Inhalt
Ausgangspunkt 4
Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
1. 1 Bless: Pelzperücke 7
1.2 Fabrics interseason: Collection constructed normality modern nerves 13
1.3 Front Design: Sketch Furniture 18
1.4 5.5 designers: Second Life 23
Fazit I 28
Teil 2: Cultural Hacking: Eine geeignete Erklärung?
Der Begriff und seine Herleitung 30
Die Betrachtungsperspektive 34
Die Absicht 35
Cultural Hacking: Eine Kritik 39
Fazit II 41
Teil 3: Kunst und Design versus Cultural Hacking
Marcel Duchamp: Pionier des Cultural Hackings? 43
Der Flaschentrockner 43
Marcel Duchamps Kunst- und Lebensphilosophie 47
Fazit III 51
Droog Design - Alternative Designansätze 53
Vergleichende Betrachtung 54
Schlussbetrachtung 58
Anhang
Literatur - Quellennachweis 60
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Ausgangspunkt
Die Grenzen zwischen Kunst und Design lösen sich auf, die Aufgabenfelder werden neu defi niert: Was ist Kunst, was ist Design? Wer ist Künstler, wer ist Designer? Kann Design Kunst sein? Können Künstler Designer sein? Und welche Rolle haben die Konsumenten? - Fragen, auf die auch die meisten Künstler und Designer keine eindeutigen Antworten wissen.
Noch zu Zeiten des Funktionalismus waren die Rollen klar verteilt: Künstler arbeiteten daran, die Wahrheit hinter den Dingen in ihren Werken dem Betrachter zur Anschauung zu bringen, zweckfrei und ohne Rücksicht auf die Wirkung. Die Designer übernahmen dagegen - im Sinne von angewandter Kunst- die Erklärung der konkreten Welt, indem sie sich um die Gestaltung von Produkten kümmerten, die zur Benutzung bestimmt waren. Der Gebrauch und die Funktion bestimmten dabei entscheidend Ästhetik und Gestaltung. Noch heute defi niert Meyers Taschenlexikon Design als „Entwurf bzw. Gestaltgebung eines Gebrauchsgegenstandes (einschließlich Farbgebung); insbesondere die moderne, zweckmäßige, funktionalschöne Formgebung industrieller Produkte.“ 1 Im Lexikon Internationales Design heißt es: „Der Begriff bezeichnet die Gestaltung von Gegenständen aller Art nach den Kriterien von Funktionalität, z.B. Ergonomie und Ästhetik. Nicht zuletzt in Hinblick auf die Marktchancen eines Produktes zielt der Designer auf eine möglichst optimale Verschmelzung beider Kategorien.“ 2 Oder Das Neue Duden-Lexikon Design schreibt: „Entwurfsskizze für ein Industrieprodukt. Das Design soll zugleich funktional richtig und ästhetisch schön sein.“ 3
Und heute? In einer Zeit, in der Komplexität und Unübersichtlichkeit zunehmen und viele gesellschaftliche Übereinkünfte verloren gegangen sind, suchen Menschen nach Antworten auf diese Herausforderungen, nach neuen Sicherheiten und Orientierungspunkten. Wo der Einsatz von digitaler Datenverarbeitung und Mikroelektronik dazu führt, dass das Funktionieren der Dinge immer weniger begreifbar ist, kommt auch Design eine neue Aufgabe zu. Die Verschmelzung und
Meyers Taschen Lexikon. Hg. von Meyers Lexikonredaktion. Bd. 3, Ausgabe in 12 Bd.. Mannheim/Leipzig/Wien/ 1
Zürich 1996, S. 696.
Lexikon Internationales Design. Hg. von Thomas Heider/ Markus Stegmann/ René Zey, Hamburg 1994,S. 88f. 2
Das neue Duden-Lexikon. Hg. von Meyers Lexikonredaktion. Bd. 2, Ausgabe in 10 Bd.. Mannheim/Wien/Zürich 3
1991, S. 759.
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Optimierung von Funktionalität und Ästhetik als Arbeitsauftrag an den Designer greift unter den aktuellen Vorzeichen zu kurz, denn die einstmals originären Nutzungsanforderungen an Produkte haben sich unter den Bedingungen der fortlaufenden Individualisierung, Globalisierung und Digitalisierung der Umwelt in den letzten Jahren grundlegend verändert. Die Selbstdefi nition über Produkte und Marken hat alle Bereiche der unmittelbaren Lebensgestaltung - u.a. Mode, Wohnen, Kochen, Freizeit und Sport - ergriffen. Gleichzeitig steht jedem jederzeit eine wachsende Anzahl von Produkten zur Verfügung. Immer öfter gilt: the design is the message.
Designer reagieren auf die neuen Herausforderungen allerdings unterschiedlich. Einige widmen sich der Optimierung der Nutzerfreundlichkeit von Produkten oder geben sich dem Spiel der Möglichkeiten hin, immer auf der Suche nach neuen Verführungsideen. Andere versuchen, sich kritisch mit den Folgen der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander zu setzen, indem sie Gebrauchsgegenstände mit einem eigenen ideellen Wert, einem Sinn jenseits von Funktionalität und Brauchbarkeit ausstatten. Im gleichen Maße wie diese Ebene an Bedeutung gewinnt, treten Aspekte der funktional-schönen Formgebung in den Hintergrund. Produkte sind dabei nicht so sehr einem Gestaltungsprozess unterworfen, sondern werden zu Gegenständen künstlerischer Untersuchungs-anordnungen, die den Nährboden neuer Designideen darstellen. Projekte dieser Art bilden den Ausgangspunkt meiner Arbeit. Sie sind in ihrer äußeren Erscheinung indifferent und lassen sich zumeist nicht mehr eindeutig der Gattung Design oder Kunst zuordnen. An vier aktuellen Arbeiten aus Mode- und Produktdesign - im Weiteren Phänomene genannt - sollen die neuen Designansätze und ihre Wirkungsweise aufgezeigt werden. Dabei wird insbesondere untersucht, wie Design im Wechselspiel moderne Entwicklungen aufnimmt bzw. selbst beeinfl usst. Inwiefern sich dadurch das Verhältnis von Design und Kunst verändert, soll u.a. anhand der künstlerischen Refl ektionen zum Thema Brauchen und Gebrauchen untersucht werden, die bei vielen Avantgarde-Designern heute unverzichtbarer Bestandteil ihrer Arbeiten sind.
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Im Einzelnen geht die Bestandsanalyse der vier Fallbeispiele folgenden Fragen nach:
- Mit welchen Mitteln wird der Designbegriff gebrochen, verändert und erweitert?
- Welche neuen Wirkungen entstehen daraus? - Ist Design unter den jeweils beschriebenen Bedingungen noch zu gebrauchen und zu verkaufen?
- Welchen individuellen Gewinn hält die neue Ästhetik für den Nutzer und Betrachter bereit?
Diese Phänomene werden in Beziehung gesetzt zu den Ready-mades von Marcel Duchamp, einem der Wegbereiter der künstlerisch-konzeptionellen Verbindungen von Kunst und Design. Sein Werk, das eng mit seiner Kunst- und Lebensphilosophie verknüpft ist, wird vorgestellt und am Beispiel des Designernetzwerks Droog werden Verbindungslinien zur kritischen, subversiven Arbeit der aktuellen Design-Avantgarde aufgezeigt.
Während diese dabei ist, die Grenzen und Möglichkeiten von Design neu auszuloten, haben Marketingexperten seit längerem das wirtschaftlich nutzbare Kreativ-Potenzial der kritischen Kunst- und Designbewegung erkannt. Mit Hilfe der Strategie des Cultural Hacking versuchen sie, neue Ideen zu akquirieren und für das eigene Unternehmen nutzbar zu machen. In einem Exkurs, basierend auf der Essaysammlung „Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns“ 4 , werden Voraussetzungen, Vorgehensweisen und Chancen dieser Strategie beschrieben und bewertet. Damit ist das Spannungsfeld skizziert, in dem sich zukunftsweisendes Design entwickeln muss.
Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns. Hg. von Franz Liebl, Thomas Düllo. Wien/New York 2005. 4
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Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
1.1 BLESS: Pelzperücke 1.1 BLESS: Pelzperücke
Abb. 1: BLESS: Pelzperücke, 1996. Aus dem Internet unter: URL: http:www.bless-service.de
(previous products - abgerufen am 23. Juli 2007)
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Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
Das Label BLESS aus Berlin entwirft 1996 Kopfschmuck aus edlem Tierfell, dessen Musterung an einen Dachspelz erinnert. Die kunstvoll gearbeitete Kopfbedeckung aus Tierhaaren ist dem Kopf des Trägers in der Art einer Perücke angepasst und wird dadurch Teil seines Körpers. Sie bestimmt und verändert die Außenwirkung des Trägers entscheidend.
Der Betrachter kann sich den fremden, animalischen Reizen, die damit verbunden sind, kaum entziehen. Der Träger selbst wird, ungeachtet seines sonstigen Outfi ts, zumindest für den Bruchteil einer Sekunde, zum Tier. Gleichzeitig werden Erinnerungen wach an die Vokuhila-Frisur der 80er Jahre, in denen Männer kurze Haare vorn mit langer Nackenpartie hinten trugen. 5 Durch die unterschiedlichen Assoziationen stark irritiert, ist sich der Betrachter nicht sicher, ob es sich bei dem Kopfschmuck um ein modisches Accessoire, eine Perücke oder die ironische Imitation einer Frisur handelt, die man schon fast vergessen hatte. Modisches Accessoire? Im Rahmen des Modedesigns werden Accessoires in der Regel auf die Grundgarderobe, z.B. Anzug oder Mantel, abgestimmt, sie werden beliebig getauscht, kombiniert und der jeweiligen Stimmung angepasst. Sie ergänzen andere Produkte und dienen dem Gesamteindruck. Die Pelzperücke hingegen behauptet ihren eigenen Wert und ihre eigene Bedeutung. Sie bleibt autonom und bestimmt fast unabhängig von anderen Utensilien den Gesamteindruck des Trägers. Ihre Besonderheit und Exklusivität wird noch dadurch unterstrichen, dass die Pelzperücke in limitierter Edition handwerklich gearbeitet wurde, also keine Massenware des Designs ist.
Perücke? In der Regel besteht der Zweck einer Perücke in der Imitation oder Optimierung der natürlich gewachsenen Haare des Menschen durch Natur- oder Kunsthaar. Der von Bless entworfene Kopfschmuck ersetzt jedoch das eigene Haar durch feines Tierhaar, das als solches erkannt wird, auch wenn sich Tier-und Menschenhaar in diesem Fall stark ähneln. Animalisch, fein und geistreich, sind Assoziationen, die sich dem Betrachter aufdrängen. Nicht Imitation und
Zu ihren Trägern gehörten George Michael, MacGyver und Dieter Bohlen, später Profi -Fußballspieler und ihre George Michael, MacGyver und Dieter Bohlen, später Profi -Fußballspieler und ihre George Michael, MacGyver 5
Fans. Aus einer begrenzten Erscheinung entwickelte sich durch die weltweite Verbreitung von Fußball
(Vgl. Wikipedia - abgerufen am 21. Juni 2007)
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Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
Verbergen sind also der Zweck dieser Kopfbedeckung, sondern die Behauptung des Andersartigen, des Fremden.
Pelzperücke! Weder handelt es sich - trotz aller Künstlichkeit - bei dem vorliegenden Kopfschmuck um ein ausschließlich modisches Accessoire, das auf die restliche Garderobe abgestimmt wird, noch erfüllt der Haarschmuck den üblichen Zweck einer Perücke, das eigene Haar zu imitieren oder zu optimieren. Tatsächlich wird die Pelzperücke neuer Teil des Körpers des Trägers, beginnt mit dessen Persönlichkeit zu verschmelzen und diese zu verändern. Damit verlässt der Designer sein angestammtes Terrain der Mode bzw. der Gebrauchsgegenstände. Stattdessen begibt er sich in den Bereich der Anthropologie 6 und erforscht die Wirkung und Magie seiner neuen Körperteile, lotet die Grenzen zwischen Mensch und Tier neu aus. Dazu besinnt sich Bless auf Verhaltensweisen, Bräuche und Rituale unserer Vorfahren. Schon für Menschen in der Jüngeren Altsteinzeit besaßen Tierfelle nicht nur wegen ihrer Schutzfunktion gegen Kälte einen hohen Wert. Man schrieb den Tierfellen Kräfte zu, die auf menschliche Träger übergehen konnten. Die Erbeutung bestimmter Felle hob deshalb das soziale Ansehen der Jäger, die die Felle trugen, um so ihre Jagderfolge zur Schau zu stellen. Ihren Glaubensvorstellungen zufolge, gehen die symbolische Kraft und der Geist des getöteten Tieres vom Fell auf den Träger über. Zu jeder Zeit wurden Pelze deshalb als Statussymbole für Privilegierte verwendet. Im ägyptischen Altertum stellte zum Beispiel ein um den Körper gelegtes Leopardenfell mit Kopf und Klauen die Zeremonientracht hoher Würdenträger dar. In griechisch-archaischer Zeit galt das Fell des Nemeischen Löwen von Herakles als undurchdringlich und war deshalb ein besonderer Ausdruck seiner Stärke. Aus diesem Grund zeigten sich Herrscher und Feldherren bis ins 18. Jahrhundert hinein mit dem Fell des Löwen. 7 Diese Gedanken nimmt Bless auf und interpretiert sie mit der Pelzperücke neu. Der Träger der Pelzperücke verzichtet auf die soziale
Anthropologie (von griechisch: ánthropos Mensch und lógos Lehre), ist frei übersetzt die Wissenschaft vom 6
Menschen. Die einzelnen Disziplinen zusammenfassend wird unter diesem Oberbegriff die wissenschaftliche
Erklärung dessen verstanden, was der Mensch ist. Charakteristisch für die Anthropologie ist ihre (auf I. Kant
zurückgehende) Spaltung in einen materialistisch-physischen Zweig und einen idealistisch-pragmatischen
Zweig: die Naturwissenschaften beschreiben den Menschen aus der Evolutionstheorie heraus als ein zwar
hoch entwickeltes, sich aber nur quantitativ vom Tier unterscheidendes Wesen, während die Geisteswissenschaften
in der Freiheit der Entscheidung und der Selbstbestimmung, d.h. in der Personalität, das spezifi sch menschliche
Wesen entdecken, welches sich qualitativ vom Tier unterscheidet. In Deutschland wird unter dem Universitätsfach
Anthropologie im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern ausschließlich die biologische oder physische
Anthropologie verstanden. (Vgl. wikipedia - abegerufen am 21. Juni 2007)
Vgl. Mode und Kostüm Lexikon. Hg. von Ingrid Loschek. Stuttgart 1994, S. 372. 7
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Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
und erotische Funktion
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seiner eigenen Haare, die ein einzigartiges Merkmal jedes
Menschen darstellen. Denn für gewöhnlich gilt die eigene Frisur als ein Zeichen der Individualität und als Ausdruck der kulturellen und gesellschaftlichen Identität. Die Ästhetik und die Symbolik des Tierfells verändert die persönliche Identität des Trägers. Da eine Frisur und keine modische Form aus Pelz den direkten Bezug zum Körper des Menschen herstellt, vermischt sich scheinbar die Identität des Menschen mit der des Tieres. Die
Pelzperücke
hebt so die eindeutige Trennung von Mensch und Tier auf und stellt damit in gewisser Weise das naturwissenschaftliche Weltbild spielerisch in Frage. Denn traditionell grenzt sich der Mensch bewusst vom Tier ab, da er sich selbst als ein dem Tier übergeordnetes Lebewesen versteht. Ferner bewirkt die Unisexform
9
der Pelzperücke eine Aufl ösung der unmissverständlichen
geschlechtlichen Bestimmung des Trägers, so dass im übertragenen Sinne sein geistiger Charakter betont wird. Paradoxerweise gewinnt die Pelzperücke gerade aus der Provokation ihre besondere Kraft. Dazu trägt vor allem die doppeldeutige Wirkung des Tierfells bei. Einerseits provoziert das inkorrekte Verhalten echten Pelz zu tragen, andererseits treten die Identität des Menschen und des Tiers mittels der Pelzperücke scheinbar widerspruchsfrei miteinander in Verbindung. Dieser Aspekt bewirkt, dass sich ihr Träger auf ironische Weise in eine Reihe mit den martialischen Praktiken aus der Steinzeit stellt. Die Pelzperücke signalisiert deshalb einen höchst ambivalenten Selbstausdruck, der als besondere Stärke auf den Träger und seine Umwelt weitergegeben wird. Diese Aussagen werden auf einer anderen Ebene selbstbewusst und ironisch gebrochen, indem Assoziationen zu den Vokuhila-Frisuren der 80er Jahre zugelassen und gefördert werden. BLESS revolutioniert mit der Pelzperücke, die ganz auf die Ähnlichkeit von Pelz und Menschenhaar setzt, die Vokuhila-Frisur und erlöst diese durch Veredelung von ihrem Proll-Image. Wer eine derart gewandelte Vokuhila-Frisur im neuen Jahrtausend trägt, bekundet seine Coolness gegenüber der Außenwelt. Genau wie früher die Schamanen mit der Welt des Geistes steht der Träger dieser Pelzperücke mit den Codes der Mode in Verbindung.
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Die Pelzperücke kann sowohl von Männern als auch von Frauen getragen werden. Vergleichbar mit der 9
kultischen Bedeutung der Schamanenkappe, die die Verbindung ihres Trägers mit der Welt des Geistes ausdrückt.
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Ihr Träger identifi ziert sich einerseits mit der Vokuhila-Frisur, andererseits distanziert er sich durch die Verwendung einer jederzeit abnehmbaren Perücke von ihr. Mit Hilfe der Pelzperücke können sich ihre Träger neue Identitäten schaffen und diese jederzeit verändern. In diesem Zusammenhang verkörpert die Pelzperücke eine höchst individuelle und intellektuelle Variante einer viel geschmähten Angeberfrisur. Jedenfalls verleiht die Pelzperücke - jenseits jeder Ausgangssituation - jedem Kopf einen eigenwilligen Charakter, so dass ihr Einsatz zu einer Aufwertung der Perücke schlechthin beitragen könnte, die i.d.R. von vielen eher aus Not, möglichst unentdeckt und schamhaft getragen wird.
Neben der Pelzperücke umfasst das Repertoire von BLESS Bekleidung für Stühle, Stiefelsocken, eine Hängemattencouch und ein Portemonnaie für die Ohren. Das Neue: Produkte von BLESS werden gleichermaßen auf internationalen Modenschauen, in Galerien und auf Kunstveranstaltungen präsentiert. Denn die scheinbar unorthodoxe Mission lautet: „BLESS is a project that presents ideal and artistic values by products to the public.” 10 Mit diesem Standpunkt widersetzt sich BLESS der traditionellen Vorstellung von Design als Mittel zum Realisieren eines funktionalen Zweckes. Es geht stattdessen um das Sichtbarmachen von Unterschieden und Bedeutungen, also um Kunst. So erklärt BLESS die Vermittlung dieser Botschaften auch zu dem wichtigsten Zweck der eigenen Produktgestaltung. 11 Zur Philosophie von BLESS gehört es trotzdem oder gerade deswegen nicht, Massenartikel herzustellen, sondern limitierte Editionen zu entwerfen. Das Label BLESS unterstützt mit ähnlichen Spezialprodukten die Kollektionen anderer Mode-Designer und sogar großer Marken wie Adidas, Nike und Levi´s. Den Anfang machte die Pelzperücke, als sie sich in einer Anzeige des internationalen Design-Magazins I.D. die Aufmerksamkeit des Avantgardedesigners Martin Margiela verschaffte. Zu Ruhm gelangte sie auf der Prêt-à-porter in Paris 1997/1998, als Martin Margiela sie in seiner Winterkollektion präsentierte. 12
BLESS, zit. nach: BLESS-Service: About BLESS. Nachzulesen im Internet: URL: http://www.bless-service.de 10
(abgerufen am 21. Juni 2007)
Vgl. Fashion Now: i-D selects the world’s 150 most important designers. Edited by Terry Jones & Avril Mair. 11
Taschen 2002, S. 211.
Vgl. BLESS-Service: About BLESS. Nachzulesen im Internet: URL: http://www.bless-service.de 12
(abgerufen am 21. Juni 2007)
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Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
BLESS zeigt ein neues Verständnis für Design, indem es die symbolische Bedeutung eines Gegenstandes in den Vordergrund stellt. Gegenwärtig erscheint der Gebrauch von Pelz in der Mode losgelöst von seiner ursprünglichen Symbolik, denn Naturreligionen und ihre symbolischen Formen haben kaum noch eine Bedeutung für westliche Gesellschaften, weil sie in der Regel als unaufgeklärt bzw. vormodern gelten. Deshalb grenzt sich eine normale Pelzkappe oder Pelzmütze durch ihre modische Form von den Haaren des Trägers ab, nicht zuletzt um die Trennung des Menschen vom Tier eindeutig zu markieren und die Schmuck- und Statusfunktion des Pelzes zu betonen. Die Pelzperücke dagegen knüpft an uralte Vorstellungen an, erprobt die Wirkungen neu und weist damit auf Dimensionen jenseits der reinen Funktionalität hin.
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Diplom Des. Christine Gehrke, 2007, Design trifft Kunst, München, GRIN Verlag GmbH
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