Inhalt II
Inhalt
Inhalt II
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis IV
1 Einleitung 1
2 Religionsgeographie 4
2.1 Definition der Religionsgeographie 4
2.2 Moscheen und ihre religiöse Funktion 7
2.3 Die muslimische Zuwanderung 11
2.4 Die verschiedenen Religionsgemeinschaften in Berlin 14
2.4.1 Christliche Gemeinden 15
2.4.2 Buddhistische Gemeinde 15
2.4.3 Jüdische Gemeinde 16
2.4.4 Muslimische Gemeinden 16
2.5 Die räumliche Beziehung und die Interaktion der
Religionsgemeinschaften untereinander im Berliner Raum 22
2.5.1 Räumliche Verteilung der Religionsgemeinschaften in Berlin 30
3 Warum kommt es bei einem Moscheebau zum Konflikt? -
Differenzierung des Konfliktbegriffs und die Konfliktursachen 32
3.1 Definition des Konfliktbegriffs 33
3.2 Konfliktursachen allgemein 36
3.3 Konfliktaustragung und Konfliktverlauf 39
3.4 Konfliktakteure und Lösungsstrategien 40
3.4.1 Religionsgemeinschaften 41
3.4.2 Staatliche Institutionen 42
3.4.3 Politische Akteure 42
3.4.3 42
Inhalt III
3.4.4 Lokale Medien 43
4 Der Moscheebau-Konflikt in Berlin - Heinersdorf 44
4.1 Topographische Lage Heinersdorfs 45
4.2 Bevölkerungsstruktur 46
4.3 Sozialstruktur 46
4.4 Soziale Infrastruktur 47
4.5 Der Verlauf des Heinersdorfer Moscheebau-Konflikts 48
4.6 Die Akteure in Berlin-Heinersdorf Moscheebau-Konflikt 54
4.6.1 Die Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland e. V. 55
4.6.2 Ev. Kirchengemeinde Heinersdorf 56
4.6.3 Kirche Alt-Pankow 57
4.6.4 Bürgerinitiativen 58
4.6.5 Parteien und Behörden 63
4.6.6 Bezirksverordnetenvorsteher 64
4.6.7 Bezirksbürgermeister 65
4.6.8 Die Presse 65
4.7 Konfliktursachen des Heinersdorfer Moscheebau-Konflikts 67
4.7.1 Städtebaulicher Konflikt 69
4.7.2 Der ethnisch-kulturelle Konflikt 71
4.8 Bewertungen des Konfliktes 73
4.9 Zusammenfassung: Der Heinersdorfer Moscheebau-Konflikt als
Beispiel eines symbolischen Konfliktes 75
5 Ausblick: Erkenntnisse im Umgang mit dem Fremden 78
6 Literatur 80
6 80
I. Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Entwicklung der Einwohner aus islamisch geprägten Ländern in Berlin 1960-2006 ………………...………………...14 Tabelle 2: Moscheen-Vergleich unter acht deutschen Städten…………..24 Tabelle 3: Entwicklung der Moscheen in Berlin von 1930-2008 …………24
II. Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Elemente einer Moschee…………………………………....8 Abbildung 2: Die erste Moschee in Deutschland……………….............12 Abbildung 3: Statistik der 84 Berliner Moscheen………………..............21 Abbildung 4: Einwohner mit Migrationshintergrund nach Bezirken……………………………………………….....26 Abbildung 5: Sichtbare Moscheen in Berlin……………………………..27 Abbildung 6: Verteilung der Moscheen in Berlin………………………..28 Abbildung 7: Moscheen-Verteilung im Stadtbezirk Kreuzberg……….29 Abbildung 8: Moscheen-Verteilung im Stadtbezirk Neukölln………….29 Abbildung 9: Moscheen-Verteilung im Stadtbezirk Wedding………….29 Abbildung 10: Moscheen-Verteilung nach Bezirken 2008………………..29 Abbildung 11: Räumliche Verteilung von Gebetsstätten verschiedener Religionsgemeinschaften in Berlin…………………..…30 Abbildung 12: Kartenausschnitt von Berlin-Heinersdorf………………...45
Einleitung 1
„Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, so sie professieren, ehrliche Leute sind; und wenn die Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöplieren [bewohnen], so wollten wir sie Moscheen und Kirchen bauen.“ (Friedrich der Große) (zitiert in Spiegel Special 2/2008)
Neben den beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften hat sich der Islam im Laufe der Zuwanderung von Arbeitnehmern und Flüchtlingen zu der drittgrößten Glaubensgemeinschaft in Deutschland entwickelt. In den 1960er Jahren zählte man noch rund zwei Millionen Muslime, nun sind es mehr als drei Millionen. Vor einem Jahrzehnt war der Hauptansprechpartner der islamischen Glaubensgemeinschaft die türkische Religionsbehörde, inzwischen hat sich dies verändert. Es gibt nun verschiedene Glaubensgemeinschaften, die ihre Moscheen besuchen: arabische, marokkanische oder bosnische Einwanderer,
Einleitung 2
um nur einige Beispiele zu nennen. Die hier aufgewachsenen Muslime der dritten Generation möchten, dass die Moscheen aus den Hinterhöfen herauskommen und sich architektonisch im Stadtbild präsentieren.
Meine Absicht ist es mit dieser Arbeit - gerade in einer Zeit, in der die Muslime nicht selten unter Generalverdacht stehen -, die Konflikte genauer zu analysieren. Durch das Recht der freien Religionsausübung ist es allen Religionsgemeinschaften möglich, Gebetsräume, Gebetshäuser zu errichten. Ihnen wird dadurch das Recht eingeräumt, repräsentative Bauten zu errichten. Aber warum kommt es dann bei einem Moscheebauvorhaben zu Konflikten? Es handelt sich hierbei um einen Konflikt zu einem mittlerweile begonnenen und bald endenden Moscheeneubau in Berlin-Heinersdorf, die erste Moschee mit Minarett im Osten Berlins. Wir leben in einem multiethnischen und multikulturellen Land. Bei einem Spaziergang durch die Großstädte in Deutschland, wie z. B. Berlin, München oder Köln, findet man überall Anzeichen unterschiedlicher Kulturen. Verschleierte Frauen, Moscheen und Imbissbuden mit unterschiedlich fremd klingenden Namen sind nur einige Beispiele. Meines Erachtens sind diese Einflüsse nicht mehr als „fremd“ zu bezeichnen, man kann sagen, dass sie zum Alltagsleben in Deutschland dazugehören (Tibi 2000: 88). Aufgrund dieser
unterschiedlichen kulturellen Begegnungen halte ich es für sehr wichtig, dass sich die Kulturen untereinander austauschen, um so den Dialog zu stärken und Ängste voreinander abzubauen. Auch müssen sich Führer aller großen und kleinen Religionsgemeinschaften entschlossen zu ihrer Verantwortung für Frieden, Nächstenliebe und
Einleitung 3
Gewaltlosigkeit, für Versöhnung und Vergebung aussprechen: das heißt alle Religionen der Welt haben heute Mitverantwortung für den Weltfrieden zu tragen (Rinschede 1999: 127). Im Laufe der Arbeit wird die Wichtigkeit der Dialoge untereinander immer wieder deutlich. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt darin, den Moscheebau-Konflikt in Berlin-Heinersdorf zu analysieren, um Erkenntnisse zu gewinnen, die für zukünftige Moscheebau-Konflikte deeskalierend wirken können. Ich verfolge das Ziel, vorerst allgemeine Fragestellungen zum Thema Islam und Moschee zu klären. Im anschließenden Teil geht es dann um die Analyse des Konflikts. Diese Anordnung entspricht letztlich eher einem hermeneutischen Verstehprozess, in dem sich das Verständnis des Moschee- bezogenen Konfliktes erschließt. Diese Arbeit versteht sich als ein Beitrag zur religions- und städtegeographischen Konfliktforschung, doch aufgrund des Facettenreichtums des hier behandelten Themas ist der Rückgriff auf die Sozialwissenschaften erforderlich. Ich werde raumbezogene Aspekte des Konfliktes angemessen herausarbeiten, was weder eine Vernachlässigung noch eine Überbetonung raumbezogener Aspekte der Konflikte bedeuten kann. Dabei lässt sich die Arbeit, je nach Lesart, mehr der politischen Geographie bzw. einer inhaltlich konfliktorientierten Sozialgeographie oder „unmittelbar“ einer interdisziplinären (Friedens- und) Konfliktforschung zuordnen.
4 Religionsgeographie
2.1 Definition der Religionsgeographie
Die Religionsgeographie ist nach Lanczkowski (1980) und Hoheisel (1986,1988) eine Disziplin der Religionswissenschaften oder nach Büttner (1985) ein interdisziplinäres Arbeitsgebiet zwischen Geographie und Religionswissenschaften.
Sie beschäftigt sich verstärkt mit den Einflüssen des Raumes, d. h. den Einflüssen geographischer Faktoren auf die Religionen, sowie mit der Verbreitung religiöser Vorstellungen und Gruppen (Rinschede 1999: 20f). Überwiegend gilt die Religionsgeographie, als Teilgebiet der Geographie, den Einflüssen der Religionen und
Religionsgemeinschaften auf den geographischen Raum. Im Bezug darauf ist die interdisziplinäre Auffassung der Religionsgeographie, welche zwischen Geographie, Religionswissenschaften, Soziologie oder Politikwissenschaften steht, auch durch den gegenseitigen
5 Religionsgeographie
Einfluss von Religion und Raum gekennzeichnet. Neben den
räumlichen Auswirkungen religiöser Vorstellungen umfasst sie auch die Auswirkungen von säkularen Einstellungen und Weltbildern auf räumliche Strukturen und Prozesse. Die Religionsgeographie hat auf breiter Front soziologische Theorieansätze rezipiert und unter dem Aspekt der Relevanz von Räumlichkeit weiter ausgebaut. Religionsgeographische Themen nehmen kontinuierlich an Bedeutung zu und sind unübersehbar in unseren Medien und unserer Gesellschaft präsent.
Wir leben in einer Zeit, in der sich die Globalisierung intensiviert. Damit ist die Vernetzung der ökonomischen, ökologischen, politischen und sozialen Entwicklung verbunden. Aufgrund des wirtschaftlichen Ungleichgewichtes, der sozialen Unterschiede, aber auch der politischen und religiösen Unterdrückungen finden auf allen Kontinenten umfangreiche Wanderbewegungen statt. So entwickeln sich in vormals einheitlichen Gesellschaften ethnische und religiöse Minderheiten. Nach Vossen (2003: 5) haben sich auch in der Bundesrepublik Deutschland plurale Gesellschaften gebildet. Von der Bevölkerung verlangen solche Gesellschaften ein hohes Maß an Kenntnis, Verständnis, Toleranz und Weltsicht. Unterschiedliche Interessen werden anerkannt. Aufgrund der zunehmenden gesellschaftlichen Pluralität wird dieses in Zukunft an Bedeutung gewinnen, da die Probleme der Integration immer drängender werden. In diesem Kontext bezieht sich diese Arbeit auf einen Moscheebau-Konflikt in Berlin-Heinersdorf. Aufgrund der fehlenden pluralen Gesellschaften in dem Ort kam es zu räumlichen Konflikten. In Bezug darauf ist es weniger wichtig, ob der Bau genehmigt wurde oder nicht, sondern vielmehr geht es um die negativen Reaktionen der sozialen Umwelt.
Mit diesen Problemen wird unsere Gesellschaft auch in Zukunft unvermeidlich konfrontiert. Von daher muss die Gesellschaft lernen, mit solchen Herausforderungen umzugehen.
6 Religionsgeographie
Nach Thomas Schmitt (2003: 124) erfordern ethnisch-kulturelle Konflikte einen Blick auf die spezifischen und dabei in hohem Maße differenten Lebenssituationen der beteiligten Konfliktparteien, in diesem Falle Muslime und Nichtmuslime. Als gesellschaftlicher Pluralität gewachsen und Musterbeispiel multikulturellen Zusammenlebens stellt Michael Kemper, Pfarrer der Katholischen Gemeinde „Peter und Paul“ in Duisburg-Marxloh, das Gebiet Duisburg-Marxloh vor. In Marxloh wurde die größte Moschee Deutschlands errichtet. Auf die Frage, ob es beim Bau der größten Moschee Deutschlands zu Protesten kam, antwortet der Pfarrer auf einer Podiumsdiskussion am 10. September 2008 in der Katholischen Akademie in Berlin: „Nein im Gegenteil, die Bewohner waren begeistert und schwärmen auch im Nachhinein über die architektonische Schönheit der erbauten Moschee.“ Auf die Frage, warum es so komplikationslos ablief, antwortet er: „Die türkische Gemeinde hat die christlichen Kirchen und die Einwohner von vornherein in die Planung mit einbezogen. Abgesehen davon kamen die Einwohner zu mir und ließen sich von mir über den islamischen Glauben aufklären.“ Anhand dieses Beispiels lässt sich erkennen, dass die Bevölkerung oder der Einzelne ihre mangels Informationen entstandenen Ängste auf diese Weise abgebaut hat. Mit den in diesem Kontext gewonnenen Grundlagen lässt sich dann ein leichteres Verständnis für die wachsende Reichhaltigkeit der Kultur im Nah- oder Heimatraum gewinnen.
Viele Menschen bemühen sich um Toleranz und Verständnis den Muslimen und ihrer Religion gegenüber.
Religiöse Konflikte sind heute und werden auch in der Zukunft ein bedeutendes Aufgabenfeld der Religionsgeographie darstellen. Von daher halte ich es für wichtig, vorerst den Konfliktgegenstand „Moschee“ darzustellen und anschließend die Entwicklung der muslimischen Zuwanderung nach Deutschland zu thematisieren.
7 Religionsgeographie
2.2 Moscheen und ihre religiöse Funktion
In diesem Abschnitt soll in knapper Form der Gegenstand des Konfliktes, die Moschee, allgemein dargestellt werden. Die Anfänge der Moschee als Orte des Gebetes gehen auf die Zeit Mohammeds zurück. In seiner Bedeutung heißt sie im arabischen „Masdjid“, „Der Ort, an dem man sich zum Gebet niederwirft“ (Rinschede 1999: 149). Die erste Moschee wurde zu Lebzeiten des Propheten Mohammeds um 624 nach Chr. in Medina errichtet, in der Mohammed regelmäßig mit weiteren Muslimen die täglichen Gebete verrichtete. Die Gebetsrichtung war und ist heute noch in Richtung der Kaaba (ein Ort in Mekka) gerichtet. Die Moschee diente zu dieser Zeit nicht nur als Gebetsort, sondern auch als politisches und militärisches Zentrum muslimischer Bevölkerung (Rinschede 1999: 150). Hier wurden muslimische und nichtmuslimische Besucher empfangen und Gespräche gehalten. Die Entwicklung der Moscheen nahm ihren Ausgangspunkt in der ersten Moschee in Medina. Was ihre heutige Ausstattung anbelangt, kristallisierten sich mehrere Elemente heraus, die in den Moscheen überall auf der Welt wieder zu finden sind. Trotz ihrer architektonisch unterschiedlichen Stile existieren in jeder Moschee feste Elemente (siehe Abbildung 1). In knapper Form sollen diese Elemente vorgestellt werden.
8 Religionsgeographie
1- Mihrab (Gebetsnische):
Mit ihrer fest angelegten Gebetsrichtung zur Kaaba befindet sich der Mihrab als vertiefte Nische an dem vorderen Abschluss der Moschee. Alle Muslime richten Moschee Mihrab, in dem der Imam vorbetet.
2- Minbar (Kanzel): Sie befindet sich immer auf der rechten Seite des Mihrabs. Sie ist ausgerichtet mit mehreren Stufen, die bei einem Freitagsgebet vom Imam oder einem Beauftragten für eine Predigt bestiegen wird.
3- Kursi (Vorlesepult): Sie wird zur Ablage eines Koran-Exemplars verwendet. Meistens wird sie vor dem Gebet oder ggf. nach dem Gebet von einem Exegeten für eine Auslesung aus dem Koran benutzt.
4- Dikka (Estrade): Die Dikka befindet sich meistens in großen Moscheen. Sie ist in ihrer Form erhöht, damit auch die in der hintersten Reihe stehenden oder sitzenden Zuhörer den Imam hören und sehen können.
5- Reinigungsbrunnen: Der Brunnen befindet sich meistens in dem Innenhof einer Moschee und dient zur Waschung vor dem Gebet. 6- Minarett: Es dient als Ausrufungspunkt für den Muezzin, der vor Erfindung der Lautsprecher auf das Minarett stieg und gut hörbar sein musste. Heute sind an dem Minarett mehrere Lautsprecher befestigt, so braucht der Muezzin für den Gebetsruf nicht bis nach oben zu steigen (Rinschede 1999:151).
9 Religionsgeographie
Der Boden einer Moschee ist überall mit Teppichen bedeckt und darf nicht mit Schuhen betreten werden, weil der Ort, an dem das Gebet verrichtet wird, sauber sein muss (vgl. Hiller 1974). Die Innenwände einer Moschee sind meistens gefliest und die Fliesen sind mit Kalligraphen 1 beschriftet. Was das Personal der Moschee anbelangt, besteht es aus dem Imam (Vorbeter), dem Hoca (Lehrer) und einem Muezzin (Ausrufer). Der Imam kennzeichnet sich durch seine gute Vertrautheit mit den Versen des Korans und gilt für die Gläubigen als Vorbeter (Watt/Welch 1980: 294). Damit ein Imam staatlich anerkannt wird, muss er ein Theologie-Studium abgeschlossen haben. Der Imam hält jeden Freitag eine Predigt, die politische, ethische oder auch soziale Themen beinhalten kann. Doch unter der Bevölkerung bedeutet Imam, jemand, der vorne steht und das gemeinsame Ritualgebet leitet. Daraus erschließt sich, dass jeder ein Imam sein und somit das Ritualgebet leiten kann, die Voraussetzung ist allerdings, dass derjenige, der das Gebet leitet, den Gebetsablauf und den dabei zu rezitierenden arabischen Text kennt. Der Hoca (Lehrer) erteilt in den dazugehörigen Räumen der Moschee Koranunterricht. In der Alltagssprache sind die Begriffe Imam und Hoca synonym. Auch der Hoca muss ein Theologiestudium absolviert haben. Der Muezzin hat die Aufgabe, die gläubigen Muslime mit dem Gebetsruf zum Gebet zu versammeln. Im Prinzip übernimmt der Gebetsruf die Aufgabe etwa einer Glocke der Kirche (vgl. Abdullah 1993), allerdings wurde der Gebetsruf zu Mohammeds Zeiten bewusst mit einer menschlichen Stimme gewählt, da er in seinem Text Gläubige zum Gebet auffordert. Der Muezzin muss kein Theologiestudium absolviert haben.
1 Schreibkunstwerke mit arabischen Zeichen, die die Namen Allah, Mohammed,
Namen der ersten Kalifen oder Verse aus dem Koran zeigen.
10 Religionsgeographie
Der Stellenwert der Moschee in der islamischen Tradition: Der Stellenwert der Moschee wird im Islam sehr hoch eingestuft. In einem Interview mit dem Imam der Berliner Sehitlik Moschee am Columbiadamm, wird der Stellenwert der Moschee im Islam wie folgt beschrieben: „Das Gemeinschaftsgebet in der Moschee fördert das gegenseitige Kennenlernen der Muslime. Oft schon wurden neue Bekanntschaften und Freundschaften zwischen Gläubigen angeknüpft, weil sie sich in der Moschee kennen lernten. Auch erfährt dort mancher Gläubige von den Problemen seiner Glaubensgeschwister und Nachbarn, wenn er sich nach dem Gebet nach ihrem Befinden erkundigt.“
In einem Hadith (Worte des Propheten Mohammeds) sagt Mohammed: „Wer eine Moschee baut, dem wird Gott im Paradies ein ähnliches Bauwerk verrichten“ (Rassoul 1997: 115). Die Moschee dient im Islam als ein Ort des gemeinsamen Betens, was einen noch größeren Wert darstellt als das Beten allein. In Bezug darauf besagt ein Hadith: „Das Gemeinschaftliche Gebet ist siebenundzwanzigmal besser als das Gebet des einzelnen" (Rassoul 1997: 123). Besonders betont wird im Islam die Bedeutung des Freitagsgebets, welches gemeinsam in der Moschee verrichtet werden muss: „Wenn jemand die große Waschung verrichtet und sich zur ersten Stunde (gemeint ist damit früher als die angegebene Mittagszeit) zum Gebet begibt, so ist es, als hätte er ein Kamel als Opfer dargebracht (…)“ (Rassoul 1997: 151).
11 Religionsgeographie
2.3 Die muslimische Zuwanderung
Im Folgenden soll ein kurzer geschichtlicher Rückblick auf die Zuwanderung von Muslimen nach Deutschland gegeben werden. Dieses ermöglicht auf die am meisten gestellte Frage über die Anfänge muslimischen Lebens eine Antwort zu geben. Anbei soll auch an die Entwicklung der nicht gerade leicht zu beschreibenden Gemeindestruktur der Muslime in Deutschland angeknüpft werden. Meistens verbindet man die Arbeitsmigration der sechziger und siebziger Jahre mit dem heute in Deutschland verbreiteten Islam. Doch wenn man einen Blick in die Geschichte wirft, zeigt sich, dass der Islam in Deutschland bereits Ende des 17. Jh. begann. Mit der Belagerung 1683 vor Wien kamen muslimische Gefangene nach Deutschland und lebten und starben dort. 1739 wurde die erste Moschee Deutschlands am langen Stall in Potsdam für 22 türkische Gardesoldaten, die im Dienste des Preußenkönig Friedrich Wilhelm des I. standen, errichtet. Um 1763 begann die ständige Präsenz der osmanischen Gesandtschaften in Deutschland. Von ihren Nachfahren ist nichts weiter bekannt. Die Preußenkönige unterhielten freundschaftliche Beziehungen zum Osmanischen Reich. Als der dritte osmanische Gesandte, Ali Aziz Efendie, am 29.10.1798 in Berlin verstarb, wurde von dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) zu seiner Bestattung ein Gelände in Berlin-Tempelhof zur Verfügung gestellt. Bis 1854 wurden dort vier weitere Botschaftsangehörige beerdigt. 1866 musste der Friedhof einem Kasernenbau weichen. Somit wurden die Gräber der verstorbenen muslimischen Diplomaten zu ihrem heutigen Ruheplatz in Berlin-Neukölln überführt. Aufgrund dieser Gräber ging dieses neue Gelände in den Besitz des Osmanischen Reiches als Geschenk über. Rund 100 Jahre lang, bis zur Schließung des Friedhofs wegen Überfüllung -Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts -, wurden dort nicht nur
12 Religionsgeographie
Bürger des Osmanischen Reiches oder der späteren Republik Türkei bestattet, sondern Muslime aller Nationalitäten. Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Osmanische Reich auf Seiten des Deutschen Reiches.
1915 ließ Kaiser Wilhelm II. (1888-1918) auf Anregungen des Oberhaupts der osmanischen Richterschaft in Istanbul, in Wünsdorf bei Zossen, nahe Berlin, eine Moschee aus Holz für die mohammedanischen multinationalen Kriegsgefangenen bauen (Siehe Abbildung 2)
Allerdings wurde die Moschee aufgrund erheblicher Einsturzgefahr um 1925 abgerissen. Einige Soldatengräber im Friedhof in Zehrensdorf und die „Moscheenstraße“ erinnern noch daran (vgl. Abdullah 1993). Mit der Fertigstellung der
Moschee in der Brienner Straße in Berlin-Wilmersdorf zogen viele Studenten und Akademiker aus den östlichen und südlichen Ländern Europas nach Berlin. Das islamische Gemeindeleben entfaltete sich, viele deutsche Konvertiten schlossen sich an. Diese Gemeinde setzte sich als Ziel, das Verständnis für den Islam zu verbreiten und zu fördern. Es erschienen zahlreiche deutschsprachige Publikationen im Verlag dieses Vereins. Um 1939 folgte dann die erste deutsche Koranübersetzung von ihrem Imam, Maulana Sadr-ud-Din. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Wilmersdorfer Moschee zum größten Teil beschädigt. Wenige Monate nach Kriegsende wurde sie wieder aufgebaut.
13 Religionsgeographie
Ab 1961 nahm die Zahl der Muslime durch das Anwerbeabkommen immer mehr zu. Tabelle 1 zeigt die Entwicklung der Muslime in Berlin von 1960 - 2006. In Deutschland besteht keine Angabepflicht bezogen auf die Religionsangehörigkeit. Die Basis für die Schätzungen der Muslime im Lande bilden die Zahlen von Einwanderern aus islamischen Ländern. Von daher liegen nur Schätzungen vor. Als Grundlage wird die „Ausländerstatistik“ herangezogen. Es entwickelten sich verschiedene Vereinigungen, Organisationen und Dachverbände, die den Anspruch erheben, im Namen der Muslime zu sprechen, welche je nach ihrem Herkunftsland und/oder Gesichtspunkt verschiedene Ansichten zur Ausübung des islamischen Glaubens vertreten. Da die muslimischen Gemeinden nicht wie die christlichen Kirchen oder jüdischen Gemeinden als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt ist, entwickelte sich eine schwer durchschaubare und darzustellende Vereinslandschaft. Allerdings organisierten sich in Deutschland bzw. Berlin nicht nur muslimische Gemeinden, sondern auch eine Vielzahl anderer Religionsgemeinschaften, wie z. B. jüdische, buddhistische etc. Dieses bestätigt noch einmal die Aussage von Vossen (2003), dass sich Deutschland besonders nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer pluralen Gesellschaft entwickelt hat. Ein friedliches Zusammenleben in einer solchen multikulturellen und multiethnischen Gesellschaft setzt eine gute Interaktion sowohl zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften als auch innerhalb der Bevölkerung voraus.
14 Religionsgeographie
2.4 Die verschiedenen Religionsgemeinschaften in Berlin Im Folgenden werden die verschiedenen christlichen, jüdischen, hinduistischen/buddhistischen und muslimischen Glaubensgemeinden in Berlin dargestellt. Die Interaktion zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften ist in einem multikulturellen Raum besonders wichtig. Dieses wird sich auch in späteren Abschnitten dieser Arbeit immer wieder bestätigen. Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung nicht religiös gebunden ist, ist Berlin durch vielfältige Religionen geprägt. Rund 40 % der Berliner Bevölkerung gehören den christlichen Kirchen an, 5,9 % bekennen sich zum Islam und knapp 11.000 Mitglieder zählen derzeit zur jüdischen Gemeinde
15 Religionsgeographie
zu Berlin. Auch hinduistische/buddhistische Gemeinden sind in Berlin vertreten. 2
2.4.1 Christliche Gemeinden
1,38 Mio. Berliner sind als Christen gemeldet und gehören den 44 verschiedenen christlichen Glaubensgemeinschaften an. Dieses macht rund 40 % der Berliner Bevölkerung aus. Mit über 750.000 Mitgliedern gilt die Evangelische Kirche als die mitgliedstärkste in Berlin, danach folgt die Katholische Kirche des Erzbistums Berlin, welche knapp 300.000 Mitglieder zählt. Der restliche Teil der 1.38 Mio. Christen gehört einer Vielzahl von anderen christlichen Glaubensgemeinschaften an.
2.4.2 Buddhistische Gemeinde
Die buddhistische Glaubensgemeinschaft hat ihre Wurzeln in Nordindien und ist etwa 2560 Jahre alt. In Berlin ist sie mit ca. 1400 Mitgliedern vertreten, welche 4 Tempel besitzen. Vorwiegend kommen sie aus Taiwan.
2 Statistisches Landesamt Berlin, 2005
Arbeit zitieren:
Ömer Ayik, 2008, Moscheenbau im Konflikt, München, GRIN Verlag GmbH
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