Mit der zunehmenden Komplexität und Dynamik der heutigen Berufs- und Arbeitswelt steigen auch die Anforderungen an die künftigen Arbeitnehmer. Umfassende und gezielte Informationen, die Schüler in ihrem Berufsfindungsprozess unterstützen, sind heute wichtiger denn je. Aufgrund der immer geringer werdenden Halbwertzeiten von Wissen, hat die Relevanz von stupidem Fachwissen in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung verloren. Viele Ausbildungsbetriebe fordern von ihren Auszubildenden Kommunikations- und Teamfähigkeit. Der Wandel des Wissens bzw. der Kompetenzen kann an der Institution Schule und deren Lerninhalten nicht unbeachtet vorbei gehen.
„Handlungsorientierung als Gestaltung von Lernprozessen, in denen die Lernenden möglichst durch selbstständiges Handeln lernen, mindestens jedoch durch aktives Tun, jedenfalls nicht allein durch gedankliches Nachvollziehen von Handlungen anderer.“ 1 Mit diesem Zitat von Reinhard Bader wird deutlich, dass mit der Einfuhr der Handlungsorientierung in die Rahmenlehrpläne ein deutlicher Wandel der Unterrichtsmethoden und Lerninhalte vollzogen wird, bzw. in Zukunft noch weiter ausgebaut werden soll.
Betriebsführungen, Betriebsbesichtigungen, Betriebsexkursionen - das gibt es doch schon. Wozu also Betriebserkundungen? Nur eine neue Bezeichnung? Oder doch mehr? Wenn ja, wo liegt der Unterschied zwischen Betriebserkundungen und jenen Formen von Betriebsbesuchen, die häufig unter dem Schlagwort „Betriebstourismus“ zusammengefasst werden?
Diese Ausarbeitung beschäftigt sich im Besonderen mit den handlungsorientierten Methoden der Betriebserkundung und Expertenbefragung, wobei die Expertenbefragung als Bestandteil der Betriebserkundung vorgestellt wird. Können diese Methoden die Forderungen des handlungsorientierten Unterrichts leisten? Wenn ja, welche?
Im Rahmen dieser Ausarbeitung soll der Charakter und die didaktischen Hintergründe der Betriebserkundung herausgearbeitet und dargeboten werden.
1 Vgl. Bader, Reinhard / Handlungsorientierung - akzeptiert und variiert / Die berufsbildende Schule / 1997.
Bei der oberflächlichen Betrachtung von Betriebserkundung und Betriebsbesichtigung vermag man schnell zu einer Gleichsetzung der beiden „Unterrichtsformen“ gelangen. Dennoch sind sie strikt zu differenzieren.
Während der Betriebserkundung verlassen die Schüler den Lernort Schule, um die theoretischen Unterrichtsinhalte in einem Betrieb zu erkunden. 2 Es soll den Schülern ermöglicht werden die Unterrichtsinhalte durch konkrete Wahrnehmungen, soziale Kontakte und praktische Erfahrungen im Betrieb zu verbinden.
Betriebserkundungen sind von den sogenannten Betriebsbesichtigungen abzugrenzen. Bei der Betriebsbesichtigung steht die Gewinnung eines Einblicks in dem gesamten Betrieb im Vordergrund, der in der Regel vom Unternehmen gesteuert und gestaltet wird. Sie neigen oft zu einer undifferenzierten Oberflächlichkeit. Die Schüler übernehmen während der Betriebsbesichtigung eine passive Rolle ein und können oftmals weder die Fülle von Eindrücken aufnehmen, noch verarbeiten. 3 Betriebsbesichtigungen, -führungen, -exkursionen werden oft als eher zufällige Einzelmaßnahme am Schuljahresende durchgeführt. Bei der Betriebserkundung werden Fragen und Problemstellungen, die sich im Unterricht ergeben, durch unmittelbare Begegnungen veranschaulicht und im Unterricht ausführlich vor-und nachbereitet und somit in den Unterricht integriert.
Im Rahmen von Betriebserkundungen werden nicht alle Aspekte des Betriebsgeschehens sondern nur Teilbereiche erörtert.
Betriebserkundungen können unter folgenden Aspekten durchgeführt werden:
- Wirtschaftlicher Aspekt
- Technologischer Aspekt
- Konsumentenaspekt
- Sozialer Aspekt
- Berufsorientierender Aspekt
- Ökologischer Aspekt.
2 Vgl. Kaiser, Franz-Josef, Kaminski, Hans / Methodik des Ökonomie-Unterrichts / Grundlagen eines
handlungsorientierten Lernkonzepts mit Beispielen / 3. Auflage / Klinkhardt 1999, S. 295.
3 Vgl. Kaiser, Franz-Josef, Kaminski, Hans / Methodik des Ökonomie-Unterrichts / Grundlagen eines
handlungsorientierten Lernkonzepts mit Beispielen / 3. Auflage / Klinkhardt 1999, S. 296.
Die verschiedenen Aspekte lassen sich jedoch nicht immer eindeutig voneinander trennen, sodass es auch zu Überschneidungen und Mischformen von Betriebserkundungen kommen kann (z. B. können soziale und berufsorientierende Aspekte in einer Betriebserkundung angesprochen werden).
Die Schüler sind aktive Mitgestalter. Sie gehen mit konkreten Fragestellungen und Beobachtungsaufgaben, die sie zuvor im Unterricht vorbereitet haben, in den jeweiligen Erkundungsbereich. Dieser Vergleich zeigt bereits, dass Betriebserkundungen aus didaktischer Sicht Erfolg versprechender und damit empfehlenswerter als andere Formen von Betriebsbesuchen sind. 4
Bei der unterrichtlichen Integration der Betriebserkundung ist insbesondere auf folgende Aspekte zu achten:
- die Modellproblematik
- das Verhältnis von Schule und Erkundungsbereich
- Defizite der Erkundung gegenüber anderen Methoden.
(1) Modellproblematik
Die Angehörigen des Betriebes bereiten sich auf eine betriebliche Ausnahmesituation vor, die die Schüler für eine Alltagssituation halten müssen, wenn es sich um einen Betrieb außerhalb ihrer Alltagserfahrungen handelt (z. B. Produktionsbetrieb für Mikrochips). 5 Es besteht die Gefahr, dass die Lernenden die zu erkundende Realität nicht als Realität, sondern als Modell erleben.
(2) Das Verhältnis von Schule und Erkundungsbereich
Die primäre Funktion der Institution Betrieb besteht nicht im unterrichten von Schülern, sowie es nicht die Funktion von Schule ist, Produkte herzustellen oder Dienstleistungen anzubieten. Aus diesem Grund sollte zwischen dem Betrieb und der Schule eine gute Kooperation und Informationsaustausch herrschen, der es beiden Institutionen ermöglicht, für die Schüler das bestmögliche Erkundungsprofil (z. B. Programmablaufplanung usw.) vorzubereiten. 6
4 Vgl. Kaiser, Franz-Josef, Kaminski, Hans / Methodik des Ökonomie-Unterrichts / Grundlagen eines
handlungsorientierten Lernkonzepts mit Beispielen / 3. Auflage / Klinkhardt 1999, S. 297.
5 Vgl. Gerdsmeier, Gerhard, In: Betriebserkundungen, (hrsg.) Beinke, Lothar, Bad Heilbrunn/Obb. : Klinkhardt,
1980, S. 20.
6 Vgl. Kaiser, Franz-Josef, Kaminski, Hans / Methodik des Ökonomie-Unterrichts / Grundlagen eines
handlungsorientierten Lernkonzepts mit Beispielen / 3. Auflage / Klinkhardt 1999, S. 299.
(3) Defizite der Betriebserkundung gegenüber anderen Methoden
Die Betriebserkundungen sind nicht immer das geeignete Mittel um an das Unterrichtsziel zu gelangen. Bei sehr komplexen, nicht materiellen, ökonomischen und sozialen Problemen ist diese Methode nicht bzw. nur bedingt geeignet.
Dabei wird deutlich, dass es sich hier um eine handlungsorientierte Methode handelt, die es verlangt die Schüler durch eigenes Tun und denken einzubeziehen. Dennoch lässt sich sagen, dass sich die Methode der Betriebserkundung, in Einbezug von anderen Methoden und durch den Einsatz von Medien bei ökonomischen und sozialen Problemen, die eine materielle Grundlage haben, erfolgreich eingesetzt werden kann. 7
Didaktischer Hintergrund und pädagogische Ziele
Betriebserkundungen zählen zu jenen außerschulischen Veranstaltungen, die sich besonders gut für eine handlungsorientierte Umsetzung eignen. Praxisbezogener Unterricht in Verbindung mit Realbegegnungen (Unterricht außerhalb des Schulgebäudes) sind ein wichtiger Bestandteil des handlungsorientierten Unterrichtskonzeptes. Im Mittelpunkt steht der Erwerb von Kompetenzen, die dem Schüler bei der Bewältigung künftiger Lebenssituationen helfen sollen. Rein „rezeptives Lernen“ wird somit durch „gebrauchswertorientiertes Lernen“ erweitert. Voraussetzungen hierfür sind ein hohes Maß an Selbsttätigkeit und Mitbestimmungsrecht der Schüler, was die Zielorientierung und Gestaltung des Unterrichts betrifft. Die Schüler lernen somit selbstständig Fragestellungen und Problemfelder zu ergründen, mit dem Ziel vor Augen, ein Erkenntnis bringendes Ergebnis zu erreichen.
Didaktisch lässt sich das Unterrichtskonzept der Handlungsorientierung zuordnen. Im Mittelpunkt steht somit ein von der Problemwahrnehmung über die Planung, Durchführung bis zur Ergebnisprüfung des Unterrichts von den Schülern selbst gesteuerter Lernprozess. Neben dem fachlichen und praktischen ist auch das kritische Vermittlungsinteresse von Bedeutung, das die Schüler zu selbstständigem, verantwortungsbewusstem Handeln und kritischem Denken erziehen soll.
7 Vgl. Kaiser, Franz-Josef, Kaminski, Hans / Methodik des Ökonomie-Unterrichts / Grundlagen eines
handlungsorientierten Lernkonzepts mit Beispielen / 3. Auflage / Klinkhardt 1999, S. 299.
Arbeit zitieren:
Mario Hartmann, 2008, Betriebserkundung und Expertenbefragung, München, GRIN Verlag GmbH
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