Um allerdings die Überlegungen Ludwigs - und damit Frankreichs - zu verstehen,
benötigen wir einen Überblick über die Ereignisse des 17. Jhdts. Als im Jahre
1648 mit dem Westfälischen Frieden der Dreißigjährige Krieg beendet wurde, war
Ludwig nominell schon König. Erst neun Jahre alt, stand der Beginn seiner
Herrschaft unter einem guten Stern: mit dem Sieg des jungen Duc d’Enghien, des
Cousins Ludwigs und späteren Prince de Condé, 1643 über die Spanier in der
Schlacht von Rocroi war das Zeitalter der spanischen Hegemonie in Europa
beendet. Nach Rocroi wuchs Frankreich zur bestimmenden Macht Europas heran.
Allerdings wurden die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Königreichen
weiterhin fortgesetzt. Erst 1659 wurde der sogenannte Pyrenäenvertrag
unterzeichnet, und der Frieden zwischen beiden Nationen wieder hergestellt. In
diesem Vertrag wurde, zur Festigung des Friedens, die Heirat Ludwigs mit der
spanischen Infantin, Maria Theresa, der Tochter König Philips IV. beschlossen;
die Braut sollte im folgenden Jahr, bei einem Treffen der beiden Könige
übergeben werden. (Dia I - L'Entrevue)
Die dargestellte Zusammenkunft fand im Juni 1660 auf der Fasaneninsel, inmitten
des spanisch-französischen Grenzflusses Bidassoa, statt, und zeigt den Moment in
dem beide Könige aufeinander zuschreiten und sich gegenseitig die Reverenz
erweisen.
Es fällt auf, daß Ludwig in dieser Darstellung alle anderen überragt; sein Gruß
wirkt wie ein Herabbeugen. Philip IV befindet sich einen Fuß näher an der klar zu
erkennenden Bildmitte als Ludwig, übertritt sie sogar, indem er den Hut
vorstreckt. Durch den gewählten Betrachterstandpunkt, etwas rechts der Mitte, und
die folgende Verschiebung der Fensterspiegelung, entsteht der Eindruck, daß
Philip die Raummitte druchschreitet, und vor Ludwig zum Stehen kommt, der ihn
in der französischen Hälfte erwartet. Beide Raumhälften sind im übrigen, durch
die bunten Gewänder und Teppiche, klar voneinander getrennt.
Hier sieht man zum ersten Mal, was fortan ein Leitmotiv der französischen
Hofkunst, genauso wie der französischen Politik darstellt: der Vorrang der
französischen Krone, insbesondere des französischen Königs, vor allen anderen
Fürsten.
In diesem Zusammenhang ist ein Zwischenfall der sich im November 1661 in
London ereignete, besonders interessant - dazu bitte das nächste (Dia II -L'audience de fuentes). Die spanischen und französischen Botschafter am
englischen Hof waren beide beim Einzug eines schwedischen Sonderbotschafters
anwesend: da keine der beiden Parteien der anderen den Vortritt lassen wollte,
kam es zu einem Handgemenge, bei dem sechs Franzosen, und einige Pferde
starben. In den Nachwehen dieses Skandals kam es beinahe zum Krieg; schließlich
lenkte Philip jedoch ein, und sandte den Marquis de Fuentes mit einem
Entschuldigugnsschreiben an den französischen Hof.
Obschon weder Bildlüge, noch Geschichtsschönung, ist allein die Tatsache, daß
man diesen Zwischenfall verweigte insofern wichtig, als daß es sehr anschaulich
den ewigen Konkurrenzkampf Ludwigs mit der Habsburger Dynastie verdeutlicht,
eine Konkurrenz die sich selbstverständlich auch in der Kunst niederschlägt. Die
französische Hofkunst der 1660er Jahre hatte noch nicht die Singularität ihrer
späteren Jahre gefunden. Man orientierte sich damals auch und vor allem an
flämischen und spanischen Vorbildern. Aus der Blütezeit der spanischen Malerei,
stammt vor allem das Werk eines Mannes, den man durchaus als eines der
Vorbilder Le Bruns bezeichnen kann - Diego Velazquez. (Hinweis auf Dia I).
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang Le Bruns “La Réduction de
Marsal”. (Dia III - Marsal) Bedeutsam ist hier schon der Titel: nicht die
Belagerung von Marsal, oder Eroberung, sondern die “Réduction”, die
Unterwerfung von Marsal.
Marsal, eine lothringische Stadtfeste, stand nach einem Vertrag aus dem Jahre
1662 rechtmäßig Ludwig XIV zu. Karl IV, der Herzog von Lothringen, jedoch
verweigerte die Übergabe, und provozierte so einen Kriegszug Ludwigs. Die Stadt
wurde im August vom Maréchal de la Ferté-Senneterre eingeschlossen. Sofort im
Anschluß wurden Verhandlungen aufgenommen, und schließlich ein Vertrag
unterzeichnet, der die Übergabe Marsals vorsah. Am 3. September traf sich
Ludwig mit Herzog Karl in Metz, und brach anschließend nach Vincennes auf.
Am Tag darauf, wurde Marsal an La Ferté übergeben, die Quellen erwähnen
jedoch keine formelle Schlüsselübergabe; die dargestellte Szene ist also schlicht
erfunden. König Ludwig hat Marsal wahrscheinlich nicht einmal gesehen. Die
Frage stellt sich warum diese Szene dargestellt wird, obschon sie doch weder
heldenhaft, noch besonders aufsehenerregend wirkt. Die Arbeit an der Tapisserie
wurde 1669 begonnen, zu einer Zeit also, als der Devolutionskrieg für reichlich
anderes Material gesorgt hatte. Die Antwort liegt im Bild selbst: man sieht rechts
im Vordergrund König Ludwig mit einer Gruppe Offizieren. Ihnen nähern sich, zu
Fuß und barhäuptig, eine Gruppe von sechs Männern, von denen der vorderste
Ludwig den Schlüssel von Marsal darreicht. Die Körperhaltung des Mannes ist
unterwürfig und servil, im krassen Gegensatz zur majestätischen Erscheinung
Ludwigs, der herrschaftlich hoch zu Roß sitzt.
Die Darstellung erinnert an ein großes Werk des Spaniers, Velazquez: nämlich die
“Übergabe von Breda” (Dia IV - Breda) Le Bruns Gobelin ist wohl als bewußte
Anlehnung hieran zu verstehen.
Das Gemälde, im spanischen Sprachgebrauch weithin bekannt als Las
Lanzas,.entstand 1634/35, und hatte seinen Platz im Saal der Königreiche im
“Buen Retiro” Palast in Madrid. Da dieser Saal für Audienzen ausgelegt war, wird
das Bild König Ludwig, durch seine Botschafter und Emissäre, wohl hinreichend
bekannt gewesen sein. Ebenso Le Brun. Auch bei Las Lanzas wird eine
Schlüsselübergabe dargestellt, nämlich die Übergabe der flandrischen Stadt Breda
an den spanischen Befehlshaber Spinola. (Dia V - Ausschnitt).
Arbeit zitieren:
Christian Rollinger, 2003, Le Brun und die Tenture de l'histoire du Roy, München, GRIN Verlag GmbH
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