Menschen aus seiner Lebenswelt geschildert. Also zwei Aspekte des Menschlichen, allzu Menschlichen.
Eugène Ionesco zählt nach wie vor zu den meistgespieltesten französischen Theaterautoren der Gegenwart. Alfred Kubins Werk rückte im Kubin-Jahr 2009 wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, während der rumänische Dichter Gellu Naum inzwischen in Europa eine Art Wiederentdeckung erlebt. Diesen drei Künstlern wurde ein Forschungsprojekt gewidmet, das sich in theaterpraktischer und -theoretischer Auseinandersetzung mit den literarischen Stoffen beschäftigte und einen tieferen Einblick in die Welt der drei Ausnahmeschriftsteller vermitteln sollte. Dabei soll in dieser Erläuterung weniger auf mögliche und praktizierte Inszenierungsformen der drei ausgewählten Stücke eingegangen werden als auf deren Inhalt und Aufbau in literarischer Hinsicht. Die Inszenierung sowie Bearbeitungen und Veränderungen an den ursprünglichen Texten entspringen stets dem subjektiven Bedürfnis der Mitteilung des jeweiligen Regisseurs bzw. Schauspielers; hier soll allerdings an die Grundaussage und Mitteilung der Autoren unmittelbar angeknüpft werden, die dem Regisseur und Schauspieler auch dazu dienen können, sich inspirieren zu lassen und seine eigene Sicht der Dinge mit der Grundbotschaft des Stückes zu vereinen, sich dieser entgegenzustellen oder eine andere Antwort auf die Fragen des Lebens, die ein Drama aufreißt, zu geben. Hier soll analysiert werden, was aus Sicht eines Theaterschaffenden das Werk der drei Autoren so interessant macht, besonders in Hinsicht auf ihre Behandlung des Okkult-Sakralen und des Rebellisch-Profanen. Die Autoren und ihre Zeit
Die drei Autoren stellen sich bei näherer Betrachtung als echte „Kinder ihrer Zeit“ heraus, allerdings nicht unter dem Gesichtspunkt des braven und angepassten Bürgers, sondern als kritische Beobachter und Kommentatoren des Zeitgeschehens - auf eigenwillige Art und Weise. Begonnen sei hier mit dem frühesten Vertreter, dem großen Zeichner Alfred Kubin.
Kubin wurde 1877 in Böhmen geboren, bevor die Familie nach Österreich zog. Schon früh machten dem Jungen depressive Zustände und sein Hang zum Pessimismus zu schaffen, gipfelnd in einem glücklicherweise nicht erfolgreichen Selbstmordversuch am Grab der früh verstorbenen Mutter. Den pessimistischen Zug, den auch sein Werk tragen sollte, legte er nie ab, auch nicht, als er schließlich in der Freizeitbeschäftigung des Zeichnens seinen Bestimmung erkannte. Ab 1898 nahm er an mehreren Schulen Kunststudien auf, um diese bald darauf abzubrechen und sich nach mehreren ausgedehnten Reisen als freischaffender Künstler niederzulassen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er vorrangig mit der Buchillustration. Er zeichnete unter anderem für die Werke Poes, Dostojewskis und E.T.A. Hoffmanns, die ihm auch selbst als Inspirationsquelle dienten; seine Weltanschauung wurde zudem geprägt durch die frühe Lektüre von Schopenhauer und Nietzsche. Bis zu seinem Tod 1959 entwickelte Kubin seinen Zeichenstil konsequent, gleichbleibend war dabei sein Hang zum Phantastischen, Dämonischen und Übernatürlichen, von der rauschhaft-ungezügelten Frühphase bis
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hin zum ausgeklügelten und selbstbeherrschteren Spiel mit der Tusche in seiner späteren, als „surrealistisch“ bezeichneten Periode (Kubin selbst lieferte jedoch die Inspiration für die Künstler des Surrealismus). 1909 wurde der Roman „Die andere Seite“ mit eigenen Illustrationen von Kubin veröffentlicht - das einzige Buch des Zeichners war im Rahmen einer „Malblockade“ entstanden. Im Jahr darauf gründete er zusammen mit Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und weiteren bedeutenden Künstlern die „Neue Künstlervereinigung München“ - den Vorläufer des „Blauen Reiters“ - und trug somit zur Prägung des Expressionismus als Stilrichtung bei. Durch seine Beschäftigung mit Tod, Traum und Phantastischem inspirierte er nachfolgende Künstlergruppen, unter anderem die surrealistische Bewegung und Literaten des Horror-Genres (H.P. Lovecraft), außergewöhnliche Talente wie Franz Kafka und den stilverwandten Gustav Meyrink. Mit diesem teilte er nicht nur die Vorliebe für das Übernatürliche und den Hang zu Spiritismus und Esoterik (beide konvertierten zum Buddhismus) - die Tendenzen in Kubins gesamtem Werk und seinem Roman scheinen eine besondere Erscheinung der Zeit gewesen zu sein, der sich Künstler wie Meyrink, der frühe Kafka und andere anschlossen. Schon bevor der erste Weltkrieg schwere Narben auf der Seele eines empfindsamen Künstlers hinterlassen konnte, schien etwas in der Luft zu liegen; eine Aura von Verfall, Todesahnung, Endzeit. Eventuell eine Nachhauch des Fin-de-Siecle, jener Epoche zwischen Dekadenz und Fortschrittsbeflügelung, oder ein Vorgeschmack auf die schrecklichsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts, weshalb man Kubin oft teils „prophetische“ Begabung zumaß. Was es auch war: er hat es auf beunruhigende Weise eingefangen und der Nachwelt übermittelt. Eugène Ionesco wurde 1909 in Rumänien geboren und zog mit der Familie im Alter von vier Jahren nach Paris. Erst als 24-Jähriger später kehrte er wieder zu dem von der Familie getrennten Vater in sein Geburtsland zurück, in dem er allerdings erst wie ein Fremder Sprache und Kultur erlernen musste. Hier begann er sein Französischstudium an der Universität Bukarest und unterrichtete dieses Fach danach an verschiedenen Schulen, während er sich inzwischen auch einen Namen als Journalist und Literaturkritiker gemacht hatte. Nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs wechselten Ionesco und seine Frau mehrmals den Wohnort zwischen Rumänien und Frankreich, um der großen Katastrophe zu entgehen. Dieser Krieg hinterließ kollektive Narben, so auch bei Ionesco. In Anbetracht der Gräuel, die Menschen einander anzutun fähig waren, schien es unmöglich, einen Ausdruck für die menschliche Existenz, die sich also völlig unethisch erwiesen hatte, zu finden. Durch die Absurdität dieses Krieges wurde auch die Kunst ins Absurde gezwungen. 1950 wurde das erste Stück des inzwischen offiziell französischen Bürgers, „Die kahle Sängerin“ uraufgeführt und von der Kritik äußerst positiv aufgenommen - der Erfolg beim Publikum, das diese Form des Theaters nicht gewohnt war, sollte sich erst später einstellen. Es folgten Stücke wie „Die Unterrichtsstunde“, „Die Stühle“ und „Opfer der Pflicht“, mit denen sich Ionesco als absurd-witziger Dramatiker etablierte. 1957 erschien seine erstes Stück mit eindeutig politischer Tendenz, „Die Nashörner“, was für großen Aufruhr sorgte; danach begann Ionesco allerdings, sich in seinem Werk vermehrt kritisch zu Politik und Zeitgeschehen zu
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äußern. Seit den 70er Jahren zählte er zu den bedeutendsten Dramatikern Europas, es entstanden laufend neue Stücke und 1973 auch der Roman „Der Einzelgäner“, dessen Stoff Ionesco noch im Erscheinungsjahr im Stück „Welch gigantischer Schwindel!“ wieder aufgriff . Seine Arbeit in den 80er Jahren wurde vor allem durch depressive Erkrankungen beeinträchtigt, denen er sich durch die Malerei zu entwinden versuchte. Ionesco starb 1994 in Paris.
Gellu Naum wurde 1915 in Bukarest geboren. Zwischen 1933 und 1937 studierte er an der Universität Bukarest Philosophie. Ein Jahr später ging er nach Paris, um sein Studium an der Sorbonne weiterzuführen - und wurde dort vom Strom des aufkeimenden Surrealismus mitgerissen, zunächst als Mitglied der legendären Gruppe um André Breton, später als Gründer des „Kreis der Surrealisten Rumäniens“. Durch seine Fronterfahrungen im 2. Weltkrieg schwer gezeichnet, fand Naum hier einen Weg, seine Erlebnisse in der Dichtung zu verarbeiten. Nachdem sich jedoch Ende 1947 das kommunistische Regime entgültig etabliert hatte, wurde der „sozialistische Realismus“ als einzige Form des künstlerischen Ausdrucks staatlich geduldet, was Naum in eine künstlerische innere Emigration zwang. In Zeiten der Unterdrückung der künstlerischen und persönlichen Freiheit unterrichtete er stattdessen Philosophie und verdiente später auch seinen Lebensunterhalt mit Übersetzungen der Werke Kafkas, Diderots, Dumas´ und Becketts, einem Vorreiter des absurden Theaters; zudem schrieb er Kinderbücher. Nach 1968 wurde ihm die Publikation von Gedichten wieder gestattet, und so konnte sich die über zwei Jahrzehnte angestaute Kreativität wieder frei entfalten. Es folgten Gedichtbände wie „Athanor“ (1968) und „Mein müder Vater“ (1972). Einer surrealistischen Arbeitsweise blieb er dabei weiterhin treu; so verwendete er zum Beispiel die von den Surrealisten entwickelte Technik der „écriture automatique“, des automatischen Schreibens ohne Zensur spontan geistiger und seelischer Eingebungen. Gellu Naum zeigte ein lebhaftes Interesse an Mythologie, Psychologie und Folklore, die er in den abgelegenen Dörfern Rumäniens hautnah studieren konnte. Dieses Interesse für das „Ur-Menschliche“ und seine persönliche Lebensgeschichte beeinflussten sein Werk stark. Dieser Linie blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 2001 treu. Expressionismus, Surrealismus und absurdes Theater
Der Expressionismus, eine der radikalsten Gegenbewegungen zum Naturalismus des späten 19. Jahr-hunderts, sah seinen Schwerpunk im künstlerischen Ausdruck, d.h. die eigenen Empfindungen sollten unverfälscht und direkt zum Ausdruck gebracht werden. Wie Ernst Ludwig Kirchner im Manifest zur Gründung der „Brücke“ festhielt: „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“
Somit stützten sich die Künstler nicht auf die authentische Wiedergabe der Realität, sondern auf das Empfinden als alleinigen Filter, wie es bereits im 19. Jahrhundert die Symbolisten getan hatten. Dabei beschäftigte man sich vor allem mit normalerweise als unangenehm empfundenen Themen wie Krieg, Zerfall, dem Verlust der Persönlichkeit und apokalyptischen Vorstellungen. Die Schattenseiten der
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menschlichen Psyche wie Wahnsinn und Angst wurden für die Expressionisten interessant, eine „Ästhetik des Hässlichen“ wurde proklamiert. Kubin fügt sich in diese Bewegung ein, die spätere Gruppierungen wie den Surrealismus beeinflussen sollte.
Der eigentliche Gründer der surrealistischen Bewegung, André Breton, veröffentlichte 1924 sein erstes „Surrealistisches Manifest“, in dem er auch den Begriff der Bewegung etablierte: „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität.“
Besonders der Schriftsteller Lautréamont diente der Gruppe als Vorbild. Bereits 1896 formulierte er in seinen „Gesängen des Maldoror“ surrealistisch anmutende Dichtungen, in denen die Gegenüberstellung scheinbar unvereinbarer Dinge eine neue Form bildete: „Er ist schön (...) wie die zufällige Begegnung eines Regenschirms mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch.“ Der Surrealismus war jedoch im Gegensatz zum Symbolismus des Lautréamont ebenso wie Expressionismus, Dadaismus und Futurismus ein Resultat des Schocks des ersten Weltkriegs und der damit einhergehenden politischen und ethischen Veränderungen. Nun stellte man auf noch radikalere Weise eine nicht-rationale, die Gefühle betonende Welt in den Vordergrund. Wichtig war, dass hier auch die „unschönen“, beunruhigenden und oftmals versteckten Gefühle des Menschen ans Tageslicht geholt und verarbeitet wurden. Durch die revolutionären Forschungen von Sigmund Freud und die Veröffentlichung seiner „Traumdeutung“ sah man sich in dieser Methode der Betrachtung des Menschen als Individuum bestätigt. Aus verschiedenen Gründen kam es im Laufe der Zeit immer wieder zu (auch politisch motivierten) Spannungen innerhalb der surrealistischen Gruppe um Breton, die ihre Aktivitäten letztlich zum Erlahmen brachten. Trotz einer Wiederbelebung während der französischen Resistance geriet die Bewegung nach Ende des zweiten Weltkriegs fast in Vergessenheit. Der Einfluss blieb aber auch nach dem Ende der eigentlichen Blütezeit erhalten, vor allem in der zeitgenössischen Kunst und Literatur.
Der Zweite Weltkrieg stellte den größten Bruch im gesellschaftlichen und künstlerischen Verständnis des 20. Jahrhunderts da. Die Schrecken des ausgestandenen Ersten Weltkrieges wurden durch die Eindrücke der Zerstörung, des Massensterbens auf den Schlachtfeldern sowie die maschinell anmutende, geplante Vernichtung von Millionen Menschenleben unter dem nationalsozialistischen und dem kommunistischen Regime übertroffen. Im Angesicht der Gräuel, zu denen der Mensch fähig war, schien es keine vernünftige Erklärung oder philosophische Hilfestellung zu geben. Daher suchte man die Antwort im Absurden.
Das absurde Theater, dessen Grundzüge bereits in den Werken von Alfred Jarry, Jean Cocteau und zu erkennen waren, dort aber eher den Charakter eines Experiments hatten, entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Frankreich. Zu den wichtigsten Vertretern zählten hier Eugene Ionesco, Samuel Beckett und Jean Genet. Hauptmerkmal war die Verwendung der Absurdität als Absicht und Ziel - die Handlungen und die Sprache liefen ins Leere, es ergaben sich keine Lehren oder Ideen, die die Figuren aus ihrer Situation retten konnten. Die gesamte Existenz wurde aufgrund
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Arbeit zitieren:
Isabella Nassauer, 2010, Das Okkult-Sakrale und das Rebellisch-Profane bei Gellu Naum, Eugène Ionesco und Alfred Kubin, München, GRIN Verlag GmbH
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J Lewis
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