Formen der Erinnerungskultur - Die Bedeutung der Friedensmuseen in der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft
Inhalt:
I. Einleitung. 5
II. Die Wissenschaftstheorie der Erinnerungskulturen und des
kollektiven Gedächtnisses
1. Eine kulturwissenschaftliche Definition von Gedächtnis und Erinnerung 9
2. Das Kollektive Gedächtnis 10
3. Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungskulturen. 12
4. Geschichte und Erinnerungskultur. 14
III. Die japanische Kriegserinnerung - Ein Überblick
1. Kriegserinnerung und Erinnerungskultur. 15
2. Siegererinnerung und Verlierererinnerung 16
3. Religiöse und heroische Opfererinnerung 17
4. Traumatische Opfererinnerung 20
5. Tätererinnerung 22
6. Strategien der Verdrängung 25
7. Opfererinnerung vor Gericht 27
8. Kriegserinnerung in Eigengeschichten 29
9. Der japanische Schulbuchstreit - Spiegel des gesellschaftlichen
Erinnerungskonfliktes 34
10. Neue ostasiatische Perspektiven der Kriegserinnerung durch
Gemeinschaftsschulb ücher 41
IV. Einordnung der japanischen Friedensmuseen und ihres
Stellenwerts für die kollektive Kriegserinnerung
1. Die museale Kriegserinnerung Japans im globalen Rahmen der Zweiten
Moderne und die Besonderheit der Friedensmuseen 48
2. Die japanischen Friedensmuseen - Versuch einer Einordnung 58
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V. Erinnerungskonflikte um die Kriegsausstellungen der japanischen
Friedensmuseen - Der japanische Museumsstreit
1. Der Konflikt um das Nagasaki Atomic Bomb Museum ................................... 71
2. Der Konflikt um Peace Ôsaka ........................................................................ 75
3. Der Konflikt um das Friedens- und Menschenrechtsmuseum in Sakai .......... 80
4. Der Konflikt um das Okinawa Prefecture Peace Memorial Museum und das
Yaeyama Peace Memorial Museum .................................................................. 81
VI. Die nationalen und internationalen Netzwerkaktivitäten der
japanischen Friedensmuseen -Ihre grenzüberschreitende
Erinnerungspolitik als Antwort auf den Geschichtsrevisionismus
1. Die weltweiten Netzwerkaktivitäten der japanischen Friedensmuseen und die Verbreitung des Friedensmuseums-Gedanken.................................................. 88
2. Die innerasiatischen Netzwerkaktivitäten der Friedensmuseen und der Beitrag von Bürgerinitiativen für die Aussöhnung in Ostasien ........................................ 94
VII. Schluss ...................................................................................... 97
Literaturangaben ............................................................................100
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I. Einleitung
Das Ziel dieser Arbeit ist die Analyse des Stellenwerts der Friedensmuseen in der japanischen Gegenwartsgesellschaft. Ich werde zunächst die kulturwissenschaftliche Theorie von Erinnerung und Gedächtnis anwenden, um überblickend die japanischen Formen der Kriegserinnerung zu charakterisieren. Nachdem ich so die Wandlungsprozesse und Konfliktfelder der gesellschaftlichen Kriegserinnerung in Japan aufgedeckt habe, werde ich im nächsten Schritt untersuchen welche Rolle die Friedensmuseen dabei spielen. Die Friedensmuseen sind wie ich zeigen werde ein spezifisches Charakteristikum der Kriegserinnerung im Nachkriegsjapan. Seit den 1980’er Jahren ist ihre Zahl stetig angewachsen und sie haben eine zentrale Bedeutung für den gesellschaftlichen Bezug auf die Kriegsvergangenheit gewonnen. Die Wandlung der
Darstellungsformen und Inhalte ihrer Ausstellungen bildet exakt die sich wandelnden zivilgesellschaftlichen Erinnerungsinteressen ab. Die Zahl der zivilgesellschaftlichen Teilnehmer am Erinnerungsdiskurs über den Krieg, ist in den 1980’er Jahren exponential Anstiegen, weil die Zeitzeugen des Krieges ihr Ruhestandsalter erreichten. Das Interesse an der musealen Gestaltung von Kriegserinnerung ist dadurch stark angestiegen. Neben Historikern beteiligten sich nun eine breite Schicht von Bürgern ehrenamtlich an der Dokumentation und Aufarbeitung ihrer lokalen Kriegsgeschichte. Es kristallisierte sich dabei ein breiter Konsens dafür heraus, das Kriegserlebnis für die jüngeren Generationen erfahrbar zu machen, damit diese den Wert des Friedens erkennen. Daher waren die privaten und öffentlichen Kriegserinnerungsmuseen, die durch das Engagement von Bürgerinitiativen entstanden durch eine klare
Friedensorientierung ausgezeichnet und deshalb von ihrem Selbstverständnis her keine Kriegs- sondern Friedensmuseen. Als Vorbilder der seit den 1980’ern entstandenen Friedensmuseen dienten die Atombombenopfer-Erinnerungsmuseen in Hiroshima und Nagasaki. Auch in den neuen lokalen Friedensmuseen wurde die Atombombenopfer-Erinnerung als zentrales Leid-Motiv inszeniert. Hinzu kamen weitere lokale Opfernarrative, wie das Erlebnis des Bombenkriegs und des entbehrungsreichen Lebens an der Heimatfront. Diese Narrative wurden gespeist durch die Zeitzeugenerinnerungen und die historische Recherche von Bürgern und Lokalhistorikern. Aber der auffälligste Wandel den die Friedensmuseen seit den 1980’en erfahren haben, besteht in der
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gleichberechtigten Integrierung der Tätererinnerung neben der Opfererinnerung. Der Hintergrund war, dass eine wachsende Zahl von kritischen Zeitzeugen und Historikern auf die mangelnde Aufarbeitung des Kriegsleids der ostasiatischen Kriegsopfer und auf ihre fehlende Entschädigung durch den japanischen Staat aufmerksam wurde. Diese engagierten Bürger reagierten sensibel auf die Erinnerungsinteressen, von durch den japanischen Aggressionskrieg geschädigten Opfern aus China, Korea und anderen Ländern Asiens. Mit Methoden der Oral-History wurde von diesen engagierten Bürgern verstärkt seit der 1980’er Jahre die Schicksale von chinesischen und koreanischen Zwangsarbeitern und Atombombenopfern erforscht und in Büchern dokumentiert. Die Schadensersatzklagen dieser asiatischen Kriegsopfer gegen den japanischen Staat wurden von denselben engagierten Bürgern durch die Bildung von Netzwerken unterstützt. Später wurden auch die Opfer der Zwangsprostitution unterstützt, indem von Historikern die historischen Umstände ihres Schicksals erforscht wurden und von Bürgern ihre Klagen gegen den Staat unterstützt wurden. Im nächsten Schritt fanden diese asiatischen Opfererinnerungen Eingang in die Kriegsausstellungen der Friedenmuseen. Dies geschah auch mit Hilfe von engagierten Bürgern, die eine historische Verantwortung gegenüber diesen Opfern fühlten. Dadurch wurden die Friedensmuseen zu grenzüberschreitenden Orten der Kriegserinnerung, deren historische Erzählung die Perspektive der passiven japanischen und nicht japanischen Opfer des Asien-Pazifik-Kriegs widerspiegelt und nicht die
handelnden Täter des Militärs und ihre heroischen Leistungen in den Mittelpunkt stellt. Wie ich im Kapitel zur Einordnung und Abgrenzung der Friedensmuseen thematisieren werden, ist dies ein Kennzeichen für Museen der so genannten Zweiten Moderne. Japan stellt insofern einen Sonderfall dar, da sich hier nicht die staatlich initiierten Kriegserinnerungsmuseen zu Museen der Zweiten Moderne entwickelt haben, sondern die zivilgesellschaftlich initiierten privaten und öffentlichen Friedensmuseen. Sowohl in den öffentlichen als auch in den privaten Friedensmuseen umfasst die Kriegserinnerung mittlerweile auch die ostasiatischen Opfer des japanischen Aggressionskriegs und die museale Erinnerungspolitik strebt Frieden und Aussöhnung in Ostasien an. Es bleibt allerdings weiterhin schwierig die Kriegsschuld des japanischen Militärs und die Nachkriegsverantwortung des japanischen Staates in öffentlichen
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Friedensmuseen zu thematisieren. Seit den 1990’er Jahren hat sich eine neonationalistische Tendenz in den konservativen Gesellschaftskreisen verstärkt und Vereinigungen von nationalistischen Geschichtsrevisionisten bekämpfen das so genannte masochistische Geschichtsbild der ‚Linken’. In diesem Zusammenhang werde ich im ersten Teil der Arbeit den Konflikt um die Darstellung der Kriegsgeschichte in Schulbüchern, den so genannten Schulbuchstreit, analysieren und im zweiten Teil darstellen wie sich dieser Vergangenheitskonflikt auf die Kriegserinnerung in den Friedensmuseen ausgewirkt hat. Ich werde dabei aufzeigen wie sich, in Reaktion auf nationalistische Angriffe gegen die öffentlichen Friedensmuseen, die Unterstützer und Aktivisten der Museen stärker untereinander vernetzt haben und sie ihre Bemühungen mit erinnerungspolitischen Mitteln die zivilgesellschaftliche Aussöhnung in Asien zu fördern wesentlich verstärkt haben. Die große Anzahl von Friedenmuseen, stellt ein japanisches Phänomen der gesellschaftlichen Kriegsverarbeitung dar. Die Ausstellungen der Museen sind interdisziplinär, sie stehen an der Schnittstelle von Geschichts-, Erziehungs- und Friedenswissenschaft. Von den Museen wird eine Vielzahl von gesellschaftlichen Funktionen wahrgenommen, die von Kriegsgedenken, zu Geschichtserziehung, über Friedenserziehung und Intergenerationen-Austausch, bis zu Umweltschutzerziehung reicht. Deshalb gibt es meines Erachtens fast keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen in westlichen Sprachen, in denen die ganze Komplexität und Dynamik der japanischen Friedensmuseen berücksichtigt wird. Bezeichnenderweise stammt die umfangreichste wissenschaftliche Veröffentlichung über die japanischen Friedensmuseen auf Englisch, von der Friedenaktivistin Yamane Kazuyo, die selbst in dem Friedensmuseum »Grassroots House« in Kôchi arbeitet und ein führendes Mitglied des japanischen »Bürgernetzwerks der Museen für den Frieden« ist. Sie ist dort zuständig für den internationalen Austausch. Ihre Doktorarbeit über die japanischen Friedensmuseen, die sie an der Bradfort University geschrieben hat, dem Ort wo auch das »Internationale Netzwerk der Museen für den Frieden ins Leben« gerufen wurde, ist daher eine Art Selbstpräsentation und Selbstbespiegelung. Sie thematisiert darin, wie Friedensmuseen mit Hilfe von Bürgerengagement die Aussöhnung in Asien vorantreiben und ihre Ausstellungen über den japanischen Aggressionskrieg gegen die Angriffe von Geschichtsrevisionisten verteidigen. Im letzten Teil
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meiner Arbeit werde ich daher auf die nationalen und internationalen Netzwerkaktivitäten der japanischen Friedensmuseen eingehen, für die Yamane eine zentrale Rolle spielt. Das Ziel dieser Aktivitäten scheint die weltweite Verbreitung des japanischen Friedensmuseums-Gedanken und die Förderung der Aussöhnung in Ostasien zu sein. Wissenschaftliche Monographien von westlichen Autoren, haben die Friedensmuseen bisher nur auf wenigen Seiten, im Rahmen des Schulbuchstreits und des gesellschaftlichen Konflikts um die historische Kriegserinnerung, behandelt. Aktuelle Beispiele dafür sind die Werke »Politics, Memory and Public Opinion« von Sven Saaler und »Japan’s contested war memories« von Philip A. Seaton. Ich bin aber der Meinung, dass die Friedensmuseen eine zentrale Rolle in der japanischen Erinnerungslandschaft einnehmen und genauere wissenschaftliche Betrachtung verdienen. Den besten Überblick über die Friedensmuseen und andere Kriegserinnerungsmuseen auf Japanisch gibt meines Erachtens, der von der »History Educationalist Conference of Japan« herausgegebene Band »Peace & War Museum Guidebook«. Hier werden alle wichtigen Kriegserinnerungsmuseen Japans, inklusive der Friedensmuseen in kurzen Artikeln vorgestellt und am Ende des Bandes stehen zwei erläuternde Aufsätze. Allerdings bedingt die schnelle Entwicklung im Bereich der Friedensmuseen, das der Band von 2004, mittlerweile schon etwas veraltet ist. Mittlerweile sind schon einige neue wichtige Friedensmuseen, wie etwa das Women’s Active Museum on War and Peace« und das »Peace Aichi«, entstanden. Aktuellere Informationen zur Entwicklung der Friedensmuseen, finden sich in der Vierteljahrszeitschrift des »Center for Research and Documentation on Japan's War Responsibility«. Zuletzt ist 2008 ein Tagungsband mit dem Titel »Museums for peace: past, present and future« erschienen, der die Ergebnisse der »6. Konferenz der Internationalen Museen für den Frieden«, die in Kyôto und Hiroshima stattfand, zusammenfasst. Dieser Band ist allerdings nur an der Bradford University verfügbar. Der dortige Friedensforscher Peter van den Dungen ist der Generalkoordinator des Internationalen Netzwerks der Museen für den Frieden und steht in engen Kontakt mit dem Japanischen Bürgernetzwerk der Museen für den Frieden und dessen Hauptprotagonisten Yamane Kazuyo und Anzai Ikurô (Kyôto Museum for World Peace). Daher ist die Bibliothek der Bradfort University besonders gut mit Literatur über japanische und weltweite Friedensmuseen ausgestattet.
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II. Die Wissenschaftstheorie der Erinnerungskulturen und des
kollektiven Gedächtnisses
1. Eine kulturwissenschaftliche Definition von Gedächtnis und Erinnerung Die Kulturwissenschaft zählt das Begriffspaar Erinnerung und Gedächtnis mittlerweile zu den lexikalisierten Grundbegriffen 1 . Semantisch bezeichnet Gedächtnis einen Speicher der vergangenheitsbezogene Informationen enthält und Erinnerung bezeichnet den aktiven Zugriff auf bestimmte Inhalte dieses Speichers. Je nachdem ob es sich um neuronale Speicher, also das menschliche Gehirn, oder um mediengestützte Speicher, also digitale oder analoge Speicher wie Bibliotheken, Archive, oder Museen handelt, variiert ihre Kapazität und Lebensdauer. Zwischen den neuronalen Speichern und mediengestützten
Speichern findet ein wechselseitiger Austausch statt. Neue Information geht von den neuronalen Speichern in die mediengestützten und alte bereits nicht mehr im neuronalen Speicher vorhandene Information, wird erneut aus den mediengestützten Speichern abgerufen. Erinnerung kann nur von der Seite der neuronalen Speicher aktiviert werden, entweder durch Abruf aus den mediengestützten Speichern oder durch soziale Interaktion mit anderen neuronalen Speichern. Die mediengestützten Speicher dienen wegen der Fragilität und Unzuverlässigkeit der neuronalen Speicher, in allen komplexeren Gesellschaften, als deren Stütze und werden institutionalisiert. Ohne mediengestützte Speicher ist eine Gesellschaft allein auf den Austausch zwischen den neuronalen Speichern angewiesen. Diese Form der Weitergabe vergangenheitsbezogener Information ist zeitlich, wie inhaltlich begrenzt und stellt einen bewusst-selektiven Akt mit klarer Intention dar. Demgegenüber kann die Sinngebung vergangenheitsbezogener Informationen aus dem
mediengestützten Speicher durch die abrufenden Menschen, von der Intention der speichernden Menschen abweichen, denn diese treten in keinen direkten Kontakt miteinander. Die Sinngebung unterliegt dann dem gesellschaftlichen Wandel, neue Wertmaßstäbe oder auch Fehlinterpretation vergangener Information führen zu neuen Deutungen. Aus den Inhalten der überlieferten mediengestützten Speicher kann eine Gesellschaft ihre kulturelle Identität
1 Vgl. Ansgar Nünning (Hg.): Grundbegriffe der Kulturtheorie und Kulturwissenschaft, Stuttgart 2005,
S.48f.
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konstruieren, die durch unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten der vergangenheitsbezogenen Information flexibel bleibt. 2
2. Das Kollektive Gedächtnis
In der jüngsten Vergangenheit fand über Sinn und Inhalt der Begriffe Erinnerung und Gedächtnis im kulturwissenschaftlichen Rahmen, eine lebhafte interdisziplinäre Auseinandersetzung statt. Dadurch konnten verschiedene einflussreiche Konzepte erarbeitet und erweitert werden. Im Kern drehte sich die Diskussion um die Zulässigkeit und Ausdeutung des Begriffs >kollektives Gedächtnis<, erstmals 1925 verwendet vom französischen Soziologen Maurice Halbwachs in seinem Werk »Les cadres sociaux de la memoire«. Halbwachs wendete sich als erster gegen die rein individual-psychologische Betrachtung des Bewusstseins und der Funktion des Gedächtnisses und fügte die soziale Komponente des Erinnerns und des Gedächtnisses hinzu. Er erkannte, dass die Inhalte unseres Geistes, besonders die Erinnerungen nur im
zwischenmenschlichen Kontext richtig analysiert werden können. 3 Halbwachs Konzept der >sozialen Bezugsrahmen< (cadres sociaux) des Erinnerns beinhaltet, dass sich jede individuelle Erinnerung auf die soziale Interaktion mit den uns umgebenen Mitmenschen stützt 4 . Nach Astrid Erll umfassen Halbwachs cadres sociaux sowohl im wörtlichen Sinn das soziale Umfeld, als auch im metaphorischen Sinn die Denkschemata eines Individuums. Durch die
Interaktion mit seinen sozialen Bezugsgruppen, eignet sich ein Individuum Denkschemata an, die seine Wahrnehmung und Erinnerung in bestimmte Bahnen lenken 5 . Für Halbwachs ist die Bedingung menschlicher Erinnerung, die Verortung uns interessierender vergangener Ereignisse in den Bezugsrahmen des Kollektivgedächtnisses. Die Anzahl der sozialen Bezugsrahmen in deren Schnittpunkt eine Erinnerung auftaucht bestimmt darüber wie reich sie ist, so Halbwachs. Da sich eine Gesellschaft die Vergangenheit je nach den Zeitumständen anders vorstellt, muss sich jedes ihrer Glieder den sich verändernden Konventionen beugen und seine eigene Erinnerung in die gleiche
2 Dieser Abschnitt gibt meine frei formulierte Begriffsbestimmung von Gedächtnis und Erinnerung wieder.
Siehe dazu auch die Begriffsbestimmungen von Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit.
Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 31ff.
3 Vgl. Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen (Les cadres sociaux de la
memoire), Frankfurt a.M.1925/1985, S. 361ff.
4 Vgl. Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2005, S. 15.
5 ebenda, S. 15.
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Richtung lenken in die sich das kollektive Gedächtnis bewegt. Durch diesen Einfluss des kollektiven auf das individuelle Gedächtnis wird ein Teil unserer Erinnerungen deformiert oder vergessen, resümiert Halbwachs. 6 In seiner späteren Schrift »La memoire collective« 7 , gab Halbwachs seiner Theorie eine noch genauere Ausdifferenzierung. Darin thematisiert er das
>Generationengedächtnis< und weitet die Bedeutung des Begriffs kollektives Gedächtnis auf den Bereich der kulturellen Überlieferung und der Traditionsbildung aus 8 . Die zeitlose Relevanz der Halbwachschen Theorie besteht zusammengefasst darin, dass er die zwei wesentlichen Eigenschaften von menschlichem Gedächtnis und menschlicher Erinnerung richtig umschrieben hat. Die erste Eigenschaft ist die Interdependenz von individuellem Gedächtnis und individueller Erinnerung mit dem soziokulturellen Umfeld. Das heißt unser Gedächtnis ist sozial bedingt und unsere Erinnerung ist ein sozialer Akt, der bestimmten kulturellen Bedingungen unterworfen ist. Die zwischenmenschliche Kommunikation stellt die Hauptmethode der Speicherung (=Gedächtnisbildung) und des Abrufs (=Erinnerung) vergangenheitsbezogener Information dar. Zur zwischenmenschlichen Kommunikation zählen dabei, die mündliche Erzählung und die Brief-, Telefon-, Chat-, Email-Kommunikation. Der Einfluss unseres soziokulturellen Umfelds auf den Inhalt unseres Gedächtnisses und den Abruf unserer Erinnerungen lässt sich in eine vertikale und eine horizontale Ebene einteilen. Die vertikale Ebene bildet das >intergenerationelle Gedächtnis<, es wird zwischen den verschiedenen Altersgruppen kommuniziert und ist vor allem innerfamiliär verortet. Die horizontale Ebene beruht auf den von Karl Mannheim definierten Generationen, als Alterkohorten mit gemeinsamen Erfahrungshorizont und gemeinsamen Wertvorstellungen 9 . Dadurch das sie bestimmte prägende Erfahrungen gemeinsam mit ihren Altersgenossen durchleben und untereinander kommunizieren, bildet sich ein für sie spezifisches >Generationengedächtnis< heraus und für sie spezifische Formen der Erinnerung. Diese beiden Formen von Gruppengedächtnissen bezeichnete Halbwachs als kollektiv. Daher ist es akkurater nicht vom kollektiven Gedächtnis im Singular, sondern von den kollektiven Gedächtnissen einer Gesellschaft im Plural zu sprechen.
6 Halbwachs, 1925/1985, S. 368.
7 Postmortum und unvollständig 1950 erschienen. Der französische Jude Halbwachs wurde im August 1944
von den Nationalsozialisten ins KZ Buchenwald deportiert und im Mai 1945 umgebracht.
8 Erll, 2005, S. 14f.
9 Vgl. A. Assmann, 2006, S. 26.
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3. Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungskulturen
Darüber hinaus hat Halbwachs auch die zweite Eigenschaft menschlicher Erinnerung und menschlichen Gedächtnisses erkannt. Nämlich der innerhalb von Kulturgemeinschaften stattfindende Bezug auf Vergangenes mittels schriftlicher Kommunikation, Medien und Institutionen zum Zweck der Gegenwartsdeutung. 10 Bekanntlich haben Jan und Aleida Assmann Ende der 1980’er Jahre den Begriff >kulturelles Gedächtnis< eingeführt, der zusammengefasst die durch kulturelle Speicherungstechniken von Generation zu Generation übertragenen, identitätsrelevanten Wissensbestände bezeichnet. 11 Damit erweiterten sie die Theorie des kollektiven Gedächtnisses um die kulturelle Ebene, die von Halbwachs nur andeutungsweise beschrieben wurde. Aleida Assmann unterteilt das kollektive Gedächtnis entsprechend in die drei interdependenten Ebenen neuronal, sozial und kulturell. 12 Durch die Verwendung des Konzepts kollektives Gedächtnis außerhalb der unmittelbaren Ebene der sozialen Bezugsrahmen, auf der abstrakten Ebene moderne Gesellschaft und Kultur, wird seine Verfasstheit extrem vielschichtig und sein Inhalt undefinierbar in Größe und Zusammensetzung. Die Formen des Vergangenheitsbezug sind
dementsprechend plural, komplex und den kulturellen Gegebenheiten und Zeitumständen unterworfen. Deshalb wurde immer wieder die Frage aufgeworfen wie die Begriffe Gedächtnis und Erinnerung sinnvoll auf den Metaebenen Kultur und Gesellschaft angewendet werden können. Kann eine Kultur oder eine Gesellschaft ein Gedächtnis besitzen und sich erinnern? Zunächst müsste man diese Frage verneinen, denn nur konkret handelnde Personen (=neuronal-organische Speicher) können kulturelle Wissensbestände abrufen und in Umlauf bringen. Die neuere Forschung definiert das kulturelle Gedächtnis deshalb als eine diskursive Formation innerhalb von Gesellschaften und legt ihr Hauptaugenmerk auf die sogenannten Erinnerungskulturen, verstanden als kulturelle Formen von Aufzeichnungs-, Speicherungs-und
Übertragungstechnologien. Die Erinnerung wird von der Kulturwissenschaft nun als Abruf und Neukonstitution von Wissen über die Vergangenheit definiert. 13 Die Formen gesellschaftlicher Erinnerung unterscheiden sich natürlicherweise von
10 Vgl. Erll, 2005, S. 15.
11 Vgl. A. Assmann, 2006, S. 52ff.
12 Vgl. ebenda, S. 33.
13 Erll, 2005, S. 35.
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Kulturraum zu Kulturraum. Aber es finden auch starke Wechselwirkungen zwischen den Kulturräumen und auch zwischen den konkreten national verfassten Gesellschaften und deren Erinnerungskulturen statt. Um die kulturellen Erinnerungsprozesse einer Gesellschaft beschreiben zu können, hat der »Giessener Sonderforschungsbereich 434 Erinnerungskulturen« ein Modell mit konkreten Unterscheidungskriterien entworfen 14 . Das Modell umfasst drei Ebenen. Erstens die Rahmenbedingungen des Erinnerns bestehend aus der >Gesellschaftsformation< (Typus der Gesellschaft in der Erinnert wird), ihrer >Wissensordnung<(die durch eine epochale Diskursformation geprägten sprachlichen Kategorien und elementaren Denkmuster, nach denen Wissen geordnet wird 15 ), ihrem >Zeitbewusstsein<(etwa das des Computer- und Internetzeitalters) und ihrer >Herausforderungslage<(Krisen von überkommenen Erklärungs- und Interpretationsmustern durch gesellschaftliche Umbrüche). Zweitens die Ausformung spezifischer Erinnerungskulturen durch
(konkurrierende) >Erinnerungsinteressen<, (umkämpfte) >Erinnerungshoheit<, >Erinnerungstechniken<(Hilfsmittel und Methoden wie Mnemotechnik,
Kommunikationsweisen, Medientechnologie) und >Erinnerungsgattungen< (Darstellungsformen von Vergangenheit wie Film, Theater, Roman, Historiographie). Drittens das konkrete Erinnerungsgeschehen und seine Inszenierung. Es wird bestimmt durch verschiedene Strategien in der >Erinnerungsarbeit<, von wissenschaftlich-diskursiv bis rein imaginativ-fiktiv und ist abhängig von der Frage ob erinnerte Vergangenheit individuelle Lebenserfahrung oder Erinnerungsraum jenseits der Erfahrungsschwelle ist 16 . Letzterer wird mit Hilfe der kollektiven Gedächtnisse und der kulturellen Erinnerung vermittelt. Anhand dieser Kriterien werde ich in dieser Arbeit die japanische Erinnerungskultur, speziell die Formen der Kriegserinnerung, untersuchen.
14 Das Giessener Modell hier wiedergegeben nach Erll, 2005, S. 34f.
15 Frei nach: Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften (Les
mots et les choses), Frankfurt a.M., 1971/2008.
16 Erll, S. 35.
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Formen der Erinnerungskultur - Die Bedeutung der Friedensmuseen in der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft
4. Geschichte und Erinnerungskultur
Vorher muss ich aber die hier skizzierte Theorie der Erinnerungskulturen und der kollektiven Gedächtnisse in ein Verhältnis zur Geschichtswissenschaft setzten, deren Ziel die objektive Dokumentation menschlicher Vergangenheit ist. Jörn Rüsen bezeichnet die >historische Erinnerung< als spezifische kulturelle Leistung. >Geschichte< sei die erinnernde Deutung der Vergangenheit, die als kulturelles Mittel, der Daseinsorientierung in der Gegenwart dient 17 . Sie sei zwar nicht die praktisch wirkungsvollste, aber unterscheide sich von allen anderen bewussten Arten historischer Erinnerungsarbeit dadurch, dass sie für ihre Erinnerungsleistungen besondere Ansprüche erhebt, eben diejenigen die mit dem Namen Wissenschaft bezeichnet werden. 18 Erll resümiert, die Geschichte sei ein modernespezifischer Bezug auf vergangenes Geschehen und das kollektive Gedächtnis sei ihm übergeordnet. Denn zu ihm zählten auch Religion, Mythos und Literatur. Der geschichtswissenschaftliche Bezug auf Vergangenheit finde also unter dem Dach einer umfassenden Erinnerungskultur statt. 19 Dementsprechend wird im Giessener Drei-Ebenen-Modell die Historiografie den Erinnerungsgattungen zugeordnet. Darüber hinaus ist zu beachten das Auswahl und Deutung geschichtlicher Ereignisse in der Historiographie sozial und kulturell bedingt sind, wie die Anhänger des historischen Relativismus betonen. 20 Das heißt die Erinnerungsinteressen sozialer Gruppen, die zurzeit hegemoniale Erinnerungskultur einer Gesellschaft, oder die politische Gesellschaftsformation wirken prägend auf die historische Erinnerung. Das Objektivitätspostulat des Historismus, weswegen Halbwachs noch Geschichte und Gedächtnis strikt unterschied, besteht zwar weiterhin als Ideal, aber die Konstrukthaftigkeit, Perspektivität und Standortgebundenheit der Historiografie werden heute selbstverständlich im akademischen Diskurs berücksichtigt. 21 In der neueren Forschung wird die Historiographie so auch als Medium kollektiven Erinnerns begriffen und die Geschichtswissenschaft wird als machtvolle Institution in Prozessen der gesellschaftlichen Aushandlung von Vergangenheitsversionen
17 Jörn Rüsen: Theoretische Zugänge zum interkulturellen Vergleich historischen Denkens, in: Jörn Rüsen
u.a.(Hg.): Die Vielfalt der Kulturen. Erinnerung, Geschichte, Identität 4, Frankfurt a.M. 1998, S. 44.
18 Jörn Rüsen: Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewusstseins, sich in der Zeit
zurecht zu finden, Köln u.a. 1994, S. 30f.
19 Erll, 2005, S. 45.
20 Vgl. ebenda, S. 44.
21 Vgl. ebenda, S. 25.
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Formen der Erinnerungskultur - Die Bedeutung der Friedensmuseen in der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft
eingestuft. 22 Die historische Erinnerungsarbeit als wissenschaftlich-diskursiver Bezug auf Vergangenheit hat sich mit der globalen Verbreitung der westlichen Wissenschaft in allen modernen Gesellschaften institutionell verankert. Besonders die Schulerziehung, sowie Museen und Gedenkstätten in modernen Nationalstaaten greifen weltweit auf die historische Wissenschaft zurück, um mit ihren Erinnerungsinteressen allgemeine Akzeptanz zu erlangen. Auffallend ist die Dominanz des westlichen historischen Denkens in der Geschichtswissenschaft, auch in nicht-westlichen Ländern. Ausgangspunkt dafür waren die nach westlichem Vorbild durchgeführten Modernisierungen. Daher ist die westlich-modern geprägte historische Wissenschaft auch in der japanischen Erinnerungslandschaft eine wichtige Einflussgröße. Aber durch sie kann auch der Blick auf andersartige Traditionen und Entwicklungen der Erinnerungskulturen im nicht-westlichen Kulturbereich verstellt werden, obwohl gerade diese Andersartigkeit untersucht werden soll. 23
III. Die japanische Kriegserinnerung - Ein Überblick
1. Kriegserinnerung und Erinnerungskultur
Wenn es im Folgenden um die Erinnerung an Krieg und Kriegsverbrechen geht, so geschieht dies im Einklang mit der Theorie der kollektiven Gedächtnisse, wonach die aus dem menschlichen Gedächtnis konstruierte Vergangenheitsversion stets fragment- und bruchstückhaft ist. Sie wird beeinflusst durch die Erwartungshaltung des Zuhörers und ist ein Produkt der gegenwärtigen soziokulturellen Zeitumstände und der politischen Gesellschaftsformation. Außerdem spielen besonders bei der Kriegserinnerung, die psychologischen Kategorien Trauma und Schuld eine große Rolle. Diese bringen bestimmte Entschuldungs- und Entlastungsstrategien hervor. Daher steht die narrativ übermittelte Kriegserinnerung der Zeitzeugen, teilweise im Widerspruch mit der narrativen Konstruktion des Kriegsgeschehens durch die
Geschichtswissenschaft. Andererseits sind die Aussagen von Zeitzeugen mittlerweile als wichtige Quelle der sozialgeschichtlichen Disziplin Oral-History etabliert worden. In Verbindung mit den wissenschaftlichen Methoden der Geschichte und Soziologie, stellen Zeitzeugeninterviews ein unverzichtbares
22 ebenda, S. 46.
23 Vgl. Rüsen, 1998, S. 39.
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Formen der Erinnerungskultur - Die Bedeutung der Friedensmuseen in der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft
Instrument dar, um die Vergangenheit jenseits der Erfahrungsschwelle glaubwürdig und erfahrbar an die Nachkriegsgenerationen zu vermitteln. Erst in Verbindung mit den subjektiven Erzählungen vom Kriegserlebnis durch die Zeitzeugen, wird die von der historischen Wissenschaft aus den schriftlichen Zeugnissen konstruierte Kriegsvergangenheit lebendig. Da ich dieser Arbeit die japanische Kriegserinnerung thematisiere, ist es sinnvoll Begriffkategorien zu verwenden, die dieser speziellen Herausforderungslage gerecht werden. Benutzt wurden diese Begriffe bereits von Aleida Assmann um die deutsche Erinnerungslandschaft zu beschreiben 24 , genauso gut lassen sie sich aber auf die japanische Situation anwenden.
2. Siegererinnerung und Verlierererinnerung
Die beiden am naheliegendsten Kategorien der Kriegserinnerung heißen >Sieger< und >Verlierer<. Innerhalb der sich seit dem 19. Jahrhundert ausbreitenden Nationalstaaten nahm die Erinnerung an Siege und Niederlagen eine bedeutende Stellung ein. Das offizielle Erinnerungsinteresse bestand darin, solche Bezugspunkte in der Geschichte hervorzuheben, die das positive Selbstbild zu stärken halfen und im Einklang mit den nationalen Handlungszielen standen. Daher spricht Aleida Assmann vom selektiv-perspektivischen Charakter des Nationalgedächtnis. Denn aus seinem Inhalt werden Erinnerungen, die nicht ins heroische Selbstbild passen, verbannt. 25 Natürlicherweise war die Inszenierung der Erinnerung an nationale Siege durch Gedenktafeln, Museumsausstellungen, Gedenkstatuen etc. die übliche Praxis der Kriegserinnerung früher Nationalstaaten. Wie aber bereits der Vordenker der Nationalismustheorie Ernest Renan 1882 betonte, kann die Erinnerung an erlittene Niederlagen und an das damit verbundene Leid ein weitaus stärkeren Kitt nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl bilden. 26 Dort wo eine Nation ihre Identität (oder ein Teil ihrer Identität) auf ein Opferbewusstsein gründet, werden Niederlagen mit großem Pathos und zeremonialem Aufwand erinnert, so Assmann 27 . Die Inszenierungsweisen der Erinnerung an nationale Niederlagen sind komplex und vielschichtig. Vor allem das Gedenken der Kriegsgefallenen
24 Vgl. A. Assmann, 2006, S.64ff.
25 Vgl. A. Assmann, 2006, S.64.
26 Vgl. ebdenda, S.65.
27 ebenda
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spielt eine kritische Rolle nach verlorenen Kriegen. In Japan und Deutschland hat nach der Kriegsniederlage 1945 mit Hilfe der Besatzungspolitik eine ideologische Neuorientierung stattgefunden. Die Einsicht das der Krieg durch verfehlte Politik zustande gekommen war, auf Grundlage verfehlter Zielsetzungen geführt wurde und die Art und Weise der Kriegsführung moralisch nicht zu rechtfertigen war, setzte sich nach und nach in den Bevölkerungen durch. Entsprechend werden die Kriegsgefallenen von ihren überlebenden Angehörigen und Kameraden auch als Opfer des ultranationalistischen bzw. faschistischen Systems erinnert und damit verbindet sich oft ein pazifistischer Appell an die jüngeren Generationen. Das Zeitzeugeninterview oder im japanische Fall auch die publizierte Eigengeschichte (Jibunshi) 28 , sowie natürlich das Gespräch mit der jüngeren Generation und Antikriegsausstellungen sind die Erinnerungsmedien bzw.techniken die diesem Erinnerungsinteresse gerecht werden.
3. Religiöse und heroische Opfererinnerung
Das kollektive Gedenken der Kriegsgefallenen in Japan hat aber auch eine bis heute bedeutsame religiöse Komponente. Im Vorkriegsjapan wurde der dörflichfamiliär organisierte Ahnenkult mit einem nationalen Ahnenkult für die Kriegsgefallenen verbunden. Dies geschah mit Hilfe der Familienstaatsideologie. Durch sie wurde die familiäre, genealogische Einheit aller Japaner propagiert. Symbolisiert wurde diese genealogische Einheit durch den mythischen 2000jährigen Familienstamm des Tennôs. Die zentralen Orte des nationalen Ahnenkults sind der Yasukuni-Schrein in Tôkyô und seine über Japan verteilten Ableger, die Gôkoku-Schreine. Der religiöse Ahnenkult spiegelt eine Volksreligiosität wieder, der ein spezielles Zeitverständnis zu Grunde liegt. Die Gegenwart wird aufgefasst als das Produkt der durch die Vorfahren in der Vergangenheit erbrachten Leistungen. Diese Leistungen verpflichten die Nachkommen zu Dank gegenüber den verstorbenen Vorfahren. Gleichzeitig wird verhindert die Handlungen der Vorfahren kritisch im historischen Kontext zu betrachten. Diese Denkweise schließt bei konsequenter Befolgung auch alle Toten vom Gedenken aus, die nicht unter die Kategorie gemeinsame Vorfahren
28 dazu weiter unten mehr
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fallen. 29 Ein weiterer Bestandteil dieses Ahnenkults ist der Glaube, dass die Geister der gewaltsam Umgekommenen durch religiöse Rituale besänftigt werden müssen. Geschieht dies nicht brächten sie Unheil für die Lebenden. Im Denkrahmen der Familienstaatsideologie bedeutet dies, das die Geister der Kriegsgefallenen Unheil für den Staat brächten, würden sie nicht vom ‚nationalen Vater’, dem Tennô besänftigt. Über diese Verwebung von Volksreligion mit nationaler Ideologie hinaus, wurde der Yasukuni-Schrein und die Gôkoku- Schreineim Vorkriegsjapan von Militär und Staat auch dazu genutzt den Tod für das Vaterland zu glorifizieren. Alle für den japanischen Staat gefallenen Soldaten werden dort bis heute, unterschiedslos als göttliche Heldenseelen verehrt, also unabhängig von ihren persönlichen Leistungen oder Verfehlungen. 30 Daher erklärt sich auch die Einschreinung der vom Tôkyô-Tribunal verurteilten Kriegsverbrecher und der oft unter Zwang rekrutierten Soldaten aus den Kolonien. Letztere waren zum Zeitpunkt ihres Todes Angehörige des japanischen Staates und sind ausdrücklich als solche dort eingeschreint. Generell sind der Schrein und das angegliederte Militärmuseum Yûshûkan 31 bis heute Orte an denen die Kriegserinnerung gemäß der Vorkriegsideologie betrieben wird und das Erinnerungsinteresse religiös-nationalistisch geprägt ist. Das die Agenda des ‚Großostasiatischen Kriegs’ die asiatischen Nachbarländer vom westlichen Imperialismus zu befreien, weitestgehend als Propaganda einzustufen ist und der Krieg ein einseitig von Japan ausgehender und japanische Interessen dienender Aggressions- und Invasionskrieg darstellte, sind historische Urteile die keine Aufnahme in die dortige Erinnerungsarbeit finden. Das in der japanischen Gesellschaft die religiös-nationalistische Kriegserinnerung nach wie vor eine wichtige Rolle spielen kann, ist zum großen Teil zurückzuführen auf die anhaltende politische Einflusskraft der japanischen Vereinigung der Kriegshinterbliebenen (Nippon Izokukai 32 ), die im direkten Kontakt mit dem Yasukuni-Schrein steht 33 . Bemerkenswerterweise hat die religiös-nationalistische Geschichtsauffassung und Erinnerungspolitik der Izokukai nicht von Beginn an
29 Shingo Shimada: Formen der Erinnerungsarbeit: Gedenken der Toten und Erinnerungsarbeit, in: Jörn
Rüsen u. a. (Hg.): Geschichtsdiskurs. Globale Konflikte, Erinnerungsarbeit und Neuorientierung seit 1945,
Frankfurt a.M. 1999, S. 39.
30 Näheres dazu findet sich bei Klaus Antoni: Der himmlische Herrscher und sein Staat, München 1991.
31 Vgl. Internetpräsenz: http://www.yasukuni.jp/~yusyukan/
日本遺族会 Internetpräsenz: http://www.nippon-izokukai.jp/ 32
33 Vgl. Kunichika Yagyû: Der Yasukunischrein im Japan der Nachkriegszeit, in: Christoph Cornelißen u.
a.(Hg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945, Frankfurt a.M. 2003, S. 246.
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bestanden. 1947 entstand als Vorläufer der Izokukai die »Wohlfahrtsliga der Kriegshinterbliebenen« und in ihren Gründungsstatuten standen als Ziele »die Verhinderung von Krieg, die Schaffung von ewigem Weltfrieden und das Beitragen zur Wohlfahrt für alle Menschen« 34 . Aber 1953 wurde der Name in Nippon Izokukai umgeändert und der erinnerungspolitische Slogan lautete nun »Verehrung der Seelen der Kriegsgefallenen«, ganz im Einklang mit dem nationalen Ahnenkult der Vorkriegszeit. Dazu passt dass der verurteilte Kriegsverbrecher und ehemalige Finanzminister des Tôjô-Kabinetts Okinori Kaya(1889~1977) 1962 den Vorsitz der Izokukai übernahm und diesen bis zu seinem Tode 1977 innehatte. Und der 1996 zum Ministerpräsidenten gewählte LDP-Politiker Hashimoto Ryutarô (1937-2006), war gleichzeitig auch ein langjähriger Präsident der Izokukai. Er war auch beteiligt an dem 1993 von der LDP gegründeten »Studienkomitee über die Geschichte«, das Ergebnis dieses Komitees lautete: »Erstens, Japan hat im Zweiten Weltkrieg einen Krieg geführt um Asien vom europäischen Kolonialismus zu befreien. Zweitens, Japan hat keine Kriegsverbrechen begangen, Nanking Massaker und die
Zwangsprostitution sind alles Erfindung. Viertens, Japan hat im Zweiten Weltkrieg keinen Aggressionskrieg geführt«. 35 Als Hashimoto dann Ministerpräsident war, startete er einen Frontalangriff auf die Ausstellungen zum japanischen Aggressionskrieg in öffentlichen Friedensmuseen. Der von Hashimoto 1996 bei den lokalen Behörden in Auftrag gegebene »Untersuchungsbericht zu den Kriegsmuseen Japans« war der Startschuss für nationalistische Attacken auf ‚unpatriotische’ Museen die Japans
Aggressionskrieg kritisch ausgestellt hatten. Diese Attacken wurden zumeist mit den in Japan allseits bekannten schwarzen Lautsprecherbussen ausgeführt. 36 Dies führte zur Abänderung einiger Ausstellungen, entweder durch Eingreifen von LDP-Politikern, oder durch die rechte Drohkulisse. Im »Okinawa Prefecture Peace Memorial Museum« war ersteres der Fall 37 . Dazu mehr im dritten Kapitel. Die Izokukai stellt eine der wichtigsten Interessenvertreter der LPJ in der Gegenwart dar und hatte besonders in Hashimoto einen mächtigen Verbündeten.
34 Yamane Kazuyo: Peace Museums in Japan. The Controversial Exhibitions on Japan’s Aggression at
Peace Museums and Citizens’ Efforts for Peace and Reconciliation, unveröffentlichte Doktorarbeit,
Bradfort 2006, S. 16.
35 Yamane, S. 151.
36 Ebdenda, S. 153.
37 Vgl. Julia Yonetani: On the battlefield of Mabuni: Struggles over peace and the past in contemporary
Okinawa, in: East Asian History, Canberra 2000, S. 159f
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Diese politische Konstellation begünstigte seit den 1990’er Jahren die Erinnerungsinteressen der rechts-konservativ orientierten Gesellschaftskräfte um die Izokukai und gab ihrer Sicht auf den Krieg Legitimation von offizieller Seite. 38 Gekrönt wurden ihre erinnerungspolitischen Bemühungen, mit den mehrmaligen offiziellen Besuchen des Yasukuni-Schreins durch den populären LPJ Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi am 15. August, dem Tag des Kriegsendes. 39 Die dadurch ausgelösten schwerwiegenden politischen Verwicklungen mit den asiatischen Nachbarländern, sind massenmedial und akademisch umfangreich dokumentiert und sollen daher hier nicht näher erläutert werden. Allerdings wird der gegenwärtige Machtverlust der LPD, voraussichtlich die politische Position des Izokukai schwächen und die politischen Erinnerungsinteressen werden sich allmählich wandeln im Sinne einer ostasiatischen Annäherung.
4. Traumatische Opfererinnerung
Im Unterschied zur >heroischen Opfererinnerung<, die vor allem die im Kampf gefallenen Soldaten betrifft, kommt die >traumatische Opfererinnerung< zustande durch die Passivität der zu Tode gekommenen, die obwohl unbeteiligt, Opfer der Militärmaschinerie werden. Die Atombomben-Abwürfe auf Nagasaki und Hiroshima sind bis heute das zentrale >Leid-Motiv< in der nationalen Erinnerung Japans. 40 Die dort inszenierte Erinnerung gründet auf einem >traumatischem Opfergedächtnis<, in dem angesichts des unglaublichen Ausmaßes des Leids und der Zerstörung durch die Atombomben, zunächst kein Raum blieb auch die japanische Seite als Kriegstäter zu erinnern und es gleichzeitig politisch unmöglich war die amerikanische Seite als Kriegstäter zur adressieren. Daher lag der Fokus der Erinnerungsarbeit nicht auf der Frage wie es zu den Atombombenabwürfen kam und wer verantwortlich dafür ist, sondern Hiroshima und Nagasaki sollten als moralische Lehrstücke für eine umfassende Friedenserziehung dienen. Das japanische Leid durch die Atombomben, gab diesen Orten der Erinnerung die moralische Autorität, nukleare Kriegsführung zu
38 Vgl. Takeo Satô: Die Aufarbeitung des Kriegsthemas in den japanischen Museen und anderen
Kultureinrichtungen, in: Hans Martin Hinz (Hg.): Der Krieg und seine Museen, Frankfurt a.M. 1997, S.
150.
39 Nähere Informationen darüber finden sich bei John Nelson: Social Memory as Ritual Practice:
Commerorating Spirits of the Military Dead at Yasukuni Shinto Shrine, in: The Journal of Asian Studies 62
no. 2, New York 2003, S. 443-467.
40 Vgl. A. Assmann, 2006, S. 65.
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verurteilen und sich selbst als internationale Mahnmäler für den Frieden zu inszenieren. 41 Das japanische >Tätergedächtnis< wurde so bis in die 1980’er Jahre hinein vom >Opfergedächtnis< überlagert. Es interessant zu beobachten, wie trotz der international hegemonialen Erinnerung Japans als Kriegstäter, der innerjapanische Diskurs eine hegemoniale Selbsterinnerung als
Atombombenopfer hervorbrachte. Zur Ausblendung der japanischen Täterrolle gehörte auch, dass den koreanischen Atombombenopfern lange Zeit eine eigene Gedenkstätte im Hiroshima-Friedenspark verweigert wurde. Da Hiroshima eine Stadt mit umfassender Rüstungsproduktion war, arbeiteten dort zum Zeitpunkt der Abwürfe der Atombomben entsprechen viele koreanischen Zwangsarbeiter. 42 Mittlerweile hat sich aber auch in Hiroshima und Nagasaki die Erinnerungspolitik dahingehend verändert, dass die japanische Täterrolle im Krieg und der Kolonialzeit, sowie die nichtjapanischen Opfer der Atombombenabwürfe in der Erinnerungsarbeit berücksichtigt werden 43 . Dazu mehr im Kapitel über die japanischen Friedensmuseen. Was die Thematisierung der amerikanischen Täterrolle und die Frage nach der moralischen Verantwortung der USA angeht, wird durch die japanischen Erinnerungsmedien eine kritisch differenzierte Sichtweise transportiert. In den Friedengedächtnismuseen Hiroshimas und Nagasakis, wie auch in den meisten Geschichtslehrbüchern der Mittelschule, werden die Atombombenabwürfe mittlerweile als eine Folge des japanischen Militarismus und der Unfähigkeit der Regierung zur Kapitulation dargestellt, aber die Unverhältnismäßigkeit der Mittel wird deutlich kritisiert. Das immense Ausmaß des verursachten menschlichen Leids durch die Atombomben, sei egal welche Gründe für die Abwürfe herangezogen würden, moralisch nicht zu rechtfertigen. Zu dem werden in den Schulbüchern und Museen verschieden lautende historische Einschätzungen, ob die Abwürfe zur Beendigung des Krieges notwendig waren, nebeneinander gestellt und so die apologetische amerikanische Vergangenheitsversion in Frage gestellt, ohne sie direkt und offen zu kritisieren. 44
41 Florian Coulmas: Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte, München 2005, S. 30 und S. 110f.
42 Vgl. Coulmas, S. 25ff.
43 Vgl. ebenda, S. 30f.
44 Vgl. ebenda, S. 89ff. und Philip A. Seaton: War Menories. The ‚memory rifts’ in historical
consciousness of World War II, London 2007, S. 177f.
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Daniel Lachmann, 2009, Formen der Erinnerungskultur, München, GRIN Verlag GmbH
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