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Dieses Essay wird sich mit der Frage beschäftigen, was zuerst da war: Das Huhn oder das Ei? Das mag verwunderlich klingen, ja überraschend wirken, immerhin hat der Leser dieses Essays eine Abhandlung über gesellschaftliche, ökonomische Bedingungen, über den gesellschaftlichen Zeitgeist und über jeweilige Zusammenhänge zwischen den jeweiligen Aspekten erwartet, doch im Endeffekt ist die Frage nach dem Huhn oder dem Ei entscheidend, denn in der Beantwortung dieser Frage liegt eine Möglichkeit für das Verständnis dieses Essays. In der Beantwortung der Frage nach dem Huhn oder dem Ei steht die Naturwissenschaft vor einem Rätsel. Das Problem ist bekannt: War das Huhn zuerst da, liegt das Problem darin, dass es ja aus einem Ei geschlüpft sein muss. War das Ei aber zuerst da, dann muss es ja von einem Huhn gelegt worden sein. Das Problem löst die Philosophie durch eine Klärung der Begriffe: Was verstehen wir, wenn wir von einem „Huhn“ reden? Was haben wir im Sinn, wenn wir von einem „Ei“ reden? Das Tier und das Naturprodukt ist jeweils allgemein bekannt, diese müssen nicht näher erklärt werden, sie sind in ihrer typischen, abstrahierten Form als „typisches Ei an sich“ oder als „typisches Huhn an sich“ bekannt, aber wenn man fragt, welches Ei oder welches Huhn jeweils, nicht allgemein, sondern eben konkret gemeint ist, so kommen Philosophen auf die entscheidende Lösung: Können wir ein konkretes Huhn (H) und ein konkretes Ei (E) benennen, so können wir die Zeit des Schlüpfens des konkreten Huhns aus dem Ei (T1 von H) und die Entstehung des konkreten Hühnerprodukts Ei (T2 von E) mehr oder weniger konkret benennen. Der Vergleich zwischen T1 und T2 ergibt ein „früher“ oder „später“. Fazit: Die Lösung liegt in der Konkretisierung der Begriffe.
Die Frage, die wir analog hier stellen können ist: Was war zuerst da? Die „Kultur des Kapitalismus“ oder die „Kultur der Menschen“? Wer hat wen beeinflusst? Die Frage, mit der sich dieses Essay befassen wird lautet: Hat die Kultur der Menschheit, der Zeitgeist der jeweiligen Epoche, den Kapitalismus der jeweiligen Zeit beeinflusst, die Ökonomie quasi verändert? Diese Frage ist eine Frage nach der Macht des Menschen in der Gesellschaft. Nach Foucault lebt der Mensch in Machtbeziehungen. In einem Interview sagte er:
„Ich will sagen, daß in den menschlichen Beziehungen -welchen auch immer, handle es darum, wie wir jetzt verbal kommunizieren, oder um ökonomische, institutionelle oder Liebesbeziehungen- die Macht immer präsent ist: womit ich die Beziehungen meine, in der der eine das Verhalten des anderen zu lenken versucht.“ 1
1 Helmut Becker: „Freiheit und Selbstsorge. Gespräch mit Michel Foucault am 20. Januar 1984“, In: Helmut Becker: „Michel Foucault. Freiheit und Selbstsorge. Interview 1984 und Vorlesung“, Materialis Verlag, 2. Auflage, 1993: S. 19
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Foucault geht von Machtspielen aus, die Menschen führen. Ist es nicht eher die Macht der Menschen in der Gesellschaft, die Macht des Zeitgeistes, die historisch, politisch oder gesellschaftlich jeweils entsteht und sich regelmäßig verändert, die den Kapitalismus als Teil des Zeitgeistes verändert? Mit dem Begriff „Zeitgeist“ ist hier das Denken und Handeln der Menschen in der jeweiligen Epoche gemeint, ein Denken und Handeln, dass sich in der Geschichte der Menschheit durch vielfältige Erkenntnisse und Ereignisse aus unterschiedlichsten Bereichen sich vielfältig und regelmäßig historisch verändert. Es ist denkbar, dass der Kapitalismus als Teil des gesellschaftlichen Denkens und Handelns sich lediglich dem Zeitgeist seiner „Zielgruppe“ jeweils anpasst, um die Produkte, die es zu verkaufen gilt, auch verkaufen zu können. Die Frage nach der Macht der Gesellschaft und des Zeitgeistes auf den Kapitalismus ist die Frage, die zu beantworten sein wird.
Hat dagegen, quasi als Antithese, der Kapitalismus wirklich so eine Macht, dass die „Kultur des Kapitalismus“ den Menschen, gar die Gesellschaft und den Zeitgeist in jeder Epoche verändert? Das ist zumindest Sennets These in seinem Buch „Der Kultur des neuen Kapitalismus“ 2 , die ich hinterfragen werde. Sennet fragt sich, welche Kultur, welche „Werte und Praktiken“ den „Zusammenhalt der Menschen sichern“ können, „wenn die Institutionen, in denen sie leben, zerfallen?“ 3 Damit betont Sennet, dass die Institutionen, v.a. die Unternehmen und damit der Kapitalismus einen „Zusammenhalt der Menschen“ und damit einen Zeitgeist erhalten oder zumindest erhalten sollten. Im Endeffekt beeinflusst also das Unternehmen und damit der Kapitalismus die Gesellschaft, meint Sennet. Das ist eine These, die es zu hinterfragen gilt, denn; Glaubt man Sennet, so hat der Kapitalismus eine Macht, die das Leben der Menschen in der Gesellschaft und damit den Zeitgeist maßgeblich beeinflusst. Stimme diese These, so wäre gar die Politik, dann wären die Medien, die Familien, ja gar die Schulen, die ja einen Zeitgeist ebenfalls beeinflussen können, abhängig von der „Macht des Kapitals“. Wer wen schließlich und endlich tatsächlich beeinflusst und wer Macht über wen hat und welche Rolle dabei der Kapitalismus und Unternehmen spielen, wird dieses Essay nicht vollständig klären können, aber dieses Essay wird das grundlegende sozialdemokratische Denken Sennets hinterfragen, dass hauptsächlich der Kapitalismus und vor allem der Arbeitsmarkt als grundlegende Macht das Leben und die Identität der Menschen und damit den Zeitgeist der Gesellschaft beeinflussen sollen. Dieses Essay wird Sennets Vorstellungen von den gesellschaftlichen Auswirkungen des „alten“ und „neuen Kapitalismus“ grundlegend in Frage stellen.
2 Sennet, Richard: „Die Kultur des neuen Kapitalismus“, Berlin Verlag, 2005
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Sennet hält sich in seinem Werk „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ zunächst an Max Weber, wenn er versucht, zu verdeutlichen, dass das bürokratisch organisierte Unternehmen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts im „sozialen Kapitalismus“ strategischer und strukturierter organisiert war, als noch am Anfang des 19. Jahrhunderts, in der Zeit des „primitiven Kapitalismus“. 4 Im Unternehmen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatte jeder Arbeiter oder Angestellte seinen Platz und eine bestimmte Funktion, d.h. Unternehmen bauten ihre Bürokratie wie eine Pyramide auf, es gab „unten“ die vielen Arbeiter, die wenig Entscheidungsgewalt hatten, „oben“ die wenigen Verantwortlichen, die weit mehr Entscheidungsgewalt hatten. Sennet vergleicht in der Tradition Max Webers diese Struktur mit der Organisation im Militär; Es gab Befehlsketten, Verpflichtungen, gleichzeitig gesicherte Positionen. Aufgrund dieses Strebens nach Ordnung waren die Unternehmen sozialer organisiert, d.h. jeder Angestellte wusste, wo er im Unternehmen hingehörte. Jeder hatte seine Funktion, d.h. er wusste, was zu tun war und lebte damit in Sicherheit. Der Arbeiter konnte auf eine Perspektive im Arbeitsleben in der Regel hoffen, könnte im Stufenprinzip der Pyramide unten verharren oder aufsteigen, konnte aber nicht absteigen und vor allem war es unmöglich, wahrscheinlich gar undenkbar auszusteigen.
Dieser „alte Kapitalismus“ hatte Auswirkungen auf den Zeitgeist, so Sennet: In diesem „sozialen Kapitalismus“ stand die Zeit im Mittelpunkt. 5 Die Zeit war planbar, langfristig vorhersagbar. Die beschriebene Bürokratie, die Pyramidenstruktur der Mitarbeiter im Unternehmen hatte „Auswirkungen auf den Einzelnen“ 6 , sagt Sennet. Der Einzelne konnte sein Leben „als Geschichte begreifen“, als „Norm“, als „Ordnung“ 7 , als eben gesichert durch den Arbeitsplatz. Die Arbeit verschaffte Sicherheit, der Arbeitsmarkt kontrollierte den Zeitgeist, der Sicherheit und Ordnung als Wert herausstellte. Das Unternehmen verschaffte der Gesellschaft Sicherheit und damit eine „klare und stabile Identität, die für das Selbstgefühl der Beschäftigten“ 8 für Bedeutung war. Der Kapitalismus hatte daher Macht auf die Beschäftigten, die Arbeit und Sicherheit als Wert in der Gesellschaft anerkannten. Sennet zitiert Durkheim, der betont, dass der Arbeitsmarkt und damit der Kapitalismus einen „immensen Wert“ für die Menschen hatte. Arbeit führte zu „Ansehen in der Familie und in der Gemeinde“, v.a. für Männer. 9 Er sagt aber auch, dass sich heute „die Situation verändert“, der „neue Kapitalismus“ sei in die Gesellschaft getreten; Der neue Kapitalismus, der
3 ebd: S. 8
4 ebd.: S. 22
5 ebd.: S. 24
6 ebd.: S. 24
7 ebd.
8 ebd: S. 60
9 ebd.: S. 59
Arbeit zitieren:
Udo Lihs, 2008, „Die Kultur der Gesellschaft“ und „die Kultur des neuen Kapitalismus“, München, GRIN Verlag GmbH
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