung und Betäubung. Typisches Vermeidungsverhalten zeigt sich u.a. darin, dass bewusst Gedanken, Gefühlen, Gesprächen, Aktivitäten, Orten oder Personen, die mit dem Trauma in Verbindung gebracht werden, aus dem Weg gegangen wird (vgl. Landolt 2008b). Dies kann im Extremfall soweit gehen, dass die Betroffenen in ihrem alltäglichen Leben dadurch sehr eingeschränkt sind, da sie z.B. öffentliche Verkehrsmittel meiden oder nicht mehr zur Arbeit können, da sie ihre Wohnung nicht verlassen möchten (vgl. Morgan 2007). Bei einer extremen Verdrängung des Erlebten kann es sogar zu Teilamnesien kommen, bei denen unscharfe Erinnerungen an das Ereignis vorherrschen (Maercker 2003a). Außerdem leiden die Betroffenen oft unter einem emotionalem Betäubungsgefühl, dass sie von Personen, die nicht das Gleiche erlebt haben wie sie selbst, immer weiter wegtriften lässt (ebd.). Nicht selten ziehen sich Menschen nach einem traumatischen Ereignis sozial zurück, sogar gegenüber der eigenen Familie kann dieses Entfremdungsgefühl aufrecht erhalten werden. Auch bei Kindern und Jugendlichen sind diese Symptome zu beobachten, zusätzlich kommt oft noch das Gefühl einer eingeschränkten Zukunft hinzu, d.h. die Betroffenen erwarten nicht mehr, ein normales langes Leben (mit Karriere, Ehe, Kinder etc.) zu haben (vgl. Landolt 2008b, Landolt 2004).
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c) Unter Hyperarousal versteht man eine vegetative Übererregbarkeit, die sich anhand von Ein- u. Durchschlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Hypervigilanz (verstärkte Wachsamkeit), erhöhter Reizbarkeit und Schreckhaftigkeit äußert (vgl. Landolt 2008b, Maercker 2003a). Diese Symptome lassen erkennen, dass nicht nur die Seele nach einem Trauma stark belastet ist, sondern auch der Körper mitreagiert, auch wenn die Betroffenen dies meist zuerst nicht in Zusammenhang mit dem Trauma sehen (Maercker 2003a). Auf Schlüsselreize, die Erinnerungen an das Ereignis aufleben lassen, reagiert der Körper unwillkürlich mit Schwitzen, Zittern, Atembeschwerden, Herzklopfen und -rasen, Übelkeit oder
Magendarmbeschwerden (Maercker 2003a, S.7). Die Betroffenen verhalten sich extrem wachsam gegenüber allen möglichen Reizen des alltäglichen Lebens wie Geräuschen, fremden Personen etc. und reagieren auf kleinste körperliche Berührungen oder Geräusche sehr schreckhaft (ebd. S.8). Als kinderspezifische Symptome wird im DSM-IV noch zusätzlich der Verlust bereits erlernter Entwicklungsschritte hervorgehoben, z.B. tritt bei Kindern das Bettnässen wieder auf (vgl. Schulte-Körne 2007, S.262, Krüger 2007, S.40).
„Die Diagnose einer PTBS wird gestellt, wenn die Symptome des Wiedererlebens, der Vermeidung und der physiologischen Übererregung während mindestens eines Monats andauern [...] und klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in mindestens einem wichtigen Funktionsbereich des alltäglichen Lebens verursachen [...].“ (Landolt 2008b, S.31).
Man unterscheidet anhand von Störungsdauer und Symptomverlauf die akute PTBS mit einer Dauer von weniger als 3 Monaten, die chronische PTBS, die sich länger als 3 Monate andauert und die PTBS mit verzögertem Beginn, bei der sich die Symptomtik frühestens 6 Monate nach dem Trauma entwickelt (vgl. Landolt 2008b).
1.3.3 Anpassungsstörung
Die akuten Symptome einer akuten Belastungsreaktion können in kürzer- oder längerandauernde Anpassungsstörungen übergehen, wenn auch die PTBS in Folge eines traumatischen Erlebnisses häufiger auftritt (vgl. Landolt 2008b). Die
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Anpassungsstörung äußert sich u.a. im Sozialverhalten: die Kinder und Jugendlichen zeigen z.B. aggressives oder dissoziales Verhalten, aber auch depressive Stimmungen, sowie das Gefühl nicht mehr mit ihrem Leben zurecht zu kommen (vgl. Schulte-Körne S.264). Meist treten diese Störungen in Folge von einschneidenden Lebensveränderungen auf, wie Trennung der Eltern, Trauerfall oder schwerer Krankheit, und selten nach extremen Traumata (vgl. ebd.).
1.3.4 Komplexe Störungen
In diese Kategorie fallen eine Reihe von Störungsbildern, die nach besonders schweren oder wiederholten Traumata auftreten und die in den
Klassifikationssystemen nicht unter den Reaktionen auf schwere Belastungen eingeteilt sind. Hierzu gehören u.a. dissoziative Störungen, andauernde Persönlichkeitsänderungen nach Extrembelastung, komplizierte oder traumatische Trauer (vgl. Maercker & Ehlert 2001a).
1.4 Diagnostik
Die aus einem traumatischen Erlebnis resultierenden Störungen sind nur sehr schwer festzustellen. Gerade die Posttraumatische Belastungsstörung wird häufig übersehen oder fehl diagnostiziert, da die Betroffenen die Traumatisierung nicht direkt thematisieren und eher allgemein von Ängsten, Hoffnungslosigkeit und vermehrter Nervosität berichten (vgl. Schützwohl 2003, S. 54). Dies mag daran liegen, dass sie selbst keinen Zusammenhang zwischen dem Erlebten und den nun auftretenden Symptomen erkennen oder sie sich bereits soweit hinter ihrem Vermeidungsverhalten verbarrikadiert haben, dass sie das Trauma nicht ansprechen können (ebd.).
Um eine auf den Patienten individuell zugeschnittene Traumatherapie einleiten zu können, muss vorab eine sorgfältige Diagnostik durchgeführt werden. Diese dient auch dazu kormobide und prätraumatische Störungen aufzudecken.
1.4.1 Strukturierte und standardisierte Interviews Nach Pieper & Bengel (2008, S.19) gehört zur psychologischen Diagnostik der PTBS, die sich an den Standards der Angst- und Belastungsdiagnostik orientiert,
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zum einen die Durchführung standardisierter und strukturierter Interviews, anhand derer die Symptome eingeordnet werden können. Standardisierte Interviews werden wortwörtlich vom Interviewer wiedergegeben und lassen keinen Spielraum, die Fragen umzuformulieren oder noch einmal nachzuhaken, wohingegen strukturierte Interviews durch vorformulierte Fragen, die jedoch erklärt oder ergänzt werden können, die diagnostischen Kriterien erfassen sollen (vgl. Schützwohl 2003). Es gibt inzwischen eine große Anzahl an Interviews, die zur diagnostischen Einordnung der psychischen Folgen von traumatischen Erlebnissen einsetzbar sind, deshalb werden hier nur die wichtigsten Verfahren aufzeigen (vgl. Pieper & Bengel 2008, Schützwohl 2003, Steil 2003) .
a) Diagnostisches Interview bei Psychischen Störungen (DIPS; Schneider & Margraf 2006)
b) Clinical Administered PTSD-Scale (CAPS; dt. Nyberg & Frommberger 1998) c) Für Kinder und Jugendliche (9-17 Jahre): Child and Adolescent Psychiatric Assessment (CAPA; Costello et al. 1995; keine deutsche Übersetzung, nach Schützwohl 2003, S.292)
d) Diagnostisches Interview bei Psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter (Kinder-DIPS, Unnewehr et al. 1995)
1.4.2 Selbstbeurteilungsverfahren
Reliable und valide Selbstbeurteilungsverfahren dienen der Erfassung von Symptomhäufigkeit und ihrer Intensität sowie der Dauer der Symptombelastung. Außerdem können so auch die psychischen Beeinträchtigungen aus Sicht der Patienten dargestellt werden (vgl. Schützwohl 2003).
U.a. haben sich folgende Verfahren als empfehlenswert herausgestellt (vgl. Pieper & Bengel 2008, Schützwohl 2003, Steil 2003):
a) Impact of Event Scale Revised (IES-R; dt. Maercker & Schützwohl 1998, nach Pieper & Bengel 2008, S.20)
b) Posttraumatic Diagnostic Scale (PDS; dt. Ehlers et al. 1996) c) Für Kinder und Jugendliche (6-15 Jahre) : Modifikation der Impact of Event Scale (IES ; Dyregrov et al. 1996; keine deutsche Übersetzung, nach Schützwohl 2003, S.292)
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1.4.3 Ergänzende Verfahren
1.4.3.1 Erfassung sekundärer Funktionsbeeinträchtigungen
Um sekundäre Funktionsbeeinträchtigungen zu beurteilen, die im sozialen, familiären und/oder beruflichen Sektor auftreten können, bieten sich u.a. folgenden Verfahren an:
a) Goningen Social Disability Schedules (GSD-II; Wierma et al. 1988, nach Peiper & Bengel 2008, S.20)
b) Fragebogen zur sozialen Unterstützung (F-SOZU, Sommer & Fydrich 1989) Es ist wichtig diese sekundären Funktionsbeeinträchtigungen zu beurteilen, da sie Aufschluss über den Schweregrad der Störung geben können (vgl. Schützwohl 2003, Pieper 2008).
1.4.3.2 Differenzialdiagnostik
Die Posttraumatische Belastungsstörung muss abgegrenzt werden zu folgenden kormobiden Störungen - Anpassungsstörungen, - Angststörungen, - depressiven Störungen und - Borderlinestörungen (vgl. Schützwohl 2003, S. 67).
Dies kann u.a. anhand dieser Verfahren festgestellt werden (vgl. Pieper 2008, S.20): a) Beck-Angst-Inventar (BAI; Margraf & Ehlers 1995) b) Beck-Depressions-Inventar (BDI; Hautzinger et al. 1992) c) Fragebogen zur Beurteilung der Suizidgefahr (FBS; Stork 1996).
1.4.4 Besonderheiten der Diagnostik bei Kindern
Bei Kindern ist neben dem traumatischen Ereignis und dessen Auswirkungen auf das Kind und sein Umfeld das Funktionsniveau des Kindes vor dem Trauma zu berücksichtigen (vgl. Steil 2003). Es gilt zu hinterfragen, ob das Kind vor dem Erlebnis bereits Entwicklungsschritte vollzogen hat, die jetzt eventuell nicht mehr vorhanden sind. Hierzu gilt es alle verfügbaren Informationsquellen zur Anamnese zu nutzen, mit den Eltern, Erzieherin oder Lehrerin zu sprechen und sich so objektive Informationen einzuholen (vgl. Landolt 2004, Steil 2003). Empirische Studien haben ergeben, dass es nicht empfehlenswert ist, die Diagnostik allein auf der elterlichen
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Beurteilung aufzubauen, da sich gezeigt hat, dass Eltern die posttraumatische Symptomatik ihrer Kinder häufig unterschätzen (Yule & Williams, 1990 zit. nach Landolt 2004, S.39). Im Anschluss daran ist es unerlässlich, ein sorgfältiges Interview mit dem Kind selbst durchzuführen, bei dem es seine subjektive Sicht des Erlebten und die damit verbundenen Gefühle darlegen kann (vgl. Steil 2003, Landolt 2004) . Landolt (2004) sieht es als sinnvoll an Spielsachen und Zeichnungen als Hilfsmittel zu verwenden um das Erlebte darzustellen oder zu beschreiben. Es erfordert vom Diagnostiker ein besonderes Feingefühl, traumatisierte Kinder zu befragen, da die Gefahr besteht, dass es zu Retraumatisierung beim Kind kommen kann (Landolt 2004). Weinberg (2005) geht so vor, dass sie sich zuerst besonders nach Schlafverhalten und Träumen der Kinder erkundigt, woraufhin die meistens Kinder viel erzählen (vgl. S.115). Außerdem ist es wichtig die Interessen und Stärken der Kinder in Erfahrung zu bringen und sich bei Älteren nach dem Selbstbild zu erkundigen; es ist ungünstig, sich zu sehr auf die Probleme zu fixieren (vgl.ebd.). Landolt (2004) empfiehlt zusammengefasst folgende Phasen beim Prozess der Diagnostik:
Tabelle 2 (Landolt 2004, S.38)
1.5 Zusammenfassung
Ein Amoklauf an einer Schule stellt ein traumatisches Ereignis dar, da es für die betroffenen Personen verbunden ist mit einer außergewöhnlichen Bedrohung und Gefühlen von Furcht, Hilflosigkeit und Schrecken.
Zuzuordnen ist ein sogenanntes School Shooting (s. 2.1.2) den Typ-I-Traumen („man made disasters“). Dabei handelt es sich um ein kurzfristiges, traumatisches Ereignis, das von einer oder mehreren Personen verursacht wird. Diese Art von Traumata wiegt schwerer als Typ-II-Traumen wie z.B. Naturkatastrophen, technische Unfälle oder Verkehrsunfälle, und kann eher zu beeinträchtigenden, psychischen Folgen führen.
Ein traumatisches Ereignis kann eine Traumafolgestörung nach sich ziehen. Direkt auf das traumatische Ereignis folgend, kann eine Akute Belastungsreaktion auftreten. Es besteht hier ein direkter Zusammenhang zwischen der ungewöhnlichen Belastung eines Traumas und dem Beginn der Symptome, wie Überaktivität, Rückzug, Desorientiertheit und dissoziativem Verhalten. Per Definition wird die Posttraumatische Belastungsstörung verstanden als eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes. Typisch für dieses Störungsbild sind die Symptomgruppen der Vermeidung/Betäubung, Intrusionen und Hyperarousal. Traumafolgestörungen, vor allem die PTBS, sind schwer zu diagnostizieren, da oft der Zusammenhang zwischen den Symptomen und dem zurückliegenden traumatischen Ereignis nicht aufgedeckt bzw. fehldiagnostiziert wird.
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2. Schwere zielgerichtete Gewalt an Schulen - School Shootings
„Ich dachte, so etwas gibt´s nur in Amerika.“ (Eisenberg 2000, S.16). Lange Zeit wurden Amokläufe durch Jugendliche an Schulen, sogenannte School Shootings, als ein auf die USA begrenztes Phänomen angesehen, dass uns hier zu Lande zwar schockierte, aber nicht näher betraf. Schwere Gewalttaten durch Jugendliche wurden mit Namen wie Littleton (1999) und Jonesboro (1998), School Shootings, die eine große Medienwirkung nach sich zogen, in Verbindung gebracht. Aber allerspätestens seit dem Amoklauf an einer Erfurter Schule (2002) und dem erst kürzlich stattgefundenen School Shooting in Winnenden (März 2009) ist auch hier die Öffentlichkeit alarmiert.
In diesem Kapitel wird nun diese spezielle Form des Amoklaufs näher erläutert und im Anschluss daran ein Überblick über den aktuellen Stand der Forschung in Bezug auf bereits begangene Taten, die Täter und die Opfer der School Shootings gegeben, um daraus Schlussfolgerung sowohl für intervenierende als auch präventive Maßnahmen ziehen zu können.
2.1 Begriffsklärung
2.1.1 Amok
Vor etwa 400 Jahren wurden Reisenden zufolge erste Berichte über Amoktaten in fernöstlichen Ländern nach Europa gebracht. Der malaiische Begriff „amuk“, was soviel wie „rasend“ oder „zornig“ bedeutet (vgl. Hoffmann 2003, Adler 2000), lässt auf die Herkunft des Wortes Amok schließen. Adler (2002) verweist darauf, dass Amok sowohl eine Stammesbezeichnung, als auch ein Schlachtruf gewesen sein kann, in jedem Fall war es „ein Signal zum bedingungslosen Kampf“ (S.4). Die sogenannten „amoucos“ (vgl. Adler 2003), ausgebildete Elitekrieger, kämpften grundsätzlich in subjektiv erscheinend ausweglosen Situationen. Bei ihren Motiven stand die Frage der Ehre des Königs oder des Landes im Vordergrund. Diese Form des Amoklaufs galt zu dieser Zeit als sozial anerkanntes kriegstaktisches Vorgehen (vgl. Scheithauer & Bondü 2008, S.13).
Ganz allgemein versteht man heute unter dem Begriff Amok „die Tötung mehrer Personen innerhalb eines Tatereignisses“ (Hoffmann 2003, S. 397), was bedeutet, dass die Tötung mehrerer Menschen innerhalb einer einzelnen, zeitlich
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zusammenhängenden Tat an einem Ort stattfindet (vgl. Scheithauer & Bondü 2008). Diese Beschreibung ist sehr unspezifisch und umfasst verschiedene Formen von Gewalttaten, wie die Tötung der eigenen Familie mit anschließendem Selbstmord oder auch die Tötung unbekannter Personen an einem öffentlichen Platz. Um eine genauere Abgrenzung zu anderen verwandten Formen der Gewalt zu bieten, liefert Hoffmann (2003) noch eine ausgearbeitetere Definition von Amok: „Die intentionale und nach außen hin überraschende Tötung und/oder Verletzung mehrer Personen bei einem Tatereignis ohne Abkühlungsperiode, wobei einzelne Tatsequenzen im öffentlichen Raum stattfinden“ (Hoffmann 2002, zitiert nach Hoffmann 2003, S.399).
Er verdeutlicht damit, dass es sich um eine zielgerichtete, zumeist geplante, jedoch auf die Öffentlichkeit völlig unerwartet wirkende Gewalttat handelt, bei der mehrere Personen getötet oder verletzt werden. Mit dem Ausdruck „ohne Abkühlungsphase“ ist gemeint, dass der Täter nach der Tötung oder Verletzung des ersten Opfers nicht „aufwacht“ oder schockiert ist über seine Tat und daraufhin den Amoklauf abbricht, sondern weitere Menschen attackiert. Indem Hoffmann (2003) das Merkmal „einzelne Tatsequenzen im öffentliche Raum“ einfügt, schließt er rein familieninterne Taten aus der Definition von Amok aus.
2.1.2 School Shooting
Für Amokläufe an Schulen, die von Jugendlichen zielgerichtet an diesem Ort ausgeführt werden, hat sich im anglo-amerikanischen Sprachraum der Begriff „school shootings“ etabliert, der auch hier immer weitere Verbreitung findet und Umschreibungen wie Schulmassaker oder Massenmorde (vgl. Robertz 2004) an Schulen weitestgehend verdrängt . Mit dem Ausdruck „school shooting“ wird hervorgehoben, dass es sich hierbei um den „gezielten Angriff auf bestimmte Personen oder Personengruppen [handelt], wobei die Schule bewusst als Tatort ausgewählt wurde“ (Hoffmann 2002, zit. nach Hoffmann 2003, S.407). Auch Robertz & Wickenhäuser (2007) beschreiben School Shootings als „Tötungen oder Tötungsversuche durch Jugendliche an Schulen, mit einem direkten und zielgerichteten Bezug zu der jeweiligen Schule“ (S.10). Damit wird intendiert, dass die Schule bewusst als Ort der Tötung ausgesucht wurde, zumeist war oder ist der Täter Schüler an der als Tatort ausgewählten Schule und mehrere Schüler und/oder
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Lehrer sind Ziel der Tötungsabsicht (vgl. Robertz & Wickenhäuser 2007). Auch Orte, die mit der Schule in Zusammenhang stehen, wie der Schulweg, Pausenhof oder Bushaltestelle können potenzielle Tatorte darstellen (vgl. Scheithauer & Bondü 2008). In die Definition sind nicht miteingeschlossen: Auseinandersetzungen zwischen Gruppen von Jugendlichen (sogenannte Bandenkriege) und Taten, die sich zufällig im Schulumfeld abspielen (vgl. Bondü et al. 2008). Entgegen dem Begriff School Shooting, der etwas irreführend wirken kann, werden von den Tätern nicht nur Schusswaffen verwendet, sondern auch andere tödliche Waffen, wie Messer oder Bomben (vgl. ebd).
2.2 Überblick über die Taten
Sowohl Analysen der Polizeilichen Kriminalstatistik innerhalb der letzten 15 Jahre, als auch vergleichbare Studien der Supplementary Homicide Reports in den USA, verdeutlichen, dass die allgemeine Tötungskriminalität durch Jugendliche deutlich abgenommen hat (vgl. Robertz & Wickenhäuser 2007, S.13). Das Ausmaß von School Shootings hingegen hat, vor allem zu Beginn des neuen Jahrtausends, deutlich zugenommen (vgl. Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle Landeskriminalamt NRW).
Laut Robertz & Wickenhäuser (2007, S.14) wurde das erste School Shooting 1974 in Olean im Bundesstaat New York verübt. In dem Zeitraum bis zum 01.01.2007 lassen sich 99 durchgeführte School Shootings dokumentieren, wobei 6 Vorfälle in Deutschland stattfanden; d.h. dass hierzulande neben Kanada international das zweitgrößte Vorkommen an School Shootings nach den USA vorliegt. Weitere 13 Amokläufe an Schulen fanden außerhalb der USA statt, die restlichen Taten wurden in den USA vollzogen (vgl. Robertz & Wickenhäuser 2007, S.15ff.). Laut Robertz & Wickenhäuser (2007) ist die Rate der Taten seit 2002 in den USA leicht rückläufig. Dies kann natürlich die Ansiedlung der Häufigkeit von School Shootings auf einem hohen Niveau nicht verbergen. Die Rückläufigkeit kann u.a. dadurch erklärt werden, dass School Shootings mittlerweile im Vorfeld besser erkannt und dadurch abgewendet werden (s. auch 4.4), bevor es zur Tatausführung kommt, da in den USA enorme präventive Bemühungen geleistet werden.
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Abb. 2 (Robertz & Wickenhäuser 2007, S.15)
In Deutschland blieben vor allem die schweren Tatgeschehnisse in Erfurt und Emsdetten im Gedächtnis haften, woran der darum verbreitete Medienrummel seinen Teil dazu beitrug. Folgende Tabelle bietet einen Überblick über alle bekannt gewordenen School Shootings in Deutschland:
Tabelle 3: Fälle von schwerer, zielgerichteter Gewalt an deutschen Schulen (vgl. Scheithauer & Bondü 2008, S. 32f):
Obwohl Amoktaten an sich häufig mit den Merkmalen Impulsivität, Kontrollverlust und Irrationalität (vgl. Scheithauer & Bondü 2008) in Verbindung gebracht werden, sind School Shootings sehr selten impulsive, aus der Situation heraus entstehende Taten, sondern meistens lange im voraus geplante und gut durchdachte Angriffe (Vossekuil et al. 2002). Der Entschluss zur Tat reift über einen längeren Zeitraum heran, unterstützt durch häufige persönliche Niederlagen, Demütigungen oder Beziehungs-und Statusverluste (vgl. Robertz 2004). Ein Auslöser, oft eine als sehr schwerwiegend für den Täter wahrgenommene Kränkung, führt schließlich dazu, dass die bisher nur in Gedanken durchgespielte Tat in der Realität umgesetzt wird. Hoffmann bezeichnet Ausführung der Tat „als Endpunkt eines langen Weges“ (Hoffmann 2007a zitiert nach Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle Landeskriminalamt NRW 2007, S.3). In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig zu erwähnen, dass beliebte Tatzeitpunkte sich um Jahrestage von schwerwiegenden Amokläufen wie Columbine oder Erfurt gruppieren, die eine Art ‚Vorbildcharakter’ für potentielle School Shooter darstellen. Nach Robertz & Wickenhäuser (2007) häufen
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Arbeit zitieren:
Simone Schenkel, 2009, Traumatische Großereignisse an Schulen , München, GRIN Verlag GmbH
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